Unter Kopfjägern in Central-Celebes
Part 23
Eine letzte Anstrengung brachte uns von hier aus nach genau 4½ Stunden zum letzten und höchsten Gipfel des Takálla in rund 2000 m Höhe. Eine Märchenlandschaft umgab uns daselbst im Gewoge der bald verhüllenden, bald sich teilenden Höhennebel. Noch bizarrer erschienen durch diese Dunstschleier hindurch die wunderlich gestelzten Schraubenpalmen, deren kandelaberartig ausgebreitete Kronen sich im Nebelmeere badeten. Wie Christbaumschmuck hingen silbergraue Bartflechten vom Gezweig der Waldbäume herab, und die kleinblättrigen zartgrünen Ranken der in diesen Höhen gedeihenden Kletterpalmen wanden sich gleich festlichen Guirlanden um Baum und Strauch. Unhörbar schritt der Fuß über die schwellenden Moospolster hin. Es ist erklärlich, daß diese feierliche Umgebung auf die für Natureindrücke sehr empfänglichen Gemüter der Eingeborenen eine derart tiefe Wirkung ausübt, daß sie auf das Gipfelplateau des Takálla den Wohnsitz ihrer Götter und Dämonen verlegen. So fand ich nahe dem Gipfel eine kleine kreisrunde Lichtung, auf welcher die Vorüberkommenden den Dämonen zu opfern pflegen. Eine Menge kleiner, ungefähr 1 m hoher Holzstöckchen waren daselbst in den Boden gesteckt, in deren gespaltenen Spitzen je ein Priemchen Kautabak oder Sirih eingeklemmt war. Auch Eier sah ich als Opfergabe auf diese Art in den Stockspalten befestigt. Daneben steckten Stäbe mit Geisterfähnchen aus weißgrauer roher Fuja. Die Bewohner der Leboni-Hochebene wallfahrten zur Zeit der Reisfeldbestellung eigens hier herauf, um an diesem Orte den Göttern zu opfern und eine reiche Ernte zu erflehen. Bei der etwa ¼ Stunde in Anspruch nehmenden Wanderung über das Gipfelplateau wird von allen Eingeborenen ehrerbietiges Schweigen beobachtet. --
Unser Pfad führte in sanfter Neigung talwärts. Wir mochten durch den wunderschönen dicht verwachsenen Mooswald gegen eine Stunde niedergestiegen sein, als das Plätschern eines Bächleins vernehmbar wurde. Ein von den Höhen des Takálla kommendes kristallklares Wässerchen hat hier durch eine etwa 4 m hohe Kaskade im Waldboden ein rundes Bassin ausgehöhlt. Die Seltenheit des Vorkommens von Wasseradern im Hauptgebirge sowohl, als dessen Ursprung auf dem sagenumwobenen Takálla-Plateau haben auch diesem an und für sich anspruchslosen Bache zu einem geheimnisvollen Nimbus verholfen. Auch er bildet ein Glied in der Reihe der Takálla-Mysterien, deren erstes die Opfersteine bei Massarow-Mangura sind. Wer dort Sirih geopfert hat, später dem Hunde des Sultans Gras zum Fressen gab und hernach auf dem Gipfel zu den Dewáta betete, muß nun im Bassin von Tokúndji ein Bad nehmen. Für die von Leboni kommenden Wanderer ergibt sich die umgekehrte Reihenfolge.
In unmittelbarer Nähe dieses Wasserlaufes betraten wir einen dichten Laubwald und gleich darauf eine Lichtung, auf deren Wiesenfläche sich 2 Unterkunftshütten à la Massarow befanden. Der Rastplatz Tokúndji in 1700 m Höhe war damit erreicht. Nicht mehr lange dauerte es, bis sich meine Leute eingefunden hatten, und nun war es mit der Ruhe des Platzes einstweilen vorbei.
+Tokúndji -- Leboni+, den 24. Oktober.
Die Nacht war bitter kalt gewesen, und meine für derartige Ausnahmefälle ganz ungenügend ausgerüsteten Leute, zitterten vor Kälte. Jedermann beeilte sich, mit dem Abkochen fertig zu werden, seinen Pack aufzuladen und abzuziehen. Noch herrschte fahles Dämmerlicht, als sich bereits die ganze Kolonne auf dem Marsch befand. Das ungewisse Licht ließ den vor Nässe triefenden Wald recht unfreundlich erscheinen. Als aber die ersten Sonnenstrahlen durch die Nebel brachen und goldige Reflexe in dem Pflanzenlabyrinth hervorzauberten, änderte sich dies mit einem Schlage. Unser Weg führte über verschiedene Senkungen des hier Poanáa genannten Gebirgszuges hinweg. Das Gehen auf dem den Boden in dicken Lagen bedeckenden schlüpfrigen Fallaub und dem weitverzweigten nassen Wurzelwerk war recht mühsam. Eine sellerieartige aromatische Pflanze trat in Massen auf. Die anmutigen Blütentrauben des Celebes-Maiglöckchens stahlen sich hier und dort aus dem Buschwerk hervor. In den Waldungen des Poanáa sollen viele Anoas vorkommen, und die Eingeborenen scheuen sich, die Buschpfade allein zu begehen. Wirklich trafen wir öfter Spuren von Gemsbüffeln an. Ein 2stündiger Marsch hatte uns in die 1000 m-Zone herniedergeführt, und der Urwald nahm wieder sein gewöhnliches Aussehen an. Ab und zu bemerkte ich hier Dammarfichten. Geschlossene Bestände der Agathis celebica, wie ich sie in Südost-Celebes kennengelernt hatte, kommen dagegen im Takálla-Gebirge nicht vor.
Von einer isolierten Kuppe aus genoß ich über die Kronen der Bäume hinweg einen ersten kurzen Ausblick auf die Landschaft Leboni. Ich empfand ein tieffreudiges Gefühl beim Erblicken der weiten, sonnigen Hochebene des durch mächtige Gebirgswälle vor der Außenwelt so wohlbehüteten Leboni.
Rasch mehrten sich nun die Anzeichen von der Nähe menschlicher Ansiedelungen. Der Weg wurde ausgetretener und breiter; der Hochwald ging allmählich in Busch über. Auf sonnigen Steigen ging es zur Ebene hinab. Etwas vor 10 Uhr erreichten wir den an einem Bache gelegenen Rastplatz Pekobusánga II, der ohne Aufenthalt passiert wurde. Nahe dabei gelangten wir zum Ufer des Salu Towóna, eines in tiefgewühltem Bette rasch dahinfließenden Gewässers. Bald wurde die erste Leboni-Behausung, eine einsame Feldhütte, angetroffen und besichtigt. Es war ein erfreulicher Anfang, und ich erwarb daselbst mehrere sehr hübsche Gegenstände, so vor allem buntfarbene, glimmerverzierte Sirih-Korbtaschen, wie sie in Leboni vielfach an Stelle der Sirihsäcke benutzt werden.
Stundenweit dehnte sich die leicht gewellte, stark mit konzentrischen Erdrissen durchsetzte Ebene mit ihren weiten Lalangflächen und sumpfigem Buschland. Hohe, flach auslaufende Waldgebirge umrandeten die bedeutende Talfläche, deren Hügel und Vorberge bereits großenteils mit Äckern bedeckt waren.
Das Hauptdorf der Hochebene, der Kampong Leboni, lag völlig versteckt in einer Mulde, und die Häuser desselben waren dem Blicke außerdem noch durch eine hohe, doppelte Bambusumwallung gänzlich entzogen. Erst ganz nahe herangekommen, bemerkte ich, daß das Ziel unmittelbar vor uns lag und die zweite Etappe meiner Durchquerung glücklich erreicht war.
Ich betrat Leboni zu guter Stunde. Man schickte sich an, ein Fest zu feiern, zu dem eine große Anzahl Menschen herbeigeströmt war. Welch ein Bild! Eine völlig neue Welt tat sich vor mir auf! Die Zeit schien in Leboni stehen geblieben zu sein, und vorübergerauschte Jahrhunderte dünkten mir in Tracht und Sitte der To-Leboni wiedererstanden. -- Das Reich der Fuja hatte sich mir erschlossen, und wohin ich auch blickte, überall sah ich Menschen in Rindengewandung, und zwar in einer Weise herausgeputzt, wie sie merkwürdiger und origineller in Malayasien sicherlich nirgends mehr zu finden ist. Ich staunte, war entzückt und konnte mich nicht satt sehen an dieser festlich geschmückten Menge.
Die Mädchen und Frauen prangten mit harzbemalten Gesichtern, deren schwarze Linien und Strichmuster bei besonders Gefallsüchtigen noch mit Stannioltupfen hervorgehoben waren. Auf den Scheiteln der weiblichen Blüten Lebonis thronten buntbemalte, kokette Kopfringe aus Bast. Ältere Semester trugen an Stelle derselben turbanartige Aufbauten von gewaltiger Höhe, deren Endschleifen am Rücken herabhingen. Die Gestalten der Frauen umhüllten weitbauschige, schleppende Krinolinröcke mit hinten aufgebundenen umfangreichen Duftbündeln aus aromatischen Gräsern und Wurzeln. Ihre Oberkörper steckten in Jacken, deren plumper Schnitt die schönsten Körperformen greulich entstellte. In den bis zu Talergröße ausgeweiteten Ohrlappen trugen die Schönen hölzerne, mit Stanniol beklebte Scheiben. Brustgehänge, aus dem Boden der Conusschnecke geschliffen, und dicke, schwere, aus Tridacnaschalen geschnitzte Armreifen vervollständigten die Festtoilette. Sämtliche Gewandungsstücke waren ausnahmslos aus dem »nunu« genannten, aus verschiedenartigen Baumrinden gewonnenen Rohstoffe in langwierigem Arbeitsprozesse hergestellt. Nichts dokumentiert die Jahrhunderte lange völlige Abgeschlossenheit der centralen Siedelungszonen von Celebes deutlicher, als die erstaunliche Tatsache, daß den Eingeborenen daselbst die Weberei etwas völlig Unbekanntes geblieben ist, während diese von der Küstenbevölkerung der Insel in meist hoher Vollendung allgemein betrieben wird.
Die Männer Lebonis waren in ihrer Tracht weniger konservativ geblieben und hatten sich von der ausschließlichen Benutzung der Fuja-Kleidung bereits etwas emanzipiert. Auf ihren Wanderungen über das Gebirge in die Nachbargebiete lernten sie die buginesische Kleidung kennen, die nun leider mehr und mehr Eingang bei ihnen findet. Hierzu gehört vor allem die buginesische »tjelana«, das einer Schwimmhose gleichende kurze Beinkleid. Es hat die ursprüngliche, aus Fuja bestehende, »tjdako« genannte Schambinde nahezu vollkommen verdrängt. Auch an die Stelle der früher ausschließlich gebräuchlichen Lenden- und Schultertücher aus Fuja sind gegenwärtig schon vielfach Sarongs und Jacken aus importierten Baumwollstoffen getreten. Ziemlich allgemein getragen werden nur noch Fuja-Haupttücher, und zwar in einer nach Färbung und Bemusterung erstaunlich reichen Mannigfaltigkeit. Als ursprünglichster Annex der Ausrüstung eines Leboniers sei noch der von der überwiegenden Mehrheit beibehaltenen »bolápi«, der Sitzmatten oder Sitzfelle, gedacht. Erstere sind vielfach mit Harz schwarz bemalt und mit Glimmer verziert, letztere aus Anoa-, Büffel- oder Ziegenfellen gefertigt und haben eine ovale oder oblonge Form.
Um wieder auf das Fest zurückzukommen: wir überraschten also die mit ihren Vorbereitungen beschäftigten Dorfbewohner mit unserer völlig unbemerkt gebliebenen Ankunft ebensosehr, als mich andererseits das unvermutete hochmalerische Getriebe im Dorfe in Erstaunen setzte. Doch war mein Staunen zweifellos freudigerer Natur als bei der Gegenpartei. Dies war auch nicht zu verwundern. Unsere lange Kolonne mir einem Europäer und dem Militär an der Spitze erregte bei der Bevölkerung naturgemäß Bestürzung und Furcht vor dem Ungewöhnlichen. Die Weiber schlüpften behend in die Hütten, und die Kinder flüchteten kreischend hinter ihnen her. In Gruppen standen die Männer scheu beiseite, und nur der Häuptling, ein hübscher, vielleicht 30jähriger Mann, kam schüchtern auf mich zu. Ich begrüßte ihn mit freundschaftlichem Händedruck, worauf er uns zu dem etwa 5 Minuten vom Dorfe gelegenen geräumigen Atapschuppen für die Mannschaften und Träger geleitete. Ein danebenstehendes winziges Bambushäuschen für vornehmere Besucher war von dem augenblicklich in Leboni amtierenden Kollekteur Pieters aus Masamba besetzt, dem ich einen Brief des A.-Residenten übergab. Er war ein sehr gefälliger junger Mann, der mir sofort sein Quartier überließ, um sich irgendwo im Dorfe neu einzulogieren. Von meinen Plänen in Kenntnis gesetzt, versprach er mir, sein Bestes zu deren Ausführung beizutragen. Den inzwischen ihrem Häuptling nachgekommenen Dorfältesten und fremden Kapálas verdolmetschte er das von mir Gehörte und las ihnen das von mir mitgeführte luwuresische Begleitschreiben des A.-Residenten von Paloppo vor. Der hierdurch erzielte Eindruck war anscheinend recht günstig, und die sorgenvollen Mienen des Häuptlings und seiner Gefährten hellten sich ersichtlich auf, als sie vernahmen, daß ich vom Dorfe nicht nur nichts begehrte, sondern demselben im Gegenteil durch meine beabsichtigten Ankäufe nur Nutzen bringen wollte. Durch den Kollekteur Pieters ließ ich jetzt den Häuptling bitten, den Beginn der Dorffestlichkeit nicht länger zu verzögern, und sprach den Wunsch aus, derselben beizuwohnen.
Während die Mannschaften sich im Quartier einrichteten, kehrte ich mit Pieters und den Häuptlingen ins Dorf zurück, wo die inzwischen etwas beruhigten Bewohner schon mit Ungeduld ihres Oberhauptes warteten. Wir verfügten uns in die Dusunga, welches Gebäude die Eigenschaften eines Gebets- oder Geisterhauses mit denen eines Versammlungs-, Rats- und Fremdenhauses vereinte. Eine eingehendere Würdigung desselben folgt später.
Die Kunde von meinen friedlichen Absichten hatte sich im Nu im Dorfe verbreitet, und als nun die schnell geschlagenen Wirbel der großen Dusunga-Trommel den Beginn des Festes verkündeten, strahlten die Augen aller vor Erwartung und Freude.
Man feierte das Mabogau- oder Regenfest, bei dem man von den Göttern das himmlische Naß erfleht, um mit dem Anpflanzen des Reises beginnen zu können. Auf einem freien Platze vor der Dusunga hatte man an eingerammten starken Pfählen die zwei Opferbüffel angepflockt. Man wählt hierzu in Leboni bei Festlichkeiten mit religiösem Hintergrunde stets weiße Büffel aus. Auch in diesem Falle waren die beiden Tiere, ein ausgewachsener und ein halb erwachsener Büffel, von fleckenlos weißer Hautfarbe. Lechzend vor Angst und Sonnenglut, umkreisten sie an ihren beweglichen Rotanghalsringen in ahnungsvoller Erwartung ihres jammervollen Schicksals ihre Marterpfähle.
In der Dusunga schritt man inzwischen zur feierlichen Ceremonie der Schärpenumgürtung. Im Hintergrunde des Geisterhauses, dicht vor dessen Heiligtum, den 2 Götterfiguren und dem Lebensbaume, hingen an Pfosten und verästelten Gestellen eine Menge prachtvoll gefärbter, breiter Fuja-Schärpen und Haupttücher. Auf die Trommelsignale versammelten sich alle Männer des Kampongs im Innern desselben. Ein etwas später auf einer anderen Trommel geschlagenes Zeichen galt den Frauen des Dorfes, welche sich darauf hin in langem, feierlichem Zuge zur Dusunga begaben. Alle erschienen im höchsten Staate, angetan mit lang nachschleppenden Fuja-Roben und enormen aufgebundenen Faux culs, die Jacken behängt mit Perlenschnüren, die Gesichter schauerlich schön mit schwarzen Strichen bemalt. An Stelle der üblichen Kopfreifen trugen sie bei dieser Gelegenheit Turban-Haupttücher. Ihrer Würde bewußt, stiegen sie mit gravitätischen Schritten zur Dusunga hinan, um die ihrer dort harrenden Männer mit den schon erwähnten, geweihten Festschärpen und Haupttüchern zu schmücken.
Derart aufgeputzt, verließen nun alle paarweise die Dusunga, um sich auf dem Platze vor derselben, dieser und den Opferbüffeln gegenüber, im Halbkreise aufzustellen. Der wichtigste Moment der Feier, das Töten der Büffel, war gekommen.
Im Galaschmucke, mit langen weißen Hosen und um die Stirn gewundener wallender Kopfschleife, trat der Häuptling, seinen kleinen 4jährigen Sohn an der Linken führend, mit entblößtem Schwert an den größeren Büffel heran. Ein sausender Hieb, und tief drang die gerade Schwertklinge in die Hinterflanke des angstvoll aufbrüllenden Tieres, eine klaffende Wunde zurücklassend, die im weißen Felle schrecklich anzusehen war. Einzeln traten nun die Männer nacheinander vor, um jeder dem gemarterten Vieh ebenfalls einen oder mehrere Schwerthiebe ad libitum zu versetzen. In Strömen floß das Blut. Endlich stürzte der gequälte Büffel vor Schmerz und Entsetzen halb betäubt zur Erde. Unter dem Beifallsjauchzen der Zuschauer hagelten auch auf das sich am Boden wälzende dumpf stöhnende Tier zahllose Hiebe hernieder, gleichviel wohin sie trafen. Von den Weibern hatten nur die Frauen des Häuptlings -- es waren ihrer zwei -- das Vorrecht, sich an dieser Abschlachtung beteiligen zu dürfen, eine Ehre, von welcher sie ausgiebigen Gebrauch zu machen wußten. Ein sogenannter Sauhieb hatte schließlich die Bauchhöhle des Büffels aufgerissen, so daß dessen Eingeweide hervorquollen. Wilden Bestien gleich, stürzten sich die unansehnlichen kleinen Dorfhunde auf das in höchster Todesnot mit allen Vieren krampfhaft um sich schlagende, verendende Tier, um sich an seinen Gedärmen herum zu beißen. Jungen Teufeln gleich sprangen halbwüchsige Kinder johlend um das Schlachtopfer herum. -- Es war zum Erbrechen und für mich höchste Zeit, den Schauplatz dieser gräßlich anzusehenden Vorgänge zu verlassen.
Als ich mich nach einer Weile aus wissenschaftlichem Interesse so weit bezwungen hatte, nochmals auf den »Festplatz« zurückzukehren, fand ich beide Büffel in formlose, blutige Massen zerhackt und verendet am Boden liegen. Befriedigt leckten sich die gesättigten Köter ihre blutigen Schnauzen, toll vor Vergnügen riß und zerrte die liebe Jugend an den Kadavern herum. Die Erwachsenen aber, Männer wie Weiber, hatten einen Kreis geschlossen, und wonnetrunken, mit blitzenden Augen umtanzten sie singend die entsetzlich aussehenden verstümmelten Opfertiere. Dabei bildeten die Männer die eine Hälfte der Kette, die Frauen die andere. Die mehr gesprochenen als gesungenen Texte bestanden in Anrufungen der Geister und bildeten den religiösen Teil des Mabogau. Der Tanz bestand in einem schrittweisen Vor- und Rückwärtsbewegen der Kette. -- Ich fühlte mich nach dem Erlebten zum Sterben elend und verließ eilends die Stätte, um mich in meine Behausung zurückzuziehen.
Als ich spät nachmittags abermals ins Dorf hinüberging, fand ich die beiden abgeschnittenen Köpfe der Büffel auf einem freistehenden Gerüst neben der Dusunga aufgestellt, wo man sie bis zur Beendigung des Festes beläßt. Dieses aber dauert bei allnächtlichem Marengo-Tanze im Geisterhause so lange, bis der erflehte Regenfall endlich eintritt. Alsdann werden auch die Büffelköpfe hereingeholt, um ohne Rücksicht auf ihren Zustand zur leckeren Speise zu dienen. Die Gehörne aber werden in der Dusunga als Opfergabe aufgehängt.
Die Kadaver hatte man nach beendetem Reigen sofort zerteilt. Die Frauen bekamen ihre Anteile in die Häuser gesandt; für die männlichen Festteilnehmer dagegen, und zwar nur die aktiv beteiligt gewesenen, wurde im Laufe des Nachmittags in der Dusunga ein großes Mahl ausgerichtet, zu dessen Beginn wiederum Trommelsignale einluden. Meine Blitzlichtaufnahme zeigt die Männer Lebonis beim Festschmause.
Ich hatte für heut genug und schloß mich frühzeitig in meinen 4 Pfählen ab. Um 9 Uhr wurden aufs neue die Lobo-Trommeln bearbeitet, und jodelnde gutturale ǘi-ǘi-Rufe, wie sie von den Männern während des Marengo-Tanzes ausgestoßen werden, kündeten mir den Fortgang der Festlichkeit. Ich fühlte mich jedoch zu abgespannt, um nochmals hinüberzugehen.
Gegen Mitternacht erwachte ich abermals von den weit vernehmbar durch die Nacht schallenden he, he, he,–ho, ho, ho, ǘi-Rufen und dem Aufstampfen beim Reigen. Die nächtliche Feier schien ihren Höhepunkt erreicht zu haben. Nun ließ es mir auch keine Ruhe mehr im Bette. Rasch war ich heraus, und durch die stockfinstere Nacht tappte ich den Pfad zum Dorfe hinüber, um das, wie ich vermeinte, zur Orgie ausgeartete Fest, sei es auch nur aus dem Verborgenen, anzusehen. Ungefährdet gelangte ich ins Dorf, fand daselbst aber zu meiner großen Überraschung alles im Finstern liegen. Hier in der Nähe fand ich die gedämpften Rundgesänge rhythmisch schön, mit einem Anklang von Schwermut. Nur das nach jeder Strophe einsetzende Jauchzen der Männer brachte einen Mißton in den sonst feierlichen Chor. Die Gesänge klangen aus der Dusunga heraus; aber auch diese lag völlig im Dunkeln. Die Sache wurde mir immer rätselhafter, und meine Wißbegierde verleitete mich nun zu dem gewagten Unternehmen, die Leute bei ihrem Treiben zu belauschen. Behutsam näherte ich mich dem Geisterhause und erstieg leise die Treppe. Durch die Fugen der schlecht schließenden Holztür hatte ich einen vollen Überblick über das Innere, und nie werde ich das fascinierende Bild vergessen können, das sich jetzt vor meinen Augen abspielte. Die Dusunga war gedrängt voll Menschen; das ganze Dorf, Männer und Frauen, darunter solche mit ihren Wickelkindern auf dem Rücken, schien darin versammelt zu sein. Der schwache rötliche Feuerschein glühender Holzscheite vermochte den großen Raum nur auf wenige Schritte im Umkreise aufzuhellen. In diesem unsicheren Lichtkreise auftauchend und verschwindend, bewegte sich alt und jung, Mann und Weib im feierlichen Tanzschritt vor den Götterbildern vorüber. Jedes Aufflackern der Feuer übergoß die Versammelten sekundenlang mit roter Glut, aus der sich die in dieser Beleuchtung wild aussehenden, schwarz bemalten Gesichter dämonisch heraushoben. Dazu kamen die langen, schleppenden Gewänder und grellfarbigen Schärpen der Weiber nebst den eigenartig gewundenen Haupttüchern der Männer, die auffällig von den dunkeln Gestalten abstachen. Indem die Tanzenden reihenweise aus dem Dunkeln in den Feuerschein traten und wieder in Nacht verschwanden, erschien das Ganze in hohem Grade mystisch. Doch war der Zweck der Versammlung ein durchaus harmloser. Man schritt im Reigen des Marengo, im Stunden und Stunden währenden immer gleichen Rhythmus und vergnügte sich in Wechselgesängen der den Tanz begleitenden traditionellen Epen. Der Hintermann legte dabei die linke Hand auf die Schulter seines Vordermannes. Beim Anschreiten wurde mit dem linken Fuße begonnen und nach jedem 5. Schritte mit dem rechten Fuße aufgestampft. Die nachfolgenden Weiber hielten einander, paarweise und zu dritt gehend, um die Hüfte gefaßt. Mitten in die Gesänge hinein ertönten dann die periodischen Soloeinlagen besonders enthusiasmierter Männer, deren hallendes ho, ho, ho,–hoi,–ǘi, ǘi mich hierher gelockt hatte. Mehrmals setzte der Gesang minutenlang aus, und dann lastete eine beängstigende Ruhe und Regungslosigkeit über der Gesellschaft.
Wie gebannt kauerte ich, in Schauen verloren, auf dem Treppenpodest, das Abenteuerliche meiner Situation ganz vergessend. Unerwartet sollte ich daran erinnert werden. Eines der Weiber aus dem Kreise der Tanzenden stieß plötzlich einen schrillen Angstruf aus, dem augenblicklich Totenstille folgte. Wie hypnotisiert, verharrten die in der Dusunga Anwesenden in der zufällig eingenommenen Pose. Ich war, ehrlich gestanden, ebenso erschrocken wie die Leute selbst und mir momentan nicht klar, was zu tun nun das rätlichste sei. Ein Aufflammen des Feuers hatte mich in meinem hellfarbenen Pijtjama einem zufällig nach dem Eingange blickenden Weibe verraten, das nun natürlich nicht an mich, sondern an eine übersinnliche Erscheinung gedacht und mit ihrem Alarmruf alle in Angst versetzt hatte. Endlich löste sich der Bann, und ein Mann aus der Reihe schritt zur Türe, um nachzusehen, was es gäbe. Nun hielt ich es doch für das beste, mich schleunigst zu erkennen zu geben. Rasch stieß ich die Verschlußbretter derselben zurück und betrat den Raum. Tiefes Schweigen empfing mich. Ich näherte mich dem etwas Malayisch radebrechenden Häuptling, den ich über die Ursache meines ungewöhnlichen Erscheinens zu beruhigen versuchte. Wortlos hörte er mich an. Gleich darauf zog ich mich, dem Häuptling und den Ältesten eine gute Nacht wünschend, zurück. Niemand folgte mir, und in der Dusunga war und blieb es still. Es war keine angenehme Empfindung, mit der ich den Rückzug antrat; gar zu leicht hätte mein Beginnen verhängnisvoll enden können. Dennoch bereue ich es nicht, dieses hochinteressante interne Schauspiel belauscht zu haben, dessen unmittelbare Eindrücke keinen Vergleich zulassen mit Schautänzen, wie sie von Eingeborenen vor Fremden sonst meist produziert werden.
+Leboni+, den 25. Oktober.