Unter Kopfjägern in Central-Celebes

Part 19

Chapter 193,349 wordsPublic domain

Kalámbi ist der bedeutendste Pásarplatz des Landes. Da hier von weit und breit alles zusammenströmt, so gewinnt man einen ziemlich vollständigen Überblick über das Produktionsgebiet ringsum. Nur auf diesem Markte werden Großtiere, wie Pferde und Büffel, aufgetrieben. Äußerst originell fand ich die schon erwähnte Gepflogenheit, die zum Verkaufe gestellten Ferkel und größeren Schweine mit einem am Tragbande hängenden Netze aus Grasgeflecht derart zu umstricken, daß das Tier völlig bewegungslos darin verharren muß. Auf diese Weise kann es bequem betastet und auf seinen Wert geprüft werden, und auch für den Transport ist es sehr praktisch: man brauchte sich nur das Tragband mit dem quiekend protestierenden Tiere gemächlich um die Achsel zu schlingen. An Getreide, Gemüse und Fruchtarten war alles zu bekommen, was das Land hervorbringt. Einer der wichtigsten Handelsartikel in Kalámbi war Salz. -- Sehr reich vertreten sah ich Flechtwaren, speziell Matten in bunter Mannigfaltigkeit, von der quadratmetergroßen Hüttenmatte an bis zur kaum handgroßen Tellermatte zum Bedecken der Speiseschüsseln. Groß war die Auswahl in Körben und Tragen aller Dimensionen und Formen, sowie in Mützen und Hüten für Mann und Weib. Einen großen Raum nahmen Holzarbeiten ein, wie Küchengeräte, Feuer- und Topfzangen, Kochlöffel, Schüsseln, Teller, Tröge, aus Bambusrohr hergestellte Kalk-, Tabak-, Zunderdosen u. a., mit den der Landschaft Rantepáo eigenen Verzierungsmustern. Nicht zu vergessen sind die verschiedenartigsten Erzeugnisse der Töpferei und Weberei, während die Eisenindustrie nur durch importierte Artikel vertreten war, wie Messer und Ackergeräte. Die diversen Abteilungen waren nach Gruppen gesondert; auch standen den Verkäufern mehrere große mit Wellblech gedeckte Hallen zur Verfügung, in denen eine beängstigende Hitze herrschte. Besetzt waren diese letzteren ausschließlich mit buginesischen und chinesischen Händlern, die Importartikel zum Verkaufe brachten. Viele der unter freiem Himmel ihre Waren feilbietenden Toradja-Weiber suchten sich gegen der Sonne heißes Werben dadurch zu schützen, daß sie ihre Basthüte auf Stangen gesteckt hatten und wie Sonnenschirme benutzten.

Ich hatte mich über eine Stunde in Kalámbi aufgehalten, und Herr Hauptmann K., sowie alle meine Leute waren längst in Rantepáo. Über eine kühn konstruierte Bambusbrücke folgte ich jetzt nach, und kurz vor 4 Uhr konnte auch ich es mir in dem gut eingerichteten Pasangrahan der Station bequem machen. Leider sollte die mir vergönnte Erholungspause nur von sehr kurzer Dauer sein. Herr Hauptmann K. hatte in Rantepáo schlimme Nachrichten aus Paloppo vorgefunden, worin er aus dienstlichen Gründen so rasch wie irgend angängig zur Rückkehr aufgefordert wurde. Unter diesen Umständen waren wir bedauerlicherweise gezwungen, die ursprünglich für den Rückweg in Aussicht genommene Route zu ändern. Es wurde beschlossen, von Rantepáo aus auf kürzestem Wege nach Kambútu und von dort, auf uns schon bekannten Pfaden über Salulimbung und das Balúbu-Gebirge, nach Paloppo zurückzukehren. Die Strecke Rantepáo -- Salulimbung, ein fast 12stündiger Weg, sollte dabei an einem Tage zurückgelegt und deshalb morgen mit dem frühesten aufgebrochen werden. Da galt kein Besinnen mehr, wollte ich von Rantepáo wenigstens noch die mir wichtigsten Aufnahmen erlangen. Trotz meiner Ermüdung raffte ich mich also nochmals auf, um vor allem den etwa ¾ Stunden entfernten Felsengräbern einen Besuch abzustatten. Mein Boy mußte mich dabei begleiten und zeigte sich über diese Extratour nicht gerade sonderlich erbaut. Einige Jungen aus Rantepáo dienten uns als Führer, und bei schon tief stehender Sonne, einer glücklicherweise gerade günstigen Beleuchtung für den Aufnahmeort, photographierte ich die Kultstätte (s. Taf. X). Erst in unmittelbarer Nähe derselben konnte ich bemerken, daß der die Liang bergende Gebirgsvorsprung gleich anderen Begräbnisfelsen eine Benteng darstellte. Die Wohnhäuser derselben lagen sehr gut versteckt und kaum bemerkbar auf dem Gipfelplateau des Berges.

Während des Rückweges nach Rantepáo hatte ich noch ein recht unangenehmes Abenteuer mit einem der halbwilden Wasserbüffel zu bestehen, von denen eine Herde in der sumpfigen Talniederung weidete. Aus irgend einer Ursache, vielleicht durch meine weiße Kleidung erregt, stürmte der Bulle der Herde ganz unvermutet auf mich ein, und nur ein gewagter Sprung rettete mich vor dem Gespießtwerden durch das wütende Tier, das nun von meinen Begleitern mit Steinwürfen zurückgetrieben wurde. Da zuweilen Eingeborene, ja selbst die eigenen Besitzer von diesen unberechenbaren, tückischen Tieren zu Tode getrampelt werden, wird man es begreiflich finden, daß ich seit dieser Attacke einen durch spätere Vorfälle ähnlicher Art noch vertieften, höllischen Respekt vor diesen Biestern habe.

Glücklich wiederum im Pasangrahan angelangt, fand ich daselbst soeben eingetroffene Abgesandte des Taróngkong von Makále vor, der treulich Wort gehalten und mir die versprochenen Modelle einer Leichenbahre (sarígan) mit dem dazu gehörigen Tau-Tau nach Rantepáo nachgesandt hatte. Ein seidener Sarong und eine Uhrkette bildeten meine Gegengaben.

Nun endlich glaubte auch ich, mich der wohlverdienten Ruhe erfreuen zu dürfen; aber wieder sollte ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben. Puang Marámba, der Fürst von Rantepáo, erwies uns mit Gefolge die Ehre seiner Aufwartung. Da mußte Herr Hauptmann K. helfend einspringen, damit ich wenigstens das mir eben aufgetragene Souper in Gestalt eines gebratenen Hühnchens, mit einiger Ruhe verzehren konnte. In liebenswürdiger Weise übernahm er die Pflichten des Wirtes, und als ich mich nach kurzer Weile zu ihm gesellte, hieß es, den hohen Gästen wieder einmal alle Tauschobjekte auskramen. Puang Marámba war ein untersetzter Herr von recht pfiffigem Aussehen. In der Tat sollte er ein sehr gewiegter und reicher Produktenhändler sein. Kostümiert wirkte er ähnlich wie sein Kollege von Makále. Auch seine Staatsjacke schmückten mehrere Reihen sternförmiger Messingnägel, von denen der auf seiner Brust prangende Oranje-Orden seltsam abstach. Ich hatte ihm erlaubt, sich eines der gezeigten Schmuckstücke als Andenken auszusuchen; aber die Wahl wurde ihm schwer. Immer und immer wieder wanderten die vorgezeigten Ketten und Armbänder von einer Hand in die andere, und ich wünschte die ganze Gesellschaft sehnsüchtig -- zu ihren Penaten zurück. Erst zu später Stunde wurde der Wunsch Erfüllung. Mit der erkorenen Uhrkette und dem unaufgefordert gegebenen Versprechen, morgen vor unserem Abmarsche nochmals zu kommen, um mir ein Gegengeschenk zu überreichen, verabschiedete sich der Besuch, und wir waren -- endlich allein!

Zu müde zum Auskleiden, fiel ich so, wie ich war, auf das Bett, unbekümmert um die greuliche Unordnung in allen geöffneten und durchwühlten Koffern. Meine Seele weilte schon im Traumlande, als ich im Halbschlafe gellende Rufe durch die Nacht schallen hörte. Es waren Boten Marámbas, die Rantepáo durcheilten, um die für Tagesanbruch nötigen Kulis zusammenzuholen.

+Rantepáo -- Salulimbung+, den 8. Oktober.

Beim ersten Tagesgrauen war ich wieder an der Arbeit, Ordnung in das Gepäck-Chaos zu bringen. Um 6 Uhr marschierten unsere Soldaten im voraus ab, während Hauptmann K. und ich des angekündigten Morgenbesuches Puang Marámbas warteten, der gegen ½-7 Uhr auch wirklich erschien. Er ließ mir vorweg durch einen Mann seiner Begleitung eine feierlich vorangetragene, aber leider gewöhnliche Lanze, sowie ein Stück Büffelleder als Geschenk überreichen, von dem er behauptete, daß es ein Schild sei. Ich war ihm dankbar für seinen guten Willen, bat ihn aber, statt dessen sich von mir photographieren zu lassen. Auf Basis dieses Vorschlags einigten wir uns denn auch (s. Abbildg. 163). Nach Verabschiedung von dem Fürsten verließen wir den Pasangrahan und Rantepáo viel früher, als dies in unserer ursprünglichen Absicht gelegen hatte.

In aller Kürze sei hier noch das Wenige, was ich über Rantepáo zu sagen vermag, mitgeteilt. Im allgemeinen ist es eine ziemlich getreue Kopie der Station Makále, in vielleicht doppeltem Maßstabe. Hier wie dort fungierte ein Hauptmann gleichzeitig als Verwaltungsbeamter. Der Herr »Civielgezaghebber« von Rantepáo war zur Zeit unserer Ankunft abwesend. Das ständig daselbst garnisonierende Militär-Detachement war bedeutend stärker als das von Makále, die Militärstation auch räumlich viel ausgedehnter und sehr hübsch angelegt. Nicht wenig trug die ungleich romantischere Lage zur Schönheit des Ortes bei. Da Rantepáo Handelscentrum ist, hat sich hier auch bereits eine Anzahl fremder Händler niedergelassen, die gut ausgestattete Kaufläden unterhalten, und von denen speziell die Buginesen zum Teil recht ansehnliche, schmucke Häuser bewohnen.

Die gesundheitlichen Verhältnisse sollen in dem 784 m hoch gelegenen Rantepáo-Tale nicht besonders gut sein, da über dem von Bergen eingeschlossenen Becken gewöhnlich eine brütende Hitze lagert und die unabsehbaren Reissümpfe das Auftreten der Malaria begünstigen.

Über die mir nur bis Kambútu neuen Wege, die wir auf dem Rückmarsche von Rantepáo aus zu begehen hatten, ist relativ wenig zu berichten. Fürs erste kamen wir durch stark bevölkerte, fruchtbare und gut kultivierte Landstriche. Allmählich verengten sich die Täler zwischen den sich nähernden Gebirgszügen und führten launenhaft gewunden dazwischen hin, bis wir am Ende des Baubúntu-Tales schließlich das Maróngka-Gebirge vor uns aufsteigen sahen. Unterwegs war mir nur eine epiphytische Pflanze aufgefallen, deren Gerank einzelne Bäume förmlich umspann, und deren süß duftende, weiße Blumenbündel denselben den Anblick von Blütenbäumen verliehen. Ein hier zu Lande recht seltenes Bild.

Neu war mir desgleichen die hier geübte absonderliche Methode des Fanges kleiner, die Reissümpfe bewohnender Aale. Splitternackte Jungen stapften, mit reusenähnlichen Geflechten (salánka) ausgerüstet, im Moraste herum und stießen die am Ende mit vorstehenden Dornen versehenen Körbe möglichst tief in den Schlamm. Nun fühlten sie, von oben durch den Korb hinablangend, mit den Händen im Boden herum, ob sich etwa Fische darin eingewühlt hatten, die dann leicht zu greifen waren.

Viel Ärger bereiteten mir die Rantepáo-Träger. Sie erwiesen sich als viel weichlicher und lässiger als die Gebirgs-Toradja, und da sie immer wieder zurückblieben, bedurfte es fortwährenden Antreibens, um sie nicht ganz aus dem Gesicht zu verlieren. Da mir das Militär und auch der demselben nachgeeilte Herr Hauptmann K. weit voraus waren, lag immerhin die Gefahr vor, daß einige der Kulis das Gepäck einfach im Stiche ließen und entwischten. Um dies zu verhindern, blieb ich stets in der Nähe der Leute, während mein Boy den Beschluß der lang auseinandergezogenen Reihe zu bilden hatte.

Gegen Mittag beim Kampong Káta im Baubúntu-Tale angelangt, begannen wir auf guter Straße mit dem Anstiege zum vorgelagerten, etwa 1200 m hohen Gunung-Konghang. An gewissen Wegebiegungen trug uns der schwache Luftzug einen entsetzlichen Geruch zu, so daß ich kaum Atem zu holen wagte. Wie mir meine Begleiter erzählten und ich mich später selbst überzeugte, rührte dieser Leichengeruch von einem abseits im buschigen Gelände auf einem Hügel errichteten Begräbnisplatze her, wo unter einem rings offenen Häuschen eine Leiche im hölzernen Sarge über der Erde beigesetzt war. Es sei dies die im Baubúntu-Tale übliche Bestattungsweise, wurde mir gesagt, da der Regierungsvertreter von Rantepáo das Aufbahren von Leichen in den Wohnhäusern, wie es dem alten Adat entspräche und in anderen Distrikten noch üblich ist, streng verboten hätte.

Auf dem Wege zur Gipfelhöhe des Konghang begegneten uns mehrfach Tal-Toradja mit schweren Brennholzlasten. So herrlich weit hat es die Bevölkerung also dank ihrer wahnsinnigen Waldverwüstung schon gebracht, daß sie aus beträchtlichen Entfernungen ihr Feuerholz heranholen müssen, und doch scheinen sie dadurch nicht klüger geworden zu sein; denn nach welcher Himmelsrichtung sich im Toradjalande der Blick auch wendet, stets verkünden irgendwo aufsteigende Rauchsäulen die Vernichtung auch der letzten kümmerlichen Waldreste. Als Grund, warum selbst abseits in Schluchten liegende Waldparzellen, welche dem Feldbau in keiner Weise hinderlich sind, ausgerottet werden, wurde mir angegeben, daß sich dahin die den Kulturen schädlichen Wildschweine zurückzögen, -- eine wenig stichhaltige Ausrede, da es in den entwaldeten Lalang-Wüsten mindestens ebensoviele Wildschweine gibt als in Waldgebieten.

Nach dem Erreichen der völlig kahlen Höhen des Maróngka-Gebirges zog sich der Fußpfad stundenlang an den Lehnen desselben hin. Wohl reichlich 700-800 m unter uns sahen wir den Salu Limbung heraufglänzen. Die grasreichen Steilgehänge mit ihrer narbigen Oberfläche erinnerten mich stark an Schweizer Almen, -- und die sparsam verteilten, kleinen Wohnhütten der hier lebenden Toradja-Familien vervollständigten dieses Bild.

Um die dritte Nachmittagsstunde betraten wir Kambútu zum zweiten Male. Auf dem mir schon bekanntem Wege ging es von hier aus hinab zum Salu Limbung, dessen heut lehmfarbenes, trübes Wasser auf schwere Regengüsse in seinem Oberlaufe schließen ließ. Um ½-6 Uhr kam ich als erster im Kampong Limbung an. Herr Hauptmann K., meines verzögerten Ausbleibens wegen schon besorgt geworden, war mir eine Strecke weit entgegengegangen. Ich erzählte ihm von den Schwierigkeiten, die mir die Rantepáo-Träger verursacht hatten, denen ich erst von Kambútu an vorausgeeilt war, und die es dennoch fertig brachten, um mehr als eine Stunde verspätet in Limbung einzutreffen.

Der letzte Abend unseres gemeinsamen Zusammenseins im Kamp wurde von uns beiden Europäern mit einer sorgsam aufgesparten Flasche Heidsick gebührend gefeiert.

+Salulimbung -- Paloppo+, den 9. Oktober.

Um 5 Uhr morgens marschierte Herr Hauptmann K. mit dem Militär ab, um so frühzeitig als möglich Paloppo zu erreichen. Ich hatte es nicht so eilig und ließ mir vor meinem Aufbruche erst noch den Dorfhäuptling rufen, um von demselben einige schon früher bei ihm bewunderte Schmucksachen zu erwerben. Um 7 Uhr sagte auch ich dem Orte Adieu und diesmal wohl für immer.

Ohne Aufenthalt legten wir die Strecke über das Gebirge bis zum jenseits gelegenen Salu Pengiu-Tale zurück. Hier lagerte eine kleine Gesellschaft von Toradja-Männern und -Frauen, die nach Paloppo zu Markte wollten, und die mir ein willkommenes Aufnahme-Objekt boten (s. Fig. 4). -- Nach kurzem Verweilen ging es weiter den Balúbu hinan. Anschließend folgte die Wanderung durch den herrlichen Urwald desselben, bis um die Mittagsstunde das Gebirge endgültig hinter uns lag und das liebliche Latúpa-Tal uns aufnahm. Bei fürchterlicher Hitze wurde die letzte Wegestrecke über die Ebene nach Paloppo zurückgelegt, und kurz nach zwei Uhr bezog ich, zwar stark übermüdet, sonst aber heil und gesund, wieder mein früheres Quartier im Pasangrahan der Luwuresidenz.

In einer verhältnismäßig kurzen Spanne Zeit hatte ich eine an Eindrücken und wissenschaftlichen Ergebnissen überaus reiche Rundreise durch die Toradja-Lande zurückgelegt und dabei die wichtigsten Punkte derselben kennen gelernt. Meine Sympathien für das immer lustige und sorglose Toradja-Völkchen hatten sich vertieft, und ich zähle die unter ihnen verlebten Tage zu den erinnerungsreichsten meiner Reisen in Central-Celebes.

Was die so häufig gehörte generelle Bezeichnung »Toradja« für alle Stämme der centralen Inselteile betrifft, so halte ich eine so verallgemeinernde Benennung für irreführend. Dieser Name gebührt einzig und allein den Stämmen, welche die im Osten von Luwu, im Süden von Boni und Enrekang, im Westen von Mándar und im Norden von Mamúdju und Róngkong umschlossenen Gebirge und Landstriche bewohnen.

Zum Schlusse dieses Reiseabschnittes ist es mir noch eine liebe Pflicht, der mir so überaus wertvollen Unterstützung meiner Forschungen und Sammeltätigkeit durch Herrn Hauptmann Knegtmans rühmlichst zu gedenken, dessen genaue Landes- und Sprachkenntnis mir von hohem Nutzen war.

III. Teil.

Durchquerung von Central-Celebes von Paloppo am Golf von Boni nach Posso an der Tomini-Bucht.

Von den Toradja-Landen nach Paloppo zurückgekehrt, hatte ich mehrere Tage mit dem Sichten und Verpacken der von dort mitgebrachten Sammlungen zu tun. Das Auftreiben von geeigneten Kisten konnte in dem betriebsamen Paloppo keine Schwierigkeiten machen, doch sei erwähnt, daß der p. t. Chinese storekeeper dafür Preise zu nehmen versteht, als handle es sich um Luxusmöbel. Glaubt man endlich nach langem Feilschen mit ihm handelseins zu sein, dann verlangt der gewissenhafte Zopfträger noch einen Extragulden für das Packstroh. -- Trotz vieler Scherereien waren die 8 große Kisten füllenden Sammlungen endlich glücklich auf dem Postdampfer untergebracht. Leider kamen 3 davon seinerzeit in Europa nicht an und waren auch trotz aller Bemühungen nicht wieder zu erlangen.

Doch zurück nach Paloppo! Bevor ich meine große Inlandreise antrat, wollte ich noch der Königin des Luwureiches einen Besuch abstatten. Dank der freundlichen Verwendung des A.-Residenten wurde mir die erbetene Audienz sofort bewilligt. --

In Begleitung des A.-Residenten sowie der beiden Garnisonoffiziere begaben wir uns um die 4. Nachmittagsstunde zur Astana (Palast), die den Mittelpunkt eines großen, freien Wiesenplanes einnimmt. Das Haus der Datu (Königin) ist das weitaus größte und stattlichste Gebäude in Paloppo. Von der Hausbedachung hingen an jedem Dachsparren frei in Ringen schaukelnde, bemalte holzgeschnitzte Ananasfrüchte herab, das Emblem der höchsten Adelskaste, bezw. der Königswürde. Schon beim Betreten des Platzes kam uns der Opu Patúnru, der Prinzgemahl, mit seinen Ministern, dem Opu Tomarilálang, dem Opu Baliránte und dem Pabitjára entgegen, um den A.-Residenten als Vertreter der Regierung feierlich zu empfangen. Die 4 Radjas trugen als Kopfbedeckung golddurchwirkte, aus Pferdehaar gewebte luwuresische Mützen. Über den langen bis zu den Knöcheln reichenden Hosen waren die starren Prunksarongs geschlungen, die von den darunter verborgen getragenen Krisen stark aufgebauscht erschienen. Während wir die zum Hause hinanführende überdachte Freitreppe erstiegen, wurde ein oben auf kleinem Vorraum aufgestellter, prachtvoller alter Bronzegong geschlagen, und im Innern des Hauses postierte Trommler bearbeiteten, auf dem Boden hockend, mit den flachen Händen Holztrommeln, denen sie rhythmische Geräusche entlockten. Oben am Eingange empfing uns die Datu. Hinter ihr stand ihre Tochter, die Andi Luwu, die nach luwuresischem Hofceremoniell den Oberkörper nur mit einem rosaroten Schleiertüll bedeckt hatte. Beide begrüßten uns mit Händedruck, worauf der Resident die Datu an der Hand in den großen Empfangsraum zu einer mit weißen Linnen gedeckten Tafel führte, an welcher wir alle uns niederließen.

We Kambo Daëng Risómpa, die Königin von Luwu, war eine stattliche, volle Dame von mittelgroßer Figur und auffallend heller Hautfarbe, welche auf Hindublut schließen läßt, dessen sich so ziemlich alle Fürstlichkeiten Malayasiens rühmen. Die Datu war mit Sarong und dunkelblauer Samtbluse bekleidet, und ein hoher holländischer Orden schmückte ihre Brust. Die nackten Füße steckten in goldgestickten Pantöffelchen. Außer der Königin nahmen nur noch der Prinzgemahl und die Prinzessin Andi Luwu am Tische Platz. Die beiden Damen hatten zu ihren Füßen große Prunkspucknäpfe vor sich stehen, deren sie sich fleißig bedienten. Auf dem mattenbelegten Boden hinter ihnen kauerte eine anmutige Gruppe junger Mädchen, alle im Tüllschleier-Dreß. Die Adats-Mitglieder -- entsprechend europäischen Minister-Chargen -- umstanden das untere Tischende. Den Hintergrund füllten müßige Zuschauer und die Trommler aus.

Der Empfangssaal nahm die ganze Breite des Hauses ein. Seine Wände bestanden aus hölzernem Rahmenwerk, dessen untere Hälfte mit feinem Bambusgeflecht ausgefüllt war. Von der Mitte der Längsseite ging eine Scheidewand durch das Haus, hinter welcher sich die Wohngemächer befanden. Dem holzgetäfelten Saale diente zum größten Teile das Sparrenwerk des Daches als Decke; nur der Platz über unserem Tische war mit weißem Stoffe überspannt.

Erst nachdem wir alle Platz genommen hatten, kam es zur eigentlichen Vorstellung. Dabei wurde jedes Wort durch einen Dolmetsch aus dem Malayischen ins Luwuresische übersetzt. Ich überreichte den 3 Fürstlichkeiten je ein Schmuckstück als Geschenk. Hierauf wurden Cigaretten herumgereicht, denen auch die Datu und die Prinzessin fleißig zusprachen. Die Stimmung wurde nun angeregter, und mit Interesse hörten die hohen Herrschaften von meinen Reisezielen. Schließlich benutzte ich die Gelegenheit und wagte die Bitte zu äußern, von der Königin und ihrem Hofstaate eine photographische Aufnahme vornehmen zu dürfen. Zu meiner Freude hatte ich damit Erfolg, und zwar wurde der Zeitpunkt dafür gleich auf den nächsten Tag festgesetzt. Viel schwieriger war es schon, die Erlaubnis zum Photographieren der Reichsinsignien zu erlangen, die sehr heilig gehalten werden und nur unter Beobachtung strenger Vorschriften zur Schau gelangen können. Infolge der dankenswerten Unterstützung durch den A.-Residenten wurden aber schließlich alle Bedenken überwunden, und wir erhoben uns zur Verabschiedung. Gong und Trommeln traten abermals in Tätigkeit, und die Datu geleitete uns unter demselben Ceremoniell wie beim Empfange wieder zum Ausgang.

Am andern Tage pünktlich zur selben Stunde fand ich mich in der Astana ein, um die interessanten Persönlichkeiten im Bilde festzuhalten. Da im Hause dazu kein genügend heller Raum war, so wurden ein Teppich und Stühle auf die Wiese herausgebracht, und ich arrangierte hier eine Gruppe, wie sie Tafel VI wiedergibt. Auch mehrere darauf folgende Einzelaufnahmen verliefen glatt. Nun aber sollten die Reichsinsignien an die Reihe kommen, und damit begannen die Schwierigkeiten. Zunächst durften die Gegenstände nicht aus dem Hause gebracht werden, weil dazu die Anwesenheit von 4 speziell dafür vorgesehenen Mitgliedern des hohen Rates erforderlich gewesen wäre, von denen eines gegenwärtig verreist war. Wohl oder übel mußte ich mich also zu einer Innenaufnahme mit Blitzlicht entschließen. Nun verweigerte man wieder meinem Boy Rámang, der mir am Apparat Handreichungen leisten sollte, den Zutritt zur Astana, und es bedurfte langen Parlamentierens, ehe ich seine Zulassung erwirkte; doch mußte er sein Haupttuch ablegen. Endlich nahte der feierliche Augenblick des Hereinbringens der Reichskleinodien. Unter Gong- und Trommelschlägen trat aus einem Verschlage im Hintergrunde des Saales eine Prozession heraus, an deren Spitze die Ceremonienmeisterin, eine ehrwürdige Greisin, schritt. Hinter ihr wurden auf samtnem Kissen die hochheilig gehaltenen Insignien getragen, mit deren Besitz nach altem Adat Wohl und Wehe des Reiches auf das innigste verknüpft sein sollen. Über dem Kissen wurde ein Baldachin aus weißen Tüchern von 4 Personen getragen.

Die Kronschätze bestanden in der Hauptsache aus Waffen, -- Krisen, Schwertern und einer Lanze, -- die sich alle mehr durch genealogischen Wert, als durch kunstvolle Arbeit und Kostbarkeit des Materials auszeichneten. Wirklich hohen Wert dürfte unter allen Gegenständen nur eine daumenstarke, etwa 1½ m lange Kette aus reinem Celebesgolde besitzen. Unter den Waffen hat so ziemlich jedes Stück seine Legende.