Unter den Hohen Tauern: Ein Roman aus der Steiermark
Part 9
Ein großes Stück Roastbeef belohnte Eichkitz für seine Bemühung.
Hartlieb, Nonnosus und Gnugesser wurden eingeladen, am Tische der Damen zu speisen. Da es an Stühlen mangelte, wurde die Bank aus der Jägerstube herausgebracht.
Nonnosus sollte Bericht erstatten. Demütig bat er um Dispens. Für ihn ergriff Hartlieb das Wort und lobte die Selbstbezwingung des Theologen mit Wärme.
Die Fürstin dankte für diese Enthaltsamkeit und versprach dafür zu sorgen, daß Nonnosus morgen sicher zu Schuß kommen werde.
In einen Wettermantel gehüllt, von Hartlieb begleitet, unternahm Fürstin Sophie noch eine kleine Promenade. Es wurde ein Gamstrieb für den Vormittag angeordnet. Hartlieb machte zwar aufmerksam, daß in den Pyrgas-Revieren nie „getrieben“ worden sei, selten „gedrückt“; aber die Gebieterin bestand auf ihrem Willen. Sie schränkte den Befehl aber dann doch ein, indem sie dem Wunsche Ausdruck gab, es möge für Nonnosus „geriegelt“ werden. Eichkitz und der Forstwart sollen in die „Sauwiel“ steigen und von oben die Gams herabdrücken zu den von der Fürstin und von Nonnosus bezogenen Ständen. Je ein Gams genüge für die Schützen.
„Zu Befehl, Durchlaucht! Ich werde am frühesten Morgen die Stände herrichten! Gute Nacht, Durchlaucht, angenehme Ruhe!“
Nur flüchtig konnte Hartlieb noch einen Blick von Mustela, vom zierlich-hübschen Hoffräulein erhaschen. Ein funkelnder Blick wie von Marderlichtern im Dunkel der Nacht.
Die Damen zogen sich in den Anbau zurück. Die Kammerfrau flüsterte dem Oberförster die Frage zu, ob er wohl mit allem Nötigen versorgt sei oder besondere Wünsche hege. Kühlhöflich lehnte Hartlieb alles dankend ab. Und merkte gar nicht, wieviel Zärtlichkeit Hildegard in den Flüsterton gelegt hatte und wie heiß ihre Augen flammten.
Schwer enttäuscht huschte die Kammerfrau dann in den Damenanbau.
Alles „Männervolk“ nächtigte in der alten Hütte. Der Theologe durfte auf einer Holzbank liegen, eine Rücksichtnahme auf seinen Stand.
Der Morgen ließ sich trüb und nebelig an. Und sehr spät wurde es, bis die Fürstin erschien. Für das „Riegeln“ war alles vorbereitet. Eichkitz und Gnugesser saßen wohl schon oben in der „Sauwiel“ und froren im Nebel und warteten auf den Hebschuß, der als Zeichen des Jagdbeginnes vereinbart worden war. Aber dieser Schuß fiel nicht, da die Fürstin immer wieder Befehle zu erteilen hatte und von der Hütte nicht wegzubringen war. Hartlieb wartete geduldig zwar, doch auch ziemlich verdrossen. Und Nonnosus bebte vor Freude und Jagdlust.
Endlich war es so weit, daß zu den Ständen gegangen wurde. Nonnosus erhielt seinen Stand angewiesen und erkannte nun sofort, daß es sich um eine kleine Treibjagd handeln wird. Ängstlich flüsterte er dem Jagdleiter zu: „Verzeihung! Ich darf nur pirschen!“
Hartlieb konnte keine Antwort geben, es rief ihn die Fürstin zu sich.
Sehr einfach, doch recht praktisch war für den Theologen ein Sitz errichtet in der Weise, daß der Schütze den Anlauf in der Flanke bekommen muß. Unbehindert der Anschuß. Der Theologe mit dem Jägerblut kämpfte hart und schwer um einen Entschluß, denn mit aller Klarheit erinnerte er sich der Vorschriften, die dem Kleriker die _venatio clamorosa_, die lärmende Jagd, verbieten. Zur Pirsche war er eingeladen, heute aber eine Treibjagd befohlen. Was soll der Theologe nun tun? Sitzenbleiben und zuschauen, wie die Gams vorüberspringen werden? Oder schlankweg den Stand verlassen, gehorsam den Vorschriften? Und was wird die Fürstin sagen, die doch mit besonderer Rücksicht auf ihn diese Treibjagd angeordnet hat, auf daß er sicher zu Schuß komme?
In dieser Gewissensklemme stellte sich ein Beschwichtigungsgedanke ein: bezüglich der _venatio clamorosa_ ist ausdrücklich die Jagd mit Hunden verboten; auf Gams wird aber nie mit Hunden „geriegelt“; also kann der Kleriker sich an dieser Jagdart beteiligen.
Recht wohl befand sich Nonnosus bei dieser Beschwichtigung des Gewissens nicht. Er blieb auf dem Stand und rang sich zu dem Entschlusse durch, das Wild unbeschossen zu lassen und später auf eventuellen Vorhalt zu erklären, daß er wegen ungenügender Sicherheit im Ansprechen des Geschlechtes auf das Dampfmachen verzichtet habe. Eine Notlüge wird das sein, um den Vorschriften zu gehorchen und Rücksicht auf die Fürstin zu üben.
Der Hebschuß fiel, vom Oberförster abgefeuert, als die Fürstin endlich schußbereit war.
Eine Viertelstunde später machten Eichkitz und Gnugesser durch Einsteigen in die Wände das Krickelwild hoch. Das etwas schmale Terrain gestattete den flüchtenden und herunterstürmenden Gemsen nicht die hübsche Entfaltung der breiten Front in schnellster Vorwärtsbewegung.
Ein Schuß vom Stande der Fürstin löste sie in hastende Rudel auf.
Schon der Hebschuß hatte im Nu den so mühsam errungenen Entschluß des Theologen zum Verzicht umgestoßen. Die bebenden Finger schoben die Patronen in die Kugelläufe und zogen die Hähne auf. Und wie dann Diana sich gnädig zeigte und dem Schützen einen guten Anlauf gewährte, da siegte die Jagdleidenschaft über sämtliche kanonischen Vorschriften. Die Büchse flog an die Wange, das scharfe Jägerauge suchte unter dem anlaufenden Krickelwilde einen guten Bock aus, die „Fliege“ faßte Haar, zog mit, fuhr entsprechend vor, und alsbald schlug die Kugel. Stürzend quittierte der Gams den Schuß, der Bock rutschte, versuchte hochzukommen, doch rasch entwich die Lebenskraft.
Eine zweite Kugel warf eine auffallend starke Geltgeiß um. Schnell lud Nonnosus wieder. Das Gros im Trieb war vorüber. Doch ein Nachzügler kam gehumpelt, ein Bock mit seltsam verkrüppeltem linken Hinterlauf. Sichtlich sehr pressiert wegen der Annäherung der Treiber, aber infolge von Schmerzen im kranken Hinterlauf gehindert, das rettende Fluchttempo anzuschlagen. Aus Mitleid und Barmherzigkeit feuerte Nonnosus und fehlte. Die zweite Kugel warf den Bock um, doch stand er wieder auf und blieb dann mit gekrümmtem Rücken stehen.
Wieder schob Nonnosus Patronen ins Lager. Der Fangschuß ging zu hoch, erst die vierte Kugel beendete die Leiden des Kranken.
Der Trieb war zu Ende. Für Nonnosus begann jedoch die seelische Bedrängnis, da der Blick auf seine Strecke fiel. Zwei Böcke und eine starke Geltgeiß! Erlegt in einer Treibjagd. _Venatio clamorosa!_ Trotz aller Vorschriften! Schier schwarz ward es dem Theologen vor den Augen, da er an die Folgen dieses Vergehens dachte. Unselige Jagdleidenschaft...
Entblößten Hauptes, mit gesenktem Blick, erwartete Nonnosus die Fürstin, fest entschlossen, um sofortige Entlassung behufs Rückkehr in das Stift zu bitten.
Aber es kam anders. Schon auf eine Distanz von einem Dutzend Schritten rief die übelgelaunte Fürstin: „Was war denn das für eine Kanonade bei Ihnen? Wer wird denn so gamshungrig sein! Sie wissen doch, daß ich hegen will! Sie dezimieren mir ja mein Wild! Übermitteln Sie dem Herrn Abte beste Grüße!“
So viel verstand Nonnosus nun, daß er entlassen war, in vollster Ungnade entlassen, und daß er sich schleunigst zu verflüchtigen habe. Er stammelte etliche Dankesworte und trollte dann eiligst ab...
Verärgert klagte die Fürstin zu Hartlieb über Schießwut und Undankbarkeit.
„Halten zu Gnaden, Durchlaucht! Es ist mit echter Jagdpassion ein eigen Ding, die Selbstbezwingung ist sehr schwer, zuweilen ganz unmöglich! Es ist meine Schuld, daß der Theologe den guten Anlauf ausgenützt hat, denn ich hatte vergessen, dem Theologen mitzuteilen, daß Durchlaucht nur ein Gams bewilligt hatten! Der Abschuß des kranken Bockes mit dem verkrüppelten Hinterlauf ist unter allen Umständen weidmännisch korrekt zu nennen, dieser Abschuß war geboten und hätte auch gegen den Befehl erfolgen müssen!“
„Was? Nicht übel! Meine Befehle müssen stets beachtet werden!“
„Gewiß, Durchlaucht, beachtet! In jagdlichen Angelegenheiten ist der Vollzug hingegen auf die Möglichkeit beschränkt! Oberstes Gesetz ist stets die weidmännische Handlungsweise!“
„Ich bin sehr erstaunt, solche Äußerungen zu hören!“
„Halten zu Gnaden, Durchlaucht! Krankes Wild muß vom Personal oder von geladenen Gästen unbedingt abgeschossen werden; es ist heilige Pflicht, die Leiden zu beenden!“
Spitz erwiderte die Gebieterin: „Ja doch, selbstverständlich! -- Sie haben kürzlich wegen Schlägerung angefragt! Ich wünsche, daß die Schlägerung unterbleibt!“ Und nun fügte Fürstin Sophie genau die vom Jäger Eichkitz geäußerten Worte hinzu: „Wo sollen denn unsere Hirsche leben und gedeihen, wenn der Wald immer weniger wird!“
Trocken murmelte Hartlieb: „Zu Befehl, Durchlaucht!“
Am Abend dieses getrübten Jagdtages saß Martina von Gussitsch wieder in ihrer Stube der Villa im einsamen Halltale und kritzelte etliche Bemerkungen in das „Tagebuch“.
„Was die Diener bei Hof mit dem Ausdruck ‚Herhängen‘ meinen, weiß ich jetzt aus eigener Erfahrung. Wenig zu tun haben und doch wie ein Kettenhund angehängt sein! Für mich lautet es natürlich feiner: ‚zur Disposition stehen‘! War das ein ‚Vergnügen‘ auf der Pyrgas-Jagdhütte!! Nichts zu tun, nichts zu lesen, keine Gelegenheit zu irgendeiner Selbstbeschäftigung! Beschränkt die Räumlichkeiten aufs äußerste! Absonderung unmöglich! Dazu noch die untertänige und doch freche Zudringlichkeit der Kammerfrau Hildegard, die, wie mir scheint, es wagt, die Augen zu Hartlieb zu erheben! So eine Frechheit! Aber Hartlieb ignoriert sie! Auf der Hütte war es ein höheres Mopsen. Gegend ja allerdings imponierend, bei Nebel freilich weniger großartig! Und wie der Wind in der Felsenwelt gern und häufig umspringt, so auch die Meinungen, Ansichten usw. Launen der gnädigsten Gebieterin. -- -- Hui, wie schnell verflog doch das Jagdinteresse! -- Und wie schnell vollzog sich die Übersiedlung von der Pyrgas-Hütte herunter in die Villa! Mit nahezu nüchternem Magen, denn das Gabelfrühstück wurde abgesagt! Der ‚Strecke‘, den erlegten Gemsen, nicht ein Blick gegönnt! Ich verstehe -- leider -- vom Jagdbetrieb, vom Jagdwesen usw. nichts, aber so etwas wie eine Ahnung habe ich doch, daß ‚unser‘ Jagdbetrieb in seiner Unbeständigkeit nicht der richtige sein kann. Wetterwendisch, ohne Rücksicht auf weidmännische Sitte und Brauch! Mit dem Oberförster Jagdleiter Hartlieb und der Gebieterin muß es ‚etwas‘ gegeben haben, irgendeinen Verdruß; kein Wunder übrigens, wenn der Jagdleiter ob dieses Kuddelmuddels verdrossen ist. Auch über die Bevorzugung eines Jagdgehilfen über den Kopf des Oberbeamten hinweg. Der Eichkitz muß bei solcher Verhätschelung bald frech werden, wenn er es nicht schon ist. Ob sich Hartlieb diese Eingriffe in seine Kompetenz, die Ignorierung des Instanzenzuges auf Dauer gefallen lassen wird? Hartlieb in seinem Ernst sieht nicht darnach aus! Zu ernst, sehr verschlossen; aber männlich, korrekt, zweifellos ehrlich: ein richtiger Mann in des Wortes bester Bedeutung. Vielleicht durch den rauhen harten Dienst ein bisserl ‚eckig‘ geworden; sicher alles, nur kein Hofmann! Aber wie er ist, mir gefällt er sehr gut; die ‚Ecken‘ könnten abgeschliffen werden von sanfter Frauenhand... Ach du lieber Himmel! Wohin verirren sich die Gedanken?!! So ‚heiß‘ kann Liebe ja gar nicht sein, um lebenslang und besonders im Winter hier auszuhalten; ein solches Opfer kann es nicht geben! Das Diktum von der ‚alles besiegenden Liebe‘ gilt nicht für das Halltal, weil unmöglich! Übrigens bin ich nicht in Hartlieb verliebt! Nein! Er gefällt mir sehr gut; das ist alles und sicher nicht viel! _Ecco la verità!_“
Siebentes Kapitel
Pater Wilfrid, der „Hofpfarrer“ von Hall, hatte einen schlimmen Tag hinter sich, als er nach Admont zurückkehrte in nichts weniger denn rosiger Laune. Was für einen Krach hatte es beim Spielbüchlerbauern wegen der Verlegung des Requiem gegeben! Für den 30. August hatte dieser Bauer einen Trauergottesdienst zum Gedächtnisse eines Verwandten bestellt, und der Pfarrer hatte diesen Jahrtag notiert. Somit wäre diese Angelegenheit in Ordnung gewesen, wenn nicht auch die Fürstin von Schwarzenstein auf den gleichen Tag ein Requiem zum Gedächtnisse des seligen Gemahls bestellt hätte. Dieser Frau mußte doch, obwohl die Anmeldung verspätet einlief, der Vortritt eingeräumt werden. Von dem Grundsatze: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ wollte der Spielbüchler aber nicht abgehen, mit erschrecklicher Deutlichkeit hatte er sich dahin geäußert, daß er auf die Fürstin von Schwarzenstein -- huste, soweit die deutsche Zunge klinge. Eine niedliche Bescherung für den Haller Pfarrer! Aber als Diplomat wußte sich Pater Wilfrid doch zu helfen, indem er die heikle Angelegenheit auf ein Gebiet hinüberschob, wo der Spielbüchler empfindlich und zu treffen war: Wildschadenvergütung! Auf die Anspielung, daß der Mangel an Rücksicht die Fürstin veranlassen werde, künftig dem Spielbüchlerbauern gegenüber die Wildschadenvergütung nicht mehr mit Noblesse in gewünschter Höhe zu bewilligen, reagierte der Bauer doch und er erklärte, einen Tag warten zu wollen, wenn der Pfarrer garantiere, daß die Verschiebung des Requiems dem Verstorbenen nicht wehe tun werde. Diese Garantie konnte der Pfarrer geben mit gutem Gewissen. Nach dem Krach war also der Zweck doch erreicht worden.
Hingegen blitzte der gewandte, erfahrene und weltkundige Pater Wilfrid bei Amanda Gnugesser jämmerlich ab. Die Försterin gab ihm zwar die Zeitung zurück, aber sie weigerte sich mit erstaunlicher Entschiedenheit, die Agitation für die Vergütung der Arbeit der Ehefrau im Haushalte aufzugeben. Auf Grund des neuen Gesetzes müsse das hohe Ziel in jeder Familie erreicht werden. Und die Agitation sei auch bereits im besten Zuge, werde alsbald zu vollem Erfolge führen.
Vergebens hatte Pater Wilfrid aufmerksam gemacht, daß der Gesetzentwurf in der -- Schweiz, nicht hier im Lande geplant sei, also von einer gültigen Gesetzesbestimmung gar nicht gesprochen werden könne. Hartnäckig hielt Frau Amanda am segensreichen Prinzip dieser Frauenfrage fest, die Verbesserung der Rechtslage müsse errungen werden, und es sei ganz gleichgültig, von wem die Anregung zur Entlohnung der Frau im Ehestande ausgegangen sei. Tue der Staat nicht mit, wolle man diese hochwichtige Frauenfrage nicht im Wege eines Staatsgesetzes erledigen, so werde eben der Privatweg beschritten, der Kampf mit den Ehemännern in Hall von den Weibern ausgefochten werden. Die Männer müssen zahlen, egal, ob ihnen die Augen tropfen.
Pater Wilfrid verbot dann jedwede Agitation in seinem Pfarrsprengel.
Frau Amanda aber lachte ihn aus, verwies auf die Tatsache, daß die Haller Weiber bereits revolutioniert seien, und daß die Fürstin von Schwarzenstein auf Seite der Frauen stehe, mit der Entlohnungsbestrebung wärmstens sympathisiere.
Unter solchen Umständen konnte ein weiterer Disput mit dieser hitzigen Frau keinen Zweck mehr haben. Einstweilen mußte der Pfarrer den Rückzug antreten. Demnächst aber wird der Kampf aufgenommen werden, und zwar von der Kanzel aus.
Im Stifte suchte Wilfrid den Archivar Pater Leo auf, der gleich ihm Pfarrer des Nachbardorfes Weng ist, also ein spezielles Interesse für die Haller Frauenrevolution haben mußte. Pater Leo sprach denn auch offen die Befürchtung aus, daß die Funken und Flammen dieser Weiberrevolution nach Weng überspringen und überschlagen werden, und daß es kaum möglich sein werde, mit einer Predigt die rabiat gewordenen Frauen zu besänftigen.
„Ein anderes Mittel zur Bekämpfung der Revolution steht uns aber nicht zu Gebote!“ meinte Pater Wilfrid.
„Zunächst freilich nicht, uns wenigstens nicht! Du wirst gut tun, deine Fürstin zum Abrücken von der Haller Frauenrevolution zu veranlassen! Tut die Fürstin nimmer mit, so schwindet der Nimbus, die damischen Weiber werden stutzig, wahrscheinlich durch den Rückzug der Fürstin doch etwas eingeschüchtert werden! Wenn die Flammen nach Weng überschlagen, werde ich als Wenger Pfarrer alles aufbieten, um den Männern das Rückgrat zu steifen! Und das wird gelingen, denn wo die Bauern zahlen sollen, werden sie sehr rasch bockbeinig und schwerhörig. Gehe hin und tue desgleichen, viellieber Bruder im Herrn!“
„Ganz gut! Und wie soll ich meine Fürstin zum Abrücken veranlassen?“
„Ja, das weiß ich nicht, ich bin ja kein Hofmann! Bring ihr bei, daß die Beteiligung an der Frauenrevolution Kosten verursacht, daß die Fürstin blechen, die Löhne ihrer verheirateten Diener und Beamten aufbessern muß, wenn die von ihren Frauen geschröpften Diener und Beamten die Weiberarbeit im Haushalt entlohnen sollen! Vom Gehalt können die Ehemänner das ja nicht leisten! Hört die Fürstin, daß die Liebäugelei mit der Frauenbewegung sie schwer Geld kostet, dann, meine ich unmaßgeblich, wird die Frau mit aller Beschleunigung krebsen!“
„Der Rat ist gut und beachtenswert! Ein gerissenes Herrchen, der vielliebe Amtsbruder!“
„Ach wo! Minimale Lebensweisheit, daß Geld überall eine gewichtige Rolle spielt! Von Gerissenheit keine Spur! Und tausend Meilen entfernt vom klugen und gewandten -- Eisenbaron!“
Wilfrid lachte zu dieser harmlos gemeinten Stichelei auf seine adelige Abstammung. Und dann fragte er, ob Gäste im Stift angekommen seien, und was es sonst Neues _intra muros monasterii_ gebe.
„Nicht viel, das Wenige aber schön und erquickend!“ Und nun berichtete Pater Leo über den Stand der Jagdangelegenheit des Novizen Nonnosus, der dem Abte Vergehen, Beteiligung an einer Treibjagd, der dem Kleriker verbotenen _venatio clamorosa_, rückhaltlos eingestanden und demütig um Bestrafung gebeten habe.
„Na, was hat der _Summus Abbas_ verfügt?“ fragte in offensichtlicher Spannung Pater Wilfrid.
„Wie mir der Abt mitteilte, will er den Nonnosus der Heilsamkeit wegen einige Tage zappeln lassen, dann aber verzeihen und von jeder Bestrafung absehen. Wie der _Abbas_ den ‚Fall Nonnosus‘ auffaßt, liege ein direkt straffälliges Vergehen gegen die kanonische Vorschrift nicht vor; verboten sei die _venatio clamorosa_, den Ausdruck ‚Riegeljagd‘ wende der betreffende Paragraph nicht an, also habe der Grundsatz zu gelten: ‚Strafgesetze sind streng zu interpretieren, Analogien sind nicht zulässig, _in dubio pro reo_!‘ Der _Abbas_ erklärt, daß demnach die Erledigung der Sache in eigener Kompetenz zulässig, die Meldung an den Bischof nicht nötig sei! Die milde tolerante Behandlung werde eine viel bessere Wirkung bei Nonnosus erzielen denn eine harte Bestrafung! Und so glaubt der _Abbas_, daß der Novize im Laufe der Zeit seine Jagdleidenschaft überwinden werde! Wohlwollen und Liebe seien gute Heilmittel, sagte der _Abbas_, und mit feinem Lächeln fügte er bei: ‚_studeat plus amari quam timeri_‘!“
Freudig berührt, begeistert sprach Pater Wilfrid: „Ja, unser _Abbas_! Eine Perle! Gott erhalte ihn uns ungezählte Jahre!“
„Ganz meine Meinung! Und noch eine Neuigkeit haben wir im Hause! Die erquickende Milde des _Abbas_ hat dem anderen Novizen, Modestus, den Mut gegeben, sich dem Abte anzuvertrauen. Geständnis: Kein Beruf zum Priester und erst recht nicht für das Klosterleben! Will Medizin studieren!“
„Alle Wetter, so’ne Bescherung! Auf Stiftskosten studiert und jetzt ausspringen! Was hat denn der Abt gesagt?“
„Wunderschönes Diktum! _Summus Abbas_ sprach: ‚Wir können auch tüchtige, christlich denkende Ärzte brauchen, die das Ordenswesen aus eigener Erfahrung kennen!‘ Und der _Abbas_ will auch uns, _id est conventus_, angehen, nach Maßgabe der Stiftsverhältnisse eine Unterstützung zu bewilligen! Erquickende Toleranz, was?“
„Wahrhaftig erquickend! -- Nun aber Schluß! Ich bin rechtschaffen müde! Muß aber noch die Kampfpredigt endgültig zu Papier bringen!“
„Wünsche viel Vergnügen und gute Verrichtung _ad hoc_! _Salve!_“
Die Patres-Pfarrer trennten sich, und Wilfrid suchte seine Zelle auf und schrieb fleißig in die Nacht hinein mit gutem Erfolge...
*
Mit dichtem, langsam ziehendem Allerheiligen Nebel begann der Morgen des Augustsonntages. Kühl war es im einsamen Halltale, frostig in den Gemächern der Villa. Die Bewohner fröstelten wohl alle, bis auf die Köchin in der Küche, wo es wohlig warm war. Und auch Fürstin Sophie empfand die Morgenkühle in dem Moment nicht, da die Kammerfrau Hildegard auf silberner Platte einen soeben eingelaufenen Brief überreichte. Vor der Vertrauten gab sich die Fürstin nicht die Mühe, ihre Erregung zu verbergen; sie griff hastig nach dem Briefe und sprach: „Ich werde klingeln!“
Hildegard verschwand.
Gierig begann Sophie die zweite Epistel des Sohnes, aufgegeben in Dessau, zu lesen. Mit Überfliegen der Schilderung, die Emil von der hübschen, prächtig entwickelten Muldestadt gab.
„Denk Dir nur, liebste Mama: der Herzog führt Allerhöchst persönlich in seinem Theater die Regie, er ist der erste und letzte auf den Theaterproben, kümmert sich um Kostüme, Szenerie, Dekorationen, macht Dienst als Beleuchtungskontrolleur, prüft die Leistungen des Orchesters und Kapellmeisters, kontrolliert die Tempi, kurz er leitet alles selbst. Glaube aber ja nicht, liebste Mama, daß der Herzog bei dieser verblüffenden Tätigkeit etwa ein G’schaftlhuber ist. Er ist Fachmann durch und durch, seit vielen Jahren. Übrigens weiß ja die heutzutage sich für Kunst interessierende Welt, daß dieser Sproß des Hauses Askanien ein genialer Regisseur für Richard Wagner und die musikdramatische Kunst ist, ein Bahnbrecher, der die Edeltraditionen eines gesunden Originalstiles der deutschen Bühne mit produktivem Geiste lebendig in seiner Person verkörpert! Alle Welt weiß das seit vielen Jahren, nur ich habe es nicht gewußt! Zu Dessau an der Mulde, wo die Leute halb sächsisch und halb berlinisch sprechen, habe ich erkannt, daß ich von Wagnerscher Musik und Kunst jetzt halb soviel verstehe wie der Leibjäger Seiner Hoheit. Nu nadierlich, es muß doch der dienende Mensch in allernächster Umgebung des hohen Fachmannes von Kunst mehr verstehen als unsereiner, der doch nur wegen des Balletts ins Theater zu gehen pflegt!
Von wo der Herzog den vielen Spiritus bezogen hat, weiß ich nun auch, nämlich von München, wo er fleißig mit Verstand und ohne Bier Kunstgeschichte studiert und dem dortigen Theater das Beste der Wagner-Inszenierungen abgeguckt hat. Muß der Mann gute und geschulte Augen haben! Und ein enormes Gedächtnis, das ihm ermöglichte, alles auf sein Dessauer Theater zu übertragen! Münchens Errungenschaften im verkleinerten Maße in Dessau! Und hier ein sehr dankbares, vom Herzog gut für Kunst erzogenes Publikum!“
Fürstin Sophie hielt in der Lektüre inne und stöhnte: „Gott! Was er für Nichtigkeiten schreibt!“
Dann las sie weiter: „Bevorzugt wird hier die Oper, das Schauspiel, gut gepflegt, läuft nebenher! Für modernes Liebesleben in neuen Stücken interessiert sich der Herzog anscheinend nicht, ick ooch nich! Wenn es wahr ist, was ich hier gehört habe, übertrumpft Dessau das Münchner Theater insofern, als es an der Mulde kein Defizit gibt! Mit so an vierhundert braunen Lappen subventioniert der Herzog seine Bühne und tut dabei noch Dienst als Oberregisseur und Hofkapellmeister! Allen Respekt! -- In Gesprächen über Kunst habe ich mich aus triftigen Gründen auf das andächtige Zuhören beschränkt und vorsichtshalber keinen Ton von mir gegeben! Somit steht zu hoffen, daß der fürstliche Oberspiritual nicht gemerkt hat, was für ein -- Flußpferd in _puncto_ theatralische Kunst Prinz Emil von Schwarzenstein ist! Diese Ignoranz, auf deutsch: Dummheit, kann ich der lieben Mama schon eingestehen, weil Du meine Geistesbeschränktheit ja nicht auf den Stephansturm hängen wirst!“
Die Kammerfrau trat ein und meldete, daß der Wagen zur Kirchfahrt bereitstehe.
„Gleich, Hildegard! Nur noch fünf Minuten!“