Unter den Hohen Tauern: Ein Roman aus der Steiermark

Part 8

Chapter 83,498 wordsPublic domain

Vor dem Jagdschlößl im einsamen Halltale stand eines klaren Morgens ein schmächtiger, junger Mann in alter, verwetzter Steierertracht. Kalkigweiß die Wangen, seltsam tief, scharfblickend und flackernd die Augen. Bartlos, frisch rasiert die Wangen. Ein Mensch, weltfremd und dennoch welthungrig. Mit dem aszetischen Gesichtsausdruck schien der magere junge Mann gar nicht in die Tracht zu passen, die auf einen Bergstock gestützte Gestalt mit einem Kugelstutzen älteren Systems auf der linken Schulter sah wie Maskerade aus.

An scherzhafte Verkleidung, an Salontirolerei glaubte denn auch der Kammerdiener Norbert, als er diesen „Steierer“ erblickte und wegweisen wollte. Unmöglich konnte der junge, bleiche Mann ein Jagdgehilfe sein: die auffallend weißen Hände, die kalkige Gesichtsfarbe sprachen dagegen. „Sie, junger Mann, entfernen S’ Ihnen! Hier haben Sie nichts zu suchen!“ rief er patzig.

Gelassen erwiderte der junge Mann: „_Ave!_ Guten Morgen!“ Und unverändert blieb er in der Stellung.

Norbert riß es fast um. „Was haben Sie gesagt? _Ave?_ Wer sind wir denn?“

„Zu dienen! Ich heiße Nonnosus, bin Admonter Novize und von Durchlaucht hierher befohlen!“

„Nicht übel das! Ich weiß kein Wort! Unmöglich können Sie in dieser Maskerade vorgelassen werden! Und was ein angehender ‚Mönch‘ im Jagdschlößl zu tun hat, kann ich mir auch nicht denken!“

In hellstem Entzücken, in fanatischer Freude flammten die Augen des Novizen auf, leise röteten sich seine bleichen Wangen, da Nonnosus davon sprach, daß er von der Fürstin zur Jagd eingeladen sei, mit besonderer Erlaubnis des Abtes pirschen, etliche Tage auf einer Jagdhütte oben verbringen dürfe. „Seien Sie so gütig, Herr, und melden Sie der Fürstin, daß der ‚Novize mit dem Jägerblut‘ gekommen ist! Die Fürstin wird sich dann schon erinnern, daß sie mich eingeladen hat und daß sie mich mit hinaufnehmen will! Haben Sie die Güte!“

Norbert schüttelte den Kopf.

Elastisch und flink kam der fesche Jäger Eichkitz heran. Den sonderbaren „Steierer“ erblickend, spöttelte der schmucke Jägersmann: „Je! Was ist denn dös für ein Spatzenschrecker! Wo haben s’ denn diesen Popanz aus’lassen? Wohl eine Vogelscheuch’n für ein Erbsenfeld?“

Norbert schüttelte sich vor Lachen. Und Eichkitz lachte mit.

Ruhig sprach Nonnosus: „_Ave!_ Der Spott sei verziehen!“

Eichkitz grinste, hob verächtlich die Schultern und bat den Kammerdiener um Anmeldung. „Zum Bericht auf neun Uhr von der Duhrlauch befohlen, Herr Kammerdiener!“

„Das ist eine andere Wurscht! Befohlen, na gut! Wundert mich aber, weil so früh die Fürstin sonst niemand empfängt!“

Pfauenstolz meinte der schmucke Jäger: „Mich schon! Ausdrücklich auf Neuni befohlen, aufzuwarten!“

Norbert verschwand. Und alsbald kam er wieder, um zu melden, daß der Herr aus dem Stift warten möge, bis der Jäger Eichkitz Bericht erstattet habe.

„Danke, Herr! Ich werde geduldig warten!“ erwiderte Nonnosus in unveränderter Haltung, auf seinen Bergstock gestützt.

Eichkitz legte im Flur Büchsflinte und Bergstock ab; mit dem Hirschfänger an der Linken und mit dem Hütl in der Rechten stapfte er hinauf. Und im Zirbensalon wartete er. Ziemlich lange währte es, bis die Fürstin erschien.

Der unvermutete Anblick überraschte ihn; denn noch nie im Leben hatte er eine Dame im -- Jagdkleid gesehen.

Sophie trug eine dunkelgraue Bluse aus Rohseide, darüber eine kokette Lodenjacke, fußfrei kurz der grüne Lodenrock, Hosen von gleichem Stoff, zierliche, bis zu den Knöcheln reichende Lederschuhe, die notdürftig genagelt waren. Auf dem Kopfe saß ein dunkelgrüner Ausseer Hut, geschmückt mit hellgrünem Seidenband und einem Gamsbart. Für einige Sekunden verblüffte den Jäger Eichkitz diese Erscheinung, besonders die Plastik der üppigen Büste und die ungewohnte Kleidung. Doch rasch fand der junge Jäger und Weiberkenner heraus, daß dieses schneidige Kostüm und die grüne Farbe wohl für ein hübsches junges Mädel passe, keineswegs aber für eine Fünfzigerin. Mit vortrefflicher Selbstbeherrschung unterdrückte er den Lachkitzel, den diese Kleidung in ihm geweckt hatte. Eichkitz verbeugte sich und stammelte: „Gnädig Duhrlauch haben befohlen! Ich melde mich gehorsamst zur Stelle!“

Lächelnd musterte die Fürstin den bildhübschen Burschen und lobte sein pünktliches Erscheinen. „Ich möchte von Ihnen hören, ob wir wirklich zuviel Gelttiere in den Hirschrevieren haben! Viel zuviel Kahlwild angeblich!“

Die besondere Betonung des Wörtchens „angeblich“ fing der schlaue Bursche sofort auf, er war willens, sich ganz nach der Gebieterin zu richten und ihr zu Gefallen zu reden. Deshalb meinte er: „Ist nicht so gefährlich!“

„Wieso?“

„Wenn gnädig Duhrlauch Kahlwild und Geltstück nicht abschießen wollen, muß es auch nicht sein!“

„Also besteht kein gebieterischer Zwang?“

„Zu befehlen hat doch nur gnädig Duhrlauch! Das Verhältnis jagdbarer Hirsche zum Kahlwild soll sein wie 1 zu 5! Das langt, weil ja unsere Geweihten an Geweih und Leib eh stetig zurückgehen!“

„Weshalb denn?“

„In den Hochrevieren haben die Hirsche nicht die beste Äsung und für Blutauffrischung ist nichts geschehen! Im letzten Winter ist die Fütterung nicht überreichlich gewesen, weil ja die Pachtzeit ablief und ein Käufer nicht vorhanden gewesen ist! Wenn gnädig Duhrlauch jedem Hirsch mehr als fünf Stück gönnen wollen, hat es nicht viel auf sich! Ganz wie Sie wollen!“

„Der Gedanke, Kahlwild abschießen zu lassen, ist mir unangenehm!“

„Muß ja nicht sein! Schießen dafür gnädig Duhrlauch die jungen Spritzer und Schneiderhirscheln weg!“

„Sie meinen wohl auch, Eichkitz, daß man den Wald möglichst unberührt lassen soll, was?“

„Mit Vergunst! Ich bin nur Jaager, vom Forstwesen versteh ich nichts! Unsereiner heult um jeden Baum, der g’schlägert wird! Wie und wo soll denn unser Hirschwild gedeihen, wenn der Wald immer weniger wird?“

„Danke! Ihre Liebe zu Wild und Wald gefällt mir sehr gut! Ich hatte die Absicht, daß wir heute nachmittag zur Pyrgas-Hütte hinaufsteigen und im dortigen Revier auf Gemsen pirschen werden! Nun aber bestimme ich, da ja auch der Admonter Theologe bereits da ist, daß wir in einer Stunde aufbrechen! Die Förster sollen nachkommen! Apropos: Behandeln Sie den Admonter Theologen gut, er ist Sohn eines Jägers, hat Jägerblut in den Adern! Er darf pirschen, er soll mal die Wonnen des Weidmannslebens durchkosten, ich habe ihn eingeladen, er ist für einige Tage mein Jagdgast!“

„Zu Befehl! Hab ihn schon gesehen! So ein -- lieber, netter, armer Herr! Schad, daß er als Jaagerssohn Geistlicher werden muß! Wird ihn hart genug ankommen, die Bezwingung des Jaagerblutes! Befehlen Duhrlauch noch was?“

„Danke! Sie können gehen! Verständigen Sie rasch den Herrn Oberförster und kommen Sie alsbald zurück! Wir marschieren um zehn Uhr ab!“

„Zu Befehl! Küß d’Hand, gnädig Duhrlauch!“ Ein huldvoller Wink und ein Blick des Wohlgefallens. Eichkitz machte einen Kratzfuß und stelzte vorsichtig über das glatte Parkett.

Den erheblich gestiegenen Wert seiner Person ließ Eichkitz dem Kammerdiener in der patzig gesprochenen Mitteilung fühlen, daß in einer Stunde zur Pyrgas-Hütte aufgebrochen werde. „Unter meiner Führung! Veranlassen Sie wegen Proviant und Bagasch das Weitere! Wir marschieren Punkt zehn Uhr ab! Servus, Herr Norbert!“

Seinen Ohren nicht trauend, rief Norbert: „Wie? Was? Er ist wohl nicht bei Trost?! Und den arroganten Ton verbitt ich mir! Für Ihn, den Jagdgehilfen, bin ich der Herr Haushofmeister! Verstanden!“

„‚Giften‘ S’ Ihnen, wie Sie mögen, vorher aber vollziehen Sie den Befehl der Duhrlauch! Alles herrichten und auffitragen!“ Eichkitz ließ den Kammerdiener in heller Entrüstung stehen und begab sich hurtig zum Theologen vor dem Jagdschlößl, dem er mitteilte, daß die Fürstin ihn erwarte.

„Ich danke Ihnen herzlichst, Herr Oberjäger, für Ihre Güte!“

Die Titelerhöhung schmeichelte Eichkitz nicht wenig, gönnerhaft und herablassend meinte er: „Ist gern g’schehen! Springen S’ hinauf! Hohe Herrschaften darf man nicht warten lassen!“ Dann eilte der Jäger zum Forsthause, um den Befehl zu überbringen. Und im voraus freute er sich, wie die Förster Hartlieb und Gnugesser bei ihrer Rückkehr aus dem Dienst zum Mittag überrascht und verblüfft sein werden, daß die Fürstin unter Führung des Jägers Eichkitz bereits am Vormittag ins Revier gegangen ist. Den Befehl mußte Eichkitz schriftlich hinterlegen und in das Schlüsselloch der Haustüre stecken, denn das Forsthaus war wie ausgestorben, die Männer und auch Frau Forstwart Amanda waren abwesend.

Dann wanderte Eichkitz gemächlich zum Jagdschlößl, wo unter der Dienerschaft eine ameisenhafte Regsamkeit herrschte infolge des überraschenden Befehles zu verfrühtem Aufbruche.

Im Zirbensalon unterhielt sich Fürstin Sophie mit dem bleichen Theologen im schlotternden Steierergewand. Der junge Mann mit seinen tiefen, leidenschaftlich flammenden Augen, sein demütiges Wesen, sein Seelenkampf wie seine Zukunft, all das interessierte die Frau in besonderem Maße. Etwas ganz Neues im Einerlei der Bergeinsamkeit! Dazu der prickelnde Nervenreiz für das bevorstehende Experiment auf psychischem Gebiete: Wird des Novizen glühende Jagdleidenschaft durch die Jagdleidenschaft erst recht auflohen zu versengender Flamme oder infolge gesättigter Gier erlöschen?

Zunächst fesselte die Fürstin die Art, wie Nonnosus in Dankbarkeit des Abtes gedachte, der ihm das Studium ermöglichte und in vollendeter Vornehmheit seines hohen Amtes so ganz anders walte, denn sonst anderswo die Seminarvorsteher.

„Wieso denn?“ fragte die Fürstin.

„Durch Grundsätze und Anleitungen für die jungen Theologen! So dringt unser _Summus Abbas_ auf Selbstbildung und Selbstzucht! Wir müssen erst selber Pädagogen werden, meint der Abt, dann können wir auch andere bilden! Duckmäuser, Frömmler wünscht man im Stifte nicht!“

„Wie denkt man im Stifte wohl über die Beziehungen der Theologen zur Frauenwelt?“ Ein forschender Blick flog zum Novizen.

Ruhig erwiderte Nonnosus: „Wir haben Anstandskurse im Kloster behufs Beseitigung von Schüchternheit und Unbeholfenheit, Erzielung eines gesetzten und sicheren Auftretens! Noblesse im Verkehr mit Frauen wird gefordert! Entgegen dem anderswo üblichen Gebote, daß Kleriker Frauen kaum die Hand reichen dürfen, lehrt man uns im Stifte, daß Frauen auch Menschen seien, und daß Leute mit übertriebener Prüderie leicht und häufig in das Gegenteil umschlagen! Unser Abt verurteilt die totale Abschließung der Theologen von der Welt...!“

„Stimmt! Was denken Sie über den Hochmut?“

„Im Stifte lehrt man uns, daß der Priesterberuf ein hehres Amt, die Priesterwürde hochzuhalten sei; aber die jungen Priester sollen und dürfen sich nicht einbilden, infolge der Würde Menschen höherer Art oder gar unfehlbar zu sein! Aus solchen üblen Auffassungen erwachsen Hochmut und Unverträglichkeit!“

„Freuen Sie sich schon auf die Tage frohen Weidwerkes?“ Die Frage warf den Theologen im Nu aus dem seelischen Gleichgewichte; Nonnosus verlor die Herrschaft über sich, die Augen flackerten, das Blut schoß in die Wangen, tobte in den Schläfen und machte fast schwindelig. Begeisterung und Leidenschaft leuchtete aus den tiefen Augen, verklärte das bleiche, scharfgeschnittene Gesicht. Wie weggeweht war in diesem Moment der asketische Ausdruck.

„Sie dürfen, so Sie guten Anlauf haben, Gamsböcke schießen und von Hirschen, was Sie mit sicherem Schuß bekommen können! Weibliches Wild muß geschont bleiben!“

Wie verhaltenes Jauchzen klangen die Worte: „Vergelt’s Gott vieltausendmal für die große, große Freud!“

„Schon gut, junger Freund! Schnappen Sie nur nicht über!“ Und in jäher Erinnerung an ihren Sohn, der so gar kein Jagdinteresse besitzt, verstummte die Fürstin, und ihre Gesichtszüge verfinsterten sich. Schatten des Schmerzes lagen auf den leise zuckenden Lippen. Doch rasch überwand sie sich und rief nach der Kammerfrau, die beauftragt wurde, für ein Gabelfrühstück für den Theologen zu sorgen.

Hildegard nahm den schier taumelnden Nonnosus mit.

Eine Stunde später wurde der Marsch zur hochgelegenen Pyrgas-Hütte angetreten. Als Führer an der Spitze pfauenstolz, wie ein Triumphator der Jäger Eichkitz. In einem Abstand von etwa acht Schritten folgten die Fürstin und Martina von Gussitsch, die gleich der Gebieterin auch ein Jagdkleid trug. Mit dem Unterschiede, daß dem jungen zierlichen Fräulein diese einfache Kleidung entzückend stand. Hinterdrein stapfte Nonnosus etwas unsicher, des Steigens nicht mehr gewöhnt, vom Jagdfieber durchrüttelt, mit heißen, lodernden Augen.

Mürrisch folgte Herr Norbert mit dem leichten Kugelstutzen der Gebieterin und dem Wettermäntelchen.

Frau Hildegard trug ein kleines Köfferchen und war auffallend guter Laune. Die dralle Kammerfrau freute sich mächtig, auf der Pyrgas-Hütte den Oberförster Hartlieb zu treffen, den sie -- ohne sein Wissen -- in ihr Witibherz eingeschlossen hatte. Nicht mehr und nicht weniger als Frau Oberförster wollte Hildegard werden, den Namen Schoiswohl mit Hartlieb vertauschen, an der Seite des Jagdoberbeamten so glücklich als möglich werden. Einstweilen hieß es freilich vorsichtig und zu Hartlieb liebenswürdig sein... Drei Diener schleppten Decken, dickgefüllte Rucksäcke mit Konserven usw.

Den Beschluß der Karawane bildete ein von einem Pferde gezogenes Schlapfenwägelchen, geleitet vom höchst verdrossenen Leibkutscher, der ob dieser Dienstesdegradierung empört war. Wenn etwas sein umdüstertes Gemüt trösten und aufhellen konnte, war es der Umstand, daß die Kiste auf dem Wägelchen viele gute eßbare Sachen, Bier und Wein in vielen Flaschen enthielt. Auf Anordnung Norberts, der nie das leibliche Wohl bei derlei Expeditionen vergaß und mit längerem Aufenthalte zu rechnen pflegte nach dem bewährten Grundsatz: lieber zuviel mitnehmen als zuwenig. Demgemäß konnte die fürstliche Freßkiste gar nicht groß genug sein.

Ehrgeiz und allerlei Hoffnungen hatten den Führer Eichkitz veranlaßt, ein Eiltempo anzuschlagen, das auf Dauer wohl der geübte Hochgebirgsjäger einhalten konnte, selbst im steilen Aufstiege, nun und nimmer aber Damen. Absicht des Triumphators war es, die Fürstin möglichst schnell zur Pyrgas-Hütte zu bringen, früher, als die Förster erscheinen konnten, auf daß der Jäger als der einzige anwesende Fachmann vielleicht den Auftrag erhalten würde, die Gebieterin auf einer Gamspirsch zu begleiten. Jagdleiter sein für den ersten Gang, danach lechzte der ehrgeizige Bursche.

Wie Eichkitz aber den sehr groß gewordenen Abstand, die weit zurückgebliebenen Damen gewahrte, gab er das Eiltempo sofort auf und blieb wartend auf dem Steige stehen. Nicht eben entzückt von der nach seiner Meinung miserablen Steigerei der bereits puterrot im Gesichte gewordenen Fürstin, die sich der Jacke entledigt hatte und nur mühsam kraxelte. Flink und sicher stieg Fräulein von Gussitsch. Wie ein Gamserl! dachte Eichkitz, dem die hübsche Hofdame arg in die Augen stach. Ein Hoffräulein! Eine feine Abwechslung wäre das! Aber so hoch darf man die Augen nicht heben! Soviel Vernunft besaß der Jäger denn doch...

Von nun an hielt Eichkitz den kurzen Abstand ein und stieg langsam, drehte sich oft um, gleichsam in Erwartung, von der Gebieterin befragt und sonstwie angesprochen zu werden.

Doch Fürstin Sophie hatte mit Atemnot zu kämpfen und nicht die geringste Lust, sich in ein Gespräch einzulassen.

Ein Blick auf die Taschenuhr überzeugte Eichkitz, daß bei diesem Schneckentempo alle Pirsch- und Jagdleitungshoffnungen aufgegeben werden müßten.

Und als auf der Plechauer Alp eine längere Rast befohlen wurde, konnte Eichkitz leicht ausrechnen, daß in spätestens einer Stunde die Förster im Eilmarsch ankommen werden. Groß staunte die Sennerin ob der Tatsache, daß der Jäger Eichkitz die hohe Ehre genoß, Führer sein zu dürfen. Das war wenigstens ein Wonnetropfen: der Jäger imponierte jetzt der Sennerin, dem Wildkatzl!

Geraume Zeit benötigte die ermüdete Fürstin zur Erholung. Und vom Aufstieg zur hoch und steil gelegenen Pyrgas-Hütte wollte sie im Sonnenbrande vorerst gar nichts wissen. Norbert erhielt Auftrag, einen Imbiß und kalten Tee zu reichen.

Nicht einen Bissen konnte indes Fürstin Sophie genießen. Nur vom kalten Tee schluckte sie fleißig.

Nonnosus befand sich in einer Beziehung in ähnlicher Lage wie die Fürstin: er konnte den dankend angenommenen Happen Schinken nicht essen. Hatte überhaupt kein Bedürfnis, nur das übermächtige, brennende Verlangen, an Wild zu kommen. So nahe dem Gamsreviere, den wuchtigen „Haller Mauern“, von Höhenluft umweht, deuchte ihm jede vertrödelte Viertelstunde ein schrecklicher Zeitverlust.

Und nun ließ sich die wieder zu Atem gekommene Fürstin gar in ein leutseliges Gespräch mit der Sennerin ein, fragte um nahezu alles im Alpbetriebe und im Leben einer „Alpenjungfrau“, und zeigte für die nichtigsten Dinge reges Interesse.

Wie von Eichkitz berechnet und befürchtet, kam es: plötzlich tauchte die hagere Gestalt Hartliebs am Rande des Almbodens auf. Und wie er sich der Plechauer Hütte näherte, in deren Schatten die Karawane lagerte, schleppte schier zerfließend der Forstwart Gnugesser sein Bäuchlein über den grünen Rasen. In Strähnen flatternd der fuchsige Patriarchenbart. Bergmännlein schwitzend, wie Neuschnee in der Julisonne... Das große rote Taschentuch konnte das viele „Schmelzwasser“, so von Stirne, Wangen und Nacken rieselte, nicht mehr aufsaugen.

Trotz alledem: pünktlich war Benjamin doch heroben!

Die Förster meldeten sich bei der Fürstin und wurden belobt, so herzlich belobt, daß der in der Nähe stehende Jäger Eichkitz Essig im Munde zu haben glaubte. Und dieser Essig verwandelte sich in bitterste Galle, als der Befehl erteilt wurde: Alles voraus zur Pyrgas-Hütte! Hartlieb sollte den Theologen an die Gams bringen! Fräulein von Gussitsch und Norbert haben zu bleiben als Schutz für die Gebieterin! „Ich werde erst in der Abendkühle hinaufkommen!“ sprach die Fürstin.

Wieder einmal anders disponiert! Aber schließlich begreiflich. In der Nachmittagssonne steil im Gewänd aufsteigen, ist nicht jedermanns Sache. Und Damen sind keine berggewohnten Jagdgehilfen...

Auf dem abendlichen Pirschgange hatte Oberförster Hartlieb an dem ihm anvertrauten Theologen nur zwei Ermahnungen gerichtet: Auf den Wind achten und nicht übereilt und nicht zu weit schießen.

Nonnosus, vom Jagdfieber erfaßt, hatte nur nicken können, das Sprechen war ihm unmöglich geworden; wie zugeschnürt war ihm der Hals.

Beim Betreten einer Mulde gab Hartlieb das Zeichen zur Wahrung größter Vorsicht, indem er den Zeigefinger auf den Mund legte.

An der Buchtung der von Latschen bestandenen und von Grasbändern durchzogenen Mulde, etwa drei Büchsenschuß entfernt, ästen am Fuße einer Felswand vier Gams ohne Kitze. Ein kapitaler Bock war darunter, ein „alter Herr“ vermutlich, mißtrauisch, denn oft warf er auf und sicherte.

Ein Näherkommen war unmöglich, die Entfernung für einen sicheren Schuß viel zu weit. Unmöglich auch eine Erörterung des Jagdplanes und der durch Sonne und Wind kompliziert gewordenen Situation. Hartlieb hatte nicht geglaubt, daß an der Buchtung um diese Stunde gute Gams stehen werden, die Böcke weiter oben vermutet. Noch beschien die Sonne einen Teil der Hänge, die obere Felsmauer stand hell im scheidenden Licht, demgemäß mußte mit Sicherheit angenommen werden, daß der Wind aufwärts streichen wird. Aber der Zeit nach müssen bald die Abendschatten zu ziehen beginnen, der Wind muß umschlagen und von oben wieder herabstreichen. In diesem sehr bald zu gewärtigenden Umschlag lag die Komplikation, das Übersteigen der Gams war sehr erschwert, zwecklos im Moment, da der Wind wechselt und von oben herabzieht, dem Wilde die Menschenwitterung zuträgt.

Einen Moment stand Hartlieb wie angemauert; plötzlich ließ er sich geräuschlos nieder. Und wie vom Blitz getroffen sank hinter ihm der Novize lautlos zu Boden. Nonnosus hatte den sichernden Bock rechtzeitig eräugt, die schwere Gefahr einer Vergrämung augenblicklich erfaßt.

Ein Überlegen nun ohne jedes Verständigungsmittel. Und zuwenig Deckung. Die Schußdistanz zu weit. Und die Zeit drängte, für ein Übersteigen des kleinen Rudels war es nun schon zu spät.

Langsam und lautlos schob Hartlieb sich über das Geröll etwas vorwärts. Nonnosus kroch vorsichtig nach, die scharfen Augen auf den mißtrauischen Bock gerichtet, der sich mählich beruhigte und wieder zu äsen begann.

Auf etliche Manneslängen konnten die beiden sich vorwärtsschieben, bis zu einem Latschenschopf, der die letzte kleine Deckung bot. Darüber hinaus war das Gelände völlig offen.

Hartlieb lag still wie ein Holzklotz. Unbeweglich auch Nonnosus, obwohl die spitzen Steine sich in die Hände und Knie bohrten. Doch in heißer Erwartung, in glühender Jagdleidenschaft achtete der Theologe dieses körperlichen Schmerzes nicht, fühlte ihn kaum. Viel wichtiger war die Abschätzung der Distanz, die Selbstbezwingung, das Niederkämpfen des lockenden Gedankens, auf so große Entfernung zu schießen. Eine Seelenmarter wurde es, der psychische Kampf viel schwerer denn die Entsagung des Klerikers auf die Freuden der Welt. Unmöglich ein Wink, ein Wort des Rates vom erfahrenen Jagdleiter, der wie tot am Boden lag.

Sachte begannen die Abendschatten ihr wundersames Spiel im leisen Ziehen. Das Schußlicht minderte sich.

Der Bock verließ das Rudel, zog weg, verschwand zuweilen zwischen Felsen und Latschen. Aber er kam immer wieder an den Standort, um den Schützen zu peinigen. Und mehrmals stellte der Bock sich wannenbreit, lockend zum Schusse.

Nonnosus war am Ende seiner Willenskraft. Mit äußerster Mühe unterdrückte er ein Stöhnen, das der Seelenkampf, die aufs höchste gesteigerte Leidenschaft und die nun drängende Schießwut dem Gemarterten erpressen wollten.

Der regungslos liegende Jagdleiter staunte in Gedanken über das korrekte Verhalten seines Begleiters, über die Seelenstärke, die den mehr als gewagten, unweidmännischen Schuß nicht zuließ. Manchmal, für Augenblicke, erwartete Hartlieb aber doch, daß es knapp hinter ihm krachen werde, denn Nonnosus war ja nicht Fachmann, nicht gewöhnt an solchen „Anblick“.

Noch ein Moment größter Spannung: Nonnosus nahm den Stutzen an den Kopf und versuchte zu zielen.

Also doch! Sicher ein Fehlschuß bei schwindendem Licht! dachte Hartlieb und wünschte von Herzen, daß die Kugel am Kapitalen vorbeifliegen möge.

Aber der tapfere Theologe bezwang sich und schob den Stutzen von sich.

Der Kapitalbock verschwand hinter einem Felsen. Und das Rudel empfahl sich und zog gelassen weiter.

Die Dämmerung wob dunkle Schleier um die Stätte eines harten Seelenkampfes.

Der letzte Schimmer auf der Pyrgas-Spitze erlosch, als sich die Herren erhoben.

Hartlieb reichte dem heldenhaften Theologen die Hand und sprach im Tone aufrichtiger Bewunderung: „Brav gemacht! Meinen vollsten Respekt! So kann nur der echte Weidmann handeln! Meine Hochachtung für Ihre erstaunliche Willenskraft!“

„Fast wäre ich doch im letzten Augenblick der überstarken Versuchung erlegen! Ich darf also Ihr Lob nicht annehmen! Doch lieber geschneidert heimgehen, als belastet sein mit einer Jagdsünde!“

„Morgen ist auch Jagdtag! St. Hubertus wird Sie schon belohnen und Diana gnädig sein!“

Geschäftig frohes Leben herrschte auf der Pyrgas-Hütte, als Hartlieb und Nonnosus ankamen. Das Diner wurde eben serviert. Norbert hatte es wichtig mit dem Bedienen der Damen, die vor dem Anbau auf einer Bank saßen und vergnügt über die primitive Art dieser Hofjagdtafel kicherten. Der ins Freie gebrachte Tisch wackelte bedrohlich, wenn die Damen Fleisch schneiden wollten, die Gläser wollten nicht stehenbleiben.

Flink kniete Eichkitz nieder, um Abhilfe zu schaffen, indem er den Tischfüßen an der abschüssigen Stelle zusammengebogene Briefe unterlegte.

Dies bemerkend, meinte Fürstin Sophie gutgelaunt: „Wohl Liebesbriefe, Eichkitz, was?“

„Nicht ganz erraten, Duhrlauch! Nur unbezahlte Rechnungen! Hat also nichts zu bedeuten, wenn die Briefeln etwa gelesen werden!“

„Sie schreiben wohl keine Liebesbriefe, was?“

„Nein, Duhrlauch! Ich mach so was immer mündlich ab! Ist sicherer!“