Unter den Hohen Tauern: Ein Roman aus der Steiermark

Part 6

Chapter 63,441 wordsPublic domain

Nach einer Weile zog die Fürstin den ihr so kostbaren Brief aus der Tasche und sprach: „Für eine Nacht werde ich mich von diesem Dokument doch trennen müssen, denn es erscheint mir zwingend nötig, daß Sie, liebe Martina, den Brief lesen, sich ein eigenes Urteil bilden! Genau informiert und orientiert, werden Sie dann auch imstande sein, den Brief an Baron Wolffsegg meinen Intentionen entsprechend zu verfassen! Ein Beweis besonderen Vertrauens, hören Sie, Martina, ganz besondere Vertrauenssache! Lesen Sie in heutiger Nacht Emils Brief, bilden Sie sich ein objektives Urteil! Morgen früh zehn Uhr bringen Sie mir den Brief unauffällig und unsichtbar! Hildegard wird verständigt sein und Sie, nur Sie, vorlassen! Hier, liebe Martina! Sie bürgen mir für die prompte Rückgabe des Dokumentes, ja?“

„Zu Befehl, Durchlaucht!“ Martina nahm die Oktavbogen entgegen und versenkte das knisternde Papier in ihre Tasche.

„So, nun gute Nacht, liebe Gussitsch! Strengste Diskretion! Gute Nacht!“

„Geruhsame Nacht, Durchlaucht!“ Martina waltete ihres Amtes und klingelte.

Hildegard erschien mit Licht und begleitete die Gebieterin in ihre Zimmer.

Martina durfte allein ihr Kämmerlein aufsuchen.

Nie in ihrem jungen Leben hatte Fräulein von Gussitsch so flink Licht gemacht als jetzt, um schnell zur Lektüre des Briefes zu kommen.

Etwas enttäuscht, aber doch von dieser Lektüre belustigt, kicherte Martina. Unbegreiflich fand sie die Auffassung der Mutter über diesen Brief. Soviel wie gar keinen Anlaß zu Sorgen. Ungewöhnlich war allenfalls die Ausdrucksweise. Martina fand die Epistel weit mehr witzig, denn derb. Sicher ein vollgültiger Beweis dafür, daß das bisher apathische, blasierte Prinzlein in der Dresdener Luft wach geworden ist und recht gut zu beobachten versteht. Und eine gewisse Federgewandtheit ist ihm nicht abzusprechen. An sittengefährdenden Umgang mit bösen Menschen war gar nicht zu denken! Außerdem sollte er sich doch eine Frau suchen!

Der Auftrag, dem „Zwetschgenbaron“ Wolffsegg im Sinne der Fürstin zu schreiben, hatte nach der Lektüre des Emilschen Briefes viel von seinen Schrecken verloren. Martina erwog nur noch, ob es möglich sein werde, die Fürstin zu überreden, gar nicht schreiben zu lassen.

Vergnügt kichernd, begab sich das zierliche Hoffräulein zu Bett.

*

Es half am anderen Morgen alles nichts, Martina erhielt den Befehl, dem Baron Wolffsegg zu schreiben. Was alles die Fürstin noch beifügte, ließ Fräulein von Gussitsch erkennen, daß der Hofdame die Verantwortung aufgehalst werden sollte für den Fall, daß Wolffsegg die Warnungs- und Rügeepistel krumm nimmt. Martina soll das -- Prügelmädchen sein in Ermangelung eines Prügelknaben.

Ein mehrstündiger Eiertanz mit der Feder, bis das Brieflein glatt und säuberlich geschrieben war. Höchst vorsichtig und fein, klug und gewandt; und mit einem salvierenden Hinweis auf -- „höchsten“ Wunsch... Diesen Hinweis konnte sich die Hofdame leisten, da ja die Fürstin jegliche Kenntnisnahme des Konzeptes und Briefinhaltes abgelehnt hatte.

Also lief die Epistel nach Dresden...

Obwohl nicht befohlen, meldete sich gegen Mittag der Forstwartpatriarch zum Rapport und erbat Gehör bei der Gebieterin. Gnugesser wollte endgültigen Bescheid wegen des „Oval“hirsches haben.

Weder Norbert noch Hildegard, die Vertrauenspersonen, zeigten Lust, den Beamten anzumelden, obwohl der gutmütige Forstwart sehr nett und höflich um „Wohlwollen und Gnade“ bat und die Kammerfrau Hildegard Witwe Schoiswohl sogar mit „gnä Frau“ titulierte. Half alles nichts, denn Hildegard wollte die heute übelgelaunte Gebieterin durch Anmeldung des Forstbeamten nicht belästigen, sich keinem Verweise aussetzen.

Der Zufall war wohlwollender. Fürstin Sophie unternahm vor dem Lunch einen Spaziergang, sah am Hause den wartenden Beamten und fragte nach seinen Wünschen.

Gnugesser erklärte in aller pflichtschuldigen Ehrerbietung, doch mit Bestimmtheit: „Halten zu Gnaden, Duhrlauch, der Hirsch mit dem häßlichen Ovalgeweih muß weg, und zwar noch vor Brunftbeginn, auf daß eine Vererbung verhindert wird! Wenn gnädig Duhrlauch den Kerl nicht selber -- wegputzen wollen, erlauben S’s vielleicht, daß ich ihn abschieße?!“

„Aber keine Idee! Ich finde diese Ovalform sehr interessant! Dieser Hirsch muß unbedingt erhalten bleiben!“

In Gnugessers Äugelein lag mehr als Staunen, völlige Verblüffung und Ratlosigkeit! Und nicht wenig Verdruß über die Weiberwirtschaft im Jagdbetriebe. Die Abschußverweigerung konnte Benjamin leicht verwinden; den Wald- und Jagdbeamten berührte es aber schmerzlich, daß auf ausdrücklichen Befehl ein Revierverschandler, ein die Geweihbildung verhunzender Hirsch gar geschont werden sollte.

Benis Mund weitete sich bis zu den beiden Ohrläppchen, als die Fürstin mitteilte, daß ein Admonter Theologe im Revier Gstattmaier-Hochalp und in der „Sauwiel“ pirschen und Gams in unbeschränkter Anzahl schießen dürfe. „Melden Sie das dem Oberförster! Adieu!“

Soviel das Bäuchlein es gestattete, verbeugte sich Gnugesser. Dann aber stülpte er mit einer besonderen Energie das zerzauste Hütel auf sein Haupt und trottete heim. Mit heiliger Entrüstung in der Weidmannsbrust, mit Zorn in der Kinderseele.

Knirschend stieß Beni hervor, -- hübsch weit entfernt vom Jagdschlößl --: „Toll wird’s, ganz narrisch! Weiber im Revier, o Graus! Und jetzt gar auch -- Theologen! Höher geht’s nimmer! Kutten und Gams! Mir gangst!“ Und der herzensgute, kindlichfromme Forstwart fluchte...

Die Abwesenheit der Gattin zur Mittagszeit war auch nicht geeignet, die üble Laune Benis zu bessern. Blieb ihm nichts anderes übrig, als selbst zu kochen: Spiegeleier und Salat dazu. Mehr von der Kochkunst war nicht sein eigen.

Vergeblich fragte er sich, was denn zur Mittagszeit um Himmels willen Amanda auswärts zu tun haben könne. Mehrmals war die Gattin schon abwesend. Eine auffallende Pflichtvernachlässigung und Rücksichtslosigkeit!

Lange konnte sich Gnugesser derlei Fragen nicht hingeben; er mußte nach Tisch wieder in den nimmerruhenden Dienst.

Zum Abend war Amanda allerdings zu Hause, das schlecht gekochte Essen bereit; die Gattin war aber nicht geneigt, Aufschlüsse über ihre Abwesenheit zu geben. Da sie indes versicherte, sich unlieb verspätet zu haben und just heimgekommen zu sein, wie Beni nach Tisch in das Revier ging, ließ sich der herzensgute Mann leicht beschwichtigen.

Leicht gelang der Gattin der Themawechsel durch die Frage, was es Neues in den Revieren gäbe.

Bei Gnugesser war indes der Ärger schon verraucht; vor Amanda wollte er nicht über die Fürstin reden, schimpfen erst recht nicht. Ein einzig und winzig Würmchen nagte allerdings noch gar emsig in der Brust: der Neid! Den Beamten bleibt ein Abschuß versagt, der Theologe hingegen darf Gams nach Herzenslust niederknallen. Beni war gar nicht leidenschaftlicher Jäger, ganz frei von Schießwut; wegen der Abschußerlaubnis beneidete er den Theologen aber doch, den er, der fromme, kirchenfreundliche Beamte, in allergeheimsten Gedanken einen „Schleicher“ und „Kittelpfaffen“ genannt hatte. Denn es war doch gar nicht zu bezweifeln, daß der Theologe die Abschußerlaubnis „erschlichen“ haben mußte. Kittelprotektion! Weiberwirtschaft im Revier!

„Friert dich in der Zung, weil ich keine Antwort auf meine Frage bekomm?“ klang es spitz von den Lippen Amandas.

Gutmütig lachte Beni: „Nein, nein! Ist ja Sommer! Nur Gedanken hab’ ich mir gemacht, weil -- na, ist Dienstsache, also Amtsgeheimnis! Neues gibt es nichts! Nicht einmal Bescheid haben wir wegen der definitiven Übernahme beim alten Gehalt!“

Schnippisch warf Amanda das Wort „Amtsgeheimnis“ hin. „Lächerlich das Verschanzen hinter das Dienstgeheimnis, wo doch eine Frau regiert und dirigiert! Da werden die Amtsgeheimnisse strengstens gewahrt bleiben! Übrigens: was das Gehalt anbelangt, muß unbedingt eine Aufbesserung eintreten!“

„Die Aussichten sind dazu nicht gut! Kein Darandenken!“

„Im Gegenteil: davon reden, und das bei nächster Gelegenheit!“

„Um Gottes willen nicht, Weiberl! Es könnt die Fürstin verschnupfen! Wo sie eh nicht in rosiger Laune ist und auch noch gspaßige Ansichten vom Jagdbetrieb hat!“

„Ich bin keine Klosterfrau, also laß ich mir das Reden nicht verbieten! Ich werde mir die Fürstin schon fürifangen! Frau zu Frau redet sich viel leichter, als wenn ein Mannsbild dabei ist!“

„Warum bist du denn so erpicht auf eine Gehaltsaufbesserung? Du profitierst ja davon doch nichts, direkt wenigstens nicht!“

„Der Herr Forstwart irrt sich da aber ganz gewaltig! Ist übrigens egal, ob Aufbesserung oder nicht: die Frauenarbeit im Ehestande muß von nun an bezahlt und gelohnt werden! Mit Bargeld!“

Beni lachte, daß sein Bäuchlein hüpfte und Lachtränen aus den Augen sprangen. Und übermütig zitierte er den Wiener Gassenhauer: „Maderln, hebt’s d’ Füß in die Höh, heut geigt der Strauß!“

„Laß doch das hölzerne dumme Gelächter! Dir wird das Spotten schon vergehen, wenn es blechen heißt!“

„Vom Zahlen bin ich allerdings kein Freund, weil ich allweil z’ wenig Geld hab trotz aller Sparsamkeit! Aber der Witz von Bezahlung der Ehefrau für ihre Arbeit im Hausstand ist so gut, daß ich mir ein Flaschel Bier jetzt kaufe! Der Witz muß begossen werden!“

„Laß die Faxen, Beni! Es ist Ernst, nicht Scherz!“

„Die Leichenbittermiene steht dir ausgezeichnet, nur mußt ein schwarzes Seidenkleid dazu anziehen!“ spottete der belustigte Ehemann.

„Hör zu und paß auf, Beni! Es ist heiliger Ernst! Das neue Gesetz bestimmt, daß den Ehefrauen für ihre Arbeit im Hausstand ein Drittel des Gehalts oder Jahreseinkommens des Ehemannes ausgezahlt werden muß! Von Rechts wegen! Gesetz ist Gesetz, es muß befolgt werden von jedem Staatsangehörigen!“

„Ganz ausgezeichnet! Den Witz schick an die ‚Fliegenden Blätter‘, er wird sicher angenommen und honoriert! Weißt was, Weiberl, für das Honorar kaufen wir uns dann im Admonter Stiftskeller ein Flascherl ‚Eisentürer‘!“

„Wer nicht hören will, muß fühlen! Der Ernst des neuen Gesetzes wird dich schon zwicken! Ohne Gehaltsaufbesserung, also nach deinem jetzigen Einkommen, gebührt mir ein Jahreslohn von sechshundert Kronen für meine Hausfrauenarbeit! Diese Summe verlange ich! Und kraft des neuen Gesetzes bestehe ich auf Bezahlung dieser Summe! Und im Weigerungsfalle werde ich dich, wozu ich gesetzlich berechtigt bin, vor Gericht belangen!“

Beni schrie vor Vergnügen, trommelte mit den Fäusten auf der Tischplatte, und im Übermaß der Freude an dem köstlichen Witz begann er in Schlappschuhen zu schuhplatteln, ahmte die Bewegungen des balzenden Urhahnes nach und wollte die Gattin animieren, sich am „Platteln“ zu beteiligen.

Amanda in höchster Entrüstung versetzte dem seelenvergnügten, lachenden Gatten einen Stoß, der Beni ins Torkeln brachte, dann aber rauschte Amanda aus der Stube. Krachend flog die Tür ins Schloß.

In herrlichster Laune pfiff Benjamin die lustige Melodie des „Schuhplattlers“ zu Ende. Und dann holte er sich wirklich ein Fläschle Bier aus dem Keller, um den Witz und das famose neue Gesetz zu begießen. Allein allerdings, denn Amanda ließ sich für diesen Abend nicht mehr sehen.

Merkwürdig -- mit einem Male wollte dem einsamen Zecher das Bier nicht mehr schmecken. Wenn Amanda keinen Witz gemacht haben sollte, wenn wirklich ein neues Gesetz bestünde?

„Unmöglich!“ knurrte Beni, dem das Lachen vergangen war. „Es sind die unglaublichsten Gesetze schon gemacht und sanktioniert worden, aber noch nie ein Gesetz, wonach die Ehefrau wie eine Dienstmagd einen Lohn für ihre Arbeit im Hausstande bekommen solle. Ein solches Gesetz kann doch gar nicht gemacht werden! Undenkbar! Durch eine derartige Lohnzahlung würde die Hausfrau ja zur Dienstmagd herabgedrückt, jeder Würde beraubt werden! Ein verrücktes Gesetz wäre das! Und gleich ein Drittel des Jahresgehaltes oder Einkommens! Wer kann denn das leisten und erschwingen? Die Subalternbeamten mit ihrem winzigen Gehalt! Die Gewerbetreibenden! Die Bauern!“

Je länger Benjamin über das neue Gesetz nachdachte, desto schwüler wurde ihm trotz der Abendkühle, die durch die offenstehenden Fenster in die Stube drang. Ganze zwölfhundert Kronen vom Gehalt würden nach Abzug des „gesetzlichen“ Lohndrittels verbleiben für den Haushalt, für alle Bedürfnisse des Lebens, für Kleider, Schuhe usw. Unmöglich ein Auskommen mit einer so winzigen Summe! So unsinnig und grausam kann doch eine Regierung nicht sein, die schlechtbesoldeten Ehemänner zu zwingen, der Gattin ein Drittel des Jahresgehaltes auszuzahlen.

Im bitteren Sinnieren fand Gnugesser ein Körnchen Trost: ein klein bißchen „überspannt“ ist Amanda als frühere Lehrerin, sie wird vielleicht irgend etwas dem angeblichen Gesetze Ähnliches aufgeschnappt und nicht recht verstanden haben. Das vermeintliche, unmögliche Drittel würde just der Gattin in den Kram passen, denn auf Geld ist sie erpicht wie Meister Petz auf Zeidelhonig!

Beni beschloß, sich wegen des „neuen“ Gesetzes zu erkundigen, am besten beim Pfarrer Pater Wilfrid, der doch davon auch etwas wissen muß. Ist, wie zu erwarten steht, nichts Wahres an dieser ohnehin unglaublichen Sache, so werden der überspannten Gattin die Lohndrittelmucken bald ausgetrieben sein. In aller Güte und Gemütlichkeit selbstverständlich. Denn wehe tun möchte Beni der Gattin nicht...

Im Schlafzimmer fand er Amanda schlummernd. Ihre geschlossenen Augen täuschten und beruhigten ihn. Kaum hatte Beni das Licht ausgelöscht, flammten Amandas Rätselaugen auf...

Fünftes Kapitel

Mit hochalpinen Kleidern durch Hildegards Schneiderkunst ausgerüstet, konnte das Hoffräulein von Gussitsch einem Befehle zur Begleitung mit einiger Ruhe entgegensehen. Stoff für ein richtiges Lodenkleid war unterwegs. Die Fürstin Sophie schien jedoch nicht die geringste Jagdpassion zu verspüren; der vom Jagdpersonal sehnlichst erwartete Befehl zur Wildausmachung für Pirsch oder Drücken erfloß nicht. Dagegen äußerte die Fürstin den Wunsch, das Forsthaus zu inspizieren, der Forstwartfrau Gnugesser einen Besuch abzustatten. Für Fräulein von Gussitsch war dieser Wunsch natürlich Befehl, weshalb die Hofdame fragte, wann sie zur Disposition sein müsse.

Der Bescheid lautete: eine halbe Stunde vor dem Lunch, keine Ansage im Forsthause.

Ein einleuchtender Befehl hinsichtlich der Nichtansage, damit Frau Amanda keine Veranstaltungen zu feierlich-steifem Empfang oder gar zu einer unerwünschten Bewirtung treffen kann.

Weniger einleuchtend fanden die allmächtigen Angestellten Norbert und Hildegard den Besuch, sie befürchteten eine Verspätung des Lunchbeginnes durch Verschwatzen. Wie überall in Hofhaltungen, sahen die „Vertrauenspersonen“ sehr darauf, daß pünktlich gegessen werde am Tische der -- Angestellten. Die höchsten Herrschaften können leichter warten.

Im Forsthause herrschte eine Totenstille; die Forstbeamten weilten dienstlich auswärts, Graf Thurn in Wien; Frau Amanda beschäftigte sich mit dem Entwurf einer Ansprache, die demnächst in einer Versammlung von Ehefrauen in der Angelegenheit der Entlohnung weiblicher Arbeit im Ehestande gehalten werden solle.

In diese ziemlich schwierige Geistesarbeit vertieft, achtete Amanda gar nicht des Geräusches leichter Schritte im Flur. Sehr überrascht fuhr sie in die Höhe, als eine Frauenstimme rief: „Ist jemand da?“

Amanda trippelte in den Flur und stieß einen Schrei des Schreckens und zugleich freudigster Überraschung aus, als sie die Fürstin erblickte, die ob dieser Wirkung ihres unvermuteten Erscheinens vergnügt schmunzelte und die Frau Gnugesser bat, ja keine „Geschichten“ zu machen. Fürstin Sophie vereitelte auch sofort jede Möglichkeit hierzu, indem sie bat, ihr die Wohnung des Forstwarts zu zeigen und zu sagen, was allenfalls einer Änderung oder Verbesserung bedürfe.

Diese gutgemeinte, aber auch unvorsichtige Äußerung gab Amanda nicht nur die Ruhe wieder, sondern auch hocherwünschten Anlaß, Bitten um bauliche Verbesserungen vorzubringen.

Die Fürstin bereute denn auch ihre Äußerung und ging auf ein anderes Thema über, indem sie fragte, ob sich die Frau Forstwart wohl fühle in dieser Einsamkeit.

Sofort hing sich Amanda, indem sie den Damen Stühle anbot, in dieses Thema ein und sprach gewandt und flüssig über den bitter empfundenen Mangel an Verkehr mit gebildeten Leuten und an Mitteln geistiger Weiterbildung. Nützliche Bücher seien ebenso schwer zu beschaffen wie die enorm teuren Lebensmittel.

Auf die letztere Anspielung ging die Fürstin nicht ein, doch versprach sie, die „einsame“ Försterin mit nützlichen Büchern versehen zu wollen.

„Untertänigsten Dank, Durchlaucht! Besonders beglückt werde ich sein, wenn Durchlaucht die Gnade haben wollten, mir ein Exemplar des neuen, für Hausfrauen so sehr wichtigen Gesetzes und wenn möglich eines Kommentars dazu schenken würden!“

„Welches Gesetz meinen Sie denn, liebe Frau?“

„Es gibt ein völlig neues Gesetz, das der Frau einen Anteil am Gewinn der Ehe in Höhe eines Drittels gewährt! Ist der Ehemann ein Beamter, so muß er gesetzlich ein Drittel seines Jahresgehalts der Ehefrau zahlen als Entlohnung der von der Frau im Haushalt geleisteten Arbeit! Von Rechts wegen!“

Erstaunt und interessiert rief die Fürstin: „Was Sie sagen! Von einem solchen Gesetz habe ich bisher keine Ahnung gehabt!“ Und zu Fräulein von Gussitsch gewendet, fragte Fürstin Sophie: „Wissen Sie, liebe Gussitsch, etwas von diesem sehr interessanten und wichtigen Gesetze?“

Martina mußte gestehen, daß sie bisher nicht das geringste davon gelesen und auch nichts gehört habe.

Amanda sprach hastig: „Doch! Die Zeitungen beschäftigen sich angelegentlich mit dieser Frage der Entlohnung der Frau im Hausstand! Ich habe derlei Artikel ja selbst und so oft gelesen, daß ich hierüber sehr gut informiert bin und auch darüber sprechen kann! Durch das neue Gesetz, durch positive Rechtsnorm, ist ein Ziel erreicht, das angesehene Frauen längst erstrebt hatten und das doch wohl als durchaus berechtigt und den modernen Verhältnissen entsprechend anerkannt werden muß!“

„Gewiß! Sagen Sie, liebe Frau, welche Stellung haben Sie vor Ihrer Verheiratung innegehabt? Sie verfügen augenscheinlich über eine Vorbildung, die sonst in Kreisen kleiner Beamter nicht zu finden ist!“

„Ich war früher Lehrerin!“

„Ach so! Das macht Ihre Stellungnahme zu dieser interessanten Frage begreiflich! Was ich aber nicht verstehe, ist die Entstehung eines in seinen Wirkungen so einschneidenden Gesetzes. Es wird doch über Kleinigkeiten oft ganz schrecklich debattiert und Lärm geschlagen!“

„Höchste Herrschaften werden von diesem Gesetze nicht betroffen, also ist es leicht möglich, daß Durchlaucht sich um dasselbe nicht gekümmert, das Gesetz sozusagen übersehen haben! Die Interessen- und Gedankensphäre einer Fürstin ist doch eine ganz andere, als die einer Forstwartfrau oder Bäuerin oder Ehefrau eines Gewerbetreibenden!“

„Allerdings!“ Zur Hofdame sprach die Fürstin: „Bitte, liebe Gussitsch, behalten Sie diese Angelegenheit im Auge und beschaffen Sie baldmöglichst das betreffende Gesetz!“

Martina verbeugte sich.

Dann wandte sich die Fürstin wieder zu Amanda mit der Frage: „Wie gedenken Sie auf Grund dieses interessanten Gesetzes in Ihrem Hauswesen vorzugehen?“

Leuchtenden Auges und lebhaften Tones erwiderte Frau Gnugesser: „Die Stellungnahme ist leicht und doch auch sehr schwer! Leicht insofern, als das Gesetz klar und deutlich der Ehefrau das Gehaltsdrittel zuspricht! Schwer hingegen wird es dem Ehemanne sein, dieses Drittel in bar der Gattin auszuzahlen, wenn das Gehalt keine entsprechende Aufbesserung findet! Mein Mann bezieht achtzehnhundert Kronen Gehalt...“

„Verstehe! Also bekommen Sie als Ehefrau sechshundert Kronen, das ist eine respektable Entlohnung Ihrer Arbeit, nicht? Ich hätte wahrlich nicht geglaubt, daß ein so vernünftiges und wichtiges Gesetz gemacht werden kann! Ein bedeutender Fortschritt auf dem Wege der Gesetzgebung, eine soziale Großtat! Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert! Zweifellos ist durch das Gesetz die große Bedeutung der Frau als guter Haushälterin und Verwalterin für die Sicherung der Früchte des Eheerwerbes nun allgemein anerkannt! Und auf der Frauentätigkeit beruht der Segen der Familie! Sehr schön also diese Sache! Nur merkwürdig, daß ich davon bisher keinen Ton gehört habe! Apropos: wie stellen sich denn die anderen Hausfrauen dieser Gegend zu dieser grandiosen Neuerung?“

Umständlich berichtete Amanda, die sich nun in ihrem Fahrwasser befand, über die durchgeführte Agitation, über die Belehrung der Frauen in Hall, über den bereits errungenen Erfolg, der darin bestehe, daß sogar auch Bauernweiber die Drittelszahlung fordern. Demnächst werde eine öffentliche Frauenversammlung stattfinden.

„Sehr schön! Großartige Sache! Muß unterstützt werden! Aber nun sind wir lange genug hier gewesen! Wir sprechen gelegentlich darüber! Adieu, liebe Frau! Auf Wiedersehen!“

Mit einem Wortschwall des Dankes für die hohe Ehre des auszeichnenden Besuches geleitete Amanda die Damen vor das Haus. Ein letzter Versuch der Anspielung auf die Notwendigkeit einer Gehaltsaufbesserung als Folge der Drittelszahlung mißlang kläglich, da die Fürstin die Uhr zog und sich jäh verabschiedete. War es doch bereits ein Uhr geworden, die Stunde des Lunch erheblich überschritten.

Eilig zum Schlößl stapfend, meinte die Fürstin: „Wie man sich nur so verschwatzen kann! War aber ganz interessant, nur kann ich trotz alledem nicht recht glauben, daß bei uns ein so einschneidendes Gesetz in Geltung ist! Vergessen Sie nicht, ein Exemplar zu besorgen! Was ist denn Ihre Meinung über dieses rätselhafte Gesetz, liebe Martina?“

„Verzeihen, Durchlaucht, in Gnaden! Erst möchte ich die einzelnen Gesetzesbestimmungen lesen...!“

„Ja doch! Die Sache muß ihre Richtigkeit haben, denn die Försterin ist vorzüglich informiert und orientiert! Ich bin neugierig zu erfahren, wie sich unser ‚Hofpfarre‘ zu dieser Angelegenheit stellt!“

„Dem Pfarrer dürfte weniger das Gesetz, viel mehr die Revolutionierung der Ehefrauen eine böse Bescherung verursachen!“ meinte Martina, um doch auch etwas zu sagen und ein gewisses Interesse zu markieren.

„Apropos: Pfarrer! Teilen Sie dem Pater Wilfrid mit, daß er am 30. August, dem Todestage meines hochseligen Gemahls, ein feierliches Requiem zelebrieren soll! -- So, da sind wir! Die armen Leute! Haben so lange auf das Essen warten müssen!“

Norbert kam gesprungen und nahm den Damen die Schirme ab.

„Nicht böse sein, Alter! Wir haben uns verplaudert!“ sprach liebenswürdig die Fürstin. „Gleich servieren! Hast du argen Hunger, Norbert?“

„Untertänigst zu dienen, Durchlaucht, dem alten Diener fällt das Fasten schwer! Ich bitte um Verzeihung...“

„Was hast du denn angestellt?“

„Ich habe mir eine Kleinigkeit in der Küche geben lassen!“

„Ganz recht! Sehr vernünftig! Hoffentlich war auch Hildegard so klug!“

„Gewiß, Durchlaucht! Mit gnädigster nachträglicher Genehmigung!“

„Aber gern! Natürlich!“

Die Damen begaben sich ins Speisezimmer und durften einige Zeit warten, bis serviert wurde.

Die Angestellten hatten nicht eine Kleinigkeit, sondern das komplette Menü verspeist, und zwar reichlich. Daher die Köchin nun rasch Schnitzel als Ersatz zubereiten mußte.

*

Jeder Sonntag bringt dem Pfarrer, der keinen Kaplan hat, in den Dörfern Arbeit in reichlichem Maße. Besonders mit Arbeit gesegnet war Pater Wilfrid, der Pfarrer von Hall. Früh des Morgens begann die Arbeit im Beichtstuhl, der sich um acht Uhr das Hochamt mit Predigt anschloß. Unverdrossen, ja freudig tat der liebenswürdige Pfarrer und Vater seiner Gemeinde seinen Dienst, angenehm davon berührt, wenn das Gotteshaus dicht von Andächtigen gefüllt war. Insbesondere freute ihn die Anwesenheit der Fürstin mit Hofdame im kleinen Oratorium. Während der Predigt gewahrte er zu seiner Befriedigung auch die Forstbeamten und etliche Jäger in den Reihen der Dörfler.

Nach dem Gottesdienste drängten zahlreiche Bauern zum Pfarrhause, wo sie sich aufstellten wie die Orgelpfeifen.