Unter den Hohen Tauern: Ein Roman aus der Steiermark

Part 4

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„Also nix für uns!“ rief Frau Amanda, die jedes Wort des hofkundigen Geistlichen glaubte, und zog sich zurück.

Aber auch Hartlieb in seiner Furcht vor dem Hofdienst hielt die Äußerung des Pfarrers für ernst gemeint und sprach davon, daß er die Einladung fürchte.

Nun schmunzelte Pater Wilfrid und witzelte: „Auch du, Brutus? Man sollte es nicht für möglich halten, daß handgreiflicher Scherz für blutigen Ernst genommen werde!“ Und nun gestand der joviale Benediktiner, daß er die Schilderung des Hofdiners absichtlich übertrieben habe, um der verärgerten Forstwartsfrau den Stachel aus der Seele zu nehmen. Das Frauenzimmer solle nur glauben, daß die Teilnahme an einer Festtafel für die Eingeladenen eine Qual sei; die Frau Gnugesser werde sich dann nach einer solchen Einladung nicht sehnen. „Das war der Zweck meiner Äußerung! Nun und nimmer hätte ich geglaubt, daß mein Freund Hartlieb darauf reinfallen könnte! Also nur keine Angst vor dem Festdiner! Eines wird aber gut sein: vorher essen, egal was, damit der Eingeladene nicht hungrig zur Festtafel komme! Also: Prost! Und ein Happen Schinken ist nicht ohne! Rauchen ist erlaubt, nur muß man vor Dinerbeginn den Mund ausspülen oder Pfefferminz nehmen, damit namentlich empfindliche Damen und ihre Geruchsorgane nicht beleidigt werden!“

Hartlieb taute etwas auf, lächelte und drohte mit dem Zeigefinger: „Pater Wilfrid von Springenfels, gerissener Diplomat, ein mit allen Salben geschmierter Höfling! Im Nebenamte Pfarrer! Wo bleibt die Wahrheitsliebe?“

Pater Wilfrid streckte die Finger, daß sie knackten, und meinte lachend: „Na ja, es ist ein alter Schnee, daß ein Hofmann nicht immer mit der absoluten Wahrheit durch das Leben gehen kann! Es gibt zahlreiche Situationen, die Notlügen geradezu erzwingen! Für den Fall, daß eine harmlose Notlüge Gutes beabsichtigt und erreicht, wird die Sünde nicht besonders groß oder schwer und gewissermaßen berechtigt sein! In solcher Erwägung habe ich als Hofmann die Frau Gnugesser ‚angeblümelt‘! Hoffentlich wird der Zweck erreicht! So, nun aber möchte ich als Pfarrer die kranke Bäuerin besuchen! Wir treffen uns zehn Minuten vor sieben Uhr vor dem Jagdschlößl! Auf Wiedersehen!“

Hartlieb begleitete den geistlichen Freund zur Treppe, und zur Verabschiedung fragte der Förster noch schnell, in welchem Anzug man zur Festtafel zu erscheinen habe.

„Dienstuniform besserer Art oder Steierertracht! Wird in der Bergeinsamkeit nicht so genau genommen von den hohen Herrschaften! Ich erscheine ja auch, wie Figura zeigt, mit schwarzem Strohhut, nicht mit der Angströhre! Couleur freilich schwarz, wegen unverbesserlich klerikaler Gesinnung!“ Lachend ging der liebenswürdige Schalk...

In die Kanzlei zurückkehrend, beneidete Hartlieb den Benediktiner um seinen Humor und um die Weltgewandtheit...

Graf Thurn, der die Fürstin zum Jagdschlößl geleitet hatte, verließ es eben, um sich eiligst zum Forsthause zu begeben und Toilette für das Diner zu machen.

Als es Zeit wurde, zum Diner zu gehen, lud Graf Thurn den Oberförster zur Begleitung ein. Und unterwegs brachte der Hofchef das Gespräch auf Wildschaden und deren Behandlung seitens des Jagdamtes.

Aus den präzisen Äußerungen Hartliebs klang die Versicherung, daß ohne Strenge und Ernst nicht durchzukommen sei. Die Ansprüche der Bauern gingen nicht nur ins Maßlose, der Wildschaden werde zuweilen sogar künstlich auf sogenannten Wildschadenackerln erzeugt, um den Jagdbesitzer schamlos schröpfen zu können. Der dümmste Bauer entwickle auf diesem Gebiete der Täuschung und Schädigung der Jagdkasse eine erstaunliche Raffiniertheit, die zu strengstem Vorgehen zwinge. Wo es sich um wirklichen, vom Hochwild hervorgerufenen Schaden handle, sei bisher stets nach Recht vergütet worden. Schwindel und Betrug hingegen wurde mit rücksichtsloser und unerbittlicher Strenge bekämpft und geahndet.

„Nun ja! Der Fachmann muß die Verhältnisse kennen! Ich will mich nicht einmischen, diese Angelegenheiten liegen außerhalb meiner Kompetenz! Sollte je die Sprache darauf kommen, möchte ich den Jagdleiter im voraus dahin informiert haben, daß unsere hohe Gebieterin den Frieden wünscht! Durchlaucht wird Ihnen Milde nahelegen!“

„Milde ist in unseren Revieren deplaziert und kostet schwer Geld! Und Milde erreicht niemals Zufriedenheit, macht die Querulanten und Schwindler nur übermütig und in ihren Forderungen unersättlich!“

„Sagen Sie das nicht der Fürstin! Es klingt zu scharf und hart für Damenohren! Würde den Jagdleiter im Lichte der Grausamkeit erscheinen lassen! Bedenken Sie, daß unser Jagdherr eine Dame ist!“

Schatten huschten über Hartliebs Gesicht. „Zu Befehl, Herr Graf! Ich danke Ihnen für die gütige Information!“

„Nehmen Sie meine gutgemeinten Worte nicht übel! Ich wollte Ihnen nützen!“

„Besten Dank, Herr Graf, für Ihr Wohlwollen! Darf ich fragen, ob für morgen oder die nächsten Tage Befehle zu Jagden zu gewärtigen sind? Wenn ja, müßten noch heute Dispositionen getroffen werden, je nachdem die Fürstin pirschen, drücken, riegeln oder treiben lassen will!“

„Bis zur Stunde ist irgendeine Andeutung nicht erfolgt! Vielleicht hören wir beim Diner Näheres darüber! Ich möchte übrigens darauf aufmerksam machen, daß Änderungen von Absichten, plötzliche Zurücknahme von erteilten Befehlen nichts Seltenes sind! Derlei darf und soll den Jagdleiter niemals verdrießen; er muß sich stets vor Augen halten, daß eine Dame gebietet! Und immer Rücksicht nehmen auf die Fürstin, die ja auch Kummer und Sorgen hat!“

In Nähe des Jagdschlößls wartete Pater Wilfrid, der sich den angekommenen Herren sogleich anschloß. Graf Thurn führte die Gäste hinauf in den Empfangssalon und blieb bei ihnen.

Ein kleiner lichter Raum, mit Zirbenholz getäfelt, an den Wänden etliche, nicht üble Jagdgemälde älterer Meister, Rohrstühle mit hohen Lehnen um einen ovalen Tisch, dessen Zirbenplatte eine hübsch entwickelte Blaufichte trug.

Hartlieb stand auf dem gelben Parkett wie auf glühenden Kohlen, unsicher, unbehaglich, in der Stimmung, die sich im steierischen Dialekt mit knappen drei Worten ausdrücken läßt: „Außi möcht i!“ Vieltausendmal lieber im Bergwalde bei schlechtestem Wetter, denn hier im Salon, des Erscheinens der Fürstin gewärtig. Derlei Situationen gewohnt, plauderten Pater Wilfrid und Graf Thurn gedämpften Tones, und der elegante Benediktiner erzählte köstliche Audienzwitze, lustige Mißverständnisse, die er geheimnisvoll flüsterte und dazu eine wahre Leichenbittermiene machte.

Die Türe wurde geöffnet, Fürstin Sophie von Schwarzenstein trat lächelnd und elastisch ein. „‚Grüß Gott‘ dem Priester, ‚Weidmannsheil‘ unserem Jagdleiter!“ sprach sie frisch und munter und reichte den Herren die schmale weiße Hand. Eine Fünfzigerin von schlanker Gestalt, noch immer eine schöne Frau, volle Büste, die Anmut der Wienerin. Leicht ergraut das Haar, Sorgenfalten um die Augen und Lippen. Einfache, dennoch elegante Dinertoilette, grauer Rock, schwarze Seidenbluse, am Halse eine Brosche von Gold mit gefaßten Hirschgrandeln.

Pater Wilfrid hauchte einen Kuß auf die Hand der Fürstin. Hartlieb begnügte sich mit einem scheuen Händedruck und stand dann bolzengerade, stumm, den Blick auf die Türe zum Speisezimmer gerichtet, durch die im leisen Katzenschritt die Hofdame kam. Ein einziger Blick und Hartliebs Wangen flammten, ein Prickeln in den Händen, ein Hämmern in den Schläfen, ein Flimmern und Gleißen vor den Weidmannsaugen. Im Nu des ersten Blickes auf diese in duftiges Weiß gekleidete Frauengestalt entstand der Gedanke an _Mustela martes_, an den Edelmarder. Geschmeidig und biegsam der Körper, scharf der Blick aus den braunen, sprühenden Augen, deren dunkle Brauen glänzten genau wie die dunklen Langhaare um die braunen Marderseher. Tiefbraun und schimmernd das Haupthaar, blaß wie Elfenbein das Gesicht. Und wie beim jungen Mustela die Kehle hochgelb leuchtet, trug die Dame ein goldfarbenes Seidenband um den Hals; daran hing ein Medaillon. Zwischen den leicht geöffneten Lippen schimmerten wahrhaftige Marderzähnchen.

Die eigenartige Schönheit wirkte betäubend auf den stillen, ernsten Weidmann.

Fürstin Sophie sprach: „Meine Hofdame, Fräulein von Gussitsch! Die vorzustellenden Herren sind Pater Wilfrid, der Pfarrer von Hall und Admonter Stiftsherr, und unser Oberförster, Jagdleiter Hartlieb!“

Die Herren verneigten sich.

Der Kammerdiener, ein hoch und breit gebauter, ältlicher Mann in verfeinerter Steierertracht, meldete diskreten Tones, daß serviert sei.

Freundlich nickend, befahl die Fürstin: „Gut, Norbert! Weisen Sie die Plätze an! Graf Thurn, Ihren Arm, bitte! Und Herr Hartlieb führt Fräulein von Gussitsch zu Tische!“

Wieder flammten Hartliebs Wangen, und schier hörbar klopfte das Jägerherz da „Mustela“ die Hand in den Arm des Oberförsters legte. Zu Tische geleiten konnte er die interessante schöne Dame, aber nicht einen einzigen Ton brachte er über die zuckenden Lippen. Und vergebens fragte er sich in Gedanken, wo er die Augen bei der Begrüßungsfeier gehabt haben mußte, da er die Hofdame gar nicht gesehen hatte. Allerdings war beim Empfang sein Interesse ausschließlich auf die neue Gebieterin konzentriert gewesen.

„Mustela“ war Hartliebs Tischnachbarin. Sehr angenehm und dennoch fatal, prickelnder Nervenkitzel und lähmende, hilflose Verlegenheit des an derlei Situationen nicht gewöhnten Waldbeamten: offen die Augen und doch blind.

Gut das Diner, diskret und rasch serviert, wenig Wein.

Fürstin Sophie plauderte mit Pater Wilfrid, fragte bunt durcheinander wegen der Plätze im Oratorium der Haller Kirche, nach Ortsnamen, Kirchenbedürfnissen. Und im Handumdrehen, mit graziösen Scherzesworten war Pater Wilfrid zum „Hofkaplan“ ernannt.

Kühl bis ans Herz hinan, legte Pater Wilfrid ein Stück Poularde auf seinen Teller.

„Sie sind doch jedenfalls hochbeglückt von dieser Ernennung, wie?“

„Untertänigst aufzuwarten: nicht ganz hochbeglückt, Durchlaucht! Hatte die Ernennung mindestens zum Hofburgpfarrer erhofft! Ohne Gehalt eines solchen natürlich! Weil ich nämlich ‚Hofkaplan‘ längst bin!“ Dazu schmunzelte der Schalk und verdrehte die Augen wie der balzende Urhahn.

„So ein Schwerenöter! Ich habe keine Burg, kann Sie also höchstens zum ‚Hofpfarrer‘ ernennen, für die Dauer des Haller Aufenthaltes!“

„Untertänigsten Dank!“ Pater Wilfrid ließ den Blick über die Tischgeräte in seiner Nähe suchend gleiten.

„Was suchen denn Hochwürden?“ fragte neugierig und belustigt die Fürstin.

„Senf, Durchlaucht!“

„Was? Senf zum Geflügel?“

„Zu dienen! Mit Rücksicht auf den Einfluß der Nahrungsmittel auf den Charakter...“

„Was Sie sagen! Welchen Einfluß soll denn der Senf haben, speziell auf Ihren Charakter?“

„Senf stärkt das Gedächtnis! Ich muß morgen eine Rede schwingen, habe nicht viel Zeit zum Memorieren, also nehme ich gedächtnisstärkenden Senf zur Poularde!“

Höchlich amüsiert lachte die Fürstin hellauf. Auch Graf Thurn schmunzelte vergnügt. Und Fräulein von Gussitsch zeigte die blendend weißen Marderzähnchen.

Nur Hartlieb blieb ernst und steif.

„Hat der Herr Hofpfarrer noch mehr von charakterbeeinflussenden Nahrungsmitteln auf Lager?“

„Nicht viel, Durchlaucht! Ochsenfleisch gibt Mut und Energie, Schweinefleisch führt zu pessimistischen Anschauungen...“

„Nicht übel! Was ist’s mit Kalbfleisch?“

„Böse Eigenschaft, Durchlaucht! Bewirkt Verlust der geistigen Widerstandskraft!“

„Huhu! Schrecklich! Und Hammelfleisch?“

„Die Wirkung tritt in Montenegro deutlich zutage!“

„Wieso denn?“

„Alle Bewohner der schwarzen Berge sind der Melancholie verfallen!“

Sophie kicherte: „Gräßlich! Was bevorzugen denn die Admonter Stiftsherren?“

„Wir legen Wert auf Grazie und Geist, daher trinken wir Milch und essen hauptsächlich Eier!“ Wilfrid blinzelte und senkte mit köstlich markierter Demut das Haupt.

Die hohe Frau kämpfte mit einem Lachkrampf. Und Fräulein von Gussitsch stopfte den Serviettenzipfel in ihr Mündchen. Hartlieb blickte Wilfrid vorwurfsvoll an, dann aber betroffen den Kammerdiener, der ihm den Teller wegnahm, obwohl der Oberförster vom Geflügel noch keinen Bissen gegessen hatte.

Endlich hatte die Fürstin den Lachkitzel überwunden. Sie wandte sich zu Hartlieb und fragte nach dem letzten Abschuß unter Graf Lichtenberg.

Sachlich und trocken gab der Oberförster Aufschluß: zwanzig gute Hirsche, dreißig Gamsböcke, vier Geltgeißen.

„Wie ist der Stand an Rehwild?“

„Zur Zeit haben wir etwa hundert Böcke und Geißen! Vom Auerwild sicher vierzig Hahnen! Hasen nur wenig!“

„Hegen, Herr Oberförster! Ich will viel Hasen haben! Überhaupt viel Wild! Es soll wimmeln in meinen Revieren!“

„Zu Befehl! Das Wimmeln wird aber die Ziffern der Wildschadenvergütung bedeutend erhöhen!“

Inzwischen war der Pudding serviert worden, von dem Hartlieb auch nichts erwischt hatte.

„Gesegnete Mahlzeit!“ Die Tafel war aufgehoben.

„Kaffee und Zigarren in der Veranda, Norbert!“

Eine Importe hielt Hartlieb in Händen, doch zum Rauchen kam er nicht; er mußte eine Menge Fragen der Gebieterin beantworten. Und was für Fragen! Eine Gänsehaut lief dem Förster über den Rücken, als beispielsweise die Fürstin wissen wollte, ob unter den Jagdgehilfen sich auch hübsche Burschen befänden, fesche Steierer, schneidige Kerle. Und ob die Jäger verlobt seien?

Nach solchen Fragen fand es Hartlieb begreiflich, daß die insgeheim erhoffte Abschußbewilligung, die Zuweisung einer kleinen Jagdparzelle, jämmerlich ins Wasser fiel.

Als die Fürstin ihre Zigarette ausdrückte, fragte Hartlieb, ob für morgen und die nächsten Tage Pirschen befohlen werden.

Der Bescheid lautete ausweichend. Erst mal eingewöhnen, sicheres Wetter abwarten, die Herren können anfragen, Norbert werde Bescheid geben...

Zum Abschied richtete die Fürstin an Pater Wilfrid die Bitte, für übermorgen nachmittag den Besuch im Stifte Admont anzusagen und den Cicerone zu machen.

Schluß. Die Gäste hatten sich zu empfehlen. In Gnaden huldvoll entlassen. Graf Thurn wurde zu einem kleinen Vortrage zurückbehalten.

Stumm wanderten die Freunde Hartlieb und Pater Wilfrid durch die Dämmerung auf dem Sträßlein zum Forsthause zurück. Des Försters Stimmung verriet das Köpfen von Disteln. Wo Hartlieb am Wegrande ragende Disteln sah, schlug er ihnen mit dem Stock die Köpfe ab...

Beim Hause angelangt, mahnte Pater Wilfrid zu Geduld und Ruhe.

„Danke! Der Beginn läßt sich übel an, schlimmer noch, als ich befürchtet hatte!“

„Kopf hoch, lieber Freund! Denken Sie stets an das Sprüchlein: Nicht alles Ungemach, das droht, wird dir begegnen; es muß ja nicht aus jeder Wolke regnen! -- Gute Nacht!“

„Gute Nacht, Hochwürden!“

Pater Wilfrid setzte seinen Weg hinaus zum Dörflein Hall fort. Und er wunderte sich, als ihm zu verhältnismäßig später Abendstunde Frau Gnugesser mit rotem Kopf in sichtlicher Erregung begegnete, spitz grüßte und maliziös lächelte.

Grüßend schritt der Pfarrer weiter. Und in Hall bestieg er den seiner harrenden Stiftswagen, um nach Admont zu fahren.

Erst neun Uhr abends war es, doch alles Leben im Jagdschlößl schien bereits erloschen, klösterliche Stille, da die Fürstin sich zurückgezogen hatte.

In einem nordseitig gelegenen Stübchen mit Blick auf den zum Greifen nahen Tannenwald saß Martina von Gussitsch, jetzt im bequemen Hauskleide, am kleinen Tische bei Lampenschein und kritzelte etliche Notizen, die nicht vergessen werden durften und sich zu einer Art Tagebuch gestalteten. So schrieb Martina: „Zweimal täglich im Admonter Postamt nach eingelaufenen Briefen für die Fürstin fragen lassen; das Postfräulein bitten, daß eventuell mit Abendzügen eingetroffene Briefe mit Eilbote herausgeschickt werden! -- Seltsam ist die Zappeligkeit der Fürstin, diese Ungeduld wegen anscheinend mit außerordentlicher Sehnsucht erwarteten Briefe vom Filius. -- Einstweilen geheimnisvolle Verhältnisse! Möchte wissen, was dem Filius, Muttersöhnchen vermutlich, eigentlich fehlt; kann aber die Kammerfrau Hildegard unmöglich fragen. Nette Leute diese zwei Diener mit so drolligen Steierernamen: Norbert Saurugger, Hildegard Schoiswohl! Prachtvoll! Aber Leute, die vollstes Vertrauen genießen, sich auffallend viel aus dem -- Wurschtkessel nehmen dürfen, ohne daß Durchlaucht es verübelt. -- Mitwisser? -- Schade, daß Prinz Emil mit seinem Adjutanten Baron Wolffsegg schon nach Dresden abgereist war, als die neue ‚Hofdame‘ den Dienst antrat. Seit neun Tagen ‚Hofdienst‘! Wenn ein kleinadeliges Mädel kein Geld hat, nur ein bisserl Protektion, macht man sie zur _Lady at court_, auch _Maid of honour_ oder gar _Lady of the bedchamber_ genannt! ‚Bettzimmerfräulein‘ auf Deutsch. -- Was ich wohl in dieser ‚Hofstellung‘ erleben werde? Rosige Hoffnungen habe ich nicht! Und vor dem ‚Dienst‘ als Begleiterin der Fürstin auf Bergtouren und gar auf Jagden graut mir jetzt schon! Unsereins darf sich doch nicht echauffieren, nie derangiert aussehen, soll immer propre sein... Wie das erreichen, wenn gekraxelt werden muß?! Überhaupt will es mir unsinnig erscheinen, daß Damen jaagern! Ob wirkliche Jagdpassion die Fürstin erfüllt? Oder handelt es sich nur um eine Laune? Oder wurde dieses Jagdgut für den Filius gekauft? Warum ist Prinz Emil aber dann nicht hier, warum kutschiert er im Lande herum? Sonderbar, höchst sonderbar! Es muß irgend etwas dahinter stecken. -- Vielleicht kann man vom Grafen Thurn etwas erfahren? -- Was wohl der Oberförster für ’ne Seele ist? Schmucker Mann, echter Jägertyp, Waldmensch, aus Eiche geschnitzt oder aus Granit gemeißelt. Einstweilen unbeholfen, rührend naiv, ein großes Kind. Doch nicht, der tiefe Ernst, die Strenge widersprechen solcher Auffassung. Vielleicht fürchtet er die neue Herrschaft? Jagdherr eine -- Frau! Komisch muß das für den Jagdoberbeamten sein, wenn nicht unangenehm von wegen der Rücksichtnahme. -- Großer Gott, das Jagdkleid! Was nur soll ich anziehen? Besitze ja nur ein Lodenkostüm! Werde nun doch gezwungen sein, in dieser Kleiderfrage die Frau Schoiswohl zu fragen; denn die _Maid of honour_ muß doch genau so gekleidet sein wie die Gebieterin auf der Jagd!... Werde mich nie, nie mit der Jagd befreunden können! Niemals!“

Viertes Kapitel

Mit unsicherem trüben Wetter, doch ohne Regen, begann der erste Tag des „Hofdienstes“ in der Bergeinsamkeit für Fräulein von Gussitsch. Wohlige Stille, göttliche Ruhe. Erquickend die würzige Waldluft. Des unsicheren Wetters glaubte Martina sich freuen zu sollen, denn ein Jagdgang dürfte unter diesen Umständen nicht befohlen werden. Wahrscheinlich nach dem mittäglichen Lunch ein mehrstündiges Vorlesen oder sonstiges Unterhaltungsmachen. Darauf war Martina gefaßt.

Gegen zehn Uhr überbrachte die rundliche hübsche Frau Hildegard Schoiswohl die Mitteilung, daß Durchlaucht soeben den Forstwart holen ließ und die Begleitung der Hofdame wünschen.

„Wird denn gejagt?“ fragte überrascht Martina.

Die Kammerfrau erklärte: „Anscheinend nicht, denn Durchlaucht tragen Straßentoilette! Baronesse wollen in einer halben Stunde bereit sein!“

Notgedrungen mußte Fräulein von Gussitsch nun doch die Frage wegen der Jagdkleidung mit der Kammerfrau besprechen und Hildegards Hilfe erbitten.

Der Triumph leuchtete aus den Augen der hochbefriedigten Kammerfrau, nun doch von der Hofdame um Rat und Hilfe gebeten zu werden. Frau Schoiswohl fühlte sich, und ziemlich selbstbewußt erklärte sie, daß die Angelegenheit rasch erledigt sein werde, wenn die Baronesse einen Lodenrock fußfrei kürzen und den dazugehörenden _Pantalon fort large_ anfertigen lasse. „Das in kürzester Zeit zu machen, bin ich gern bereit! Ich bitte nur um den nötigen Stoff!“

„Sie sind sehr freundlich! Aber Stoff zu einem Jagdkostüm führe ich nicht mit! An die Beschaffung hätte ich in Wien denken sollen! Was machen wir nun? So eine Verlegenheit!“

Im Tone der Bemutterung sprach die Kammerfrau: „So wie ich Durchlaucht kenne, wird es mit der Jagdausübung keine Eile haben, das Hauptinteresse ist auf den Posteinlauf konzentriert! Sollte wider Erwarten eine Jagd befohlen werden, so gibt es schon Mittel und Wege zur Verhinderung! Baronesse lassen inzwischen von Wien oder Graz Lodenstoff kommen, und ich werde dann schneidern! Wenn Sie wünschen, schreibe ich und beauftrage eine Verwandte mit der raschen Besorgung!“

„Ja, bitte, besorgen Sie alles Nötige, selbstverständlich komme ich für alle Kosten auf!“

„Wird gemacht!“ Es klang etwas arrogant, als die Kammerfrau noch darauf aufmerksam machte, daß die Baronesse zur Begleitung keine helle Bluse tragen dürfe.

„Frau Schoiswohl! Ich muß bitten...“

„Verzeihung, Baronesse! Es ist nicht Anmaßung, nur gut gemeint, wenn ich rate, dunkle Kleider zu tragen; Durchlaucht werden einen Reviergang machen! Helle Kleider würden das Wild beunruhigen! Durchlaucht kleiden sich stets dunkel auf derlei Waldwanderungen, demnach...“

„Ich verstehe! Danke!“

Devot und doch arrogant grüßend, entfernte sich die Kammerfrau, die sich freute, die junge Hofdame in Verlegenheit und Abhängigkeit gebracht zu haben. Und etliche Silberlinge werden bei der Stoffbesorgung zu verdienen sein.

Ärgerlich grub Martina ihre Marderzähnchen in die Unterlippe, während sie die Bluse wechselte und sich zum Ausgang rüstete.

Es kam aber gar nicht zu dem Waldbummel. Da die Forstbeamten nicht zu Hause waren, änderte Fürstin Sophie ihre Absicht und befahl eine Spazierfahrt nach Hall und Weng zur Besichtigung dieser Dörfer und ihrer Kirchen. Fräulein von Gussitsch und der unvermeidliche Kammerdiener Norbert sollten mitfahren. Norbert, der immer Steierertracht trug und trotz seiner fünfzig Jahre und des grauen Schnauzbartes in diesem Kostüm wie ein Junger aussah, schien die Ausfahrt nicht zu passen. Prüfend hielt er die Hände flach in die Luft, guckte zum grauen Firmament empor und schüttelte den Kopf so bedenklich, daß der grüne Ausseer Hut wackelte.

Dieses Manöver wiederholte der fesche Kammerdiener so lange, bis richtig wie erhofft die Fürstin vom Fenster aus sein Gebaren wahrnahm und herunterrief: „Was ist’s, Norbert? Glaubst du, daß wir schlechtes Wetter bekommen?“

„Zu dienen, Durchlaucht! Grobwetter, fürchte ich! Mir tun nur die armen Pferde leid, wenn sie in einen Wolkenbruch geraten!“

„Nein, nein! Die Pferde müssen geschont werden! Abbestellen, Norbert! Wir bleiben zu Hause!“

„Zu Befehl, Durchlaucht!“ Vergnügt ob des Gelingens seines listigen Manövers, bestellte Norbert die Ausfahrt ab. Und bis zum Lunch oblag er dem behaglichen _dolce far niente_ in seiner Kammer. Dann freilich mußte er die Tafel decken für drei Personen, denn Graf Thurn war zum Lunch geladen. Nachmittags gedachte der bequeme Kammerdiener einen länglichen „Schlaf zu tun“ und bis zum abendlichen Diner gründlich zu faulenzen, sich von der Reise zu „erholen“. Doch zwischen Kaviar und Sardinen ereilte Norbert der gemessene Befehl, nach dem Lunch nach Admont zu gehen und die Post zu holen.

Diskret flüsterte der geschulte Diener sein „Zu Befehl!“ Und als er der Fürstin die Silberplatte mit den gebräunten Kalbskoteletten reichte, fragte er mit hingehauchten Worten, ob er den Brief aus Dresden der Eile wegen zu Wagen bringen dürfe.

Was höhere Faulheit war, hielt die Fürstin für rührenden Diensteifer, für den guten Willen, den heiß ersehnten Brief mit großmöglichster Geschwindigkeit in die Bergeinsamkeit zu bringen. Hochbefriedigt von diesem Diensteifer, erteilte die Fürstin durch Kopfnicken ihre Zustimmung.

Noch weilten die Herrschaften bei Tische, da kam Forstwart Gnugesser in Wehr und Waffen schwitzend und mit hüpfendem Bäuchlein angesprungen. Amanda hatte dem von einem Reviergange heimgekehrten Gatten mitgeteilt, daß die Fürstin ihn zum Führer gewünscht habe. Nun war er da und wollte sich melden. Auf sein karges Mittagessen hatte Benjamin verzichtet, um die Fürstin nur ja nicht warten zu lassen. Nun hieß es aber für ihn geduldig warten und hungern.