Unter den Hohen Tauern: Ein Roman aus der Steiermark
Part 3
Amanda griff nach einem widerspenstigen Strähnchen ihres herrlichen Haares und erwiderte in gekünstelt ruhigem Tone: „Die hat mir unser Pfarrer, der Pater Wilfrid, gebracht!“
„So? Na, was soll denn Interessantes drinstehen?“
„Der Roman ist sehr schön!“
„Nix für ungut, Weiberl! Aber ich meine doch, dem Pfarrer hätt was Gscheiteres einfallen können, als einer Hausfrau einen Roman zum Lesen zu geben!“
Beleidigt warf Amanda den Kopf auf und scharf erwiderte sie: „Schinden und rackern darf sich die Frau, eine geistige Erholung wird ihr aber nicht gegönnt! Von Fortbildung gar nicht zu sprechen! Als frühere Lehrerin habe ich andere geistige Bedürfnisse als Bauernweiber!“
Gutmütig beteuerte Benjamin, daß seine Bemerkung nicht schlimm gemeint sei. „Kannst ja tun und lesen, was du willst! Ich red dir gewiß nix drein! Bin ja ein genügsamer, bescheidener Mensch!“
„Den Mangel an Verkehr mit Leuten von Bildung empfinde ich bitter! Wir leben in einer geradezu trostlosen Abgeschiedenheit! Meine einzige Hoffnung ist, daß durch die Fürstin vielleicht ein Verkehr mit den Kammerfrauen sich wird ermöglichen lassen...!“
„Nix für ungut, Weiberl! Ich bin nur ein Forstwart, ein Waldmensch, aber um den Verkehr mit Domestiken reiß ich mich nicht! Diese Sorte aufgeblasener hochnäsiger Menschen ist mir zu minder und nicht nach meinem Geschmack!“
Amanda hob die eckigen Schultern und spottete: „Mußt halt schauen, daß die Fürstin sich mit dem Herrn Forstwart huldvollst abgibt!“
„Fehlgeschossen, Weiberl! Die Duhrlauch ist mir zu hoch! Art zu Art!“
„Stimmt! Ich hätte das bedenken sollen, als es noch Zeit war!“
„Ich glaub gar, du willst sticheln? Bist heute schon sehr merkwürdig spitz und stachlig! Hast denn Verdruß gehabt? Bist etwa krank? Blaß schaust aus, Weiberl!“
Amanda ging unvermittelt auf ein anderes Thema über und fragte, ob unter der neuen Herrschaft eine Gehaltsaufbesserung möglich sein könnte.
„Nicht daran zu denken! Wir dürfen froh sein, wenn das gesamte Personal unvermindert und mit unveränderten Löhnen übernommen wird!“
„Wieviel festes Gehalt hast du denn zur Zeit?“
„Seltsame Frage! Du weißt doch, daß ich tausendachthundert Kronen Fixum habe!“
„Ja doch! Aber ich weiß nicht, ob das Schußgeld eingerechnet ist!“
„Warum willst du denn das wissen?“
„Ich möchte nicht vom Finanzamt unangenehm überrascht werden, wenn beispielsweise das Einkommen höher ist und demgemäß ein größerer Steuerbetrag zu zahlen sein würde! Muß das Schußgeld auch versteuert werden?“
„Keine Idee! Wir haben nur wenig Raubzeug, also ist das Schußgeld minimal! Jedes Sechserl braucht man denn doch nicht dem Finanzamt auf die Nase zu binden!“
„Glaubst du, daß es unter der neuen Herrschaft größere Trinkgelder geben wird?“
„Nix für ungut, Weiberl! Aber was du eben gesagt hast, das ist höheres Blech! Ich bin als Forstwart Beamter, der selbstverständlich kein Trinkgeld annimmt! Jagdgehilfen halten die Hand hin, so Jagdgäste Weidmannsheil gehabt haben! Niemals aber die Beamten!“
„Na, na! Mit dem ‚fürstlichen‘ Einkommen von tausendachthundert Silberlingen brauchst die Nase nicht gar so hoch zu tragen! Eine Aufbesserung, egal von welcher Seite sie kommt, wäre hocherwünscht als Zuschuß zu dem viel zu knappen Wirtschaftsgeld!“
„Ah, so lauft der Has! Tut mir leid, aber das Haushaltsgeld kann ich beim besten Willen nicht erhöhen! Mußt schon schauen und trachten, daß du damit auskommst! So, müd, krachmüd bin ich, freu mich auf das Bett! Gehst auch schlafen?“
„Ich werd noch ein bisserl lesen! Gute Nacht, Beni!“
„Gute Nacht, Weiberl!“ Benjamin trat zur Gattin und gab ihr den Gutenachtkuß, den Amanda kaum erwiderte. „Nix für ungut, wenn ich schon schlafe, wenn du kommst!“
„Orgle nur zu! Gute Nacht!“
Horchend blieb Amanda am Tische sitzen. Sie holte geräuschlos das sie so mächtig interessierende Zeitungsblatt aus der Kommode hervor, als kräftige Gutturaltöne die Gewißheit gaben, daß der Gatte schlief. Wieder las die Frau den kurzen Artikel, dessen Inhalt ihre ganze Denkkraft, ihr Sinnen und Streben in Anspruch nahm, ihre Zukunft gründlich umgestalten wird und muß.
Wie Amandas schöne Augen aufleuchteten bei dem Gedanken, die in dem Artikel angedeutete Reform durchzuführen! Zunächst in ihrer Ehe! Dann aber soll dafür gesorgt werden, daß die Wohltat der Reform auch anderen Hausfrauen zuteil werde! Nötigenfalls wird die Neuerung im ehelichen Haushalt erkämpft werden... Amanda wird einen Frauenbund gründen. Der früheren Lehrerin, ihrer Intelligenz und Geistesschulung gebührt selbstverständlich der Vorsitz. Eine große Mission harrt ihrer, und ihr Leben wird einen neuen Inhalt erhalten und lebenswert werden.
Die Gedanken der einsamen Frau sprangen um zwei Jahre zurück und beschäftigten sich mit der Frage, warum Amanda ihren Beruf aufgegeben hatte und die Ehe mit Benjamin Gnugesser eingegangen war. Eine Ehe, die nicht befriedigte. Freilich hatte sie der Beruf auch nicht befriedigt. Nur einen einzigen Vorteil hatte die Stellung in den Augen Amandas: die feste Besoldung. Die Arbeit in der Schule wurde gelohnt. Um der Selbständigkeit und des Gehaltes willen war Amanda Lehrerin geworden. Nicht aus Freude und Liebe zu diesem Berufe. Ihr Brot mußte sie sich verdienen, die mittellose Tochter eines inzwischen verstorbenen Subalternbeamten wollte nach Möglichkeit unabhängig sein, finanziell gesichert in der Welt stehen, an jedem Monatsersten Bargeld in die Hand bekommen. Dieses Ziel war erreicht worden. Aber eine gute Lehrerin war Amanda nicht; diese Tatsache erkannte sie selbst wie auch die Ursache: den Mangel an Berufsliebe. Aus diesem Mangel mußte eine Abneigung gegen diesen Beruf erwachsen, die sich in dem Maße steigerte, als sich die Widerwärtigkeiten in Schule und dörflichem Leben vermehrten. Die Schule und der Lehrberuf verlangen Begeisterung und liebevolle Hingebung, so Ersprießliches geleistet werden soll. Fräulein Amanda hatte die Schule aber lediglich als Versorgungsanstalt betrachtet. Konflikte, Reibereien, Rügen konnten nicht ausbleiben, verleideten die Stellung. Prüfungen der Kinder ergaben Mißerfolge, die der Lehrerin angekreidet wurden und zu Strafversetzungen führten. Sogar von Entlassung aus dem Schuldienst war gesprochen worden. Und diese Drohung hatte Amanda auf den Gedanken gebracht, die Versorgung im Ehestande zu suchen und anzustreben. Benjamin war im gleichen Orte angestellt und gleich der Lehrerin aß er im Gasthause; sie trafen sich täglich und wurden Freunde. Und als Beni zum Forstwart ernannt worden war, warb er um Amandas Hand, denn Beni war in Amanda ehrlich verliebt und blind gegen den Mangel jeglicher Körperreize. Der Lehrerin hingegen war es nur um eine anderweitige Versorgung zu tun. Liebe empfand sie nicht, weder zum Gatten noch zum Hauswesen. Von der Führung eines Haushaltes konnte die Ex-Lehrerin keine Ahnung haben. Er war auch danach. Es ging zur Not, denn einiges lernte Frau Amanda ja doch, freilich unter Geldopfern für verpfuschte Speisen. Und es wird mit „Ach und Krach“ weitergehen dank der Herzensgüte Benis. Der Verstand sagte Amanda, daß sie nie eine richtige und tüchtige Hausfrau werden könne.
Amanda begann zu später Stunde zu rechnen, nachdem sie den ihr Inneres aufwühlenden Zeitungsartikel abermals gelesen hatte. Achtzehnhundert Kronen festes Einkommen bezieht der Gatte. Würde ein Drittel abgezogen als Entlohnung für die Arbeit der Hausfrau, so würde Beni kaum imstande sein, mit der verbleibenden Summe alle Bedürfnisse des Lebens und Haushalts zu bestreiten. Demnach muß eine Gehaltserhöhung angestrebt werden.
Frau Amanda horchte plötzlich auf, beruhigte sich aber sofort, als sie die Stimme des heimgekehrten Oberförsters erkannte. Hartlieb schloß die Haustür auf und ließ dem Grafen Thurn den Vortritt.
Schnell nahm Amanda die Lampe vom Tisch, trat in den Flur, um den Herren die Treppe zu erleuchten.
Graf Thurn dankte freundlichst für diese liebenswürdige Aufmerksamkeit und fügte bei, daß die Fürstin übermorgen nachmittag ankommen werde. „Frau Forstwart haben wohl die Güte, für die Schmückung des Forsthauses zu sorgen, ja? Und dankbar werde ich sein, wenn Sie mir behilflich sein wollten, die Front des Jagdschlössels zu zieren! Das Personal kommt nämlich erst übermorgen früh hierher, also zu spät für die Ausschmückung!“
„Mit größtem Vergnügen, Herr Graf!“
„Schön! Verbindlichsten Dank! Nun aber gute Nacht, Frau Forstwart!“
Amanda begleitete mit der Lampe die Herren bis in das obere Stockwerk. Dann kehrte sie in ihre Wohnung zurück und begab sich zur Ruhe. Fand aber lange nicht den Schlaf, da sich schwere Gedanken an Reform, Gehaltsaufbesserung, auch an die Zukunft unter der neuen Herrschaft durch ihren Kopf wälzten. Eine große Rolle spielte auch die Fürstin Sophie von Schwarzenstein, die neue Gebieterin des Haller Jagdgutes...
Drittes Kapitel
Vom Sonnengolde verklärt, sah das winzige Dörfchen Hall mit seinem netten Pfarrhause und dem hübschen, auf einem grünen Hügel thronenden Kirchlein wie ein Kinderspielzeug aus. Verstreut im Tal standen die Häuschen, meist unter Obstbäumen versteckt, die Siedlungen von Bauern und Arbeitern; ehemals vor acht Jahrhunderten bildete das Dorf die Stätten von Sudleuten, da das Benediktinerstift hier eine vielumstrittene Salzpfanne besaß. Im Norden dieses Alpendörfleins türmen sich die grauen Kalkkolosse der „Haller Mauern“ auf, deren Mittelgebirge bewaldet ist.
Im Wohngemach, zugleich Speisezimmer des schlichten, sauberen Pfarrhauses, saß Oberförster Hartlieb als Gast bei seinem Freunde Pater Wilfrid Ritter von Springenfels, der die Funktion des Pfarrers ausübte, zugleich aber Konventual des Admonter Benediktinerklosters und Gastmeister dieses Stiftes war. Wohnhaft im Stifte, kommt Pater Wilfrid zweimal in der Woche nach Hall, nimmt im Pfarrhause, das Eigentum des Stiftes ist, kurzen Aufenthalt, um sich als Seelsorger der Gemeinde zu widmen. Wird der Pfarrer weiterhin benötigt, so muß er im Stifte verständigt werden. Mit der Pünktlichkeit der Könige pflegte Pater Wilfrid an den bestimmten Tagen zur üblichen Stunde nach Hall zu kommen. Und wie ein Vater stand er jedem der Dorfbewohner mit Rat und Tat zur Verfügung. Ein großer hagerer Aristokrat im schwarzen Benediktinerhabit, dem obersteierischen sogenannten Eisenadel entsprossen, adeligen Hochofen- und Hammerwerksbesitzern, reichen Leuten zur Blütezeit der Eisenindustrie. Aus vermögender Familie stammend, hätte es der junge Ritter von Springenfels nicht nötig gehabt, eine Versorgung anzustreben; er erwählte freiwillig den Priesterberuf aus Begeisterung und trat in den Admonter Benediktinerorden ein, um in der heißgeliebten obersteierischen Heimat lebenslang bleiben zu können. Diese Heimatsliebe schloß indes große Reisen zur Urlaubszeit behufs Ausbildung und Weitung des Blickes nicht aus; wie denn auch Pater Wilfrid stetig bemüht war, die Studien aus mannigfachen Gebieten unter Ausnützung der kostbare Schätze bergenden Stiftsbibliothek fortzusetzen. Die adelige Abstammung führte dazu, daß in jenen Fällen, da von fürstlichen Gutsbesitzern in der Umgebung von Admont ein priesterlicher Stiftsherr zum Messelesen in Schloßkapellen erbeten wurde, stets Pater Wilfrid Ritter von Springenfels delegiert ward. Diese Tätigkeit trug dem Benediktiner von den Mitbrüdern den Scherznamen „Hofkaplan“ ein, wobei Pater Wilfrid um die Tafeleinladungen beneidet wurde. Intelligenz, Bildung und Noblesse kündeten Kopf und Augen dieses Benediktiners. Ein Priester wie eigens geschaffen für den Verkehr mit dem Hochadel, mit Fürsten und Königen; aber sein Umgang mit den Haller Dörflern bewies immer wieder, daß Pater Wilfrid auch ein vortrefflicher Bauernpfarrer, der opferwillige Freund der Armen und Ärmsten war. Durch den Verkehr mit dem feinen Pfarrer von Hall nahmen selbst rauhbeinige Burschen einen gewissen Schliff an. Und immer gedrückt voll war die Kirche an Sonn- und Feiertagen, da die Dörfler eine gehaltvolle Predigt ihres Pfarrers zu erwarten hatten. Kein Donnerwetter im Dialekt von der Kanzel; formvollendete, dem Auffassungsvermögen der Zuhörer angepaßte Vorträge, liebevolle Ermahnungen zu Eintracht und gottgefälligem, christlichem Leben gab Pater Wilfrid. Mußte der Haller Pfarrer, durch dörfliche Ereignisse oder Verfehlungen der Pfarrangehörigen gezwungen, scharf vorgehen, so blieben Rüge und Tadel stets vornehm in Form und Ton, die Kanzelrede vermied jede Nennung von Namen. Diese vornehme Objektivität und Schonung weckte das Ehrgefühl und erzeugte Dankempfindungen derer, die recht gut wußten, daß sie die Rüge anging.
Stolz waren die Haller auf ihren Pfarrer im Benediktinerhabit. Und neben diesem Stolz saß die Sorge, daß Hall den verehrten und allbeliebten Pater Wilfrid verlieren könnte.
„Also, womit kann ich Ihnen, Herr Oberförster, dienen?“ fragte Pater Wilfrid zum zweiten Male, da Hartlieb mit seinem Anliegen nicht herausrücken wollte. „Über die bevorstehende Ankunft der Fürstin bin ich vom Hausmarschall bereits verständigt!“
„Eben diese Ankunft macht mir Sorge! Ich bin bekanntlich alles, nur kein Hofmann! Vor dem Hofdienst graut mir, ich sehe sehr schwarz in die Zukunft! Eine Bitte hätte ich, sie hängt mit der Ankunft der Fürstin zusammen; eine Ansprache soll gehalten werden, aber ich bin kein Redner, würde jämmerlich verunglücken! Also bitte ich herzlich, daß Sie mir diese drückende Last abnehmen!“
„Gerne werde ich Ihnen, dem Freunde, dienen! Aber der Benediktiner kann doch nicht im Namen der Jägerei und des Forstpersonals die Fürstin begrüßen!“
„Der Pfarrer ist Amtsperson, hält eine offizielle Ansprache im Namen der Pfarrgemeinde! Ich hänge dann ein kräftig ‚Weidmannsheil‘ daran, die Jägerei wird schon donnernd einstimmen!“
„Das ist ein Ausweg! Gut, machen wir es nach Ihrem Vorschlag! Was nun Ihre Befürchtungen wegen des sogenannten Hofdienstes betrifft, möchte ich aufmerksam machen, daß Fürstlichkeiten von Forst- und Jagdbeamten den Hofton und das Katzbuckeln weder erwarten noch wünschen! Unangenehm sind zuweilen die Hofschranzen, liebedienerische und eingebildete Gschaftelhuber, hochnäsige Leute, die den Beamten Dienst und Leben bei Hofe sauer machen! Da indes Graf Thurn ein sehr liebenswürdiger und einsichtsvoller Herr und frei von jeglicher Kompetenzeifersucht ist, haben Sie, lieber Freund, so gut wie gar keinen Grund zu Befürchtungen!“
„Hm! Aber das Gefolge!“ meinte Hartlieb unsicheren Tones.
„Na, eine Hofdame kann doch den Jagdleiter nicht genieren und wird wohl nie Ihren Weg kreuzen! Und was sonst noch um die Fürstin wimmelt, Zofen, Kammerdiener usw., das sind Angestellte, die der Chef des Wald- und Jagdamtes gar nicht zu sehen braucht und am besten völlig ignoriert! Also Kopf hoch, lieber Freund Oberförster, schneidig in die Welt gucken, wie es der grünen Gilde ziemt! Sie erfüllen nach wie vor Ihre Dienstpflicht mit aller Berufstreue und gehen Ihren Weg ohne Seitenblicke! Um die Hofleute kümmern Sie sich keinen Pfifferling! _Probatum est!_“
Hartlieb dankte für den freundlichen Zuspruch. Doch der sorgenvolle Ausdruck in seinem Antlitz wollte sich nicht aufhellen.
Pater Wilfrid verstand sich darauf, in den Mienen zu lesen; der tiefe Ernst Hartliebs veranlaßte den Pfarrer, zu fragen, was denn noch das Weidmannsherz bedrücke.
Der Oberförster stieß die Worte hervor: „Der frühere Jagdherr war ein weidgerechter Mann...!“
„Ahem! Und die neue Besitzerin ist eine Frau! Da liegt wohl der Hase im Pfeffer? Und da kann nur eines empfohlen werden: Pflicht erfüllen und abwarten, wie sich die Dinge gestalten werden!“
„Gewiß! Fatal bleibt es immer, wenn eine Frau die Zügel führt! Ich als Jagdbeamter muß der Wahrheit entsprechend sagen, daß eine Gebieterin, die sich wie ein richtiger Jagdherr um alles die Jagd Betreffende eingehend kümmert, geradezu zu fürchten ist!“
„Wieso?“
„Weil sicher die Grundsätze und Anordnungen im Jagdbetriebe von einem Tag zum andern wechseln werden, je nach den mannigfachen Einflüssen, die auf das weibliche Gemüt physisch oder seelisch zu jeglicher Stunde wirken durch schlimme Berater, Günstlinge, Schmeichler und womöglich auch durch Freundinnen! Dem ehrlichen, geraden Jagdleiter wird es unendlich schwer werden müssen, auf seinem Posten auszuharren, ohne seiner Überzeugung übergroße Opfer zu bringen! Ich habe viel über die Situation nachgedacht, konnte aber selbstverständlich darüber mit meinem Personal aus triftigen Gründen nicht sprechen! Ihnen, dem Freunde, muß ich gestehen: wir bekommen eine wetterwendische Wirtschaft in das Jagdgebiet, heillose Zustände, denen selbst Sankt Hubertus machtlos gegenüberstehen wird! So gerne ich in diesen Revieren diene, die schönen Haller Berge liebe, es wird doch besser sein, wenn Ausschau nach einem anderen Posten gehalten wird! Mir schwant hier Unheil!“
„Freund Hartlieb, Sie sehen hier vielleicht doch zu schwarz! Ich als Priester kann nicht mitreden, der Benediktiner versteht vom Jagdwesen nichts! Daß Frauenherrschaft je nach Laune dem Wechsel unterworfen ist, kann freilich nicht bestritten werden! Aber es ist doch nicht anzunehmen, daß Launenhaftigkeit sich in einem Jagdbetrieb breitmachen werde! Ich kann mir dergleichen nicht vorstellen!“
„Frauensinn ist unberechenbar! Auch einer Fürstin kann ein schmucker Jagdgehilfe gefallen, Frauengunst kann einen Liebling zum tatsächlichen Jagddirigenten machen... Der verantwortliche Jagdleiter aber wird entweder fliegen oder zum willenlosen Werkzeug und Spielball herabsinken! Einem solchen Schicksal möchte ich rechtzeitig ausweichen!“
„Das sind düstere Gedanken zu Beginn einer neuen Ära! Ihre Befürchtungen erschweren die Ausarbeitung einer Begrüßungsansprache! Als Optimist hoffe ich aber dennoch, daß sich die Verhältnisse besser gestalten werden, als wir zur Stunde glauben! Und darauf wollen wir ein Gläschen Stiftswein leeren, ja?“
Die Pfortenglocke gellte durch das stille Pfarrhaus. Und kurz darauf meldete die weißhaarige, verhutzelte Dienerin Frau Erna, daß die Loidlbäuerin im Sterben liege...
„Schnell den Mesner verständigen! In zehn Minuten werde ich zum Provisurgang bereit sein!“
Die Dienerin verschwand.
Zum Oberförster gewandt, sprach Pater Wilfrid: „Verzeihen Sie! Mich ruft der heilige Dienst! Sterbende darf man nicht warten lassen!“
Hartlieb dankte herzlich für die Gewährung einer vertraulichen Aussprache und verabschiedete sich. Auf dem Wege zum Gasthause, wo der Oberförster zu speisen pflegte, traf er den Grafen Thurn, der das gleiche Ziel hatte und zu Mittag essen wollte. Sehr befriedigt sprach sich der Hofchef über die Frau Forstwart aus, die für eine hübsche Außendekoration des Jagdschlössels gesorgt und dabei viel künstlerischen Geschmack entwickelt habe. Durchlaucht werde gewiß entzückt sein.
Bei Tisch in dem bescheidenen Gasthause des Dörfleins richtete Graf Thurn an den wortkargen Oberförster die Frage, ob der Jagdfachmann es für möglich halte, daß die Jagdausübung in den wirklich herrlichen Haller Revieren einen apathischen, blasierten jungen Mann psychisch zum Vorteil verändern, aufrütteln, die Weidmannslust erwecken könnte.
In seiner ernsten Weise äußerte sich Hartlieb dahin, daß vielleicht Treibjagden auf Gams, wenn diese Jagdart noch unbekannt sei, ein gewisses Interesse bei dem Betreffenden wachrufen könne. Fehle das Jägerblut, so wird ein blasierter junger Mann nie ein weidgerechter Jäger werden. Bei Treibjagden stehe indes zu befürchten, daß im jungen Manne nicht die echte Jagdfreude, sondern die Schießwut erweckt werde. Ein „Schießer“ sei nun und nimmer ein wünschenswerter Gast in gehegten Revieren, eher zu fürchten, nach Möglichkeit hinauszuexpedieren.
„Sie werden wohl recht haben, Herr Oberförster! Aber unbegreiflich ist mir, daß sich das Jägerblut nicht immer vererbt! Der Vater des schläfrigen, apathischen jungen Mannes war passionierter Weidmann!“
„Von Beruf?“
„Nein! Nur zum Vergnügen!“
„Sportinteressen vererben sich nicht! Wer die Jagd nur als Sport betreibt, der ist noch kein echter Jäger! -- Ein interessantes Gegenstück zu dem erwähnten jungen blasierten Manne können Sie, Herr Graf, im Stifte der Benediktiner zu Admont sehen und gewissermaßen bemitleiden wegen der schweren Seelenkämpfe, die der Novize Nonnosus durchkämpfen muß, um das echte, in seinen Adern tobende Jägerblut zu bezwingen!“
„Wie? Ein Novize und leidenschaftlicher Weidmann?“
„Der Leidenschaft muß der Novize Herr werden! Von Herzen gern hätte ich dem jungen Manne Jagdgelegenheit verschafft, konnte es aber nicht, da unser früherer Jagdherr unauffindbar verreist war, meine Kompetenz nicht ausreichte, um eine Abschußbewilligung zu erteilen! Ich bin sehr gespannt, zu vernehmen, ob Nonnosus die Leidenschaft überwinden wird! Er ist der Sohn eines Jägers und besitzt echtes Jägerblut! Dem Nonnosus dürfte das Ziel des höheren Jagddienstes vorgeschwebt haben, die Armut vereitelte es; der Noblesse des Abtes war es zu danken, daß der Jaagersbub auf Klosterkosten studieren durfte. Diese Wohltat will der Student durch Eintritt in den Benediktinerorden vergelten; die Dankbarkeit verhinderte ein ‚Ausspringen‘! Bis zur feierlichen Profeß muß der Novize sich bemühen, die Jagdleidenschaft zu überwinden! Leicht wird das nicht sein, zumal der arme Kerl kränkelt!“
„Ich werde mir den interessanten Mann ansehen! Glaube auch, daß sich die Fürstin dafür speziell interessieren wird!“
*
Die Begrüßungsfeierlichkeit am festlich geschmückten Forsthause war beendet, die Fürstin und das Gefolge zum Jagdschlößl gefahren, das drei Kilometer tiefer im einsamen waldreichen Halltale stand. Die Jagdgehilfen hatten sich entfernt, um noch Dienst in den Revieren zu tun; Forstwart Gnugesser hockte verstimmt in seiner Wohnung.
Froh dessen, daß die Feierlichkeit gut verlaufen war und die neue Gebieterin in Erwiderung auf die Ansprache des Pfarrers und auf das „Weidmannsheil“ der Jägerei erklärt hatte, daß die Jagdherrin einen richtigen Jagdbetrieb wünsche und mit allen im Frieden leben möchte, lud der Oberförster den „Festredner“ Pater Wilfrid ein, in der Jagdamtskanzlei einer Flasche den Hals zu brechen, ein Rauchopfer darzubringen und die Zeit mit Geplauder bis zum Dinerbeginn auszufüllen.
Pater Wilfrid willigte unter der Bedingung ein, daß er eine Stunde auf den Besuch des Priesters bei der kranken Siebenbrunner Bäuerin verwenden dürfe.
Während Pater Wilfrid die Treppe hinanstieg, bat Hartlieb Frau Amanda um Besorgung von Gläsern, Brot und etwas Schinken. Der Oberförster holte den Wein aus dem Keller.
Sichtlich verdrossen servierte Frau Amanda den Herren in der Kanzlei. Das ihr von Hartlieb angebotene Glas Wein lehnte sie ab mit dem Hinweise, daß sie erstens Abstinenzlerin und zweitens nicht in der Stimmung sei, ein Fest zu feiern, nachdem die Fürstin den Forstwart ignoriert und ihn nicht zum Diner eingeladen habe.
Begütigend griff Pater Wilfrid ein: „Liebe Frau Forstwart! Nur nicht brummen, wird schon kummen! Das Speisezimmer in dem Schlößl ist ein beschränkter Raum, es können nicht viele Gäste zu Tische sein! Der Herr Forstwart wird sicher ein andermal zur Tafel befohlen werden! Wenn ich Ihnen einen Rat erteilen darf, lautet er wohlmeinend und freundlich dahin: den Ärger unterdrücken, ein freundliches Gesicht auch dann zeigen, wenn der Mensch Essig und Galle auf der Zunge hat! Fürstlichkeiten muß man jeden Verdruß ersparen! Jedenfalls wird die Fürstin die Frau Forstwart gelegentlich besuchen; es wäre unklug, wenn Frau Gnugesser solchen auszeichnenden und vielleicht auch wichtigen und bedeutungsvollen Besuch unmöglich machen würde! Übrigens irren Sie, liebe Frau Forstwart, wenn Sie glauben, daß ein sogenanntes Festdiner ein Vergnügen ist! Genau genommen ist es eine Dienstessache, steife Etikette, es heißt schrecklich aufpassen und schweigen; antworten darf man nur, wenn man gefragt wurde; das Essen ist Nebensache, es wird mit wahnsinniger Eile serviert, weil die Hoheiten wie die Dienerschaft die Gäste möglichst schnell verschwinden zu sehen wünschen!“ Pater Wilfrid beschattete mit der rechten Hand seine lachenden Augen.