Unter den Hohen Tauern: Ein Roman aus der Steiermark
Part 2
„Das weiß ich nicht! Ich für meine Person, als Hofchef und Hausmarschall, werde mich in die Jagdangelegenheiten ganz gewiß nicht einmischen! Und falls ich gefragt werden sollte, werde ich befürworten, daß Herr Oberförster Hartlieb der Jagdleiter bleibe! Den Entschließungen der Fürstin kann natürlich nicht vorgegriffen werden! Durchlaucht ist die Gebieterin, wir haben ihre Befehle zu vollziehen!“
„Oh, Jessas!“ rief Gnugesser, und sein Bäuchlein zitterte.
„Nur keine Angst! Durchlaucht ist die Güte selbst! -- Nun aber Schluß, meine Herren! Ich bin müde!“
Zu dritt kletterten die Herren auf der Leiter in den Dachboden, wo das Nachtlager im Heu bezogen wurde. Wollene Decken schützten vor der Zugluft, die durch die Balkenritzen trotz der Moosverstopfung kalt und scharf eindrang.
Xandl räumte unten auf, löschte das Lämplein und legte sich angekleidet auf die Holzbank zur Nachtruhe nieder.
Nach Mitternacht entlud sich ein Gewitter über den Stadlgraben, heftig wütete der Sturm unter schweren Regengüssen, rüttelte an der Hütte, riß grob die Türe wiederholt auf, die der aus dem Schlafe aufgeschreckte Jäger Xandl wieder schloß. Doch gegen Tagesanbruch verstummte das Sturmgeheul, das Wehen erstarb, der Regen hörte auf.
Xandl erwachte, rieb sich den Schlaf aus den Augen, und sachte öffnete er die Fensterbalken. Helles Morgenlicht und würzige Alpenluft strömten herein. Reingefegt war das Firmament, das lichtblau sich über den angeschneiten Haller Mauern wölbte. Ein prachtvoller Pirschmorgen nach düsterer Sturmesnacht. Des Jägers erster Gedanke war der seiner Führung anvertraute Graf und die günstige Chance für eine Pirsch. Aber in Erinnerung der Tatsache, daß Graf Thurn keine Büchse mitführte, wurde Xandl unschlüssig. Den herrlichen Pirschmorgen ungenützt verstreichen zu lassen, deuchte ihn eine schwere Unterlassungssünde zu sein. Als Hofchef und Hausmarschall müßte der Graf ja doch Abschußerlaubnis haben... Und die Kugelbüchse kann ihm ja der Oberförster oder der Forstwart leihen. So weckte denn Xandl die Herren mit der Meldung, daß ein prachtvoller Pirschmorgen angebrochen sei. Und hurtig machte der Jäger Feuer im Herd, um ein karges Frühstück, eine Brennsuppe zu bereiten.
Verfroren und steif in den alten Knochen kam Graf Thurn die Leiter herab, hinter ihm die Förster. Vor der Hütte wurde die Pracht des alpinen Sommermorgens, das Funkeln und Glitzern der Millionen Wasserperlen an Blattwerk und Koniferennadeln im Glanz der ersten, in den Graben blinzelnden Sonnenstrahlen bewundert.
Hartlieb bot sein Dienstgewehr für einen Pirschgang an und stellte sich als Führer zur Verfügung. Gnugesser sprach von einem guten Zwölfender, der auf dem Waschenberge stehe.
Da rief Graf Thurn: „Aber, meine Herren! Wo denken Sie hin! Ohne spezielle Erlaubnis werde ich mich hüten, eine Büchse auch nur in die Hand zu nehmen, geschweige denn auf irgendwelches Wild Dampf zu machen! Erst muß die Gebieterin ihren Besitz angetreten, das Jagdgut übernommen haben! Dann werden wir schon hören, ob uns die Bejagung eines Revierteiles gestattet wird oder versagt bleibt! Zur Hütteninspektion bin ich heroben, nicht zum weidwerken! Drum: _hands off_!“
Diesmal wechselte Hartlieb mit Gnugesser einen vielsagenden Blick.
Xandl aber platzte heraus: „Also wird die Duhrlauch -- schußneidisch sein! Sell geht grad noch ab!“
Graf Thurn ignorierte diese Bemerkung und fragte, ob ein warmer Schluck, egal was, zum Frühstück zu haben sei.
Ganz Kuchelmadel, Kammerdiener, Küchenchef in einer Person, offerierte Xandl: „Haben S’ die Ehr, gnädig Herr Graf, die Brennsupp’n ist serviert! Aber noch heiß, verbrennen Sie Ihnen nicht die Lefzen! Wär schad drum! Wo Sie einen so schönen weißen Schnauzer haben!“
Mit Behagen wurde die Brennsuppe, der nur das Salz fehlte, geschlürft.
Da Graf Thurn auf die Fortsetzung der Hüttenbesichtigung verzichtete, traf Hartlieb seine Dispositionen: Gnugesser erhielt Auftrag, wegen schleunigster Ofenlieferung nach Admont zu gehen, Xandl solle in der Hütte aufräumen und hiernach Dienst machen in den oberen Revieren und im Gebiete des Natterriegel vorwitzige Gamsversprenger wegstampern, für absolute Ruhe im Gamsrevier sorgen. Wenn nötig, unter Anwendung von Gewalt.
„Na, schön! Wie disponieren Sie, Herr Oberförster, über sich und mich?“ fragte Graf Thurn.
Lächelnd meinte Hartlieb: „Über den Herrn Hofchef hat wohl der Jagdleiter am allerwenigsten zu verfügen! Wenn Sie aber, Herr Graf, erlauben, möchte ich Sie durch unsere schönsten und besten Reviere geleiten, Ihnen zeigen, daß wir einen gutgehegten Wildstand haben! Weidmännisch gesprochen: Einen ausgiebigen ‚guten Anblick‘ mit viel ‚roten Fleckerln‘ möchte ich Ihnen verschaffen!“
„Topp, einverstanden! Freilich wird es schmerzlich sein, bei ‚gutem Anblick‘ den Finger nicht krumm machen zu dürfen! Also gehen wir!“
Vor Gnugessers Abgang fragte Hartlieb noch, wie weit die Schlägerungsarbeit auf dem Raschanger gediehen sei.
„Wird heute beendet werden! Ich werd nachmittag kontrollieren! Mit Vergunst, Herr Oberförster, darf ich dem drängelnden Simerlbauern den erbetenen Schindelstamm anweisen! Ist ein zudringlicher Mensch!“
„Wenn wirtschaftlich kein Hindernis besteht, daß der betreffende gewünschte Stamm wegkommt und der Stamm zur Taxe bezahlt wird, kann angewiesen werden! Entspricht der Baum nicht, so geben Sie ihn als Prügelstamm weg, aber nicht unter der üblichen Taxe!“
„Ist recht! Darf ich mir bei dieser Gelegenheit auch den Zangerlbauern durch Befriedigung seines Wunsches -- er möchte drei Schnitthölzer zu einem Schlafzimmerboden erhalten -- vom Halse schaffen? Tanne oder Fichte?“
„Ist egal, je nachdem Stämme passend stehen! Halten Sie sich aber knapp und die Bauern kurz! Gott befohlen!“
„Empfehl mich, Herr Oberförster!“ Und zum Hofchef gewendet, verabschiedete sich der Bäuchleinträger mit österreichisch-höflichem „Küß d’ Hand, Herr Graf!“
Eine erquickende, zuweilen freilich nasse Wanderung durch triefende Gräser, durch kühle Wälder war es. Diana zeigte sich gnädig und gönnte den Herren manchen „guten Anblick“ von eleganten Rehböcken, von einem guten Zehnender mit hohem, weit ausgelegtem Geweih. Mehr als ein Dutzend Stück Hochwild ließ die Göttin vorüberwechseln.
Für Berghirsche waren die Geweihträger wirklich gut zu nennen.
Graf Thurn hielt mit anerkennenden Worten für den Heger nicht zurück, doch bat er den „Anblicks“-Gang abzubrechen. „Es berührt auf die Dauer doch schmerzlich, wenn -- die Jagderlaubnis fehlt!“
Hartlieb nickte zustimmend. Aber gute Gams wollte er dem Hofchef noch zeigen. Und dabei erproben, ob Graf Thurn -- steigen könne. Weit war im Gebiet der Haller Mauern nicht zu wandern, aber steil ist dieses hochragende Kalkgebirg. Leicht und geräuschlos, für sein Alter erstaunlich gut und sicher, stieg Graf Thurn, und die Freude an der großartigen Alpennatur, das Interesse für das Krickelwild leuchtete aus seinen Augen.
Nach kaum zweistündigem Aufstieg wurde ein prächtiges Plätzchen erreicht; ein verhältnismäßig breites Latschenfeld, durchzogen von einzelnen grünen Grasflecken, breitete sich aus und zog zu grauweiß leuchtenden Wandeln hinauf.
Hartlieb trat vorsichtig hinter einen Fichtenboschen und lud durch eine leise Kopfbewegung den Begleiter ein, sich an seine Seite zu stellen. Graf Thurn folgte dem Oberförster und stand wie angemauert, als sich vorne ein gelbgrauer Fleck aus dem Krummholz emporschob, ein starker Gams, der ein Weilchen äste, dann aber den Grind hob und mißtrauisch zu äugen begann. Um den Kapitalen wurde es lebendig, sieben, acht Gams kamen aus den Latschen, schüttelten sich die Regentropfen aus der fahlen Sommerdecke, sonnten sich behaglich im warmen Licht und guckten den sichernden Bock verwundert an. Die Kitze hatten Hunger und ästen alsbald, zupften eifrig an den Spitzen der saftigen Gräser, treulich behütet von den Mamas, die immer wieder aufwarfen und auf den kapitalen Bock äugten.
Der herrliche „gute Anblick“ machte den Grafen zittern vor Jagdlust. Hartlieb, an derlei gewöhnt, stand starr wie eine Bildsäule. Thurn verlor die Herrschaft über sich. Eine winzige Bewegung von Kopf und Hand genügte: der Kapitale empfahl sich und verschwand plötzlich in den Latschen, deren Äste über ihm zusammenschlugen und einen Sprühstaub von glitzernden Tropfen in das Sonnenlicht warfen. Eiligst ahmten Geißen und Kitze das Beispiel nach...
Seufzend verließ Thurn diese Stätte und folgte dem Jagdleiter auf der Wanderung zu Tale. Stumm, hochbefriedigt, dankbar. Und mit der Hoffnung in der Brust, daß die Gebieterin vielleicht doch ein Teilchen dieser Idealreviere zur Bejagung freigeben werde...
Zweites Kapitel
Dem Befehl entsprechend war der hünenhafte Jäger Xandl wohl in die obersten Reviere gestiegen, aber mit dem Marsche zum Felsgewirr des „Natterriegel“ eilte es ihm nicht. Viel wichtiger hielt er eine Aussprache mit dem Kollegen Eichkitz, dem er erzählen wollte, was in der Million-Hütte an Neuigkeiten zu hören gewesen war. Deshalb stapfte Xandl pfadlos durch das steinige Gebiet des „Scheibling“ und suchte mit dem Fernrohr das Gstattmaier-Revier ab, hoffend, den Kollegen irgendwo sehen zu können. Diese Erwartung erfüllte sich nicht. Einen Besuch der Pyrgas-Hütte mußte sich Xandl versagen, der Dienst erlaubte eine solche Zeitvergeudung nicht. Und mit dem unerbittlich strengen Jagdleiter Hartlieb war nicht zu spaßen. Aber ein Mittel zur Verständigung des Kollegen wußte Xandl doch: Deponierung einer schriftlichen Nachricht in der tiefer gelegenen Plechauer-Alm, wo Eichkitz sicher in den nächsten Tagen einkehren wird. Der Höhenverlust hatte für einen Jäger nicht viel zu bedeuten. Also stieg Xandl zur Plechauer-Alm herab. In der Hütte traf er den schönen Eichkitz in eifriger Unterhaltung mit der schmächtigen Sennerin Burgl, die einen Schreckensschrei ausstieß, als Xandl plötzlich auftauchte und spottlustig rief: „Tue mir nix, ich tue dir auch nix!“
Eichkitz ließ sich nicht in Verlegenheit bringen, vom Kollegen hatte er keine Unannehmlichkeiten zu befürchten; gelassen meinte er: „Je, der Xandl! Bist natürlich -- dienstlich da, wie ich!“
Die Sennerin benutzte die Gelegenheit, das Kämmerlein zu verlassen, und machte sich vor der Hütte zu schaffen.
„Dienstlich grad nicht! Hab dir einen Zettel bei der Burgl hinterlegen wollen, die große Neuigkeit, wo der Graf Thurn, der wo der Hofchef von der Duhrlauch ist, in der Million-Hütt’n verzählt hat!“
„Schieß los!“ meinte Eichkitz und zupfte an seinem Bärtchen.
„Ja! G’sagt hat er, der Graf, er hätt bis jetzt keine Abschußerlaubnis! Ausschauen tuets akrat so, als tät die Fürstin -- schußneidisch sein! Spannst was, Eichkitz?“
Gelassen erwiderte der hübsche Bursch: „Ich wüßt nicht, warum ich darüber heiß werden sollt! Wir kriegen ja doch keine Abschußerlaubnis! Und ob der Graf jaagern darf oder nicht, das kann uns wurscht sein!“
„Ich bin der Meinung, daß es schief geht, wenn die Duhrlauch schußneidisch ist! Das gang grad noch ab!“
„Bist irrig, Xandl! Ist die Fürstin wirklich schußneidisch, so haltet sie was auf ihre Jagd! Das kann uns nur freuen!“
Xandl schüttelte den Kopf. „Ist überhaupt zwider, daß wir keinen Herrn nimmer haben! Weiberwirtschaft im Jagdbetrieb, der Teufel soll s’ holen!“
„Bist irrig, Xandl! Justament das Weiberregiment g’fallt mir!“
„Ah na! Wird nicht sein! Weiber haben verdammt viel Mucken und Launen!“
„Das schon! Kann auch zuweilen höllisch zwider sein und werden! Aber weil die neue Besitzerin ein Weib ist, kann derjenige nur profitieren, der es versteht, das Weib zu behandeln!“
„Jessas, na! Wie du daherredest so leicht und ausg’schamt! Du bist nur ein Jaager, und sie eine wirkliche Fürstin! Die wird sich in Ewigkeit nicht von dir behandeln lassen! Gstampert wirst katschaus in der ersten Minut, wo du anfangst, frech z’ werden!“
„Bist wieder irrig, Xandl! Von Frech-werden ist keine Red! Im Gegenteil! Demütig sein, katzbuckeln, einschmeicheln, vorsichtig anpirschen, und grad nur das reden, was sie gern hört, die Duhrlauch! Z’viel von der Jagd wird sie eh nicht verstehen! Versteht sie aber gar nix, ist es noch besser! Um so leichter laßt sie sich anbleameln...!“
„Wo der Oberförster so streng und scharf ist!“
„Bist wieder irrig! Ich glaub, die strenge harte Zeit für uns ist bereits vorbei! Und beim Weiberregiment wird der hantige Hartlieb mit sich und seiner Stellung Arbeit g’nug haben! Sauer wird ihm sein Dienst werden! Für uns aber wird es besser und leichter! Wenigstens ich spekulier darauf!“
„Wenn du dich nur nicht verspekulierst!“
„Keine Sorg, Xandl! Auf die Weiberbehandlung versteh ich mich! Der Fürstin wird die b’sonders schwache Seit’n wohl auch und bald abzugucken sein! Da ist mir nicht bang!“
„Tue, was du willst! Ich verbrenn mir die Finger nicht! Und jetzt muß ich springen, muß Dienst machen auf ’m Natterriegel!“
„Dank schön für die Botschaft! Sag nichts, daß wir uns ’troffen haben! Der Hartlieb wird eh immer fuchtig, wenn er merkt, daß Jaager bei Sennerinnen einkehren! Eh schon wissen! Aufs Wiederschauen gelegentlich! B’hüt dich, Xandl!“
„Auch soviel!“ Xandl verließ, die Sennerin kurz grüßend, die Alm in unbehaglicher Stimmung. Für die Art, wie Eichkitz die Lage auffaßte, fehlte es dem Hünen an dem nötigen Verständnisse. Xandl fürchtete sich geradezu vor dem Weiberregimente im Jagddienst.
Eichkitz griff nach Büchse und Bergstock, um den Reviergang fortzusetzen.
Die Sennerin Burgl hantierte am Brunnen und rief spöttisch: „Pressiert es jetzt auf einmal mit dem Dienstmachen? Was haben denn die Jaager so Wichtiges zu verhandeln g’habt?“
„Der Xandl fürchtet sich so vor der Fürstin!“ antwortete ironisch der hübsche Jäger.
Burgl ließ das Wasserschaffl fallen und trippelte auf Eichkitz zu. „Was sagst?“
„Fürchten tuet er sich vor der Duhrlauch!“
„Warum denn? Ist die Fürstin etwa ein harbes Weib?“
„Derweilen wissen wir noch gar nix!“
„Schaden könnt es nix, wenn sie einen gewissen Jaager z’sammenstauchen tät! Von wegen Hoffart und Eitelkeit! Ist ja ganz aus der Art, wie du mit die Weiberleut umspringst! Kein bisserl Achtung vor dem weiblichen Geschlecht! So ein Sausewind! Gleich immer aufs Verführen aus! Schamst dich nicht?!“
„Wüßt nicht warum! Küß d’Hand, gnä Fräuln!“ spottete Eichkitz.
Nun erzürnt, sprang Burgl in die Hütte.
Der hübsche Jäger wanderte über den grünen sonnigen Almboden und lachte in sich hinein: „Wirst schon noch zahm werden, Wildkatzl!“
*
Als der Forstwart Gnugesser sein Falstaff-Bäuchlein zum Wiedschlag auf dem Raschanger hinaufschleppte, seufzend und nach Luft schnappend, warteten bereits zwei spindeldürre Bergbauern auf ihn, der Simerl und der Zangerl, rauchend, mit Tabak ordinärster Sorte die Waldluft verpestend. Und sogleich lamentierten sie, mit dem Warten soviel Zeit verloren zu haben.
In seiner Herzensgüte entschuldigte sich Gnugesser, daß er beim besten Willen nicht früher habe kommen können; der Weg nach Admont und über Hall zurück und zum Raschanger sei weit und beanspruche Zeit. „Dafür soll nun jeder geschwind sein Holz angewiesen bekommen!“
„Nur nix übereilen! Ich bitt, geben S’ mir den Schindelstamm mehr herunten, wo die Bringung leichter ist und nicht soviel Zeit, Müh und Geld kostet! Wo ich den Stamm auch noch zahlen muß!“ meinte der Simerl und begann nun, der Bergsohle zustapfend, einen schönen Baum zu suchen. An jeder Fichte hatte der Bauer etwas auszusetzen, kein Stamm war ihm schön und astfrei genug. Und immer maulte der Simerl: „Wo ich den Stamm zahlen muß!“
Lächelnd mahnte Gnugesser zur Eile und Zeitersparnis. „Such dir die Fichte aus, aber bald! Der Zangerl möchte ja auch heute noch seine Schnitthölzer! Und ich möcht dann meine Ruh bekommen!“
Endlich hatte Simerl einen Stamm gefunden, von dem er glaubte, daß die Fichte zu Schindeln gehe. Simerl nahm die Untersuchung vor, langsam und umständlich, bis festgestellt war, daß der Baum „gut kliebe“. Und nun wollte Simerl den Stamm sofort gefällt haben.
„Mußt schon warten, bis die Holzer von oben kommen! Morgen wird der Stamm gefällt werden! Aber vorher mußt die Tax in der Kanzlei des Oberförsters zahlen!“
Davon wollte Simerl aber nichts wissen. Aus dem Gejammer merkte Gnugesser, daß es dem Bauern darum zu tun war, den Stamm zu erhalten, das Geld dafür aber schuldig zu bleiben. Infolge dieser Wahrnehmung unterließ es der pflichttreue Forstwart, die ausgesuchte Fichte anzuplätzen.
Simerl sah sich durchschaut und ging fluchend heim.
Der gleichfalls zaundürre Zangerl holte die forstamtliche Quittung hervor zum Beweise, daß er den Betrag für drei Schnitthölzer bereits erlegt habe.
„Gut! Dann hat die Auszeigung einer schönen astfreien Tanne keine Schwierigkeit!“ versicherte Gnugesser und machte sich auf die Suche eines besonders kräftigen Baumes.
Da begann aber der Zangerl zu zetern und zu protestieren mit einem ungeheuerlichen Wortaufwand. Mit aller Entschiedenheit wehrte er sich gegen die Zuweisung einer -- Tanne. „Wo ich Holz brauch für den Boden der Schlafkammer. Einen tänneren Boden will ich nicht und nehm ich nicht! In Ewigkeit nicht! Wo ich die Tax bereits bezahlt hab!“
Verwundert fragte Gnugesser, warum denn der Bauer Tannenholz nicht nehmen wolle.
Ein Blick unsäglichen Bedauerns, einer Geringschätzung ob solchen Mangels an Wissen streifte den Forstwart. Im belehrenden Tone erklärte Zangerl: „Will der Herr ein Forstwart sein und weiß nicht, daß im tännernen Holz die Flöh wachsen!“
Gnugesser lachte aus vollem Halse. Und schluckend versicherte er, davon bis jetzt nichts gewußt zu haben.
„Solche Leut sein Förster! Tannenholz erzeugt Flöh, das weiß jeder Bergbauer, nur der Forstwart weiß es nicht! Also die Tann nehm ich nicht! Ich will einen fichtenen Stubenboden!“
Benjamin Gnugesser lachte, daß sein Bäuchlein hüpfte. „Kannst eine astreine Fichte haben! Wir vom Forstamt wollen es nicht verantworten, daß der Zangerlbauer samt Familie von den Flöhen aufgefressen wird!“
Fast eine Stunde verfloß, bis Zangerl eine Fichte gefunden hatte, die seinen Ansprüchen genügte. Dieser Stamm wurde dann vom Forstwart mit dem Plätzhammer gemerkt und zur Fällung angewiesen.
Damit hatte das Tagwerk Gnugessers ein Ende. Müde trollte er hinunter zum Forsthause beim Dörflein Hall.
Ein alter Quadernbau mit neuem Ziegeldache am Sträßlein, beschattet von Fichten; „Steinkasten“ pflegte der Forstwart dieses Dienst- und Wohngebäude zu nennen, in dem er mit seiner ihm vor zwei Jahren angetrauten Gattin Amanda hauste. Forstwarts im Parterre, der Oberförster Hartlieb im oberen Stockwerke, wo sich auch die Forstkanzlei und das Jagdamt befinden. Hier wohnte auch zur Zeit Graf Thurn, dem Hartlieb zwei Zimmerchen hatte abtreten müssen. Straßenseitig befand sich ein Nutzgärtchen, das den Bewohnern des Forsthauses in beschränktem Maße Salat und Gemüse lieferte. Besonders gepflegt sah das Gärtchen aber nicht aus; es entbehrte wohl der sorgsamen Hand.
„Grüß Gott, Weiberl! Da bin ich endlich und nicht wenig müd und hungrig!“ rief Benjamin beim Eintritt in die Stube und hing Hut und Gewehr auf den Kleiderständer neben der Türe.
Frau Amanda zuckte überrascht zusammen und schob hastig eine Zeitung in das Nähkörbchen. „Du bist schon da?“ stieß die junge, blasse Frau aus und erhob sich, um dem Gatten einige Schritte entgegenzutrippeln. Über mittelgroß, sehr schlank, scharf geschnitten das Gesicht und die Nase, eckig die Gestalt -- machte Amanda Gnugesser auf den ersten Moment einen ungünstigen Eindruck; bei näherer Betrachtung offenbarte sich jedoch die überraschende Schönheit des Auges. Große braune Rätselaugen, unergründlich, seltsam leuchtend. Wundervoll auch das rehfarbige Haar in reichster Fülle, nur mangelhaft frisiert, leichthin aufgesteckt, in Unordnung geraten. Im einfachen Kattunkleide sah Frau Amanda einem Dienstmädchen gleich, das durch Vernachlässigung der Toilette gleichgültig jeden Zauber der Weiblichkeit zerstört, weil niemand da ist, für den man sich putzen und schmücken konnte. Aus Kleidung und Körperhaltung offenbarte sich eine Gleichgültigkeit, die geradezu aufreizte, nach der Ursache zu forschen. Nur Benjamin Gnugesser fragte nie danach, er sah die Vernachlässigung, die, wenn nicht zerstörte, so doch geminderte Anmut des Weibes nicht. Er war von Anbeginn durch die Braut nicht verwöhnt worden. Entgegen dem allgemeinen Brauche, daß Mädchen sich vor Männern nur im Zustande einer gewissen Vollkommenheit in der Toilette, Frisur und sehr guter Laune sehen lassen, hatte Fräulein Amanda, damals Lehrerin, sich nie bemüht, ihr Wesen und ihre Erscheinung zu idealisieren oder Illusionen zu erwecken. Sie wollte nicht täuschen. Und als Ehefrau negierte sie rundweg die Behauptung, wonach das Eheglück um so besser gefördert werde, je vollkommener es die Gattin verstehe, den Mann in der Illusion, ein Ideal zu besitzen, ständig zu erhalten. Die Gleichgültigkeit der zum Zölibat verurteilten Lehrerin gegen Kleider, Schmuck, Tand und unzählige Kleinigkeiten hatte Amanda in den Ehestand mitgebracht. Und die Fortdauer dieser Gleichgültigkeit hatte eine bestimmte Ursache.
Scherzend erwiderte Benjamin: „Es ist nur mein Geist, der bei dir erschienen ist. Er hat aber Hunger und Durst!“
„Mußt dich schon gedulden! Die Stunde deiner Heimkehr war mir nicht bekannt, ich muß also erst kochen! Den Durst wirst wohl selber löschen können! Flaschenbier ist im Keller!“
„Dank schön für die Auskunft! Werde gleich in den Keller hinabspazieren! Vorher möcht ich aber wissen, was es zu schnabulieren gibt!“
Mit leichtem Spott sprach Amanda: „Etwas ganz Feines, Kalbsfüße!“
Benjamin schnalzte mit der Zunge, rief: „Nobel, grad nobel!“ und stapfte in den Keller.
Frau Amanda kehrte schnell an den Nähtisch zurück und verschloß die vorhin weggelegte Zeitung gleich einer Kostbarkeit in der Schublade einer Kommode, deren Schlüssel sie einsteckte. Dann begab sie sich in die kleine Küche, wo die Dunkelheit sie zwang, Licht zu machen.
Im dämmerigen Wohnstübchen leerte der Forstwart das Fläschchen Bier, entledigte sich der schweren Bergstiefel, schlüpfte in bequeme Hausschuhe und stellte sich an das offene Fenster, um zu beobachten, wie die Dämmerung mählich in die Nacht überging. Für den Forstmann und Jäger war dieses oft gesehene Schauspiel aber doch etwas langweilig. Auch knurrte der Magen, der Hunger zerstörte die Poesie des Sommerabends. Benjamin wollte sich die Wartezeit verkürzen und irgend etwas lesen. Er steckte die kleine Hängelampe an und nahm von der Kommode den dort liegenden Pack Zeitungen. Und groß wunderte er sich, wie wohl diese Zeitungen, dem Titel nach in Köln erscheinend, in die steierische Bergeinsamkeit und just in das Forsthaus Hall bei Admont gekommen sein mochten.
Eine Weile blätterte er diese Zeitungen durch, sah dann das Datum an und legte die „ollen Kamellen“ geringschätzig weg. Lektüre war sein Fall überhaupt nicht, für alte Zeitungen hatte er aber ganz und gar kein Interesse.
„Dauert das lang, bis die Kalbsfüße kommen!“ brummte der hungrige Förster. In Gedanken entschuldigte er gutmütig die Gattin, die als frühere Lehrerin ungern kochte. Daß Amanda sich so spät am Abend abmühte, Kalbsfüße zu backen, fand Gnugesser sehr nett und dankenswert.
Endlich erschien die Gattin mit der Speise. Krebsrot waren Amandas Wangen, dunkelbraun, fast schwarz gebrannt die Kalbsfüße.
Auf den ersten Blick erkannte Benjamin, daß die Kalbsfüße überhitzt gebacken und wahrscheinlich ungenießbar sein würden. Dennoch lobte er den Eifer und dankte für die Aufopferung. Und zur Belohnung wollte er das zweite Fläschchen Bier der Gattin abtreten.
Amanda lehnte ab mit dem Hinweise, daß sie grundsätzlich den Alkohol meide.
Mit Todesverachtung würgte der Gatte die außen verbrannten, innen fast noch rohen Kalbsfüße hinab und goß mit allerdings verdächtigem Eifer Bier darauf.
Gottlob merkte Amanda nichts, sie saß am Tische, seltsam in Gedanken vertieft.
Den fuchsigen Patriarchenbart glättend, fragte Benjamin, wie denn die Zeitungen aus Köln sich in das Haller Forsthaus verirren konnten.