Unter den Hohen Tauern: Ein Roman aus der Steiermark
Part 19
An einem frostklaren Wintermorgen mit glitzernder Pracht vereinigte in der kleinen Haller Kirche Pater Wilfrid das schöne, glückstrahlende Paar. Und der Trauung wohnte als Brautführer der neue alte Jagdherr Graf Lichtenberg bei, der in seinem Äußern und in der Steierertracht eher einem Jagdgehilfen gleich sah. Aber verflucht jaagerisch sah er aus, auf den ersten Blick erkennbar als echter Weidmann. Und was der Jagdherr nach beendigtem Gottesdienste zur kleinen Festgesellschaft sprach, klang kurz, schneidig und jaagerisch und kündete den Beginn einer neuen Ära: „Die Hauptsache in einem geordneten Jagdbetrieb ist die Pünktlichkeit! Auch zur Schonzeit und für eine Jagdleitersfrau! Jetzt ist es zehni, Punkt zwölf Uhr erscheinen das Brautpaar und alle Festgäste inklusive Pfarrer und Jaagerei in der Villa zum Essen! Alle sind meine Gäste! Daß mir keiner wegbleibt! Inzwischen kann jeder tun, was er mag, nur nicht ins Wirtshaus gehen und vorher essen und trinken; ich hab Sach genug im Haus! Und jetzt schauts, daß aussi kummts beim Loch! Auf Wiedersehen!“ Graf Lichtenberg nickte freundlich, ging aus der Sakristei, bestieg den Schlitten und fuhr in das verschneite, sonnenverklärte Halltal.
Die Hochrufe der freudig überraschten Jägerei klangen ihm nach. Als das Brautpaar am Forsthause vorfuhr, gab es ein großes Geguck, denn zwölf stämmige Treiberburschen und mehrere Leiterwagen harrten der Neuvermählten und begrüßten das Paar jauchzend und jodelnd.
Hartlieb fragte erstaunt, was denn das bedeuten solle.
Und die Antwort lautete: die Leute hätten Befehl, den Umzug des Oberförsters in die neue Wohnung durchzuführen, die Möbel in das Jagdschlößl zu bringen, wo das Paar von nun an wohnen werde.
Ein Jubelruf Martinas ertönte.
Ambros hielt alles für einen Scherz des neuen Gebieters. Aber es war ernst gemeint, eine Hochzeitsüberraschung, allerdings sehr drolliger Art, denn nun hieß es in aller Eile packen, um den Termin zum Diner einzuhalten. „Gottlob hab ich nicht viel im Eigentum!“ meinte lachend Hartlieb, als er seine Habseligkeiten in die paar Kisten stopfte. Die Kanzlei hatt je im Forsthause zu verbleiben. Kurz vor zwölf Uhr fuhren Hartliebs an dem Schlößl vor, empfangen von Exzellenz, die sich vor Lachen krümmte über das Gelingen der aparten Überraschung. Galant half Graf Lichtenberg der jungen Frau aus dem Schlitten. Und Martinas Arm nehmend, geleitete er die Braut in die Wohnräume Hartliebs im Parterre. Beim Anblick des neuen behaglichen Mobiliars, alles niegelnagelneu und ebenso komfortabel wie praktisch, schrie Martina vor Wonne.
Und Hartlieb in seiner Überraschung stotterte: „Aber, Exzellenz! Soviel Gnade verdiene ich ja nicht!“
„Still! Was Sie verdienen oder nicht, das zu beurteilen ist meine Sache! Während wir hochzeitlich speisen, bringen die Treibervölker die sieben Zwetschgen des verflossenen Junggesellen! Später kann sich das Brautpaar mit Auspacken und Einräumen die Zeit vertreiben; das zu viele Balzen taugt nix! Frau Hartlieb kann sich überzeugen, daß alles da ist: Wäsche aller Art in den Kästen, Geschirr in der Küche, auch die Betten sind nicht vergessen worden, zwei Betten natürlich! Gehen wir essen!“
„Einen Augenblick, Exzellenz!“ rief glückstrahlend Martina, trippelte in die neue Wohnung und öffnete die Türe des Wäscheschrankes und jubelte, als sie die reiche Ausstattung sah.
Vergnügt zwirbelte Graf Lichtenberg den grauen Bart. Und nun flatterte Martina auf ihn zu und rief lachend und vor Freude weinend zugleich: „Dank, tausend Dank von ganzem Herzen! Ich muß Exzellenz ein Dankesbusserl geben, ich kann nicht anders! Der Ambros erlaubt es schon!“ Und schwupp hing Martina am Halse des Jagdherrn und küßte ihn.
„Danke! Ist nicht ohne, so ’ne Balz! Fühle mich reich belohnt für die kleine Überraschung! Nun aber -- Pünktlichkeit! Marsch fort, hinauf zu Tisch!“
Hartlieb wollte danken.
„Still! Hinauf! Immer Pünktlichkeit, auch beim Essen!“
Als die Sonne schied, fuhr Graf Lichtenberg nach Admont. Sehr vergnügt darüber, sein Teil beigetragen zu haben, zwei Menschen sehr überrascht und glückselig gemacht zu haben.
Das Hoffräulein verwandelte sich in eine richtige Jägersfrau und liebte den tüchtigen Gatten und hing mit ganzer Seele an der herrlichen Bergwelt von Admont.
Ende
Paetels Roman-Reihe
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End of Project Gutenberg's Unter den Hohen Tauern, by Arthur Achleitner