Unter den Hohen Tauern: Ein Roman aus der Steiermark

Part 18

Chapter 183,511 wordsPublic domain

Die Fürstin holte tief Atem. „Noch einen Augenblick, liebe Gussitsch! Sie müssen ja doch wissen, um was es sich handelt! Der Kummer will nicht enden in meinem Hause! Ein Sorgenkind ist mein Sohn! Erst die unglückselige Affäre Emils mit -- meiner Hofdame, dann die Flucht, und jetzt teilt mir mein Sohn mit, daß er sich mit Komtesse Isotta Thurn gegen den Willen des Vaters verlobt habe! Emil erbittet meine Zustimmung, Graf Thurn hingegen bittet um sofortige Entlassung! Herr des Himmels, was soll ich tun in dieser Situation! Es ist mir peinlich, den Pater Wilfrid belästigen zu müssen, aber ich benötige seinen Rat! Was denken Sie, liebe Martina, über den schmerzlichen Fall, über Emils unbegreifliches Verhalten und Vorgehen? Bitte, sagen Sie offen Ihre ehrliche Meinung!“

Martina zögerte.

Doch die Fürstin bat flehentlich in ihrer Bedrängnis. „Vielleicht, nein: gewiß findet der Frauensinn, das weibliche Empfinden den richtigen Weg besser als jeder Mann! Ich bitte Sie, liebe Martina, herzlich um Bekanntgabe Ihrer Auffassung!“

Nun mußte das Hoffräulein wohl oder übel der Bitte, die einem Befehl glich, nachkommen. Martina machte aufmerksam, daß es sich nun um eine ernste Angelegenheit handle, daß eine Verweigerung der erbetenen Zustimmung den energisch gewordenen Prinzen auf einen Weg drängen werde, der zu einer gewalttätigen Durchsetzung seines Willens führt. „Nach meiner allerdings unmaßgeblichen Meinung scheint Prinz Emil fest entschlossen zu sein, die Komtesse Thurn zu ehelichen, auch gegen den Willen der Fürstinmutter und des Grafen Thurn! In diesem Entschlusse liegt die Gefahr einer kompromittierenden Gewalttat! Es zeugt von Liebe, daß Prinz Emil die Mama um Zustimmung bittet...!“

Ächzend rief die Fürstin: „Die telegraphische Bitte kann aber ebensogut als eine Nötigung, als ein Ultimatum aufgefaßt werden!“

„Allerdings! Unzweifelhaft ist Prinz Emil zum Äußersten entschlossen! Er wird seinen Willen unter allen Umständen durchsetzen! Wird die erbetene Zustimmung verweigert, so gestaltet sich die Situation erst recht mißlich, der Protest bleibt wirkungslos, ebenso eine etwaige Androhung der Enterbung!“

„Emil besitzt ja keine Mittel, er kann doch gar nicht heiraten! Und die Komtesse muß doch so vernünftig sein, zu erkennen, daß diese unglückselige Heirat einem Sprung ins Dunkle, ins Elend gleichkommt!“

„Verzeihung, Durchlaucht! Ein liebend Weib scheut diesen Sprung nicht, geht mit dem Geliebten vereint, so es sein muß, auch in den Tod! Prinz Emil und Komtesse Thurn lieben sich ehrlich und heiß, daher diese eiserne Entschlossenheit, dieser Mut, gegen alle Hindernisse anzukämpfen! -- Was die erwähnte momentane Mittellosigkeit anbelangt, so hat sie nicht viel zu bedeuten; ein Prinz Schwarzenstein wird rasch Geldgeber finden, Name und Rang verschaffen Kredit! Allerdings wird Prinz Emil auf diese Weise in Wuchererhände geraten, und die fürstliche Privatschatulle wird schwere Opfer bringen müssen, um den Prinzen aus den Wuchererhänden zu befreien! Was aber in der Brust des Prinzen verbleiben und wie ein Stachel wirken wird, das wird die Verbitterung, der Trotz, wenn nicht Haß sein! In dieser Erwägung dürfte es sich empfehlen, allen Komplikationen und Konsequenzen ein Ende zu machen durch Gewährung der Bitte...!“

„Ich soll also zustimmend antworten?“ Fast tonlos und schwer seufzend sprach die Fürstin diese Worte.

„Ja, Durchlaucht! Die Liebe der Mutter zum Sohne kann auch dieses Opfer bringen!“ sprach offen, in erquickender Ehrlichkeit Martina. Und hellen Tones fügte sie bei: „Was den Entschluß zur Opferdarbringung erschwert, ist lediglich der Gedanke, daß ein Ultimatum gestellt wurde! Jedes Ultimatum reizt zum Widerstande, weckt Entrüstung; besonders aufreizend wird ein Ultimatum dann sein, wenn es vom Kinde gegen die eigene Mutter gerichtet wird! In diesem Falle muß aber die Mutterliebe größer sein als die an sich berechtigte Entrüstung! Die Liebe kann alles, sie überwindet alles! Das Größte, das Heiligste ist die Mutterliebe, größer, heißer und opferwilliger als die Liebe des Weibes zum Manne, denn die Mutter liebte den Sohn ja schon von der Stunde an, da sie ihm das Leben gegeben! Können sich Durchlaucht zu dem großen Opfer aufraffen, der Lohn wird groß, schön und beseligend sein, denn die Mutter gewinnt die Liebe des Sohnes wieder, weckt die Dankbarkeit in der Kinderbrust, gewinnt eine dankbare Tochter dazu!“ Martina hatte sich warm gesprochen, Tränen liefen ihr über die Wangen.

Die Fürstin schluchzte. In tiefer Bewegung reichte sie dem Hoffräulein die Hand, und weinend dankte sie für die Anteilnahme, für das Mitempfinden in schwerer Stunde. Martina küßte die Hand der seelisch erschütterten Frau.

Und die Fürstin zog das tapfere Mädchen gleich einer Schwester an sich, legte den Arm um Martinas Nacken und lehnte das tränenfeuchte Antlitz an die Schulter der in dieser Viertelstunde zur Freundin gewordenen Hofdame. Und leise sprach die hohe Frau: „Ich habe den Sohn verloren, durch Sie kann ich ihn wiedererhalten! Drum will ich tun, was Sie mir raten!“ Langsam, zart und weich löste Sophie die Umarmung. Dann diktierte sie Martina zwei Depeschen, die Zustimmung zu Emils Verlobung mit Isotta und die Ablehnung der Bitte Thurns wegen der Demission.

Während des Schreibens war Martina dem Heulen nahe, so mächtig wirkte das von der Mutterliebe gebrachte Opfer auf die eigene Seele. Dicke Zähren tropften auf das Papier. Und auch die Fürstin hatte viel an den Augen zu wischen. Doch ziemlich gefaßt bat sie dann, es möge Martina nach Admont fahren und die Depeschen als dringend aufgeben.

Martina erhob sich, steckte die Telegramme ein und öffnete den kleinen Mund, so daß die Marderzähnchen blinkten. Wollte reden und wagte es nicht...

Gütig und weich fragte Sophie: „Wollen Sie mir noch etwas sagen?“

Jetzt war der wichtige Moment da, es muß gesprochen werden. Tapfer richtete sich das zierliche hübsche Fräulein auf, trippelte auf die Fürstin zu, küßte ihr demütig die Hand und bettelte innigen, zu Herzen gehenden Tones: „Verzeihung, Durchlaucht! Darf mich Herr Hartlieb im Wagen begleiten?“

Verwundert blickte Sophie auf und sprach: „Wenn Sie es wünschen, warum denn nicht? Hat denn der Oberförster zu tun in Admont?“

„Einiges zu besprechen hätten wir! Ich muß beichten, Euer Durchlaucht gestehen, daß wir uns -- verlobt haben! Und so bitte ich denn in schuldiger Demut und Ehrerbietung um die Erlaubnis...“

Wohl verriet der Blick der Fürstin großes Staunen, eine schmerzliche Überraschung und Enttäuschung, doch gütig und mild sprach die hohe Frau: „Möge Ihnen alles irdische Glück beschieden sein, das wünsche ich Ihnen von Herzen! Wir sprechen noch darüber! Doch jetzt schon bitte ich Sie, schieben Sie die Trauung noch etwas hinaus, lassen Sie mich nicht allein! Eine Verschiebung, bis die Kinder hier und getraut sind! Ja, bitte? Und nun eilen Sie nach Admont der Depeschen wegen! Emil wird sehnsüchtig auf meine Einwilligung warten!“

„Untertänigsten Dank!“ jubelte Martina, küßte der Gebieterin die Hand und wirbelte gegen jede Hofetikette davon.

Sophie setzte sich an das Fenster und blickte hinüber zum nebeldurchzogenen schweigenden Bergwald. Jetzt wußte die einsame Frau, wer dem Hoffräulein die ergreifenden und hinreißenden Worte in den Mund gelegt hatte: die Liebe! Wer selbst liebt, kann beredt von Liebe sprechen! Und viel besser, wärmer und überzeugender als der sonst so redegewandte Hofpfarrer Pater Wilfrid...

Auf leisen Sohlen kam die Kammerfrau Hildegard, um nach Wünschen zu fragen. Und Gift spritzen wollte die um eine Lebenshoffnung gebrachte Witib, hetzen, die Heirat, wenn irgend möglich, hintertreiben.

Kaum merkte die Fürstin, worauf Hildegard zielte, da winkte die Gebieterin ab und sprach: „Ich weiß davon und wünsche der braven Gussitsch alles Glück! Du kannst gehen!“

Vierzehntes Kapitel

Seit Tagen schneite es mit geringen Unterbrechungen. Die Fichten rings um die Villa im Halltal trugen weiße Zipfelmützen und waren in helle Mäntel gehüllt. Trotz des grau verhängten düsteren Himmels war es licht ringsum geworden, der Schnee leuchtete in die Zimmer.

Wieder saß Fürstin Sophie am Fenster ihres behaglich erwärmten Boudoirs und blickte sinnend hinüber zum Bergwald, der still und geduldig die ins dunkelgrüne Geäst fallende weiße Last entgegennahm und ergebungsvoll trug. Still und geduldig! Auch die jungen Fichten und Tannen, die der schwere Schnee drückte, niederbeugte, sie trugen die Last so gut sie konnten...

Im Anblick der winterlichen Natur kam der einsamen Fürstin das schöne Gedicht Halms in den Sinn:

„Sei stark mein Herz! -- Ertrage still Der Seele tiefes Leid; Denk, daß der Herr es also will, Der fesselt und befreit. Und traf dich seine Hand auch schwer, In Demut nimm es an; Er legt auf keine Schulter mehr, Als sie ertragen kann.“

Vor dem geistigen Auge zogen die Ereignisse der jüngstverflossenen Zeit vorüber: die Rückkehr des glückstrahlenden Sohnes, an seiner Seite die Braut in gedrückter Stimmung, scheu und verschüchtert, sich vor der Mama des Bräutigams fürchtend. Gedrückt auch Graf Thurn, dem vom alten ehrlichen Gesicht abzulesen war, wie sehr er litt unter dem Druck der Schicksalsfügung.

Sophie fühlte noch immer die bangen Minuten, da die Augen von Vater und Tochter auf sie gerichtet waren, flehend um Gnade und Verzeihung. Und wie damals klopfte auch jetzt noch das Herz in Erinnerung. Wie schwer war es doch, das rechte Wort zu finden, die Autorität zu wahren, zu rügen, ohne weh zu tun, fühlen zu lassen, welch großer Schmerz der Mutter zugefügt worden war. Ein schwerer Kampf um das rechte Wort war es, aber das Wort hatte die Mutter nicht gefunden, überhaupt nichts gesprochen. Den Sohn umarmt und geküßt, nach ihm die Komtesse verzeihend an die klopfende Brust gezogen. Wodurch ein Tränenwildbach aus Isottas Augen entfesselt wurde.

Richtig gehandelt mußte die Mama doch haben, denn nie im Leben war sie so innig geküßt worden...

Dem alten treuen Hausmarschall hatte die Fürstin die Hand gereicht, auf die Thurn einen Kuß drückte, viel zu lang, vielsagend, in unaussprechlicher Dankbarkeit.

Damit war das Schwerste, der Empfang der Heimgekehrten, überwunden.

Leben ins Haus brachte der quecksilbrig gewordene Sohn. Welchen Wandel hatte doch Emil durchgemacht! Erst ein Träumer, schläfrig, geistig zurückgeblieben zum Jammer der Mutter. Und dann das Erwachen zu einem impulsiven Menschen. Und was die Mutter ersehnte: stahlharte Energie, Emil erwarb sie sich; allerdings zu früh und nicht eben auf einem erwünschten Wege.

Sophie gedachte der Trauung im Haller Kirchlein. Eine sehr schlichte Feier unter Ausschluß aller Öffentlichkeit. Sehr ergreifend und für die Fürstin schmerzlich, weil sie den Gedanken an eine Mesalliance nicht loswerden konnte. Eine Enttäuschung blieb diese Heirat doch. Eine Bedrückung der Seele. Die Last mußte getragen werden. Und sie wird weiter getragen in der Hoffnung, daß die Ehe eine glückliche werde.

Viel Enttäuschungen, zuviel! Für Emil war das Haller Jagdgut gekauft worden... Auf die Schwarzensteinsche Herrschaft in Böhmen will er sich nach der Hochzeitsreise zurückziehen und seinen Kohl selber bauen. Ein reines Ökonomiegut, ohne Jagd.

Sophie fragte sich, ob denn sie selbst ein nennenswertes Interesse für die Jagd entwickelt hatte. Und sie mußte diese Frage rundweg verneinen. Allerdings gab es auch viele Ablenkung und Hindernisse. Ein Jagdgut, auf dem das Weidwerk nicht ausgeübt wird, gehört wohl in andere Hände...

Martina kam und meldete sich zum Dienst. Mit roten Backen vom Spaziergange in frischer Schneeluft, munter und seelenvergnügt bei allem höfischen Respekt.

Wie welk und alt fühlte sich Sophie beim Anblick Martinas, die seit der Verlobung vor Glück strahlte... Die Trennung von dem Hoffräulein wird schwerfallen.

„Was bringen Sie mir?“ fragte die Fürstin müden Tones.

„Gute Nachricht, Durchlaucht! Hartlieb verbürgt für morgen herrliches, frostklares Wetter und läßt durch mich Durchlaucht inständig bitten, mit ihm zum Scheiblingstein hinaufzusteigen! Die Gamsbrunft ist im besten Gange, die Böcke treiben hitzig, es wird eine gute, erfolgreiche Pirsch geben!“

Lächelnd erwiderte Sophie, indem sie auf Martina zuschritt: „Ei, ei! Welche Wandlung bei Ihnen! Wenn mich nicht alles täuscht, hatten Sie früher nicht das geringste Interesse für Hochgebirg und Jagd! Und jetzt bedienen sie sich sogar der Weidmannssprache!“

Martina senkte das purpurn erglühende Köpfchen und sprach leise: „Es ist richtig, daß ich geglaubt habe, mich nie mit dem Jagdwesen befreunden zu können...! Aber die Zeiten ändern sich...“

„Und wir mit ihnen! Bei Fräulein von Gussitsch ist der Wandel sehr begreiflich; die Braut eines Jagdleiters muß ja dem Berufe des Bräutigams und Gatten warmes Interesse entgegenbringen!“

„Werden Durchlaucht morgen ins Revier Scheiblingstein hinaufsteigen? Ich bitte untertänigst um Bescheid, um Hartlieb verständigen zu können!“

„Besondere Lust verspüre ich nicht, glaube auch nicht an den Eintritt frostklaren Wetters bis morgen!“

In begeisterten Worten empfahl Martina den Aufstieg ins Gamsrevier, einen wenn auch nur kurzen Aufenthalt in der Höhenwelt mit ihrer Winterpracht, um die Sorgen zu bannen und frischen Lebensmut wiederzugewinnen.

„Ei ei! Sie wünschen wohl, mich begleiten zu können? Genauer gesagt: Martina ersehnt diesen winterlichen Jagdausflug natürlich aus rein ‚jagdlichen‘ Motiven! Gott, wie sie lügen kann und heucheln, die brave Martina!“ Die Fürstin drohte mit erhobenem Zeigefinger und lächelte.

„Nein, Durchlaucht! Ich will und kann nicht lügen! Also gestehe ich ehrlich ein: Gams schauen möchte ich, Durchlaucht begleiten, und freuen würde ich mich von Herzen, wenn die Pirsch und der Aufenthalt hoch oben Euer Durchlaucht so froh machen könnte, wie -- mir ums Herz so fröhlich ist!“

„Danke! So froh und lebensfreudig wie die junge Martina kann die alte Frau nicht werden! Aber die Freude will ich Ihnen machen, will also Ihren und Hartliebs Wunsch erfüllen! Veranlassen Sie alles Weitere!“

„Untertänigsten Dank! So darf ich also Hartlieb gleich verständigen?“

„Natürlich! Springen Sie hinüber zum Forsthause!“

„Das ist gar nicht nötig, denn Hartlieb erwartet unten den Bescheid!“

Sophie lachte belustigt. „Ist das eine verliebte Bande! Aber zu den ganz Schlauen gehört meine Martina doch nicht! Würden Sie den Bescheid ins Forsthaus tragen, so hätten Sie doch Zeit und reichlichen Anlaß zu einer ‚Aussprache‘ in der Jagdkanzlei!“

„Ich komme ja vom Forsthause, und Hartlieb hat mich zum Schlößl begleitet! Es ist alles von uns besprochen und abgekartet! Verzeihen Durchlaucht diese Heimlichkeit und Verschlagenheit!“

„Ei, wie schlau! Und daher die roten Bäcklein! Na, springen Sie hinunter! Adieu!“

*

Zum Abend kam Graf Thurn von einer kleinen Dienstreise zurück, und vor dem Diner hatte er eine längere Besprechung mit der Gebieterin.

Die Audienz endete mit einer Einladung zur Gamspirsch, die den Hausmarschall sehr erfreute, aber auch ernst stimmte.

Einer gewissen Wehmut konnte sich auch die Fürstin nicht erwehren, doch die hohe Frau überwand sie und sich. „Ein letztes Mal, Graf! Es muß sein! Und für die Reviere sowie auch für die Beamten wird es besser sein, wenn...! Genug davon! Sie speisen mit uns, lieber Graf! Wir wollen uns gegenseitig trösten in unserer Vereinsamung! Und noch eins: Am Tage der Hochzeit Martinas reisen wir ab und nehmen Winterquartier in Wien!“

„Zu Befehl, Durchlaucht!“

*

War das eine Pracht oben zwischen Pyrgas und Scheiblingstein, als die Sonne aufging und ihre rotgoldigen Strahlen die verschneiten Bergkolosse umwoben und in feurige Lichtbündel hüllten! Die Kämme mit dem flimmernden Hermelin verwandelten sich in flüssiges Gold, und darüber wölbte sich der Himmelsdom, prangend im schönsten Azurblau!

Dank des sehr frühen Aufbruches noch vor Morgendämmerung hatte die Jagdgesellschaft unter Führung Hartliebs die Pyrgas-Hütte, in der ein Jagdgehilfe die Öfen speiste, erreicht, ehe der Schnee von der Sonne weich gemacht worden war.

In der Hütte wurde ein Frühstück eingenommen und dabei der Jagdplan bekanntgegeben. Die Damen führt Hartlieb, den Grafen Thurn der Jäger.

Alsbald wurde aufgebrochen, und zwar in nahezu entgegengesetzter Richtung. Hartlieb bat um größtmögliche Ruhe und völlige Schweigsamkeit. Ein liebevoller Blick flatterte zu Martina, die im Jagddreß allerliebst aussah. Dann war Hartlieb nur noch Führer und Fachmann. Etwas schwerfällig stapfte die Fürstin hinterdrein in elegischer Stimmung.

Eine Stunde später standen die Damen mit Hartlieb vor einer ziemlich breiten Mulde, wo es von Gams wimmelte. Und was für gute Gams! Und viel Leben!

Trieb hier ein starker Bock einen Rivalen in sausender Fahrt aus dem Machtbereiche, unweit davon suchte ein anderer Bock ein Rudel anzupirschen, das ein Kapitaler beherrschte und bewachte. Am Muldenrande stand ein sehr guter Bock, prüfte den Wind, der aufwärts strich im Sonnenlichte, und zog die Oberlippe hinauf, wie es alle Brunftböcke tun, wenn sie sich von der Witterung überzeugen wollen. Und davon mußte er nicht genügend in den Windfang bekommen haben, denn er blieb stehen und äugte forschend nach den benachbarten Rudeln. Dann schüttelte er die dicke schwarze Winterdecke, so daß der stattliche gereimelte Bart auf dem Rücken hin und her wackelte.

Köstlich war dieser gute Anblick. Martina saß auf einem Felsblock in größerer Entfernung und schwelgte im Genuß, der sich steigerte, als sie zwischen den Gemsen etliche Steinhühner gewahrte, die sich ihr Gefieder putzten und dann so geschäftig zwischen den Gemsen hin und her liefen, als hätten sie wunder was und enorm viel zu tun. Hoch über der Mulde kreisten Kolkraben und ließen ihren Ruf ertönen: Krook, krook!

Noch immer stand der Kapitale wannenbreit in einer Distanz von etwa fünfzig Metern. Hartlieb deutete durch einen Blick an, daß die Fürstin schießen solle.

Während sich Sophie fertigmachte, scharrte der Bock den Schnee weg.

Der Schuß fiel. Der Kapitale verhoffte, äugte und schien sich über die Schußrichtung nicht klar zu sein. Aber mit der Ruhe in der Mulde war es nun vorbei, Geißen und Kitze wurden erregt und begannen zu pfeifen, und mit einem Male waren nur die Spiegel zu sehen, die ganze Gesellschaft suchte in gewaltigen Fluchten Schutz in den verschiedenen Latschendickungen, von denen das Schmelzwasser tropfte. Auch der Kapitale war mitgegangen in eleganter Flucht; doch der Schwarze kehrte bald um, zog der Fürstin entgegen und blieb in Nähe eines Krummholzgestrüppes stehen.

Wieder gab die Fürstin Feuer, die Kugel warf den Kapitalen um, doch kam er rasch wieder auf die Läufe, blieb aber schwerkrank mit gekrümmtem Rücken stehen. Aus dem Latschengestrüpp fuhr ein schwarzer Teufel heraus, und sehr interessiert untersuchte er die Schweißfährte des Schwerkranken und stieg dann um den Kameraden in Haltung der Brunftböcke herum, bis der Kranke sich wegschleppte und dann niedertat.

Was sich nun ereignete, empörte die Fürstin und versetzte sie in Wut.

Der gesunde Schwarze stürzte auf den schwerkranken Kameraden und suchte ihn aufzutreiben. Vergebens, denn es fehlte bereits an Kraft. Blitzesschnell schlug nun der Gesunde die Krickeln in die Drossel des Kranken, zerrte und riß ihn nach vorne etwas in die Höhe. Der Gepeinigte klagte laut, worauf der Gesunde von seinem Opfer abließ. Doch nur für wenige Augenblicke war Ruhe. Erneut fuhr der Teufel auf den im Verenden liegenden Kameraden los.

Jetzt feuerte die Fürstin mit ihrem Repetierstutzen mehrmals, Schuß auf Schuß, zu hoch, zu tief und daneben. Eine Kugel faßte den Teufel aber doch, links vom Blatt. Ein Sprung in die Höhe, ein rasend schnelles dreimaliges Drehen im Kreise, dann stürzte der schwarze Bursch und schlegelte mit den Läufen. Er hatte genug. Die Fürstin aber schrie wie toll...

Damit endete diese Pirsch. Mit einem gewaltigen Verdrusse, denn die Fürstin war außer sich wegen der Roheit des Gamsbockes. Und dieser Verdruß erleichterte später in der Pyrgas-Hütte die Mitteilung an Hartlieb, daß das Jagdgut unter ziemlichem Verlust, jedoch mit der Bedingung: Übernahme aller Beamten und Bediensteten in jetziger Gehalts- und Lohnhöhe seit gestern verkauft sei. Ein Erschrecken, wenn nicht Entsetzen des Brautpaares hatte Fürstin Sophie erwartet. Das Verhalten Hartliebs wie Martinas enttäuschte in dieser Beziehung, das Brautpaar blieb gelassen und nahm die inhaltsschwere Mitteilung ruhig entgegen.

Hartlieb bat nur, ihm in Gnaden zu sagen, wer der Käufer sei.

„Der frühere Pächter Graf Lichtenberg, zur Zeit Pächter der stiftischen Jagdgründe im Triebental!“

„Untertänigsten Dank!“ Kein Wort mehr darüber äußerte Hartlieb. Aber sein an die sehr überraschte Braut gerichteter Blick kündete eine unaussprechliche Freude.

Martina senkte die Lider, um das Frohlocken über diese Freudenbotschaft zu verbergen.

Graf Thurn kehrte von der Pirsch zur Hütte zurück, der Jagdgehilfe trug zwei gute Böcke. Innig dankte der Hausmarschall der Gebieterin für die Abschußerlaubnis. Und mit wehmütiger Freude nahm er aus den Händen Hartliebs den grünen Latschenbruch entgegen. War es doch für Thurn der letzte Jagdgang im Haller Revier gewesen...

Am Abend im Jagdschlößl äußerte die Fürstin dem Grafen Thurn gegenüber ihr Befremden darüber, daß der Jagdleiter Hartlieb die Mitteilung vom Verkauf der Herrschaft Hall so überraschend gelassen hingenommen habe. Keine Spur von Trauer oder Schmerz über diesen doch sehr einschneidenden Wechsel. Und sie fragte den Hausmarschall, wie diese befremdende Gleichgültigkeit, der Mangel an jeglicher Anhänglichkeit, zu erklären sei.

Diese Frage versetzte den alten Hofbeamten in eine nicht geringe Verlegenheit. Unmöglich war es, die Wahrheit zu sagen, unmöglich darauf hinzuweisen, daß es für den Jagdbeamten geradezu eine Wonne sei, einem sachkundigen weidgerechten Jagdherrn zu dienen, noch dazu dem Grafen Lichtenberg, dem Kenner der Reviere, dem bereits als grundtüchtigen Jäger wohlbekannten und hochgeschätzten früheren Pächter. Unmöglich konnte Thurn sagen, daß Hartlieb nach all dem seither im Dienste Erlebten den Verkauf geradezu als Befreiung aus unerquicklichen Verhältnissen empfinden und bejubeln muß. Aus der Verlegenheit zog sich Graf Thurn aalglatt mit der Versicherung, daß der Brautstand des Paares den Schmerz über den Wechsel, den Kummer über den Verlust der so gnädigen Gebieterin paralysieren werde. Das Brautpaar habe wohl nur das bevorstehende Eheglück vor Augen...

Mit dieser diplomatischen Antwort gab sich die Fürstin zufrieden. Eine leise Verstimmung mochte aber doch zurückgeblieben sein, denn Sophie gab Befehl zur Übersiedlung nach Wien noch vor der Trauung des Paares.

Als die Fürstin die Bestürzung Martinas gewahrte, siegte die Herzensgüte aber doch über die Verstimmung und ließ die hohe Frau sprechen: „Sie sollen nicht obdachlos werden, liebe Martina, ehe Sie den Schutz des Gatten erhalten! Ich nehme Sie mit nach Wien, denn ich benötige die Hofdame dringend zur Auswahl der Hochzeitsgeschenke! Zur Trauung fahren Sie dann nach Hall! Ist’s recht so?“

In aufquellender Dankbarkeit küßte Martina der herzensguten Fürstin die Hand.

Als Hartlieb diese Neuigkeit erfuhr, machte er zwar einen langen Hals und guckte verdutzt, aber er fügte sich sogleich der Anordnung und in die kurze Trennung von der Braut.

In aller Stille verließ die Fürstin mit Gefolge das Jagdgut...