Unter den Hohen Tauern: Ein Roman aus der Steiermark

Part 16

Chapter 163,523 wordsPublic domain

Das Hochamt begann und wurde wie an Sonntagen zelebriert bis zum Evangelium. Wie dieses aber gesungen wurde, ertönte die schrille, im ganzen Kloster vernehmbare Konventglocke, die alle Patres des Stiftes zusammenrief.

Wohl fünf Minuten gellte diese Glocke, dann verstummte sie.

Der Prior am Hochaltare stimmte das „Kredo“ an, das dann der Musikchor zu Ende sang.

Nun trat Schweigen im Dome ein. Tiefes, feierliches Schweigen.

Aus der Sakristei kam der Zug der Stiftsherren, paarweise, voran die jüngsten Patres, dann die älteren, die alten mit dem Schnee auf dem Haupte oder kahlköpfig; alle bekleidet mit dem weiten, faltigen, schwarzen Ordenskleide mit Kapuze, zuletzt schritt der Abt mit goldenem Brustkreuz an schwerer Kette, auf dem Haupte die Mitra, in der Hand den silbernen Stab.

Im Presbyterium bildeten die Patres Spalier, durch das der Abt mit seinem Zeremoniar schritt. Dann betrat der Abt die Stufen des Hochaltars und nahm Platz auf dem für ihn bereitgestellten Stuhle.

Der Prior mit seiner Assistenz stand auf der Epistelseite vor den Sitzen.

Nun waltete der Spiritual seines Amtes, indem er Nonnosus, der die Pergamentrolle in der zitternden Rechten trug, zum Abte geleitete. Hier kniete Nonnosus nieder und reichte die Urkunde entfaltet dem Abte, der sie entgegennahm und dem Profitenten zum Ablesen vorhielt.

Nonnosus bekreuzte sich und las den lateinischen Text der Profeßformel mit dem Schlusse: „_In huius rei testimonium praesentem schedulam manu propria scripsi._“ (Zum Zeugnis dessen hab ich gegenwärtige Urkunde mit eigener Hand geschrieben.)

Langsam und würdevoll sprach der Abt: „_Haec tibi servanti vitam aeternam promitto!_“ (Wenn du dies beobachtest, verspreche ich dir das ewige Leben.)

Nonnosus stand auf, trug die Urkunde zur Epistelseite des Hochaltars. Dann kehrte er zum Stuhle des Abtes zurück und kniete wieder nieder.

Abt Beda sprach ein Gebet über den Profitenten, erhob sich von seinem Sitze und blieb stehen, bis der vom Spiritual geleitete Nonnosus das Ende des Presbyteriums erreichte. Hier knieten beide nieder und sangen den Psalmvers: „_Suscipe me, Domine, secundum eloquium tuum et vivam, et non confundas me ab expectatione mea._“

Der ganze Konvent, alle Patres sangen diesen Vers im gleichen Tone nach.

Nun standen Nonnosus und der Spiritual auf, gingen bis in die Mitte des Presbyteriums, knieten hier nieder und sangen den Vers um einen Ton höher.

Der Konvent wiederholte den Vers gleichfalls in erhöhtem Tone. Der Spiritual führte den Profitenten nun bis zur untersten Stufe des Hochaltars, wo zum drittenmal und wieder um einen Ton höher der Vers gesungen, vom Konvent dann wiederholt wurde. Und ergreifend klang der vom ganzen Kapitel gesungene Schluß: „_Gloria Patri et Filio et Spiritui sancto. Sicut erat in principio et nunc et semper et in saecula saeculorum. Amen._“

Nochmal segnete der Abt den vor dem Hochaltare knienden Profitenten und sprach über ihn Gebete. Dann schritt Abt Beda zur Epistelseite und weihte die dort niedergelegten neuen Ordenskleider für den Profitenten. Hierauf kniete der Abt auf der obersten Stufe des Altares nieder und stimmte den Hymnus an: „_Veni creator spiritus_“. Der Musikchor sang den Hymnus weiter.

Feierlich gestaltete sich die Abnahme des bisherigen Skapuliers und Bekleidung des Profitenten mit einem neuen, _ad hoc_ geweihten Skapulier seitens des Abtes, der dann Nonnosus die Hand reichte und ihm auf beide Wangen den Bruderkuß gab. Während der Abt mit Mitra und Stab in der Mitte des Altares stehenblieb, vollzog sich die Zeremonie des Bruderkusses, indem Nonnosus mit dem Pater Prior und allen Kapitularen den Kuß tauschte.

Laienbrüder trugen ein schwarzes Bahrtuch in das Presbyterium und breiteten es in der Mitte des Presbyteriums aus, just an der Stelle, unter der sich die Totengruft des Konventes befindet. Auf das Bahrtuch gegen den Altar zu wurde ein schwarzes Kissen gelegt.

Nonnosus küßte den jüngsten Pater und schritt dann langsam zum Bahrtuch, zog die Kapuze über den Kopf und legte sich der Länge nach auf das schwarze Tuch, drückte das blasse Gesicht auf das Kissen und blieb regungslos liegen.

Im selben Augenblick ertönte die große Sterbeglocke dumpf in schweren Schlägen, ernst und feierlich, mahnend, daß der auf dem Bahrtuche und so nahe der Totengruft liegende Profitent nun der Welt abgestorben sein soll und muß...

Ein schwaches Zucken lief durch den Körper des Pater Nonnosus, der die zum Gebet gefalteten Hände fester aneinanderpreßte. Kam ihm doch in diesem erschütternden Moment so recht zum Bewußtsein, daß jetzt der Abschied von der Welt sich für immer vollzogen hat...

Helle Klingeltöne verkündeten das Sanktus. Der eine Diakon verließ den Hochaltar und schritt zum Bahrtuche. Und er berührte mit dem Fuße leicht den Profitenten und sprach: „_Surge qui dormis et exurge a mortuis, et illuminabit te Christus!_“ (Erhebe dich, der du ruhest, und steh auf von den Toten, erleuchten wird dich Christus.)

Nonnosus erhob sich langsam und zog die Kapuze vom Haupte. Kalkig waren seine Wangen. In den Augen glühte das Feuer der Begeisterung für den Beruf.

Nonnosus begab sich in den Chorstuhl, wo er niederkniete. Der Diakon kehrte an den Altar zurück.

Nach der Kommunion des zelebrierenden Priors schritt Nonnosus zum Altar, aus der Hand des Priors empfing er das hl. Abendmahl, worauf er zu seinem Stuhle zurückkehrte.

Zum Schlusse des Hochamtes ging Nonnosus zum letztenmal an den Altar, auf der untersten Stufe kniend empfing er den besonderen Segen des Priors. Und hier blieb er dann allein, versunken in Gebete, nachdem der Prior samt Assistenz die Kirche verlassen hatte.

Aufgenommen als gleichberechtigter Konventual, aber allein, um Gelegenheit zu haben, Gott zu danken...

Zwölftes Kapitel

Einer Herzensregung folgend, besuchte die Fürstin das vom Tisch verbannte Fräulein von Gussitsch. Wider Absicht und Willen klagte die Fürstin leisen Tones darüber, daß der Sohn so gar kein Faserchen Mut besitze, wohl auch nie lernen werde, sich selbst zu überwinden. Ob Emil je die Mannesfestigkeit erringen werde? Jenen stahlharten Willen, der allein es ermöglicht, aufrecht durch das Erdenleben zu gehen?

Die Fürstin hielt im Sprechen inne, erwartete von Martina Antwort, vielleicht auch ein Trosteswort. Das arme Hoffräulein rang nach Worten und fand keines.

„Irre werde ich an meinem Sohne! Lange Jahre ein träumerisches Wesen, Apathie, Schläfrigkeit, Stumpfsinn! Dann das Aufwachen mit nichts weniger denn erfreulichen Folgen! Unausgeglichenheit, ein Schwanken wie das Rohr im Winde! Ich fürchte, es fehlt am Charakter!“

Leise und schüchtern erwiderte Martina: „Verzeihung, Durchlaucht! Prinz Emil ist ja noch jung! Der beste Most braucht Zeit zur Klärung, dann wird guter Wein daraus!“

„Wenn Sie recht hätten, Martina, wie glücklich würde die Mutter sein! Es ist ja richtig, mit vierundzwanzig Jahren ist Emil noch sehr jung! In hohem Range kommt es fast nie vor, daß ein junger Mann mit diesen Jahren schon abgeklärt und willensstark, ernst und gefestet ist! Wenn er nur arbeiten, sich ernsthaft beschäftigen würde! Immer nur ein Anlauf, ein Stehenbleiben auf halbem Wege! -- Doch nun wollen wir von Ihnen sprechen, liebe Martina! Sie bleiben bei mir, ja --? Und es bleibt, wie es war! Die dumme Geschichte mit Emil ist vorüber und soll begraben sein! Wenn sich aber noch einmal Gelegenheit bietet, soll Fräulein von Gussitsch aber doch...! Nein, davon wollen wir heute nicht sprechen!“

Hildegard meldete, daß Graf Thurn um Audienz bitte, und verschwand.

Die Fürstin verabschiedete sich von Martina und empfing im Salon den Hausmarschall, der um Gewährung eines zweitägigen Urlaubes zum Besuche des Prinzen Coburg in Schladming bat.

„Selbstverständlich genehmigt! Vermutlich eine Jagdeinladung?“

„Zu dienen!“

„Eben fällt mir ein, daß unserseits völlig vergessen wurde, Ihnen Abschußerlaubnis zu erteilen! Ich bitte, diese Vergeßlichkeit zu entschuldigen! Da mein Sohn soviel wie gar kein Jagdinteresse hegt, ist das Haller Jagdgut eigentlich zwecklos erworben worden! Ihnen, lieber Graf, stehen alle Reviere frei! Und wegen der Bejagung wollen Sie sich nur mit dem Jagdleiter Hartlieb ins Benehmen setzen! Hartlieb kann auch nach Gutdünken abschießen! Gute Reise, lieber Graf!“

„Untertänigsten Dank für so viel Huld und Gnade!“ Sophie nickte freundlich und fragte, ob der Graf sich am Lunch beteiligen werde.

„Mit gnädigster Erlaubnis möchte ich den Mittagszug benutzen!“

„Viel Vergnügen! Und Weidmannsheil!“

Mit Handkuß verabschiedete sich der alte Hausmarschall.

Das Versehen verspätet gutgemacht zu haben, gewährte der Fürstin eine gewisse Befriedigung. Aber einen Stachel hatte sie doch in der Brust, so sie an Emil, an seine Gleichgültigkeit gegen Wild und Jagd dachte. Und sie flüsterte: „Bin aber nicht auch ich gleichgültig geworden? Ist in mir nicht auch jegliches Jagdinteresse erstorben? Eben weil Emil sich nicht dafür interessiert!“ Und Sophie wünschte sich, es möge der Sohn sich einen stahlharten Willen erwerben.

*

Einen Tag später lauerte Prinz Emil im kleinen Bahnhofe zu Admont wie die Spinne auf eine Fliege im Netz auf den Pfarrer Pater Wilfrid, der mit einem Zuge von Selztal zurückkommen sollte. So hatte der Klosterpförtner berichtet, aber nicht zu sagen gewußt, wann der Pater Gastmeister heimkommen werde.

Da nun Emil den Hofpfarrer in finanzieller Angelegenheit unter allen Umständen sprechen wollte, wartete der geldhungrige Prinz von vormittag neun Uhr ab auf jeden Zug aus der Richtung von Selztal. Die Zwischenzeit vertrieb er sich mit Bummeln, leistete sich im Stiftskeller, der für Laiengäste offenstand, auch ein Fläschchen Edelweines aus der Luttenberger Gegend; doch prompt fand Emil sich wieder im Bahnhofe ein, wenn ein Zug fällig war. Gegen Mittag kreuzten zwei Züge aus Süd und Nord in Admont. Der Erwartete kam nicht. Aber dem Zuge aus dem Süden entstieg eine junge Dame, deren wundersame Erscheinung Emil Herzklopfen verursachte. Tannenschlank die Gestalt, fein geschnitten das Gesicht, gebräunt die Wangen von südlicher Sonne. Dunkle, feurige und große Augen. Welscher Typus aus Norditalien wohl, gemildert etwas durch germanischen Einschlag. Elegante Toilette, sicheres Auftreten der befehlgewohnten Aristokratin, deren Stimme wie ein Silberglöckchen klang, als die junge Dame nach einem Gepäckträger rief. Und zwar vergeblich, da es in dem Miniaturbahnhofe trotz des starken Verkehrs keine Diener und Träger gab.

Das Köfferchen und die Lederhandtasche verrieten wie die Gestalt höchste Eleganz.

Betroffen stand die junge Dame am Zuge und guckte nach einem dienstbaren Geist, indes die Passagiere hastig den Zug verließen, andere Fahrgäste aber einstiegen.

Emil ging auf die Dame zu und bot seine Dienste mit ritterlicher Galanterie und mit einem Humor an, der das Fräulein lachen machte. Emil sagte nämlich: „Dem Beruf nach bin ich zwar kein Packträger, aber recht viel mehr Intelligenz besitze ich auch nicht! Schönes Fräulein, darf ich’s wagen, Ihnen meine Dienste anzutragen? Auf Trinkgeld verzichte ich!“

„Ah, Herr Faust! _Con piacere, ecco!_“ Ohne weiteres deutete die junge Dame auf die Gepäckstücke, und lächelnd rief sie Emil zu: „Rasch zu einem Wagen!“

Prinz Schwarzenstein mußte mitteilen, daß es keine Wagen gab im kleinen Admont und nur der Omnibus des Posthotels am Bahnhofe stehe.

Im Befehlstone, doch liebenswürdig lächelnd, sprach die junge Dame: „Dann besorgen Sie einen Wagen, aber rasch! Ich habe Eile!“

„Zu dienen! Aber Gnädigste können doch inzwischen nicht allein und schutzlos hier warten, bis ich mit dem requirierten Wagen komme! Gnädigste wollen mich ins Städtle begleiten!“

„Ob Herr Doktor Faust der richtige ‚Schutz‘ und Führer sein wird, steht denn doch zu bezweifeln! Besonders vertrauenerweckend sieht er nicht aus, der Herr Doktor Faust!“ Die junge Dame musterte mit drollig forschendem Blicke den Prinzen, der inzwischen das Handgepäck aufgenommen hatte.

„Oh, oh! Gnädigste können mir ruhig volles Vertrauen schenken, denn ich bin nicht Doktor Faust! Und Gnädigste sehen nicht -- gretchenhaft aus, werden also auch nicht à la Gretchen einitappen!“

Das Fräulein kicherte belustigt und folgte dem seltsamen „Gepäckträger“, der nun vorschlug, den Hotelomnibus zu benutzen und im Hotel „Post“ einen Privatwagen zu mieten.

Es befremdete die junge Dame, daß Emil gleich ihr in den Hotelomnibus stieg. „Ich danke für Ihre Gefälligkeit, bedarf aber Ihrer Dienste nicht weiter!“

„Doch! Ich muß ja behilflich sein, damit Gnädigste rasch den gewünschten Wagen im Hotel bekommen! Deshalb fahre ich mit! Furierdienst ist meine Spezialität! Besserer Brettlhupfer!“

„So! Vermutlich im Dienst der Fürstin von Schwarzenstein, was?“

Für einen Moment stutzte Emil; es überraschte ihn, daß das fremde Fräulein Kenntnis von der Existenz der Schwarzensteins hatte. Die Lust an Abenteuern war aber so groß, daß er keck und verwegen log und schwindelte, frischweg behauptete, der Privatsekretär der Fürstin zu sein.

„Ah! Da sind Sie ja des Vertrauens würdig! Und falls Sie gleich mir nach Hall fahren wollen, lade ich Sie ein, mich zu begleiten!“

„Mit größtem Vergnügen! Also Gnädigste wünschen, nach Hall zu fahren! Darf ich fragen: Hall Dorf, Forsthaus oder Jagdschlößl?“

„Für einen Geheimsekretär sind Sie ein bissel -- neugierig!“ stichelte das elegante und bildhübsche Fräulein.

„Stimmt! Böse Beispiele verderben gute Sitten! Man lernt das Neugierigsein von den Dienern und Vertrauenspersonen! Ich will nicht fragen, wer Gnädigste sind!“

„Sehr löblich von Ihnen! Ich will aber freiwillig den Schleier des Geheimnisses lüften: ich bin die -- Schwester des Oberförsters!“

Emil machte ein wahrhaftiges Schafsgesicht. Und verblüfft stotterte er: „Nicht möglich! Hartlieb hat ja gar keine Schwester!“

Der Omnibus hielt vor dem Gasthofe „Post“. Hotelgäste vermutend stürzten der Eigentümer, der „Herr Ober“, ein Kellner und der langohrige Pikkolo dienstbereit herbei.

Prinz Schwarzenstein half der Dame aussteigen und bestellte sofort einen Wagen zur Fahrt nach Hall-Forsthaus. Dann bot er dem Fräulein ein Frühstück an, das jedoch dankend abgelehnt wurde. Ziemlich abgekühlt, überlegte Emil, ob er nicht guttun würde, sich zu drücken. Ist das verdammt hübsche Fräulein wirklich die Schwester Hartliebs, dann heißt es für den Prinzen: _Hands off!_

Das schelmische, spitzbübische Lachen im Auge der Dame brachte ihn auf den Gedanken, daß das Fräulein genau so wie er ulkt, daß die Dame sowenig Hartliebs Schwester ist, wie Emil der Geheimsekretär der Fürstin. Und dieser Gedanke veranlaßte ihn, den Scherz nach Möglichkeit bis zur Aufklärung der drolligen Situation fortzusetzen. Ulkig fragte er, ob Papa oder Mama Hartlieb welscher Abkunft gewesen sei.

„Warum denn?“

„Weil Sie unverkennbar romanisches Blut haben müssen! Halb deutsch, halb italienisch! Welsche Schönheit!“ sprach Emil in italienischem Idiom der horchenden Leute wegen.

In reinem Toskanisch scherzte die junge Dame, daß die Großmutter eine gebürtige Olona gewesen sei, verwandt mit den Familien Masnago-Laveno; daher habe der Oberförster den welschen Typ.

„Donnerwetter! Die Namen Olona, Masnago-Laveno kommen mir aber bekannt vor, sehr bekannt! Es muß die Fürstin davon gesprochen haben...!“

„Hat die Fürstin längere Zeit in Mailand verbracht?“

„Ja, vor einigen Jahren! -- Aber da ist der Wagen! Darf ich bitten! Apropos: ist Herr Hartlieb von Ihrer Ankunft verständigt?“

„Nein, ich komme überraschend!“ lachte glockenhell das Fräulein.

„Stimmt! Denn ich bin sehr überrascht! _Che bellezza!_“

„Für einen fürstlichen Geheimsekretär sind Sie ein besonderer Frechdachs! Fast möchte ich bezweifeln, daß Sie sich in dieser Stellung befinden!“

Während der raschen Fahrt nach Hall schwätzte Emil der jungen Dame schier die zierlichen Ohren weg und guckte ihr möglichst oft und tief in die schönen Augen. Doch hielt er unwillkürlich eine gewisse Grenze ein im Empfinden, daß das Fräulein nicht die Schwester Hartliebs sei, von erheblich höherer Abkunft sein müsse. Aber nett und lieb, zum Anbeißen nett. Distinguiert und doch nicht prüde.

„Als Hofbeamter müssen Sie den Grafen Thurn kennen! Ist der Hausmarschall zu Hause?“

Diese Frage brachte Emil auf die richtige Spur. Frohlockend rief er: „Gnädigste haben sich jetzt verraten! Mit dem Inkognito ist es aus! Gnädigster Komtesse lege ich verehrungsvollsten Respekt zu Füßen!“

„Wie dumm von mir! Aber Sie sind auch nicht der Hofsekretär! Darauf getraue ich mir meinen Kopf zu wetten!“

„Was soll ich zum Einsatz geben? Wer soll ich denn sein?“

Komtesse Isotta Thurn wandte den hübschen Kopf zu Emil und blickte ihn voll und prüfend an. „Nach Papas Schilderungen sind Sie der Prinz Schwarzenstein! Ich bitte um Verzeihung, daß ich Durchlaucht so respektwidrig behandelt habe! Zugleich danke ich aber auch für die ritterliche und liebenswürdige Hilfeleistung!“

„Keine Ursache, Komtesse! Aber Sie irren sich in meiner Person...“

„Unmöglich! Es stimmt die Beschreibung, die mir Papa gegeben hat, als er mich das letztemal in der Pension zu Lausanne besuchte!“ Und schalkhaft lachend, fügte Isotta bei: „Es stimmt aber auch bezüglich Ihres Auftretens!“

„Wieso denn?“

„Hofsekretäre sind niemals -- Frechdachse! Oh, bitte untertänigst um Verzeihung!“

„Warum soll denn ein junger Sekretär, den keine Sorgen drücken, einer bildhübschen jungen -- ‚Oberförstersschwester‘ gegenüber nicht als -- Frechdachs auftreten? Hätte ich gewußt, daß Gnädigste die Komtesse Thurn sind, würde ich allerdings bescheidener mich verhalten haben! Um Verzeihung muß also ich bitten, untertänigst und gehorsamst! Und ganz besonders herzlichst bitte ich um Diskretion! Denn wenn Graf Thurn erfährt, wie frech ich mit seiner Tochter angebandelt habe, fangt er mich füri!“

„Diskretion wird sicher gewahrt! Aber das Versteckenspielen müssen Sie nun aufgeben! Mit einem simplen Sekretär kann und darf die Komtesse Thurn sich nicht weiter beschäftigen...! Das werden Sie doch begreifen!“

„Will sich die Komtesse mit dem Prinzen Schwarzenstein ‚beschäftigen‘?“

Isotta erglühte und schwieg.

Emil ergriff ihre Hand und drückte einen Kuß darauf. Dann bat er, es wolle die Komtesse, da Papa Thurn auf zwei Tage verreist sei, Quartier im Jagdschlößl nehmen.

„Danke vielmals! Aber wo Papa wohnt, wird das Quartier auch der Tochter genügen! Und jede Belästigung der Fürstin muß vermieden werden!“

„Ach wo! Im Forsthause können Sie, Komtesse, nicht bleiben, in Abwesenheit Ihres Papas schon gar nicht; es fehlt ja auch an jeder Bedienung!“ Emil richtete sich auf, markierte Energie und sprach gebieterisch: „Ich befehle, daß Sie Quartier im Jagdschlößl nehmen!“

„Huhu! Durchlaucht befehlen!“ lachte Isotta spitzbübisch.

„Gel, das imponiert Ihnen, was?“

„Und wie? Zwingt zu ersterbender Ehrfurcht! Hihi! Regieren Durchlaucht immer so energisch und scharf?“

„Spotten Sie nur zu! Die Hauptsache ist der Gehorsam! Bitte, teuerste Komtesse, nehmen Sie Quartier bei uns! Es wäre nett, entzückend, himmlisch, wenn wir ein Dach über uns hätten!“

Wieder erglühte Isotta. Und sie wehrte ab: „Aber, Prinz! Was wird die Fürstin denken?“

„Mama wird sicher auch finden, daß die Komtesse Thurn ein entzückendes Frauenzimmerl ist!“

„Nun ist’s aber genug der Schmeichelei! Ein Mischmasch-Komtessel bin ich, halb deutsch, halb welsch!“

„Oh, ich bin sehr für den Mischmasch! Besonders, wenn das Mischmasch-Komtessel so himmlisch nett und lieb ist! -- Holla! Dort wimmelt Mama spazoren, und zwar ausnahmsweise allein! Der Fall ist günstig! He, Kutscher, halten!“

Isotta wehrte sich vergeblich. Sie mußte raus und mit Emil der Fürstin entgegengehen, die nicht wenig staunte, den Sohn mit einer eleganten jungen Dame anmarschieren zu sehen.

Auf Distanz von zwölf Schritt rief Emil lebhaft: „Mama, Mama! Denk dir, ich habe Komtesse Thurn unterwegs aufgegabelt! Sie wollte den Papa überraschen, das ist ihr aber mißglückt, denn Graf Thurn ist abwesend!“

Durch diesen Zuruf schwand das Befremden sofort; jetzt angenehm berührt, kam Fürstin Sophie mit raschen Schritten heran, und freudig begrüßte sie die Tochter des alten Hausmarschalls. Mama genehmigte auch alle Vorschläge Emils wegen des Quartiers im Jagdschlößl, vorbehaltlich der Zustimmung Thurns.

Emil strahlte vor Freude. Und übermütig erzählte er, daß Komtesse sich weigerte, daß er aber befohlen habe, Quartier im Schlößl zu nehmen.

Mit feiner Ironie sprach die Mama: „Der Prinz Schwarzenstein kann gegebenenfalls dem Hausmarschall Befehle erteilen, niemals aber dessen Tochter. Ich bitte Komtesse, bei uns zu bleiben als lieber Gast! Und nun wollen wir heimkehren!“

Emil schickte den Wagen mit dem Gepäck voraus. Auf dem Wege zur Villa mußte er den stummen Begleiter spielen, denn Mama sprach ausschließlich mit Komtesse Isotta.

In böse Verlegenheit brachte ihn die Frage der Fürstin, wo er die Komtesse aufgegabelt habe. „Meines Wissens hast du doch die Komtesse bisher nie gesehen!“

Rasch gefaßt, antwortete Isotta an Emils Stelle, daß sie im Bahnhofe Admont den ihr unbekannten Prinzen um Auskunft über eine Fahrgelegenheit zum Forsthause Hall gebeten und sich hernach als Tochter des Hausmarschalls vorgestellt habe. Worauf Prinz Emil mitgefahren sei.

„Ach so!“ Mit einigem Mißtrauen fragte die Fürstin den Sohn: „Was hattest denn du auf dem Bahnhof zu tun? Noch dazu zur Zeit, da wir speisen?“

„Verzeihung, Mama! Ich konnte nicht rechtzeitig um Dispens vom Lunch bitten! Auf dem Bahnhof wollte ich Pater Wilfrid erwarten, der aber nicht kam! Ein Glück, daß ich anwesend war, der Komtesse behilflich sein konnte!“

Zwei Blicke des Einverständnisses der jungen Leute kreuzten sich. Optische Warnungen vor Verplapperung. Besonders Isottas Blick mahnte zur Vorsicht.

Wonne und Glückseligkeit empfand Emil, daß die Komtesse sich so tapfer auf seine Seite stellte und so brillant lügen konnte, um das Geheimnis der Bekanntschaft zu wahren. Ein schneidiges Mädel, höchst sympathisch, nett zum Anbeißen! Dazu Gräfin, also...

Als Quartier bekam Komtesse Thurn ein Zimmer ähnlich dem Hoffräuleingemache, klein, doch zweckentsprechend eingerichtet. Die Räumlichkeiten waren im Jagdschlößl beschränkt, nur für Jagdgäste zu kurzem Aufenthalt bemessen.

Die Fürstin machte Isotta mit der Hausordnung bekannt, stellte Fräulein von Gussitsch vor und beauftragte die Dienerschaft, dem Gaste alle Aufmerksamkeit zu widmen. Alle Liebenswürdigkeit konnte jedoch die Komtesse darüber nicht täuschen, daß die Fürstin irgendein Mißtrauen hegte. Auch fiel es Isotta auf, wie scharf die Mama den Sohn bei Tisch überwachte.

Davon merkte Emil anscheinend nichts, er gab sich keine Mühe, die Freude über die Anwesenheit der ihm höchst sympathischen Komtesse zu verbergen, und widmete ihr seine Aufmerksamkeit. Ohne Übertreibung, ohne Draufgängerei. Freilich glänzten seine Augen seltsam.

Die Hofdame war bei Tisch nur Staffage, es hatte Martina reichlich Gelegenheit zu stillen Beobachtungen, und sie war sich sehr rasch darüber klar, daß Prinz Emil jetzt ernstlich Feuer gefangen habe, und daß die Fürstin die Situation erfaßte und keineswegs einverstanden war. Das Abschwenken Emils konnte Martina nur willkommen sein, die Ignorierung ihrer Person verbürgte Ruhe. Aber neugierig war Martina doch auf die Entwicklung der fühlbar gespannten Situation.

Auffällig war, daß die Fürstin sich nach dem abendlichen Diner nicht wie üblich zurückzog, sondern im Speisezimmer blieb und Martina um etwas Musik bat. Fräulein von Gussitsch mußte das im Empfangssalon stehende Pianino bearbeiten, vermutlich nur zum Zwecke, daß Prinz Emil der Komtesse nicht die Cour schneiden konnte und zur Schweigsamkeit gezwungen war. Eine lange Stunde hindurch mußte Martina Musik machen. Dann wurde kurz dafür gedankt und Schluß befohlen. Kurzer Abschied, rascher Rückzug.