Unter den Hohen Tauern: Ein Roman aus der Steiermark
Part 15
„Aber, Durchlaucht haben doch prachtvolle Reviere...!“
„Die Jagd interessiert mich nicht!“
„Hm! Demnach bin ich eigentlich überflüssig geworden! Ich werde also demissionieren, mir ein Gut kaufen! Dürfte ich vielleicht vorher in Ihren Revieren jagen?“
„Soviel Sie wollen! Wenden Sie sich nur an den Oberförster Hartlieb, den ich verständigen werde! Und nun nochmals Dank! Auf Wiedersehen!“
Die Herren trennten sich. Wolffsegg fuhr nach Hall, Emil aber stapfte in das weitgedehnte Stift und suchte den Pater Wilfrid. Aber der Gastmeister des Klosters und Pfarrer von Hall war nicht anwesend. Wie es hieß, dienstlich unterwegs. Drei Tage hindurch pendelte Emil zwischen Hall und Admont hin und her, immer vergeblich; es glückte nicht, den auswärts im Pfarrdienst vielbeschäftigten Priester zu treffen. Bis zu später Abendstunde konnte der Prinz nicht warten, zum Diner mußte er im Jagdschlößl sein.
Warum er so erpicht war, sich eine größere Summe zu beschaffen, wußte Emil sich selbst nicht zu sagen. Unabhängig für einige Zeit durch Geldbesitz wollte er sein. Geld aber nur vom Hofpfarrer entlehnen, weil der Mann schweigen kann.
Wegen der Jagdwünsche Wolffseggs hatte Emil mit Hartlieb gesprochen. Etliche Tage später hörte er gelegentlich einer Begegnung vom Oberförster, daß der Baron von der Jagderlaubnis keinen Gebrauch gemacht habe und plötzlich abgereist sei.
Darob erstaunt, fragte Emil die Mama nach der Veranlassung des Verschwindens Wolffseggs. Die Verstimmung der Fürstin bemerkend, bereute Emil sogleich, die Mama mit einer ihr unangenehmen Frage belästigt zu haben.
Die Antwort enthielt zunächst die Klage, daß alles zusammenkäme, um der Gebieterin Verdruß zu bereiten. Nicht zum wenigsten der Sohn, der sich im Faulenzen übe...
Emil schluckte diese Rüge wortlos hinunter.
Sodann erzählte die Fürstin bitteren Tones von dem Riesenverdruß, den Fräulein von Gussitsch heraufbeschworen hatte, indem Martina sich rundweg weigerte, von einer prachtvollen Gelegenheit zur Rangierung Gebrauch zu machen.
Verblüfft fragte Emil: „Rangierung! Wieso denn?“
„Wolffsegg hatte geradezu edel gehandelt, der Gussitsch jenen anscheinend unglücklich konzipierten Brief völlig verziehen! Mich fragte er, ob ich zustimmen würde, wenn er um Martina werbe, wozu er durch die Erbschaft jetzt in der Lage sei! Im Interesse der Gussitsch habe ich natürlich zugestimmt! Martina aber hat den Heiratsantrag rundweg abgelehnt! Unbegreiflich! Und albern!“
„Geschmacksache, liebe Mama! Viel Sommersprossen, eine Glatze hat er auch! Und er ist so etwas wie ein Geldprotz, dem der Mammon in den Kopf gestiegen ist! Er trägt jetzt die Nase ziemlich hoch!“
„Ach was! Ein Mädel wie Martina, nach allem, was vorgefallen ist, soll froh sein, in eine glänzende Ehe kommen zu können!“
„Vielleicht war sie sich darüber klar, daß sie volles Eheglück an Wolffseggs Seite nicht finden werde! Wenn ich ein Mädel wär, ich würde eher ein Mondkalb heiraten, als den Wolffsegg!“
„Gott, diese Ausdrücke! Und dabei redest du wie ein Kind!“
„Verzeihung! Ich versteh es halt nicht besser! Reine Gefühlssache! Was geschieht denn nun mit der Gussitsch?“
„Ich weiß noch nicht! Ihre Anwesenheit ist lästig, aber es geht nicht an, das arme Mädel in die Welt hinauszustoßen! Es wäre dies grausam und unchristlich! Also soll sie in Gottes Namen bis auf weiteres bleiben! Ich werde mich schriftlich bemühen, für Martina einen anderen annehmbaren Posten als Hofdame zu beschaffen! Genug davon! -- Was aber dich betrifft, wünsche ich, daß du dich endlich beschäftigst, um die Oberleitung kümmerst, Ordnung schaffst!“
„Hab ich ja bereits getan, wenigstens das Nötigste! Viel war ja nicht zu tun, da doch meine liebe, umsichtige Mama seither dirigierte und für Ordnung sorgte! Zur Zeit möchte ich ausschnaufen und ein bissel bummeln! Es ist ja so schön in Admont! Und sehr gerne besuche ich die Benediktiner, die doch gewiß ein guter Umgang für mich sind! Gentlemen, nobel und gastfreundlich!“
Daß der Schalk ulkte und stichelte, merkte die Mama nicht; sie hörte mit Freude, daß sich der Sohn die Admonter Stiftsherren zum Verkehr erwählt habe. Und so gab sie gerne die Zustimmung zu weiteren Besuchen im Stifte. Nur den erbetenen Hunderter gab sie nicht und motivierte die Ablehnung durch Wiederholung der Worte Emils, wonach die Admonter Benediktiner Gentlemen nobel und gastfreundlich sind, der Sohn also kein Geld für Speise und Trank benötige.
„Aber, Mama! _Manica, bonamano_, zu deutsch: Trinkgeld muß man den servierenden Dienern doch geben! Ein Prinz mindestens zehnmal mehr als ein bürgerlicher Gast des Stiftes! Und so die Paters rauchen, darf ich mich durch Zigarrenspenden doch auch nicht lumpen lassen!“
„Ja doch! Es ist schrecklich, was junge Männer Geld verpulvern!“ Seufzend gab die Fürstin etliche Scheine aus ihrer Schatulle.
„Untertänigsten Dank, liebe Mama!“ rief Emil freudestrahlend und ließ die Scheine in der Westentasche verschwinden. Und dann hatte er es eilig, ins Freie zu kommen und sich satt zu lachen...
Elftes Kapitel
Im Frohlocken über die genehmigte Gehaltsaufbesserung, die eine wertvolle Waffe sein sollte, hatte sich Forstwart Gnugesser die Bekämpfung der Revolution im Haushalte als kinderleicht vorgestellt, indem der kleine herzensgute Mann erwartete, daß nach Verkündigung der Freudenbotschaft seine Amanda ihm jauchzend um den Hals fallen und die ihr zustehenden zehn Prozent, in Summe hundertachtzig Kronen, mit Dank einsacken und auf jede weitere Agitation bereitwillig verzichten werde. Um so größer war die Verblüffung Benis, als nach Verkündigung der Freudenbotschaft Frau Amanda kühl blieb, verächtlich und geringschätzig den Mund verzog und in wegwerfendem Tone erklärte, daß die genannte Summe ein Bettel sei, den sie nicht annehmen werde.
„Wird nicht sein, liebes Weiberl! Hundertachtzig Kroneln jährlich sind doch kein Bettel! Schön, wunderschön und nobel ist’s von der Herrschaft, daß sie uns wirklich im Gehalt aufgebessert hat! Insofern hat die Agitation der Revoluzzerinnen von Hall gute Früchte getragen! Jetzt aber muß Ruhe werden, die Hetzerei ein Ende haben, ansonsten wird der junge Herr rabiat! Am nächsten Monatsersten bekommen wir das Geld, ich werde dann dir die hundertachtzig Kroneln gewissenhaft einhändigen!“
„Ist nicht nötig! Die Annahme des Pfifferlings wird verweigert! Ich bestehe auf Auszahlung des Drittels vom Gehalt und selbstverständlich auch von der Aufbesserung!“ erwiderte spitz Frau Amanda und fuchtelte mit einer langen Kleiderschere kampflustig in der Luft.
Auf Benis bartumwucherten Lippen erstarb das gutmütige Lächeln, die Miene wurde sehr ernst, da der kleine Bäuchlemann sich breit vor die am Fenster sitzende Gattin stellte und energischen Tones sprach: „Genug jetzt mit den Faxen! An der Agitation wird die Forstwartsfrau sich von dieser Stunde an nicht mehr beteiligen, verstanden! Als Haushaltsvorstand befehle ich das!“
Ein spöttischer Blick züngelte am Männle empor. Und jäh lachte Amanda. Der Kontrast zwischen der kleinen Gestalt des Vorstandes und der Befehlhabersmiene wirkte auf die Gattin komisch. Beleidigend klang dieses Lachen der Geringschätzung.
Beni richtete sich auf, hob den Kopf, teilte den Patriarchenbart in zwei Hälften, stampfte mit dem Fuße, um seinen Worten dröhnende Resonanz zu geben: „Ich befehle es!“
Nun schrie Amanda vor Lachen, warf die Schere weg und trommelte mit den geballten Händen auf ihre Knie.
Nie im Leben hatte Beni je die Hand gegen ein Weib erhoben, jetzt fühlte er sich stark versucht, die Beleidigung mit einem Fausthieb zu vergelten. Er hob wohl die Hand, aber er bezwang sich und ließ sie wieder sinken. In seinen Augen flammte Energie, etwas Stahlhartes, eine Unbeugsamkeit, die Amanda zwar nicht einschüchterte, aber doch veranlaßte, das beleidigende Gelächter zu unterdrücken.
„Der von der Herrschaft erlassene Befehl lautet dahin, daß jede Agitation im Haushalte der verheirateten Beamten und Diener eingestellt werden müsse! Weigern sich die Ehefrauen, beteiligen sie sich noch weiter an der Hetze, so werden die betreffenden Männer aus dem Dienste entlassen! Ich hoffe, daß meine Gattin soviel Vernunft besitzt, um den Ernst der Situation zu erfassen!“
Wieder verzog Amanda den Mund, und sie höhnte: „Lächerlich! Derlei Eingriffe in das Familienleben müssen mit aller Energie zurückgewiesen werden! Der junge Hansdampf soll es nur versuchen, ich werde ihm das Nötige schon sagen! Das Prinzerl soll erst etwas lernen und sich selbst bei der Nase nehmen! Nicht aber die Nase in Dinge stecken, von denen er nichts versteht! Wenn der Forstwart nicht den Mut hat, das dem Mutterbubi zu sagen, so besorg ich das!“
„Genug nun, Amanda! Die Situation ist durchaus nicht spaßhaft! Ich habe nicht Lust, mir Stellung und Existenz zu verscherzen oder durch meine Frau gefährden zu lassen! Ein für allemal laß es dir gesagt sein und zur Warnung dienen: ich respektiere den Befehl, ich verbiete dir jedwede Beteiligung an der Agitation! Fügst du dich meiner Anordnung nicht, so wirst du die Folgen zu fühlen bekommen!“
Amanda stand auf und fragte ironisch: „Darf ich wissen, welcherart die Folgen sein werden?“
„Die Trennung!“ erwiderte Beni kurz, sehr ernst und inhaltsschwer. Und nun schickte er sich an, die Wohnstube zu verlassen.
Die Drohung verfehlte eine gewisse Wirkung nicht, nur wollte Amanda das letzte Wort haben. Deshalb rupfte sie dem Gatten vor, daß es nicht eben schön sei, wenn ein Ehemann die Stellung höher bewerte als das angetraute Eheweib. Das Anklammern an die Berufsstellung im Dienst sei geradezu lächerlich, ein tüchtiger Forstwart werde überall leicht ein gleiches, wenn nicht besseres Unterkommen finden.
Beni blieb an der Türe stehen und sprach in seiner alten Herzensgüte: „Möglich schon, aber nicht leicht, weil es zuviel Bewerber gibt! Du vergissest aber eins: das Halltal ist meine Heimat! Mit jeder Faser des Herzens hängt der Steierer an seiner engeren Heimat, in ihr zu dienen und zu wirken ist höchste Seligkeit auf Erden! Ich liebe meine Heimat über alles! Die Heimatsliebe läßt manches weniger Erfreuliche hinnehmen und ertragen! Verstehst du das, Amanda?“
„Ja, Beni! Aber ich kann mich nicht dreinfinden, daß sich die Herrschaft in Familienangelegenheiten mischen darf!“
„Mit gutem Willen geht es schon! Darfst dir nur vor Augen halten, daß die Absicht eine gute ist! Die Herrschaft will Ruhe und Frieden haben, sie hat kein anderes Mittel, um Frieden zu stiften in den Familien ihrer verheirateten Beamten und Diener. Sei gescheit, Amanda! Ich glaube ja auch nicht, daß man zum Äußersten greifen, mich entlassen würde; aber als vernünftiger Mensch will ich es nicht zum Äußersten kommen lassen, nicht unsere Existenz gefährden, weil ich ja doch verheiratet bin und für mein Weib zu sorgen habe! Ich füge mich aus Liebe zu dir und zur Heimat! Also finde auch du dich drein!“
„Na ja, meinetwegen!“
„Brav gesprochen, Weiberl! Und anjetzo gelobe ich, daß ich die bewußte Summe freiwillig aufrunden werde! Damit ist das Ziel deiner Bestrebungen erreicht, die Bezahlung der Hausfrauenarbeit! Und noch etwas, wonach auch du dich zu richten hast: die Herrschaft befiehlt, daß bei weiterer Verhetzung seitens der Krämerin von Hall ihr Geschäft boykottiert werden muß!“
„Wieso?“
„Wenn die Krämerin nicht Ruhe gibt und die Agitation einstellt, wird die Herrschaft von ihr nichts mehr beziehen! Und die Beamten und Diener dürfen bei der Krämerin nicht mehr einkaufen!“
„Eine noblichte Herrschaft, die einem Landkrämer das bisserl Existenz ruiniert!“
„Gutgemeinte Drohung, die hoffentlich wirken wird! Sei gescheit, Weiberl!“
„Nein, diesem Zwang füge ich mich nicht! Wir wohnen so entlegen, daß ich nicht jeden Tag zum Einkaufen nach Admont laufen kann; ist Hall schon weit genug entfernt!“
„Wart es ab, Weiberl! Merkt die Krämerin, daß ihr geschäftlicher Schaden droht, wird sie schleunigst umsatteln, es auf den Boykott gar nicht ankommen lassen! Sie wird sich fügen!“
Interessiert fragte Amanda, wer denn der Krämerin die Drohung zu übermitteln habe.
„Leider bin ich damit beauftragt! Ich hab aber noch keine Zeit gehabt, zur Krämerin zu gehen!“
„Weißt was, Beni, diese Mission übernehme ich! Es interessiert mich zu beobachten, was für ein Gesicht die Krämerin bei der Boykottankündigung macht!“
„Merkwürdig! Erst bist du hantig und oppositionslustig, und jetzt willst du sozusagen im Auftrag der Herrschaft handeln und gegen die Krämerin, deine intimste Freundin, vorgehen! Das begreif ich nicht recht!“
„Die Mannerleut verstehen gar oft nichts von der weiblichen Psyche! Mein Gedankengang ist doch leicht zu begreifen: Weil ich zum Nachgeben genötigt bin, macht es mir ein besonderes Vergnügen, gewährt es einen aparten Nervenreiz, zu sehen, wie die Drohung und der Zwang auf die Freundin wirkt, wie sich die Krämerin winden und krümmen, seelisch leiden wird! Der Kampf der Stolzen gegen den Geschäftssinn und die Profitgier wird sehr interessant sein! Und wo was Nervenspannendes los ist, da bin ich für mein Leben gern dabei! Aus diesen Gründen übernehme ich die Mission! Und der Krämerin werd ich zusetzen, daß ihr die Augen tropfen!“
„Ja ja, die Weiber! Na, die Hauptsach ist, daß wir zwei einig sind, und daß du dich nun den Anordnungen fügst! Das freut mich!“
„Abgemacht! Und jetzt geh ich nach Hall zur Krämerin!“
Eine Stunde später spielte Amanda Gnugesser mit der sehr zungengewandten Krämerin wie die Katze mit der Maus. Zunächst spannte Amanda die Freundin auf die Folter durch die tropfenweise Mitteilung der von der Herrschaft erlassenen Drohung hinsichtlich der Entlassung der verheirateten Beamten und Diener für den Fall, daß ihre Ehefrauen weiteragitieren.
Die Krämerin schrie vor Überraschung und Entrüstung. Und sogleich wollte sie wissen, welche Stellung Amanda dieser Vergewaltigung gegenüber einnehme.
Amanda wich aus mit dem Hinweise auf das Diktum: Gewalt geht vor Recht.
„Himmelschreiend und empörend ist diese Vergewaltigung! Gefährdung, ja Raub der persönlichen Freiheit! Unerhörter Eingriff in das Familienleben!“ Dann zeterte die rabiate Krämerin davon, daß der Frauenbund den Kampf gegen die Herrschaft mit aller Energie, mit Rücksichtslosigkeit aufnehmen und durchführen müsse. Mit Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft, mit Denunziationen bei Gericht und bei der Gendarmerie, mit Protestnoten an die Fürstin, der man das Leben sauer machen müsse. „Überhaupt die Fürstin! So ein wankelmütiges Weib, wetterwendisch wie ein Kirchenhahn! Erst nennt sie unsere Bestrebungen gut, sichert Unterstützung zu; dann krebst sie, weil der Pfarrer gegen uns gepredigt hat!“
Um die Freundin noch mehr in die Hitze zu bringen, lobte Amanda die Herrschaft wegen der bewilligten Gehalts- und Lohnaufbesserung.
„Wird nicht von Bedeutung sein! Wo es zahlen heißt, sind die hohen Herrschaften immer taub, sie drücken sich nach Möglichkeit! Pfennigfuchser, Skontoschinder sind sie alle, ohne Ausnahme! Jeder Geschäftsmann hustet auf solche Leut! Man profitiert eh schier nichts!“
„Also liegt Ihnen nichts an der geschäftlichen Verbindung mit der Fürstin?“
„Nicht soviel als ich Schwarz unterm Nagel hab!“ rief prahlerisch die Krämerin und schnipste mit den Fingern.
„Na, dann ist der Verlust nicht von Bedeutung und für Sie nicht schmerzhaft!“ meinte Amanda gedehnten und lauernden Tones.
„Wieso? Was für ein Verlust soll mir da bevorstehen?“
„Ihr Geschäft soll boykottiert werden, falls Sie sich weiter an der Agitation beteiligen! Die Herrschaft wird nichts mehr von Ihnen beziehen! Und sämtlichen Beamten, Dienern und Arbeitern im fürstlichen Dienst wird verboten, bei Ihnen einzukaufen -- -- --!“
„Allmächtiger Gott! Das tät ja mein Ruin sein! Völliger Krach! Zusperren kann ich das Gewölb in der Stund, wo das wahr werden tät! Sie machen wohl Spaßetteln, liebe Frau Forstwart! Jessas -- Mariand -- Josef! Da tät ja alles verloren sein! Sagen S’ um Himmels willen, ist der Befehl schon erteilt worden wegen der Boykottierung?“
„Soviel ich weiß, erwartet die Herrschaft eine bindende Erklärung Ihrerseits! Da Sie sagten, daß der Frauenbund den Kampf gegen die ‚unmoralische‘ Herrschaft mit aller Energie und Rücksichtslosigkeit aufnehmen und durchführen werde, ist doch wohl anzunehmen, daß die Herrschaft Ihre Antwort als Kriegserklärung betrachtet und den Boykott über Ihr Geschäft verhängt! Das dürfte morgen geschehen!“
„Jess -- Maria! Fallt mir ja gar nicht ein, den Krieg zu erklären! Wo die Fürstin eine so gute fromme Frau ist! Eine Wohltäterin ohnegleichen! Und wo mich die Frauen eigentlich gar nichts angehen, von denen ich nie profitieren kann, weil ja ich das Geschäft führ und den Simandl von einem Mann ernähren muß! Für mich kann es ja gar kein Drittel aus Gehalt oder Verdienst der Männer geben; ich bin ja als Geschäftsfrau die Erwerberin und Brotverdienerin! Auf den Frauenbund hust ich, der wo mich in solche Schlamassel bringt und zum Geschäftsruin!“
„Ihre Ausführungen wirken überraschend! Sie sind inkonsequent! Die Fürstin nennen Sie wetterwendisch, dabei satteln Sie aber selbst um -- --!“
„Aber natürlich! Wo es sich um Geschäft, Existenz und Profit handelt! So dumm bin ich nicht, daß ich mich für andere Leute opfere, gegen den Strom schwimm, wo ich gar nicht schwimmen kann! Nein, so dumm bin ich wirklich nicht! Ich glaub auch nicht, daß Sie so dumm sein werden! Aber wissen möcht ich, warum die Herrschaft grad und justament die Forstwartsfrau ausgesucht hat, mir die Schreckensnachricht zu überbringen! Sie sind doch meine Freundin, zugleich die ärgste Hetzerin von wegen der Entlohnung der Frauenarbeit im Hausstand!“
„Vielleicht eine Ironie des Schicksals!“
„Teuflische Bosheit! Ist aber jetzt alles egal! Ich tue nimmer mit! Sagen Sie das der Herrschaft und daß ich aus dem Frauenbund austrete! Ist mir schon z’ dumm der Boykott!“
„Soll ich auch sagen, daß Sie die Fürstin eine charakterlose Frau genannt haben?“ fragte maliziös Amanda, die sich gottvoll amüsierte.
„Ich weiß von gar nichts! Nicht ein Wörtel hab ich gesagt!“
„Also werd ich melden, daß die Krämerin von Hall sich allen Anordnungen der Herrschaft fügt, aus dem Frauenbund austritt und jede Agitation nunmehr meidet!“
„Äa! Sein Sie so gut und melden Sie das der Fürstin. Mit g’horsamsten Respekt und Handkuß! Ich laß mich empfehlen und um Aufträge bitten!“ Nun wollte die aus dem seelischen Gleichgewicht geworfene, schwer erregte Krämerin die Freundin mit Rosogliolikör bewirten, doch Amanda lehnte dankend ab. Befürchtete doch Frau Gnugesser, daß sie bei längerem Aufenthalt das Lachen nicht würde verbeißen können.
Hochbefriedigt und belustigt ging Amanda heim. Und im Bergwalde lachte sie sich satt und sang vergnügt ein Duliäh nach dem andern. Der Spaß mit der Krämerin war erquickend gewesen...
*
Für den Novizen Nonnosus war der schönste, aber auch schwerste Tag der feierliche Profeß, der Gelübdeablegung, des endgültigen Abschiedes vom Weltleben, des Verzichtes für immer, gekommen. Ein strahlender Spätherbsttag mit lachendem Sonnenglanze im schönen Admonter Becken des Ennstales. Der frühe Morgen war freilich frostig, herb und neblig; aber die Sonne siegte alsbald und vergoldete die wuchtigen Felskolosse, küßte die Zinnen und Zacken, die hehr und ernst in den lichtblauen Äther ragten. Feierliches Glockengeläute vom Blasiusmünster kündete den Beginn dieses bedeutungsvollen Tages für den jungen Mönch, der in seiner Zelle kniend betete um die Kraft zum Verzicht auf das Weltleben. Den besten und ehrlichsten Willen besaß der Kleriker, um nach der heute erfolgenden Aufnahme in das Kapitel dem Stifte Ehre zu machen durch treueste Pflichterfüllung, die oberste Tugend der Dankbarkeit zu üben immerdar bis zum letzten Atemzuge. Rein und abgeklärt war die Seele, wunschlos des irdischen Lebens, erfüllt von Begeisterung für den Beruf. Von der kleinen Verwandtschaft war Abschied genommen worden, tapfer und mutig der Trennungsschmerz überwunden. Rein und frei fühlte sich Nonnosus; ein ehrlicher Diener des Herrn wird heute die _Vota solemnia_ ablegen... Ohne Mißton in der Seele!
Entscheidend wird die nächste Stunde für das ganze Leben sein, und darum ist sie die schwerste des Lebens. Mit der Welt hatte Nonnosus abgerechnet, er fühlte nichts mehr, was ihn zurückhalten könnte; dennoch befand er sich in einer starken seelischen Erregung, verbunden mit Angst und Beklemmung, über deren Grund und Inhalt er sich keine Rechenschaft geben konnte. Ihm war zumute, als stände er vor einem großen Unglücke, dem er rasch ausweichen soll... Eine tiefe Traurigkeit kam über ihn, für die er keinen Anlaß fand. Und er erinnerte sich der Warnung des Spirituals vor einem Rücktritt ohne bestimmte, klar erkannte Gründe; Nonnosus klangen die Worte des Spirituals im Ohre: „Jeder Theologe wird in letzter Stunde von einer tiefen Traurigkeit befallen, die überwunden werden muß! Der gewissenhafte Theologe soll zum Altare gehen wie in ein brennendes Haus, entschlossen, mutig! Dieser Mut bringt dann tiefe Freude, selige Ruhe, im Berufe die Festigkeit! Theologen, die schwer überwinden, stehen später in ihrem Seelsorgeramte viel fester als jene, die mit verklärtem Gesichte und in Sehnsucht zum Altare treten...!“
Die Erinnerung an diese goldenen Worte des alten erfahrenen Spirituals gab Kraft und Mut.
Wie die Glocken zum zweitenmal ertönten, erhob sich Nonnosus vom Betstuhl. Ein letzter Blick auf das Kruzifix an der weißgetünchten Wand... Nonnosus hatte Angst und Zweifel überwunden. Fest wie Granit ist der Entschluß zur Pflichterfüllung!
Gefaßt griff der Profitent Nonnosus nach dem Pergamentblatte, das die von ihm geschriebene Profeßformel enthielt. Bleich waren die Wangen, die Zähne aufeinandergepreßt; doch ruhig die Seele, der Kampf beendet. Ein Sonnenstrahl huschte in die kahle Zelle.
Der Spiritualdirektor Pater Lullus erschien in der Zelle, um den Profitenten Nonnosus abzuholen. Ein schmächtiges altes Männlein mit viel Runzeln im Gesicht, unansehnlich, aber mit geistkündenden blitzenden Augen; ein Gelehrter im Benediktinerhabit, der Spiritual der Kleriker und zugleich ihr Freund, Führer und Berater. In lateinischer Sprache fragte Pater Lullus, ob der Profitent zum Gange in die Kirche, zur Ablegung der _Vota solemnia_ bereit sei. Ein forschender Blick auf den Novizen, dann nickte Lullus befriedigt; er hatte in den Augen des Profitenten den festen Entschluß, Verzicht und Überwindung gelesen.
Beide Mönche verließen die Klausur, schritten durch den langen Korridor gen Norden, dessen Fenster eine wundervolle Aussicht auf die Bergkolosse der „Haller Mauern“ boten.
Ein letzter Blick des Novizen flog zum Großen Pyrgas, hinauf ins Gamsrevier... Nonnosus zuckte für einen Moment zusammen, der glühende Kopf neigte vornüber. Heftig pochte das Blut in Herz und Schläfen.
„Mut!“ flüsterte der alte Spiritual, „Mut und Gottvertrauen!“
Nonnosus nickte zum Dank und senkte die Lider. Nicht einen einzigen Blick warf er mehr durch die vielen Fenster des Flankenkorridors. Sein Schritt verlangsamte sich, als die Mönche die breiten Steintreppen hinabstiegen, um die Sakristei des großen Domes zu erreichen.
Wieder mahnte der Spiritual: „Mut und Gottvertrauen!“
Noch ein Schritt über die Schwelle der Sakristei... Ein ehrerbietiger stummer Gruß für den Pater Prior, der bereits den Ornat zur Zelebrierung des Hochamtes angelegt hatte. Ein mittelgroßer, von der Last der sechsundsiebzig Jahre gebeugter Mönch im Silberhaar, der den Gruß mit aufmunternd wohlwollendem Blick erwiderte. Die Diakone als Assistenten des Priors nickten freundlich. Vom Spiritual geleitet, begab sich Nonnosus zu seinem Platze im Chorstuhl des Presbyteriums, wo der Profitent niederkniete. Pater Lullus blieb in seiner Nähe, gleichsam zum Schutz.
Feierliche Orgelklänge empfingen den von den Diakonen begleiteten Prior auf dem Gange zum prächtig geschmückten, von einer überlebensgroßen Statue des St. Blasius aus weißem Marmor überragten Hochaltar.