Unter den Hohen Tauern: Ein Roman aus der Steiermark

Part 14

Chapter 143,533 wordsPublic domain

Emil gab auf die optische Mahnung hin Ruhe, aber am nervösen Zucken der Finger war zu erkennen, daß der junge Mann seine drängenden Sinne kaum länger wird beherrschen können.

Auf dem hochgelegenen Frauenberg angekommen, besuchte Fürstin Sophie, von Martina begleitet, sofort die doppeltürmige Wallfahrtskirche. Auch Emil ging mit, zur sichtlichen Freude der Mutter.

Als dann die Sehenswürdigkeiten besichtigt waren und der von Norbert gedeckte Tisch im schattigen Garten des behäbigen Gasthofes bezogen wurde, waren etliche Stunden verflossen. Immer noch zu früh für das von Emil geplante ländliche Diner. Und bei dem bestellten dünnen Kaffee mit trockenem Kuchen konnte die gewünschte Stimmung nicht eintreten. Das eisige Verhalten Martinas, die nur für die Gebieterin zu leben schien, machte Emil verdrossen.

Die Fürstin sprach von der überraschenden Stilverschiedenheit der Kirchen im Ennstale, besonders von dem Kontraste zwischen Admont und Frauenberg. Im Blasius-Münster edelste Gotik mit romanischen Portalen aus der Zeit des ersten Kirchenbaues, in Frauenberg hingegen ein italienischer Barockbau, prunkvolle Stuckarbeiten und prächtige farbenglühende Fresken. Zu Emil gewendet, sprach die Mama: „Du hattest doch Kunstgeschichte studiert, mußt also mehr verstehen als ich! Kannst du angeben, wie man dazu kam, just hier einen so reichen italienischen Barockbau aufzuführen?“

Emil hatte keine blasse Ahnung von Kunstgeschichte, aber die Inschrift der Grabplatte vor dem Hochaltare hatte er gelesen, und darauf sich stützend, von plötzlichem Übermut erfaßt, schwatzte er davon, daß der Erbauer von Frauenberg, der hier zu Ende des 17. Jahrhunderts beigesetzte Admonter Abt Adalbert aus dem Geschlecht der Heufler zu Rasen und Hohenbüchel ein Italiener gewesen sei.

„Mit dem Namen Heufler zu Rasen ein Italiener? Wie ist denn das möglich?“

„Oh, der Name bedeutet nicht viel für die Nationalität! Es kann ein Stockböhmak und Urtscheche einen völlig deutschen Namen haben oder umgekehrt!“

„Ja doch! Wenn aber jener Heufler zu Rasen ein Italiener war, wie kam er in das Stift Admont?“

„Wahrscheinlich mit der Eisenbahn!“

Ob dieser handgreiflichen Aufschneiderei mußte Martina auflachen, sie konnte sich nicht bemeistern. Der Anachronismus war zu drollig, ebenso das spitzbübische Gesicht des Schelms, der es darauf angelegt hatte, die Mama reinfallen zu lassen.

Wie nun Emil sah, daß das von ihm vergötterte Hoffräulein vergnügt lachte, war er augenblicklich in rosigster Stimmung und bemüht, Martina in guter Laune zu erhalten.

Leise rügend sprach die Mama: „Du beliebst zu spaßen!“

„Verzeihung! Harmloser Ulk im Familienkreise! Kopie der alten Geschichte vom Kaiser Josef und der Bahnwärterstochter!“

Wieder ging die ahnungslose Mama dem Schalk ins Netz, indem sie sagte: „Davon ist mir nicht das geringste bekannt! Es wird sich doch der hohe Herr nicht so weit vergessen haben...?“

„Oh, Mesalliancen sind auch in früherer Zeit vorgekommen! Und in neuester Zeit gibt es deren massenhaft! Ich würde auch nicht locker lassen! Um keinen Preis der Welt!“ Ein heißer Blick flog auf Martina.

Fürstin Sophie erwiderte ernsten Tones: „Die Vernunft muß immer über der Neigung stehen!“

„Verzeihung, Mama! Du meinst die Staatsräson! Für sie gilt allerdings dein Diktum immer und völlig! Bei mir wird es aber eine andere -- Wurscht sein, da kommt die Staatsräson gar nicht in Betracht!“

„Gott! Diese Ausdrücke! Und dann dieses sonderbare Thema! Ich will nicht hoffen, daß du noch derlei gefährliche Absichten hegst! Du bist doch auch noch zu jung!“

„Oho! Bin schon vierundzwanzig Jahre alt!“

„Entschieden verfrüht!“

„Verzeihung, daß ich widerspreche.“ Wieder flog ein heißer Blick auf die vor Schrecken erbleichende Hofdame.

In italienischer Sprache mahnte Mama: „Laß doch dieses Thema fallen! Bezahle die Rechnung! Ich wünsche heimzufahren, möchte vor Ankunft Thurns zu Hause sein!“

„Nana! Welche ‚Pressiererei‘! Und die Backhendl, auf die ich mich so mächtig gefreut habe?“

„Bitte, rufe Norbert und erteile Auftrag, daß angespannt wird!“

Der Kammerdiener stand in einiger Entfernung dienstbereit und kam auf Emils Wink sofort herbei.

Gedehnten Tones sprach der Prinz: „Der Reisefourier soll seines Amtes walten! Abendessen abbestellen, aber bezahlen! Sogleich anspannen!“

Erstaunt fragte die Fürstin leise: „Was soll das mit dem ‚Reisefourier‘? Warum zahlst du nicht die Zeche?“

Emil lachte nun vergnügt: „Werde mir hüten! Die zwanzig Silberlinge befinden sich unsäglich wohl in meiner Tasche! Der bezüglich der nicht bewilligten Backhendl verunglückte Ausflug soll nur aus der hochfürstlichen Kasse bezahlt werden! Norbert als Fourier wird schon verrechnen! Ich habe Rübchen: ätsch -- ätsch! Mamale ist reingefallen! Diesmal bin ich der Schlauere gewesen!“ Und lachend imitierte Emil das Rübchenschaben und verbeugte sich drollig.

Das geschah so nett und witzig, daß Mama nun doch lächelte und das Prinzlein einen ausgewachsenen Spitzbuben nannte.

Während der Rückfahrt attackierte Emil das Hoffräulein abermals mit heißen Blicken, rutschte quecksilbrig auf seinem Sitze hin und her und suchte Martinas Händchen zu erhaschen.

Dies bemerkte die Fürstin. Mit eisigen Worten bat sie den Sohn um ein anständiges Verhalten. „Später wird mehr zu sprechen sein!“

Martina erschauerte und war dem Weinen nahe.

Emil schien toll geworden zu sein. Er meinte: „Ach Gott! Wenn nötig, können wir sofort das Thema erörtern! Einmal muß es ja doch zum Klappen kommen!“

Scharf mahnte die Fürstin: „Still jetzt! Die Leute auf dem Bock haben Ohren! Bedenke, daß du Prinz Schwarzenstein bist!“

Emil verzog die Lippen und schwieg.

Als der Wagen an der Jagdvilla vorfuhr, bat Martina bebenden Tones um Gewährung einer außerordentlichen Audienz.

„Ich werde Sie rufen lassen! Vorerst habe ich mit meinem Sohne zu sprechen!“ erwiderte sehr frostig die Fürstin.

Hildegard kam gesprungen, um die Fürstin in ihr Zimmer zu geleiten und beim Kleiderwechsel behilflich zu sein. Das mußte auf ausdrücklichen Befehl sehr rasch geschehen. Dann erfolgte der Auftrag, den Prinzen zu rufen und dafür zu sorgen, daß keine Störung erfolge.

Die Kammerfrau beteuerte, strengsten Türdienst leisten zu wollen. War doch ihre Neugierde übergroß.

Hochaufgerichtet, wie eine strafende Göttin, flammenden Blickes, empört und entrüstet, stand die Mama vor dem Sohne, der sich trotzig verhielt, zum Losplatzen bereit schien, aber doch gehorsam die gepfefferte Strafpredigt ruhig anhörte.

Aneinandergereihte Rügen für ein unartig gewesenes Kind, Tadelsworte, die mit der Frage endeten, was denn das Spiel heißen solle.

„Nicht Spiel, Mama! Ich liebe Fräulein von Gussitsch!“

„Ach was! Wo hast du nicht geliebt? In Dresden? In Dessau? Und in Berlin das bürgerliche Fräulein? Jünglingslaunen, Strohfeuer! Etliche kalte Umschläge, und der Fall ist erledigt! Bedauerlich, ja schmerzlich ist es für mich, daß ich die nette, mir sympathische Person nun entlassen, das arme Mädel in die grausame Welt hinausstoßen muß! Und das ist deine Schuld!“

Festen Tones erwiderte Emil: „Nein, Mama! Nicht Jünglingslaunen, denn ich bin volljährig! Und nicht Strohfeuer, denn es ist heftige Leidenschaft, brennende Liebe!“

„Kinderei, nichts anderes!“

„Bitte, nicht dieses Wort, nicht diesen Ton! Ich bin kein Bub mehr und auch nicht gewillt, mich gängeln zu lassen! Und ich will dir ganz ernsthaft einen Vorschlag machen, Mama! Du weißt, daß ich sehr gerne in Berlin weiterleben möchte! Dir zuliebe habe ich mich deinen Wünschen gefügt und bin zurückgekehrt! Nun bin ich bereit, auf ‚Berlin‘ zu verzichten, wenn du mir erlaubst, daß ich Fräulein von Gussitsch heiraten darf! Martina oder keine!“

„Keine!“ Es klang metallisch hart und schneidend, erbittert und eisig.

„Du lehnst meinen Vorschlag ab?“

„Ja, rundweg!“

„Gut! Für die Folgen hat die Mama aufzukommen!“

„Ich verbitte mir derlei Ausdrücke! Nun geh und sage Hildegard, daß sie die Gussitsch rufen soll!“

So zornig und erbittert verließ Emil das Boudoir, daß er die Verlegenheit der beim Horchen überraschten Kammerfrau nicht gewahrte. Grollend entledigte der Prinz sich des Auftrages, und dann schloß er sich in seinem Zimmer ein.

Martina sah elend aus, verweint und bleich, gerötet die Augen; schluchzend bat sie um Entlassung.

Die Fürstin fühlte nun doch Mitleid mit dem armen Mädchen, und weichen Tones sprach sie: „Zu meinem Schmerze werde ich Sie leider wegschicken müssen! Doch will ich mich bemühen, eine ähnliche und passende Stellung für Sie zu beschaffen! Deshalb bleiben Sie vorerst noch hier! Ich bin dessen sicher, daß Sie verstehen werden, sich das -- Kind vom Leibe zu halten! Kalte Umschläge werden den Jungen hoffentlich sehr bald zur Vernunft bringen!“

Martina wimmerte: „Ich bitte inständigst, mir zu glauben, daß mich nicht die geringste Schuld trifft! Das Aufflackern des Strohfeuers ist mir unbegreiflich! Ich habe nichts, aber wirklich nichts getan, um eine Entzündung herbeizuführen!“

„Das will ich gern glauben! Es kann ja dieses ‚Feuerfangen‘ mit dem rasch erfolgten ‚Aufwachen‘ meines Sohnes in gewisser Verbindung stehen! Ein psychologisch nicht genügend aufgeklärter Vorgang in der Jünglingsseele! Für Emil sicher bedeutungslos, weil vorübergehend! Eine Kinderei! Mißlich ist freilich, daß die Kinderei Ihnen die Stellung kostet! Vielleicht gelingt es, Sie durch eine Heirat in gute Obhut zu bringen! Hofdame für Lebenszeit werden Sie ja doch nicht bleiben wollen! Was ich zu Ihrer Versorgung tun kann, soll gerne geschehen, auch finanziell! Wollen Sie sich gegebenenfalls vertrauensvoll und offen an mich wenden!“

Todtraurig wiederholte Martina die Beteuerung, daß sie frei von jeder Schuld sei.

Und darob empfand die Fürstin ein starkes Befremden. Sie ärgerte sich, daß das vermögenslose Fräulein das finanzielle Anerbieten ignorierte, alle Schuld dem Prinzen zuschieben will. In übler Laune sprach die Gebieterin davon, daß die Hofdame nicht ganz frei von Schuld sein könne, die „Intervention“ vermutlich zu wenig diplomatisch durchgeführt und dem Jungen eine Annäherung erlaubt habe, die zu üblen Folgen führen mußte.

Schluchzend wehrte sich Martina gegen diese Vorwürfe und verwies darauf, daß sie bei Entgegennahme des Auftrages zur Intervention auf die Gefahren derselben rechtzeitig aufmerksam gemacht habe.

Spitz klang die Antwort: „Sie werden doch nicht etwa mir Vorwürfe machen wollen? Erinnern Sie sich gefälligst, daß ich die Gefährlichkeit negierte in der selbstverständlichen Voraussetzung, daß das Hoffräulein klug und diplomatisch, mit Frauentakt interveniere! Genug davon! Was geschehen ist, soll totgeschwiegen werden! Damit Sie mit Emil möglichst wenig zusammentreffen, werden Sie für einige Zeit an der Tafel nicht teilnehmen, auf Ihrem Zimmer speisen! Auch sollen Sie einstweilen dienstfrei bleiben! Beschränken Sie Ihre Ausgänge auf das zur Bewegung unerläßliche Minimum, meiden Sie aber dabei jedes Zusammentreffen mit dem -- Kinde! Und wenn nötig, weisen Sie den Jungen schroff zurück! Es tut mir leid, so sprechen und anordnen zu müssen, aber es muß eben sein! Ich hoffe, daß in einigen Wochen eine alle Teile befriedigende Lösung gefunden sein wird!“ Eine Handbewegung und Martina war entlassen.

Unmöglich war es Fräulein von Gussitsch, diesmal die strafende Hand der gnädigen Fürstin zu küssen. Zu sehr schmerzte jedes Wort, ganz besonders wurmten jedoch die Vorwürfe. Leise schluchzend verbeugte sich Martina und verließ das Zimmer.

Einer bösen, schlaflosen Nacht folgte ein kühler Morgen. Eingedenk des Befehles, Spaziergänge auf das Minimum zu beschränken und nach Möglichkeit ein Zusammentreffen mit dem „Kinde“ Emil von Schwarzenstein zu vermeiden, entschloß sich Martina zu Ausgängen jeweils am frühen Morgen und späten Abend. Und so verließ sie an diesem Morgen die Villa zu einer frühen Stunde, da das Küchenpersonal noch nicht sichtbar war. Hinaus ins Freie, hinein in den nebelumflorten Bergwald, wo die Tannen geheimnisvoll flüstern und die Hirsche orgeln...

Spät des Morgens erwachte Prinz Emil. Mit einigem Haarweh als Folgen eines ausgiebig genommenen Schlaftrunkes am verflossenen Abend. Zwei Flaschen schweren Ungarweines, die sich Emil als Schlummerpunsch geleistet hatte, waren von guter Wirkung gewesen und hatten allen Ärger verscheucht und einen prächtigen Schlaf erzeugt. Jetzt am Morgen hieß es, Kater vertreiben, zunächst mit Kaltwasser den Schädel behandeln. Viel quellfrisches Wasser benötigte Emil. Und in diesem vielen Naß ertrank ganz jämmerlich eine gewisse Liebe zu einer gewissen Dame. Und nach Beseitigung des Haarwehs sagte sich Emil, daß er eigentlich doch sehr dämlich vorgegangen sei und sich überflüssigerweise eine böse Suppe eingebrockt habe. In der Gewissenserforschung kam er zu einem lebhaften Bedauern, die doch so nette Hofdame in eine sehr schlimme Situation gebracht zu haben. Unrecht hatte die Mama ja nicht, daß sie die Liebäugelei, den Flirt mit der Gussitsch nicht dulden wollte. Und völlig gerechtfertigt und einleuchtend ist der Protest gegen eine Heirat. Ordentlich froh war Emil, daß sich die Mama mit dem strikten Verbot als die Gescheitere erwies; denn jetzt am Morgen empfand er nicht die Spur einer heißen Liebe, nicht die geringste Lust, die Gussitsch zu heiraten. Dafür etwas wie Reue, sich in die Nesseln gesetzt zu haben. Das war erklecklich dumm. Dieser Selbsterkenntnis gesellte sich die Frage bei, wie auf gute und nicht schmerzhafte Weise die Folgen dieser Dummheit beseitigt werden könnten. Unvermeidlich wird ein Kanossagang zur Mama, eine ehrliche Beichte sein; muß aber gemacht werden, schon wegen der schlechten Finanzen. Und Fräulein von Gussitsch wird man um Entschuldigung bitten müssen.

Mit diesem guten Vorsatze fand Emil denn auch das seelische Gleichgewicht wieder, den leichten Frohsinn der Jugend. Er frühstückte mit Behagen. Und als er sich die Zigarette anzündete, wurde der Oberförster Hartlieb gemeldet.

„Ich lasse bitten, im Empfangssalon!“ sprach Prinz Emil und fügte bei: „Seit wann versieht denn die Kammerfrau den Meldedienst? Wo steckt denn Norbert?“

Hildegard gab Auskunft, daß Norbert nach Admont gefahren sei, um die Post zu holen. Deshalb habe sie den Meldedienst übernommen.

„Danke! Führen Sie den Oberförster in den Salon!“

Die Kammerfrau verschwand.

Als gutmütiger Mensch wollte Emil den Beamten nicht unnötig warten lassen; es tat dem Prinzen zwar leid, die Zigarette wegzuwerfen, aber es geschah doch.

Beim Eintritt in das Zirbenzimmer fiel Emil der verstörte Gesichtsausdruck, die verzerrte Miene Hartliebs auf. Kalkweiß waren die Wangen, der Blick kündete bittersten Schmerz.

„Was ist Ihnen? Sind Sie krank?“ fragte teilnahmsvoll der Prinz.

„Danke ergebenst! Mir ist nicht wohl!“

„Da wollen wir auf die dienstliche Besprechung verzichten! Gehen Sie sofort heim, schonen und pflegen Sie sich! Der Forstwart kann Ihre Vertretung übernehmen! Lassen Sie auch den Arzt kommen! Ich werde später Nachschau halten!“

„Vielen Dank! Es wird nichts von Bedeutung sein! Und den Holzverkauf zu guten Preisen dürfen wir nicht versäumen!“

„Machen Sie das alles nach Ermessen und Gewissen! Aber schonen und pflegen Sie sich! Nehmen Sie die Akten nur wieder mit! Apropos: Mama ist mit allen Vorschlägen einverstanden! Kann Ihnen im Vertrauen auch mitteilen, daß Mama viel auf den Fachmann Hartlieb hält!“

Erstaunt blickte Ambros auf. „Darf ich erfahren, wem ich das zu verdanken habe?“

„Das weiß ich nicht! Über die eingerissenen Übelstände hat mir Fräulein von Gussitsch gesagt, daß Sie der richtige Mann zur Sanierung seien und alles Vertrauen verdienen! Demgemäß habe ich bei Mama Vollmacht für Sie erwirkt! Nun aber Schluß! Sie zittern ja am ganzen Leibe! Wünschen Sie stärkende Tropfen oder Kognak? Donnerwetter, Mann, fallen Sie mir nicht um!“

Hartlieb mußte sich stützen, mit den Händen an einem Stuhle festhalten. Zuviel stürmte in dieser kurzen Spanne Zeit auf ihn ein.

Emil sprang in das anstoßende Speisezimmer, entnahm der Kredenz die Kognakflasche und brachte den stärkenden Schluck.

Dankend leerte Hartlieb ein Gläschen davon. Und dann verabschiedete er sich.

„Auf Wiedersehen! Gegen Mittag besuche ich Sie!“ rief Emil dem Oberförster nach, der sich schwankenden Ganges entfernte.

Im Freien erholte sich Hartlieb rasch, und die Schwäche schwand. Er ging taleinwärts, um beim Rottmeister eine Schlägerung anzuordnen.

Wie er sich auf dem sonnenverklärten Sträßlein dem Sensenwerk näherte, kam ihm zu seiner freudigen und zugleich erschreckenden Überraschung Fräulein von Gussitsch entgegen. Verweint und eiligen Schrittes. Und beim Anblick des Oberförsters zuckte Martina zusammen, die Wangen erbleichten, die zierliche Gestalt erbebte. Als sie sich gegenüberstanden, rangen beide nach Worten. Am schwersten Hartlieb, der die bittersten Seelenqualen litt, nachdem ihm die Kammerfrau Hildegard die alle Hoffnungen vernichtende Neuigkeit zugeflüstert hatte, daß Prinz Emil die Hofdame von Gussitsch heiraten werde. Was soll jetzt der im Innersten so schwer getroffene, schlichte ehrliche Waldmann sagen? Wie danken, daß Martina sich zu seinem Gunsten verwendet hatte? Wie die Braut des Prinzen behandeln? Darf er gratulieren? Kann er es, der jede Hoffnung und sein Lebensglück verloren hat...?

Vergeblich mühte sich Martina ab, die Herrschaft über sich mit der nötigen Raschheit wiederzugewinnen. Wie gelähmt war die Gehirntätigkeit. Unmöglich war es, dem geliebten Manne zu sagen, daß sie tiefunglücklich sei und demnächst die Entlassung zu gewärtigen habe. Unmöglich, von Hartlieb jetzt Abschied zu nehmen... Und ganz unmöglich, in dieser Minute ein harmloses, nichtssagendes Gespräch zu führen. Alle Fähigkeiten der gutgeschulten, weltgewandten Hofdame versagten. Dagegen füllten sich die Augen mit verräterischen Zähren.

Hartlieb stützte sich auf den Stock, um nicht zu taumeln, und stammelte in abgehackten Worten seinen tiefgefühlten Dank für die wohlwollende Empfehlung bei den Herrschaften. „Ich, ich hab jetzt Vollmacht für, für alles! Aber, aber es freut mich nimmer --!“

Nun fand Martina doch so viel Kraft, um wehmütig zu lächeln und zu sagen: „Das wenige, was ich für Sie tun konnte, ist gern, von Herzen gern geschehen! Was mich wundert, ist, daß Sie von meiner geringfügigen Bemühung Kenntnis erlangt haben!“

„Vorhin hat der Prinz davon gesprochen!“

„Sie waren eben beim jungen Herrn?“ rief überrascht Martina.

Hartlieb nickte. Das Übermaß schmerzlichster Empfindungen überwältigte ihn.

In der Sorge, dem Prinzen auf der Rückkehr zur Villa in den Weg zu laufen, erkundigte sich Martina nach der Richtung, die Prinz Emil eingeschlagen habe.

Ächzend stieß Hartlieb hervor: „Er ist noch daheim!“

„Danke! Dann muß ich mich beeilen, heimzukommen! Leben Sie wohl, Herr Hartlieb!“ Ein Blick voll Liebe und Trauer. Dann huschte Martina hinweg und lief im Trab davon.

Ambros drehte sich um und guckte dem Fräulein nach. Und dachte: Wie sie es doch eilig hat, zum Bräutigam zu kommen. Alles verloren...

Gebrochen schleppte sich Hartlieb weiter, um den Rottmeister aufzusuchen.

Martina huschte in das Schlößl. Von den Dienerinnen begegnete ihr nur die Kammerfrau Hildegard, die höflich grüßte und dem in Ungnade gefallenen Hoffräulein einen spöttischen Blick zuwarf und grinsend fragte, ob jetzt der Kaffee auf das Zimmer gebracht werden dürfe.

„Ich bitte darum!“ Dann verschwand Martina in ihrer Stube, die ein Gefängnis für sie geworden ist.

Leichter als erwartet vollzog sich Emils Kanossagang: die Bitte um Mamas Verzeihung wurde freudigst aufgenommen und sofort erfüllt. Aber wegen der Aufbesserung seiner Finanzen erlebte Emil eine grausame Enttäuschung. Nicht ein Wort wurde davon gesprochen. Antippen wollte aber Emil nicht. Und groß staunte er, als nach der Mitteilung, daß nun auch Fräulein von Gussitsch um Entschuldigung werde gebeten werden, Mama dem Sohne diesen Besuch verbot und befahl, es solle Emil schriftlich um Verzeihung bitten.

Enttäuscht verließ Emil die gestrenge Mama. Mit dem Entschluß, nun behufs Aufbesserung seiner trostlos schlechten Finanzen Schulden zu machen, egal wo und bei wem. Hauptsächlich in Admont, weil der Ort doch größer als das Dörflein Hall ist. Und der Satan flüsterte ihm den Rat ein: „Geh pumpen ins Kloster zu den Benediktinern!“

Im Forsthause besuchte Prinz Emil den vom Kuraufenthalte in Römerbad zurückgekehrten Hausmarschall Grafen Thurn. Diese Höflichkeitsvisite fiel sehr kurz aus, da Graf Thurn von der Reise ermüdet heimgekommen war und nicht danach aussah, als würde er geneigt sein, dem Prinzlein die Taschen mit Dukaten zu füllen. Liebenswürdig wie immer, ganz Hofmann und aalglatt, sehr dankbar für die ihm erwiesene Aufmerksamkeit. Wie der Weißbart sich nach den Ergebnissen der Reise erkundigen, gewissermaßen sondieren wollte, verabschiedete sich Emil mit dem Versprechen, darüber ein andermal referieren zu wollen.

Nun schlenderte Prinz Emil gemächlich nach Admont. Das von Sonnenstrahlen goldumwobene Münster mit den schlanken Doppeltürmen grüßte verheißungsvoll entgegen. Und die stolzen Gebäude des Stiftes erinnerten den Wanderer an das Hauptziel des Ausfluges. Aber besonders groß war Emils Zuversicht nicht, denn für ihn konnte doch nur ein einziger Stiftsherr in Betracht kommen: der Pfarrer von Hall, Pater Wilfrid. Andere Stiftsherren kannte Emil nicht. Den Abt zu behelligen, durfte überhaupt nicht gewagt werden. Bei Wilfrid stand zu hoffen, daß er nicht nur helfen, sondern auch schweigen werde. Mama darf unter keinen Umständen von dieser heiklen Angelegenheit Kenntnis erlangen. Über den Rückzahlungstermin zerbrach sich Emil einstweilen den Kopf noch nicht.

Die lange Hauptgasse des Marktes Admont hinaufschreitend, erblickte Emil am Hotel „Zur Post“ zu seiner freudigsten Überraschung seinen Adjutanten Baron Wolffsegg, der soeben wegfahren wollte. Sofort rief Emil den sehr länglichen, elegant gekleideten Zwetschgenbaron an. Und Wolffsegg verließ sofort den Wagen, als er den Prinzen erkannte, nahm eine stramme Haltung an und zwirbelte den rotblonden Bart auf. Im Schatten des ziemlich großen Strohhutes waren die unzähligen Sommersprossen auf Nase und Wangen nicht zu sehen, die vor der Erbschaftsübernahme den Reichtum Wolffseggs gebildet hatten.

Auf den ersten Blick gewahrte Emil, daß der zu Geld gekommene Adjutant sich jetzt fühlte, sich auch elegante Kleider zugelegt hat.

Wolffsegg erwies Reverenz mit erlesener Höflichkeit wie stets, aber doch mit einer Nuance, die merken ließ, daß man jetzt auch wer sei, nicht mehr der in Ehrfurcht ersterbende Habenichts und Bärenführer. Er lud den Prinzen ein, sich auf das Hotelzimmer zu bemühen. „Wollte soeben nach Hall fahren, mich melden bei den durchlauchtigsten Herrschaften!“

Emil lachte: „Bei mir ist die Meldung nicht mehr nötig! Mama wird sich freuen, den getreuen Wolffsegg, jetzigen Dukatenhamster, wiederzusehen! Gondeln Sie so bald wie möglich hinaus!“

„Zu dienen, Durchlaucht!“

Im Hotelzimmer angelangt, klopfte Emil auf den Busch mit der Frage, ob sich die Trauerfeier ausgiebig gelohnt habe.

„Untertänigsten Dank! Ausgiebig ist ein dehnbarer Begriff! So viel ist es, daß ich, falls dazu die Lust kommt, eigenen Kohl bauen und mir den Luxus einer Liebesheirat leisten kann!“

„Ah, was Sie sagen?! Also mächtig viel Moneten! Gratuliere heftig! Wissen Sie denn was anfangen mit dem vielen Zeug?“

„Einstweilen alles in sicheren Papierchen in einer soliden Bank deponiert!“

„Alles?“

„Wieviel wünschen Durchlaucht momentan?“

„Hm! Momentan genügt ein brauner Lappen! Wenn Sie so lieb, verbunden mit Diskretion, sein wollen!“

„Aus meiner Reisekasse kann ich momentan leider nicht mehr als hundert Kronen entbehren!“

„Her damit! Ist zwar verflucht wenig, aber in der Not frißt der arme Teufel auch Fliegen! Aber, bitte, absolute Diskretion!“

„Selbstverständlich!“

Emil dankte und schob die Scheine in die Westentasche.

„Wann soll ich den Dienst antreten?“

„Gar nicht! Hier wenigstens nicht! Es wäre denn, daß Sie mir helfen wollen, die Zeit totzuschlagen! Verdammt langweiliges Nest hier!“