Unter den Hohen Tauern: Ein Roman aus der Steiermark

Part 13

Chapter 133,494 wordsPublic domain

Auf den Einwand Hartliebs, daß die Fürstin gegenteilige Befehle erteilt habe, äußerte sich Prinz Emil dahin, daß er nun die Oberleitung führen werde und demgemäß seine Anordnungen zu befolgen seien, die selbstverständlich erst nach Zustimmung des Jagdleiters gegeben werden sollen.

Freudig überrascht fragte Hartlieb, ob denn Prinz Emil nicht selbst den Abschuß vornehmen, das Weidwerk ausüben wolle.

Emil verneinte diese Frage ohne Angabe der Gründe und bat, es möge ihn Hartlieb sofort in die Reviere führen behufs Kontrolle.

Dazu war Ambros Hartlieb natürlich mit Vergnügen bereit. Nur fragte er, während er nach Büchse und Bergstock griff, ob denn der Prinz mit Proviant versehen sei.

„Ist nicht nötig! Werde nicht verhungern!“

So marschierten beide denn ab. Und Hartlieb schlug einen Jägersteig ein, der zwar arg steil war, dafür schnell in die Höhe führte... Wie sich der Oberförster über den Wandel der Dinge freute! Manches am jungen Herrn gefiel Hartlieb in hohem Maße: der Eifer, die Einfachheit, der gute Wille für eine Reorganisation und Abschaffung der Günstlingswirtschaft. Nicht weniger erfreulich war für den Jagdleiter die Abschußbewilligung. Sonderbar fand Hartlieb allerdings den Verzicht auf jegliches Weidwerken; sonderbar bei einem jungen Manne, dem so herrliche, reichbestandene Reviere zur Verfügung stehen. Sollte der Mangel an Jagdinteresse wirklich bis zur Gleichgültigkeit für jegliches Wild gesteigert sein? Im langsamen Steigen erinnerte sich Hartlieb wieder der Worte des Grafen Thurn, der Frage, ob ein junger apathischer Mann beim Anblick von Wild auftauen, gewissermaßen von Jagdfieber ergriffen werden könne. Eine Probe darauf wollte Hartlieb vornehmen, den Prinzen an einen kapitalen Hirsch bringen, Emil das schußfertige Gewehr geben, und das Weitere beobachten. Nach Hartliebs Meinung kann ein schußberechtigter Mann beim Anblick eines Kapitalen unmöglich eiszapfig bleiben, das Hirschfieber muß wirken...

Steigen konnte Emil vorzüglich, trittsicher und geräuschlos. Immer hielt er Abstand ein, blieb nie zurück und schwätzte nicht.

Durch einen finsteren, engen Steilgraben ging es aufwärts, dann hinein in düsteren Hochwald, der zu den „Haller Mauern“ sich dehnte.

Hartlieb strebte im lautlosen Pirschschritt einer Lichtung zu, wo seit einiger Zeit ein kapitaler Zwölfender stand.

Emil folgte dem Führer stumm und unhörbar.

Zwischen den alten hochstämmigen Mantelfichten schimmerte es grau, die Lichtung war nahe.

Hartlieb blieb stehen, um zu horchen. Wie angemauert stand fünf Schritte von ihm der Prinz.

Von der Lichtungswiese her kam ein rauher Ruf, ein kurzer Trenzer, dann ein dröhnend Rollen, der Schrei des Brunfthirsches zornig, begehrlich, ungeduldig, herausfordernd: „ä--o--ah!“

Ein forschender Blick Hartliebs musterte den Prinzen, der ruhig stand und nur etwas verwundert horchte. Keine Spur von Leidenschaft oder Ergriffenheit.

So nahe als möglich pirschte Hartlieb den röhrenden Hirsch an. Gehorsam wie ein guter Jagdhund folgte ihm der Prinz auf Schritt und Tritt.

Fast in der Mitte der felsumrandeten Lichtung stand der Kapitale breit, vorgestreckt den zottigen Hals, werbend und kampfbegierig schreiend. Ein König, der zum Kampfe ruft...

Bis auf Kugelschußdistanz brachte Hartlieb den Prinzen, der staunend den kapitalen Zwölfender anguckte. Flink und lautlos machte Hartlieb seine Büchsflinte schußfertig und gab sie wortlos dem Prinzen in der sicheren Erwartung, daß Emil nun zielen, die berühmte Sekunde lang die höchste Weidmannswonne genießen werde, indem das Büchsenkorn im Hirschblatt Haar faßt und der Finger den Stecher zum Schuß berührt...

Prinz Emil sprach laut: „Aber was wollen S’ denn?“ Und er gab die Büchse zurück.

In hoher Flucht ging der vergrämte Hirsch ab...

Jetzt wußte Hartlieb bestimmt, daß dieser junge Mann kein Jäger war und niemals einer werden wird.

Fast schmerzlich wirkte diese Erkenntnis auf den Jagdleiter. Und nichts weniger denn ermunternd für den Dienst unter einem Jagdherrn, der kein Weidmann ist...

Viel mehr als der Zwölfender, der sich so rasch empfohlen hatte, interessierte Emil ein überraschender Kontrollbesuch des Jagdgehilfen Eichkitz. Deshalb fragte er, in welchem Distrikt Eichkitz zu finden sein werde. Zugleich erzählte er die Episode der „Ausstaubung“. Wobei Emil den Ton bis zum Flüstern dämpfte, da Hartlieb den Zeigefinger an den Mund gelegt hatte.

Leise gab der Oberförster die kurze Antwort dahin, daß er den gnädigen Herrn zu Eichkitz führen werde.

Eine mehrstündige scharfe Wanderung tief in Gräben hinunter, wieder hinauf, durch Wald, Steinwildnis, bis das grasige Plateau der Plechauer Alpe erreicht wurde.

Wie Emil den wuchtigen Steinkoloß des imposanten Großen Pyrgas erblickte, rief er in heller Bewunderung: „Gott! Wie prachtvoll! Welch herrlich schöne Natur!“

Trockenen und leisen Tones sprach Hartlieb: „Bitt schön! Nicht laut werden! Wenn Sie den Eichkitz überraschen wollen, müssen wir mit aller Vorsicht zur Almhütte pirschen! Wahrscheinlich hockt der Loder bei der Sennerin Burgl und raspelt Süßholz!“

„Ja, gut! Machen wir! Bitte führen Sie mich so, daß wir nicht gesehen werden und daß ich den Kerl ‚fürifangen‘ kann!“

Für diesen Überfall eines pflichtvergessenen Jagdgehilfen meinte es die Sonne gut, sie versteckte sich hinter dunklen Wolken, so daß der Almboden stark beschattet war. In diesem Schatten schlichen Hartlieb und Emil der Hütte zu, deren Türe halb offenstand.

Die scharf klingende Stimme der schmächtigen Sennerin Burgl war deutlich zu hören: „Aus ist’s und gar ist’s! Wie du meinst, mag ich nicht! Auf dein Rezept: ‚vorm Heiraten taufen‘ laß ich mich nicht ein! Probier dein Rezept bei den Hofmentschern! Ich will nichts wissen! Und jetzt pack dich durch! Ein Jaager gehört ins Refür, nicht in die Almhütt’n!“

„Sehr richtig!“ rief Prinz Emil und trat plötzlich in den Herdraum der Hütte.

„Jeß Maria!“ schrie entsetzt die tugendhafte Burgl und rang die Hände.

Verblüfft rutschte Daniel Eichkitz vom Herdrand herunter und stellte sich in Positur behufs Erweisung einer Art militärischer Reverenz vor dem Prinzen.

Scharf sprach Emil: „Das nennen Sie Dienst machen? Für die Schürzenjagd, für das Karessieren bezahlen wir die Jagdgehilfen nicht! Ich warne Sie: Werden Sie noch einmal auf einer Dienstvernachlässigung ertappt, so erfolgt die sofortige Entlassung, verstanden!“

Eichkitz erwiderte schnippisch: „Mit Verlaub! Der gnädig Herr hat mich aus dem Jagdschlößl ausg’schafft, das langt! Vom Dienst ausschaffen kann mich, so meine ich, doch wohl nur die Frau Fürstin, die wo Gebieterin ist und die Herrschaft ’kauft hat! I glaub nicht, daß...“

„Herr Oberförster, darf ich bitten!“ rief Prinz Emil mit zornbebender Stimme.

Hartlieb trat ein und fragte: „Durchlaucht befehlen?“

„Der Jagdgehilfe Eichkitz ist sofort seines Dienstes zu entheben! Über Kündigungsfrist, Lohnauszahlung usw. wollen Sie das Weitere veranlassen! Ebenso ist für Ersatz zu sorgen! Einstweilen kann wohl ein anderer Jagdgehilfe das Revier am Pyrgas beaufsichtigen!“

„Sehr wohl, Durchlaucht!“ Zu Eichkitz gewendet sprach Hartlieb: „Sie verlassen sofort das Revier! Den Hüttenschlüssel bringen Sie in die Jagdamtskanzlei, wo morgen früh acht Uhr mit Ihnen abgerechnet wird!“

Emil hatte die Almhütte bereits verlassen. Ihm folgte Hartlieb.

Völlig verdattert hatte die schmächtige Burgl zugehört. Jetzt, da die Herren sich entfernt hatten, meinte sie zu Eichkitz, dessen Zähne an der Unterlippe nagten: „Siehgst es, da hast es! Ich hab es allweil g’sagt, daß die Dienstschwänzerei nichts taugt und bald ein böses End nimmt! Und dein Leichtsinn auch! Kannst lang suchen, bis du wieder einen so schönen Jaagerposten findest, du Sausewind!“

Grob schnauzte Daniel Eichkitz die herbe Sennerin ab: „Dumme Gans! G’heiratet hätt ich dich nie nicht! Und nun kannst mir auf den Buckel steigen!“ Mit weiten Schritten zog er ab. Hinauf zur Pyrgas-Jagdhütte, um seine wenigen Habseligkeiten zu packen.

Die Herren wanderten durch den Plechauergraben zu Tale. Und in der Ebene des Halltales angekommen, sprach Prinz Emil seinen Dank für die Führung aus. „Um meine Dankbarkeit aber auch zu beweisen, bitte ich Sie, den bewußten Zwölferhirsch zu schießen! Und auch nach Bedarf überzähliges Kahlwild, ganz wie Sie es für nötig erachten! Auf meine Beteiligung am Abschuß und überhaupt am Weidwerk müssen Sie aber verzichten! Mir fehlt das Interesse, das Jägerblut! Ich bin nur ein begeisterter Naturfreund und Alpinist, habe nicht das geringste Verständnis für Wild und Jagd! Hingegen habe ich den ehrlichen Willen, Ihnen zu helfen, auf daß Ordnung wird! Bitte, sagen Sie dem Dickwanst Gnugesser -- drolliger Name --, er soll mich morgen acht Uhr abholen; wir wollen einen forstlichen Kontrollgang machen! Weidmannsheil, lieber Oberförster! Auf Wiedersehen!“

„Weidmannsdank! Und gehorsamsten herzlichsten Dank für die erquickende Abschußerlaubnis!“

Der Forstwart Gnugesser stand Punkt acht Uhr früh am Portal des Schlößls, diesmal in Forstuniform und statt mit dem Hirschfänger mit dem Plätzhammer ausgerüstet. Mit seinem strahlendsten Lächeln im bärtigen Gesicht, hocherfreut von den guten Neuigkeiten, die ihm gestern abend Oberförster Hartlieb mitgeteilt hatte. Bereitwilligst hatte Beni auf Ersuchen Hartliebs die Mission übernommen, den jungen Prinzen über forsttechnische Angelegenheiten zu informieren, ihm die Notwendigkeit einer Forstnutzung auseinanderzusetzen, auf daß Prinz Emil den Widerstand der Mama bezüglich jeder Schlägerung überwinde und auch auf diesem Gebiete Reformen einführe.

Länger als vermutet mußte Beni warten, denn Prinz Emil kanzelte im Flur des Hauses den Kammerdiener Norbert ab, und zwar so kräftig und gut verständlich, daß sich Gnugesser bei all seiner Gutmütigkeit und Friedensliebe hochvergnügt die Hände rieb. Offenbar versteht der junge Herr das „Aufmischen“ gründlich; und wenn Prinz Emil jetzt sogar die „allmächtigen“ Vertrauenspersonen und einflußreichen Diener „fürifangt“, so müssen -- nach Benis Meinung -- die Verhältnisse bald anders und sehr gut werden.

Endlich kam Prinz Emil in schlichter Lodenkleidung heraus, dem Gesichtsausdruck nach etwas verstimmt, grüßte kurz und bat, es wolle der Forstwart auf einem Inspektionsgange über den Stand der Forstangelegenheiten Vortrag erstatten.

Der Marsch durch das nebelerfüllte Halltal wurde sofort angetreten. Für Benis dickes Bäuchlein und kurze Beine in einem zu schnellen Tempo. Eine Weile hielt Gnugesser zappelnd Schritt zur Linken des weitausgreifenden Prinzen, der sich anscheinend durch das Renntempo den Ärger weglaufen wollte. Dann aber wurde Benis Atem immer kürzer. So mußte er denn bitten, es möge der gnädige Herr etwas weniger schnell gehen. „Ich derpack das Gerenn nicht, die Haxeln sind z’ kurz!“

Schmunzelnd mäßigte Emil das Tempo. Und mit sarkastischem Blick musterte er den „Hendlfriedhof“, das hüpfende Bäuchlein Gnugessers.

Beni fing den Blick auf und sprach: „Glauben S’ nur ja nicht, gnädiger Herr, daß mein Wanst vom zu guten Essen so dick worden ist!“

„Also vom Hungern und Fasten?“ meinte lächelnd Emil und ging gemächlichen Schrittes weiter.

Eifrig beteuerte Beni, daß bei ihm Naturanlage vorhanden sei, eine mehr als dreimal verfluchte Veranlagung, die stetigen Verdruß verursache.

„Warum denn Verdruß?“

„No ja, halten zu Gnaden, weil mich jeder Hansdampf -- Jeß Maria! Ich nehm das dumme Wort z’ruck -- weil mich die Leut immer frozzeln wegen des dicken Bäucherls! Ist aber nicht zum Lachen! Magere Kost...“

„Vielleicht futtert der Forstwart zu feucht?“

„Ist nicht möglich, Duhrlauch! Wo das Gehalt so klein ist!“

„Was? Unzufriedenheit mit dem Gehalt?“

„Nicht! Keine Spur nicht von Unzufriedenheit! Wenn ich sag, daß mein Gehalt so klein ist, so hängt das mit meinem Hauskreuz und mit der vermaledeiten Haller Weiberrevolution zusammen!“

Emil fragte, neugierig geworden, nach Details dieser ihm fremden Verhältnisse und blieb stehen, damit Beni ruhigen Atems berichten konnte.

Der häusliche Krieg wegen der Entschädigung der Hausfrauenarbeit im Ehestande, der Kampf um das Gehaltsdrittel des Brotverdieners hatte Beni die Hauptwaffe, die Zunge, so geschärft, daß er sehr präzis und geläufig über die Entwicklung dieser Frage referieren konnte. Und besonders scharf betonte er die ethische Seite, das Herabdrücken der Würde der Ehefrau durch Annahme eines Lohnes auf das Niveau der bezahlten Dienstmagd. Für die ihn selbst betreffende finanzielle Seite hatte er nur den winzigen Spott, den die Gutmütigkeit gestattete. „Merkwürdig ist nur, daß die Weiber nicht nachgeben wollen, wiewohl es gar kein solches Gesetz gibt und selbst in der Schweiz nur ein Entwurf besteht! Der Pfarrer hat bereits scharf geschossen, die Bezirkshauptmannschaft hat jedwede Agitation verboten und Bestrafung wegen Störung der öffentlichen Ruhe angedroht! Hilft alles nichts, meine heißgeliebte Amanda will das Gehaltsdrittel und hetzt weiter, bis sie hoffentlich bald eingekastelt wird!“

„Aber das ist ja köstlich!“

„Mit Vergunst: was soll köstlich sein?“

„Die Situation, wenn Amanda -- das ist wohl Ihre Gattin? -- ‚eingekastelt‘ wird!“

„Köstlich oder nicht, jedenfalls krieg ich für einige Zeit Ruhe, so meine süße Amanda hinter schwedischen Gardinen sitzt als Revoluzzerin und Volksaufwieglerin!“

„Ist denn meine Mama über diese interessante Affäre informiert worden?“

„Wohl, wohl! Eine Zeitlang ist die Frau Fürstin für die Frauen gewesen, Duhrlauch hat es sogar dem Pfarrer von Hall verübelt, daß er die Revolution bekämpfte! Wie aber die Frau Fürstin vom Pfarrer genauer informiert worden ist, hat die Frau Fürstin nichts mehr wissen wollen! Natürlich schimpfen die Haller Weiber jetzt wie die Rohrspatzen über die Frau Fürstin!“

„Na, sehr nette Chose! Was soll denn daraus werden?“

„Ich hab keine Ahnung! Das begehrte Drittel kann ich nicht zahlen, soviel steht fest! Dazu ist die Gage wirklich zu klein; nichts für ungut, gnädiger Herr!“

Im Weiterschreiten ließ sich Prinz Emil über die Höhe der Beamtengehälter und über die Löhne der Waldarbeiter und Jagdgehilfen informieren. Selbst von Mama mit Geld sehr knapp gehalten, hatte Emil eine Ahnung davon, was es heißt, mit wenig Geld leben zu müssen. Kein besonderes Verständnis für soziale Verhältnisse, noch weniger Verständnis dafür, wieviel Geld der Haushalt eines schlecht bezahlten Beamten oder Forstarbeiters jährlich verschlingt. Aber eine hübsche Idee hatte Emil, einen niedlichen Revanchegedanken: für seine eigene Knapphaltung ist Revanche möglich und sehr nett, indem der knickrigen Mama etlicher Mammon dadurch abgeknöpft wird, daß man die Löhne des Forstwarts und der verheirateten Waldarbeiter aufbessert. Diebisch freute sich Emil über diese niedliche Revancheidee.

Gnugesser erhielt Auftrag, ein Verzeichnis der verheirateten Angestellten im fürstlichen Dienste anzufertigen und auszurechnen, wieviel gezahlt werden müsse bei einer Aufbesserung um zwanzig Prozent.

Einen Luftsprung vollführte Beni. Das Bäuchlein hüpfte. Und vor Freude schrie Gnugesser: „Vergelt’s Gott diese Wohltat!“

„Nur gemach! Erst die Berechnung! Dann muß ich die Angelegenheit prüfen, studieren, wie Gelder aus dem Ertrag des Herrschaftsgutes flüssig gemacht werden können! Denn aus der Privatschatulle wird Mama die zur Aufbesserung der Löhne nicht bewilligen!“

„Oh, gnädiger Herr! Geld soviel wie Heu können Sie herauszwicken, wenn überständiges Holz verkauft wird! Angebote haben wir genug, hiebreifen Bestand auch, nur die Erlaubnis zum Schlägern haben wir nicht -- einstweilen!“

„Gut! Machen wir! Ich werde Mama schon umstimmen! Aber nun noch etwas: den geldhungrigen Eheweibern muß der Mund gestopft, die Lust zum Revolutionieren gründlich ausgetrieben werden!“

„Wie wollen denn gnädiger Herr dieses Kunststück fertigbringen?“

„Sehr einfach das: zehn Prozent der Aufbesserung liefert der Ehemann der Gattin als Nadelgeld ab! Wer damit nicht zufrieden ist, wer weiter hetzt und agitiert, wird entlassen!“

„Oha! Aber die Ehefrauen können doch nicht entlassen werden!“

„Die Weiber nicht, aber die in unserem Dienst stehenden verheirateten Beamten und Arbeiter!“

„Ah so wohl! Jetzt versteh ich, was Sie meinen! Wir Ehekrüppel bekommen durch die Aufbesserung eine Waffe, mit der wir die Revolution im Haushalt bekämpfen und niederringen können! Feine Idee das! Hätt gar nicht geglaubt, daß unser junger Prinz soviel Spiritus im Kopf hat! Jeß Maria, nichts für ungut; es ist mir gleich nur so dumm herausgerutscht!“ Und wütend auf sich selbst, schlug sich Beni auf den vorlauten Mund.

Belustigt sprach Prinz Emil: „Ist schon recht, Dickwanst! Ich bin wirklich nicht so dumm, wie ich aussehe! Die Idee zur Lösung der ‚Revolutionsfrage‘ gefällt mir selber, und ich glaube, daß den Weibern der Mund gründlich gestopft wird!“

„Wohl, wohl! Bis auf die gefährliche Krämerin in Hall! Diese Oberhetzerin steht nicht im fürstlichen Dienst, sie kann also auf die Herrschaften husten und pfeifen, wie sie mag! Und das wird sie auch tun! Und solang dieses Malefizweib hetzt, wird auch keine endgültige Ruhe eintreten!“

„So? Da bin ich anderer Meinung! Die Krämerin wird einfach boykottiert!“

„Wie denn das?“

„Zur Strafe für die Verhetzung wird der Boykott über die Krämerin verhängt! Wir kaufen nichts mehr bei ihr! Und wer von unseren Beamten und Dienern fürder den Bedarf bei der Krämerin deckt, wird entlassen! Merkt das die Krämerin, so wird sie, um nicht geschäftlich ruiniert zu werden, ganz gewiß zu Kreuz kriechen und jede Agitation einstellen!“

„Gott! Sie sind ein heller Kopf!“ Und wieder schlug sich Beni auf den Mund.

„Na schön! Nun gehen Sie heim und besorgen Sie mir so rasch als möglich die Aufstellung und Berechnung! Bis Mittag will ich alles in Händen haben!“

„Sehr wohl, gnädiger Herr! Aber was ist’s mit dem Inspektionsgang?“

„Machen wir ein andermal! Mich interessiert jetzt die Revolutionsangelegenheit und ihre Lösung!“

Zehntes Kapitel

Des guten Herbstwetters halber hatte Fürstin Sophie eine Wagenfahrt nach dem idyllisch gelegenen Wallfahrtsorte Frauenberg bei Admont befohlen, und zwar nach dem Lunch. Als aber bei Aufhebung der Tafel Prinz Emil um Audienz in einer dienstlichen Angelegenheit bat mit dem Hinweise, daß die Besprechung wahrscheinlich längere Zeit beanspruchen werde, bestellte die erstaunte Mama den Wagen wieder ab.

Daß der Sohn der Mutter sich wieder nähert, eine Aussprache wünscht, sich um Herrschaftsangelegenheiten kümmert, erfüllte die Fürstin mit größter Freude. Und im voraus war sie gewillt, allen Vorschlägen des geliebten Sohnes zuzustimmen.

Als aber Emil mit dem von Gnugesser gelieferten Aktenmaterial im Zimmer der Mama erschien und von Schlägerung und Lohnaufbesserung sprach, ward die Miene der Fürstin etwas säuerlich. Und Mama verschanzte sich hinter dem Ausspruch des Jagdgehilfen Eichkitz, wonach die Jäger um jeden gefällten Baum heulen und „die Hirsche auch“.

Trocken und kurz erzählte Emil, weshalb der Eichkitz wegen grober Dienstesvernachlässigung entlassen worden sei.

Nun gab Mama jeden Widerstand auf, hütete sich auch, wegen der Entlassung des früheren Günstlings Eichkitz ein Wort zu äußern. „Tu was du willst, lieber Sohn! Wenn ich um eines bitten darf, tu nichts ohne Hartlieb gefragt zu haben, der ja Fachmann ist!“

„Gewiß! Selbstverständlich! Du wirst ja zweifellos während meiner Abwesenheit auch stets den Oberförster gefragt haben!“

Fürstin Sophie biß sich auf die Unterlippe und schwieg.

„So! Es ist alles erledigt! Wenn Mama gestattet, werde ich euch begleiten und mit nach Frauenberg fahren!“

„Da du mitfahren willst, kann Martina zu Hause bleiben!“

„Aber nein! Die Gussitsch soll nur mitfahren! Das arme Wurm versauert ja ohnehin auf ihrem Kammerl! Das bissel Vergnügen einer Wagenfahrt ist ihr schon zu gönnen! Vorausgesetzt, daß es in dem Nest etwas zu schnabulieren gibt! Ich habe heute einen merkwürdigen Appetit auf Backhühner und Steiererwein! Da der -- mündige Prinz von Schwarzenstein naturellement die Zeche zu berappen haben wird, dermalen aber -- _horribile dictu_ -- nur über lumpige zehn Kroneln verfügt, muß ich die durchlauchtigste Fürstin-Mama um Ausfolgung von Moneten allergehorsamst bitten!“

„Ja freilich! Wieviel wird denn das Backhendl-Vergnügen kosten?“

„Hundert Kroneln werden vielleicht genügen! Nichts Gewisses weiß man nicht!“

„Was? Hundert Kronen?! Das ist ja ein ganzes Vermögen! Hundert Kronen für ein Backhendl? Entsetzlich! Unerhört teuer!“

Schmunzelnd meinte Emil, den das Gejammer Mamas belustigte: „Ach wo! Ein Hunderter ist ungefähr soviel, wie wenn ein Ochs ein Veigerl frißt!“

„Ach Gott! Diese Ausdrücke! Schrecklich! Sie gehen mir auf die Nerven!“

Die Audienz endete damit, daß die Mama, die vom Geldwert und merkantilen Dingen nicht viel verstand, dem Sohne ganze zwanzig Kronen gab, die Emil gelassen in die Westentasche steckte. „Danke! Jetzt aber muß auch Norbert mitfahren!“

„Aber warum denn?“

„Das bleibt einstweilen mein Geheimnis! Untertänigsten Dank, liebe Mama!“ Emil küßte der Mutter die Hand und empfahl sich.

Unten, und zwar in Nähe der Fenster von Martinas Zimmer, befahl Emil dem verdutzten Kammerdiener Norbert die Bestellung des viersitzigen Wagens absichtlich so lauten Tones, daß Fräulein von Gussitsch jedes Wort hören mußte. Richtig erschien auch Martina an einem der offenen Fenster.

Hinauf grüßend und mit den Augen zwinkernd rief Emil: „Bitte, sich rasch fertigzumachen! Dienstfahrt nach Frauenberg zu Backhendl und Steiererwein! Ich fahre ooch mit!“

„Nicht möglich! _Che grandissimo onore!_“ kicherte Martina und verschwand vom Fenster.

In Gedanken nannte Emil das Hoffräulein einen „sehr netten Käfer“. Und auch die Wahrheit gestand er sich ein, daß er nur deshalb mitfährt, um die zum Anbeißen hübsche Martina etliche Stunden als Gegenüber betrachten zu können.

Als der Wagen vorfuhr, erteilte Emil dem Kammerdiener den Befehl: „Sie fahren als Reisefourier mit, verstanden?“

„Zu Befehl! Ich werde mich sofort mit dem Nötigen versehen!“ Und hurtig verschwand Norbert, um ebenso rasch wieder zu erscheinen.

Noch vor der Abfahrt wurde eine Depesche gebracht, welche für den Abend die Rückkehr des Grafen Thurn ankündigte und einen Wagen zum Bahnhofe Admont erbat.

Fürstin Sophie meinte, daß man auf dem Rückwege von Frauenberg den Grafen in Admont abholen könne.

Davon wollte aber Prinz Emil, dessen Augen die schöne Martina anblitzten, nichts wissen; er heuchelte Sehnsucht nach familiärem Zusammensein, das gestört würde durch ein minutiöses Erscheinen am Bahnhofe.

Hocherfreut nahm die Mama diese spitzbübische Heuchelei für Ernst und gab Befehl, daß ein eigener Wagen für den Grafen Thurn gesendet werde.

Während der Fahrt durch das in den Farben des Herbstes prangende Ennstal verhielt sich Emil schweigsam. Gleichgültig gegen die Pracht der himmelragenden Felskolosse, die das Tal besäumen. Um so größeres Interesse verriet der Blick für das bildhübsche Hoffräulein. Zu Martinas Unbehagen, denn fängt die Fürstin nur einen einzigen dieser brennendes Interesse kündenden Blicke auf, so wird eine bitterböse Situation heraufbeschworen sein. Unangenehm war sie jetzt schon während dieser dem „Vergnügen“ gewidmeten Fahrt durch die angespannte Aufmerksamkeit für die Gebieterin für den in jedem Moment möglichen Fall einer Ansprache, durch die Dienstesbereitschaft, durch den Zwang der Zurückdrängung von Gedanken, die sich mit Hartlieb beschäftigen wollten. Und wegen der brennenden Blicke Emils mußte Martina doch darüber nachdenken, wie sie der drohenden Gefahr entgegentreten solle, wie beizeiten die züngelnde Flamme gelöscht werden könne. Der erwachte Prinz muß toll geworden sein, von einem Sinnestaumel erfaßt; ein verzehrendes Feuer glüht in seinen flackernden Augen. Und der Tollgewordene wagte es sogar zu fußeln.

Martina mahnte mit einem tiefernsten Blick zur Vernunft, und scheu schielte sie nach der Fürstin, die gottlob von dem Gebaren des Sohnes nichts wahrgenommen zu haben schien und ihren Gedanken nachhing.