Unter den Hohen Tauern: Ein Roman aus der Steiermark
Part 12
Mit munterer Wichtigkeit hatte Fräulein von Gussitsch berichtet, daß künftig Prinz Emil sozusagen „Jagdherr“ sein werde, der Oberleiter, und Hartlieb seine rechte Hand und oberster Berater, der sich wohl bald in einen Vertrauensmann und Freund verwandeln werde. Daß Martina der Fürstin diesen Gedanken eingeblasen hatte im Interesse Hartliebs, verschwieg das Hoffräulein, um nicht zuviel zu verraten. Nur ganz wenig hatte Martina durchblicken lassen, daß nach Rückkehr des jungen Prinzen das „Weiberregiment“ ein wohltätiges Ende finden werde. Einen Freudenschrei aus Hartliebs frohbewegter, von Druck und Sorgen befreiter Brust hatte Martina erwartet. Ambros Hartlieb aber hatte tiefernst mit tonloser Stimme geantwortet: „Zu spät!“
So bestürzt war Martina, daß sie gar nicht fragen konnte, was geschehen sei.
Wie erloschen schien Lebensfreude und Zukunftshoffnung in Hartlieb, da er nach einer Pause sprach: „Zu spät kommt diese Botschaft, denn ich habe Schritte getan, um eine -- andere Stellung zu erhalten! Hier sind die dienstlichen und sonstigen Verhältnisse unerträglich geworden!“
In Martina quoll nach dem ersten lähmenden Schrecken jetzt doch eine kleine Hoffnung auf, auch der Mut zu fragen, ob denn ein Stellungswechsel sich so rasend schnell vollziehe, daß es für hier „zu spät“ sein müsse.
Ein leises Lächeln huschte über Hartliebs ernstes Antlitz: „Das wohl nicht! Ich habe an den früheren Jagdpächter von Hall, Grafen Lichtenberg, geschrieben, ihn um gnädige Vermittlung und Empfehlung gebeten...“
„Ach so!“ rief Martina im Tone der Befreiung von schwerer Sorge. „Demnach ist noch nichts abgemacht, Sie können also abwarten und zusehen, wie sich die Dienstesverhältnisse -- bessern werden! Und sind sie ‚erträglich‘ oder gar -- was ich hoffe und wünsche -- gut geworden, so wird der Herr Oberförster doch wohl hierbleiben! Landschaftlich ist es ja doch wundervoll im Halltale, nicht?“
„Gewiß! Nur schweren Herzens würde ich von hier scheiden! An eine günstige Gestaltung der Verhältnisse vermag ich aber nicht zu glauben!“
„Warum nicht?“
„Weil es heißt, daß der junge Prinz wenig oder gar kein Interesse für das Weidwerk habe!“
Rasch warf Martina die Frage ein: „Woher wissen Sie denn das?“
„Vor einiger Zeit, vor Ankunft der Frau Fürstin, hatte Graf Thurn die Frage an mich gerichtet, ob die Jagdausübung in den herrlichen Haller Revieren einen jungen apathischen Mann aufrütteln, die Weidmannslust erwecken könne. Namen wurden nicht genannt! Ich werde mich wohl kaum irren, wenn ich in dem ‚apathischen jungen Manne‘ den Prinzen Emil vermute! Wenn die Weidmannslust in einem Menschen erst -- geweckt werden soll, dann ist doch sicher ein Jagdinteresse nicht vorhanden!“
„Das ist allerdings richtig gefolgert! Wer weiß aber, ob sich nicht doch ein gewisses Interesse einstellt! Der Jagdleiter selbst kann da einen großen Einfluß ausüben, je nachdem er den jungen Herrn behandelt, ihm Weidmannsfreuden verschafft! Nach meiner Auffassung ist das Wichtigste, daß der Herr Oberförster in engsten Konnex mit dem Prinzen kommt, den jungen Herrn führt und leitet! Das Weitere ergibt sich von selbst! Und die Günstlingswirtschaft wird wohl bald ein Ende finden!“
„Das wäre freilich ein Segen!“
„Hoffen wir das Beste! Und einstweilen bleiben Sie, ja?“
„Versprechen kann ich nichts! Hat Graf Lichtenberg ein Jagdgut gekauft und wünscht er mich, so werde ich seinem Rufe Folge leisten müssen!“
Martina sann und murmelte: „Lichtenberg, Lichtenberg?“
„Zu dienen: Graf Udo von Lichtenberg!“
Munter rief Martina: „Hab ihn schon! Vor kurzem las ich in der Zeitung, daß Graf Udo Lichtenberg nach Afrika abgereist sei, um im Sudan zu jagen! Demnach werden Sie von ihm in den nächsten Tagen kaum Nachricht erhalten!“
„Was? Nach Afrika? Das kann nicht stimmen, nach Afrika zu Jagdzwecken reist man gewöhnlich um die Jahreswende! Und dem Grafen Lichtenberg sieht es nicht gleich, daß er die Hirschbrunft in heimatlichen Bergen ignoriere!“
„Ist alles egal, Sie bleiben bis auf weiteres, ja?“
„Bis auf weiteres, ja!“
„Sagen wir: auf ein Jahr, ja? Hand darauf!“
Ambros zögerte; es schien ihm bedenklich, sich zu binden.
„Auf Manneswort, mir zuliebe, Herr Hartlieb!“
Bewegt rief Ambros: „Ach Gott, was tät’ ich nicht alles -- Mustela zuliebe?“
„Hand darauf!“
Hartlieb legte seine sonnengebräunte Hand in das ihm von Martina gereichte schmale Händchen.
Und nun kicherte das vergnügt gewordene Hoffräulein: „Den mir aufgebrachten ‚Spitznamen‘ ‚Mustela‘ muß ich mir also gefallen lassen! Ist übrigens nicht ohne, die neue Situation: Mustela fängt den Jäger! Ansonsten ist es doch umgekehrt, nicht?“
Ambros gab Martinas Händchen frei. „Darf ich erfahren, warum gnädiges Fräulein mein Verbleiben wünschen? Sind Sie denn gern im fürstlichen Dienst?“
„Beide Fragen kann ich nicht beantworten, ganz unmöglich! Und nun zum Schlusse -- die Zeit drängt und der Dienst ruft: Besorgen Sie gütigst alles für den festlichen Empfang, auf daß der Prinz recht angenehm überrascht wird und Sie liebgewinnt! _Addio!_ Herr Oberförster!“
Martina hatte es merkwürdig eilig, aus dem Forsthause zu kommen. Hartlieb aber hatte ein Gefühl, als sei seinerseits etwas sehr Liebes und Großes gründlich versäumt und verpatzt worden...
Spät am Abend kritzelte Martina in das Tagebuch: „So ein Zottelbär, dieser Ambros Hartlieb! Führt seinen Namen zu Recht, denn es geht ‚hart‘ mit seiner ‚Liebe‘! Aber ich hab’ ihn gern, schrecklich gern und hoffe auf einen guten Ausgang in späterer Zeit! -- Gute Nacht, lieber Hartlieb!“
Neuntes Kapitel
Überraschend und mit Überraschungen für die Mama war Prinz Emil gekommen. Ein schlanker, hochgewachsener junger Mann, blond das nicht üppige Haupthaar, flachsartig das Schnurrbärtchen, lichtblaue Augen mit dem Ausdruck von Gutmütigkeit. Muttersöhnchen, mager wie ein Zahnstocher, verzärtelt, verhätschelt, unsicher; bis vor wenigen Wochen wohl auch eitel, unfähig, einen selbständigen Entschluß zu fassen. Ehrerbietig hatte Prinz Emil die Mama begrüßt und geküßt, nichts von Verstimmung merken lassen, die ihm wegen der Abberufung von Berlin im Herzen saß.
Tadellos höflich, nur etwas neugierig, hatte er das Hoffräulein begrüßt. Und Martina hatte mit dem schönsten Hofknicks Reverenz erwiesen; in Gedanken aber das Muttersöhnchen „_Steccadente_ mit Schafblick“ genannt.
Schon die Schnurrbärtchenfasson bildete eine Überraschung für Mama. Dann die Tatsache, daß Baron Wolffsegg nicht mitgekommen war, also Emil allein, nur von seinem Diener begleitet, hatte reisen müssen. Daß der Sohn bereits vierundzwanzig Lenze zählte, vergaß die Mama gänzlich. Und verärgert war die Fürstin über den Anlaß der Pflichtvernachlässigung seitens des Adjutanten. Verstimmt über die leichtfertige Art, wie Emil den Baron Wolffsegg kordial entschuldigte: Erbtante freundlichst prompt gestorben, selbstverständlich, daß Wolffsegg anstandshalber bei Beerdigung mithalf und nun in Prag den vielen Draht einsackt; so ein Schwein kann eben nur ein böhmischer Baron haben.
Diese Sprachweise, diese Ausdrücke gingen der Fürstin schwer auf die Nerven. Aber sie rügte nicht, um nicht schon am Tage des Wiedersehens Verstimmung und Verdruß heraufzubeschwören.
Nicht völlig nach Wunsch der Mama hatte Emil sich bei der feierlichen Begrüßung an der festlich geschmückten Villa benommen: zu kordial und burschikos den Oberförster behandelt, begrüßt mit den Worten: „Nette Chose, sehr hübsch, freut mir jletscherhaft, lieber Oberförster; ich danke Ihnen heftig! Hoffe, daß wir Freunde werden im grünen Revier! Servus!“
Einfach gräßlich für einen Prinzen, dachte Mama.
Und dann die an den Forstwart gerichteten Worte: „Ah, notleidender Agrarier, wie Figura zeigt, essen wohl viel Notstandsgockel, daher der große Hendlfriedhof? Wie heißen Sie denn? Was, Gnugesser! Alle Wetter! Da versteht sich der _Plenus venter_ von selbst! Muß bezüglich Ihrer Nase Witz von König Ludwig dem Ollen kopieren: ‚He, Landrichter, große Nase, doch nicht von der Regierung bekommen?‘ Na, bei Ihnen gar nicht möglich, denn Sie sind ja nicht von der Regierung, sondern unser Beamter! Auf Wiedersehen!“
Für die Mama war es unverkennbar, daß Emil „aufgewacht“, von lähmender Apathie, von Geistesträgheit befreit ist. Die Reise hat gute Früchte gebracht. In dieser Hinsicht. Aber sonst: gräßliche Manieren, schrecklich der Ton. Eine beklagenswerte Veränderung im Wesen des bisher so gefügig gewesenen Muttersöhnchens.
So sehr ging all dieses Neue auf die Nerven, daß die Fürstin alsbald, ohne Begleitung, nach Admont fuhr, um mit Pater Wilfrid darüber zu sprechen.
Ein Privatissimum in der Klosterzelle, die der Öffentlichkeit zugänglich sein muß und sich außerhalb der Klausur befindet, weil Wilfrid Pfarrer ist, also Amtsperson.
Fürstin und Mönch in bescheidener Zelle; sorgenerfüllt die Frau, diensteifrig der Pfarrer und Edelmann von Erfahrung und Weltkenntnis.
Bitter klagte Fürstin Sophie, daß der Sohn „in Preußen“ revolutioniert, zu seinem Schaden in Kopf und Seele beeinflußt und verändert worden sei; spottlustig, sarkastisch der lammfromm gewesene Jüngling, standeswidrige Leutseligkeit. Seufzend, mit zitternder Stimme sprach die Fürstin: „Denken Sie nur, Hochwürden, mein Sohn fragte mich, wie ich über eine bürgerliche Braut dächte. Unerhört! Aber ich habe das Schreckliche verhindert durch einen gemessenen Befehl! Mit aller Strenge werde ich künftig vorgehen, um Entgleisungen zu verhüten, den Jungen vor Unglück bewahren! Helfen Sie mir, Herr Pfarrer, mit Ihrem Rat, mit Ihrer Erfahrung als Priester und Seelenhirte!“
Pater Wilfrid verbeugte sich und sprach: „Euer Durchlaucht werden sich mit dem Faktum vertraut machen müssen, daß die Zeit vorüber ist, in der sich ein Sohn gängeln läßt; Prinz Emil ist der mütterlichen Aufsicht entwachsen, mit vierundzwanzig Jahren allerdings noch kein ausgereifter Mann, aber auch kein Jüngling mehr, der sich lenken, am Händchen führen läßt! Das Befehlenwollen der Eltern, nachdem der Sohn mündig geworden ist, seine eigenen Anschauungen hat und sich über das Lebensziel klar geworden ist, führt zu nichts Gutem! Mit solcher Befehlerei -- ich bitte zu verzeihen -- erzielt man nur Verschlossenheit, Gereiztheit, Eigensinn und Widerstand! Letzterer wird sich je nach Temperament und Erziehung aktiv oder passiv zeigen! Jeder Priester von Erfahrung muß zu den Eltern sagen: _Ne feceris!_ Tue es nicht!“
Die Fürstin jammerte: „Ach Gott! Nun halten gar auch Sie, der Geistliche, dem Sohne die Stange! Die Mutter wird doch berechtigt sein, Gehorsam zu fordern?“
„Zu dienen, Durchlaucht! Achtung muß der Sohn erweisen, auch Gehorsam in dem, was den Eltern zukommt! Aber nicht darüber hinaus! Die Eltern können mahnend und warnend einzuwirken versuchen, erzwingen können sie aber nichts mehr! Gute Erziehung wird den Mann gewordenen Sohn davon abhalten, daß er Mahnungen und Warnungen etwa brüsk zurückweist!“
Gedrückt klang die Klage: „So habe ich denn nichts mehr zu sagen und den Sohn soviel wie verloren -- --!“
Soviel Pater Wilfrid sich bemühte, die hohe Frau zu trösten, es blieb vergeblich; die Fürstin erwies sich Trostworten nicht zugänglich in ihrem Seelenschmerze und verabschiedete sich mit Dank für die freilich sehr bittere Aufklärung.
Der Seelenkenner im Benediktinerhabit behielt recht mit seiner Voraussage. Emil verhielt sich seiner Erziehung entsprechend selbstverständlich einwandfrei im Verkehr mit der Mama bei Tisch und sonstigem Zusammentreffen, aber von der früheren Offenherzigkeit, vom bedingungslosen Gehorsam war keine Spur mehr vorhanden.
Der scharf beobachtenden Mutter konnte die schmerzliche Tatsache nicht entgehen, daß der Sohn grollte, der Mama nach Möglichkeit auswich. Um so mehr mühte sich die Fürstin ab, eine Annäherung und Versöhnung herbeizuführen, zumal sie befürchtete, daß die Verschlossenheit und das untätige Leben den Sohn auf schlimme Gedanken und gefährliche Streiche bringen könnte. Um eine Flucht zu verhindern, hielt die Fürstin Emil sehr knapp mit Geldmitteln. Dachte gar nicht daran, daß dieses Vorgehen den mündigen Sohn völlig erbittern mußte. Und ganz verfehlt war der Tadel der Untätigkeit, die mit liebeflehenden Worten verzuckerte Mahnung zu irgendeiner Beschäftigung, z. B. Übernahme der Oberleitung im Forst- und Jagdamt, Kontrolle der Beamten und Jäger.
Emil lehnte ab mit dem Hinweise auf Mangel an Sachverständnis.
Eines tat er aber doch, ohne Wissen der Mama, er staubte den Freikost und sonstige Benefizien schindenden Jäger Eichkitz aus dem Schlößl raus, so gründlich und scharf, daß dem hübschen Frechdachs Hören und Sehen verging. Jäh hatte das Schlemmerleben und auch die Beeinflussung der Gebieterin ein Ende. Daniel Eichkitz mußte im Hochreviere Dienst tun wie die anderen Jagdgehilfen.
Zeuge dieser Ausstaubung des Parasiten war vom Fenster ihrer Stube aus Fräulein Gussitsch, ohne daß Emil davon eine Ahnung hatte.
Bald darauf wurde Martina zur Fürstin befohlen. Zu einer Aussprache. Das tiefbekümmerte Mutterherz verlangte nach Hilfe und Befreiung von quälenden Sorgen. Einen Weg sollte die Hofdame finden, der zum Herzen des Sohnes führt. Und Martina soll intervenieren, auf daß sich der Prinz beschäftige, um die Bewirtschaftung des Jagdgutes kümmere.
Ob dieser Bitten war Martina anfangs erschreckt. Aber in Erinnerung an die von ihr beobachtete Ausschaffung des Jägers Eichkitz konnte Martina mit gutem Gewissen der hohen Gebieterin sagen, daß Prinz Emil bereits sich der Interessen der fürstlichen Familie annehme, für Ordnung wenigstens teilweise gesorgt habe.
Über die Details dieses Vorganges informiert, gab die Fürstin den seither bevorzugten Lieblingsjäger und Berater in Jagddienstangelegenheiten sofort preis, billigte die Ausschaffung nicht nur, sondern lobte der Hofdame gegenüber den Sohn himmelhoch, als hätte Emil die Welt aus den Angeln gehoben. Und im selben Atemzuge schier bat die Fürstin, es solle Martina den Prinzen dahin zu bestimmen suchen, daß er seine Tätigkeit zur Schaffung von Ordnung und Disziplin ausdehne und den Bediensteten scharf auf die Finger sehe. Wehen Tones klagte sie: „Auf mich hört Emil ja leider Gottes nicht mehr, vielleicht zeigt er sich Ihren Worten zugänglich! Seien Sie aber vorsichtig, liebe Martina, auf daß nicht Erbitterung und Trotz geweckt wird! Diplomatisch klug und vorsichtig vorgehen, um Emil willfährig zu machen! Mein Sohn soll glauben, daß sein Wille respektiert wird, daß er ganz nach seinem Gutdünken lebt und handelt; dabei aber wird er doch gelenkt durch Sie nach meinem Willen! Leicht wird das freilich nicht durchzuführen sein! Aber wir wollen den Versuch wagen!“
Martina erklärte pflichtschuldigst ihre Bereitwilligkeit, machte aber auf die Gefahren der gewünschten Intervention aufmerksam.
„Gefahren? Ich wüßte nicht, welche Gefahr aus Ihrer Intervention erstehen könnte!“
„Ich werde mich zunächst der Gefahr aussetzen, in den Augen des Prinzen zudringlich zu erscheinen und zurückgewiesen zu werden!“
„Undenkbar, wenn Sie klug und diplomatisch, mit Frauentakt intervenieren!“
„Sodann befürchte ich üble Nachrede, wenn man mich häufig in Gesellschaft des jungen Herrn sieht...!“
„Wo es sich um meine Wünsche handelt, hat Domestikengeschwätz nichts, aber rein gar nichts zu bedeuten! Sie handeln ja in meinem Auftrage und helfen einer bekümmerten Mutter! Sie dürfen jedoch mit keinem Ton verraten, daß die Intervention mit meinem Wissen erfolgt! Und nun gehen Sie ans Werk! Die Mutter dankt Ihnen von ganzem Herzen für diesen Lieblingsdienst, den ich nie vergessen werde!“ Liebreich und huldvoll reichte die Fürstin dem Hoffräulein die Hand zum Kusse.
Auf ihrem Zimmer konnte Martina den Kriegsplan entwerfen. Ein geradezu lästiger Auftrag, unangenehm und gefährlich; dennoch nicht ganz unerwünscht nach der Richtung hin, daß Martina im Interesse Hartliebs wirken kann, wenn ihr Einfluß den Prinzen bestimmt, sich um die Jagd zu kümmern, mit Hartlieb zu verkehren und der Mißwirtschaft ein Ende zu machen. Werden die Dienstesverhältnisse gebessert, so wird Hartlieb froh werden und Martina dankbar sein.
Ein beseligender Gedanke und Ausblick in die Zukunft. Vertrauensperson der Fürstin! Wie aber schnell und ausgiebig Einfluß auf den Prinzen gewinnen, ohne daß das hübsche Hoffräulein sich etwas vergibt und den Ruf schädigt...?
Ein langes Sinnen und Planen. Dann ein Lächeln der Befriedigung, wobei die feinen Marderzähnchen blinkten.
Martina hielt fleißig Ausschau nach dem „Zahnstocher mit dem Schafblick“. Vorerst vergebens.
Aber gegen Abend vor der Dinerstunde sah sie den Prinzen zigarettenrauchend am Waldesrande unter einer Fichte liegen, vermutlich vor Langeweile zum Sterben bereit.
Mustela auf der Jagd... Martina schlich aus dem Schlößl, promenierte gegen den Talschluß zu, bog vom Sträßlein ab und stieg ein Weilchen bergan. Dann kam wie von ungefähr und rein zufällig das Hoffräulein, leise ein Liedchen summend, von oben genau in der Richtung auf den lungernden Prinzen herab.
Schon das Knacken dürrer Zweige, das Kollern losgetretener Steine hatte Emil aufmerksam gemacht. Neugierig guckte er aufwärts. Und wie er das hübsche Hoffräulein im neckischen Lodenkleide erblickte, grüßte er vergnügt lächelnd und fragte, ob Fräulein von Gussitsch „dienstlich“ Steine loslöse und ein Prinzenleben dadurch schwer gefährde.
Im grünen Tann ein köstlich karikierter Hofknicks, wobei Martina kichernd mit den Fingerspitzen das fußfreie Lodenkittelchen um einen Zoll hochhob. „Untertänigst zu dienen! Die Steinchen haben nicht meine Füße losgelöst, sondern das schlechte Gewissen, die schwer bedrückte Hofdamenseele...!“
Mit einem wahrhaftigen Schafblick guckte Emil das Fräulein an. „Was? Schlechtes Gewissen, bedrückte Seele? Ich bin perplex! _Non capisco niente!_“
„Glaub es gerne, daß der gnädigste Prinz mich nicht verstehen!“
„Nein, wirklich nicht! Habe keine Ahnung!“
„So muß ich denn beichten, mitten im Grünen!“
„Ich bin furchtbar neugierig! Schießen Sie los! Aber wollen wir uns nicht setzen auf schwellende Moospolster?“
„Danke, nein! Es beichtet sich leichter im Stehen! Dabei wird auch vermieden, daß etwaige Beobachter auf den Gedanken kommen, es handle sich um ein -- Rendezvous zum Maikäfern!“
„Ach, das wär aber wirklich nett, maikäfern mit einem etikettwidrig hübschen Hoffräulein, derweilen die gestrenge Fürstin von -- Zahnschmerzen gepeinigt wird!“
„Es maikäfert sich gar nichts, gnädiger Prinz!“ Und nun beichtete Martina planmäßig, daß sie Zeugin der Ausschaffung des profithungrigen Jägers Eichkitz gewesen sei. Diese rettende und befreiende Tat des Prinzen habe sie als Wohltat empfunden. Und den ordnungschaffenden jungen Herrn lobte sie über den Klee und sprach die Hoffnung aus, daß Prinz Emil noch mehr von den Parasiten „fürifangen“ und dreinfahren werde „wie ein geölter Blitz“.
Höchlich geschmeichelt und interessiert rief Emil: „Aber das ist ja furchtbar nett! Hab’ ich mir da die Anerkennung des hübschen Hoffräuleins errungen und hatte davon keine Ahnung! Wenn Sie es wünschen, werde ich mit Vergnügen noch mehr der Kerls ‚fürifangen‘! Nur müssen Sie mir die Gauner näher bezeichnen! Überhaupt sagen, wo es Schlampereien gibt! Ordnung will ich gern und schleunigst schaffen!“
Mit einem strahlenden Lächeln des Triumphes blickte Martina den so prächtig auf den gewünschten Pfad erwachenden Interesses gelockten Prinzen an. Und auf den Scherzton eingehend, sagte sie: „Bei mangelnder Kontrolle gibt es überall Schlampereien, besonders in Hofhaltungen ohne -- männliche Oberaufsicht! Genaue Auskunft kann ich nicht geben, denn ich bin dienstlich stets in der Nähe der hohen Gebieterin! Direkt unter den Augen der Durchlaucht wagt auch der frechste der Frechdachse nicht zu stehlen! Hinterm Rücken schon! Wenn aber der gnädigste Herr den Oberförster und Jagdleiter ins Vertrauen ziehen, kann Ihnen Hartlieb Dinge erzählen, daß die prinzlichen Augen tropfen!“
„So? Nicht übel! Na, Feuerle anzünden ist von jeher meine Passion gewesen! Gleich morgen werde ich mit dem Oberförster reden, mich informieren lassen!“
„Das wäre furchtbar nett von Ihnen! Vorausgesetzt, daß Sie den wohltätigen Sport des ‚Fürifangens‘ und ‚Feuerle-Anzündens‘ für längere Zeit betreiben wollen, nicht nur vorübergehend auf einige Tage!“
„Aber gern! Sind denn die Verhältnisse durchweg so schlimm?“
„So unerträglich, daß der Oberförster die Stellung verlassen wollte! Ich habe schwere Mühe gehabt, ihn zu bewegen, daß er versprach, auszuharren, bis der gnädigste Prinz kommt und mit eiserner Hand eingreift! Gottlob, Durchlaucht sind da und haben bereits mit Mannesmut und Mannesfaust eingegriffen! Allen Respekt, untertänigst natürlich!“
„Sind Sie aber ein netter Käfer! Und so tapfer in Wahrung unserer Interessen! Weil wir aber so nett allein sind, möchte ich Sie bitten, mit mir einen Tauschhandel einzugehen, gewissermaßen ein Geschäft auf Gegenseitigkeit! Ich werde alles tun, was Sie wünschen, zur Schaffung von Ordnung und Purifizierung der Verhältnisse! Das Hoffräulein muß mir aber versprechen, schön fein die Mama zu bearbeiten, daß sie in einiger Zeit doch einwilligt und mir erlaubt, daß ich wieder nach Berlin kann. Wollen Sie mir diesen Gefallen tun?“
Aalglatt wich Martina einem bindenden Versprechen aus und verwies auf den Mangel an Einfluß. Was getan werden kann, soll aber gerne geschehen. Übrigens gäbe es ein sicheres Mittel, um das gewünschte Ziel zu erreichen: abschmeicheln!
„Nee, Fräuleinken, dazu bin ick bereits zu alt!“ meinte gedehnt der Prinz Emil.
„Huhu! Ein Greis von zwei Dutzend Lenzen! Einfach schauderhaft! Krücken gefällig zum Abstieg? Daheim Fleckerlschuhe anziehen, die gichtkranken Knie umwickeln mit Fellen von Rheumatismus-Katzen! Mummelgreis, der sich nicht zu helfen weiß! Tun Sie mir aber leid! Hab’ geglaubt, Prinz Emil sei ein junger fescher Mann! Derweil ist er ein ‚alter Mummelgreis‘!“
Belustigt lachte Emil auf. „Na, wir werden ja sehen, wie der Hase läuft! Und inzwischen wollen wir zwei fest zusammenhalten, ja?“
„Gerne, Durchlaucht!“
„Ach was! Für Sie bin ich einfach der ‚Herr Emil‘! Das heißt, wenn wir allein und unter uns sind! Die Hofschranzen und Popanzen brauchen nichts zu merken von unserer Verschwörung! Also, auf Handschlag!“
Zögernd sprach Martina: „Zur ‚Verschwörung‘ bin ich wohl bereit! Aber die Degradierung...?“
„Gut! Dann befehle ich Ihnen, mich mit ‚Herr Emil‘ zu titulieren.“
„Zu Befehl! Hier meine Hand, ‚Herr Emil‘! Und nun, damit die Schranzen und Popanzen nichts merken, geht der ‚Herr Emil‘ schön alleine voraus und hinunter zur Villa! Ich aber schlängle mich auf einem Umweg nach Hause! Empfehl mich gehorsamst!“
„Servus, Käferl!“ Gehorsam und vergnügt stapfte der sehr munter gewordene, aus der „Tramhapigkeit“ völlig erwachte Prinz hinunter.
Bis Martina auf Umwegen zum Schlößl kam, war eine heillose Verspätung eingetreten, die Dinerstunde überschritten. Fürstin Sophie sagte nichts, blickte nur das Hoffräulein fragend an. Und wie sie das „optische Signal“ in Martinas strahlenden Augen gewahrte, daß der erste Schritt zur Intervention getan, mit Erfolg getan sei, da huschte ein Lächeln der Befriedigung über die Lippen der Mama.
Prinz Emil aber setzte eine Miene auf, als könne er nicht bis fünfe zählen. Heuchelte absolute Gleichgültigkeit, schielte aber gelegentlich nach Martina, die er jetzt zum Anbeißen nett fand.
Wenn es möglich wäre, einen gesunden Forstmann des Morgens im Bette zu überraschen, Emil von Schwarzenstein hätte dies Kunststück fast fertiggebracht, denn er kam am nächsten Tage zu sehr früher Stunde in das Forsthaus. Zum größten Erstaunen Hartliebs, der seinen Ohren nicht trauen wollte, als Prinz Emil, der Träumer, von Reorganisation, verschärfter Kontrolle, ja von Beseitigung jeglicher Günstlingswirtschaft sprach und den Oberförster um Unterstützung bat. Die Kontrolle der Jagdgehilfen in den Revieren sollte nach wie vor Aufgabe des Jagdleiters sein und bleiben, die Regulierung des nötigen Abschusses vom Vorstand des Jagdamtes persönlich vorgenommen werden.