Unter den Hohen Tauern: Ein Roman aus der Steiermark
Part 10
Hastig las Fürstin Sophie den Bericht des Sohnes zu Ende: „Tags darauf fuhren wir, der Herzog und ich, in die Dessauer Gehege, begleitet vom Leibjäger, der nicht bloß Kammerdiener, sondern gelernter Jäger ist und die Pirschfahrt zu dirigieren hatte. Ein interessanter Mummelgreis als sachkundiger Jagdkutscher auf dem Bock neben dem Leibjäger. Um die Wahrheit zu sagen: die genaue Kenntnis der Fahrwege und ihrer Beschaffenheit, der Bodenverhältnisse (zuweilen sumpfig), der Standorte des Rot- und Damwildes, der Sauen, das fast wortlose Zusammenarbeiten des Leibjägers und des Jagdkutschers, das brillante Umfahren und Einkreisen des Wildes hat mir imponiert! Für Jagd und Wild habe ich bekanntlich und bis jetzt kein besonderes Interesse!“
Seufzend unterbrach die Fürstin für einen Moment die Lektüre. Um Emils Interesse für Jagd und Wild zu wecken, hat die Fürstin das Jagdgut Hall gekauft. Und nun bestätigt der Sohn schwarz auf weiß den Mangel an Jagdinteresse... Zwecklos ausgegeben das viele Geld! -- Dann las die Fürstin den Schluß: „Was hat denn Dein neues Hoffräulein dem Wolffsegg im Höchsten Auftrage geschrieben? Wolffsegg macht einen Kopf wie ein Schaf beim Donnerwetter! Ist die neue Brettelhupferin wenigstens jung? Hübsch kann sie nicht sein, weil Hofdamen nie schön sind! Mir ist’s natürlich egal, ich frage nur, weil die Brettelhupferin ja doch Deine Hofdame, also ständig bei Dir ist! Für die allernächste Umgebung wählt man doch lieber nette, sozusagen patschierliche, wenn möglich jüngere Leute aus!
Kuß und Gruß der lieben Mama!
Ew. Durchlaucht ehrerbietigst Emil von Schwarzenstein.
_P.S._ Auch hier sind die adeligen Töchter des Landes nicht nach meinem Geschmack.“
Sophie verschloß den Brief. Und fuhr mit Fräulein von Gussitsch zur Kirche im Dörflein Hall.
Unterwegs fragte die Fürstin: „Was haben Sie denn, liebe Martina, dem Baron Wolffsegg geschrieben? Mein Sohn meldet, daß Wolffsegg gekränkt sei!“
Die Hofdame versicherte, taktvoll und zart im Sinne der erteilten Weisung geschrieben zu haben. Anlaß zu einem Gekränktsein sei ganz gewiß nicht gegeben.
Die Fürstin schwieg und hing ihren Gedanken nach, die sich mit dem Sohne beschäftigten. Unverkennbar ein gewisses Aufwachen als wohltätige Folge dieser Reise.
Die Nebel wichen, die Sonne lachte. Köstlich war die Fahrt zur Kirche. In guter Stimmung kam Sophie in Hall an, ehrerbietig von den Männern, mit auffallender Wärme, fast mit Begeisterung von den Weibern begrüßt.
Pater Wilfrid hatte schon mit der Predigt begonnen, als die Fürstin mit dem Hoffräulein sich im kleinen Oratorium niederließ. Die Ankunft der Fürstin gewahrend, zauderte der Pfarrer einen Moment. Fatal war seine Lage, da er sich blitzschnell erinnerte, daß die Fürstin in der Haller „Frauenfrage“ auf Seite der Frau Forstwart Gnugesser stehe. Der Pfarrer aber soll und muß heute von der Kanzel aus den Kampf gegen die Weiberrevolution aufnehmen. Sein Thema kann er nicht fallen lassen, es ist unmöglich, auf die Fürstin Rücksicht zu nehmen. Das Interesse und Wohl der Pfarrgemeinde geht vor und steht höher. Entschlossen und mutig sprach Pater Wilfrid auf der kleinen Kanzel von der Einheit der Kirche und des Glaubens. „Christus wollte auch jene Gemeinschaft, welche die Wurzel des gesellschaftlichen Lebens bildet, die Ehe, auf den Boden der unzertrennlichen Einheit stellen. Und hier wollte er nicht nur eine äußere Einheit, er wollte die vollkommene Einheit der Familie, besonders der Ehegatten wiederherstellen. Diese von Christus gewollte Einheit verlangt aber die Gemeinsamkeit der beiderseitigen Interessen der Ehegatten. Nach der Lehre Christi soll der Mann das Haupt der Familie sein, die Frau aber soll in allen rechtlichen und billigen Dingen dem Manne untergeordnet bleiben, wie es die Kirche den Brautleuten ausdrücklich und entschieden an das Herz legt. Trennung und Spaltung der Interessen beider Eheleute kann darum unmöglich der Wille des göttlichen Stifters des Ehesakramentes sein.“
Pater Wilfrid hielt einen Moment inne, dann sprach er mit scharfer Betonung: „Wenn in der gegenwärtigen Zeit Strömungen kommen, die das Ideal der gottgewollten Einheit der Ehe zerstören wollen, so ist das nichts anderes als ein Angriff auf die Grundfesten der Ehe selbst! Es ist traurig und betrübend, daß in unsere Pfarrgemeinde solche Ideen durch Zeitungsnachrichten den Weg gefunden haben. Diese irrigen Nachrichten sind unverständigerweise mündlich weitergetragen worden von Personen, die keine Ahnung davon haben, daß durch derlei Ideen die Einheit der Ehe schwer geschädigt, erschüttert, ja vernichtet wird. Darum ist es notwendig, daß bei der menschlichen Schwäche beide Eheleute diesen Gedanken der von Christus grundgelegten und in seiner irdischen Familie vorbildlich durchgeführten Einheit der Ehe nie aus den Augen lassen und sich weder durch schriftliche, dem unchristlichen Weltsinne entsprungene Neuerungsideen, noch durch mündlich fortgepflanzte einseitige Interessenpropaganda in ihrer gegenseitigen heiligen Aufgabe irremachen lassen! Es ist notwendig, daß in erster Linie der Mann, der Ernährer und Brotverdiener, die Früchte seiner Arbeit zum Wohle seiner Familie verwendet und nicht in einseitigem Interesse nur für sein Wohlbehagen sorgt! Ihm muß als treue Lebensgefährtin die Frau zur Seite stehen, die Gattin, die nicht durch einen rein weltlichen Arbeitsvertrag, sondern durch ein Sakrament mit ihm verbunden ist.
Eine schwere Gefahr für den Familienfrieden und für die Erziehung der Kinder ist es, wenn Mann und Frau ihre eigenen Wege gehen wollen und sogar eine Trennung der zeitlichen Güter und irdischen Interessen vornehmen wollen. Wenn Ehegatten dem Zuge der Zeit folgen, der darauf hinausgeht, daß jeder nur sich selbst der Nächste sein soll und sich nur um sein eigenes Wohl zu kümmern habe, so zerreißen solche Ehegatten dadurch das Band des ehelichen Glückes, sie vernichten die göttliche Gnade im verantwortungsvollen Ehestande. Gütertrennung vernichtet das Ideal der Ehe, die innigste Verbindung von Mann und Weib. Die Ehe hat zum Grunde die Opferliebe; jeder Gatte muß für den Ehepartner Opfer bringen können, muß sie auch bringen im gemeinsamen Interesse. Ohne gegenseitiges Vertrauen gibt es keine Liebe.
In unserer Gemeinde streben einige Ehefrauen die Entlohnung ihrer Arbeit im Haushalte an. Diese Frauen sollen bedenken, daß das Eheweib, das für die Hausarbeit Bezahlung fordert, sich selbst erniedrigt! Ein solches Weib ist nicht mehr die dem Manne ebenbürtige Ehegattin, sondern eine Dienstmagd gegen Lohn!“
Wieder machte der Pfarrer eine kleine Pause. Und dabei gewahrte er, wie die Fürstin Sophie sich weit vorgebeugt hatte und den Prediger mißbilligend anblickte. Aber weder Zustimmung noch Tadel durfte ihn abhalten, seine Pflicht zu erfüllen. So sprach er scharf im Tone weiter: „Die Frauen, die in unserer Gemeinde den Frieden in den Familien stören, von den Ehemännern gleich gar ein Drittel des Jahresverdienstes als Arbeitsvergütung fordern, diese Frauen berufen sich auf ein neues Gesetz, das eine solche Bestimmung enthalte. Laßt euch, Ehemänner, nicht irremachen, nicht einschüchtern! Bei uns gibt es ein solches Gesetz nicht, weder ein altes noch ein neues! In der Schweiz ist geplant, eine ähnliche Bestimmung in den Entwurf zum neuen Zivilgesetzbuche aufzunehmen! Was die Schweizer tun, geht uns nichts an! Die Agitation der Frauen entbehrt also jeglicher Berechtigung! Und strafbar ist die Aufreizung! Wahret den Frieden im Hause! Amen!“
Bevor Pater Wilfrid die Kanzel verließ, warf er einen Blick auf die Menge der Andächtigen. Unverkennbar war die Überraschung der Frauen, ein gewisses Frohlocken in den Mienen der Männer, ein Aufatmen der drangsalierten, nun durch den Pfarrer befreiten Ehemänner.
Überrascht, unangenehm berührt schien auch Fürstin Sophie zu sein, die den Prediger starr vor Staunen angeguckt hatte und sich nun in das Dunkel des Oratoriums zurückzog. Und während des anschließenden Gottesdienstes beschäftigten sich die Gedanken der Frau mit der Frage, wie es die Gattin des Forstwarts wagen konnte, das Protektorat zu erbitten, wenn die ganze soziale Angelegenheit keine gesetzliche Basis hat. Eine Unverfrorenheit war es von der Forstwartsfrau, die Unterstützung zu erschleichen, die Fürstin in eine unberechtigte Agitation hineinzuzerren. Unschön und rücksichtslos fand es Sophie aber vom Pfarrer, daß er ihr nicht beizeiten die nötigen Informationen gegeben, einen Rückzug in aller Stille ermöglicht hatte. In dieser üblen Stimmung flüsterte die Fürstin dem Hoffräulein gegen Ende des Gottesdienstes die Bitte zu, dafür zu sorgen, daß der Wagen zur sofortigen Rückfahrt bereitgehalten werde. Gehorsam entfernte sich Martina aus dem Oratorium.
Im Pfarrhause hatte die Dienerin Witwe Erna alles schön für den zu erwartenden Besuch der Fürstin, für das Teefrühstück vorbereitet.
Als Pater Wilfrid hungrig von der Kirche kam und den festlich geschmückten Frühstückstisch sah, lobte er die Wirtschafterin, die darob zwar geschmeichelt lächelte, dennoch aber dem Pfarrer die Bemerkung nicht schenken konnte, daß der hochwürdige Herr sich mit der heutigen Predigt bei den Frauen eine böse Suppe eingebrockt habe.
„Ach was! Bringen Sie den Tee! Die Fürstin wird gleich kommen!“
Wagengerassel auf dem Sträßlein veranlaßte Erna zum Fenster zu springen. Und erregt rief sie: „Da haben S’ den Salat, Herr Pfarrer! Den Tee können S’ alleinig trinken, die Fürstin fahrt heim! Mit dem Besuch ist also nichts, und ich hab mich umensunst geplagt! Wahrscheinlich wird sich auch die Duhrlauch wegen der Predigt geärgert haben! Wie man sich nur eine solche Supp’n einbrocken kann...!“
„Bringen Sie mir das Frühstück! Auf Ihre Bemerkungen verzichte ich!“
Alsbald servierte Erna mit allen Anzeichen der Enttäuschung und Verdrossenheit.
Und Pater Wilfrid löffelte noch, als die Hausglocke Besuch anmeldete. Der übliche Sonntagsaudienzdienst für den vielgeplagten Pfarrer begann. Als erster Besucher kam der Forstwart Gnugesser mit seinem strahlendsten Lächeln höchster Befriedigung, beweglich und vergnügt, so daß das Bäuchlein hüpfte. Mit beiden Händen liebkoste der Forstwart den fuchsigen Patriarchenbart und zog die Schnauzerenden in die Länge, wodurch das Männlein ein geradezu kriegerisches Aussehen bekam. „Danken möcht ich, Herr Pfarrer, für die prachtvolle Predigt! Gut, sehr gut haben Sie den Weibern, die wo Geld möchten für die Arbeit im Haushalt, die Meinung gesagt! Uns Ehemännern haben Sie die heißersehnte Erlösung gebracht! Ich dank von ganzem Herzen! Und meine Amanda werd ich mir heut noch fürifangen und die Krämerin auch, die, wo das Haupt der Weiberrevolution ist!“
Scharf gellte die Hausglocke. Seine Rede unterbrechend, guckte Gnugesser zum Fenster hinaus, zog aber sofort den krebsrot gewordenen Kopf zurück und stotterte: „Au weh! Herr Pfarrer bekommen gefährlichen Besuch: die Krämerin will herein! Kann ich derweil nicht in Ihrem Schlafzimmer oder Salon warten, bis die Krämerin das Haus verlaßt?“
Lächelnd meinte Pater Wilfrid: „Eben sagten Sie doch, daß Sie Ihre Frau und die Krämerin fürifangen wollten! Die Gelegenheit dazu ist geboten, Sie können der Krämerin hier die Meinung sagen!“
„Nein, nein! Nicht hier, das Pfarrhaus soll doch ein Haus des Friedens sein! Empfehl mich gehorsamst, Herr Pfarrer!“ Und der tapfere Held mit dem Bäuchlein und Patriarchenbart drückte sich zur Türe hinaus. Und prasselte die Treppe hinab so schnell, daß sich die hagere Krämerin erschreckt in eine Ecke flüchtete.
Als dann diese Frau vor dem Pfarrer stand, mußte Wilfrid unwillkürlich an jene Hundespezies denken, die sich durch besondere Magerkeit und minimale Menge an Gehirn auszeichnet. Dürr und mager wie ein Windhund war die Krämerin, aus den Augen leuchtete keineswegs Intelligenz, dafür Streitlust und Eigensinn. Unter dem schwarzen Kopftüchel quirlten etliche dünne Haarsträhne heraus wie Schlänglein. Das scharfgeschnittene Gesicht gemahnte an einen Raubvogel und kündete alles, nur nicht Sanftmut und Frieden. Und Krieg die eckigen Ellenbogen, Kampf die knochigen, auf die schmalen Hüften gestemmten Hände. Ein böser Blick züngelte am Pfarrer hinauf, der aber diese Musterung ruhig aushielt und mit leichter Ironie im Tone fragte, womit er dienen könne.
Fester stemmte die Krämerin die Hände auf die Hüften, scharf klang die Stimme: „Die Predigt, Herr Pfarrer, die unglaubliche Predigt! Es ist wirklich nicht zu glauben, was Sie heut von der Kanzel verkündet haben!“ Die rechte Hand löste sich von der Hüfte, gebieterisch streckte sich der Zeigefinger. „Diese Verkündigung wird der Herr Pfarrer zurücknehmen!“
„Warum denn, liebe Frau?“
„Weil das neue G’setz schwarz auf weiß zu lesen ist! Die ganze Welt weiß davon, nur der Pfarrer von Hall weiß nichts! Ich sag Ihnen: wir führen die gesetzliche Bestimmung durch, ob es Ihnen recht ist oder nicht! Wo ich die Fürsteherin vom Haller Frauenbund bin und zu befehlen hab!“
„Die Absicht, ein gar nicht existierendes Gesetz zur Geltung zu bringen, müssen Sie nicht dem Pfarramt, sondern der Behörde und der Gendarmerie anzeigen, die Ihnen das Nötige und Weitere dann schon mitteilen wird!“
„Mit den verdruckten Herren von der Bezirkshauptmannschaft will ich nichts zu tun haben, die Herren sind zu politisch! Von der Kanzel hat der Pfarrer gesprochen, durchaus Behauptungen, die dem Frauenbund nicht passen, also halt ich mich an den Pfarrer, der die heutige Predigt z’rücknehmen muß am nächsten Sonntag!“
„Zurücknehmen kann ich nichts, aber ich werde in der nächsten Predigt schildern, was für eine grundgescheite Fürsteherin der Haller Frauenbund hat...“
„Das ist grad nicht nötig! Ich weiß schon selbst, daß ich eine g’scheite Frau bin!“
„Schön! Da Sie soviel Intelligenz besitzen, werden Sie gewiß auch wissen, wie man die Tür von -- außen zumacht!“
„Was? Ausschaffen! Mich, die Fürsteherin, wo im kleinen Finger mehr Gesetzeskenntnis hat als der ganze Herr Pfarrer! Das Ausschaffen werden S’ büßen, wahrlich nicht wenig!“ Wie beschwörend streckte das hagere Weib die dünnen Arme in die Höhe. „Sie wollen den Kampf, gut, wir werden um unser heiliges Recht kämpfen! Empfehl mich, Hochwürden!“ Schrill lachend, entrüstet verließ die Krämerin mit zappeligen Schritten das Zimmer.
Pater Wilfrid konnte der Komik dieses Auftrittes nicht widerstehen und schmunzelte. In das Treppenhaus tretend, wollte er eben hinunter zu Erna rufen, daß der nächste Besuch vorgelassen werden solle; das Gekeife der Krämerin veranlaßte ihn jedoch, mit dem Rufe zu warten.
Wütend zeterte die Krämerin zur Dienerin: „Außi g’schmissen hat er mich! Wo ich die Fürsteherin bin! Ich aber steh gut dafür: die längste Zeit ist er in Hall Pfarrer g’wesen! Außi muß er! Und dem Abt in Admont werd ich meine Meinung sagen, bis ihm die Augen tropfen und die Ohren stauben!“
Wilfrid lachte hellauf.
In höchster Wut warf die Krämerin die Haustüre so wuchtig ins Schloß, daß das Pfarrhaus erzitterte.
Der Reihe nach kamen Bauern mit ihren Anliegen; diesmal aber auch etliche Weiber, die aber wider Erwarten Wilfrids nicht auf die Predigt reagierten, dafür erstaunliche Bitten vorbrachten. Eine Bäuerin wünschte eine Bevorzugung durch Anweisung eines Kirchenstuhles in der vordersten Bank. Die Bauersfrau Troger bat um Benediktion des Stalles, und zwar heute noch, weil der Pfarrer an Wochentagen selten oder nie in Hall sei, und eine Kuh Schlingbeschwerden habe. Eine andere Bäuerin klagte über den Lehrer, der ihren Kindern zuwenig beibringe und zuviel mit dem Stock arbeite. Mit einer kostbaren Beschwerde kam eine alte Jungfer namens Hupfauf: „Herr Hochwürden!“ lispelte sie anfangs, „ich bin es bekanntlich, die seit Jahren den Marienaltar mit Blumen schmückt; Sie aber sind es, der diesen Schmuck immer wegnehmen ließ!“
Pater Wilfrid erwiderte trocken: „Ganz richtig! Jede Zierde muß Maß und Geschmack haben! Auch ziert man den Marienaltar nur an Marientagen und im Monat Mai!“
Bedeutend schärfer im Ton rief die Jungfer Hupfauf: „Was? Sie wollen mir vorschreiben, wann ich die Gottesmutter verehren und schmücken darf? Und zuwenig G’schmack soll ich haben! So eine Beleidigung! Danken sollen Sie, daß man sich überhaupts um die Kirch’n kümmert! Wo die Welt eh schier nichts mehr von Kirch’n und Pfarrer wissen will in dieser schrecklichen Zeit!“
Wilfrid suchte die aufgeregte alte Maid zu beruhigen.
Aber die Jungfer wurde völlig rabiat und zeterte: „Sein tun die Mannsbilder alle gleich, lauter Spitzbuben, die z’sammenhelfen, wo es gegen die Jungfern geht! Schamen sollen Sie Ihnen, daß Sie zu den Mannsbildern halten und gegen die Weiber predigen! Mich geht die Sach mit dem Frauenbund nichts an, weil ich Gott sei Dank eine Jungfer bin und in Ewigkeit von Mann und Heirat nichts wissen will! Aber weil der Herr Pfarrer so -- herb auf die armen Frauen ist und mir das Schmücken des Altars nicht erlauben will, werd ich von nun an zum Frauenbund halten! Jawohl! Und Sie werden dann schon sehen, daß Sie den kürzeren ziehen! Denn siegen tut immer und überall das edle weibliche Geschlecht und die Tugend! Empfehl mich, Hochwürden!“
Während die alte Maid hinausrauschte, krümmte sich Wilfrid vor Lachen.
*
Dem Requiem zum Gedächtnisse des hochseligen Fürsten wohnten die Witwe, der zurückgekehrte Hausmarschall Graf Thurn, Fräulein von Gussitsch, die Beamten, etliche Jäger und das gesamte Personal bei. Hernach stattete die Fürstin mit Martina dem Pfarrer einen Dankbesuch ab. In milder Stimmung, die der Trauerfeier entsprach, dankerfüllt ob der rührendschönen Gedächtnisrede Wilfrids.
Die Dienerin konnte diesmal Triumphe feiern und Anerkennung einheimsen, denn Fürstin Sophie nahm den Tee ein und lobte die weißhaarige Wirtschafterin nach allen Seiten hin.
Im Verlaufe des Frühstücks kam die Fürstin auf Wilfrids „soziale“ Predigt insofern zu sprechen, daß die hohe Frau fragte, ob es wirklich kein Gesetz ähnlich dem Schweizer Entwurf gebe.
Schlicht erwiderte Wilfrid: „Nein, Durchlaucht!“
„Was wird denn nun die Folge Ihrer Kontrastellung sein?“
Die Schultern hochziehend, meinte Pater Wilfrid: „Abwarten und Tee trinken! Wenn die Männer mit dem Geld nicht herausrücken, wird die Frauenrevolution im Sande verlaufen müssen! Je eher, desto besser! Auch im Interesse Euer Durchlaucht!“
Überrascht fragte die Fürstin: „Wieso? Meine Privatinteressen haben doch mit der Haller Frauenbewegung nichts zu tun!“
„Doch! Nämlich im Falle, daß ein Gesetz _à la_ Schweiz den Ehefrauen das Gehaltsdrittel des Brotverdieners bewilligen würde!“
„Ich verstehe Sie wirklich nicht!“
„Müßten die im Dienste Euer Durchlaucht stehenden verheirateten Beamten und Diener das Gehaltsdrittel den tugendsamen Ehefrauen zahlen, so würden die Beamten und Diener genötigt sein, die gnädigste Gebieterin um -- Gehalts- und Lohnaufbesserung zu bitten!“
„Ach so! Danke für diese wichtige Aufklärung! Sehen Sie zu, Herr Pfarrer, daß die Frauenbewegung bald ein wohltätig Ende findet!“
Nach der Abfahrt der Frau rieb sich Peter Wilfrid die Hände, denn das schnell erfolgte „Umsatteln“ der Fürstin bereitete ihm Spaß. Und dann beschloß er, das energische Abrücken der Fürstin zu verwerten im Kampfe gegen die Haller Weiberrevolution.
Achtes Kapitel
Das direkte Eingreifen der Fürstin in jagdliche Angelegenheiten, der Befehl, daß die Jagdgehilfen ihr direkt Berichte zu erstatten haben, all das mußte zur Ignorierung des Instanzenzuges führen, die Dienstesverhältnisse nachteilig beeinflussen, die Charaktere ungünstig verändern. Die Jagdgehilfen merkten sehr rasch, daß sie williges Gehör fanden, sie kamen wegen jedes Pfifferlings, machten sich wichtig, betonten die Mühen ihres Dienstes, ihre Aufopferung, und versuchten Geldgeschenke herauszuschinden. Um den Jagdleiter Hartlieb kümmerten sich die Jagdgehilfen kaum noch. Erteilte er Befehle, so wurde mit der Befolgung gewartet, weil nach entsprechend gefärbtem Bericht von der Fürstin ja doch Gegenorder gegeben wurde. Offene Auflehnung gegen den Oberbeamten wagten die Jäger natürlich nicht; aber sie freuten sich diebisch, daß so vieles über den Kopf Hartliebs hinweg angeordnet, dem Jagdleiter die Hände gebunden, ihm Stellung und Dienst sehr sauer gemacht wurden.
Am frechsten gebärdete sich der schmucke, von Durchlaucht ganz besonders bevorzugte Jäger Eichkitz. War er doch eine Art „vortragender Rat“ in Jagddienstangelegenheiten geworden, täglich zum Bericht befohlen. Und fast immer geschah, was er befürwortete. Die täglichen Gänge zur Villa gaben einen willkommenen, leicht zu begründenden Anlaß zur Dienstschwänzung, zu Erleichterungen. Die Rennerei in die hochgelegenen Pyrgas-Reviere hatte ein Ende. Klug deckte sich Eichkitz den Rücken gegen das Eingreifen des Oberbeamten, indem der fesche Bursch die Gebieterin aufmerksam machte, daß er nicht gleichzeitig an zwei Orten sein könne; nicht in der Villa bei der gnädigsten Fürstin und nicht zur selben Zeit auf dem Pyrgas. Das begriff die Gebieterin, und sie befahl, daß den Dienst in den Pyrgas-Revieren ein anderer Jagdgehilfe zu machen habe; Eichkitz solle nur zeitweilig behufs Kontrolle nachschauen.
Eichkitz trug die Nase hoch; aber so klug war er doch, um sich durch Brüskierungen nicht unnötigerweise Feinde zu schaffen. Groß war freilich die Verlockung, den Kammerdiener Norbert hochnäsig zu behandeln oder doch zu verulken; Eichkitz sagte sich aber, daß er vielleicht den wegen seines Einflusses nicht zu unterschätzenden Mann gelegentlich brauchen könnte, und stellte sich in dieser Erwägung auf guten Fuß mit dem Haushofmeister. Der Kammerfrau Hildegard, der noch immer stattlichen Witib, gegenüber spielte er den aufmerksamen, demütigen Jüngling, huldigte ihr und verdrehte die Augen, seufzte wohl auch, wenn just kein Beobachter vorhanden war, und bettelte um Protektion. Nicht vergebens, denn die geschmeichelte Kammerfrau steckte ihm manchen Bissen zu. Da Eichkitz zur Schonung seines Geldbeutels freie Verköstigung zu Lasten, doch ohne Wissen der Fürstin anstrebte, mußte logischerweise mit der fürstlichen Hofköchin anbandeln. Dies gestaltete sich aber schwerer, als der hübsche Frechdachs es sich vorgestellt hatte. Die üppige Köchin mit dem ungewöhnlichen Taufnamen Restituta war keineswegs blind, sah ganz gut, daß der Jäger ein bildhübscher Kerl war, aber sie hatte unerschütterliche Grundsätze. Restituta machte auch Eichkitz gegenüber, als er sie erstmals anschmachtete, kein Hehl daraus, daß sie gelobt und geschworen habe, genau den gleichen Lebenswandel zu führen wie ihre Namenspatronin, nämlich „jungfräulich“ zu bleiben und „mutig“ durch das irdische Leben zu gehen, auf daß die Köchin wie die heilige Restituta genau an einem 17. Mai sterbe und von einem Spezialengel in das himmlische Paradies geführt werde. Im tiefsten, heiligsten Ernste hatte Fräulein Restituta dies gesagt und dabei einen Blick verfrühter Verzückung zum Küchenplafond gerichtet. Eichkitz aber kämpfte mit übermenschlicher Kraft, um das Lachen zu verbeißen und den Anschein zu erwecken, als glaube er jedes Wort und er sei ein Verehrer der Restituta von wegen ihres „Mutes“. Nur sprechen konnte er in jener Stunde nicht, der Lachkitzel war zu stark.
Bei einem zweiten Versuch der Anbandelung war der Frechdachs aber schon imstande, zu fragen, ob die Restituta auch -- wohltätig gewesen sei.
Davon war der Köchin nichts bekannt; sie wußte sich aber zu helfen, indem sie dem andächtig zuhörenden Jäger mitteilte, daß laut der Heiligenlegende die selige Jungfrau Restituta aus einer -- adeligen Familie stammte. Weil sie dann Christin wurde und hinterdrein ob ihres Märtyrertodes heilig, muß sie auch wohltätig gewesen sein.
Eichkitz beschattete mit der Hand die listig funkelnden und lachenden Augen, und süßlichen Tones sprach er die Überzeugung aus, daß sicherlich auch die Köchin Restituta willens sei, sich durch ausgiebige Wohltätigkeit den freien Eintritt in das Himmelreich zu verdienen.
Wie erhofft, biß die dicke Köchin auf diesen Köder, indem sie herausplatze: „Aha jo! Gärn aa no! Wos möcht er denn, der Jaaga?“