Ueber Goethes Hermann und Dorothea
Chapter 8
Der zweite Gesang führt uns die Personen schon näher, und indem dies geschieht, schürzt sich der Knoten zusehends. Hermann tritt ins Zimmer und des Pfarrers kundiger Blick erkennt an seinem ganzen Wesen eine Veränderung: der Jüngling ist munterer und heiterer. Dies bestätigt unsre Ahnung von etwas Geschehenem, das bald in ruhigem epischem Fortgang sich vor uns aufthun wird. Hermann erzählt, wie er mit seinem Wagen etwas zu spät gekommen und den Zug schon vorüber gefunden; nur ein Wagen mit Ochsen bespannt war zurückgeblieben, den ein Mädchen, zu Fuße schreitend, mit langem Stabe lenkte. Das Mädchen sprach den Jüngling um eine Gabe für die auf dem Wagen im Stroh liegende bleiche Wöchnerin an, und da Hermann gerade deshalb gesandt worden, gibt er rasch und freudig das mitgebrachte wollene und leinene Zeug her. Wie das Mädchen weiter ins Dorf ziehen will, hat Hermann schnell so viel Vertrauen zu ihr gefaßt, daß er ihr auch alle Lebensmittel, die er im Wagen liegen hat, mitgibt mit dem Auftrag, alles im Dorfe unter die Notleidenden zu verteilen. Das Mädchen verspricht dies und beide scheiden. Nachdem Hermann so berichtet, spricht der Apotheker den Gedanken aus, wie doch derjenige glücklich sei, der in so schweren Zeiten nicht für Weib und Kind zu sorgen hat. Diese so einfache, sich von selbst ergebende und mit dem besondern Charakter des Sprechenden übereinstimmende Wendung leitet in unaufhaltsamem Fortschritt die Verwicklung ein. Hermann nämlich tadelt die Gesinnung des Nachbars und erklärt gerade heute lieber als je sich zur Heirat entschließen zu wollen. Beide Eltern stimmen freudig ein und die Mutter erzählt ausführlich, wie auch sie einst unter furchtbarer Not unmittelbar nach dem großen Brande ihre Ehe geschlossen, und lobt Hermann wegen seines Vertrauens, im Krieg und unter Trümmern freien zu wollen. Da fällt aber der Vater lebhaft ein und meint: Besser ist besser. Hermann soll kein unbegütertes Mädchen in ein leeres Haus, in drückende, armselige Verhältnisse führen; es soll die Wirtschaft reichlich besorgt und das häusliche Behagen durch gute Mitgift gleich anfangs verbürgt sein. Ja, Hermann, fügt er hinzu, du würdest mein Alter hoch erfreuen, wenn du mir aus jenem grünen Kaufmannshause dort drüben eine Schwiegertochter brächtest; der Mann ist reich, von seinen drei Töchtern solltest du eine wählen. Hermann erwidert, dies sei auch seine Absicht gewesen, aber die Mädchen seien eitel und lieblos, und dabei erzählt er einen Vorfall, wo sie singend und beim Klaviere sitzend sich über ihn lustig gemacht. Während die Mutter Hermanns Urteil über die Mädchen zu mildern sucht, fährt der Vater zornig auf und wirft ihm Beschränktheit und Mangel an Ehrgefühl vor. Da der Sohn sich schweigend der Thür naht, ruft der Vater immer mehr entrüstet: Denke nicht, mir je eine Bäuerin als Schwiegertochter ins Haus zu bringen; ich verlange von ihr, sie soll sich gefällig zu benehmen wissen, Erziehung haben und meinem Hause zur Ehre gereichen. Da verließ Hermann schweigend das Zimmer.
Meisterhaft dient dieser Gesang dazu die Charaktere in den Wechselreden zu entfalten und in ihrer Verschiedenheit das Hindernis zu begründen, das die beginnende Handlung zugleich aufhält und forttreibt. Vater und Sohn empfinden verschieden im Punkt der Wahl eines Mädchens: der Boden eines Konflikts ist gelegt; wir ahnen, daß Hermann im Herzen schon die Geliebte trägt, daß ihr Stand mit den Wünschen des heftigen Vaters nicht übereinstimmt; wie von selbst fallen unsre Gedanken auf jenes Mädchen, von dem Hermann eben erzählt hat; er, der in der Wirtschaft Erfahrene, konnte das Mädchen und alles, was sie sorgend that, gewiß rasch beurteilen. Vielleicht wären ihm die Gefühle, die ihr Anblick, ihr Gespräch in ihm erregt, nicht einmal deutlich zum Bewußtsein gekommen oder er hätte sie still und ängstlich verborgen, wenn nicht die einfache Bemerkung des Apothekers und das daran sich knüpfende Gespräch seinen inneren Zustand rasch zur Reife gebracht und die Verhältnisse in scharfer Beleuchtung gezeichnet hätte. Hier ist keine Wendung, kein Glied in der Kette wegzudenken. Man kann die Erzählung der Mutter von dem Brande und ihrer an dies Unglück sich knüpfenden Heirat als eine Episode betrachten, damit auch dies epische Erfordernis hier nicht fehle; in der That führt die ganze Stelle von dem Boden der gegenwärtigen Situation ab und gewährt ein kleines, überaus liebliches und wahres Bild für sich; dennoch aber ist sie in dem Fortgang des Gespräches wesentlich und steht in der nächsten inneren Beziehung zur Gegenwart. Die in diesem und dem ersten Gesange geschilderten Szenen der Flucht und Verwirrung erinnern übrigens an manches, was der Dichter selbst in der Champagne erlebte und in seinem Tagebuche, der Campagne in Frankreich, uns erzählt hat, so namentlich das Umstürzen des großen schwerbepackten Wagens und die von dem unbekannten Mädchen der bleichen Wöchnerin geleistete Hilfe.
Der dritte Gesang enthält noch keine weitere faktische Fortführung. Wir hören den fortgehenden Reden zu, die dazu dienen, die Charaktere und Gesinnungen zu entwickeln und den in ihnen liegenden Gegensatz sowie die mögliche Ausgleichung nach allen Seiten zu beleuchten. Nach dem harten Anstoß und der bewegten Leidenschaft des vorigen Gesanges beruhigt sich in diesem die Stimmung; gegenseitiges Gespräch mildert die Aufregung des Vaters sowie die Furcht des Hörers. Die Mutter, nachdem sie den Vater wegen seines harten Benehmens gescholten, eilt dem Sohne nach, um ihn zu begütigen.
Am Anfang des vierten Gesanges begleiten wir die suchende Mutter auf ihrem Wege. Hier wird nun die Gegend geschildert, Garten, Weinberg, Feld, Birnbaum, immer aber in unbefangener Verknüpfung mit der Wanderung der besorgten, sich nach ihrem Sohne umsehenden Mutter. Naturbild und Muttersorge tritt als eins und unabgesondert in unsre Empfindung ein. Die Naturschilderung ist nicht die modern-sentimentale, nicht die Gemütsschwelgerei Werthers, was mit dem Tone des ganzen Gedichts gestritten hätte, sie ist auch nicht die des abstrakten Kenners der Landschaft, sondern sie bleibt auf dem Standpunkt des unverdorbenen menschlichen Gefühls, das sich zwar der Natur freut, aber diese Freude noch gar nicht von dem Wohlsein, dem Nutzen und der Fruchtbarkeit abtrennt. Der Weinberg ist schön, aber besonders deshalb, weil er so herrliche Trauben trägt. Um den Birnbaum schwebt die Poesie des Alters, die Poesie ferner Landschaft, die vor dem unter ihm rastenden Wanderer ausgebreitet liegt, aber nicht minder dient zu seiner Verherrlichung, daß er so schmackhafte Früchte trägt und dem Hirten wie dem Schnitter in der heißen Mittagsstunde willkommenen Schatten gewährt. Einen bloß malerischen Baum mit schöner Aussicht zu schätzen läge ganz außer der Empfindungssphäre unsres Gedichts. Die Darstellung schwebt vielmehr in jener Mitte, wo der Gegensatz des rein prosaischen Nutzens und der unwahren weichherzigen Natursentimentalität noch gar nicht hervorgebrochen ist; sie erhält sich in jener primitiven, wiederum homerischen Einheit, wo die Schönheit der Natur und die Natur als Sphäre des Ackerbauers, Gärtners, Jägers, Fischers, Schiffers u. s. w. zu einem Gesamteindruck zusammenfließen und ein Gesamtgefühl bilden. Landschaft und Wetter, Sonne, Pflanzen, Wiesen und Berge, alles wird hier mit dem Auge des schaffenden Arbeiters, des besitzenden Bürgers, des einsammelnden, von der Erde sich nährenden Ansiedlers betrachtet; die Natur wird geliebt als Bodenkultur, als [Greek: aia biodôros] in Sophokles' Philoktet. Zugleich erhalten wir das Bild der geschäftigen Hausfrau, die keinen Schritt vergeblich thut, sich in ihrem Gebiete und Besitze fühlt und in diesem Gefühl ihr kleines, durch Fleiß erworbenes Königreich durchwandert. Der Spur des Sohnes immer weiter folgend, finden wir ihn endlich abgewandt unter dem Birnbaum sitzend. Er hat Thränen im Auge, indem die Mutter ihn überrascht. In dem nun folgenden Gespräch tritt uns die Hauptperson, Hermann, nahe ans Herz. Wie durch Zauber thut sich sein Sein und Wesen vor uns auf, wir hören seine Geständnisse und die echt menschliche Wahrheit seiner Worte und Entschließungen gewinnt ihm unsre Teilnahme und Rührung. Obgleich ganz episch in langen weitausholenden Reden sich fortbewegend, enthält die ganze Szene doch mit meisterhafter Entwicklung den Verlauf innerer Gemütsbewegungen, die sich unter Thränen in der Einsamkeit erst verbergen, dann halb sich verraten, dann endlich hervorbrechen und zum Entschlusse, zur That werden, den Prozeß zwischen der leidenschaftlichen Seelenerregung des Sohnes und Jünglings, die sich endlich in die Brust der Mutter ergießt, und der erst betroffenen, dann mit liebevoller Besorgnis forschenden, endlich nach erfolgtem Geständnis beratenden mütterlichen Helferin. Zu der Wahrheit, mit der dieser stufenweise fortgehende Prozeß fortgeführt ist, zu der Sicherheit, mit der sich das Verhältnis von Mutter und Sohn nach den in ihm liegenden Momenten darlegt, kommt noch der Reichtum dieses Verhältnisses selbst, der Reichtum an sittlich-menschlichen Motiven, den der Augenblick bei aller Einfachheit in sich trägt. Ein Sohn, den eine unglückliche Liebe in seinem Innern schmerzvoll zerreißt, eine weinende Mutter, die sich voll Muttermitleid forschend und ratend über ihn niederbeugt -- diese Szene ist an sich rührend und heilig. Sie ist heilig, wie es die Madonnenbilder Rafaels sind, auf denen gleichfalls durch Darstellung der Mutter mit dem Kinde der reinste menschliche Inhalt uns vor Augen gestellt wird. Und diese menschlich rührende Szene ist in eine Oertlichkeit verlegt, die sie mit allem poetischen Zauber umgibt: es ist der Rasensitz unter jenem Birnbaum, von wo der sehnsüchtig kummervolle Blick nach der Gegend hinreicht, in der die Geliebte weilt.
In dem fünften Gesang wird, wie die Mutter vorhergesagt hatte, die Einwilligung des Vaters wirklich erlangt. Hiermit ist die Verwicklung gelöst und scheinbar ein Schluß herbeigeführt. Allein auf ganz epische Weise liegt in der Auflösung eine neue Verwicklung, ein neues Hindernis, das der Strom der Erzählung ruhig zu umgehen hat. Der Apotheker hat den Vorschlag gethan, doch erst das Mädchen zu prüfen und die Gemeinde, in der sie aufgewachsen, nach ihr zu befragen. Diese Wendung ist abermals dem Charakter des Apothekers angemessen; sie fließt auch sonst auf natürliche Weise aus der Lage der Dinge, denn man will doch vorher erfahren, wer und wie das unbekannte Mädchen ist; indem aber dieser Rat des Vaters Zustimmung erst möglich macht, knüpft er dieselbe doch an eine erst zu erfüllende Bedingung und das accelerierende Moment ist zugleich ein retardierendes. Im übrigen enthält auch diese Szene in ihrer successiven Entwicklung und dem Spiel der einander gegenübergestellten Charaktere die größte Naturwahrheit. An Hermann zeigt sich in jedem Wort, daß die Liebe ihn, den blöden und unbeholfenen Jüngling, schnell zum Manne gereift hat, daß sie seinen Blick geschärft und seine Sprache beflügelt hat. Der Vater, der lebhaft gutmütige Mann, ist nach dem Zornausbruch von heute mittag schon innerlich nachgiebig gestimmt; da kommen nun Sohn, Mutter und Freunde mit ihrer dringenden Ansprache; anfangs schweigt er verwundert; endlich wie einer, der sich einer Sache nicht voll überlassen mag, macht er die Seitenbemerkung, Hermanns Zunge, die immer gestockt, sei nun mit einemmale gelöst; dann gleichsam aus Scham, von einer lange mit Eifer und Würde verfochtenen Gesinnung jetzt abgehen zu sollen, kleidet er seine Zustimmung in die humoristische Wendung, er erfahre, was jedem Ehemann und Vater gedroht sei, daß Mutter und Freunde immer den Willen des Sohnes begünstigen; und wie noch halb grollend richtet er die Zusage nicht an den Sohn, sondern an die übrigen Anwesenden: Gehet und prüfet und bringt mir meinetwegen die Tochter ins Haus, wo nicht, so mag er das Mädchen vergessen; wie dies alles in ähnlicher Lage im Leben überall sich wiederholt.
Nach einer ganz homerischen Beschreibung des Anschirrens der Pferde folgt die Fahrt ins Dorf. Hermann hält die Pferde im Schatten der Linde und die beiden Hausfreunde gehen nach Erkundigung aus. Wir begleiten sie in das Gewühl der Menschen, von dem wir eine episch ausführliche niederländische Genreschilderung erhalten. Nachdem wir uns Schritt vor Schritt der politischen Sphäre genähert, stehen wir endlich betrachtend vor dem furchtbaren Ereignis der Revolution und des Krieges, welches allen stillen Naturbildungen den Untergang droht, um die Welt aus Nacht und Chaos nach Vernunftprinzipien neu zu gestalten. Hermanns Liebe tritt für einen Augenblick zurück, aber nur um sich auf dem nun sich zeichnenden düstern Hintergrund desto heller abzuheben. Aus der Tiefe der Auflösung selbst wird die ewig wirksame Bildungskraft von neuem die Familie hervortreiben. In dem verworrenen Zuge der Flüchtlinge, in der Schilderung des Richters tritt uns Auflösung aller sittlichen Bande, Zerrüttung entgegen, aber, wie gewaltig auch der furchtbare Sturm der Geschichte die Wohnungen des Privatgeistes niederwerfe, immer wieder faßt der Mensch von neuem Fuß, knüpft neue Bande, steckt neue Grenzen des Besitzes aus und gründet feste Anstalten, in die er den Inhalt des Gemütes gießt. Die Revolution tritt uns nahe, aber nur damit antipolitisch und antikommunistisch die Privatexistenz, die Familie, das Eigentum sich bewähre und aus der Zerstörung neu erzeuge. Als das Symbol dieser in der Menschheit wohnenden Naturmacht wird uns Dorothea erscheinen, sie, die Flüchtige, Elternlose, des väterlichen Hauses, des Bräutigams Beraubte, die in den Krieg und die Verwirrung als ein hilfloses Mädchen Verschlagene, die dennoch, wo sie auch ist, sorgend und weiblich durch Rat, Pflege und Hilfeleistung eine Sphäre der Liebe um sich zieht, die endlich als künftige Gattin und Mutter in einen neuen Familienkreis einzieht, den sie durch ihre Einkehr vollendet und abschließt. Gleich bei den ersten Schritten, die die beiden Freunde unter die Menge thun, treffen sie diese in Streit: die Männer drohen einander, die Weiber mischen sich schreiend ein. Das häßliche Bild wird aber rasch vor den Augen weggezogen und es folgt eine versöhnende patriarchalische Szene. Ein langes Zwiegespräch zwischen dem Pfarrer und dem ehrwürdigen Richter der Gemeinde füllt den Schluß des fünften und den Anfang des sechsten Gesanges. Wir erhalten eine Schilderung des Verlaufes der Revolution, der Freiheitsbegeisterung, der darauf folgenden Enttäuschung, der Greuel des Krieges; wir hören von Dorotheens heroischer Selbstverteidigung. Unterdes hat der Apotheker das Mädchen aufgespürt und zieht den geistlichen Herrn mit fort. Wir blicken mit beiden durch die Lücke des Zauns und sehen zum erstenmal Dorotheen. Nachdem wir soeben alle Zerrüttung des Krieges durchlebt, nachdem wir voll Bewunderung und Entsetzen von der That der männermordenden Jungfrau ([Greek: androktonos]) gehört, erblicken wir sie nicht schreitend, nicht handelnd, sondern ruhig und betrachtungsvoll dasitzend, in ihrem Arm das neugeborene Kind; wir sehen sie als liebende Helferin und künftige Mutter. Der Richter tritt nochmals hinzu und vollendet durch weitere Nachricht über das Mädchen das geistige Bild, das wir von ihr gefaßt. Nachdem wir durch alles Gesehene und Erfahrene sicher geworden, daß Hermanns Wahl eine glückliche gewesen, nachdem seine Liebe durch ihre Beziehung zu dem Schicksal der Völker und Staaten eine tiefere allgemeine Bedeutung für uns gewonnen, eilen wir mit ungeduldiger Teilnahme zu dem am Brunnen harrenden Jüngling, ihm die herrliche Botschaft zu bringen. Allein abermals hat sich, kaum daß die Spannung gelöst ist, eine neue vorbereitet. Hermanns Seele, in der Einsamkeit sich selbst überlassen, ist unterdes von schweren Sorgen befallen worden, von Sorgen, wie sie ein liebendes und also ängstliches Herz zu quälen pflegen. Daß die Freunde von Dorotheen nur Gutes erfahren würden, wußte er im voraus: aber wird sie selbst auch einwilligen? Wird sie dem ersten besten, der da kommt, zu folgen bereit sein? und ist ihr Herz nicht vielleicht schon versagt? Während einer komischen Zwischenerzählung des Apothekers, die recht für die epische Gelassenheit Zeugnis gibt und deren für den gegenwärtigen Moment Unpassendes der gesprächige Mann nicht merkt, hat Hermann innerlich nach Art der Liebenden einen zugleich kräftigen und dennoch ängstlichen und ausweichenden Entschluß gefaßt. Die Freunde sollen ohne ihn nach Hause fahren und den Eltern die Nachricht bringen; er will allein zurückbleiben, Dorotheen selbst befragen und den näheren Fußweg am Birnbaum vorbei entweder glücklich mit ihr nach Hause herabsteigen oder ohne sie einsam zurückschleichen. Alle Worte, die er hier spricht, sind die eines liebenden, zwischen Jammer und Glück hin- und hergeworfenen Herzens, die dieselbe Wahrheit, Tiefe und Zartheit an sich tragen wie in Alexis und Dora. Wir schweben mit dem Jüngling in Erwartung, teilen seine Betrübnis, lächeln über die drolligen Scherze bei der Abfahrt der Freunde, aber innerlich bewegt sehen wir mit Hermann den Staub sich erheben, sich zerstreuen und stehen wie er ohne Gedanken.
Je näher wir mit Eröffnung des siebenten Gesanges dem Schlusse rücken, desto reicher werden die aufgewandten poetischen Mittel, die Empfindung immer inniger, ängstlicher, die Darstellung immer seelenvoller und ihre zartbleichen Farben steigern und röten sich unmerklich. Das innere Herz und die äußere Natur, die Stimmung der Seele und die umgebende Landschaft, der Zug der Liebe und der leise spielende Zufall, alles neigt sich zusammen, Sinn und Bedeutung des Bildes zu steigern und sammelt alle Zauber der Phantasie zu der Fülle der zartesten Rührung, die aus dem Grunde eines lauter menschlichen Verhältnisses quillt. Der Gesang beginnt mit einem ebenso wahren als prachtvollen Gleichnis. Wie der Wanderer am Abend die versinkende Sonne noch einmal ins Auge faßt und dann geblendet ihr Bild schweben sieht, wohin er die Blicke auch wendet, so sah Hermann Dorotheens Gestalt sich vor seinem Auge durch das Feld bewegen. Es war der Traum der Liebe, in welchem die Geliebte dem geblendeten Auge überall gegenwärtig ist, aber der Traum verschmilzt hier mit der Wirklichkeit: Hermann erwacht und staunt und staunt wieder, denn Dorothea kommt wirklich, es ist kein Scheinbild, sie ist es selbst. Mit Krügen in der Hand kommt sie zum Brunnen geschritten, um Wasser zu schöpfen. Der Zufall führte sie gerade jetzt zur Quelle, bei der Hermann in Sorgen der Liebe einsam träumte.
Der Zufall! Man könnte ihn mit Humboldt das Wunderbare unsres Gedichts nennen. Unter die Erfordernisse eines epischen Gedichts stellte die pedantische Theorie früherer Zeit auch eine sogenannte Maschinerie des Wunderbaren: es sollten im Epos Götter und Dämonen auftreten und mit phantastischen Hebeln in das Treiben der Menschen eingreifen. Daher wurde von dem Dichter eine Götterwelt erfunden, es wurden allegorische Personifikationen abstrakter Begriffe in Bewegung gesetzt und der Gang der Handlung nicht als ihre eigene innere, sie forttreibende Dialektik, sondern als das Werk überirdischer Figuren dargestellt. Schon bei Virgil sind die Gespräche und Anordnungen der Götter mehr eine kalte Maschinerie des nachahmenden und reflektierenden Dichters als eine in der Anschauung unbefangenen Volksglaubens sicher befestigte Welt. Anders bei Homer. In dem homerischen Zeitalter kamen die sittlichen Mächte, die das Leben gestalten, nicht als solche dem Menschen zum Bewußtsein; sie wurden in ein Jenseits verlegt und jede wurde ein Gott, eine handelnde Person. Die Heiligkeit des Gastrechts z. B., die da, wo sie verletzt wird, sich an ihrem rohen Verächter in dessen eigenem Busen und eigenem Lebensschicksal rächt, wurde zu einer lebendigen Person, die über ihre Aufrechterhaltung wachte; der Geist der Kunstfertigkeit, der überall aus der menschlichen Natur, wo diese sich entwickelt, hervorbricht, wurde zu der offenbaren Gabe des sie konkret personifizierenden Hephaistos, dem nun alle bedeutenden Kunstwerke, deren Möglichkeit dem naiv staunenden Natursohn ein Geheimnis scheint, beigelegt wurden; die Gewandtheit des rüstigen jugendlichen Körpers, in ihrem Adel dunkel gefühlt, wurde Eigenschaft des Hermes, dem sie das Menschengeschlecht verdankte und dem es nun jede Palästra weihte u. s. w. Streiten zwei Stimmen in der Brust des Helden und entscheidet er sich nach solchem Selbstkampfe für eines, so wird dies vorgestellt als Befehl oder Rat eines erscheinenden Gottes, das Gute als Hilfeleistung des Gottes gegen den erkorenen Liebling, das Böse als Berückung durch den feindseligen Dämon. Nicht anders mit den Wirkungen der Götter in der Natur. Das tiefe Leben der Natur kam dem kindlichen Menschen überall entgegen in tausend Gestalten und Phänomenen, in ewigem Zeugen, Gebären und Vernichten; als ein von innen bildendes plastisches Prinzip konnte er es nicht fassen; je mehr er es aber als ein Unwiderstehliches und Göttliches empfand, desto mehr war er geneigt, es in Göttergestalten zu verwandeln und nun den Blitz und Donner dem Zeus, das Erdbeben dem Poseidon u. s. w. zuzuschreiben. Daher ist in jener mythischen Region eigentlich nichts Wunderbares, denn die Substanz jener Götter bilden nur irdische Lebensmächte und sie sind so vollständig in konkrete Individuen übergegangen, daß sie wirkliche menschliche Wesen, nur in gesteigerter Kraft und Stimmung abgeben. Ein modernes Epos nun wie Hermann und Dorothea ist über jene mythische Anschauungsweise hinaus. Die Götter sind in die Brust des Menschen zurückgekehrt, ihre Einwirkung ist in das Walten und die Selbstoffenbarung des Weltgesetzes überhaupt zurückverlegt. Das Geschehen im Epos ist so wunderbar und natürlich zugleich wie das Leben selbst. Was dem Menschen widerfährt, ist teils nur die Konsequenz seines eigenen Thuns, teils ist es durch den großen Weltzusammenhang, durch den Komplex aller Gesetze und Bedingungen des menschlichen Gesamtlebens mitgesetzt. So ist alles endliche Schicksal wunderbar, denn es steigt aus dem Grunde der Idee auf und erhält von ihr tiefere Bedeutung, es ist aber auch natürlich, denn alles hat seine Gründe in der Verknüpfung mit dem übrigen. Man kann das Hereinragen der französischen Revolution in die idyllische Familienwelt das Wunderbare unsres Epos nennen, dasjenige, was in unsrem Gedicht die Götter der Ilias ersetzt; und in der That derjenige, der auf naive Weise in der Substanz der Familiensittlichkeit begriffen ist, wird von der gewaltigen, die Grundlagen der Privatexistenz umwerfenden politischen Idee wie von einer unbegreiflichen That höherer Dämonen getroffen; umgekehrt aber ließe sich auch sagen, die Naturkraft der Familie bilde das Wunderbare, da sie dem in der politischen Sphäre ganz Heimischen als ein unbegreiflich zäher fundamentaler Widerstand entgegentritt. So gesetzmäßig nun auch alles Geschehen ist, so wird dennoch, da wir eben in einer endlichen Welt begriffen sind, immer ein irrationaler Rest bleiben, der sich in die Formel nicht auflösen lassen will: es ist eben das, was wir Zufall nennen, wo so ist und auch anders sein könnte, was grundlos sich gefügt hat, was zutrifft, ohne daß dies Eintreffen aus dem Zweck und Gesetz der gerade vorliegenden Sphäre erklärt werden kann. Da dieser Zufall eben irrationell und unberechenbar ist, können wir ihn das Wunderbare nennen. Daß Dorothea gerade zum Brunnen kommen muß, wo Hermann noch dasteht, ist ein liebliches Spiel des Schicksals; es ist, als hätten freundliche Genien ihr den Gedanken geweckt und ihren Gang geleitet, und gern gewähren wir dies Hineinspielen des bald neckenden, bald hilfreichen Ungefährs in einer Darstellung, wo alles auf dem sichern Grunde der ewigen Naturwahrheit ruht.