Ueber Goethes Hermann und Dorothea
Chapter 7
Goethe sandte seinem Epos ein kleines elegisches Gedicht nach unter dem Titel Hermann und Dorothea, das sich unter den lyrischen Gedichten findet und worin er wie ein Vorredner von sich, seinem Publikum, seinem Werke spricht. Dennoch ist in dem schönen Gedichte alles Prosaische und bloß Individuelle durch eine ganz poetische Behandlung ausgelöst. Ein Hauch menschlich-natürlicher Lebenseinfalt, ein Zug rührender Vertraulichkeit durchweht diese Worte; man muß das Gedicht lesen, nachdem man Hermann und Dorothea gelesen, um auch den liebenswürdigen Dichter selbst, sein Haus, seine Person sich nahe gerückt zu sehen. Er klagt über kommendes Alter und bittet das Geschick nur um zweierlei, um die fortwährende Gunst der Muse und um einen stillen und frohen häuslichen Kreis; beides wird ihm die Jugend erhalten und die Heiterkeit nicht erlöschen lassen. Heller flamme das Feuer im Kamin, das die Gattin schürt und in das der Knabe spielend das Reis wirft. Der Wein fehle im Becher nicht, die Freunde mögen kommen und sich zu freundlichen Gesprächen niederlassen und des Dichters neuestes Werk hören. Auf sehr treffende und herzliche Weise spricht er selbst von diesem seinem Lieblingskinde; den idyllisch-idealen Charakter deutet er in den Worten an:
Deutschen selber führ' ich euch zu in die stillere Wohnung, Wo sich nah der Natur menschlich der Mensch noch erzieht.
Auch daß Krieg und Revolution als Hintergrund die einfach rührende Idylle trägt, wird in den folgenden Versen angedeutet; dann sagt der Dichter:
Hab' ich euch Thränen ins Auge gelockt und Lust in die Seele Singend geflößt, so kommt, drücket mich herzlich ans Herz!
Interessant sind auch die literarischen Anspielungen in dem Gedichte und die Weise, wie der Dichter auch literarische Kritik in die Grazie elegischer Poesie aufzulösen verstand. So freut er sich darüber, daß Friedrich August Wolf den einen Dichter Homer in mehrere Rhapsoden zerlegt hat, denn der _eine_ war zu groß und schlug allen Mut nieder:
Erst die Gesundheit des Mannes, der endlich vom Namen Homeros Kühn uns befreiend uns auch ruft in die vollere Bahn! Denn wer wagte mit Göttern den Kampf und wer mit dem Einen? Doch Homeride zu sein, auch nur als letzter, ist schön.
Später freilich dachte Goethe anders. Auch Voß bekommt wegen seiner Luise ein nur allzu freigebiges Lob:
Uns begleite des Dichters Geist, der seine Luise Rasch dem würdigen Freund, uns zu entzücken, verband.
Beide Dichter, Schiller und Goethe, überschätzten das Vossische Gedicht und liest man Schillers Aeußerungen in seiner naiven und sentimentalischen Dichtung, wo er griechischen und naiven Geist in der Luise findet, so begreift man nicht, wie Schillers sonst so eindringendes Urteil hier sich so bestochen zeigt. Auch in diesem Gedicht ärgert man sich, gleich hinter Homer den Schulmeister von Eutin mit dem Werke seiner etwas groben Finger erwähnt zu sehen. Wie Voß einen Kranz bekommt, so werden andrerseits die Tadler abgewiesen, die Goethe wegen seiner Elegieen und Epigramme, wegen des üppigen und stachlichten Tons Vorwürfe gemacht. Er beruft sich auf seine römischen Vorgänger und meint mit vollem Recht, gerade er habe den Geist des Altertums ergriffen und die Alten aus dem Staube der Schulstube in das Leben geführt:
Also das wäre Verbrechen, daß einst Properz mich begeistert, Daß Martial sich zu mir auch, der Verwegne, gesellt? Daß ich die Alten nicht hinter mir ließ, die Schule zu hüten, Daß sie nach Latium gern mir in das Leben gefolgt?
Und mit Bezug auf die neue Art, den Genuß der Liebe auch poetisch auszusprechen:
Daß ich der Heuchelei dürftige Maske verschmäht?
So ist das ganze Gedicht warm, persönlich, eine liebenswürdige Beichte: so führt es uns ein in den traulichen Kreis des Goetheschen Hauses, in das Heiligtum seines schönen Gemüths und weiß über alles dies den Glanz der Poesie, eine antike Hoheit und Milde zu verbreiten. Schiller schreibt darüber: Ihre Elegie macht einen eigenen tiefen Eindruck, der keines Lesers Herz, wenn er eins hat, verfehlen kann; ihre nahe Beziehung auf eine bestimmte Existenz gibt ihr noch einen Nachdruck mehr und die hohe schöne Ruhe mischt sich darin so schön mit der leidenschaftlichen Farbe des Augenblicks; es ist mir eine neue trostreiche Erfahrung, wie der poetische Geist alles Gemeine der Wirklichkeit so schnell und so glücklich unter sich bringt und durch einen Schwung, den er sich selbst gibt, aus diesen Banden heraus ist, so daß die gemeinen Seelen ihm nur mit hoffnungsloser Verzweiflung nachsehen können.
Ort und Zeit.
Der Dichter versetzt uns in ein Städtchen am Rhein zur Zeit der Revolutionskriege. Es liegt von der großen Heerstraße seitwärts in einer glücklichen Verborgenheit, denn von den Vertriebenen sagt der Wirt, daß sie
Durch den glücklichen Winkel Dieses fruchtbaren Thals und seiner Krümmungen wandern.
Und an einer andern Stelle:
Schon ist der neue Chausseebau Fest beschlossen, der uns mit der großen Straße verbindet.
Gerade in dieser stillen Abgelegenheit, die nicht bis zur völligen barbarischen Isolierung geht, konnte sich die häusliche Sittlichkeit guter Menschen entwickeln und erhalten. Unser Städtchen liegt am Mittelrhein gerade da, wo in weintragender, fruchtbarer, vielbevölkerter Gegend die Sitten menschlicher sind und das Blut leichter und fröhlicher ist. Der Vater wünscht einmal, sein Sohn Hermann solle sich etwas in der Welt umthun und
Sehn zum wenigsten Straßburg und Frankfurt Und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist.
Und in einer Rede des Pfarrers kommt Straßburg nochmals vor:
Denn wir waren in Straßburg gewohnt den Wagen zu lenken, Als ich den jungen Baron dahin begleitete; täglich Rollte der Wagen, geleitet von mir, das hallende Thor durch Staubige Wege hinaus bis fern zu den Auen und Linden Mitten durch Scharen des Volks, das mit Spazieren den Tag lebt.
In jener Gegend hatte der Dichter selbst seine Heimat, dort waren seine Jugendjahre verflossen: in Frankfurt war er geboren, in Straßburg hatte er zwei Jahre zugebracht, die durch sein Liebesverhältnis mit Friederike von Sesenheim, durch die Bekanntschaft mit Herder und die literarische Revolution in seinem Innern zu den inhaltvollsten seines Lebens geworden waren. Dort liegen die Wurzeln seiner Poesie. Wer aus dem Norden Deutschlands den Main überschreitet, der wird an dem vollen Leben und der naiven Fröhlichkeit der Menschen inne, daß er in Goethes Heimat- und Jugendluft atmet: hier wurden seine Lieder empfangen und geboren; hier umklang des Dichters Seele von früh auf in der konkreten und graziösen Volkssprache jener Hans-Sachsische Ton, der in seinen Werken so unendlich heimatlich zu uns spricht und über den wir mit so tiefer Rührung lächeln; hier fand er in der vollen Teilnahme an dem Leben und in der Fülle der Anschauung, die es gewährte, ein Präservativ gegen den blöden und zähen Pedantismus der Schule; hier endlich in dem Element leichterer Sitten an der Grenze des hellen und humanen Frankreich knüpften und lösten sich immer von neuem die Bande der Liebe, wie sie bei dem gröberen niederdeutschen Stamme und den Engländern, die nur die beiden gleich widerwärtigen Pole der Prüderie und der Prostitution kennen, in so unbefangen menschlicher Weise nimmermehr möglich gewesen wäre. Alle Dichtungen Goethes sind nur später aufschlagende Blüten seines Main- und Rheinaufenthalts und wir dürfen behaupten, daß auch Hermann und Dorothea nicht bloß auf jenem Schauplatz spielt, sondern in seiner Essenz von dorther geflossen ist. Kindergefühle und alte Eindrücke belebten des Dichters Darstellung jener Menschen und Gegenden. Er war in dem dortigen Bürgertum geboren und blieb ihm bei aller aristokratischen Vornehmheit innerlich verwandt. Wir müssen uns unser Städtchen in einem der Querthäler des Rheins denken; es ist wahrscheinlich von Fachwerk erbaut und mit einer Mauer und einem trocknen Graben umgeben. Das Städtchen enthält eine fleißige, wohlhabende Bevölkerung voll Lust, Neugier und Thätigkeit; es ist gewerbsam, denn
Mancher Fabriken befliß man sich da und manches Gewerbes
und die Einwohner betrieben neben dem städtischen Geschäft auch Weinbau und Ackerbau. Am Markte liegt das neue grüngestrichene Haus des Kaufmanns, des reichen Mannes, mit großgetäfelten Fenstern und weißer Stuckatur in grünen Feldern, denn wer thut es dem Kaufmann nach, der
bei seinem Vermögen Auch die Wege noch kennt, auf denen das Beste zu haben?
Woraus zugleich hervorgeht, daß die Fenster der übrigen Häuser aus jenen kleinen sechseckigen, mit Blei verbundenen Scheibchen bestehen. Am Markte liegt auch die Apotheke zum Engel und das Wirtshaus zum goldenen Löwen, dessen Besitzer der Vater unsres Hermann ist; beide waren einst nach dem großen Brande, der das Städtchen vor zwanzig Jahren zerstört hatte, die schönsten am Markte, sind jetzt aber von dem Hause des Kaufmanns verdunkelt. So ist auch der goldene Engel Michael, der die Offizin des Apothekers bezeichnet, von der Zeit ganz gebräunt. An das Wirtshaus zum goldenen Löwen stoßen doppelte Höfe, Scheunen und Ställe; ihnen schließt sich der weite Garten mit Apfel- und Birnbäumen und Kohlpflanzungen an und reicht bis an die Stadtmauer, bis zu einer Laube von Jelängerjelieber. Dort hatte einst der Ahnherr unsres Löwenwirtes, der würdige Bürgermeister, aus besondrer Gunst ein Pförtchen durch die Mauer brechen dürfen, um den weiten Umweg durch das Thor zu vermeiden. Trat man durch das Pförtchen hinaus und überschritt den trocknen Graben, so gelangte man an den aufsteigenden Weinberg, den ein bedeckter Laubgang auf unbehauenen Platten hinanführte; zu beiden Seiten wuchsen große, weiße und rötlichblaue Trauben, nicht zum Keltern, sondern zum Nachtisch, und den übrigen Berg bedeckten Stöcke mit kleineren Trauben, von denen der edle Wein kommt. Rief man auf der Höhe des Weinbergs, so kam ein geschwätziges Echo von den Türmen der Stadt zurück. Eine Thür führte dort auf das weite goldene Kornfeld, das den breiten Rücken des Hügels bedeckte und das man auf einem schmalen Grasrain durchschritt dem Birnbaum zu, der oben die Grenze der Felder bezeichnete, die dem Wirt zum goldenen Löwen gehörten. Man wußte nicht, wer jenen Baum gepflanzt. Er war weit und breit in der Gegend zu sehen, seine Früchte waren berühmt; in seinem Schatten freuten sich die Schnitter des Mahles und rasteten die Hirten mit ihrer Herde. Bänke von hohem Rasen und Stein umgaben seinen Stamm. Zwei der lieblichsten und rührendsten Szenen des Gedichts spielen unter diesem Baum und man kann von ihm wohl rühmen, was Cicero von der berühmten Platane des Plato, die am Anfang des Phädrus vorkommt, preisend sagt, daß sie mehr durch die Darstellung des Philosophen als durch den Quell an ihrem Fuße so gediehen. Verfolgte man von dem Baume den Pfad weiter, so erblickte man bald den Turm eines Dorfes und sah die Häuser und umgebenden Gärten in geringer Entfernung. Dort lag ein weiter, grüner, rasenbedeckter Anger, den uralte Linden beschatteten, den Bauern und nahen Städtern ein Lustort. Unter den Bäumen befand sich ein flachgegrabener Brunnen, zu dem man auf Stufen hinabstieg; eine Mauer faßte den immer lebendigen Quell ein und steinerne Bänke zum Ruhen umgaben ihn. Das Wasser stand in hohem Rufe:
Säuerlich war's und erquicklich, gesund zu trinken den Menschen.
Auch an diesem Brunnen unter diesen Bäumen geht eine der herrlichsten Szenen vor, die Begegnung beider Liebenden, ihr Gespräch und gemeinsames Schöpfen. Ueber die Bedeutung der Linden vor den Dörfern, in deren Schatten sich die Gerichtsstätte der Gemeinde befand, vergleiche man Jakob Grimms deutsche Rechtsaltertümer, wo zwei interessante Stellen aus Hans Sachs angeführt sind. Auch außer der Weihe zur Gemeindestätte ist die Linde auf dem Anger, die Quelle unter der Linde ein altnationaler, ländlicher Lustort und durch die Poesie so verbreitet wie die Platane bei den antiken Dichtern. So heißt es im Parzival:
=dâ vor stuont ein linde breit ûf einem grüenen anger=
und an einer andern Stelle:
=dâ vermûret und geleitet was durch den schaten ein linde.=
Auch in Tristan und Isolt weiß der Dichter das einsame Paradies, in welches er die Liebenden versetzt, nicht besser zu schmücken als durch einen Anger, drei Linden und in ihrem Schatten eine Quelle:
=und einhalp was ein planje, dâ vlôz ein funtanje, ein vrischer küeler brunne durchlûter als diu sunne; dâ stuonden ouch drî linden obe schône unde ze lobelîchem lobe, die schermeten den brunnen vor regene unde vor sunnen.=
Diese ganze Lokalität ist nicht etwa abgesondert geschildert, nicht ein vorausgeschicktes Gemälde, welches abstrakt, d. h. außer dem lebendigen Zusammenhang mit dem Treiben und den Empfindungen der Menschen vor uns aufgestellt würde, sondern alle Züge sind unbefangen in die Erzählung verwebt, einer nach dem andern tritt in der Entfaltung der Fabel von selbst mit ein, trägt diese und wird von ihr getragen und atmet in demselben heitern Element anschaulicher Gegenwart.
An die Oertlichkeit schließt sich die Jahreszeit, das Wetter, der Himmel. Ein halber Tag genügt dem Gedicht: die am Mittag beginnende Handlung ist am Abend vollendet. Wir befinden uns im Hochsommer, glühend brennt die Sonne, kein Wölkchen ist am Himmel zu sehen. Unter dem Thorweg des Hauses ist zwar Schatten, aber die Fliegen umsummen die Gläser und, wer behaglich ruhen und trinken will, zieht sich in die inneren Räume zurück, wo die stärkeren Mauern die warme Luft abwehren. Hermann, der ins nahe Dorf eine Fahrt gemacht, läßt die Pferde im Schatten der Bäume halten, und wie sie nach Hause eilen, quillt der Staub wirbelnd unter ihren Hufen. Schon wankt das Korn schwer und golden, die Ernte ist für den nächsten Tag bevorstehend. Nach dem heißen Tage steigt am Abend der klare Vollmond am Himmel auf, mit ihm ein schweres Gewitter. Die Sonne hatte beim Untergehen mit getürmten Wolken gekämpft und bald hier bald dort hervorbrechend eine kurze glühende Beleuchtung über die Gegend geworfen: später, als es völlig Nacht geworden, blickte der Mond mit schwankenden Lichtern durchs Laub, bis ihn die schwarzen Wetterwolken gänzlich umhüllten. Die Nacht bedeckt sich immer breiter mit sinkenden Wolken, der Sturm saust, der Donner grollt und Regengüsse schlagen herab. Auch dieser einfache Witterungsverlauf verwebt sich untrennbar mit dem Thun und Fühlen der geschilderten Menschenwelt; zu rechter Zeit mit kurzen Zügen angedeutet, hebt er anschaulich und ausdrucksvoll deren Momente. Wie herrlich begleitet die Mondnacht und das Gewitter Hermanns und Dorotheas Heimgang durch das Kornfeld und den Weinberg, ihr Ruhen unter dem Birnbaum, ihr schüchtern vertrautes Gespräch und die Umarmung auf den Stufen! Und die letzte Szene im Hause, wo wir der Vollendung des reinsten Liebes- und Familienglücks beiwohnen, wie rührend wird sie gehoben durch das draußen stürmende Unwetter und den Regen, der durch die finstre Nacht niederströmt! Auch daß der Dichter gerade den Sommer wählte, ist der glückliche Griff des Genies. Der Hochsommer ist die Zeit, wo das nordische Leben für einige Wochen an dem Himmel Ioniens teilnimmt, wo die Geschäfte und Zusammenkünfte der Menschen in die freie Natur treten, wo die unförmlichen Hüllen fallen, die farbigen Trachten sich hervorwagen und unter Bäumen, auf Wegen und in Gärten Gestalten und Szenen sich bilden. In dem ganzen Gedicht waltet eine sommerliche, lichtvolle Phantasie, gerade wie umgekehrt auf dem ganzen Hamlet die Nebel Skandinaviens liegen.
Gang der Fabel.
Wie die Grammatiker die Geschichte des Herodot nach der Zahl der Musen in neun Bücher teilten, wie manche, z. B. Krates von Mallos, auch den Homer nach neun Gesängen ordneten, so hat auch Goethe sein kleines Epos in neun Gesänge zerlegt und jeden nach einer Muse benannt. Er ließ die Musen abwechselnd singen mit schöner Stimme von der Götter Herrlichkeit und den Schmerzen der Endlichkeit:
[Greek: ameibomenai opi kalê humneusin rha theôn dôr' ambrota êd' anthrôpôn tlêmosunas.]
Und ganz wie die Grammatiker jedem Gesange des Homer eine Ueberschrift gegeben hatten, die dessen Inhalt andeuten sollte, z. B. [Greek: ta en Pylô, nekuia, mnestêrophonia, oneiros], so überschrieb auch Goethe jeden Gesang mit einem ganz allgemein gehaltenen Titel, z. B. Schicksal und Anteil, die Weltbürger, das Zeitalter u. s. w. Alles dies fand man unbescheiden (so z. B. der Rezensent in der Bibliothek der schönen Wissenschaften) zumal im Hinblick auf jenes Epigramm, welches erzählt, daß Herodot die Musen bewirtet und von jeder eines seiner Bücher zum Zeichen der Dankbarkeit erhalten habe. Allein wenn Goethe es in den Gedichten dieser Zeit liebte, den Musen seinen Gesang zu weihen, so hat dieser fromme Dienst keinen andern Sinn, als daß der bescheidene Dichter still zurücktritt und den Gesang sich selbst durch seinen eigenen innewohnenden Trieb, eben durch die Huld der Musen Gestalt und Gesetze geben läßt. Der Rhapsode, sagt Goethe selbst, sollte als ein höheres Wesen in seinem Gedichte nicht selbst erscheinen; er läse hinter einem Vorhange am allerbesten, so daß man von aller Persönlichkeit abstrahierte und nur die Stimme der Musen im allgemeinen zu hören glaubte. Die Abteilung in Gesänge wird übrigens wie die des Dramas in Akte durch das Gesetz des pulsierenden Rhythmus, des Wechsels von Spannung und Ruhe erfordert: jeder Gesang umschließt mehr oder minder ein eigentümliches Bild und der Sänger benutzt jene momentane Unterbrechung, die Phantasie auf einen neuen Schauplatz zu versetzen oder den Sprung zu einer eintretenden weiteren Entwicklung der erzählten Begebenheiten zu erleichtern.
Der Dichter versetzt uns, was auch die Alten vom Homer rühmten, ohne Vorrede mitten in die Dinge. Das alte Ehepaar sitzt unter dem Thorweg des Hauses in behaglicher Ruhe und des Vaters abgerissen hingeworfene Bemerkungen, zwischen denen Pausen zu denken sind, lehren uns sogleich, wo wir sind und was heute vorgeht. Die Kriegsnot hat eine Menge Menschen von jenseit des Rheines zur Flucht genötigt, sie ziehen in einiger Entfernung von der Stadt vorbei, alle Einwohner sind trotz dem heißen Mittag hinausgewandert, den Zug zu sehen, und auch Hermann, der Sohn, ist in der neuen Kutsche hingefahren, um die Notleidenden zu erquicken. Allmählich kommen die Neugierigen zurück, die Straßen füllen sich, der reiche Kaufmann von drüben kommt an sein neues Haus gefahren, auch der Pfarrer und der Apotheker sind wieder da und gesellen sich grüßend zu den beiden Sitzenden. Einige allgemeine Betrachtungen, die die beiden hinzugekommenen Hausfreunde über das heutige Ereignis in verschiedenem Sinne anstellen, unterbricht die ungeduldige Hausfrau mit der Frage nach dem, was sie denn gesehen. Der Apotheker, schnell das Wort ergreifend, gibt darauf eine lebendige Schilderung des verworrenen Zuges der Flüchtigen, der ordnungslos unter Unfällen und Bildern mannigfachen Elends dem Dorfe zuging. Dieser Bericht rührt den menschlichen Hauswirt, aber in seiner behaglichen Art will er die Gedanken davon abwenden und lädt die Freunde zu einem erfrischenden Glase Wein in den kühleren Saal. Dort sitzen die drei Männer um den großen braunen Tisch und fröhliche Hoffnung belebt den Wirt. Dies Städtchen, ruft er aus, dessen Wohlstand seit dem großen Brande so sichtlich gedeiht, Gott wird es nicht von neuem untergehen lassen. Ja, fährt er nach einer bestätigenden Zwischenrede des Pfarrers fort, der mächtige Rheinstrom wird uns wie Wall und Graben schützen; die Streiter sind müde, alles deutet auf Frieden. Und wenn dann das Friedensfest gefeiert wird und in der Kirche Orgel, Glocke und Trompete das Tedeum begleiten, wenn doch dann dies hohe Landesfest für mich auch ein häusliches Fest würde und mein Hermann mit der Braut vor den Altar träte. Aber ich fürchte, das wird nicht so sein, denn so thätig zu Hause, so schüchtern ist er nach außen, zeigt sich nicht unter den Leuten und flieht den Tanz und die Gesellschaft junger Mädchen. Indem er so sagte, rollte Hermanns Wagen donnernd unter den Thorweg.
Damit schließt der erste Gesang. Er enthält die Exposition in unmittelbar frischem Gemälde; noch kein Hindernis, kein Knoten, aber deutlich ist die eigentümliche Welt des Gedichts vor uns ausgebreitet, in der wir schon heimisch sind: die Bürgersitten, die Lage des Städtchens, Ort, Tageszeit, die Familie, das Ereignis des Tages, das bald das individuellere unseres Gedichts zur Folge haben wird; auch die Charaktere sind angedeutet; in dem Wunsche des Vaters und seiner Schilderung des Sohnes liegt die kommende Handlung; Aussicht auf fröhliche Entwicklung ist in dem ganzen heiter epischen Tone schon im voraus gegeben. Der Dichter versetzte uns nicht selbst in das Gedränge der Flüchtigen, welches Schauspiel uns zu mächtig in Anspruch genommen hätte; wir sollten vor allen Dingen mit dem behaglichen Bürgerhause und dessen Gliedern vertraut werden und, nachdem auf die Familie hinreichendes Licht gefallen, werden wir später an der Hand des Dichters den hohen Standpunkt ersteigen, wo wir das politische Wetter drohend am Himmel sehen.