Ueber Goethes Hermann und Dorothea
Chapter 15
Fehlt es auf diese Weise dem vossischen Gedicht an Idealität, so leidet Klopstocks Messias an dem entgegengesetzten, für die Kunst, die am wenigsten der Sinnlichkeit entbehren kann, noch viel schlimmeren Fehler des Mangels an Realität. Klopstock hat religiöse Abstraktionen in Handlung gesetzt, denen aller Zauber lebendiger Gegenwart, alle Wärme pulsierenden Lebens abgeht. Eben weil sie Abstraktionen sind, duldeten sie kein näheres Eingehen; wie gestaltlose Schatten wallen sie an uns vorüber. Voß ist ein Genremaler, Klopstocks Messias eine lange unfaßbare Musik. Die Handlung ist keine wahre und wirkliche, auf konkreten Verhältnissen und menschlichen Triebfedern ruhende und in dem Zusammenhang der Welt begriffene; sie geht über dem Wirklichen in leeren Räumen vor sich und verläßt die Erde, den vertrauten Wohnsitz der Menschen. Ueberall nicht sowohl erfülltes Leben als abstrakte Beziehung auf das dogmatische System, statt anschaulicher Gegenwart zerfließende religiöse Sentimentalität. Wie anders wäre ein Dichter von wirklicher Gestaltungskraft verfahren! Das damalige Palästina in seinem historischen Zustande, die herrschenden Römer, die pharisäischen Priester mit ihrer Sophistik und ihrem starren Halten an der Satzung, das Volk der Juden selbst, die auf religiöse Innigkeit dringende, dem Gesetz die Gesinnung entgegenhaltende neue Sekte der Christen; dazu die durch Tradition gegebene, nur weiter auszufüllende und zu belebende Geschichte Christi, die von dem Zwang des Dogmas befreit, aus der falschen transzendenten Höhe mitten in das Leben verlegt, in einem schönen Bilde voll Bedeutung und Wärme eine edle Menschlichkeit vor uns hätte entfalten können; in den Gruppen der politisch Herrschenden und Beherrschten, der religiös Gebietenden und sich Auflehnenden wirksam sich entgegenstehende Massen; in den Individualitäten Jesu, des Verräters Judas, der übrigen Jünger u. s. w. mit einander kontrastierende, leicht zu gruppierende Charaktere; die Aussicht auf die einstige Größe der neuen Religion, die antizipierenden Blicke auf die Geschichte der Kirche wie bei Virgil auf die spätere römische Weltherrschaft; endlich die südliche Natur des Landes und die damit zusammenhängenden Sitten, die Palmen und Kamele, Wüsten und Quellen, der Oelberg und der Tempel, das wunderbare tote Meer -- alles dies gab einer wahrhaft bildenden Phantasie den reichsten Stoff eine handelnde konkrete, menschlich das Herz ergreifende Welt zu schaffen. Statt dessen ging Klopstock an sein Gedicht nicht als gestaltender Epiker, sondern als musikalischer Lyriker, nicht mit der freien, der Natur der Dinge sich hingebenden Anschauung des Dichters, sondern mit der Andacht eines seiner Sünde sich bewußten Herzens, das seine Bedürfnisse mit Hilfe endlichen Verstandes zu übersinnlichen Wesen macht, denen man nicht nahen darf, ohne daß sie sich wie alle Abstraktionen in das Nichts auflösen. Daher in dem ganzen Epos nichts als Empfindungen, daher Erhabenheit die einzige Stimmung. Der Dichter sucht unablässig zu steigern, höher zu fliegen, Erweiterung auf Erweiterung zu häufen; er streift alles sich begrenzende, sich individuell zusammenfassende Leben ab und findet sich zuletzt in der erhabenen anschauungslosen Leere, in dem reinen Reich unsagbarer Empfindung; er verstummt. Ermüdung und Langeweile überfällt den Leser nach wenigen Schritten, die er durch diese Sammlung von leeren Empfindungen und Reden gemacht hat. Alles Sinnliche und Körperliche, alles wahrhaft Natürliche und Reelle liegt tief unter uns; wir steigen von Anbetung zu Anbetung, von Greuel und Grauen zu Greuel und Grauen; beides als bloß abstrakt kann uns nicht in wirklichen Umrissen und Farben, sondern nur mit Worten gereicht werden. Ausrufungen, Floskeln rhetorischer Erhabenheit, Hymnen, Jubel- und Verzweiflungsgesänge ersetzen die lebenbeseelte Menschen- und Naturwelt einer wirklichen Dichterphantasie. Zu alledem kommt die Gezwungenheit der Sprache, aus der uns gleichfalls nicht die Laute vertraulich redender Menschengeschlechter entgegentönen; sie ist wie durch den Ruck eines Zauberschlüssels aus der natürlichen Stimmung gedreht, sie ist immer wie außer sich, sie schreit, sie ruft, sie windet sich konvulsivisch; harte Worte reiben sich knarrend aneinander, hohle Töne hallen durch die gestaltlose Oede.
So sind denn beide Gedichte, die idyllische Luise wie der erhabene Messias, Mißgeschöpfe nach entgegengesetzter Richtung hin. Verschmäht es die Kunst, täuschende Wachsfiguren zu bilden, so hascht sie noch viel weniger nach Traumbildern: ihre Marmorgestalten sind wahre und dennoch ideale, natürliche und doch überirdische, lebenerfüllte und doch stille und kalte Wesen. Wie keusch ist der Dichter von Hermann und Dorothea in individualisierenden Einzelheiten des Lebens, in Essen und Trinken, Kleidern, Sitten, Idiotismen der Umgangssprache dem Dichter der Luise gegenüber! Wie heiter sinnlich entfaltet er in bestimmten Handlungen, Lokalitäten, menschlichen Motiven das Gemälde vor uns, verglichen mit den sich jagenden Phantasmagorieen und der verhallenden Musik des Klopstockischen Gedichts! Er läßt die Charaktere durch Handlungen vor uns entstehen, während in der Luise nur Beschreibung ist; er nüanciert und individualisiert sie, während die Personen Klopstocks als verkleidete Abstraktionen des Guten und Bösen, der Allmacht und Unmacht u. s. w. alle den gleichen wesenlosen Typus tragen. Von einer Tendenz ist in Hermann und Dorothea keine Spur; Voß und Klopstock sind beide Theologen, der eine ein rationalistischer, der andre ein orthodoxer, und beide haben theologische Absichten. Aus Hermann und Dorothea weht uns ein geläuterter Geist echter Humanität an, der eins ist mit dem Element ästhetischer Freiheit und schöner Kunstdarstellung; bei Klopstock verdrängt Gebet und Fluch die stille Heiterkeit des bildenden Dichters, die theologische Satzung den Geist freier Betrachtung der Dinge. Beide Dichter endlich, Voß sowohl als Klopstock sind deutsch und national, aber ebenfalls in beschränkter Weise. Voß malte manche Seiten norddeutschen Seins und Lebens mit Glück und befreundete sich mit den ehrbaren Gestalten begrenzter Sittlichkeit in derjenigen Sphäre, welcher er durch seine Geburt angehörte, aber er erschöpfte den Gehalt des deutschen Volkes nicht, sein Deutschtum ist zu eng; Klopstock besang den leeren Begriff Vaterland und fuhr auf den Flügeln der Begeisterung für alles Germanische dahin, aber er verkehrte nicht freundlich und vertraulich mit den konkreten Interessen und den wirklichen Zuständen des deutschen Volkes und Landes, sein Deutschtum ist zu abstrakt. Es kostete darum Klopstock auch nichts in seinem Hauptgedicht, welches als Epos vor allem einen nationalen Boden verlangte, den Kreis des Vaterländischen zu verlassen und dem religiösen, wohl auch dem theologischen Interesse auf Kosten des nationalen Genüge zu geben, welches ihm Goethe in dem Gedicht »die Kränze« auf gewohnte mildentschuldigende Weise vorwarf. Goethe ist auch nationaler als beide Dichter, er ist deutscher als irgend einer unsrer Dichter, obgleich er nie für Arminius geschwärmt, den Welschen immer freundlich gewesen und seinen Widerwillen gegen eine christlich-germanische Erneuerung des Mittelalters nicht verhehlt. In Hermann und Dorothea ist deutscher Geist in echter Wesenhaftigkeit: da aber alles Krankhafte und Irrige, worin dieser Geist sich selbst verlor, von dem Gedicht ausgeschlossen blieb, so erscheint es ebenso deutsch als homerisch und human.
Wir haben im Obigen über beide Gedichte, die Luise und den Messias, etwas hart geurteilt, weil es uns darauf ankam, ihr poetisches Wertverhältnis zu Hermann und Dorothea deutlich zu betonen. Für sich betrachtet haben beide gewiß manche Schönheiten, die Luise im naiven, die Messiade im sentimental-elegischen Tone; den, der die höchsten Forderungen mitbringt, können sie nicht befriedigen. So ist denn auch Klopstocks Messias nach einer oft gemachten Bemerkung längst schon ohne Leser; und von Vossens Luise bleibt August Wilhelm Schlegels Ausspruch wahr: Bei der Nachwelt wird es Luisen empfehlen können, daß sie Dorothea zur Taufe gehalten hat.
Anmerkungen.
Die eigenartigen grossen Vorzüge der Auffassung und Darstellung, die aus Viktor Hehns Gedanken über Goethe (zweite Auflage, Berlin 1888) allen wahren Freunden unsres Dichters bekannt und liebgeworden sind, die Wärme der persönlichen Hingabe, die Kraft individuellster Anschauung, das feine Verständnis für den innersten Wesensgehalt der Poesie und besonders der Goetheschen Poesie finden sich in vollem Masse auch in seinen Betrachtungen über Hermann und Dorothea, Goethes innigste und vollendetste Dichtung. Hehns Manuskript lag fast ganz druckfertig vor und bedurfte nirgends grösserer Aenderungen: schade nur, dass es nicht lückenlos erhalten ist. Zwar fehlt nichts Grösseres und Vollständiges, denn alle in der Disposition S. 6 aufgezählten Punkte kommen in unserm Texte zur Behandlung; aber an zwei Stellen fehlen leider Bogen, die den Schluss von Kapiteln enthalten haben. So sollten sich S. 26 noch Betrachtungen anschliessen, die mit Gedanken über die Spuren der Entstehung der Tragödie bei den Griechen aus dem Epos beginnen, welche aber wegen ihres durchaus fragmentarischen Charakters von mir ganz fortgelassen sind; ihre Ausdehnung lässt sich nicht ermessen und auch so hat das Kapitel befriedigenden Abschluss. Dann fehlte der Schluss des Kapitels über die Lebenssphäre, wo ich S. 114 wenigstens den Schluss des abgebrochenen Satzes und der Betrachtung aus den Gedanken über Goethe S. 253 hierher übernehmen konnte; vielleicht hat noch mancher andre Zug, der dort sich findet, hier näher beleuchtet werden sollen. Viele Sätze und auch zuweilen grössere Abschnitte unsres Buches, die ich unten verzeichnet habe, finden sich schon in den Gedanken über Goethe: sie konnten hier im Zusammenhange nicht entbehrt werden, wenn sie auch der Verfasser, der wohl an eine Herausgabe unsres Buches nicht mehr dachte, schon dort in weiterer Ausgestaltung verwertet hat. Ausgeschieden aus dem Text, um den ruhigen Fluss genussreicher Lektüre nicht durch öde Zahlen zu unterbrechen, habe ich alle genaueren Zitate: ich bringe sie hier in den Anmerkungen nach, denen ich auch einige kleinere auf zerstreuten Blättern erhaltene Parerga Hehns eingefügt habe; meine eigenen Zuthaten, meist Literaturnachweise bringend, nehme man für nichts als anspruchslose Glossen, die ich dem mir liebgewordenen Buche nicht vorenthalten mochte.
Einleitung.
S. 2. Rötscher, Zum Verständnis des Goetheschen Faust, erschienen in seinen dramaturgischen und ästhetischen Abhandlungen (Leipzig 1846) S. 36.
Viehoff, Goethes Gedichte erläutert und auf ihre Veranlassungen, Quellen und Vorbilder zurückgeführt nebst Variantensammlung und Nachlese, 3 Bände, Düsseldorf 1846-53, die 3. Auflage erschien Stuttgart 1876; vgl. über ähnliche Dinge Scherer, Aufsätze über Goethe S. 5.
Grün, Ueber Goethe vom menschlichen Standpunkte, Darmstadt 1846; vgl. auch S. 46. 48. Das eigenartige Buch, so sehr es oft Goethes innerstes Wesen verkennt und seiner Poesie nicht gerecht wird, enthält doch eine Reihe sehr anregender und tüchtiger Betrachtungen.
S. 3. Die gesamte Literatur über Hermann und Dorothea verzeichnet jetzt am ausführlichsten Max Koch in der 2. Auflage von Goedekes Grundriss zur Geschichte der deutschen Dichtung Band 4, S. 689.
Schlegel besprach Goethes Hermann und Dorothea in der Jenaischen allgemeinen Literaturzeitung 1797 Nr. 393-396, wiederabgedruckt in seinen Charakteristiken und Kritiken Band 2, S. 260 und seinen sämtlichen Werken Band 11, S. 183; vgl. auch S. 5. »August Wilhelm Schlegels ästhetische Kritik kann sich sicherlich mit allem, was die damalige Zeit hervorbrachte, auch der philosophischen Tiefe nach messen und fand erst an Hegels und Vischers Aesthetik eine ebenbürtige Fortsetzung und beziehungsweise Gegnerschaft.... Gleich seine ersten kritischen Versuche in Jena, über Goethes römische Elegieen und über Hermann und Dorothea, ragten sowohl historisch als theoretisch über das Gewöhnliche hoch hinaus. Die römischen Elegieen, die ein bedenkliches moralisches Wagnis schienen, besprach er mit einer Sachkenntnis und Wärme, mit einem freien poetisch-sittlichen Gefühl, wie man es den damaligen und späteren Geschmacksrichtern und Neidern, z. B. Herder, wohl hätte wünschen mögen.... Wie über die römischen Elegieen war auch August Wilhelm Schlegels Charakteristik von Hermann und Dorothea eine in wenig Worten erschöpfende Vorausnahme alles dessen, was jemals über dies Epos einsichtiges gesagt worden ist« Gedanken über Goethe S. 112. 113. 114. Hehn selbst verdankt Schlegels Rezension in seinen Betrachtungen viele Anregung, namentlich in den Kapiteln über das Epos und die Homerismen.
Yxem, Ueber Goethes idyllisches Epos Hermann und Dorothea, erschienen in von der Hagens Germania (Neues Jahrbuch der Berlinischen Gesellschaft für deutsche Sprache und Altertumskunde) Band 2, S. 98.
Humboldt, Aesthetische Versuche, erster Teil, über Goethes Hermann und Dorothea, Braunschweig 1799, wiederabgedruckt in seinen gesammelten Werken Band 4, S. 1; die 4. Auflage der Einzelausgabe (Braunschweig 1882) enthält wertvolle geschichtliche Vorerinnerungen von Hettner; vgl. auch S. 5. 77. 95. 136. »In diesem Buche, das von dem Goetheschen Gedichte handeln will, verschwindet dasselbe als poetisches Individuum fast ganz unsern Augen und es wird in Weise Schillers, nur noch körper- und inhaltsloser, über Gattungen und Formen reflektiert und die Ueberlegung hin und her gewendet, ohne dass sich etwas Greifbares ergäbe ... Humboldts ... Anlage, die als Adel der Gesinnung und Idealität, aber auch als Eleganz und Kälte bezeichnet werden kann« Gedanken über Goethe S. 114. 226. Vorurteilsfreier und liebevoller wird Humboldts grosses Werk von Hettner in den oben erwähnten Vorerinnerungen gewürdigt, die in ihren Schlussbetrachtungen den richtigen Schlüssel für das Verständnis des Buches geben: es muss durchaus in festgefügtem Zusammenhang mit Humboldts sprachwissenschaftlichen und streng-philosophischen Ansichten betrachtet werden. Tieferes Verständnis irgend einer Seite von Humboldts Wesen und Leistungen ist ohne eingehende Verwertung von Steinthals unübertrefflichem Kommentar zu den sprachphilosophischen Werken (Berlin 1884) überhaupt unmöglich.
Schillers Eindruck von Humboldts Werk ersieht man am besten aus seinem Briefe an Humboldt vom 27. Juni 1798 (Briefwechsel zwischen Schiller und Humboldt S. 297), den mir Hehn jedoch unrichtig in seiner Grundstimmung zu deuten scheint; Goethes Ansicht erhellt aus seinem Schreiben an Humboldt vom 16. Juli 1798 (Goethes Briefwechsel mit den Gebrüdern von Humboldt S. 55).
S. 4. Hillebrand, Die deutsche Nationalliteratur seit dem Anfange des achtzehnten Jahrhunderts, besonders seit Lessing, bis auf die Gegenwart handelt im 2. Bande S. 236 über unser Gedicht; vgl. auch S. 5. »Selbst Joseph Hillebrand, der von allen Literarhistorikern Goethe am tiefsten erkannte, hat sich von Gervinus nicht ganz freihalten können.... Wo Hillebrand selbst spricht, da ist er vortrefflich« Gedanken über Goethe S. 171, Anm. 2.
Gervinus spricht über Hermann und Dorothea im 5. Bande seiner Geschichte der deutschen Dichtung S. 522; vgl. auch S. 5. 40. 131. »Er schrieb eine Geschichte der deutschen Dichtung, wie er sein Buch nannte, in nicht dichterischer, sondern moralisch-prosaischer Absicht, wo natürlich alle Grössenverhältnisse sich umkehrten. Er schätzte das jedesmalige poetische Produkt nicht nach seinem eigenen inneren Werte, auch nicht als Glied einer fortgehenden Entwicklung, sondern insofern es ein Mittel werden konnte die ästhetische Stimmung aufzuheben und statt des literarischen ein politisches Zeitalter mit Bürgerfreiheit und nationaler Grösse, wie er, Gervinus, sie konstruiert hatte, herbeizuführen.... Gervinus wurde eine viel studierte Autorität und mit seiner Doktrin, die Epoche der schönen Seelen sei vorüber und die des Heroismus angebrochen, neben den übrigen badischen und rheinischen Professoren der Führer in dem allgemeinen Umschwung. Und sieht man jetzt, nachdem ein halbes Jahrhundert darüber hingegangen, auf ihn zurück, so muss man bekennen, er war eigentlich ein beschränkter Querkopf, der sich selbst oft eigensinnig das Ziel verrückte; kein rechter Gelehrter, obwohl er als Literarhistoriker viel hatte lesen müssen; ursprünglich ein Kaufmann, und was dem fehlt, holt man bekanntlich nie wieder ein. Seine unharmonische Natur malte sich in dem unerträglich harten Stil: man legt seine Bücher mit dem Gefühl aus der Hand, als hätte man sich durch ein Dorngestrüpp durcharbeiten müssen und stünde nun mit zerrissenen Kleidern und zerzausten Haaren da; aber eben dadurch wuchs sein Ansehen, denn die schöne Form hat in Deutschland immer verdächtig gemacht« Gedanken über Goethe S. 165. 167. Es ist, als wenn Hehn nie Gervinus' herrliches Shakespearebuch gelesen hätte; sein Urteil ist mit Ausnahme der Stilbemerkung recht unbillig und ohne rechte Fühlung mit Gervinus' innerster Eigenart. Sympathischer und richtiger ist Hermann Grimms Urteil, der in seinem Goethe S. 90 eine Lanze für den Schöpfer unsrer Literaturgeschichte bricht; vgl. auch Scherer, Geschichte der deutschen Literatur S. 723.
Hermann und Dorothea.
S. 5. Das zitierte Urteil Schillers steht in seinem Briefe an Heinrich Meyer vom 21. Juli 1797 (Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe Band 1, S. 296 Spemann).
S. 6. Rosenkranz, Goethe und seine Werke S. 346.
Tag- und Jahreshefte von 1796: Goethes Werke Band 35, S. 65 Weimarische Ausgabe; vgl. auch S. 57. »Mit Rührung erinnere ich mich, wie uns Goethe in tiefer Herzensbewegung unter hervorquellenden Thränen den Gesang, der das Gespräch Hermanns mit der Mutter am Birnbaume enthält, gleich nach der Entstehung vorlas. So schmilzt man bei seinen eigenen Kohlen, sagte er, indem er sich die Augen trocknete,« berichtet Karoline von Wolzogen in ihrem Leben Schillers S. 225 Cotta, wiederabgedruckt in Goethes Gesprächen Band 1, S. 186.
Jean Pauls Charakteristik wird auch S. 45 erwähnt.
S. 11. Im neuen literarischen Anzeiger von 1807 bemerkt Jakob Grimm: »es ist ungereimt ein Epos erfinden zu wollen, denn jedes Epos muss sich selbst dichten, von keinem Dichter geschrieben werden«; die Stelle ist wiederabgedruckt in seinen kleinen Schriften Band 4, S. 10, Anm. 4;, vgl. auch S. 14. Wie wir heutzutage über dieses Grundprinzip Grimms zu denken haben, zeigt Scherer in seinem Jakob Grimm S. 145 und in seiner Poetik S. 133.
S. 12. Hegel, Vorlesungen über Aesthetik Band 3, S. 332; vgl. auch S. 13. 45. 109. Bei Hegels Auftreten »öffnete sich ein unermesslicher Reichtum vor den trunkenen Blicken, die wiedergewonnene Heimat des Geistes, und vor der Wärme dieses neuaufgegangenen Frühlings schmolzen die starren hartnäckigen Trennungen des abstrahierenden Verstandes und der dualistischen Moral« Gedanken über Goethe S. 15. Hehns philosophische Ansichten sind durchgehends von Hegel beeinflusst (vgl. Dehio in Hehns Italien S. VI); auch seine in unsrem Werke ausgesprochenen allgemeinen Ansichten von Poesie und ihrer Entwicklung fussen überall auf dem Lebensboden der Hegelschen Aesthetik, dem greifbarsten und bleibendsten Werke des Philosophen; doch drängt sich nirgends der Anschluß an den verehrten Meister übermässig oder störend hervor; der genauer Vergleichende findet oft Aehnlichkeiten bis in den Ausdruck hinein. Vor unstatthafter Einmischung Hegelscher Dialektik bewahrte Hehn sein feines poetisches und menschliches Gefühl für die Gestalten und Formen Goethescher Dichtung.
Herodot sagt im 2. Buche § 53 von Hesiod und Homer: [Greek: houtoi de eisi hoi poiêsantes theogoniên Hellêsi, kai toisi theoisi tas epônymias dontes kai timas te kai technas dielontes kai eidea autôn sêmênantes.]
S. 13. Hegel, Vorlesungen über Aesthetik Band 3, S. 388.
S. 20. Die homerischen Beispiele finden sich Odyssee Buch 19, Vers 392 und Ilias Buch 21, Vers 34.
S. 23. Gemeint ist Herders Aufsatz im 5. Bande der Adrastea »Vom Langweiligen, das die Epopöe oft begleitet« sämtliche Werke Band 24, S. 284 Suphan. Ich verdanke den Nachweis der Freundlichkeit Bernhard Suphans.
Mit der Natur der epischen Poesie beschäftigen sich noch einige Blätter aus Hehns Nachlaß, aus denen ich hier folgendes mitteilen möchte:
»Das Epos hat mit der Plastik und deren Objektivität im Sinne sowohl des substanziellen Gehalts als auch der Darstellung in Form realer Erscheinung die meiste innere Verwandtschaft. Darum blühte beides in Griechenland. Die Welt der homerischen Gedichte ist in der schönen Schwebe zwischen den allgemeinen Lebensgrundlagen der Sittlichkeit in Familie, Staat, religiösem Glauben, Recht, und der individuellen Besonderheit des Charakters, in dem schönen Gleichgewicht zwischen Geist und Natur, zweckvoller Handlung und äußerem Vorgang, nationaler Basis der Unternehmungen und einzelnen Absichten und Thaten; die freie Bewegung einzelner Helden erscheint gemäßigt durch den Ernst des Schicksals und die Bestimmtheit der Zwecke. Daher auch die Naivetät der erscheinenden Göttergebilde, die ganz menschlich und es doch nicht ironisch sind.
Das Epos, seines poetischen Gewands entkleidet, gibt dasjenige, was Geschichte in geistvoller Behandlung und Naturbeschreibung in ihrer größten Allgemeinheit gewährt, einen vollkommenen Ueberblick über die Menschheit und die Natur in ihrer Verbindung. Nur daß der Dichter nicht die Vollständigkeit der Objekte braucht, sondern mittelst eines einzelnen Objekts noch mehr leistet, da er das Gemüt in eine unendliche Stimmung versetzt. Der epische Dichter genießt die weiteste Aussicht; seine Dichtung ist am meisten fähig den Menschen mit dem Leben zu versöhnen.
Das Epos gibt der Musik Gestalt, der Skulptur Bewegung und Sprache.
Idyll heißt nicht bloß eine Dichtungsart, sondern eine Empfindungsweise. Die Idylle beschreibt einen Zustand, das Epos erzählt eine Handlung.
Der Kampf individueller Charaktere, Zwecke und Leidenschaften mit den objektiven Mächten führt zur dramatischen Poesie. Das Epos fordert aber noch jene unmittelbare Einheit von Empfindung und Handlung, von inneren konsequent sich durchführenden Zwecken und äußeren Begebenheiten, eine Einheit, welche nur in den ersten Perioden des nationalen Lebens vorhanden ist. Indes ist die epische Kunst selbst später als jener naive unmittelbare Volkszustand, der unbefangen sich in seinem poetischen Dasein heimisch fühlt. Homer und Ossian folgen der von ihnen geschilderten Zeit.
Dennoch muß der epische Dichter ganz in den geschilderten Verhältnissen und diesem Glauben stehen und er bringt nur die Kunst der Darstellung, das poetische Bewußtsein hinzu. Fehlt diese Verwandtschaft im Leben und Vorstellen, so wird das Gedicht disparat. Die Scheidung zwischen dem künstlerischen Geist und der geschilderten nationalen Wirklichkeit ist unangemessen und störend z. B. in Goethes Achilleis. Auf der einen Seite stehen die Szenen des vergangenen Weltzustandes, auf der andern Formen und Gesinnungen einer davon verschiedenen Gegenwart. Dadurch wird der frühere Glaube zu einer kalten Sache, einem Aberglauben, einem leeren Schmuck, einer bloßen sogenannten poetischen Maschinerie, der alle Lebendigkeit, aller Pulsschlag wahren Lebens, alle Seele abgeht.
Der Weltzustand, in welchem das Epos entsteht, ist ein solcher, daß das allgemeine Leben zwar schon eine vorhandene Wirklichkeit ist, aber noch im engsten ursprünglichen Zusammenhang mit den Individuen, die dies allgemeine Leben bewußtlos als ihr eigenes Leben fühlen. Im Epos sollen nicht die Helden einen Gesamtzustand erst gründen, denn er fiele dann in das Gemüt und den Willen des Subjekts und erschiene nicht als objektiv vorhanden.