Ueber Goethes Hermann und Dorothea
Chapter 14
Jetzo begann holdselig ihr Lied die melodische Jungfrau Und des Gesangs Wohllaut, eindringenden Worten vereinigt, Wallete hell, dann leise gedämpft in die Stille des Abends. Von hinschmelzendem Halle gesänftiget lauschten sie ringsum, Fühlten erstaunt der Natur Hoheit und schwangen sich aufwärts Ueber Mond und Gestirne zu Gott und den Seligen Gottes.
Da aber der Genius der deutschen Sprache sich gegen solche vollkommene Hexameter sträubte, so mußten häufig Listen und Zwangsmittel angewandt werden, um ihn zu bändigen. Voß brauchte Diminutiva auf -lein, z. B. 'Söhnlein' statt 'Sohn', um Spondeen zu gewinnen; er setzte den Komparativ der Adjektiva für den Positiv, z. B. 'der grünere Hain' statt 'der grüne', behielt das durch den Sprachgebrauch ausgestoßene e der Verbalflexion bei, wie in dem obigen Beispiel 'wallete', 'besänftiget', beides, um Daktylen zu erzwingen; er brach die Worte durch schwere Spondeen wie 'drauf antwortetest', 'du ehrwürdiger', wodurch das Grundgesetz von der Geltung des Accents umgestoßen ward, da niemand sagt: 'antwortetest', 'ehrwürdiger'. Das schlimmste aber war, daß die Versnot überall eine ganz undeutsche Ausdrucksweise, die des natürlichen Gefühles spottete, und lateinisch-griechische Wendungen und Wortstellungen herbeiführte. Der Sieg, den der Genius des Deutschen durch die akzentuierende Rhythmik über die lateinische Prosodie erfochten hatte, war abermals durch scholastische Metrik verkümmert; der Hexameter in dieser harten und steifen Gestalt war ein fremder, ein aufgedrängter Vers, aus dem keine Seele sprach. Erst Goethe und Schiller machten ihn aus einem Kunststück der Schule zum Eigentum der Nation und bewiesen sich durch die feine Grazie ihrer Behandlung als größere Verskünstler und metrische Meister als Voß, August Wilhelm Schlegel und Platen. Selbst bei dem Letztgenannten überwiegt das Interesse der glänzenden Technik des Verses zu sehr, um den lautern und vollen ästhetischen Eindruck nicht zu stören. Auch Platens Verse sind nicht 'frei und schlank wie aus dem Nichts entsprungen' und noch fühlen wir an ihnen die Gegenwart der widerstrebenden unbezwungenen Materie, deren Schwere nicht weichen will, so gewandt auch der Meißel an ihr sich herumbewegt; wir fühlen, daß der Inhalt erst allmählich nach dem Bedürfnis des Verses entstand und daß jene prächtige Form zwar in einem kleinen Gedicht, in einer einzelnen Stelle erreicht werden, nicht aber ein langes Epos hindurch sich erhalten und dessen mannigfaltigen Reichtum begleiten konnte. So wird wahrhafter Formensinn in die triumphierende Ueberlegenheit nicht einstimmen, mit welcher Voß und Platen auf die weimarischen Hexameter herabsehen.
Goethe gab bei seinem Hexameter zuförderst alle Versmalerei auf, die mit Absicht durch den Gang des Verses den jedesmaligen Gegenstand versinnlichen will. In Zeiten, wo das wahrhafte poetische Gefühl verschwunden war, bei Dichtern, die nach verständigen Regeln den Effekt erzwingen wollten, bildeten solche künstliche Malereien den Gipfel poetischer Schönheit. In der didaktisch-moralischen Zeit der deutschen Literatur wurden die Verse des Virgil und Ovid, wo das Galoppieren des Pferdes durch lauter Daktylen, das Fallen der Hämmer durch lauter Spondeen, das Gequäk der Frösche durch ähnliche Laute versinnlicht wird, höchlich bewundert und Voß gab in seinen Uebersetzungen ähnliche Malereien mit Treue, oft sogar übertreibend wieder. Daher sein:
Hurtig mit Donnergepolter entrollt ihm der tückische Marmor,
und:
Ihn von der Au' aufwälzend den Berg.
Er selbst dichtete:
Als ringsher pechschwarz aufstieg grau'ndrohende Sturmnacht.
Homers und Goethes Vers wissen nichts von dergleichen Künsteleien und der Inhalt gibt die Wahl und Zusammenstellung der Worte von selbst. Hinterdrein kann man dann hie und da ein ungesuchtes Zusammentreffen bewundern, wie in den beiden angeführten homerischen Versen:
[Greek: Autis epeita pedonde kylindeto laas anaidês. -- Laan anô ôtheske poti lophon,]
oder in dem Hexameter unsres Gedichts:
Hatte der Ahnherr einst, der würdige Burgemeister,
wo der spondeische Ausgang den Eindruck der Würde unterstützt; weit öfter aber werden wir den Vers, unbekümmert um den jedesmaligen Sinn, seinen eigenen gleichmäßigen Gang verfolgen sehen. Und letzteres gerade ist die Idee des Verses. Die gebundene Rede besteht eben darin, daß ohne Rücksicht auf den mannigfach wechselnden Gedanken ewig ein und dieselbe unveränderliche rhythmische Form wiederkehrt. Wäre jene Wortmalerei das Richtige, so müßte ein festes Versmaß überhaupt verworfen werden. Dieses bindet den Strom mannigfacher Empfindungen und Anschauungen an ein unverbrüchliches Gleichmaß und steht nur zu dem Ganzen des Gesanges, nicht aber zu jedem Punkt der Bewegung in entsprechendem Verhältnis.
Goethe wandte den Trochäus da an, wo die alten Dichter den Spondeus gebraucht hatten. Eigentliche Spondeen nämlich sind im Deutschen unmöglich. Selbst Voß erkennt dies in einer vorübergehenden Bemerkung an, deren Gewicht er aber nicht einsah. Steigende Spondeen, sagt er, ahmen den Jambus, sinkende den Trochäus nach. Der Grund dieser Unmöglichkeit, reine Spondeen im Deutschen zu bilden, liegt auch sehr nahe. Bei den Alten, wo die Länge der Silbe etwas für sich Bestehendes und von dem metrischen Iktus Gesondertes war, konnte auch diejenige Silbe des Spondeus lang sein, die diesen erhöhten Ton nicht erhielt; im Deutschen aber, wo die Länge eben nur in jener Erhebung der Stimme, abgesehen von der quantitativen Zeitdauer, besteht, sind zwei Silben, von denen nur eine den Ton hat, unmöglich zu einem Spondeus zu vereinigen. Voß half sich auf eine doppelte Weise, um dennoch wirkliche Spondeen zu erzwingen, indem er beidemal das Gesetz des deutschen Wortaccentes verletzte. Er ließ nämlich entweder zwei wirklich betonte Silben zusammen einen Spondeus bilden und sagte:
Der Herrscher im Donnergewölk Zeus
oder
Faßte, dieweil Karl drängte, den Arm des bescheidenen Jünglings,
wo aber die zweite Silbe 'Zeus', 'Karl' entweder wider Sinn und Sprachgebrauch den Ton verliert oder beide Silben betont werden und also aufhören, sich zu der Einheit eines Fußes zu verbinden. Oder er bildete sogenannte geschleifte Spondeen, indem er die starkbetonte Silbe in die Senkung, die schwachbetonte in die Hebung brachte und z. B. sagte.
Wer getrost fortgehet, der kommt an. -- Es verfolgt Schwachheit absterbendes Alters,
womit aber aller deutschen Wortbetonung Hohn gesprochen ist. Niemand sagt 'fortgéhet', es müßte denn sein, daß der Gegensatz zum Fortreiten, Fortfliegen u. s. w. auf das Gehen den Ton verlegte. Aus dem obigen folgt, daß auch der deutsche Daktylus ein ganz andrer ist als der antike; doch kommt auf diesen Unterschied in der Anwendung wenig an.
Wahrhafte Spondeen sind im Deutschen nicht möglich, und angebliche Spondeen wie 'Weinberg', 'Schauspiele' fügen sich ohne Zwang in trochäischen Rhythmus. Goethe wandte ähnliche Wörter mit Unbefangenheit auch im Daktylus an, da in der That die Rede über die zweite Silbe mit Leichtigkeit fortgeht, z. B.:
Unverzeihlich find' ich den Leichtsinn, doch liegt er im Menschen. -- Der im Glück wie im Unglück sich eifrig und thätig bestrebet. -- Ungern würd' ich sie sehn, mich schmerzt der Anblick des Jammers. -- Aller Anfang ist schwer, am schwersten der Anfang der Wirtschaft. -- Meinem Vaterland hilfreich zu sein und schrecklich den Feinden. -- Alle mit Fleiße gepflanzt der Gäste Nachtisch zu zieren.
Goethe hielt den trochäischen Gebrauch solcher Wörter für so unverfänglich, daß er selbst da, wo die Aenderung auf der Hand lag, diese Aenderung verschmähte:
Und unten Weinberg und Garten,
wo es so leicht gewesen wäre umzustellen 'Garten und Weinberg', was aber nach Humboldts Bemerkung die natürliche Aufeinanderfolge gestört haben würde, da dem von der Höhe des Hügels Blickenden zuerst der Weinberg und dann erst die Gärten sich boten.
Den so auf die Bedingungen heimatlicher Rede zurückgeführten Vers behandelte Goethe mit der anmutigsten Leichtigkeit. Der Vers drängt sich nirgends vor, er drängt sich nirgends gewaltsam auf. In dem dunkeln, beglückenden Gefühl, sicher und leicht von dem rhythmischen Element getragen zu sein, überlassen wir uns mit ungestörter Empfindung der lebendigen Wirkung des schönen Inhalts. Keine ungehörige Wendung, kein unnützer Zusatz, kein empfindlicher Abzug verrät den Zwang des Metrums; die Worte, überall klar und natürlich, werden in edler Wohlbewegung von selbst zu Hexametern, und haben wir oben den epischen, leichtverschlungenen Periodenbau bewundert, so müssen wir hier bewundern, wie der Gang der Rede mit dem Gang des Verses in Anfang, Mitte und Ende so harmonisch zusammenstimmt. Kunstlos und doch voll Kunst, nachlässig und doch voll Haltung bewegen sich diese Verse im Spiel der Trochäen und Daktylen, gegliedert durch passende Zäsuren, den Perioden entgegen und von ihnen ab, bis sie schließlich mit ihnen zusammentreffen. Auch in der naiven Zwanglosigkeit des Verses kann Goethe mit Homer verglichen werden. Wie ungezwungen bewegt sich der Rhythmus gleich in der Anfangsrede:
Hab' ich den Markt und die Straßen doch nie so einsam gesehen! Ist doch die Stadt wie gekehrt, wie ausgestorben. Nicht fünfzig, Deucht mir, blieben zurück von allen unsern Bewohnern u. s. w.
Wie würdig ohne gesuchten Pomp in dem Gleichnis:
Wie der wandernde Mann, der vor dem Sinken der Sonne Sie noch einmal ins Auge, die schnellverschwindende, faßte, Dann im dunkeln Gebüsch und an der Seite des Felsens Schweben siehet ihr Bild; wohin er die Blicke nur wendet, Eilet es vor und glänzt und schwankt in herrlichen Farben.
Oder in der Naturschilderung:
Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne, Die in Wolken sich tief gewitterdrohend verhüllte, Aus dem Schleier bald hier bald dort mit glühenden Blicken Strahlend über das Feld die ahnungsvolle Beleuchtung.
Goethe verdankte die Schönheit seines Hexameters, die in Deutschland, wo die Schule und das Handwerk immer mächtig war, geringe kritische Anerkennung fand, bloß dem Ohr und dem richtigen Gefühl, denn die Theorie desselben war ihm fremd. Er ging, wie einst wegen des Jambus zu Moritz, so zu Voß in die Schule und hätte von diesem bei minder glücklichem Instinkt viel böse Angewöhnungen annehmen können. Hin und wieder erscheinen in dem Gedicht vossische Kunstgriffe, die wir indessen gerade zu den metrischen Fehlern zählen. Wenn es heißt:
Tretet herein in den heiteren Raum, in das kühlere Sälchen,
so ist das Diminutiv 'Sälchen' für 'Saal' ein ganz vossischer Notbehelf, zwei Silben zu erzwingen, wo der Sinn sich mit einer begnügt hätte. Auch der bald darauf gebrauchte pretiöse Genetiv:
Sorgsam brachte die Mutter des klaren herrlichen Weines,
der unnütz hinzugefügte Spondeus 'sorgsam', denn die Sorgsamkeit bildet hier gar keinen wesentlichen Zug, sowie die ganze folgende zu niederländische Schilderung der geschliffenen Flasche, der grünlichen Gläser u. s. w. ist eine nicht angenehm auffallende Nachahmung des Dichters der Luise. Einigemal begegnen auch Vossens beliebte schleifende Spondeen: auf halbwahren Worten ertappt, selbst hinging nach Paris, daß unwillig sie flieht, vom scheu-unsicheren Blicke, die hochherzig ein Mädchen vollbrachte u. s. w., und es könnte wohl sein, daß der Dichter manche Stellen der Art als besondern metrischen Schmuck hineinkorrigierte, als er die letzten Gesänge des Gedichts noch einmal mit Humboldt genau durchging und dessen prosodische Bemerkungen benutzte, worüber er an Schiller berichtet.
Der mit Geschrei und Jubel dem Dichter vorgehaltene siebenfüßige Hexameter:
Ungerecht bleiben die Männer und die Zeiten der Liebe vergehen
scheint uns ein Schreibfehler, der durch Weglassung des 'und' leicht zu verbessern ist, wenn nicht vielmehr die Zäsur bei 'Männer' das Ohr des Dichters täuschte; denn eben die Zäsur und Pause hebt mit Leichtigkeit über die ganz flüchtigen drei Silben weg. In der neuesten Quartausgabe von Goethes Werken finden wir das 'und' getilgt. Riemer erzählt: Ich hatte Goethen bereits aufmerksam darauf gemacht; weil aber der Vers, ohne sein proverbialisches Ansehen zu verlieren und eine gewisse =grata negligentia= einzubüßen, nicht wohl zu ändern war, ich mich auch erinnerte, daß Friedrich August Wolf einmal, von diesem Verse sprechend, ihn nicht nur entschuldigt, sondern auch durch homerische Beispiele erläutert habe, so ließen wir ihn stehen oder hingehen. Nun machte später auch Heinrich Voß, der Sohn, auf ihn aufmerksam und Goethe soll, wie jener erzählt, gesagt haben, die siebenfüßige Bestie möge als Wahrzeichen stehen bleiben.
Andre deutsche Epen (Luise von Voß, Messias von Klopstock) zur Vergleichung.
Die Luise von Voß, schon 1783 gedichtet, ist in vielfacher Beziehung ein dem Goetheschen verwandtes Gedicht; ja man hat Hermann und Dorothea geradezu für eine Nachahmung jenes Idylls erklärt, die natürlich, wie ja der Nachahmer immer der Unfreie und an produktiver Kraft Geringere ist, hinter der Schönheit des Urbildes zurückblieb. Andre, die billig sein wollten, ließen unentschieden, ob Luise oder Hermann und Dorothea den Vorzug verdiene, und sprachen bescheiden, sich sehr klug dünkend: =non nostrum inter vos tantas componere lites=. Niebuhr ging soweit, das vossische Gedicht mit Homer in Vergleich zu stellen und den letztern gegen das erstere hingeben zu wollen: das Urteil eines plattdeutschen oder friesischen Bauernsohnes, sehr willenskräftig, aber ungeheuer einseitig, mit geringem Sinn für griechische Humanität. Aehnliche Gunst fand die Luise merkwürdiger Weise auch bei Goethe und Schiller. Goethe liebte sie vorzulesen, wie er selbst erzählt, und man kann nicht leugnen, daß sie ihm vorschwebte, als er seinen Hermann dichtete. In dem Proömium zu Hermann und Dorothea sagt er:
Uns begleite des Dichters Geist, der seine Luise Rasch dem würdigen Freund, uns zu entzücken, verband.
Und Schiller äußert über sie in der Abhandlung über naive und sentimentalische Dichtung: Diese Idylle, obgleich nicht durchaus von sentimentalischen Einflüssen frei, gehört ganz zum naiven Geschlecht und ringt durch individuelle Wahrheit und gediegene Natur den besten griechischen Mustern mit seltenem Erfolge nach; sie kann daher, was ihr zu hohem Ruhm gereicht, mit keinem modernen Gedicht aus ihrem Fache, sondern muß mit griechischen Mustern verglichen werden, mit welchen sie auch den so seltenen Vorzug teilt uns einen reinen, bestimmten und immer gleichen Genuß zu gewähren. Schiller findet also ganz dasselbe in der Luise, was wir von Hermann und Dorothea gerühmt haben: den antiken Geist, die Naivetät der Auffassung und Darstellung. Voß selbst hatte eine hohe Meinung von seinem Gedicht und sah das Erscheinen von Hermann und Dorothea als einen Triumph mehr für sich an. Er schreibt 1797 an den alten Gleim, einst den Mäcen aller jungen Dichter, jetzt einen Allerweltsversmacher, der von der neuen klassischen Poesie nichts begriff: Sie werden für manche zu eilfertig gearbeitete Stellen durch sehr schöne entschädigt werden; die zur Vorrede bestimmte Elegie beweist hinlänglich, daß es ihm Ernst war etwas wo nicht Homerisches, doch Homeridisches aufzustellen, um auch diesen Kranz des Apollo zu gewinnen; ich werde mich herzlich freuen, wenn Griechenlands Geist uns Deutschen ein vollendetes Kunstwerk gewährt, und nicht engherzig nach meiner Luise mich umsehen; aber ebenso ehrlich denke ich für mich und sage es Ihnen: Die Dorothea gefalle, wem sie wolle; Luise ist sie nicht; sieh, ich wollte keck thun und fühle doch, daß ich rot werde. Gleim machte daraus den Vers:
Luise Voß und Dorothea Goethe, Schön beide wie die Morgenröte, Stehn da zur Wahl Und Wahl macht Qual. Hier aber, seht, ist nichts zu quälen, Hier kann die Wahl nicht fehlen: Luise Voß ist mein in Lied und in Idyll; Die andre nehme, wer da will.
Auch die Luise ist ein Idyll und schildert häusliche beschränkte Zustände, einfältige sittlichreine gemütvolle Menschen. Die Sitten eines Landpfarrerhauses in Norddeutschland treten uns in dem Rahmen des Gedichtes mit allem Detail entgegen. Luise, die Tochter wird mit dem Kandidaten Walther vermählt und zieht als künftige Frau Pastorin von Grünau nach Seldorf. Der ehrwürdige Pfarrer von Grünau, die geschäftige Mutter und Hausfrau, die gräfliche Nachbarschaft, Hans der Knecht, Susanne die Magd bilden zusammen einen gemütvollen ländlichen Kreis, dessen Thun und Reden uns durch manchen Zug echter Menschlichkeit rührt. Soweit enthält das Gedicht denselben idyllischen Grundton wie Hermann und Dorothea, gleich welchem es auch in Hexametern geschrieben ist. Aber Hermann und Dorothea ist nicht bloß ein Idyll, sondern auch ein Epos. Es hängt durch tausend Fäden mit dem ganzen Menschenleben zusammen, von dem es ein Stück ist; jede einzelne Empfindung mündet in den Strom großer objektiver weltbewegender Mächte, während in der Luise der Blick in den kleinen Familienvorgängen des engen Pfarrhauses gebannt bleibt. So vollzieht sich in dem Goetheschen Gedicht auch eine wirkliche Begebenheit, mit welcher zugleich die Charaktere sich entwickeln und in der ein Menschendasein handelnd den Reichtum seines Inhalts, seiner Motive und Richtungen darlegt; eine stille sichere, gemessen wandelnde Erzählung führt von der freundlichen Ruhe unerschlossener Existenz zu Konflikten und Gegensätzen, von da in die Grundempfindung der Versöhnung, in die Vernunft und Schönheit sittlicher Ordnung zurück. Vossens Luise beschreibt etwas Vorhandenes. Luise ist die Braut Walthers von Anfang an und die geschilderten Lebensverhältnisse werden nicht durch Störung oder Kampf gezwungen, ihren Inhalt zu bewähren. Das vossische Gedicht ist also ein reines Idyll mit allem Unzureichenden, was diese Gattung hat, mit allem Ueberdruß, den sie so leicht erregt, und aller Armut trotz der gehäuften konkreten Züge. Sehen wir weiter auf die poetischen Kräfte, die in beiden Gedichten wirksam sind, so geht uns vollends alle Vergleichung aus. In Hermann und Dorothea öffnet uns ein Dichtergenius eine ideale, durch das Feuer der Phantasie von allen Schlacken geläuterte Welt; in Voßens Luise kopiert ein niederländischer Genremaler ängstlich und genau die kleinsten Bestimmtheiten der Wirklichkeit. Essen und Trinken, die Mahlzeit vom ersten bis zum letzten Gericht, die Kleider, der Schlafrock, das Pfeifenrohr, die ganze Hauseinrichtung, alle Verrichtungen des täglichen Lebens werden in ausführlicher Malerei aufgeboten, um unsrer Anschauung Realität zu bieten; dennoch will sich das Bild nicht beleben, es bleibt tot. Auf mechanische Weise stellt sich Zug neben Zug; die Schilderung erwächst nicht organisch aus innerem Kern durch den bildenden Instinkt der Phantasie. Die Goetheschen Personen sind poetische Geschöpfe, sie sind, wie wir schon oben sahen, Typen und Individuen zugleich; die vossischen sind eine mechanische Mosaik, Kinder der Reflexion. Der Dichter fragte sich: wie muß eine Mutter sich benehmen? wie machen es die Mütter gewöhnlich? wie zeigt sich eine Pfarrersfrau? und nun wandte er die Züge, die er durch Reflexion über das Mutter- und Gattenverhältnis gefunden, auf seine Pfarrerin von Grünau an. Ebenso der Vater: er ist der individualisierte Pfarrer- und Hausvaterstand, der norddeutsche Pfarrer, wie ihn die Beobachtung findet und die Abstraktion sich denkt. Daher fehlt den Personen die innere Beseelung, welche die Gebilde schöpferischer Phantasie durchdringt; so fehlt die Kunst des Wesentlichen, des Vor- und Rücktretens der Züge, die Kunst idealer Zeichnung, die, wahrer und konsequenter als die Natur, doch nicht in jedem einzelnen Punkte nach Verkörperung strebt. Dieselbe bewußte Absicht zeigt sich in der überall hervortretenden bestimmten Tendenz des Dichters. Er will uns ein Gemälde reiner Sitten geben; seine letzte Triebfeder ist nicht der Reiz des Schaffens, sondern moralische Stimmung, soziale Beobachtung, sittengeschichtliches Interesse. Aufklärung, Widerwille gegen Dogmen, werkthätige liebevolle Religiosität erscheint als eine Herzensangelegenheit des Dichters, aber sie geht neben seinem poetischen Bilden einher, sie wird direkt gepredigt, es werden sogar Bücher genannt, die sich darauf beziehen, so daß wir uns aus dem Reiche ästhetischer Freiheit auf den Boden der Erde zurückversetzt finden. Auch in der äußern Form endlich suchen wir vergeblich die edle Grazie, die liebliche Anmut und harmonische Vollendung von Goethes Gedicht. Absicht, Mühe, Unnatur, Verkünstelung entstellt den Ausdruck und Vers fast überall. Mit diesen spondeenreichen Hexametern voll Zwang und Arbeit, mit dem Tone kostbarer Gesuchtheit kontrastiert dann seltsam der Naturalismus einzelner Worte und Vorfälle, ebenso mit der durchgängigen lastenden Schwere des Ausdrucks der hin und wieder gemachte Versuch dichterisch spielen und tändeln zu wollen. Was Voß in allen Gedichten abging, Feinheit der Technik, fehlt auch seiner Luise. So sind auch die Nachahmungen Homers und der Alten lange nicht so anmutig in das Ganze verwebt als bei Goethe; sie ragen mehr oder minder als fremde Stücke aus der Rede hervor, ohne in ihren Strom zu verfließen.