Ueber Goethes Hermann und Dorothea

Chapter 13

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Oder das Gefühl des Ackerbaus, der über fruchtbare Ebenen seinen Segen erstreckt:

Von der Erde sich nährend, die weit und breit sich aufthut.

Oder das Gefühl irrender Flucht, entgegengesetzt dem Gefühl der Sicherheit, die fester Anbau gewährt:

Aber zerrüttet die Not die gewöhnlichen Wege des Lebens, Reißt das Gebäude nieder und wühlet Garten und Saat um, Treibt den Mann und das Weib vom Raum der traulichen Wohnung, Schleppt in die Irre sie fort durch ängstliche Tage und Nächte u. s. w.

Wie sehr es dem Dichter um Wahrheit, nicht um die künstlichen Regeln der Rhetorik und Stilistik zu thun ist, lehrt z. B. die Stelle, wo die Mutter unter dem Birnbaum den Sohn auffordert in seinen Geständnissen fortzufahren: Fahre nur fort u. s. w. Hier folgt sich unmittelbar das Wort 'heftig' dreimal, das Wort 'geschickt' zweimal.

Als eine weitere Eigenschaft der Diktion unsres Gedichts ist eine gewisse epische Breite, behagliche Geschwätzigkeit und anmutige Fülle zu erwähnen. Die Rede fließt überall wie ein langsamer breitausgedehnter Strom von Gedanken zu Gedanken. Dahin gehören Stellen wie folgende:

Wenn er ihm täglich nützt und mit den Gütern ihm dienet. -- Wo ihm das Ehbett stand und wo er zu ruhen gewohnt war. -- Ihr habt mich Auf halbwahren Worten ertappt und halber Verstellung. -- Durch dein Wort verführt und deine bedeutenden Reden.

Von dem Geiste geschwätziger Behaglichkeit ist auch die Form der Sätze und Perioden, die in dem Gedichte herrscht, eingegeben. Immer hell und natürlich hält sie eine anmutige Mitte zwischen einem leidenschaftlich abgebrochenen Aufreihen von lauter Hauptsätzen und der rednerischen vielverschlungenen Periodik. Eine immer wiederkehrende Lieblingsverbindung der Sätze ist die mit 'denn', auch wo das Folgende nicht unmittelbar den Grund des Vorhergehenden enthält: diese Partikel verbindet er auf ganz allgemeine Weise mit behaglich-schwatzender Argumentation. Beispiele finden sich überall:

O, wie geb' ich dir recht, du gutes treffliches Mädchen, Daß du zuförderst dich nach dem Sinne der Eltern befragest! Denn so strebt' ich bisher vergebens dem Vater zu dienen u. s. w.

Oder:

Aber noch früh genug merkt' ich, sie hatten mich immer zum besten; Und das war mir empfindlich, mein Stolz war beleidigt, doch mehr noch Kränkte mich's tief, daß so sie den guten Willen verkannten, Den ich gegen sie hegte, besonders Minchen, die Jüngste. Denn so war ich zuletzt an Ostern hinübergegangen u. s. w.

Und:

Laß mich reden, mein Kind, und deine Fragen erwidern. Deinetwegen kam ich hieher und was soll ich's verbergen? Denn ich lebe beglückt mit beiden liebenden Eltern, Denen ich traulich das Haus und die Güter helfe verwalten u. s. w.

Oder:

Billig seid ihr, o Freund, zu den guten Wirten zu zählen, Die mit tüchtigen Menschen den Haushalt zu führen bedacht sind. Denn ich habe wohl oft gesehn, daß man Rinder und Pferde So wie Schafe genau bei Tausch und Handel betrachtet u. s. w.

Eine ebenso häufige Uebergangsform ist 'und so', die gleichfalls das Gepräge liebenswürdiger wortreicher Gemütsruhe trägt. Wo wir das Gedicht aufschlagen, stoßen wir auf diese Verbindung:

Und so leitet' er sie die vielen Platten hinunter. -- Und so fühlt' er die herrliche Last, die Wärme des Herzens. -- Was ein Knecht schon verrichtet des wohlbegüterten Mannes, Thust du; indessen muß der Vater des Sohnes entbehren, Der ihm zur Ehre doch auch vor andern Bürgern sich zeigte. Und so täuschte mich früh mit leerer Hoffnung die Mutter. -- Dieser kannte das Leben und kannte der Hörer Bedürfnis, War vom hohen Werte der heiligen Schriften durchdrungen, Die uns der Menschen Geschick enthüllen und ihre Gesinnung; Und so kannt' er wohl auch die besten weltlichen Schriften.

Noch eigentümlicher, aber voll Grazie ist die Verbindung mit 'so auch':

Was er begehrte, das war ihm gemäß; so hielt er es fest auch. -- Denn er redet gar manches in seiner heftigen Art aus, Das er doch nicht vollbringt; so gibt er auch zu das Versagte. -- Und sie reichte das Wasser herum; da tranken die Kinder Und die Wöchnerin trank mit den Töchtern; so trank auch der Richter.

Dahin gehört auch die anmutige Art einen Nebenzug in Form eines kurzen Hauptsatzes ohne weitere Verbindung folgen zu lassen:

Und so sitzend umgaben die drei den glänzend gebohnten Runden braunen Tisch; er stand auf mächtigen Füßen. -- Und so kam auch zurück mit seinen Töchtern gefahren Rasch an die andere Seite des Markts der begüterte Nachbar An sein erneuertes Haus, der erste Kaufmann des Ortes, Im geöffneten Wagen; er war in Landau verfertigt.

Wir führen noch drei Stellen an, die für die in dem Gedicht herrschende Satzverbindung charakteristisch sind:

Lange hab' ich gelebt und weiß mit Menschen zu handeln, Weiß zu bewirten die Herren und Frauen, daß sie zufrieden Von mir weggehn; ich weiß den Fremden gefällig zu schmeicheln. Aber so soll mir denn auch ein Schwiegertöchterchen endlich Wieder begegnen und so mir die viele Mühe versüßen. -- Und es löst der Besitz sich los vom alten Besitzer, Freund sich los von Freund; so löst sich Liebe von Liebe. -- Heilig sei dir der Tag, doch schätze das Leben nicht höher Als ein anderes Gut; und alle Güter sind trüglich.

So heißt es im Reineke Fuchs:

So scheut das böse Gewissen Licht und Tag; es scheute der Fuchs die versammelten Herren,

was prosaisch wäre: der Fuchs scheute die Versammlung, wie das böse Gewissen Licht und Tag zu scheuen pflegt.

Ueberhaupt könnte Hermann und Dorothea gerade im Punkt des Periodenbaus zu einer reichen Quelle der Belehrung werden. Die Rede fließt so verbindungslos und dennoch in so ununterbrochenem Zusammenhang, sie bewegt sich bei dem freisten Gang so voll Numerus, die Glieder, die sich logisch auf einander beziehen, sind oft so weit von einander, ohne jemals die volle Klarheit dieser Beziehung einzubüßen; das epische Prinzip der Episodik durchdringt so sehr jedes einzelne, daß man auch hierin an Homer und die bei diesem Dichter herrschende Einheit von Kunst und kindlicher Einfalt erinnert wird. Jakob Grimm bemerkt in seiner Grammatik, es finde sich nach epischer Weise in Hermann und Dorothea kein einziges Präsens historicum, während in Vossens Luise am Anfang des dritten Gesangs aus der Erzählung gewichen wird und Wielands Oberon nach romanischer Weise solche Präsentia im Ueberfluß hat.

Bei aller Wahrheit und Natürlichkeit unterscheidet sich die poetische Sprache in unserm Gedicht dennoch von der prosaischen des gemeinen Lebens. Der Dichter erreicht diese Idealität, indem er scheinbar den Boden der alltäglichen Rede gar nicht verläßt, ja indem er auf demselben ganz bequemlich sich niederläßt. Die Nachlässigkeiten der mündlichen Rede erhebt er zu poetischen Freiheiten: dies zeigt sich sogleich an der Wortstellung. Diese ist überall die ganz natürliche des täglichen Redens und nirgends gehindert, verschoben und gezwungen wie so oft bei Voß und Klopstock; im Sprechen aber lassen wir ein Wort, das uns erst im Lauf der Rede eingefallen ist, nachfolgen, während es eigentlich schon hätte vorangehen müssen. Dies wendet nun der Dichter als poetische Kühnheit an, z. B.

Was ein Knecht schon verrichtet des wohlbegüterten Mannes

oder:

Die uns sollte hinaus zum Brunnen führen der Linden.

So ist an unzähligen Stellen des Gedichts der Genetiv von dem regierenden Substantiv getrennt. Eben dahin gehört die so häufig vorkommende Nachsetzung des Adjektivs mit dem Artikel, die gleichfalls nur der poetischen Sprache angehört und dennoch aus der Rede des gemeinen Lebens entspringt, wo wir das vergessene Adjektiv gleichsam erklärend nachholen:

Unbewegt und stolz will keiner dem andern sich nähern, Keiner zum guten Worte, dem ersten, die Zunge bewegen. -- Denn wer die Städte gesehen, die großen und reinlichen, ruht nicht.

Nicht anders ist die versetzte Wortfolge bei Stellen wie folgende zu erkären:

Als du zu Pferden nur und Lust nur bezeigtest zum Acker. -- Der eine mit schwächeren Tieren Wünschte langsam zu fahren, der andere emsig zu eilen.

Etwas weiter erhebt sich der Dichter von der Sprache der Prosa in den zusammengesetzten Adjektiven wie folgende: der vielbegehrende Städter, der allverderbliche, der vielbedürfende Krieg, die gartenumgebenen Häuser, die wohlgezimmerten Scheunen, der wohlumzäunte Weinberg, die wohlerneuerte Kirche. So anspruchslos diese Adjektiva auch sind, so wohl sie sich in die deutsche Rede fügen, so erinnern sie doch an die antike Dichtersprache: [Greek: pamphthartos, polyphthoros, euktimenos, eunaietaôn] und unzähliges andre der Art. Hier ist der Ort auf die vielfachen Anklänge an die Ausdrucksweise der Alten und besondes Homers, die das Gedicht durchziehen, aufmerksam zu machen.

Zwar, so groß die Verwandtschaft ist, die das Goethesche Gedicht in Geist und Ton mit Homer an den Tag legt, so wenig läßt sich sagen, daß der Dichter direkt nachgeahmt hätte. Er ließ sich vielmehr von Homers Anschauungs- und Empfindungsweise ganz durchdringen und schuf dann auf modernem Boden und mit modernen Mitteln ein Gedicht, das in seiner Weise ganz denselben heitern reinmenschlichen stillrührenden Eindruck macht. Dennoch aber hat der Dichter hin und wieder Formeln aus den Alten herübergenommen, mit denen er in heitrer Ueberlegenheit nur spielt, die aber dennoch dazu beitragen den Naturton, die nationale Wahrheit des Denkens und der Rede durch kleine, fremdartig reizende Unterbrechungen noch rührender hervortreten zu lassen oder im Zusammenklang mit den entferntesten Weisen uralter Menschensprache in ihrer ewigen Geltung zu bestätigen. So wird die Wirkung des Gedichts, die wunderbare Harmonie seiner Form durch jene Nachahmungen, die von einer kaum merklichen Ironie angeflogen sind, nur noch erhöht.

Zwei Stellen erinnern uns an Virgil und Cicero. Bei der Szene, wo der ehrwürdige Schultheiß die streitende und drohende Menge durch sein Auftreten schnell besänftigt, scheint der Dichter eine Stelle in Virgils Aeneis vor Augen gehabt zu haben:

=Ac veluti magno in populo cum saepe coorta est seditio saevitque animis ignobile volgus jamque faces et saxa volant, furor arma ministrat, tum, pietate gravem ac meritis si forte virum quem conspexere, silent arrectisque auribus adstant; ille regit dictis animos et pectora mulcet.=

Noch deutlicher ist die Uebereinstimmung einer Reflexion des Richters über den Leichtsinn, mit welchem man Menschen wählt, während man doch Rinder, Pferde und Schafe erst genau bei Tausch und Handel betrachtet, mit einer den gleichen Gedanken enthaltenden Stelle in Ciceros Schrift über die Freundschaft: =sed saepe querebatur, quod omnibus in rebus homines diligentiores essent, ut capras et oves quot quisque haberet, dicere posset, amicos quot haberet, non posset dicere; et in illis quidem parandis adhibere curam, in amicis eligendis neglegenter esse nec habere quasi signa quaedam et notas, quibus eos, qui ad amicitiam essent idonei, judicarent.= Cicero hat selbst wieder eine ähnliche Stelle in Xenophons Memorabilien vor Augen gehabt, die aber weiter von Goethes Worten abliegt als Ciceros Nachbildung.

Antik ist auch der Anruf der Musen:

Musen, die ihr so gern die herzliche Liebe begünstigt u. s. w.

Aber der Dichter verlegte ihn nicht an den Anfang des ganzen Gedichts, wo er uns kalt und fremd entgegenträte, sondern nachdem wir zu inniger Teilnahme gerührt worden und der ganze Ton des Gedichtes sich unmerklich gesteigert, rufen wir mit dem Dichter die freundlichen Göttinnen an, deren Erwähnung nun halb wie ein frommes Gebet halb wie ein heitres Spiel erscheint. Auch Homer ruft ja nicht bloß am Anfang des Epos, sondern bei bedeutungsvollen Abschnitten die Musen an:

[Greek: Espete nyn moi, Mousai, olympia dômat' echousai?]

und so ruft auch unser Dichter:

Aber saget ([Greek: espete]) vor allem, was jetzt im Hause geschiehet.

Homer ist reich an Gleichnissen. Unser Dichter hat nur ein einziges, aber ein sehr schönes und wahres:

Wie der wandernde Mann, der vor dem Sinken der Sonne Sie noch einmal ins Auge, die schnellverschwindende, faßte u. s. w.

Goethe selbst erklärte diese Sparsamkeit durch den Grund, weil einem mehr sittlichen Gegenstande das Zudringen von Bildern aus der physischen Welt nur lästig gewesen wäre, d. h. er hatte nicht so viel äußerlich Sinnliches zu schildern wie Homer, sondern mehr Seelenvorgänge; ganz derselbe Unterschied wie zwischen seiner Iphigenie und der griechischen. Zwei andre Gleichnisse treten nicht in Gestalt selbständiger Teilgebilde hervor, sondern sind mehr in die Rede verflochten.

Auch die homerische Sitte schon dagewesene Stellen mit gleichen Worten zu wiederholen ist nur einmal in unserm Gedicht nachgeahmt, bei Schilderung nämlich von Dorotheens Tracht. Gerade dadurch aber wird das Mädchen aufs festeste unsrer Anschauung eingeprägt. Der ganze Ton dieser Schilderung ist übrigens homerisch und das Altertümliche darin kontrastiert auf drollige Weise mit dem Modernen in der Tracht der heutigen Bäuerin, so daß auch hier die schon erwähnte leichte Ironie sich zeigt.

Gleichfalls homerisch ist die Detailschilderung des Anschirrens der Pferde:

Hermann eilte zum Stalle sogleich, wo die mutigen Hengste Ruhig standen und rasch den reinen Hafer verzehrten u. s. w.

Auch hier liegt in der Anwendung homerischer Formen auf die Stallgeschäfte eines heutigen Burschen ein Zug ironischer Schalkhaftigkeit.

Die halb ernste halb scherzende Wendung, wodurch der Dichter die Person, die er als sprechende bezeichnen will, selbst anredet, ist ebenfalls dem Homer nachgebildet. Wie Homer den Eumäus anredet:

[Greek: Ton d' apameibomenos prosephês, Eumais sybôta,]

so spricht auch unser Dichter zum Apotheker:

Aber du zaudertest noch, vorsichtiger Nachbar, und sagtest,

und zum Richter:

Aber du sagtest indes, ehrwürdiger Richter, zu Hermann.

Auch Homers Weise jeder Person, jedem Gegenstande ein Adjektiv beizugeben, welches nun zum festen Begleiter des Substantivs wird ohne Rücksicht auf den Zusammenhang jeder einzelnen Stelle, auch diese freundlich epische Weise, die mit heitrer Anerkennung kein Ding ohne rühmendes Beiwort lassen will, findet sich in unserm Gedicht wieder. Da heißt es: die reinlichen Türme, der kräftig strotzende Kohl, die mutigen Hengste, die schön versilberten Schnallen, die saubern Stricke, die geräumigen Plätze, der gewölbte Busen, die reinliche Anmut, zierliches Eirund, die wohlgebildeten Knöchel u. s. w. Selbst Homers fixierte Adjektiva fehlen nicht:

Denn ich lebe beglückt mit beiden liebenden Eltern. -- Und es erstaunten die Freunde, die liebenden Eltern erstaunten. -- Weiß ich durch dich nur versorgt das Haus und die liebenden Eltern.

In der Abschiedsszene heißt es von den fremden Frauen:

Denn so sagte wohl eine zur andern flüchtig ans Ohr hin,

und gleich darauf:

Aber ein' und die andre der Weiber sagte gebietend;

beide Verse nahe übereinstimmend mit dem homerischen:

[Greek: hôde de tis eipesken, idôn es plêsion allon.]

Noch andre homerische Formeln sind: mit fliegenden Worten, mit geflügelten Worten ([Greek: epea pteroenta]), da befahl ihm sein Geist ([Greek: thymos anôgen, epotrynei, keleuei]), und süßes Verlangen ergriff sie ([Greek: kai me glykys himeros hairei]), denn Zwiespalt war mir im Herzen ([Greek: diandicha mermêrixa]). Auch die homerische Umschreibung mit »Kraft« ([Greek: menos, is biê]) ist einigemal angewandt:

Abgemessen knüpften sie drauf an die Wage mit saubern Stricken die rasche Kraft der leicht hinziehenden Pferde. -- Und freute Sich der eigenen Saat und des herrlich nickenden Kornes, Das mit goldener Kraft sich im ganzen Felde bewegte.

Griechisch ist die Umschreibung mit »Mann«: der wandernde Mann ([Greek: anêr hodoiporos]), ein Knecht des wohlbegüterten Mannes ([Greek: anêr aphneios]), der Richter von diesen flüchtenden Männern ([Greek: anêr hiketês]), die häufige Wiederkehr der Versicherungsformel »fürwahr« und »wahrlich«, die Verbindung des Verbums »sein« mit dem Dativ, z. B. dem ist kein Herz im ehernen Busen ([Greek: chalkeon êtor]), dem ist kein Sinn in dem Haupte ([Greek: en phresi thymos]), mir ist im tiefsten Herzen beschlossen, wäre mir jetzt nur Geld in der Tasche, und es ist mir genug davon im Kasten des Wagens u. s. w.

Noch leisere Homerismen ließen sich in Menge anführen, nur daß die Grenze, wo sie beginnen und die ungemischt deutsche Ausdrucksweise aufhört, nicht zu bestimmen ist, da die fremde Färbung oft nur wie ein kaum sichtbarer Hauch über die nationale Rede hinschwebt:

Aber ich geb' euch noch die Zeichen der reinlichen Kleider. -- Viele Leinwand der Tochter von feinem und starkem Gewebe. -- Des Gewinnes, Welcher sich reichlich um ihn und um die Seinen herumhäuft. -- Und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist. -- Aber keine von allen erschien die herrliche Jungfrau. -- Aber es kommt der Abend heran und die vielen Gespräche Sind nun zwischen ihm und seinen Freunden gewechselt. -- (Das Gespräch), das viel hin und her nach allen Seiten geführt wird. -- Und die Erde besorgt, so wie es die Stunden gebieten. -- Da freut' ich mich seines Anblicks so sehr, als wär' mir der Himmlischen einer erschienen. -- Daß ich diene daselbst den reichen trefflichen Eltern. -- Liegt die erst entbundene Frau des reichen Besitzers.

('Besitzer' deutsch nicht ohne Ergänzung möglich, nicht absolut.)

Vers.

Für das Epos, welches instinktiv auf dem Boden des poetischen Gesamtlebens einer Zeit erwächst, erfindet der Einzelne nicht die Versgattung, sie gibt sich ihm als die einzig vorhandene und höchstens bildet er sie aus. In der epischen Zeit ist der epische Vers die poetische Form überhaupt, und erst später, wenn mit dem Erwachen der Subjektivität die Lyrik auftritt, entfalten sich mannigfache Maße und Rhythmen, und jedes Lied ist je nach dem eigentümlichen Gefühl, von dem es beseelt ist, verschieden moduliert. So war der Hexameter bei den Griechen das erste und zugleich epische Versmaß für immer, dessen Geburt und Werden sich in eine dunkle, bewußtlose Zeit verliert. Diese Sicherheit und Notwendigkeit ging nun einem in die jüngste moderne Zeit gestellten Dichter wie Goethe ab; das Versmaß blieb seiner eigenen Wahl, wo nicht gar seiner Erfindung überlassen. Historisch gegebene Versmaße gab es nur folgende und auch nur dem Literaten, nicht dem Volke gegeben: der Hexameter der Alten, die Terzinen und Stanzen der Italiener, der französische Alexandriner, der Nibelungenvers. Von diesen war der Alexandriner durch die letzte literarische Revolution vor kurzem, als im Deutschen zu eintönig, sogar aus kleineren Gedichten verbannt worden; von ihm konnte zum epischen Gebrauch nicht die Rede sein. Die Terzinen, die Dante angewandt hatte, die achtzeiligen Stanzen bei Tasso, Ariost, Camoens waren zu künstlich, zu musikalisch und melodisch, um dem epischen Erzähler bei seiner heitern, gleichmäßigen Entfaltung dienen zu können. Die Nibelungenstrophe hatte den Vorteil, national zu sein, aber auch dies nur scheinbar, denn die Zeit, in der sie gebraucht, die Gedichte, zu denen sie verwandt worden, waren durch eine unermeßliche Kluft von der Gegenwart geschieden; Jahrhunderte totaler Vergessenheit lagen dazwischen, und wer mit jenem Versmaß in die Mitte der Zeitgenossen hätte treten wollen, brachte ihnen gewiß etwas weit Fremderes, als die Metra der Alten waren. Goethe und die damalige Zeit kannten zudem die altdeutschen Dichtungen kaum, so daß schon darum die Anwendung ihrer Form eine Unmöglichkeit war. Später freilich wurden jene Dichtungen durch die neualtdeutschen Romantiker und christlich-germanischen Patrioten eifrig hervorgesucht, gepriesen und anempfohlen, so daß es z. B. die Nibelungen zu einer gewissen Popularität gebracht haben, die indes gleichfalls mehr eine künstliche, der Schule angehörige ist und daher auch wahrscheinlich mit den Tendenzen, von denen sie getragen wurde, wieder absterben wird. Seit dem Auftreten der romantischen Doktrin ist die Nibelungenstrophe in epischen Romanzen häufig angewandt worden; mit ihr verband sich ein Streben nach volksmäßiger Kindlichkeit des Tons, eine gesuchte Unbehilflichkeit, eine reflektierte Unmittelbarkeit, naive Anwendung ausfüllender Formeln, aber unter diesem Schein der Herablassung und freiwillig angelegter Knechtsgestalt verbarg sich ein wirkliches poetisches Unvermögen, die wirklich mangelnde Fähigkeit, einen reichen Inhalt zu seiner eignen schönen Form zu vollenden. Auch Gervinus meint, hinter der Nibelungenstrophe verstecke sich die Armut sehr leicht, und fügt treffend hinzu, die Romanzenabteilung zerpflücke das Epos wieder in seine ersten Elemente. Was von der Nibelungenstrophe, gilt in noch höherem Maße von den sogenannten höfischen Reimpaaren; der Reim überhaupt mit seiner Rückkehr und seinem Widerhall und als Ausdruck der die Seele durchziehenden Klänge ist der anschauenden Heiterkeit des epischen Erzählens ganz unangemessen. Für Goethe blieb also nur der Hexameter übrig, ein fremder, ein griechischer Vers. Aber derselbe Dichter, der in der Iphigenie die antike Formschönheit mit der modernen Unendlichkeit des Gefühls zu vermählen und die Nebel nordischer Phantastik mit griechischer Sonnenheiterkeit zu durchleuchten gewußt hatte, der in unserm Epos den Geist homerischer Einfalt durch eine ganz moderne Welt wehen ließ, demselben war es vorbehalten, auch den heroischen und elegischen Vers der Alten nach Klopstocks und Vossens mühevoller, nicht immer glücklicher Anstrengung mit so leichter Aneignung in unsre Sprache zu verpflanzen, daß es schien, er habe derselben von jeher angehört.

Die ersten Versuche, deutsche Hexameter zu machen, fallen in die Zeit, wo das Mittelalter abblühte und der Geist nach dem Rausche transszendenter Romantik vor allem nach Form verlangte; wie in der Architektur, in der Tragödie, in der Behandlung der Sprache u. s. w. Nachahmung des Antiken herrschend wurde, so auch in der Versform. Fischart, der in seiner Bearbeitung des Rabelais deutsche Hexameter anbrachte, verbindet sie noch mit dem einheimischen Reim. Erst Opitz indes stellte im siebzehnten Jahrhundert die neuere deutsche Prosodie fest, ohne welche deutsche Hexameter ein Unding waren. Das Gesetz derselben bestand darin, daß nicht die äußere Zeitdauer, die nach Länge und Kürze des Vokals und nach dem Zusammenstoß der Konsonanten gemessen wird, sondern die Bedeutsamkeit eine Silbe zur langen mache und daß im Deutschen die Länge mit dem Accent zusammenfällt. Nach einigen Versuchen des Christian Weise (1642-1700, Rektor am Gymnasium zu Zittau) und des Heräus (1671-1730, Hofdichter bei Kaiser Karl dem Sechsten in Wien) war es erst Klopstock, der mit Entschiedenheit von der scholastischen Tradition quantitierender lateinischer Metrik abging und den Hexameter nach dem modernen Gesetz accentuierender Rhythmik bildete. Voß erzählt in seiner Zeitmessung der deutschen Sprache von seinem Lehrer in der Schule, wie dieser über die unverständigen Neuerungen Klopstocks gezürnt und seinen Schülern die Worte aus Luthers Bibelübersetzung als echten Hexameter wiederholt habe:

Daß Isaak scherzte mit seinem Weibe Rebekka.

Klopstocks ziemlich mangelhafter Hexameter wurde von Johann Heinrich Voß vervollkommnet. Voß suchte den deutschen Hexameter der technischen Strenge des alten zu nähern; er bemühte sich um Spondeen, vermied, soviel er konnte, den Trochäus, schuf sich künstliche Daktylen, setzte fest, welche Silben lang, welche kurz sein müßten, welche als mittelzeitig bald kurz bald lang gebraucht werden könnten, und gelangte so zu Hexametern wie folgende:

Drauf antwortetest du, ehrwürdiger Pfarrer von Grünau,

oder: