Ueber Goethes Hermann und Dorothea
Chapter 12
Dann ist jene Art der Ehestiftung, wo die Eltern wählen, die ganz unverfälscht bürgerliche; nicht die Romantik eigensinniger Phantasie, wie bei dem Minnen des Rittertums, sondern Gemüt und Verstand, das Familiengefühl sind bei derselben thätig; nicht Individuum verbindet sich mit Individuum, sondern Familie mit Familie. Der Sohn muß heiraten, dieser Entschluß geht voraus; die Eltern ratschlagen; indem sie seinen Sinn auf ein Mädchen lenken, folgt daraus die Neigung. Und Hegel an einer merkwürdigen Stelle der Rechtsphilosophie erklärt diese Art der Ehestiftung sogar für sittlicher als diejenige, wo nicht die Veranstaltung der wohlgesinnten Eltern und der Entschluß zur Verehelichung den Anfang macht und die Neigung erst zur Folge hat, sondern wo der Jüngling verzaubert an der Vorstellung eines bestimmten Mädchens haftet: dort nämlich gilt die objektive Sittlichkeit der Ehe überhaupt, hier setzt die moderne übergreifende Subjektivität an eine Grille alles Glück und Wehe. Dennoch liegt in jener Wahl durch die Eltern etwas Hartes, Gebundenes, Unerschlossenes; es wird darum diese Sitte in die Zeit der Eltern zurückverlegt, also in eine Höhe, zu der wir mit Ehrfurcht aufblicken und von der alle Quellen der Sittlichkeit zu uns herabgerauscht kommen.
Nachdem die Woche fleißig gearbeitet worden, ist der Sonntag die Zeit der Erholung, der Landfahrten. Dieser bürgerliche Zug kommt mehrmals vor. Damals, als der Vater des Apothekers dem Knaben durch Hinweisung auf die Tischlerwerkstatt die Ungeduld benahm, war es ein Sonntag und die Fahrt sollte zum Lindenbrunnen gehen. Als vor zwanzig Jahren die Feuersbrunst ausbrach, wurde sie deshalb so gefährlich, weil als am Sonntag alle Leute in festlichen Kleidern spazierend auf den Dörfern und in Schenken und Mühlen zerstreut waren. Und heute, wo unsre Geschichte vorgeht, ist gleichfalls Sonntag; nur heute hat der arbeitsame Hauswirt Zeit, behaglich unter dem Thorweg zu sitzen und mit den Nachbarn zu schwatzen; nur heute können diese auf der Stelle die Fahrt ins Dorf machen und dort verweilend sich erkundigen. Gerade diese Bedeutung des Sonntags und der Feste ist dem Bürgerstande eigentümlich. Dem Vornehmen und Reichen ist jeder Tag gleich, er würde es für schlechten Ton halten, gerade am Sonntag sich besonders herauszuputzen und überläßt sich an jedem Tage mit Freiheit dem Genuß und der Pflege des Körpers. Der Bürger besucht Sonntagvormittags in festlichen Kleidern, frisch gewaschen und gekämmt, das Gesangbuch unter dem Arm, die Kirche und macht nachmittags Spaziergänge zum Thor hinaus, begleitet von Frau und Töchtern und Gesellen und Burschen, wie dies im Faust am Ostersonntag geschildert wird. Die Stube ist an solchem Tage frisch mit Sand bestreut; ein Gericht mehr kommt auf den Tisch. Unübertrefflich hat Goethe selbst das Poetische der arbeitsamen Regelmäßigkeit des Bürgerlebens in dem Gedicht »der Schatzgräber« ausgedrückt, welches mit den Worten schließt:
Tages Arbeit, abends Gäste, Saure Wochen, frohe Feste Sei dein künftig Zauberwort.
Das Bürgertum, wo es unverdorben und in seinem ursprünglichen Sinn sich erhalten hat, liebt es die sittlichen Mächte, von denen es regiert wird, in Sprichwörter, Maximen, Lebensregeln, allgemeine Erfahrungssätze zusammenzufassen. Der ehrsame Meister, wenn er seinen Lehrlingen gute Lehren mit auf den Weg gibt, wenn er abends auf der Bank vor seiner Hausthür sitzt und das menschliche Treiben behaglich bespricht, die Nachbarn, wenn sie beim Kruge Bier sich das Herz öffnen, bedienen sich immer sprichwörtlicher Sentenzen, in denen sich ihre Moral wie ihre Lebensweisheit ausdrückt. Solche Erfahrungssätze sind eigentlich die Religion des ehrsamen, fleißigen, verständig-herzlichen Bürgers und sie leiten sein Thun mehr als die Dogmen, die er Sonntags in der Kirche hört, so heiß ihm auch oft die Hölle dort gemacht wird. In der Bürgerregion sind die Sprichwörter ganz eigentlich zu Hause. Als die Adelsromantik im Laufe des dreizehnten Jahrhunderts abblühte und die Literatur von den Schlössern der adligen Grafen und Herren zu den zünftigen Meistern der Städte herabstieg, da that sich in Spruchgedichten jene bürgerliche Lebensweisheit auf wie im wälschen Gast, in Freidanks Bescheidenheit, im Renner des Hugo von Trimberg, in den Priameln der Meistersängerschulen, jene dumm-tüchtige, unerschütterliche, etwas konventionelle Moral, die den bürgerlichen Philister ausmacht. So ist auch Sancho Panza, der Repräsentant des derben plebejischen Realismus, ganz voll von Sprichwörtern, mit denen er die sublimen Schwärmereien seines Herren ins komische zieht. Sprichwort und Fabel ist Handwerkspoesie. In Hermann und Dorothea ist dies der Ton, in dem alle Reden gehalten sind; es sind ganz bürgerliche Reflexionen, menschliche Verhältnisse betreffend, voll naiven Glaubens an die sittlichen Ideen, wie ihn Weltmenschen so oft belachen, ohne die dogmatische Herzenshärtigkeit, wie sie Theologen so oft beherrscht, Maximen, gesammelt aus der Lebenserfahrung des Kleinstädters und Dorfbewohners, eingegeben von der Mitempfindung des in den mannigfachen menschlichen Verhältnissen waltenden sittlichen Geistes. Da das Sprichwort Allgemeingedanke des Volkes ist, da es traditionelle Klugheit enthält, so kann es nicht originell und geistreich sein und der geniale Kopf verschmäht es; es ist der Ausdruck des begrenzt-sittlichen, beschränkt-verständigen Bürgertums, das eine natürliche Abneigung gegen alles Ungewöhnliche hat, dem nichts ferner liegt als Schrankenlosigkeit des Gefühls oder der Phantasie. Blättern wir nur in den Anfangsgesängen unsres Gedichtes, so finden wir eine Menge dieser unscheinbaren Reflexionen:
Aller Anfang ist schwer, am schwersten der Anfang der Wirtschaft. -- Mancherlei Dinge bedarf der Mensch und alles wird täglich Teurer: da seh' er sich vor des Geldes mehr zu erwerben. -- Ein wackerer Mann verdient ein begütertes Mädchen. -- Ungerecht bleiben die Männer, die Zeiten der Liebe vergehen. -- Was im Menschen nicht ist, kommt auch nicht aus ihm. -- Soll doch nicht als ein Pilz der Mensch dem Boden erwachsen Und verfaulen geschwind an dem Platze, der ihn erzeugt hat, Keine Spur nachlassend von seiner lebendigen Wirkung. -- Wo nicht immer von oben die Ordnung und Reinlichkeit wirket, Da gewöhnet sich leicht der Bürger zu schmutzigem Saumsal, Wie der Bettler sich auch an lumpige Kleider gewöhnet. -- Denn wir können die Kinder nach unserm Sinne nicht formen; So wie Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben, Sie erziehen aufs beste und jeglichen lassen gewähren. -- Der eine hat die, die andern andere Gaben, Jeder braucht sie und jeder ist doch nur auf eigene Weise Gut und glücklich. -- Einmal für allemal gilt das wahre Sprüchlein der Alten: Wer nicht vorwärts geht, der kommt zurücke; so bleibt es. -- Denn wer lange bedenkt, der wählt nicht immer das Beste. -- Ein Tag ist Nicht dem anderen gleich: der Jüngling reifet zum Manne; Besser im stillen reift er zur That oft als im Geräusche Wilden schwankenden Lebens, das manchen Jüngling verderbt hat. -- Aller Zustand ist gut, der natürlich ist und vernünftig. -- Vieles wünscht sich der Mensch und doch bedarf er nur wenig, Denn die Tage sind kurz und beschränkt der Sterblichen Schicksal. -- Denn ich habe das Sprichwort so oft erprobet gefunden: Eh du den Scheffel Salz mit dem neuen Bekannten verzehret, Darfst du nicht leichtlich ihm trauen; dich macht die Zeit nur gewisser, Wie du es habest mit ihm und wie die Freundschaft bestehe. -- Der Augenblick nur entscheidet Ueber das Leben des Menschen und über sein ganzes Geschicke; Denn nach langer Beratung ist doch ein jeder Entschluß nur Werk des Moments, es ergreift doch nur der Verständ'ge das Rechte; Immer gefährlicher ist's beim Wählen dieses und jenes Nebenher zu bedenken und so das Gefühl zu verwirren u. s. w.
Auch Schiller liebt es, in lyrischen Gedichten wie in Tragödien Sentenzen anzubringen, aber wie verschieden sind sie von denen in unsrem Gedicht! Es sind Prachtgedanken, philosophische Sprüche, mit bildlichem Schmuck umgeben, blendende rhetorische Antithesen; hier ist es der schlichte Sinn der mannigfaltigen Lagen des Lebens, der ohne Prätension in einer allgemeinen Bemerkung sich aufthut. Daher ergreifen diese Reden wie echte Lebensweisheit; daher kann man von diesem Gedicht sich durchs ganze Leben begleiten lassen und es immer wieder vornehmen und lesen. Die Maximen sind nur leichte ideale Gegenbilder der schönen realen Sittlichkeit, die sich hier als eine konkrete Welt von Handlungen und Charakteren vor uns ausbreitet.
Die positive Religion hat in diesem Gedicht voll reiner Menschlichkeit keine Stelle gefunden. Nur einmal tritt sie in einer vorübergehenden Andeutung auf, wo des Tedeums am Friedensfeste erwähnt wird; der Vater wünscht, Hermann möchte dann auch mit der erwählten Braut vor den Altar treten. Die Religion ist hier also nicht getrennt von dem schönsten Inhalt des Menschenlebens und seinen reichsten Momenten, der Friedensfeier und der Ehestiftung, Momente, die so reich sind, daß alle Lebenskraft, die die Kirche noch besitzt, ihr von dorther zufließt und sie an ihnen parasitisch ihr Dasein fristet.
Kleinstädtisch und bürgerlich ist auch die Geltung, die der Nachbarschaft zukommt. Der Apotheker wird als Nachbar angeredet und er hat als solcher ein Recht, der Familie nahe zu stehen. Frisch, Herr Nachbar, getrunken! ruft ihm der Vater zu, und ein andermal: Gern geb' ich es zu, Herr Nachbar. Auch Hermann redet ihn so an: Nachbar, keineswegs denk' ich wie Ihr. Die Nähe der Wohnung wird zum Bande der Freundschaft, zur geistigen Nähe und Vertraulichkeit. Nachbarn sehen sich oft, kümmern sich um einander, helfen sich aus; die Kinder erwachsen zusammen spielend auf denselben Höfen, an denselben Gartenzäunen. Alexis und Dora, auch Hermanns Eltern waren Nachbarskinder. So wird auch Frau Martha im Faust von Gretchen Nachbarin angeredet und ihre Freundschaft rührt daher. Der Vater wünscht, Hermann möge aus dem grünen Nachbarhause sich eine der Töchter des Kaufmanns wählen, mit denen er als Knabe so oft gespielt. In großen Städten umgibt uns keine trauliche Teilnahme der Nahewohnenden; wir verlieren uns isoliert und fremd in den wechselnden Strom der gleichgültigen Menge. Kaum kennen wir den, der über uns im zweiten Stock wohnt, kaum grüßen wir ihn; in demselben Hause oft zu gleicher Zeit eine Hochzeit und ein Leichenbegängnis, beide nichts von einander wissend; aus den Zeitungen erfahren wir, daß gestern in dem Dachzimmer uns gegenüber ein Selbstmörder seinem Leben ein Ende gemacht; und wenn ein einsamer Unglücklicher, in der Verlassenheit weinend, aus dunkler Kammer auf die Straße hinausblickt, sieht er oft die Fensterreihe, die ihm gegenüber liegt, glänzend erleuchtet und weiß nicht, welches Fest dort von Unbekannten begangen wird, ob eine Verlobung oder ein Geburtstag oder eine Rangerhöhung.
Den armen Flüchtlingen gegenüber findet sich die Bürgerfamilie nicht durch einen baren Geldbeitrag ab, nicht mit einer Hilfeleistung =in abstracto= ohne menschliche Nähe und Teilnahme; sie sendet den Ueberfluß der Wirtschaft, Schinken und Brot, Bier und Leinwand und läßt den Notleidenden so unmittelbar teilnehmen an der eigenen Wohlhabenheit. So kauft der ländliche Bürger seine Hausbedürfnisse auch nicht für Geld aus dem Laden: er braut sein Bier selbst, backt sein eigenes Brot, gewinnt die Wäsche aus eigenem Flachs durch eigenes Spinnen und Weben und erzieht das Schwein selbst, das ihm den Schinken und die Würste liefert. Ist das Erzeugnis der eigenen Arbeit auch nicht immer so vollkommen wie die aus großen Anstalten bezogene Ware, so ist es doch lauter und echt, nicht bloß scheinbar, auch nicht vermengt und gefälscht. Und auch besser schmeckt es und trägt sich besser, denn die Erinnerung an die eigene Mühe, an manche aufgewandte Kunst und Fertigkeit haftet daran.
Diktion.
Das Innere der Dichtung, wie wir es bisher besprochen, tritt mit seiner Entfaltung in Stil und Sprache bis in das einzelne Wort nach außen und ist in der körperlichen Hülle überall durchsichtig und gegenwärtig. Wie der Umfang des Bildes bei allem Reichtum der Lebenserfahrung, den es einschließt, nicht groß ist, so ist auch in der Diktion Einfalt und schlichte Bescheidenheit das erste Merkmal, das uns in die Augen fällt. Aus dem reichen Schatz von Worten und Wendungen, die die Sprache bot, griff der Dichter nach dem Unscheinbarsten und Gewöhnlichsten; er ist so sparsam an Schmuck, daß der Unkundige, der Verbildete geneigt ist, das Maß für Kälte und die Sparsamkeit für Armut zu erklären. Die äußerste Anspruchslosigkeit zeigt sich gleich bei den Epitheten, mit denen der Dichter die Nennung der Personen begleitet: der treffliche Hauswirt, der menschliche Hauswirt, der gute Vater, der edle verständige Pfarrherr, der wohlgebildete Sohn, der alte würdige Richter, der gehaltene Jüngling, der sinnige Jüngling u. s. w. Dieselbe Schlichtheit herrscht auch sonst in der Wahl adjektivischer Bezeichnungen. Dorothea sagt:
O laßt mich dieser Erinnrung Einen Augenblick weihen, denn wohl verdient sie der Gute.
Der Pfarrer sagt von Dorotheen, die eben in höchster Erregung ihr holdes Bekenntnis gethan und nun durch die Sturmnacht nach Hause will, wodurch sie jedem um das Geheimnis wissenden Anwesenden so ungemein lieblich erscheinen muß:
Welche Klugheit hätte denn wohl das schöne Bekenntnis Dieser Guten entlockt?
Dorothea spricht mit demselben Lieblingsworte des Dichters zu Hermann:
Guter, dem ich zunächst ein freundlich Schicksal verdanke.
Und früher am Brunnen:
Da ich finde den Guten, der uns so manches gereicht hat.
Von der Wöchnerin sagt sie:
Ja, ich gehe mit euch, sobald ich die Krüge den Freunden Wiedergebracht und noch mir den Segen der Guten erbeten.
Hermann spricht zu den Freunden:
Glaubt ihr, es sei ein Weib von solcher Schönheit und Sitte Aufgewachsen, um nie den guten Jüngling zu reizen?
Und:
Und mit wenigen Worten entscheide die Gute mein Schicksal!
Zu Dorothea auf dem Heimgange:
Gutes Mädchen, halte mich nicht für kalt und gefühllos!
Dorothea zur Wöchnerin:
O, so gedenkt des Jünglings, des guten, der sie uns reichte!
Unmittelbar darauf heißt es:
Und sie kniete darauf zur guten Wöchnerin nieder.
Einige Verse weiter spricht der Richter:
Aber den Menschen, der alles erhält, wenn er tüchtig und gut ist.
Der Pfarrer sagt:
Komm, daß wir Um sie werben und bald nach Hause führen die Gute.
Den schreienden Kindern wird versprochen:
Sie geht in die Stadt und bringt euch des guten Zuckerbrotes genug, das euch der Bruder bestellte.
Nach Goethes Weise, der ganz als Dichter von dem Schlechten nicht abstrakt moralisch verletzt, sondern als von etwas Ordnungswidrigem ästhetisch gestört wird, steht auch in unserm Gedicht dem Wunderlichen und Verworrenen als Tadel das Ruhige und Verständige als Lob gegenüber. Der Vater sagt:
Mir ist lästig dies wunderliche Beginnen.
Ferner:
Leidenschaftlich Geschrei, das heftig verworren beginnet.
Und Dorothea nennt sich da, wo sie dem Vater den Verdruß abbittet, eine Verworrene:
Ja, der erste Verdruß, an dem ich Verworrene schuld war, Sei der letzte zugleich!
Dagegen ist das Ruhige und Verständige überall das mild lobende Beiwort. Dorothea sagt zu Hermann:
Kommt und empfanget den ruhigen Dank von allen Erquickten!
Der Pfarrer, als er den Richter die Streitenden hat beschwichtigen sehen, preist seinen ruhigen Sinn:
Als der Geistliche nun die Rede des Mannes vernommen Und den ruhigen Sinn des fremden Richters entdeckte.
Auch an dem Bürgerlose rühmt er das Ruhige:
Aber jener ist auch mir wert, der ruhige Bürger. -- Nein, der Mann bedarf der Geduld, er bedarf auch des reinen Immer gleichen ruhigen Sinns und des graden Verstandes. -- Segnet immer darum des Sohnes ruhig Bemühen!
Hermann sagt von dem Eindruck, den Dorothea auf ihn gemacht:
Als ich die Worte vernahm, die verständigen, war ich betroffen.
Und Dorothea in der Abschiedsszene wiederum von ihm:
Also folg' ich ihm gern; er scheint ein verständiger Jüngling.
Der Pfarrer gibt Hermann dasselbe Prädikat:
Nun verkennet es nicht, das Mädchen, das eurem geliebten Guten verständigen Sohn zuerst die Seele bewegt hat.
Auch sonst findet sich das gemäßigte Beiwort:
Es ergreift doch nur der Verständ'ge das Rechte.
Ein andermal:
Bald zu thun und gleich, was recht mir deucht und verständig.
Ein drittesmal:
Ach, da sieht man sich um, wer wohl der verständigste Mann sei.
Auch das Reinliche und Saubere erscheint als allgemeines Lob, nicht bloß der Kleider:
Aber ich geb' euch noch die Zeichen der reinlichen Kleider;
sondern auch sonst:
Ließ zurück die Mauern der Stadt und die reinlichen Türme. -- Wo die Hengste rasch den reinen Hafer verzehrten. -- Knüpften mit sauberen Stricken die Kraft der Pferde. -- Wenn ihr im Schatten der Ruh' und der reinen Quelle genießet. -- Denn, wer die Städte gesehen, die großen und reinlichen, ruht nicht. -- Die ihr das Kinn umgibt, das runde, mit reinlicher Anmut.
Dieselbe Mäßigung zeigt sich in den Ausdrücken für Schmerz und Freude. Ein wiederkehrendes Wort ist das milde 'traurig', ihm gegenüber 'bequemlich', 'erquicklich', 'behaglich', 'freundlich', besonders 'munter'. Das Wort 'munter' kehrt z. B. in der Erzählung des Richters von den Revolutionsereignissen mit kurzen Zwischenräumen dreimal wieder. Mit derselben Einfalt wiederholt sich überall das Wort 'herrlich' als höchstes Lob, zu dem die Rede es bringt: herrlich glänzte der Mond; im Schatten des herrlichen Baumes; die herrliche weite Landschaft.
Streifen nicht herrliche Männer von hoher Geburt nun im Unglück? -- Sie sollten uns nicht den herrlichen Boden betreten. -- Von der herrlichen That, die jene Jungfrau verrichtet. -- Und so fühlt er die herrliche Last. -- Es zeigte das herrliche Paar sich. -- Alle lobten das herrliche Wasser. -- Kam ihm die hohe Gestalt des herrlichen Mädchens entgegen. -- Und redet nicht mehr die herrlichen Worte vergebens u. s. w.
Von höchster Anspruchslosigkeit sind auch die folgenden Adjektiva:
Von der begeisternden Freiheit und von der löblichen Gleichheit. -- Von dem würdigen Dunkel erhabener Linden beschattet. -- Musen, die ihr so gern die herzliche Liebe begünstigt. -- Und so leitet' er sie die vielen Platten hinunter. -- Morgen fangen wir an zu schneiden die reichliche Ernte.
Ebenso die adverbialen Zusätze:
Da versetzte der Wirt mit männlichen klugen Gedanken. -- Ruhig erwiderte drauf der Sohn mit ernstlichen Worten. -- Und es versetzte darauf der Apotheker mit Nachdruck u. s. w.
Dieselbe Blässe des Ausdrucks bei Schilderung der die Personen bewegenden Empfindung. Das Mädchen, sagt Hermann von seiner Geliebten:
Das ich allein nach Haus zu führen begehre. -- Wünschtest du nicht noch vorhin, er möchte heiter und lebhaft Für ein Mädchen empfinden? -- Sollt' ich im Arme der Braut, der zuverlässigen Gattin Mich nicht erfreuen des Kriegs?
Dorothea von ihrer Liebe zu Hermann:
Sondern weil mir fürwahr im Herzen die Neigung sich regte Gegen den Jüngling. -- Wo ich beschämt und ängstlich nur stehe, Frei die Neigung bekennend und jene thörichte Hoffnung.
Hermann tadelt des Apothekers Egoismus, der
Leiden und Freuden zu teilen Nicht verstehet und nicht dazu von Herzen bewegt wird.
Dieselbe kühle Wendung braucht der Pfarrer von Hermanns Liebe:
Das Mädchen, das eurem geliebten Guten verständigen Sohn zuerst die Seele bewegt hat.
Auch die Wonne der endlichen Vereinigung beider Liebenden spricht sich zwar gesteigerter, aber immer noch mit sparsamer Beherrschung des Ausdrucks am Schlusse aus:
Da schön mir die Liebe das Glück hier Neu bereitet und mir die herrlichsten Hoffnungen aufschließt.
Auch in den Naturszenen sind nur ganz milde Farben aufgetragen:
Die herrliche weite Landschaft, die sich vor uns in fruchtbaren Hügeln umherschlingt.
So die Schilderung der Weinlese, selbst im vorletzten Gesange die des Gewitters und Mondscheins:
Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne u. s. w.
und später:
Herrlich glänzte der Mond, der volle, vom Himmel herunter u. s. w.
Diese Einfalt und Schlichtheit der Rede hat aber nicht den Sinn, als sei sie dem Gegenstande nicht gewachsen. Im Gegenteil: mit den geringsten Mitteln erreicht der Dichter die tiefste Wirkung. Die Wahrheit ist es, wodurch er wie durch Zauber die Phantasie weckt und das Gemüt rührt. Kein falsches Wort drängt sich zwischen den Gegenstand und die Anschauung, kein ungehöriger Ton trübt die durchsichtige Klarheit, die uns bis ins innerste Herz der Dichtung blicken läßt. Alles bloß Rhetorische, alle künstlichen Blumen, Tropen und Metaphern sind hier ausgeschlossen. Ein Pöbelgeschmack, der grelle Farben liebt, eine durch Gewürz abgestumpfte Zunge, ein kindisches Urteil, das sich durch blitzende Glasperlen bestechen läßt, kann an dieser einfach-wahren Rede kein Gefallen finden, die so schmiegsam dem jedesmaligen Gegenstande sich anschließt, die Empfindung in ihren innersten Tönen voll und leise hervorströmt und überall den gediegenen Gehalt des Gedankens ohne Abzug und Zusatz auf ganz antik naive Weise ausprägt. Je prunkloser und ruhiger sie ist, desto mehr hat es der Dichter in der Gewalt durch vermehrte Wärme, erhöhte Farbe und beschleunigte Bewegung die Wirkung an passenden Punkten ins Unendliche zu steigern. Solche Stellen sind die Blumen unter den Blättern im Kranz:
Gib auch Blätter, den Glanz der blendenden Blumen zu mildern; Auch das Leben verlangt ruhige Blätter im Kranz.
So ist zwar zur Schilderung von Hermanns Liebe nicht viel Aufwand von Worten gemacht, dennoch kommen glühendere Stellen wie folgende vor, wo nun die Wirkung um so tiefer ist:
Ich will den Mund noch sehen, von dem ein Kuß und das Ja mich Glücklich macht auf ewig, das Nein mich auf ewig zerstöret. -- Und süßes Verlangen ergriff sie. -- Hermann hörte die Worte nur flüchtig; ihm bebten die Glieder Innen und stille war der ganze Kreis nun auf einmal.
Wenn der keusche Dichter einmal ein Bild braucht, so übt es gewiß durch beglückende Wahrheit eine ergreifende Macht auf unsre Phantasie. Ein geringerer Dichter hätte sich z. B. die Gelegenheit nicht nehmen lassen das Gewitter, das die Liebenden überfällt, mit Pomp zu schildern: Hier finden wir nur wenige Striche, die aber eine zauberische Wirkung üben. Sie gingen, heißt es, der sinkenden Sonne entgegen, die sich gewitterdrohend in Wolken hüllte und aus dem Schleier bald hier bald dort eine ahnungsvolle Beleuchtung strahlte. Diese Worte malen aufs glücklichste den Zustand des Himmels und der Erde in dem Moment, wo Gewitterwolken die Sonne zu verhüllen drohen. Die Streiflichter fallen dann glühend auf das Feld, über den Wald, sind zerstreut und vorübergehend, erscheinen hie und da, werden abwechselnd vom Wolkendunkel verschlungen und überfliegen die Gegend, wie eine plötzlich erhellende Ahnung den Geist überfliegt, der dann wieder in bewußtloses Dunkel versinkt. Indem Hermann und Dorothea unter den Birnbaum gelangt sind, ist es schon Nacht; nur der Vollmond steht am Himmel. Vor ihnen, sagt der Dichter, lagen in Massen gegen einander Lichter hell wie der Tag und Schatten dunkler Nächte. Das Eigentümliche des Mondlichtes die Welt in große Massen abzusondern ist hier so wahr und einfach angegeben, daß die dadurch erregte Phantasie das Ganze des Bildes leicht vollzieht. Auch in Schillers Erwartung heißt es:
Der Mond erhebt sein strahlend Angesicht, Die Welt zerschmilzt in ruhig große Massen.
Wie glücklich ist das Gefühl der Wolkennacht in dem Verse ausgedrückt:
Nicht die Nacht, die breit sich bedeckt mit sinkenden Wolken.