Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber

Part 9

Chapter 93,501 wordsPublic domain

Frankreich schreckt eben jetzt mit der Freiheit diejenigen Mächte, welche die zu weit gegangenen Beschlüsse der Nationalversammlung einzuschränken drohen. Gott! zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts -- wo kein Gespenst, und wär' es eins von nicht ganz kleinem Range, ein Poltergeist, mehr Wirkung thut -- kann man mit _Freiheit_ schrecken --! Dahin wär' es gekommen? Ach! auch selbst dem, der an der Kette erzogen ist, blitzt der Name _Freiheit_ auf, dieser göttliche Funke, durch den wir sind was wir sind, und der uns so wenig schrankenlos macht, daß er uns vielmehr fester als Alles an das Allerheiligste der Gesetze bindet. Das weibliche Geschlecht kam um die Menschenrechte ohne seine Schuld, bloß durch den Schwung, den die menschlichen Angelegenheiten bei den Fortschritten zu ihrer Cultur nahmen; Bürgerrechte, die es leider! sehr zeitig und schon bei Entstehung kleinerer Familienstaaten verlor, hat es nie, weder durch Unterhandlungen noch mit Gewalt, zu erringen gesucht, und erwartet sie noch heute mit aller Selbstverleugnung von unserer Gerechtigkeit und Großmuth. Und wir wollen es vergeblich warten lassen? und das Gesuch, welches die Natur für die Weiber einreicht, zu einer Zeit da Menschenrechte laut und auf den Dächern gepredigt werden, mit einem aufrichtigen und deutlichen _Nein_ abweisen?

Die neue Französische Constitution verdient eine Wiederholung meiner Vorwürfe, weil sie für gut fand, einer ganzen Hälfte der Nation nicht zu gedenken, ob sie gleich einem kleineren Theile derselben, der überall wo er sich befindet, auf das Duldungsrecht beschränkt ist, die Rechte aktiver Bürger zugestand. Alle Menschen haben gleiche Rechte -- Alle Franzosen, Männer und Weiber, sollten frei und Bürger seyn. Jene Vorschläge zur _dégradation civique_, wodurch die Männer vermittelst einer feierlichen besonderen Formel der Ehre eines Französischen Bürgers für unwürdig proclamirt werden sollten, falls sie durch Verbrechen diese Strafe verdienten, sind nicht auf das andere Geschlecht ausgedehnt. Über dieses sollte bloß der Fluch ausgesprochen werden: Euer Vaterland hat euch einer infamen Handlung überführt befunden --

_Mirabeau_, der zur gegenwärtigen Generation von Menschen sein Zutrauen verloren haben mochte, setzt, wie alle große Thäter, sein Zutrauen auf Erziehung, und weiset in seinem Posthumus _Travail sur l'éducation publique_, die sein Arzt und Freund _Cabanis_ herausgab, das Frauenzimmer zur Häuslichkeit und zu stillen, sanften Tugenden an, (ist denn nicht jede Tugend sanft und still?) worauf das Glück der Familien, und am Ende das Glück des Staates so sehr beruhe. Ohne mich in den Streit einzulassen, der über den Grafen und Nichtgrafen _Mirabeau_ von Freunden und Feinden übertrieben worden, sei es mir erlaubt, der Behauptung zu widersprechen, daß Jemand in seinem Privatleben ein elender Mensch, dagegen doch der tugendhafteste Bürger und der höchste Grad desselben, ein geschickter Officiant, seyn könne. Ein Mensch, der gegen Alles gleichgültig zu seyn vermag, was gut oder böse, gerecht oder ungerecht ist, ein nicht rechtschaffener Mensch, kann kein rechtschaffener Bürger seyn. _Horaz_ sagt: nur _Jupiter_ gehe über den Weisen; der Weise sei reich, frei, gerecht, ein König aller Könige -- Da das andere Geschlecht vom Menschen auf den Bürger zu schließen gewohnt ist und jene Rollenspieler, die Nichts aus Grundsätzen, Alles aber nach Zeit und Umständen sind, sehr richtig berechnet; -- ist es Wunder, daß diese Glücks- und Unglücksritter das andere Geschlecht zu entfernen suchen? --

Wir irren, wenn wir uns überreden, daß Weiber für die Ehrensache der Menschheit, für den Kampf der Freiheit mit der Alleingewalt, keine Sinne besitzen. Sie haben nicht bloß durch ihren lauten Beifall bezeugt, daß sie den Werth der Freiheit zu schätzen wissen, und daß das Gefühl für dieselbe noch lichterloh aufflammen kann; selbst thätig haben sie mitgewirkt, die Fesseln zu brechen, die man der Nation anlegte, und wahrscheinlich lag es nicht an ihnen, daß sie bei diesem Schauspiele nur Rollen vom zweiten Range spielten.

Die berühmte Verfasserin der Geschichte der Königin _Elisabeth_, Mad. _Keraglio_, vertheidigt seit der Revolution in ihrem _Journal d'État et du Citoyen_ die Rechte der Menschheit mit Freimuth, Wahrheit und Stärke. Weiber fühlten jene Zurücksetzung, jenes tiefe Stillschweigen bei einem so schönen Anlaß, jene Verstoßung, wenn es Staatsdienst gilt -- Eins unter ihnen wagte es, ihren Unwillen laut werden zu laßen. In einem an die Nationalversammlung abgelassenen Briefe bemerkt es, daß kein Wort in der Constitution von den Weibern vorkomme, obgleich die Mütter Bürgerinnen des Staates seyn müßten. Es schmeichelt sich mit dem Befehle, kraft dessen den Müttern erlaubt seyn werde, in Gegenwart der Bürgerbeamten diesen feierlichen Eid abzulegen. Diese ehrwürdige Ceremonie würde es wünschenswerth gemacht haben, Mutter zu seyn. Die Geschichte sagt nicht, was von den Repräsentanten der Nation auf diese Adresse einer edlen Französin beschlossen worden ist. Betrübt feire ich heute ihr Andenken, heute den 18ten März 1792, da ich in öffentlichen Blättern lese, daß die Franzosen, ungerührt durch diesen Wink, es dahin kommen lassen, daß das andere Geschlecht dringender um diese Rechte angehalten. Schöner würde es gewesen seyn, wenn man dem Geschlechte mit der Bürgerehre zuvorgekommen wäre, und bei dieser ernsthaften Sache kein Ärgerniß des Lachens gegeben hätte. Wehe dem Menschen, durch welchen dergleichen Ärgerniß kommt! Würden wohl alle jene Laternenscenen sich ereignet haben, wenn Weiber Aktivvotantinnen in Frankreich gewesen wären? Durch geheimen Einfluß wird in jedem Staate, besonders in freien, Alles verdorben -- Doch ist es die Frage, ob die Pariser Damen schon die Selbstüberwindung gehabt haben, so weit zur Natur zurückzukehren, daß sie die gute Sache menschlich und bürgerlich beherzigen können -- -- Wahrlich! zu Deutschen Weibern ist größeres Vertrauen zu fassen -- Wem Gott Kraft gab, gab er dem nicht auch das Recht sie anzuwenden? sollen denn die Weiber ihr Pfund im Schweißtuche vergraben, ohne es auf Wucher anzulegen, der dem Staate tausendfältige Früchte bringen würde?

Auf Vernunft und auf ihr Meisterstück, die Gesellschaft, kommt es an, ob jener Kraftsanwendung freier Lauf zu lassen oder ob sie einzuschränken sei; nie aber kann der Staat sich herausnehmen, sie ganz unterdrücken zu wollen. Und wie? er wollte ein Räuber der Freiheit seyn, welche zu befördern die Hauptabsicht seiner Existenz ist?

Wenn Stände nur durch ihres Gleichen repräsentirt werden können; wenn so gar unsere Vorfahren durch Ebenbürtige sich die Gesetze zumessen und Recht sprechen ließen: wie kann man Weiber vom Staatsdienste ausschließen, in so weit er sich mit der Gesetzgebung oder Gesetzausübung beschäftiget? Will man etwa den Weibern die Weihe zu diesen Mysterien abschlagen, um sie nicht unsere Schwäche da sehen zu lassen, wo wir den höchsten Grad unserer Stärke hieroglyphisch vorgeben? Man kann dreißig Jahre dienen und nur Ein Jahr leben, wie weiland _M. Plantius_, welcher nur von _der_ Zeit an sein Leben zählte, als er aufhörte für das Öffentliche, und anfing für sich zu leben -- Ein lehrreiches Zeugniß auf Kosten des Staatsdienstes! Ist das Leben für den Staat des Ehrennamens: _Leben_, werth, wenn es uns für unsere eigene Person sterben läßt, uns vom selbsteigenen Leben entfernt --? Nur als uns selbst können wir den Staat, unsern Nächsten lieben; Alles darüber ist vom Übel. Wenn man nicht durch den Staatsdienst vervielfältigt lebt, so liegt es entweder an uns oder am Staate; in beiden Fällen bleibt die Krankheit gefährlich -- Ist es nicht der gewöhnliche Fall, daß wir vor lauter Räderwerk nichts ausrichten, vor lauter Eingängen das Thema vergessen? Kommt nicht vor lauter kluger Vorsichtigkeit gemeiniglich Kleinheit zum Vorschein --? Die meisten Staatsbeamten sind Accoucheurs eines Berges, der eine Maus zur Welt bringt, die indeß bei der Taufe die prachtvollsten Namen erhält, und fast mit noch mehr Paukenhall ins Publicum gebracht wird, als wenn ein Schriftsteller sich selbst recensirt. Wer in großen Residenzen zu leben die Gnade gehabt hat, wird mich am leichtesten verstehen -- Welcher Schweiß des Angesichts! -- Collegia und Ausschüsse, das _Plenum_ und _Committés_, Gerichte und Commissionen! was für eine Menge Papier wird getragen, geschrieben, gelesen! -- Agioteurs von einer andern Art -- Papierhändler von höherer Würde! Scheint es doch, als wäre Alles gegen Alle, weil Alle gegen Alle sind (_bellum omnium contra omnes_); und doch bezwecken jene herkulischen Beschäftigungen, jene Versammlungen, Richterstühle und Aktenberge das allgemeine Beste, dessen Flor in den Kirchen bebetet und in Schauspielhäusern beklatscht wird, (beides _ex officio_, von Amtswegen.) Ist es klug oder nöthig, daß man so viele Holzhauer und Wasserträger, Virtuosen und Zünftler in Athem setzt, um eine einzige Staats-Manège anzulegen? so viele Meister politischer Art und Kunst, um ein Staatsregierungs-Exercitium, ja Exercitium, zusammen zu stümpern? Nur Einen Hebel verlangte jener Weise, um die Welt zu heben; und wenn das allgemeine Wohl solch eine Anstrengung braucht, so liegt es gewiß, oder mich trügt Alles, an dem politischen Oberrechenmeister -- Wahrlich diese so beschäftigten Herren dienen nicht dem Staate, sondern der Staat dient ihnen -- Der Weise, der diesem Staatspiele näher tritt und dessen _joujou_ bis auf sein Schach kennt, überzeugt sich, daß Ein Kopf hinreichend ist, dies Alles zu lenken. Waren nicht schon _Petrus_ und _Paulus_ streitig? Ist nicht Ein Kopf vermögender, das Ganze zusammen zu halten und zu übersehen? Man verlangt sonach nicht ohne Grund Einen Principalmeister; wo aber Einer zu finden? Wer wird die Selbstverleugnung haben, die vielen Künste zu verlassen und der Natur zu huldigen? wer den Wortsturm aufgeben, das brausende Meer bedräuen, und zur Stille des Denkens und Handelns eingehen? Wer, ohne zu befürchten, daß er beim Fürsten und beim Volke verliere --? Das Volk wird durch den Schein dieser fast übermenschlichen Anstrengung hintergangen, und der Fürst desgleichen, der, wenn es nicht so viel Schweiß kostete, sich gewiß näher mit diesen Staatsarbeiten bekannt machen würde -- und da möchten denn die hohen und nächsten Staatsgehülfen sehr leicht auf eine kleine Rolle zurückgesetzt werden und aus Staatsräthen in Schreiber zusammen schrumpfen! -- Ich setze wenig oder nichts von Menschenübeln auf Rechnung der Fürsten; gewiß das Meiste gehört auf das Conto der Minister, die nicht schwach nicht stark, nicht kalt nicht warm, sondern unentschlossen und lau sind, sich von jedem Winde hin und her treiben lassen, Jeden um seine Meinung befragen und, wenn sie deren unzählige gesammelt haben, nicht wissen, wozu sie sich entschließen sollen. -- Wer selbst keine Meinung hat -- wie kann der aus so vielen die beste finden? Hierzu kommt, daß Gemächlichkeit und ewiger Hang zum Vergnügen sie noch stumpfer machen -- Sie kommen nicht aus den Beten heraus, die sie abzuspielen haben! -- Noch ärger sind die, welche nicht über ihren theoretischen Leisten gehen, immer Schuster bleiben, die sie sind, und in armseliger Pedanterie Trost suchen und finden, wenn ihnen nichts einschlägt -- Was können wir dafür, daß der Staat, den wir zu regieren haben, sich nicht nach unserem _Orbis pictus_ und einem _Compendio_ schmiegen will, das uns zum Pharos demüthigst empfohlen worden? -- Allerdings! und welche Greuel, wenn die Minister gar Genies zu seyn sich einbilden und zu Dero Haupt ein so unumstößliches Zutrauen gefaßt haben, daß das große Wort: ER _hat es gesagt_, ihren Commis hinreichend scheint, die einleuchtendsten Vorstellungen abzuweisen und zu entkräften! -- Das _Recht des Vernünftigern_ ist ihnen, nach ihrer, zwar etwas freien, indeß wie sie glauben nicht unverständlichen, Übersetzung, das _Recht des Stärkeren_; und freilich -- wer darf es wagen, der Gewalt, so lange sie am Ruder ist, den Verstand abzusprechen? Jene gewaltigen Genies berechnen Alles an den Fingern -- _Newton_ könnte von ihnen rechnen lernen; und freilich, wenn die Data zu ihren Berechnungen richtig wären -- wer würde ihnen gleich kommen? Zur Calculatur geboren, sind sie im göttlichen Zorn Minister und Staats-Administratoren geworden --

Stumpfe Köpfe, ihrer eigenen Schwäche bewußt, sind für Collegia. Das Sprichwort: vier Augen sehen mehr als zwei; bringt sie zur Multiplication der Augen -- die blinden Leiter! In der Oper hilft Jeder, der Schriftsteller, Spieler und Sänger, zum Ganzen -- und da fallen Coloraturen, Läufe, schmelzende, verzweiflungsvolle, schmachtende, fürchterliche Gänge vor, die der Verfasser den Spielern und Sängern in Mund und Kehle legt -- Hier aber verläßt sich entweder Einer auf den Andern, und sieht die Stunden, die er wohl bezahlt absitzen muß, als eine ihm angewiesene Schlafzeit an, worin er sich stärkt, um desto geistreicher am Spieltische zu glänzen; oder er hauet die Kreuz und Quer ein, so daß nach vielstündigem Zank die Sache am Ende weit übler als am Anfange steht, und der kleinere Theil die schrecklichste Mühe von der Welt hat, nicht die Angelegenheit ins Reine zu bringen, sondern das _per plurima_ herausgebrachte Schluß-Votum von den Ungereimtheiten so vieler disparaten Meinungen zu säubern und zu läutern, und es W. R. I., oder -- wenn es hoch kommt -- verständlich zu machen. Der so witzige als einsichtsvolle Vorschlag, daß die Minorität der Stimmen gelten sollte, ist der auffallendste Beweis, was man sich zu diesen vierzig Perücken oder ihren Stöcken zu versehen habe -- Viele Köche versalzen den Brei, und Ein Kopf ist mehr werth, als ein ganzes Synedrium von -- -- Kinnbacken. --

Wenn die Staats-Officianten auf die Pflicht angenommen wurden, nichts zu verderben und sich leidend zu verhalten -- wie viel weiter wäre die Welt! - Sind das die hohen Collegia und hohen Stühle, von denen man das schöne Geschlecht ausschließt --? Man sollte sie aufnehmen, wie in freien Reichsstädten politische Kannengießer und Aufwiegler zu Rathsgliedern, damit sie schweigen -- Vielleicht hätte man dies Stratagen auch wirklich schon segensreich in Anwendung gebracht, wenn man zu der Verschwiegenheit des schönen Geschlechtes mehr Zutrauen fassen könnte. _Johnson_ sagt: man kann so sehr ein Mann nach der Welt seyn, daß man nichts mehr in der Welt ist. Sollte man nicht weit eher so sehr ein Staats-Officiant seyn können, daß man bei weitem zu der Ehre ein Staatsbürger zu seyn, unfähig ist? -- Wahrlich, um sich wieder zu orientiren, sollte man die Weiber zum Staatsdienste vociren -- wozu sie unstreitig einen göttlichen Ruf haben, an dem es den meisten Taugenichten von hohen Staatsbeamten ermangelt.

Ist es zu leugnen, daß man in jedem Gesetz-Codex von den Grundsätzen der natürlichen Gleichheit ausgehen, und mit dem Paradiese anfangen kann und muß, wenn nur der Sündenfall nicht vergessen wird? Jene Grundsätze der Gleichheit werden und müssen so gar bei ihrer Anwendung auf den Staat das Resultat politischer Ungleichheit unter den Bürgern herausbringen. Bei jener natürlichen Gleichheit gewinnt das andere Geschlecht allerdings; allein auch die politische Ungleichheit kann nie ein ganzes Geschlecht unwürdig proclamiren, in welchem es in der Regel mehr Mündige, als in dem unsrigen giebt, und wozu vielleicht kein anderer Grund vorhanden ist, als daß die Gesetzgebung bloß aus Männern besteht. Soll ich bemerken, daß ich hier nicht bloß vom Gebrauche des Mundes und der Zunge, sondern der Seele und des Herzens rede? So bald Stärke, Obermacht und Verjährung nicht Gesetze abnöthigen; -- und wehe der Staatsgrundlegung, die solche Ecksteine in Anwendung bringt! -- so bald jede regelmäßige Gesellschaft so gar eben dazu entsteht, um jene natürlichen Hervorstechungen in's Gleichgewicht zu bringen: so hat das andere Geschlecht ein Recht, vom Staate zu fordern, daß er ihm Gerechtigkeit erweise, daß er über die Schwächlichkeit des Körpers, welche zum größten Theil durch Vorurtheil entstanden ist, die Stärke der Seelen der Weiber nicht vergesse. Macht denn nicht die Seele den Hauptbestandtheil der Menschen? Die natürliche Gleichheit erfordert eine politische Ungleichheit, weil die Erhöhung des natürlichen Werthes des Menschen nur durch eine gegenseitige politische Verbindung derselben unter einander möglich ist, und hervorragende Menschen durch Gesetze, so wie Genies durch Regeln, in Ordnung gehalten werden müssen. Kann aber dieser an sich nicht unrichtige Grundsatz auf ein ganzes Geschlecht gedeutet werden? Ist es gerecht, billig, rathsam und nur menschlich, daß unser ganzes Geschlecht zu einer Standeserhöhung gebracht und als der Mittelpunkt angesehen wird, um dessenwillen das andere Geschlecht existirt? -- Es giebt nur zweierlei Thatsachen, von denen wir Begriffe haben: Natur und Freiheit; und sowohl zur Physik als zur Moral, haben Weiber unverkennbare Anlagen. Will man Natur und Freiheit sinnlich abbilden, so müssen beide in Gestalt eines Weibes dargestellt werden. Und was ist ihnen denn im Wege? das positive Gesetz? Kein Gesetzbuch, und würde es mit Engelzungen reden, kann _Formula concordiae_ und eine Augspurgische Confession werden. Gesetze erziehen Menschen, und müssen sich, wenn Menschen mündig werden, von Menschen erziehen lassen. -- Angenommen, Weiber wären körperlich schwach -- angenommen! und was wäre da die Pflicht der Gesetze? in den Schwachen mächtig zu seyn. Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Schwachen.

Weiß ich denn nicht, daß manche Frau bei manchem Manne auch jetzt sich wohl befindet? Was indeß bloß auf persönlicher Gesinnung beruhet, muß seiner Natur nach wandelbar seyn; und es ist auch bei den tolerantesten Gesinnungen im Staate nothwendig, daß keine intolerante Stelle im Gesetzbuche bleibe. Wer steht für den Nachfolger im Reiche? Weiber wissen ihre Männer zu überzeugen, als hätten Weiber keinen Willen. Doch eben wenn sie auf ihren Willen in bester Form Rechtens Verzicht zu thun scheinen, werden sie Alleinherrscherinnen, ohne den starken Glauben ihrer Männer zu schwächen, als ob diese ganz allein regierten -- Sie regieren nicht mit Gewalt (_vi_), sondern heimlich und bittweise (_clam et precario_).

Der Liebhaber glaubt in dem Dienst einer Göttin zu seyn, welche Apotheosen so sehr in ihrer Gewalt habe, wie Facultaten Doktorhüte. Der glückliche Geliebte dünkt sich wenigstens halb Gott, weil er so glücklich ist, einer solchen Gottheit zu dienen -- Erwacht er über ein Kleines aus diesem Traume; seht! so verwandelt sich die Raupe nicht in einen Schmetterling, sondern in einen Zuchtmeister, und die entgötterte Frau wird seine Sklavin; der Bräutigam wird nicht Ehemann, sondern Ehevogt. So hörten Monarchen auf, Götter und _Divi_ zu seyn, und hatten die Güte zu den Menschen herabzusteigen; doch würdigten sie, um über anderen Menschen zu seyn, diese anderen eine Stufe unter die Menschen hinab -- Halbe Wahrheit ist gefährlicher, als eine ganze Lüge; diese ist leichter zu kennen, als jene, welche sich in Schein zu verkleiden pflegt, um doppelt zu betrügen. Männer, laßt doch Menschen seyn, die Gott zu Menschen schuf! _Laßt uns Menschen machen_, hieß es, _ein Bild das uns gleich sei; und er schuf sie ein Männlein und ein Fräulein_. Sie sind Bein von unserm Bein, und Fleisch von unserm Fleisch; und warum nicht Bürger wie wir? warum nicht, da ihnen weder Sinn noch Kraft zu Bürgertugenden gebricht, und es bloß darauf ankommt, daß sie zu Bürgerinnen erzogen werden! Jetzt freilich, wie sie da sind, zum Spielzeug, für Männer gemodelt; jetzt, wenn sie auf einmal aus dem Gynäceum auf den großen Schauplatz des gemeinen Wesens, einen für ihren Körper und ihre Seele so fremden Boden, treten und männliche Rollen spielen sollten: jetzt würden sie kaum erträglich debütiren. Wer fordert dies aber von ihrem Kopfe und von ihren Händen? Sie sollen eben den Weg gehen, den wir gingen, eben die Wüsten betreten, die uns auf der Bahn nach Kanaan beschwerlich wurden; nur durch Erziehung, Unterricht und Erfahrung sollen sie das Ziel erreichen, dessen sie so würdig sind -- Das Licht braucht beinahe acht Minuten, um von der Sonne zu uns zu kommen, und wir sehen die Veränderungen, die in der Sonne vorgehen, jedesmal acht Minuten nachher. _Pythagoras_ legte seinen Schülern zuvor Schweigen auf, ehe ihnen die philosophische Zunge gelöset ward. Dies mögen Fingerzeige für Männer und Weiber seyn: für _diese_, um nicht auf Meisterrechte Ansprüche zu machen, ehe sie die Lehrlingsjahre zurückgelegt haben; für _jene_, von einem Geschlechte, das so lange vernachlässiget ward, nicht vor der Zeit Früchte der Buße zu fordern. Der Verstand und die Natur kommen sehr leicht in richtigen Einklang; und wenn Mittel unbedeutend scheinen, wenn sie es wirklich sind -- wer wird Mittel nach eigener, und nicht vielmehr nach der Größe des dadurch zu erreichenden Zweckes schätzen? Eine Eiche von einem nicht kleinen Alter kann noch sehr jung heißen, wenn ein gleichzeitiges Gesträuch und eine zu seinen Füßen blühende Blume an der Gränze ihres Lebens sind -- Nicht im einzelnen Falle, in allen Fällen, nicht im einzelnen Menschen, sondern im Geschlechte, offenbaren sich die Ehre und der Zweck der Menschheit. -- Woher jetzt der Unterschied in der Erziehung beider Geschlechter, der sich bei der Wiege anhebt und beim Leichenbrette endiget? warum ein so wesentlicher Unterschied, als wären beide Geschlechter nicht Eines Herkommens, nicht Eines Stoffs, und nicht zu einerlei Bestimmung geboren? -- Die Scheidewand höre auf! man erziehe Bürger für den Staat, ohne Rücksicht auf den Geschlechtsunterschied, und überlasse das, was Weiber als Mütter, als Hausfrauen, wissen müssen, dem besondern Unterricht; und Alles wird zur Ordnung der Natur zurückkehren. Noch lange ist Erziehung nicht das, was sie seyn könnte und sollte. Nur sehr spät fiel man auf das, womit man hätte anfangen sollen: den Zweck der Erziehung zu bestimmen, das Ziel aufzusuchen und seinen Lauf darnach zu richten. Statt daß wir sonst, wie irrende Schafe, ohne Plan und Regel in das Weite liefen, sei es unsere erste Sorge, heimzukehren zu der Natur und nicht außer uns uns selbst zu suchen! -- Was hülf es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und an sich selbst Schaden litte! -- Ohne jenen Zweck der Erziehung zerreißt das Band, welches alle einzelne Theile zusammen hält -- und in Kindern liegt das Reich Gottes. --

Zwar hat man in unsern Tagen angefangen, dies wichtige Staatsbedürfniß zu beherzigen; aber auch kaum nur angefangen. Die Staaten und ihre Repräsentanten selbst, deren erstes und wichtiges Interesse die Erziehung ist, scheinen dieses Bedürfniß entweder noch nicht genug zu fühlen; oder wohl gar sich für verpflichtet zu halten, den gemachten Versuchen, Bürger zu bilden, Hindernisse in den Weg zu legen. Wenn die Befehlshaber des Volkes bedächten, daß nichts als eine gute Erziehung sie auf immer in dem Besitz gesetzlicher und auf Verträge sich gründender Vorzüge sichern kann; sie würden zu dieser ihrer Zeit bedenken, was zu ihrem Frieden dienet. Lange hat man Erziehung und Unterricht, die doch ihrem Wesen, ihrer Form und ihrem Endzwecke nach so sehr unterschieden sind, für Eins gehalten. Lange muthete man Lehrern zu, die in der Regel selbst keine Erziehung hatten, sie sollten zugleich Erzieher seyn; und man wußte nicht zu begreifen, wie man gelehrt seyn und doch keine Sitten haben könnte. Fest glaubte man an das goldene Sprichwort: daß Künste und Sitten Schwestern und Brüder sind, und Niemand dachte daran zu untersuchen, ob Künste und Sitten sich wie Ursache und Wirkung verhielten.