Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber
Part 5
Das Hirtenleben und der Ackerbau (das neue Testament, wozu die Menschen nach dem alten Testamente des Jagdlebens sich aufklärten) gab nicht minder zu Zwisten Gelegenheit, wozu die Tagdieberei des Hirten, und das Vorurtheil, als ob er eben darum Gott lieber wäre und von ihm mehr beglückt würde, mittelst des argen, bösen Neides nicht wenig beigetragen haben mag: Neid ist Geitz, und dieser ist, wie jeder von uns weiß, die Wurzel alles Übels. Der Hirt schonte die Anpflanzungen des Ackermannes nicht, und ehe dieser pfänden konnte, war jener mit seiner Heerde über alle Berge, und wußte sich listig der Berichtigung des Pfandgeldes zu entziehen. Dies zwang den Ackerbauer, mehr auf seine Vertheidigung bedacht zu seyn; und da er sich gedrungen sah, mehr Hände anzuwerben, um den Acker zu bestellen (Hände, die zusammen bleiben mußten, um die Zeit abzuwarten und die Witterung zu benutzen, oder ihr zuvor zu kommen:) so bauete ein Haus das andere, wie ein Wort das andere zu geben pflegt. Hierdurch waren die Ackerbauer mehr im Stande, sich den Ausschweifungen des zahmen Hirten und des wilderen Jägers zu widersetzen. Aus den Ackerbauern wurden Bauherren: (eine Würde, die ihnen selbst von den überwundenen Horden der Jäger oder der Hirten zugestanden ward;) und nur spät hat sich das Blatt gewendet, so daß wiederum Fürsten und Herren jagen, und Sklaven den Acker bauen. -- So drehet sich Alles in der Welt, und die Menschen folgen so großen Beispielen; Familien und Reiche, Aufklärung und Verfinsterung, Gutes und Böses: Alles geht auf und unter. -- Zu der Zeit, als auf den Trümmern von Familiengesellschaften bürgerliche Gesellschaften errichtet wurden, war das Schicksal der Weiber schon, wie es schien, unwiederbringlich entschieden.
Die Waffen, welche die Männer bei jenen Umständen führen mußten, und welche sie fast nie aus den Händen ließen, während die Weiber für das Hausbedürfniß ihrer Männer und Kinder besorgt waren, gaben diesen ein entscheidendes Übergewicht über jene, welche, weil sie mit Waffen nicht umzugehen wußten, sich vor ihnen fürchteten. Sie erschraken vor Gefahren, welche die Männer, mehr damit bekannt, verachteten. An Körper und Seele war ihnen der Mann, wenn ich so sagen darf, unter der Hand überlegen geworden; und da er sich im ausschließenden Besitze der Schutz- und Trutzwaffen befand, so vertheidigte er nicht bloß seine Person, sondern auch sein Eigenthum, wozu er seine Familie und in derselben sein Weib rechnete, das er jetzt als durchaus von ihm abhängig ansah.
Während daß die Einsichten des Mannes durch seinen vergrößerten Wirkungskreis sich vermehrten; während daß seine Geschäfte mit der bürgerlichen Gesellschaft einen höheren Schwung nahmen, indem seine Begriffe sich zu generalisiren anfingen: schrumpfte die Seele des Weibes je mehr und mehr in die Gränzen des Haushalts ein. Dieser bestand wegen Einfachheit der Bedürfnisse, dem Vater _Homer_ zufolge, in dem Zeitalter der Heroën, selbst bei königlichen Familien, noch bloß im Weben und andern dergleichen Handarbeiten. Nach und nach verlor sich die weibliche Spannkraft gänzlich. Schade! -- Durch die Umstände, daß alle Geschäfte des Staats den Weibern entzogen, und diese, bei Entstehung der bürgerlichen Gesellschaften, schon zur Besorgung des Haushalts verwiesen waren, wurden sie nicht Bürgerinnen des Staats, sondern Schutzverwandte. -- Schon sehr zufrieden, daß der Staat ihnen diese Gnade angedeihen ließ, begnügten sie sich mit einigen Begünstigungen vor den Sklaven, die man ihnen bloß zu _spendiren_ schien. Wunderbare Wege! Doch, ging man nicht von der Poësie zur Prosa, von dem Tanze zum Gange, vom Singen zum Reden, vom Roman zur Geschichte --? Es wirkte eine Reihe von Ursachen, (wozu wahrscheinlich die, wiewohl größtentheils mißverstandene, Natur die erste Veranlassung gab) daß nach und nach eine ganze Hälfte des Menschengeschlechtes ihre ursprünglichen Menschenrechte verlor und gegenwärtig einige Überbleibsel davon unter dem Titel von Begünstigungen, wohl zu merken, nur so lange genießt, als es der andern Hälfte gefällt, ihr dieselben zu lassen; -- und doch, ist das dritte Wort dieser unterdrückenden Menschenhälfte: Recht und Gerechtigkeit, Gesetzgebung und Gesetzhandhabung! -- Warum in Fällen dieser Art ängstliche Geschichtsausspürung? Der Geist, der in uns ist, bleibt immer die beste Quelle aller Geschichte; er gleicht im Wesentlichen dem Geiste aller derer, die vor uns waren, und giebt dem, der sich mit ihm einlassen kann, und jedem, der sich selbst verständlich zu machen weiß, wichtige Fingerzeige von Nachrichten, die weit über den Zeitpunkt schriftlicher Zeugnisse, und weit über die historische Gewißheit hinausreichen. Jedes Kind bringt das Andenken an die Kindheit der menschlichen Vernunft in Anregung, und die Hauptzüge derselben drängen sich Jedem auf, der Augen zu sehen, Ohren zu hören, ein Herz zu fühlen, und Vernunft zu ergänzen, zu vergleichen und zu verbinden hat. Mit Meinungen der Vorzeit kann uns nicht gedient seyn; und die Handvoll aufbehaltener Thatsachen sind so sehr mit jenen Meinungen in Verbindung, daß man ohne Philosophie bei den historischen Quellen der Vorzeit außerordentlich zu kurz schießt. Kann man ohne philosophischen Kopf bei den historischen Quellen auslangen? In uns liegt das Vermögen, aus jenen Bruchstücken der alten Welt, wo nicht ein Gebäude, so doch eine Hütte zu zimmern, und ein Ebenbild unseres Geistes, eine Einheit zu schaffen, die ohne Forscherblick weder in der Weltgeschichte, noch auch in der Geschichte jedes einzelnen Menschen, gefunden werden kann. Ohne diesen Geist der Wahrheit ist und bleibt jede Lebensbeschreibung ein Roman, der Verfasser gehe so offen zu Werke als möglich, oder verstecke sich unter die Bäume im Garten. -- Zu Geschichtforschern, Auslegern des menschlichen Geistes, zu Seelengelehrten, zu Sehern, gehört Studium seiner selbst; und nur in dieser Rücksicht ist _sich selbst zu kennen_ eine große Lehre! Nur ein Geschichtschreiber, der diese Salbung empfing, weiß die Reihe der Dinge zu übersehen, und Ursache und Wirkung unter Einen Hut zu bringen. -- Es giebt historische Ergänzungen, wo uns so wenig ein lästiges Ungefähr untergeschoben wird, daß wir weder gerade noch seitwärts etwas gegen diese Ergänzungen einwenden mögen, wenn wir auch könnten. --
Seht! nicht Überlegenheit des Körpers, nicht Übermacht des Geistes gab dem Manne das Schwert in die Hand; die Lage der Sache begünstigte diesen Schritt. Über seinen Unterhalt bestand der Mann den Kampf mit seines Gleichen. Madam beschützte zwar anfänglich zu Hause ihre Kinder, und genoß die Ehre, in dieser Festung zu commandiren, und während der Feldzüge ihres Mannes Proviant und Montirungsstücke zu besorgen; indeß ward sie auch hier sehr bald von ihrem erstgebornen Sohn entsetzt, der, noch zu jung und zu ohnmächtig dem Heere seines Vaters zu folgen, sich hier zum Commandanten aufwarf, bis er, mit Vorbeigehung seiner Mutter, diesen Posten seinem zweiten Bruder anvertrauen konnte.
Was für eine Veränderung diese Umstände während eines Zeitraums von mehrern Jahrhunderten oder Jahrtausenden in dem Charakter, der Denkart und selbst in den körperlichen Eigenschaften beider Geschlechter nach und nach hervorgebracht haben, ist am Tage. Andere Verhältnisse und Resultate als diese Machtvortheile, waren aus jenen Vorgängen ohne Wunder nicht zu erwarten; doch nicht eines einzigen, sondern eines Zusammenflusses von Wundern hätt' es bedurft, allen diesen zufälligen äußeren Veranlassungen eine andere Folgenrichtung zu geben. -- Der Anfang steht oft in unserm Vermögen, die Mitte selten, das Ende nie. -- Warum sollt' ich es bergen, daß wir Männer von Gottes Gnaden es so gern bemänteln, wie wir zu dieser Überlegenheit gekommen sind? Überhaupt sind Mäntel die männliche Originaltracht, in die wir uns so bedächtig verhüllen, um nur so viel von uns zu zeigen, als höchstnöthig ist; die Weibermäntel sind Copien von den unsrigen. -- Nähme man uns den philosophischen Mantel; entkleidete man uns von der Reverende der wohlehrwürdigen Hypothesen und von allen unwesentlichen, fremdartigen Behelfen, hinter deren Wolken wir uns so unmännlich verbergen: wie weit seltener würden wir bestehen in der Wahrheit! -- Um alles in der Welt möchten wir die andere Hälfte des menschlichen Geschlechtes überreden, nicht _wir_, sondern die _Natur_ habe sie zurückgesetzt und uns unterworfen; und doch sind _wir_ es, die seine Bedürfnisse erregen, und Meinungen herrschend machen, wodurch wir, so wie durch jene Bedürfnisse, den Meister über die schöne Welt spielen. Jene Clubs und geheimen Gesellschaften, die, ohne daß sie den Degen ziehen, Macht, Gewalt und Herrschaft erschleichen, sind Copien des Ganges, den die Männer einschlugen -- Und die Bibel? Bis jetzt haben noch alle philosophische Sekten, die gedrückte, die streitende und die triumphirende, und jede neue Staatsreform, bis auf die _Französische Constitution_, sich in der Bibel getroffen gefunden.
Es ist das künstlichste Spinnengewebe von Gründen, wodurch wir das weibliche Geschlecht zu einer ewigen Vormundschaft verurtheilen; und selbst bei den feierlichsten Ehegelübden, die man sich am Myrtenfeste vor Gott und den (freilich durch ein Lucullus-Mahl bestochenen) Hochzeitszeugen ablegt, verlangt das kirchliche Formular, daß, wenn gleich beide Theile gegenseitig sich zu ehren verheißen, doch die geehrte Männin dem Manne gehorchen und ihm als ihrem Herrn huldigen soll. Ist es zu verwundern, wenn die heiligste aller Zusagen, die Ehetreue, so schnöde gebrochen wird, da diesen Principalpunkt so viele Nebenverheißungen schwächen? Wie ist die Preisfrage eines feinen Kopfes: warum in verschiedenen Staaten, wo Eide das tägliche Brot in Gerichten sind, das Ehegelübde (der wichtigste Contrakt, den Menschen mit einander schließen können) ohne Eid vollzogen wird, zu lösen? Etwa durch die Bemerkung, daß der Gegenstand so groß wie das Verbrechen des Vatermordes sei, welches in weisen Gesetzbüchern weiser Völker ohne Strafe blieb? Etwa, weil keine Formel stark genug ist, das Ehegelübde zu besiegeln? und weil, um das Größte zu sagen, man zur Natur der Sache, zum einfachen _Ja Ja, Nein Nein_ zurückkommen muß? Wichtige Gründe! doch schwerlich werden sie bei der Unterlassung des Eheeides entscheiden; denn müßte sonst nicht unsere Eidmethode längst verbessert seyn? Oder wie? schwört man bei der Ehevollziehung etwa darum nicht, weil die Gelübde nicht gehalten werden, nicht zu halten sind? nur da gehalten werden dürfen, wo die Natur in speciellen Fällen mitwirkt? Ei, Lieber! wer hält seinen Amtseid? und wird dieser Eid erlassen? Der größten Versuchungen zu falschen Aussagen ungeachtet, findet der Richter, oder -- was mehr sagen will -- der Gesetzgeber keine Bedenklichkeit, Eiden auszuweichen; und geht denn wirklich das Versprechen der ehelichen Treue, auf welchem die Würde, Sicherheit und Wohlfahrt des Staates, das Glück des häuslichen Standes, (des angenehmsten und tröstlichsten im menschlichen Leben) und aller Fleiß, alle Betriebsamkeit beruhen, über das Vermögen der Menschen? Hast du nicht liebe getreue Ehegenossen gekannt? Ein menschliches Schauspiel, das Engel zu sehen gelüsten könnte! Unglücklicher! was ist dir die Menschheit werth, wenn sie so tief gesunken wäre! Ich suche den Grund dieser, von unseren eidereichen Vorfahren auf uns gleich eidgierige Nachkommen gebrachten, denkwürdigen Gewohnheit in der Befürchtung, daß man Eide einer baaren Lächerlichkeit aussetzen würde, wenn man sie durch den unnatürlichen, vom andern Geschlechte zu übernehmenden Umstand, sich der unerkannten Gewalt des Mannes unterwerfen zu wollen, entheiliget hätte. Diese _Homagial-Umstände_ entfernten den Eid bei der Ehe _in vielen protestantischen Staaten_; und die auserwählten Rüstzeuge von Reformatoren hatten nicht unrecht, den Eid aus der Trauungsformel zu verabschieden, oder ihm einen Laufpaß zu behändigen. Soll aber die durch die Natur und Erfahrung laut widerlegte männliche Macht und Gewalt über das andere Geschlecht sich durch leidige Künstelei erhalten? Werden wir, wenn Natur und Wahrheit ihre Rechte zurückfordern, die keiner Verjährung unterliegen, noch immer gewinnen und den Sieg behaupten? Durch Wiederfragen antworten, heißt, wo nicht gar spotten, so doch: die Frage keiner eigentlichen Antwort werth achten. Wer kann sich aber, wenn er auch wollte, dieser Zwittergattung von Erwiederung enthalten? wer der Fragantwort ausweichen: ob die Natur je so tief in Ohnmacht und Schwächlichkeit versinken könne, daß sie sich ungestraft berauben lasse, ohne das Raub_schloß_ oder Raub_nest_ zu zerstören? Längst sind Männer nur Titularherren, Besitzer _in partibus infidelium_. -- Und wie! Deutsche, deren Vorfahren ihre Weiber achteten, da der Rath derselben ihnen wichtig, ihre Aussprüche ihnen heilig waren, wenn sie die Zukunft aufklärten, vielleicht weise genug, sie nach ihrem Willen zu _lenken_ -- (eine ehrwürdige prophetische Kunst!) Deutsche, die, wenn es gleich von ihnen heißt, _daß sie viel für Geld thun_, ihre Weiher nicht wie die Römer (als wären sie Hausrath) einkauften; Deutsche -- sollten ihrer Vorfahren so unwerth seyn! Was ist anständiger: mit dem andern Geschlechte gleichen Schritt zu halten, oder uns von ihm, ohne daß wir es wissen, leiten und führen zu lassen? Nur die _Zeichen_ der Regierung sind uns werth, die _Regierung_ verkaufen wir für ein schnödes Linsengericht; und eine kluge Frau läßt sich von dem Manne zur Regierungs-Repräsentantin erkiesen, dem hier kein Hochverrath ahndet, und der (weil doch Hochmuth dem Falle vorausgeht) seine Frau selbst zum Throne führt, und sich hinreichend begnügt, daß Alles unter seinem Namen expedirt wird, Alles unter: _Wir von Gottes Gnaden_. -- Wenn nun aber ein so betrogener Mann, der seine Frau zur List erniedrigt, der seine Kinder zu ähnlicher Denkart herabwürdigt, und öffentlich mit sich spielen läßt, bei dem allen nicht unglücklich ist; wenn er einen menschlichen Richter in Hausangelegenheiten, einen treuen Rathgeber in Fällen, wo er unentschlossen schwankt, in seiner Frau findet: -- was würde sie ihm seyn, wenn sie von Rechtswegen gleich und gleich mit ihm wäre! Wie unendlich leichter würde der Stand des häuslichen und Staatslebens werden, wenn wir eine so herrliche Bundesgenossenschaft anerkennen und schätzen lernten! -- _Eigensinn_, _Trägheit_ und _Stolz_ fesseln uns an alte Meinungen und Gebräuche: drei Götzen, die man auch _Augenlust_, _Fleischeslust_ und _hoffärtiges Leben_ zu nennen pflegt! -- Laßt uns diesen Götzendienst mit einer vernünftigen Verehrung der Natur und ihrer Gesetze vertauschen! Schon lange sind die Weiber durch Leiden geprüft und bewährt, um der Herrlichkeit werth zu werden, welche die Natur an ihnen so gern offenbaren möchte. Das Ende vom Liede dieses Abschnittes.
In der That scheint eine höhere Vernunft es mit Vorbedacht und Vorsicht darauf angelegt zu haben, daß der Anfang des menschlichen Geschlechtes in einem tiefen heiligen Dunkel bleiben sollte. Chaos war eher als die Welt, Finsterniß eher als Licht, Nacht eher als Tag; und wohl uns, wenn die menschlichen Handlungen, eben so wie alle Naturbegebenheiten, nach allgemeinen Naturgesetzen bestimmt, und von einem inneren Lichte, das der große Haufe nicht selten kann, und das nur Sonntagskindern selbst in der dicksten Finsterniß leuchtet, gelenket werden!
Heil uns, wenn bei den unablässigen Bemühungen der Menschen, alles unregelmäßig zu machen, jene göttliche Regelmäßigkeit ihren festen Schritt hält, und die Weisheit ihre ursprünglichen hohen Anlagen bei der späten Entwickelung rechtfertiget! Heil uns, wenn wir Alle, und auch selbst die unter uns, welche am wenigsten daran denken, Mitglieder der göttlichen unsichtbaren Kirche sind! wenn der, welcher bloß für sich denkt und oft sogar des Andern Teufel ist, doch, ohne daß er es weiß, die göttliche Absicht befördert, die Welt ihrem moralischen Ziel immer näher bringt und selbst Teufeleien zum Besten kehret! O, der herrlichen Veredlung der moralischen Metalle!
Wer kann bei dieser Idee gleichgültig seyn! wer wünscht nicht, sich jenen jüngsten Tag der Menschheit lebhaft vorzustellen und den Gang des menschlichen Geschlechtes von Anbeginn bis auf unsere letzte _betrübte_, und die in der Hoffnung erwartete _letzte fröhliche_ Zeit in einer Karte zu übersehen! -- Wie oft würde auf diesem Menschheitsgemählde die Weisheit des Einzeln als Thorheit, und die Thorheit im Großen als Beitrag zur Weisheit erscheinen! Nur daß kein Mensch hieraus Gelegenheit nehme, in seinem verkehrten Sinne zu thun was nicht taugt, vielmehr nach bestem Wissen und Gewissen seine Tage so anlege, daß die Stimme seiner theoretischen und praktischen Vernunft, seiner Einsicht und seines Gewissens, nicht unbefolgt bleibe! Zwar kommt es hier immer noch bloß auf den Glauben an die Menschheit an, der durch so manche unerhörte, unerklärliche Begebenheiten nicht nur in Hinsicht einzelner Menschen, sondern auch ganzer Nationen schwankend gemacht wird; wer wollt' indeß auch bei einem Senfkorn dieses Glaubens verzweifeln! Vater der Menschen, stärk' uns diesen Glauben! Wie planlos da alles durch einander läuft! wie viel Zerstörungssucht, Hader, Neid, Zank, Zwietracht! Alles verschworen, die Wünsche des Menschenfreundes zu vereiteln und der göttlichen Bestimmung entgegen zu arbeiten! Doch jene goldreine Zeit wird kommen, wo die Menschheit mehr von Schlacken geläutert seyn wird! nur daß nicht, was bei menschlichen Handlungen glänzt, uns sogleich etwas Göttliches scheine! Nicht Alles was glänzt, ist Gold. Nur daß wir uns durch nichts, selbst nicht durch den herrlichsten kosmopolitischen Zweck, zum Handeln bestechen lassen, vielmehr auf nichts weiter denken, als unsere Pflicht mit strenger innigster Redlichkeit zu bewirken und sie _menschmöglichst_ (ein theures werthes Wort!) zu erfüllen! Nur daß wir bei unseren heiligen Verbindlichkeiten nicht an den Morgen der Folgen denken, sondern lauter und rein thun, was wir schuldig sind, und Alles übrige DEM überlassen, der allein weise ist! Wer sich das Ansehen giebt, der göttlichen Regierung nachhelfen zu wollen, ist ein Gottesläugner in einem besondern Sinne -- -- Sollte indeß die Natur dem verzagenden Beobachter nicht wenigstens, wie _Ariadne_, einen Leitfaden zugeworfen haben, um sich aus diesen Labyrinthen herauszuhelfen? um, da er in Allem eine göttliche Endabsicht voraussetzen kann, dieselbe, trotz allen Kreuz- und Querzügen von eigenen Absichten der Menschen, auch bewundern und sich an ihr und an der allmählichen Erreichung derselben erfreuen zu können? Nichts würde diese Gesinnungen und diese Hoffnungen stärker befestigen, als wenn wir, von den Urzeiten ab, in allen den Krümmungen, die das menschliche Geschlecht einschlug, eine geheimnißvolle Entwickelung dieser Anlagen zu bemerken und den Finger einer Vorsehung zu finden im Stande wären. So bald Geschichte, Erfahrung und Nachdenken etwas von diesem ihrem Gange enträthseln können; so ist hierzu ein Plan gezeichnet, und wir sind in diesen vierzig Jahr-Wochen des Wüstenumweges nach Kanaan nicht ganz und gar verlassen und versäumet. Doch noch hat diese herkulische Arbeit keinen Anfänger, viel weniger einen Vollender; und da die Einbildungskraft in dieser Hinsicht kein leidiger Tröster ist, so läßt sie uns in, mit und unter ihrer Beihülfe, wenn gleich nicht lebendige Überzeugung, so doch beruhigende Hoffnung erlangen. Ist der Mensch ein Miniaturstück von Welt, ein Mikrokosmus; so mag die Geschichte des einzeln Menschen immerhin einen Schattenriß von der Geschichte der Menschheit abwerfen, und den Anfang derselben, so wie ihren Fortgang, in Hieroglyphen dem Auge des Sehers, wenn gleich nicht völlig, so doch kennbar, darstellen. Jeder Mensch feiert durch sein Leben das Leben des menschlichen Geschlechtes, und wird, wo nicht die Quintessenz, so doch ein kurzer Auszug von der Geschichte der moralischen Welt. Wenn man ohne sonderliche Vorurtheile (denn ist es möglich, sich über diese Egyptischen Plagen völlig wegzusetzen?) einen Plan entwerfen könnte, wie die Menschenwelt gehen müßte, wenn sie anders den letzten Zwecken der Vorsehung gemäß wandeln wollte; so hätte man freilich von der moralischen Welt eine treue Probe, die mit den Bruchstücken, welche wir davon geschichtlich besitzen, stimmen und die Data da ergänzen würde, wo in der wirklichen Welt Alles wüst und leer scheinet. Jetzt aber werden wir, hier und da viel oder wenig abgerechnet, wenigstens ein Ungefähr von dem herauszubringen im Stande seyn, was herauszubringen war; und sollten wir nicht Alles mit einer reinen Idee dieses Ganges übereinstimmend finden, so wird doch ein großer oder kleiner Theil stimmig seyn. Die erste Periode unseres Lebens ist so dunkel wie die Genesis der Welt, von der wir, da sie unter dem Herzen ihrer Mutter lag, nichts wissen. Ist unsere Kindheit (wo wir keinen Willen haben, sondern nach Instinkten und nach Leitung der Eltern, die uns entwarfen, leben, weben und sind) nicht jener Weltperiode ähnlich, die wir den _Stand der Unschuld_ nennen? und sie mag um so mehr so heißen, da uns in derselben nichts zugerechnet werden kann. Der Mensch fühlt sich; das heißt: er emancipirt sich, giebt oft noch vor der Zeit sich _veniam aetatis_, glaubt in seiner Vernunft einen Gott zu haben; und seht! mitten in dieser Selbstvergötterung sinkt er, und oft so tief unter den Menschen herab, daß er kaum zu kennen ist -- Leidenschaften stürzen ihn -- Fall auf Fall! -- Anfänglich sind diese Leidenschaften ungebetene Gäste, die man gemeiniglich lieber gehen als kommen sieht; doch über ein Kleines werden sie Vernunftgenossen, Herzensfreunde, Busen- und Schooßlieblinge, deren Umgang, wenn das Gewissen dagegen einwendet, der Mensch bis auf's Blut so vertheidigt und rechtfertiget, daß das sich selbst gelassene Gewissen sich anfänglich hintergehen, bald hernach sich anstecken läßt, und endlich selbst leidenschaftlich wird. -- Spät nur, und wenn der Tag seines Lebens kühl geworden, kommt der Mensch durch die Stimme seines Gewissens, das sich wieder erholt hat, zum Nachdenken. »Adam, wo bist du? wohin ist es mit dir gekommen?« Das Fieber des Selbstbetruges legt sich; die Vernunft hat Zwischenstunden, kommt allmählich zu Kräften, und entwirft sich Gesetze, die der Mensch wenigstens im Durchschnitt erfüllt -- Ganz wird er nie aufhören Mensch zu seyn -- wie sollt' er auch eine ihm wildfremde Rolle völlig ausführen können? Bei den Fehlern des Alters erinnert er sich der Sünden der Jugend, sinkt, fällt, steht auf, und sieht am Ende ein, daß der Mensch nie zur Vollständigkeit gelangen kann; doch jaget er ihr nach, und versucht, ob er jenes Ziel erreichen werde, die Krone des Lebens. --
Das Weib -- ist wie der Mann; es giebt hier keinen Unterschied: sie sind allzumal Menschen, und mangeln des Ruhmes, den sie haben sollten -- -- Das Verhältniß der Geschlechter gegen einander? Allerdings der Hauptpunkt, worauf es bei dieser ganzen Abschweifung ankam! Der gerade Gang aller kleinen und großen Gesellschaften -- den ich aber aus mehr als Einer Ursache auch selbst nach den ersten Strichen nicht darstellen mag. _Adam_ und _Eva_ leben anfänglich im Stande der Unschuld; dann wird _Adam Eva's_ Untergebener, gehorsam bis zur Ausschweifung; bald darauf verwandelt er sich in ihren Gebieter, welches er lange bleibt, bis sie endlich beiderseits in Frieden, Einigkeit und Gleichheit mit einander leben, und zu jenem Stande der Unschuld, wiewohl mit weit mehr Einsicht und weit mehr Glückseligkeit, zurückkehren. Genug -- auch dieser Handzeichnung vom Verhältnisse der Geschlechter will ich weder Farben geben, noch sie vollenden -- Ein jeder wird an diesen Strichen sich selbst kennen, und _durch_ diese Selbstkenntniß den Gang der Menschenwelt und der beiden Geschlechter -- Möchte doch auch in Hinsicht des Geschlechterverhältnisses Eine Heerde und Ein Hirt werden! -- Doch, dieser Wunsch ist im dritten Kapitel zu früh; wer wird sich selbst in den Kauf fallen --? wer sich vor dem fünften Akt verheirathen? --
IV.