Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber

Part 3

Chapter 35,201 wordsPublic domain

Aber die Schwächlichkeit gegen den nervigen, eckigen, männlichen Körperbau gehalten! Freilich würde sie mehr beweisen; doch fürcht' ich, die Erfahrung sagt auch hier weniger, als wir sie sagen lassen -- Ehe wir die Fehde beginnen, ist die Musterung der Heere nothwendig. Verabschieden wir unser elegantes, luftiges Völkchen, läßt das andere Geschlecht seine Damen der höheren Klassen sammt ihren Zofen zu den lieben Ihrigen heimkehren -- was gilt die Wette? Selbst wenn unsere eleganten Damen mit unsern eleganten jungen Herren sich in Fehde einließen -- auf welcher Seite wäre Hoffnung zu gewinnen? -- Bei Völkern, die auf der ersten Stufe der Cultur stehen, ist das Schicksal des weiblichen Geschlechtes hart: bei Jägernationen, denen Hausthiere unbekannt sind, ist das Weib das lastbare Thier, welches den Mann zur Jagd begleitet und das erbeutete Wild nach der Hütte trägt; bei den Hirten- und Ackervölkern ist ihr Schicksal, wo möglich, noch schwerer: sie bauen das Feld, treiben Fabriken und Manufakturarbeiten, indem sie das, was ihnen der Acker und die Heerden zur Nahrung und Bekleidung darbieten, zum Gebrauch bereiten oder veredlen, und auch noch das (freilich sehr einfache) Hauswesen besorgen, während der Ehrenmann sich dem Müßiggange überläßt -- Auch unter Nationen, wo die Cultur schon Fortschritte macht, ist, bei der arbeitenden Klasse des Volkes, der Antheil des andern Geschlechtes an den Geschäften gewiß nicht von _der_ Art, daß davon auf eine größere Schwächlichkeit der Weiber geschlossen werden könnte. Die Arbeiten bei Bestellung des Bodens und bei der Erndte -- sind sie nicht unter beide Geschlechter so ziemlich gleich vertheilt? Es wird schwer fallen, zu bestimmen, welcher Theil hier mehr übersehen werde. Bei der Musterung aller Gewerbe, die den Kunstfleiß und die Hände der Menschen beschäftigen -- ist nicht der Antheil der Weiber mit einem beträchtlicheren Aufwande von Kräften verknüpft? Der Schnitter kehret heim zu seiner Hütte mit frohem Herzen, um nach ermüdender Arbeit der Ruhe zu pflegen, wenn, auch bei der einfachsten ländlichen Haushaltung, noch vielfache Geschäfte für das Weib übrig bleiben, das im Schweiße seines Angesichts die Garben band, wozu nicht minder Anstrengung von Kräften erfordert wird. Jene von Gesundheit strotzende, mit der ächten Sommerfarbe geschminkte Dirne ist eine lebendige Widerlegung dieser mißgünstigen Behauptung, und sie wird es mit Jedem aufnehmen, der es wagen will, die Kräfte ihrer Muskeln in Versuchung zu führen. Weiberkrankheiten sind nur die Geißel _der_ Weiberklasse, die den Ehrennamen _Weiber_, so wie die in ihrem Kammerdienste sich befindenden Treugehorsamsten den Ehrennamen _Männer_, nur von wegen des Staats und zur Parade führen. Darf und soll die Natur Übel verantworten, welche Lebensart, Sitten und Conventionen, deren Name Legion ist, über sie gebracht haben? Gefährten unserer Thorheiten, Spießgesellen unserer Üppigkeit gehören nicht auf das Conto der Natur, die den Menschen so einfach schuf, und allenthalben, wo er seine Hütte aufschlug, für Wohnung, Nahrung und Kleidung reichlich und täglich sorgte. Hat sie je gewollt, daß er Gewürze aus Indien ziehen sollte, um sein Blut zu vergiften? oder angreifende Leckerbissen, um seine Nerven zu schwächen? Setzte sie dem Indier Eis, und dem Bewohner der Eiszone Wein vor? gab sie nicht vielmehr einem Jeden das ihm angemessene und beschiedene Theil? Und wie, grundgütige Natur! der ausgeartete Haufe deiner Kinder klaget dich wegen Krankheiten an, wozu er die Anlässe, trotz allen Gefahren und Hindernissen, aus Osten und Süden mit rastloser Begierde zusammen brachte, während das Häuflein deiner genügsamen Kinder, den mütterlichen Vorschriften folgsamer, mitten unter diesen unschlachtigen ausgearteten Menschen _vor Dir_ wandelt und fromm ist, ohne von hysterischen Plagen und dem zahllosen Heere von Krämpfen zu wissen, gegen die weder die _Materia medica_, noch vielleicht die ganze weite und breite Natur, Mittel im Vermögen hat? Nennt die Natur nicht ungerecht, wenn ihr unnatürliche Wege wandelt! Nur gegen natürliche Krankheiten scheint die Natur Mittel zu besitzen; gegen Übel, welche Folgen unserer unnatürlichen Cultur sind, hat sie weder Kraut noch Pflaster, und ihr einziges Mittel ist nur: thut Buße und glaubet an das Natur-Evangelium! O, daß ihr Buße thätet und glaubtet! -- Ohne daß wir werden wie die Kinder und in dies Philanthropin heimkommen, dem wir den Rücken kehrten -- sind wir verrathene und verkaufte Menschen, zu denen bisweilen die wohlmeinende Stimme erschallt: Adam wo bist du? die sich indeß, so gut sie können, vor sich selbst zu verstecken suchen -- Am fünften Akt scheitern besonders die meisten Frauenzimmer, so wie ein großer Theil der Theaterdichter -- Die Liebe, das Glück des Lebens, wird ihr Unglück; ihr Herz war gebildet, die Tugend zu lieben, und nicht das Schicksal, sondern ihre Nachlässigkeit, macht es zur Verbrecherin -- Die arbeitende Klasse kennt keine besonderen Weiberkrankheiten. Schwangerschaften und Geburten werden nur durch Nebenumstände, die ihren Grund in Lebensart, Sitten und Kleidung haben, erschwert, und sind so wenig Krankheiten, daß Ärzte sie geradesweges als Heilungsmittel vorschreiben könnten -- und zuweilen wirklich vorschreiben. Bei einigen so genannten Wilden hält nicht das Weib, sondern der Mann, die Entbindungsferien. Kaum ist es seiner Bürde entledigt; so badet es sie in dem nächsten Flusse, reicht dem neuen Ankömmling die Brust, ersparet sich das Milchfieber und das Ammenkreuz, und besorgt die Hausgeschäfte nach wie vor, während der Mann, auf seinem Lager hingestreckt, sich pflegen läßt, und von seinen Nachbarn Wochenvisiten und Glückwünsche annimmt, weil er -- man denke der Mühe! -- durch sein Weib ein Kind geboren hat. Da es Helden giebt, deren die Geschichte mit Lob und Preis gedenkt, weil sie in höchsten Gnaden geruheten, sich Schlachten gewinnen und Siege erkämpfen zu lassen, ohne daß sie sich dem kleinsten Gefecht aussetzten und zum Bette der Ehren die mindeste Neigung fühlten, indem sie, wenn es hoch kam, weit über die Schußweite hinaus sehr behaglich zusahen, wie viele Arme und Beine ein Paar Lorbeerreiser kosteten: -- so mag es mit dem Wochenbette dieser Männer so genau nicht genommen werden. Ihr, die ihr der Schwangerschaften und Geburten halben die Weiber für schwächer haltet als Euch; sagt: wie hätte die Natur ihr größtes Werk, die Fortpflanzung des menschlichen Geschlechtes, absichtlich mit solchen Übeln in Verbindung bringen; wie hätte sie den Becher des köstlichsten Nektars mit Wermuth vermischen; wie einer Handlung, über welche sie die besten ihrer Segnungen aussprach, mit so schrecklichem Fluche begleiten und auf unsere Seite lauter Wonne, auf die andere dagegen lauter Trübsal legen sollen! Allerdings sind Schwangerschaften, Entbindungen, Stillung des Säuglings mit einem Aufwande von Kräften verbunden; allein, in dem weiblichen Körper, wenn er unverdorben ist, findet sich Stoff genug, diesen Aufwand nicht nur zu bestreiten, sondern auch dessen Abgang ohne Zeitverlust zu ersetzen. Der Einwand, den man von so vielen Modefrauen ableitet, gilt nicht; denn diese erscheinen bereits so kümmerlich an Lebensstoff und Kräften, daß jede Schwangerschaft ihr luftiges Gebäude bis auf den Grund erschüttert, und jede Geburt es zu zerstören droht -- Planreiche Erfinder, die ihr Rechenmaschinen erdachtet, einem Gliedermanne Schach spielen lehrtet, Luftreisen unternahmt, und durch Desorganisation Leute weiter bringt, als wenn sie _in gradum doctoris utriusque medicincae_ promovirt hätten; ihr denen die Geister so zu Gebote stehen, wie dem Hauptmann von Kapernaum seine Knechte: -- spannt eure Saiten tiefer, und laßt euch zu einer Kleinigkeit herab; erfindet eine Kunst, vermittelst deren unsere galanten Damen von der Last Kinder zu gebären, befreiet werden können. Laßt Söhne und Töchter wie Äpfel und Birnen wachsen; macht, daß sie wie Kohl verpflanzet werden -- Sollten auch durch diese Erfindung in den ersten Jahren (kein Meister fällt vom Himmel) die politischen Volkszähler ein _Minus_ wahrnehmen; so würde doch selbst in diesen Jahren der magern Kühe der Metallwerth des menschlichen Geschlechtes Alles ins Reine bringen, und _Summa Summarum_ wäre um so mehr ein unläugbares _Plus_, da der Staat, anstatt aus Scheidemünze, aus Gliedern von ächtem Schroot und Korn bestehen würde! -- Was gilt ein Persisches Heer nach Parasangen gemessen, gegen einen Macedonischen Phalanx! Doch nein! ziehet eure Schuhe aus, diese Stätte ist heilig. Den rechtmäßigsten, den allerheiligsten in der Vernunft gegründeten Ansprüchen der Menschen auf die Mittheilung der Wahrheit soll hier nicht durch Spott zu nahe getreten werden, der, so wie die üble Nachrede, immer etwas zurückläßt -- Nur Menschenliebe nähere sich diesem feurigen Busche! Jene Kraft der Trägheit, die im Körper ihr Wesen oder Unwesen treiben soll, um ihn beständig in seinem gegenwärtigen Zustande zu erhalten, der sich der Ruhe widersetzt, wenn der Körper in Bewegung, und der Bewegung, wenn er in Ruhe ist, hat nicht die Ehre mir zu gefallen. Eine Kraft, die nur widersteht und nicht von selbst zu wirken vermag, ist eine Kraft, mit der sich wenigstens nicht prahlen läßt. Der edelste Staat muß sich zuweilen zum Angriffskriege verstehen, und es giebt Straf- und Wiederzueignungskriege, wodurch wir unser Recht und das was man uns schuldig ist, einfordern, und den zur Verantwortung ziehen, der sich an uns vergriff -- Der ist weder klein noch groß, der beides nur in dem Grade ist und äußern kann, als man sich ihm widersetzt -- Laßt beide Geschlechter zu ihrer Lauterkeit und Wahrheit heimkehren, und wir werden je länger je mehr finden, daß Mann und Weib auch in diesem Sinn Ein Leib sind -- aber auch Eine Seele? Noch hat es den Psychologen nicht gelingen wollen, in dem Gebiete der Geister weit genug vorzudringen, um bestimmen zu können, ob es unter ihnen einen wesentlichen Unterschied gebe; wenigstens gab es keinen _Geister-Linné_, der sie klassificirte. _Rorarius_ mag es verantworten wenn er bei den Thieren mehr Vernunft findet, als bei Menschen, _Helvetius_, wenn er die Seelen, denen ein Körper mit einem Huf zu Theil ward, mit denen, die einen Körper mit Händen erhielten, in Eine Klasse setzt, und Beide mögen es mit dem _Cartesius_ ausmachen, daß sie seine Maschinenwelt zerstören. Es giebt auch philosophische und Vernunftketzer; denn der Grund zu allen Behauptungen wird aus der Natur genommen: einer Urkunde, die das mit allen Urkunden gemein hat, daß ein Jeder, was er darin sucht, auch darin findet. Jede Geschichte, jedes Faktum muß sich bequemen, sich nach uns zu richten, und der wahrhafteste Mann trägt zuvor etwas von seinem Selbst in jene Geschichte und jenes Faktum, so, daß Alles was der Mensch berührt, etwas von seinem Ich, von seinem Selbst, erhält. Das beste Wasser hat keinen Geschmack; und so geht es auch den meisten Thatsachen, die wir selten ungewürzt erhalten -- und wenn der Würzler auch nur Salz, die kümmerlichste und beste Specerei, darzu thun sollte -- Freunde und Feinde nehmen von einander so viel an, daß man unverkennbare Züge der Ähnlichkeit unter ihnen entdeckt. »Feinde?« Allerdings; und ich behaupte, daß sie noch leichter als Freunde sich in einander abdrücken -- Ein Freund, der unser Widerhall ist, hat wenig Reitz für uns; allein eben das, wodurch Feinde am meisten hervorragen, was am meisten interessirt und auf ihre Seite tritt, pflegt unsere Nachahmung abzugewinnen: so wie man in den Wald schreiet, so erfolgt die Antwort. Eine ganze Schaar von Variantensammlern und Commentatoren trägt ihren Sinn und Unsinn so lange in jede Urkunde, bis eine _Authentica_ erscheint, und diese mag denn, geliebt es Gott! den Werth und Unwerth des Unterschiedes zwischen den Menschen- und Thierseelen entscheiden, wenn nur wir es nicht wagen, unter den menschlichen Seelen Rangordnungen zu bestimmen, die nicht mehr und nicht weniger Realität haben, als Träume und ihre Deutungen. Giebt es denn etwa auch Geschlechtsunterschiede unter den Seelen? giebt es Seelen, die ausschließlich bestimmt sind, weibliche Körper zu bewohnen --? und wer ist der kühne Argonaut, der dieses unbekannte Meer beschifft hat? womit hat dieser Apostel der unsichtbaren Welt sein Evangelium bestätiget? Wo Satz und Gegensatz einander so nahe sind, daß sie sich die Hände bieten können, da liegt jedem die Pflicht auf, seinen Satz mit aller Stärke zu beweisen und dann dem Publico das Richteramt zu überlassen. Erfahrungen wider Erfahrungen, ehe es noch ausgemacht ist, ob die Seele mit sich selbst Erfahrungen anzustellen vermag. Nur im Spiegel kann die Seele sich wahrnehmen; und wer weiß nicht, daß dieser Spiegel das Bild sehr unvollkommen und oft sehr unrichtig wiedergiebt! -- Der Spiegel stellt uns verkehrt dar, und es ist ein unangemessener Ausdruck: der Mensch ist getroffen wie aus dem Spiegel gestohlen -- Allerdings können einzelne Erfahrungen wohl dienen, eine subjektive Überzeugung hervorzubringen; eine allgemeine Wahrheit auf diesen Grund zu bauen, reichen nur Erfahrungen hin, die so allgemein sind, wie die Wahrheit, der sie zur Unterlage dienen sollen. Wie lange ist es, daß wir in diesem Fach Erfahrungen anstellen? Welche Methoden schlugen wir ein? Waren diese so wohl gewählt, daß sich nach ihnen richtige Resultate erwarten ließen? Haben wir wirklich bereits einen solchen Vorrath von Erfahrungen, daß wir ein System wagen können, nach welchem für eine ganze Hälfte des menschlichen Geschlechtes eine so nachtheilige Unterscheidungslinie sicher gezogen werden kann? oder dürft' es uns über kurz oder lang nicht mit dieser gehen, wie weiland Sr. Unfehlbarkeit jenseits der Alpen mit der berüchtigten Demarcationslinie? Mit einem System geht es gemeiniglich, wie mit einem Instrument, auf das wir uns verstehen. Haben wir bei dem System, wovon hier die Rede oder die Frage ist, den gewissen Vortheil unwiderlegbar berechnet? oder ist es eins wie viele andere seiner Brüder, bei denen nichts weiter als Sprachverwirrung obwaltet, wie bei dem Thurm zu Babel; dessen Spitze bis in den Himmel reichen wollte? Nimmt man den meisten Systemen die Sprachverwirrung, was bleibt übrig? -- Noch behauptet die Erfahrungsseelenkunde unter den Wissenschaften nur einen precären Rang; sie stehe indeß oder falle, die Wahrheit verliert nichts, die vor ihr war und nach ihr seyn wird. Stärke der Seele, Muth, Überlegenheit des Verstandes, ein größeres Maaß von Urtheilskraft, Festigkeit des Willens, eine größere Stärke des Gefühls und andere dergleichen Seelenvorzüge der Menschen sind es, die sich die Männer auf Kosten des weiblichen Geschlechtes als Erstgeburtsrechte zueignen. Sie sind mit dem Erdenall, das man zuweilen Erdenball heißt, von Gott belehnt -- die edlen Lehnsträger! -- Da sie indeß Kläger und Richter in Einer und selbsteigner Person sind, so scheinen sie noch gütig zu seyn, wenn sie Weiber bei Menschenseelen rechtskräftig belassen. -- Ob nun (nachdem es dem männlichen Geschlechte rühmlichst gelungen, die andere Hälfte der menschlichen Schöpfung, welche nach ihrer Bestimmung mit ihm ein Ganzes ausmachen sollte, zu unterjochen und sie an den Menschen- und Bürgerrechten nur bittweise, nur in so weit es seinem Majestätsrechte nicht zu nahe tritt und ihm nicht die Krone bricht, großmüthigen Antheil nehmen zu lassen) -- ob nun alle jene Erscheinungen Wahrheiten oder Täuschungen sind, ist eine Preisfrage, die mit vielen andern es gemein hat, daß die Antworten auf dieselbe von beiden Seiten hinken. -- Auf diese Erscheinungen indeß dem schönen Geschlechte alle jene Geistesfähigkeiten abzuläugnen und ihm in falschem Spiel seinen Rang abzugewinnen, heißt gerade so verfahren, wie gegen die Amerikaner, denen man, auf die Aussage einiger Beobachter, die keinen Bart unter ihnen gesehen hatten, dieses männliche, übrigens sehr beschwerliche, Ehrenzeichen nicht nur absprach, sondern aus dem Mangel desselben auch die richtigen Folgen ableitete, daß die Natur ihnen die Keime dazu versagt habe, und daß sie mithin zu einer weit geringern Menschenklasse gehörten, nicht minder daß sie unmöglich von Einem Erzvater mit uns abstammen könnten. Was für eine Hauptrolle der Bart spielen kann, der denn doch, nach dem bekannten Sprichworte, keinen Philosophen macht! Besser wär' es freilich gewesen, wenn man sich die Mühe gegeben hätte, zu untersuchen, ob die Abkömmlinge des _Mankokapak_ dies männliche Unterscheidungszeichen, das übrigens immer ehrenwerth und nützlich seyn und bleiben mag, nicht eben so unbequem fanden, wie die Söhne _Japhets_, und ob sie, in Ermangelung des Aufklärungsmetalls, des Eisens, nicht zu einem andern Mittel ihre Zuflucht genommen haben, diesen beschwerlichen Gast los zu werden. -- Nach genauerer Beobachtung fand sich der Bart, und die Präadamiten büßten abermals einen Sieg ein, den sie schon vermittelst eines so stattlichen Arguments in ihren Händen glaubten -- Das weibliche Geschlecht äußert nicht jene hervorragenden Geistesfähigkeiten, heißt bei weitem nicht: die Natur hat ihm die Anlagen dazu versagt, und also -- o der unbärtigen Schlußfolge! -- steht es eine Stufe niedriger auf der Jakobsleiter der Schöpfung. Sind _wir_ etwa Gott ähnlich, und hat das andere Geschlecht bloß die Ehre _uns_ von Gottes Gnaden ähnlich zu seyn? Warum nicht gar --! Nicht durch Körper, durch Sinne, durch Einbildungskraft nähern wir uns dem Urgeiste, sondern durch den Geist; und wie? fehlt es den Weibern an Verstand und Willen? an der Fülle des Geistes? Überlegen wir nicht oft durch sie? Würzen sie nicht in unzähligen Fällen mehr mit dem Salze der Erden, ohne das nichts schmackhaft ist, mit Vernunft? und ihre Tugend -- ist sie nicht vielfältig reiner, als die werthe unsrige? Übersteigt unsere Eitelkeit die weibliche nicht an allen Enden und Orten? War jener Pharisäer und sein ganzer Jesuiterorden nicht aus unserm Geschlechte? Kann ein braves Weib (und deren giebt es viele) ohne Schrecken und Entsetzen an den _Pharisäer neuerer Zeit_ denken, der mit seinen Bekenntnissen vor Gottes Thron treten, dem Weltgerichte entgegen gehen und sagen will: Wer besser ist, werfe den ersten Stein? Würde nicht selbst _Therese_ mehr als Einen Stein haben heben können, wenn sie nicht durch diesen Gerechten wäre verdorben worden? Können die Anlagen sich entwickeln und Keime treiben, wenn keine wohlthätige Hand sie pflegt? wenn alles so gar sich vereinigt, sie zu unterdrücken und, wo möglich, auszurotten? Sind nicht von Zeit zu Zeit aus dem andern Geschlechte große Seelen aufgestanden, die alle jene ihnen aberkannten Geisteseigenschaften in einem sehr vorzüglichen Grade besaßen? Woher diese eben nicht so seltenen Erscheinungen, wenn es nicht Anlagen dazu in den Weiberseelen gäbe, und es nur eines Zusammentreffens günstigerer Umstände bedürfte? einer pflegenden Hand, um diese zu entwickeln und ihren Kräften jenen Schwung beizulegen, ohne welchen sie nie ihre eingeengte Bahn verlassen hätten? Oder wollen wir der Natur lieber Mißgriffe aufbürden, um nur unser System zu retten? eher das vierte Gebot in Hinsicht dieser unserer guten Mutter so gröblich übertreten, als unsere vermeintlichen Standesrechte aufgeben? Ohne die großen Namen der Fabelwelt von den Todten zu erwecken, denen man denn doch nicht jeden Funken der Wahrheit abstreiten wird -- wer wage es, _Zenobien_, und einer _Anna Komnena_ einen über ihre männlichen Zeitgenossen hervorragenden Verstand und Urtheilskraft, einer _Elisabeth_ Herrschertalente, _Marien Theresien_ Muth und Standhaftigkeit abzusprechen? Will man den Gesichtspunkt näher rücken? Es sey und gelte zwei weltberühmte Namen! CATHARINA DIE ZWEITE und _Voltaire_. Nicht die Selbstherrscherthaten der ERSTEREN, nicht die Kriegeslorbeern, die SIE in IHR Diadem geflochten, nicht der postische Nimbus, der die Götter der Erden umgiebt -- IHR Briefwechsel entscheide, wo SIE nicht im Kaiserglanz, nicht mit den Palmen einer Weltüberwinderin erscheint -- und seht! SIE bleibt groß, wie SIE ist -- und _Voltaire_? klein, so klein, wie er war, so bald die Wahrheit ihm ihren magischen Spiegel vorhielt. Sein theures Selbst ist immer die erste Person; die große Frau muß sich mit der zweiten begnügen. SIE soll -- man denke! -- _Constantinopel_ erobern, oder wenigstens zu _Taganrok_ IHRE Residenz aufschlagen, damit er kommen und IHR die Füße küssen könne, weil es in _Petersburg_ für den _alten Eremiten von Ferney_ zu kalt sei. Noch nicht befriedigt, daß DIE KAISERIN seinen Uhrmachern für 8000 Rubel Uhren abnimmt, soll SIE sogar, um seine Fabrikanten in Nahrung zu setzen, einen Uhrenhandel mit _China_ in Gang bringen. IHR weises Stillschweigen versteht er entweder wirklich nicht, oder -- was glaublicher ist -- er will es nicht verstehen, bis SIE ihm denn endlich mit seinen, einer Kaiserin und eines poëtischen Philosophen so unwerthen Mercantilgeschäften an ein _costiges Handlungshaus assignirt_. Die prosaischste Leidenschaft unter allen, der leidige Geitz, brachte _Voltaire'n_ vom Parnaß auf eine Börse -- König _Friedrich Wilhelm der Erste_ charakterisirte seine Gemählde durch die Losung: _in tormentis pinxit_. In der That, _Voltaire_ schrieb hier in ebenderselben Seelenstimmung. Sonst pflegt das Genie den Dichter über sich selbst und alle Regeln hinweg zu setzen und ihm Dinge zu inspiriren, die größer als er selbst, die göttlich sind, und die er selbst nicht umhin kann, mit Ehrfurcht und Bewunderung anzustaunen. Wo ist hiervon die kleinste Spur? Wir sind ehrgebiger, weil wir ehrsüchtiger sind; und _Voltaire_ war beides in tausend Fällen, nur hier gewiß nicht: Sein Instrument, das er sonst meisterlich spielte, ist völlig verstimmt; und war es bei diesen Umständen Wunder, daß seine Schmeicheleien Gallicismen wurden, wie man sie an der _Seine_ täglich zu Tausenden hören kann? Die Briefe DER KAISERIN führen die Sprache der Natur; nur in Fällen, wenn SIE dem eitlen _Voltaire_ ein Opfer bringen will, zahlt SIE ihm Münze von seinem Gepräge, so wie jener Fürst einem unverschämten Poëten Verse mit Versen bezahlte. Nur auf eine scherzhafte Weise spricht SIE von IHRER Person, während die ganze Welt nicht aufhören kann, ehrfurchtsvoll IHREN Namen zu nennen; IHRER großen Thaten erwähnt SIE so wenig, als wenn sie sich von selbst verständen -- Immer beschäftiget, IHRE _unermeßliche Monarchie_ reich an Menschen und an edler Denkart zu machen, entwirft SIE, während SIE die _Ottmannli_ schlägt, die Conföderirten in Pohlen zerstreuet, der Pest gebietet und den Räubereien des _Pugatschef_ widersteht, _ein Gesetzbuch_ für IHR Volk, das SIE aus allen Zungen und Sprachen unter dieses Gesetz versammelt, um, wie am Pfingstfeste, Einen Geist über dasselbe auszugießen und es zu Einem Ziele zu veredlen. Gleich stark im _großen_ und _kleinen Regierungsdienste_, führt SIE die Inoculation der Blattern ein, beschäftiget SICH mit der Erziehung, erndtet tausendfältig von den durch sie gestifteten Anstalten, erfindet und ordnet Feste an für den _Prinzen Heinrich_, und hat -- Muße ohne Anstrich von Eitelkeit, an den eitlen _Voltaire_ zu schreiben. Diese Seelen mit einander abgewogen, und die Wagschale wo möglich in der Hand eines höheren Wesens -- welche wird fallen? welche steigen? Doch warum höheren Wesens? So tief fielen die Menschen noch nicht, um nicht Ehre zu erweisen, wem Ehre gebührt -- Wozu eine vollständige Nomenklatur von berühmten Weibern, von solchen die das Schicksal zu Kronen berief, und die sie mit Würde trugen? -- Es sei genug, eine _Margaretha von Dänemark_, eine _Christina von Schweden_, eine _Sophia Charlotta von Preußen_ zu nennen; und von denen, die, wenn sie Männer gewesen wären, diesem Geschlecht Ehre gemacht hätten -- verdienen nicht eine _Cornelia_, die edle Mutter der Gracchen, eine _Arria_ und die durch so viele Gerüchte gegangene _Johanna von Arc_ unsere Bewunderung? Nach diesen Beispielen wird man mir ohne Zweifel den Beweis erlassen, daß es den weiblichen Seelen nicht an großen Anlagen fehle. -- Herbst und Winter rauben selbst den Steineichen ihre Blätter; allein die Wurzeln bleiben. Warum jene Anlagen nicht zur Regel werden, sondern Ausnahmen sind? warum sie nicht häufiger entwickelt werden? sind das Fragen? Hat denn _unser_ Geschlecht einen so großen Überfluß von edlen Seelen? Nur selten ist die Ehre, womit _Ulysses_ und _Aeneas_, nicht von der unpartheiischen _Göttin der Gerechtigkeit_, sondern von dem oft sehr partheiischen launigen _Gott Apoll_ kanonisirt wurden. Ohne Zweifel nahm _Homer_ seine _Penelope_, _Andromache_, _Nausikae_, _Arete_ aus der Natur; und noch immer scheinen mir die größere Gleichheit des dienenden und herrschenden Standes, die gemeinschaftlichen Arbeiten der Weiber und der Sklavinnen, die Vertraulichkeit die von dem Umstande kam, daß sie unter einander aufgewachsen und erzogen waren, die Art der weiblichen Arbeit und der Ertrag des Nutzens derselben jene Zeit für die Weiber unendlich erträglicher gemacht zu haben, als die bleierne, in welche das weibliche Geschlecht zu fallen das anscheinende Glück hatte, und welche leider! noch nicht von ihm genommen ist. Im Heldenalter waren die Sitten, wie die Liebe (von jeher lebten Liebe und Sitten in der genauesten Verbindung) roher, und es blieb im Takt! Die _damaligen Übel_ des weiblichen Geschlechtes waren ungerathene Kinder des Ungefährs, dem man, bei so vielen wohlgerathenen, auch jene verzeihen kann; die Übel der folgenden und der jetzigen Zeit sind constitutionell, gründen sich auf Unfakta und inconsequente Vernünftelei! -- Fürwahr, es würde eine unerhörte und nach den angenommenen psychologischen Grundsätzen unerklärbare Erscheinung seyn, wenn unter dem eisernen Drucke des Despotismus das Freiheitsgefühl nicht endlich seine Spannkraft verlieren; wenn aus Mangel an Pflege und Wartung der herrlichste Boden nicht verwildern, und endlich jeder nützliche Keim ersticken; wenn über den Gedanken von entrissenem Rechte, und daß dieses unwiederbringlich verloren gegangen sey, nicht endlich auch das Andenken an jene Rechte selbst und die demselben entsprechenden Gefühle, der Glaube an sich selbst und an seinen selbstständigen Werth, verlöschen sollte. Wenn Schonung, Achtung und Pflege der ursprünglichen Menschenrechte, wenn vorzügliche Cultur und Wartung aller edlen und großen Keime, welche die Natur in die Seele der Weiber legte, nie Statt findet -- was ist da am Ende zu erwarten? Ein Kahn, der sich zu sehr auf die eine Seite neigt, muß umschlagen -- und unser Geschlecht? wenn es eben den chemischen Versuchen auf nassem und trocknem Wege, den Feuer- und Wasserproben, ausgesetzt würde; wenn diese Hiobsleiden, womit wir das andere Geschlecht heimsuchen, über uns verhängt würden -- was wäre aus uns geworden? würden wir noch so viel Urkundliches an uns behalten haben, wie das andere Geschlecht --? Würde der Mann, der Mensch, nicht bei uns weit mehr aufhören, als bei jenem? -- O des großen Musters, welches das andere Geschlecht, nicht mit Pomp, wie die Stoiker und ihr Erzmärtyrer _Peregrinus Proteus_, beim Sterben, sondern ganz natürlich giebt, indem es nicht bloß seine Feinde liebt, sondern auch, und -- das sagt mehr -- seinen Freunden vergiebt! -- Jenes große Wort ist sichtbar an ihm -- _daß es die Schwachheit eines Menschen und zugleich die Zufriedenheit eines Gottes besitzt_. -- Doch warum soll ich zurück halten? So lange die Weiber bloß _Privilegia_ und nicht _Rechte_ haben; so lange der Staat sie nur wie parasitische Pflanzen behandelt, die ihr bürgerliches Daseyn und ihren Werth nur dem Manne verdanken, mit welchem das Schicksal sie paarte -- wird nicht das Weib den großen Beruf der Natur: das Weib ihres Mannes, die Mutter ihrer Kinder, und, kraft dieser edlen Bestimmungen, ein Mitglied, eine Bürgerin, und nicht bloß eine Schutzverwandtin des Staates zu seyn -- nur immer sehr unvollkommen, und je länger je unvollkommener, erfüllen? Die Länge trägt die Last. Man gebe ihm aber seine Rechte wieder, und man wird sehen, was es ist und was es werden kann! Warum eine Kritik meiner namentlichen Beispiele? warum ein Vorwurf, daß es nur blutwenige Ausnahmen gebe? Nach dem reinen Wein unserer Philosophen kann die Tugend nicht wie eine schöne Kunst nachgeahmt werden und nach Beispielen (wären sie gleich die ersten und besten) sich bilden. Aus dem ersten Princip der Selbstgesetzgebung soll sie fließen, wenn sie anders ächt und rein seyn will. Nur da ist Energie der Seele, wo man aus sich selbst schöpft -- und was gilt Mannigfaltigkeit ohne höchste Einheit? was einzelne schöne Züge ohne Alles anordnende und ins Reine bringende Principien? -- -- Die Französischen Prinzen, die ihr Vaterland verließen, erklärten öffentlich: an Gott, an den König und an ihr Schwert sich wenden zu wollen. Drei Instanzen, wo der liebe Gott sich gefallen lassen muß, die erste, das heißt im juristischen Sinne die geringste, zu seyn. Das andere Geschlecht hat nur _Einen Gerichtshof_: an Gott. Überall Männer -- Männer, bei denen nicht Wichtigkeit des Grundes, sondern Mehrheit der Gründe gilt; und welcher Gründe? -- _Raisons d'État_ --? ich greife mir vor; wer kann sich aber zurückhalten? In der That, die Gesetze sind in Rücksicht der Weiber fast noch inconsequenter, als eine thörichte Liebe! So sehr sie auf Einer Seite die bürgerlichen Rechte der Weiber in Absicht auf ihre Personen und ihr Vermögen beschränken, weil sie dieselben für schwach und unvermögend, ihr eigenes Beste wahrzunehmen, erklären; so verpflichtet sie sich halten, das ganze Geschlecht zu einer immerwährenden Vormundschaft zu verstoßen: so schnell hört doch diese Schwäche auf, Schwäche zu seyn, so bald von Verbrechen und Strafen die Rede ist; beide Geschlechter werden mit einem und demselben Maße gemessen -- und in der Kirche, in den Gerichtshöfen, (hoffentlich auch im Himmel) ist kein Ansehen der Person zwischen Mann und Weib: sie sind einerlei Leib und einerlei Seele. Ehre dem _Divus Justinianus_, der, mit mehr Zusammenhang als unsere Gesetzgeber, wegen der gröbsten Vergehungen dem schönen Geschlechte keine Zurechnung zumuthete, und es über alle Strafen wegsetzte! -- Nach seiner Meinung war ein Weib so gut, daß es zu nichts taugte, wogegen es bei uns doch wenigstens einer Bestrafung -- welch ein Vorzug! -- würdig geachtet wird. Bei uns steht es unter dem Gesetze; bei ihm stand es nur unter der Gnade. -- Wahrlich! man kann nicht läugnen, daß es bei uns einen Schritt zur Verbesserung gethan hat, obgleich seine Vollendung, die im weiten Felde geblieben, noch ein Wunder in unsern Augen ist -- Ja wohl, ein Wunder! -- Die Ewigkeit der Höllenstrafen hat ihre Bestreiter gefunden, und dieses Höllenräthsel wird zu unserer knotenlösenden Zeit, wo die kalte Philosophie so manches abkühlt, durch die ewigen Folgen ins Reine gebracht, welche von keiner bösen Handlung getrennt werden können; die Sklaverei des andern Geschlechtes indeß bleibt ein Wurm, der nie stirbt, und ein Feuer das nie verlischt. -- _Gerechtigkeit!_ man hat dir die Binde genommen; und doch siehst du nicht, daß, wenn gleich alle Handlungen, die mit den Personen und dem Vermögen des andern Geschlechtes in Beziehung stehen, ohne einen gesetzlichen Beistand ungültig sind und ohne allen bürgerlichen Effekt bleiben, deine armen Unmündigen durch alle sittliche und bürgerliche Gesetze in eben dem Maße wie die Männer verbunden werden! Selbst nicht bei Gesetzen wider die Contrebande ist nach dem Curator die Frage, und ob in dessen Assistenz dem Kaiser nicht gegeben ward, was des Kaisers ist -- und doch ist ein Weib dem Staate nur durch den Mann verwandt und zugethan: Nur _er_ huldigte ihm und seinen Gesetzen. Ist es Wunder, wenn Weiber die Gesetze befolgen, wie die Nonne den Psalter singt? wenn sie den ernsthaften Anordnungen des Staates eine Folie des Lächerlichen unterlegen, und sich da noch Auslegungen derselben erlauben, wo blinder Gehorsam erfordert wird? War je eine ärgere Löwengesellschaft? und trift es irgendwo klärer ein, daß man größere Diebe laufen läßt, und kleinere zu hängen sich nicht entbricht? Staaten, die zum Schutze der Menschenrechte entstanden, entziehen ihn der Hälfte ihrer bürgerfähigen Einwohner! -- Es ist natürlich, wenn der Wille sich da sträubt, wo die Vernunft so viele Steine des Anstoßes und Felsen des Ärgernisses findet -- -- Leiden einzelner Menschen (besonders wenn diese nicht die verdammlichen Urheber davon sind) vollenden, und nichts was groß war, kam ohne sie je zur Reife; Leiden aber, die einem ganzen Volke nicht von der Natur und vom Schicksal, sondern bloß willkührlich zugefügt werden, hemmen allen Muth: sie erschlaffen und entseelen die edelsten Völker, so daß man ihre Stätte nicht mehr findet. -- Ewig Schade um alle die Fortschritte, die durch jene männliche Grausamkeit gehemmet werden! Welch ein Stoff muß im andern Geschlechte liegen, da er allen diesen Hindernissen noch bis jetzt so stattlichen Widerstand leistete! -- Doch, unmöglich könnten die Weiber noch seyn, was sie sind, und die Lage behaupten, in der sie sich befinden, wenn nicht Geschlechterneigung und Reitze ihnen Subsidien geleistet hätten. So hat bis jetzt die Natur den Menschen noch nie ganz verlassen, wenn er ihr auch unerkenntlich den Rücken kehrte! Ein gewisser glücklicher Zustand, nach welchem den Menschen wenig zu wünschen, allein eben darum viel zu befürchten übrig bleibt, macht sie unglücklich: -- sie erstreben nichts; ihre Seele verliert den Schwung, ihr Geist das Geistige; und so wie dieser glücklich-unglückliche Zustand das Schicksal vieler regierenden Herren ist, die ihren Beruf nur von der Seite der Hoheit und der Macht kennen, auf Kleinigkeiten fallen, und Nebendinge der Regierung, oder gar solche die ihres Amtes nicht sind, zu Hauptsachen erheben: so scheint er auch überhaupt auf dem königlichen Geschlechte der Männer zu ruhen. Dieses sucht mehr durch Ausflüchte, als durch Muth und Weisheit, den Gefahren zu begegnen; es spielt mehr den Herrn und Meister, als daß es beides wäre; an Willkühr gewöhnt, verlernt es, auf Mittel zu sinnen; zur Herrschaft geboren und erzogen, denkt es nicht darauf sie zu verdienen; es vernachlässigt sich, da es keinen Anreitz hat und zu keinem edlen Wettlaufe sich in seinem Hause anstrengen darf; es fällt zusammen, da es sich nicht die Mühe giebt, sich gerade zu halten. Man sage nicht, daß die Männer bei andern Männern Licht anschlagen können; Tyrannen sind verzagt, und kriechen überall, wo sie nicht befehlen dürfen. Wahrlich! nicht nur Weiber, sondern auch wir, haben durch jene Herabwürdigung des andern Geschlechtes verloren -- wer am meisten? Ist es zum Beispiel ein Wunder, wenn das fräuliche Geschlecht falsche Münze gegen falsche Münze wechselt, und die Tyrannei des Herrn Gemahls mit Augendienst erwiedert? -- Ist es ein Wunder, wenn alle beide sich das Leben verbittern, und bei dem wohlseligen Hintritt des Herrn Gemahls -- Gott tröste ihn! -- die am pompreichen Leichengerüste wohlangebrachten Genien die einzigen sind, die ohne End' und Ziel, Thränen vergießen, womit sie den letzten Funken der umgekehrten Fackeln auslöschen, während die trostvolle Frau Wittwe, unter einer ehrwürdigen Decke, ihre Rolle meisterlich spielt und fröhlich und guter Dinge ist? -- Von Anbeginn ist es nicht so gewesen.