Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber

Part 15

Chapter 153,387 wordsPublic domain

Seitdem _Semiramis_ mit rascher entschlossener Hand das Zepter ergriff, und es mit so vieler Würde als Weisheit führte, haben viele Weiber, und unter diesen mehrere welche die Geburt nicht für ein Diadem bestimmte, den Herrschertitel mit Ehren getragen. Giebt es nicht Länder, die in ihren Regentenlisten eben so viele berühmte Namen des einen als des anderen Geschlechtes aufführen? Wenn das Cabinet außer der _Ritterin d'Eon_ keinen weiblichen Geschäftsträger aufzuweisen hat; sollte dies wohl die Unfähigkeit des anderen Geschlechtes beweisen? Bei Allem, was durch Vernunft erklügelt, durch Dreistigkeit errungen, durch Witz erhascht, durch Gutmüthigkeit erreicht werden kann, wird die schöne Welt nicht zurückbleiben; -- und wenn feile Seelen allen Triebfedern dienstbar sind, werden Weiber nie vergessen, was anständig ist -- welches da, wo der Anstand sich das Ansehen giebt am höchsten getrieben zu seyn, oft schnöde vergessen wird. Lord _Chesterfield_ soll bei einer Assemblee auf _Voltaire'ns_ Frage: _halten Sie die Englischen oder die französischen Damen für schöner?_ geantwortet haben: _ich verstehe mich nicht auf Gemälde_; und doch wüßt' ich keinen Hofmann, der sich so zu schminken verstanden hätte, wie dieser Mann, der unter den Lords den Gelehrten, und unter den Gelehrten den Lord machte. Wer _le fin du fin_ in dem diplomatischen Fache kennt und übt, richtet auf diesem Wege oft am wenigsten aus -- Adler fangen nicht Fliegen, und der Prätor setzt sich über kleinfügige Subtilitäten hinweg -- Der weibliche Vortrag ist gemeiniglich mit dem was vorgetragen wird, aus Einem Hause; diese Zwei sind Eins, und nie oder selten findet hier eine Mésalliance Statt, welches aber zwischen dem männlichen Vortrage und der vorzutragenden Sache sehr oft der Fall ist -- Wüßten wir, was in Cabinetten durch Weiber geschehen ist: wir würden über die interessantesten aller Spiele, die Täuschung der Imagination, erstaunen, wodurch Weiber zu ihrem Zwecke kamen; wir würden die Kunst bewundern, mit welcher ein Weib oft den Faden einer Begebenheit anspann, den sie durch alle Schleichwege der Intrigue glücklich bis zum Ziel hinausführte. Eigentlich scheinen sie jener Künste, worauf die Politik heut zu Tage stolz thut, sich bloß darum zu bedienen, daß die Männer mit gleicher Münze bezahlen können; im Grunde sind sie von Natur aus, weniger, als wir mit jenen Schlangenwindungen der Zweideutigkeit, mit jener politischen Falschheit ausgerüstet, die nach den Regeln der jetzigen Kunst im Finstern schleicht; und es ist von ihrem Verstande und von ihrem Herzen zu erwarten, daß sie die Politik säubern, und ihr zum Besten der Menschheit mehr Natur und Wahrheit beiordnen werden. Mit dem Talent, die heimlichsten Gedanken eines Andern auszuspähen, und sie in den verborgensten Winkeln zu ertappen, werden sie den schlauesten Diplomatiker überlisten, ohne daß es Sr. Excellenz gelingt, ihnen ihr Geheimniß zu entwenden; und obgleich der Wille der Principal-Excellenz, wie ein Taglöhner, oft dem liederlichsten Weibe verkauft wird: so wird doch auch der Feinste von den Feinen vergebens sie verleiten, ihren Fuß an einen Stein zu stoßen -- Nicht bloß die verliebte Schäferin, sondern auch der Hofmann verbirgt sich im Gesträuch; allein beide lassen sich _zuvor_ sehen -- Die Kunst vermehrt oft die Schmerzen des Kranken, und es giebt eine verkünstelte Kunst die in's Abderitische fällt, wodurch unser Geschlecht in der Diplomatik Glück machen will -- Wir verfehlen nicht, dem Erzengel _Michael_ und dem _Drachen_ eine Kerze zu widmen -- Warum doch so viele Künste! -- Werden Weiber aber bei diesem Geschäfte den ihnen eigenen Edelmuth aufgeben? jene aus Menschenliebe abstammende Bereitwilligkeit zur Selbstverleugnung? werden sie je bei der ihnen eigenen Kunst Menschen zu vernehmen und zu erforschen, aufhören, großmüthig zu seyn und sich selbst zu besiegen? Nimmermehr! Schwache Männer pflegen gern boshaften Menschen ihr Zutrauen zu schenken, schwache Weiber dagegen sich edlen Menschen zu überlassen: Weiber hassen Verrätherei und den Verräther; wir nur, wenn's köstlich ist, den Verräther: wir sehen es gern, wenn dergleichen Leute viel bringen, und geben uns nur Mühe, daß sie wenig oder nichts mitnehmen -- Weiber, weit hinweg über jene politischen Tiraden, über jene politischen Metaphern und jenen politischen _Salto mortale_, wählen die Natur zu ihrer Lehrerin, und richten mehr aus, als Excellenzen durch abgenutzte, verrathene und verkaufte _Kniffe_, die den beschrieenen Namen _Künste_ bei weitem noch nicht einmal verdienen --! Können Weiber nicht zeigen und verbergen, was sie wollen? Haben sie nicht eine Offenheit, durch die sie mehr, als durch Zurückhaltung, ausrichten? eine unvergleichliche Biegsamkeit der Gedanken, eine Helle im Ausdruck, eine Geschmeidigkeit im Urtheil --? Ihr Mienenspiel, ihr Glück und ihr Verdienst, mit geringen Hülfsmitteln die größten Wirkungen zu bewerkstelligen -- ihre Kunst, jedem einen Spiegel vorzuhalten, worin _er_ sieht, was _sie_ wollen; ihre gelenkige Zunge, wodurch sie ihren Ideen eine Macht beilegen, die Alles überwindet: -- dies sind Eigenschaften, wodurch sie alles ausrichten. Man nimmt nur die Wirkung an sich wahr, und sieht sich vergebens nach den Ursachen um, welche die Weiber sehr künstlich zu verstecken wissen. Schon im gemeinen Leben verwickeln sie mit ihrem Witze alle Charaktere der Gesellschaft auf eine so angenehme Art, daß man diese ihre Leichtigkeit bewundern muß. Indem sie der Ausdruck zu verlassen scheint, indem sie ihn aufgeben, finden sie eine überschwengliche Sprache: sie belauschen kleine Ideen, die der, den sie gewinnen wollen, fallen läßt; -- sie wissen auf ein Haar seine Leibgerichte, seine Neigungen, seine Stärke, seine Schwäche; und besitzen die große Gabe, von Glück und Unglück Gebrauch zu machen -- wie bewunderungswürdig! -- Unser Geschlecht verstehet es selten, aus dem Glück, und fast nie, aus dem Unglück Vortheil zu ziehen und glücklich durch Unglück zu seyn. --

Der _Mangel der Verschwiegenheit_, den man dem andern Geschlechte so oft zur Last legt, ist nur eine Unart des _weiblichen Pöbels_; und der _männliche_ Pöbel macht in dieser Hinsicht so wenig eine Ausnahme, daß er fast schwatzhafter zu seyn scheinet. Weil die Weiber viel reden, hat man sie der Unverschwiegenheit beschuldiget; allein unser Geschlecht verdient diesen Vorwurf unendlich mehr; -- wenn es voll süßen Weins oder verliebt ist, fast immer, und auch oft dann, wenn es sich weder durch Liebe noch durch Wein erhitzt hat -- Nichts kann Manchen zurückhalten, sogar seine selbsteigene Schande zu entdecken -- Kein Soldat kann so begeistert von seinen Siegen erzählen, wie ein Zierling (_Élégant_) von den seinigen. Hat man nicht _Mirabeau_, dem goldenen Munde neuester Zeit, den Vorwurf gemacht, daß er nichts verschweigen können? Jene Weigerung guter Menschen, Alles hören zu wollen, nur keine Geheimnisse, beweiset, daß wenige Menschen zu solchen Depositis sich Treue genug zutrauen. Viele unseres Geschlechtes haben so viel selbsteigene Geheimnisse zu bewahren, daß sie sich mit fremden Depositis nicht füglich befassen können; viele sind niedrig genug, Depositen-Gebühren auf eine unverschämte Weise zu verlangen -- Wer sich selbst nicht treu ist, und seine eigenen Unthaten unter die Leute zu bringen für unbedenklich hält, glaubt sich, wo nicht rechtfertigen, so doch entschuldigen zu können, wenn er seinen Herrn oder seinen Freund verräth! -- Männer sind so fein sich zu überreden, daß sie zum Heil und Frommen eines besseren Menschen das Beichtsiegel brechen können, das auf die Geständnisse eines minder guten schon gedrückt war! -- Mancher Richter macht sich kein Gewissen, unter Versicherung des Nichtgebrauchs, Bekenntnisse herauszulocken. »Hat denn,« fragt er, »der Staat nicht mehr Recht auf mich, als meine Verbindlichkeit?« Du irrest, Verräther! der Tugend stehet das größere Recht zu. Die Pflichten gegen das Vaterland heben bei weitem nicht alle anderen Pflichten auf, und ein Bürger muß nie aufhören ein Mensch zu bleiben. Im Kriege selbst darf man den Vorzug nicht aufgeben, ein Freund seines Freundes zu seyn! Auch haben die Männer ein verrätherisches Schweigen, ein Achselziehen im Gebrauch, die Weise ein halbes Wort zu sagen, den ersten Buchstaben anzugeben -- Diese Judas-Verrätherei durch einen Kuß, dieses plauderhafte Stillschweigen, läßt das andere Geschlecht sich gar nicht zu Schulden kommen -- Man rede nicht von der Unverschwiegenheit der Weiber! -- --

Noch weniger aber sollte den Weibern untersagt seyn, an der _inneren Staatsverwaltung_ und _Staatshaushaltung_ Theil zu nehmen, da ihnen gegenwärtig schon im Ganzen die Verwaltung ihres eigenen Hauswesens anvertrauet ist, und sie bei diesem, ihnen zugefallenen Pflichtteile, selbst nach dem Zeugnisse der Männer, sich rühmlichst verhalten. Gewiß hätten wir alsdann weniger Tyrannen, die auf festem Grund und Boden Schiffbrüchige mit Lust arbeiten sehen, oder die des Spaßes wegen solchen, die mit den Fluthen ringen, unter Pauken- und Trompeten-Schall vermittelst einer heilsamen Verordnung Strohhalme zuwerfen; weniger Blutigel, die hier jeden Bissen finanzmäßig zuschneiden, und dort den Schweiß und das Blut der Unterthanen ohne Maß und Ziel verschwenden; -- die sich Mühe geben, dem gemeinen Manne das Huhn aus dem Topfe herauszurechnen, welches _Heinrich IV_ ihm alle Sonntage in den Topf hineinzurechnen Königliche Sorge trug; -- die ihre Administration, wie elende Feldherren ihre Einnahmen, mit Plünderungen anfangen, und, um sich aus dem Gerede über neue Plackerei zu bringen, Redouten und Bälle, Diners und Soupers geben, und es wie weiland _Alcibiades_ machen, der seinem schönen Hunde Ohren und Schwanz abschnitt -- -- Wir hätten alsdann weniger Großprahler und Meister, die gleich vom Himmel fallen, ob sie schon entweder Colporteurs von alten abgetragenen Meinungen sind, welche sie wie ein Bettelkleid mit einem Flick von Sammet bereichern, oder aber (trotz jenem Ober-Chirurgus, der sich dienst- und kunsteifrig dahin ausließ: hinter die Krankheit muß ich kommen, wenn auch das ganze Regiment darauf ginge!) eine neue verzweifelte Kur nach der andern probiren -- und das Alles? um reiche Arme und arme Reiche zu machen -- O, wie viele hochgepriesene Schwachköpfe giebt es, die Einen Stand auf Rechnung des andern in verhältnißwidrigen Cours bringen, damit der eine durch Übermuth, und der andere durch Hungersnoth verderbe! wie viele, die nichts im Ganzen übersehen können, und denen es ein leichtes dünkt, aus Deutschen Franzosen, und aus Pohlen Holländer zu _fabriciren_ --! wie viele Finanzblitzer, deren Aufblitz nur dazu dient, daß man das Schreckliche der Verderbensnacht mit Schauder erblicke! -- Diese Herren sollten die Ermahnung jenes Weisen an einen Frevler beherzigen, der bei einem gefährlichen Ungewitter die Götter bestürmte: -- sich still zu halten, damit die Götter nicht wüßten, daß er hier wäre. -- Nehmt das Triumvirat unserer außerordentlichen Minister, des _Grafen Struensee_, _Pombals_, _Neckers_; -- und das sollte kein Weib thun, was diese Excellenzen thaten?

Wer dem weiblichen Geschlechte die Fähigkeit abspricht, das Ganze zu übersehen, Anordnungen für Königreiche zu treffen, sie im Großen auszuführen, weit aussehende Plane zu umfassen, und kurz, ihre Begriffe bis zum Allgemeinen zu erheben, der verräth wenig Weltkenntniß, und schließt von den Geschäftendes Detail -- denn größtentheils werden bloß diese den Weibern jetzt anvertrauet -- auf ihre Fähigkeit. Und wie? soll es denn bei diesen Geschäften nicht auch subalterne Köpfe geben, da Arbeiten dieser Art bei unsern jetzigen Einrichtungen überall existiren? Wo es Feste oder Erhöhungen gewisser Tage des gemeinen Lebens giebt, da müssen auch Werktage seyn -- Nur alle sieben Tage ist ein Sonntag -- Weihungen gewisser Lebens-Momente zu einem vorzüglichen Lebensgenusse setzen auch gewöhnliche Tage voraus. Und sind wir denn lauter Sonntagskinder? -- Bewunderungswürdig ist das Talent zu rechnen selbst bei gemeinen Weibern, ob sie gleich sich über unsere Rechnungsmethode wegsetzen, und oft ihre eigene Arithmetik auch alsdann noch beibehalten, wenn sie nach der gewöhnlichen Schulmethode zu den Geheimnissen der Zahlen zugelassen worden sind. Ihre Kanzelei ist mir, bei aller ihrer Unregelmäßigkeit, schätzbar, wenn gleich Keuschheits-Procuratoren noch nicht einig sind, ob und in wie weit das Schreiben dem weiblichen Geschlechte nützlich oder schädlich sei. Giebt es nicht Männer genug, die ihre Töchter nicht anders zu bewachen wissen, als daß sie ihnen Tinte und Federn untersagen?

_Storch_, ein neuer Reisender, fand, nach seinen Bemerkungen über Frankreich, in der Schule des berühmten Tachygraphen _Coulon de Thévenot_ zu _Paris_ Mädchen, unter denen es einige in der Kunst geschwind zu schreiben, zu einer erstaunenswürdigen Fertigkeit gebracht hatten. Heißt das nicht mehr als Orthographie und Kalligraphie?

Vieles in der _Stadt- und Landwirthschaft_ hat man bis jetzt als unbedeutend behandelt; viele Hausthiere sind lange nicht in dem gehörigen Maße genutzt und im Ertrage in Anschlag gekommen, und überhaupt ist das anzubauende Feld nicht klein, welches auf Weiberköpfe und Hände wartet, um urbar zu werden -- Fast möcht' ich sagen, die Ökonomie sei weiblichen Geschlechtes, und vorzüglich die, welche ins Große geht -- Wie wir doch Alles so meisterhaft -- wie soll ich sagen? -- _um_zukehren oder zu _ver_kehren gewußt haben!

Und du, _heilige Justiz_! unübersteiglich dem, der dich, wie der Pilger die Alpen, ohne Alpenschuhe, Stab und Führer ersteigen will! mystische Aristokratie, die du dich oft zwischen Fürsten und Volk stellest -- angeblich um Mittler- oder Mäkler-Dienste zwischen beiden zu üben, eigentlich aber um beide zu beherrschen -- darf ich es wagen, dich um Audienz zu bitten? Zwar weiß ich, wie edel dir deine Zeit ist, um dich nach einem dreistündigen Sessionsschlaf zu erholen, und zu einer abermaligen Sessionsruhe neue Kräfte zu sammeln; doch will ich dich gewiß weniger aufhalten, als du alle deine Partheien aufhältst -- Die Beobachtung der Natur hat den größten Meistern in den schönen Künsten die Regel zugeführt: daß wenige und einfache Zeichen, wenn sie mit Weisheit gewählet werden, eine kräftigere Wirkung thun, als durch eine verschwenderische Häufung zwecklos gewählter Zeichen möglich ist. Darf ich so frei seyn, diesen Umstand der gesetzgebenden und gesetzübenden Justiz zur Erwägung zu empfehlen? _Hume_ ging von seinem Freunde _Jortin_, einem Geistlichen, mit dem er über natürliche und geoffenbarte Religion einen Wortwechsel gehabt hatte; und da der Philosoph nicht zugeben wollte, daß der Geistliche ihn begleitete, fiel er. Der Geistliche, der ihn fallen hörte, kam ihm mit seinem Lichte zu Hülfe, und machte ihn mit den Worten verdrießlich: »Habe ich Ihnen nicht oft gesagt, lieber Freund, daß Sie Sich nicht zu viel auf eigene Kräfte verlassen sollen, und daß das natürliche Licht nicht hinreicht?« Die natürliche Religion verlor durch diesen Fall _Hume'ns_ nur eben so viel, wie die geoffenbarte durch das Licht _Jortin's_ gewann; allein die Justiz verliert durch den Umstand, daß auch die ersten ihrer Officianten sehr oft nicht wissen, wie sie mit ihr daran sind -- Sie fallen mit und ohne Licht, mit und ohne Begleitung; und ich weiß nicht, woran es liegt, daß Niemand recht weiß, was Rechtens ist. Ihre Sentenzen, welche die Sache lösen wollen und sollen, sind gemeiniglich neue Räthsel, die sie aufgeben; und doch gehören viele Sächsische Fristen und viele doppelte Sächsische Fristen dazu, ehe man die _hochlöblichen Herren_ zum _Stehen_ bringt; und wie viele Fristen verlaufen nicht, ehe sie zum _Sitzen_ kommen! Die Justiz war zu jeder Frist eine dürftige Krücke, an welcher der Staat hinkte, und noch obendrein von so _schadenfroher und bösartiger Natur_, daß sie auch selbst dem, der sich zutrauensvoll auf sie stützte, die Hand durchbohrte. Wie oft sind ihre Urtheile vergiftete Hostien, die man bei großem Pomp des Hochamts empfängt. -- -- In ihrer goldenen Zeit ist die Justiz ein Guckkasten, worin schöne Raritäten und schöne Spielwerke zu schauen sind -- Es gab von jeher unter den Juristen _Élégants_; und wer hat nicht von der _eleganten Jurisprudenz_ reden gehört? Auch der einsichtsvollste Jurist wird in eigenen Angelegenheiten nicht wissen, was er zu thun und zu lassen habe, um etwas Rechtbeständiges zu unternehmen; und so scheint die gar zu große Kunst der Justiz dem Menschen, den Gott aufrichtig gemacht, völlig unangemessen zu seyn.

Sollte sich einst die bürgerliche Verbesserung der Weiber bis auf die Rechtspflege erstrecken, und das Recht aufhören, ein Monopol einer besondern besoldeten Männer-Klasse zu seyn; nur alsdann wird man anfangen einzusehen, daß Rechtspflege nicht heißt, im Orakelton unverständliche Formeln hersagen, die nur wirksam sind, weil neben der Wagschale auch das Schwert liegt, sondern daß sie sich bemühen muß, die Partheien über Recht und Unrecht zu belehren und zu überzeugen, wenn sie einen Theil der Ehre verdienen will, die sie sich jetzt so gränzenlos und machtvollkommen beilegt. Man sagt: _Necker_ sei tugendhaft, um damit prahlen zu können; _la Fayette_ sei es, um es zu seyn und nicht zu scheinen. Würde dies nicht der Fall mit Richtern aus der weiblichen und männlichen Klasse seyn?

Schon fängt der Gedanke an sich je länger je mehr zu regen, daß nur Gleiche zwischen Gleichen entscheiden können, wenn Recht nicht ein todter Buchstabe bleiben, sondern ein lebendiger werden soll. Würde es indeß nicht schreiendes Unrecht seyn, bis dahin, und ehe jener glühende Funke in der Asche zum Feuer ausschlägt, den Weibern die Richter- und Schöppenstühle zu verschließen? Man behauptet in England: unbesoldete, dem Beklagten gleiche, von ihm anerkannte, nur auf eine kurze Zeit zum Wohl der Mitmenschen und nicht schnöden Gewinnstes oder eitler Ehre halben berufene, einstimmige Richter, oder Geschworne (_Juries_), wären eine Schutzwehr der bürgerlichen Freiheit, und eine unüberwindliche Festung, wenn gleich die Künstelei der politischen Maschine bisweilen zu gesucht seyn sollte, wenn gleich in ihrem Räderwerke zu viel oder zu wenig Zusammensetzung Statt fände, wenn gleich in der Vertheilung der Gewalt, in der Repräsentation des Volkes, und in der Abtheilung der Stände Organisations-, Schwachheits- und Bosheitsfehler wären -- Jene Justiz-Verwaltung allein würde schon, was schwächlich ist, beim Leben erhalten, und nichts erschöpfen lassen, was zum Vortheile und zum Glanze der Nation einen Beitrag liefern kann. In der That, auch im monarchischen Staate könnte durch eine ähnliche Justizverwaltung Alles einen andern Schwung bekommen, und so Manches belebt werden, was jetzt gelähmt ist -- Monarch und Volk würden gewinnen. Wie aber, wenn sogar das andere Geschlecht an dieser Rechtspflege Antheil nähme, wenn nicht bloß durch gute Männer (_arbitros_), sondern auch durch gute Weiber, Zank und Streit beigelegt oder entschieden würde? müßte da die Justizverwaltung nicht noch vollkommener werden? Menschen, die bloß gesetzlich sind, haben keine Haltung; -- es sind im eigentlichen Sinne bloß unnütze Knechte, die zwar thun, was ihnen geboten ist, allein damit nichts Gutes stiften -- Die Gesetze und die Leidenschaften sind oft so verwandt, daß der, welcher der Vernunft und dem Gewissen (der praktischen Vernunft) nicht folgt, bei aller positiven Gesetzlichkeit nicht selten ein verdorbener Mensch ist -- Wer kann hierauf genauere Rücksicht nehmen als das andere Geschlecht? wer es mehr empfinden als Weiber, daß der Zwang, durch den Andere eben so frei werden, die Probe der wahren Freiheit sei? -- Trockne und ungekünstelte Wahrheit gilt in der Geschichte und überall mehr, als eine noch so glänzend scheinende Falschheit. Jener medicinische Pfuscher, der einen König von einem Quartanfieber befreiete, welchem alle kunstverständige Ärzte, ihrer hohen und tiefen Gelehrsamkeit ungeachtet, nicht gewachsen waren, antwortete, als er _par ordre du Roi_ den Doktor-Hut erhalten sollte, und der Form halben examinirt ward, auf die Frage: »was ist das Fieber?« _eine Krankheit, die Sie, meine Herren, sehr geschickt zu definiren, und nicht zu curiren verstehen, und die ^ich^ nicht definiren, wohl aber curiren kann_ -- Die evidente Vernunft ist eine Mitgift, welche die Natur allen Menschen in gleichem Maße bewilligt hat. Der allergemeinste Grundsatz des Naturrechtes, mit dessen Ausübung Zwang unwidersprechlich verbunden werden kann, ist das Gesetz:

verhindere, daß die Vollkommenheit aller Menschen nicht gemindert werde;

und liegt in dem höchsten Material-Gesetze der Sittlichkeit:

vervollkommne alle Menschen.

Ist Vollkommenheit nicht die höchste Stufe der Ausbildung aller Kräfte zu einem Ganzen? Ich will es hier mit keiner Schule verderben; denn meine Absicht ist nicht, nach väterlicher Weise der Richter- und Philosophenstühle, durch Zank und Streit die edle Zeit des Handelns zu versäumen. Darf ich indeß, um die Justiz zu überzeugen, daß sie mit sich selbst uneins ist, noch beiläufig bemerken, daß die Vollkommenheit aller Menschen mir der Zweck der sittlichen Gesetze zu seyn scheint? Und was will man mehr als diese höchste Ausbildung? Sollten indeß Gesetze nicht auf alle Menschen ausgedehnt werden? Kann man ein vernünftiges Wesen bloß als Mittel zu höheren Zwecken ansehen? Jener allgemeine materielle Grundsatz ist und bleibt ein Kennzeichen der Form aller Sittlichkeit, gemäß der allgemein geltenden Gesetzmäßigkeit und ihrem obersten Grundsatze: die Vorschriften, nach denen du handelst, müssen so beschaffen seyn, daß sie allgemeine Gesetze werden können. Verschlag' ich zu weit, oder kann unsere neue Philosophie nicht ein Tribunalsausspruch meiner Vorschläge werden? Eine gute Gesetzgebung ist sicher das Meisterstück des menschlichen Geistes; und wer aus Kenntniß unserer Natur weiß, daß die Sitten der Nationen ihre Bildung größtentheils der Wirkung der Gesetze zuschreiben müssen, wird es mir nicht verdenken, daß ich unsere Juristen etwas weiter zurückführe, als diese Herren vom gewöhnlichen Schlage zu gehen gewohnt sind. Schon da, wo die Weiber jetzt das Richteramt führen, in gewissen _causis privilegiatis_, zeigen sie sich als Meisterinnen in ihrer Art, und beschämen ihre Männer, die gemeiniglich Alles verderben, sobald sie es sich herausnehmen, Stellvertreter ihrer Weiber seyn zu wollen --

Man sagt: _Weiber wären hart_; allein läßt sich die Justiz in Gefühle auflösen? _sie wären zu peinlich bei ihrer Nachforschung_; allein kann man es zu sehr seyn, wenn es Schuld und Unschuld der Menschen gilt? Es fehlt den Weibern selbst nicht an Gedächtnis, um eine Legion Gesetze zu behalten, noch an Geduld, die ewigen Klagen und Schutzreden der Partheien anzuhören, und in einem feinen guten Herzen zu bewahren; nicht an Beredsamkeit, um den Sturm der Partheien zu besänftigen und die Fluth der Rede in ihr Ufer zurück zu weisen -- Wie geschickt würden sie zu Versuchen der Sühne seyn! -- Überraschung ist der natürliche Ersatz für alle unangenehme Verwirrung, ohne die sie nicht zu erhalten war; allein ist dies der Fall bei unsern richterlichen Sentenzen? sind sie nicht gemeiniglich ein neues verwickeltes Knäuel? wechselt nicht Verwirrung, bis endlich die dritte Instanz, gemeiniglich durch einen Machtspruch (so sehr auch dies Wort bei den Herren Juristen gehaßt und verfolgt wird) aller Fehd' ein Ende macht? --