Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber
Part 12
Wer kann den Weibern ein gewisses Kunstgefühl absprechen? und scheint nicht weniger der Mangel an Anlagen, als ihre zeitherige Lage, Schuld zu seyn, daß sie so wenig Vorzügliches in den schönen Künsten und Wissenschaften leisteten? An dem reitzenden Schauspiele ringender, wenn gleich oft auch unterliegender, Kräfte ist uns zuweilen mehr, als an der Entscheidung und an prahlenden Siegen gelegen; und schlummert nicht zuweilen auch selbst der große _Homer_? Werden nicht selbst sehr wache Augen vom Schlaf überwunden? schläft nicht zuweilen _Brutus_? Schöne Künste und schöne Wissenschaften erfordern einen weiten Spielraum, leiden keinen drückenden Zwang, und gedeihen nur da, wo der Geist, sich keiner Fesseln bewußt, das Gebiet der Einbildungskraft, jenes Reich der Unsichtbarkeit, durchkreuzen kann. Auch bei der größten Empfänglichkeit für schöne Formen und Gefühle, auch bei der glücklichsten Organisation, wird, so lange der jetzige Druck dauert, nichts Großes, nichts Vollendetes das Theil der Weiber seyn; eben so wenig wie der Griechen, die bei den nämlichen Anlagen, bei dem nämlichen milden Himmel, nie etwas, den unerreichbaren Meisterstücken ihrer Vorfahren Ähnliches hervorbringen werden, so lange ihr Nacken noch in das eiserne Joch der Türken eingezwängt bleibt. Wie wär' es möglich, daß das weibliche Geschlecht, so lang' es im Käficht eingeschlossen ist, und ein schnödes Vorurtheil seine Flügel lähmt, sich in die höheren Regionen aufschwingen sollte? Die Seele pflegt schwach zu seyn, wenn der Leib es ist, und Sklaverei erlaubt ihren Gefesselten keinen Flug eine Spanne hoch über die Erde. Doch zeigten _Einige_, daß sie Eines Geistes Kinder mit Männern wären; und irre ich mich, oder ist es gewiß, daß sie weniger nach jedem Fünkchen eines fremden Lichtes haschten, um es aufzufangen, als wir? Mit geübterem Verstande, mit geschärfterer Empfindung, mit reicherer Phantasie, mit festerem Charakter, werden sie reifere Früchte bringen, und in dem Felde des Schönen, auf das sie ohnehin schon unleugbare Ansprüche haben, Thaten thun -- werth der Unsterblichkeit. Man klagt nicht ohne Grund: alle Oberideale wären mit dem Heidenthume verloren gegangen; und da die ins Große gehende Kunst ohne Ideale nicht bestehen könne, so schiene es, als ob unsere Dichter und Künstler sich nicht über die gemeine und wirkliche Natur zu erheben im Stande wären. -- Vielleicht ist es dem schönen Geschlechte vorbehalten, sich hier neue Bahnen zu brechen, und mit neuer verjüngter Einbildungskraft zu schaffen was verloren ging, ohne dem Segen der größeren und heilsameren Wahrheit der christlichen Religion, welche für alle jene Ideale durch ihren weisen und beglückenden Einfluß entschädiget, zu nahe treten zu dürfen.
Unser Geschlecht hat Gelegenheit, so viel von der Prosa der wirklichen Welt kennen zu lernen, und dünkt sich, die Wahrheit zu gestehen, in derselben so gewaltig viel, daß es nicht umhin kann, der wirklichen Welt, so _herrlich_ und _schön_ sie auch ist, keinen poëtischen Stoff zuzutrauen. Unzufrieden mit Menschen, spricht es: »Laßt uns Götter schaffen, ein Bild, das uns gleich und doch Gott sei!« -- Und da wird? Seht doch, seht! ein Himmel voll Ganz- und Halbgötter, alle zusammen nicht werth einen einzigen wackern Kerl abzugeben. An den himmlischen _Harem_ mag ich gar nicht denken, der gewiß noch weit weniger ein einziges braves Weib aufwiegt -- Wozu der Götterunrath? -- Mährchen, sie mögen nun Volks- oder Helden- und Staatsmährchen seyn, gehören, sagt man, für das Kinder- und Greisenalter; wer wird indeß diesen Spielen der Einbildung nicht gern Gerechtigkeit erweisen, wenn sie zum Ernste der Wahrheit leiten, und von der Vernunft die vollzähligen Weihen erhalten haben? wer die Imagination nicht ehren, wenn sie bei allen ihren Avantürier-Eigenschaften ein Sprößling der Vernunft ist? -- Nur thut unser Geschlecht zu oft so äußerst nothgedrungen, eine Abschweifung in das Reich der Möglichkeit machen zu müssen, obgleich von der lieben Wirklichkeit noch so viel in Rückstand ist; -- nur will es zuweilen höchst unzeitig die Einfälle aus dem Reiche der Einbildung zu Gesetzen in der Sinnenwelt, die vor uns liegt, tausendkünsteln; nur macht es sich kein Gewissen daraus, die hehre und mächtige Religion der Vernunft, welche sich bescheidene Flügel beilegt, mit aller Gewalt zu überflügeln und, ohne sich mit ihr und der Volksreligion zu berechnen, bloß auf Vergnügen auszugehen, wo sich doch die Vernunft ihren Aufsehersitz und ihre Stimme nicht nehmen läßt. Hier ist Stoff zum _neuen Himmel_ und zur _neuen Erde_. Und sag' ich zu viel, wenn ich behaupte, daß dem andern Geschlechte hier noch ein Richtsteig vorbehalten ist und Palmen, die nicht etwa im dritten Himmel zu brechen sind, wo man zu unaussprechlichen Worten entzückt ist -- sondern nicht fern von einem Jeglichen unter uns. -- Genug, wenn seine Dichtkunst das Herz nicht verfehlt, wenn sie von Herzen kommt und wieder zu Herzen geht. -- Was soll ein wildes Feuer? Ein heiliges ist sein Ziel. Nie wird es sich erlauben mehr anzulegen, und wär' es Cedernholz, als nöthig ist, und um die Wette wird seine Dichtkunst mit der Cultur, Leidenschaften zu lenken und zu zähmen sich bemühen -- der edelste Beruf der Vernunft und der Dichtkunst! Grundsätze, welche die Vernunft im Allgemeinen lehrt, macht Dichtkunst durch treffende Beispiele anschaulich. Wovon die Vernunft innerlich überzeugt ist, das stellt die Dichtkunst in Lebensgröße unsern sittlichen Augen dar, und bringt ein unaussprechliches Vergnügen zu Stande, das einzige, das wir durch kein Opfer erringen dürfen -- und das immer mit in den Kauf geht! -- Wie? dieser heilige Geist sollte nicht über das andere Geschlecht ausgegossen seyn? diese Gaben hätt' es nicht empfangen? O, ihr Kleingläubigen! -- als ob der Pegasus bloß für Männer wäre! Dies so überaus gute Thier, das sich so viel gefallen läßt, sollte keinen Quersattel vertragen? Sollte dieses Vorurtheil nicht zu übersiebnen seyn? Allerdings. Wie herrlich sind jene weiblichen Explosionen, die Lieder der Liebe der _Sappho_, die selbst auch in Deutschland mehr als neun Schwestern hatte, von denen eine der vorzüglichsten (_Karschin_), nachdem ihr der Dichter FRIEDRICH II vier Gulden verehrt, und _Friedrich Wilhelm II_, der kein Poët ist, ein Haus hatte bauen lassen, unlängst zu ihrer älteren Schwester heimging. -- Darf ich mehr als _Elisen_ nennen, um _ihrem Kopf_ und _ihrem Herzen_ den Rang beizulegen, der beiden gebührt -- und der durch eine exemplarische Bescheidenheit noch mehr gewinnt? -- _Angelika Kaufmann_, die Schöpferin schöner Formen, und mehr ihres Gleichen waren und sind Mahlerinnen. Der Vorwurf, den man der _Angelika_ macht, daß sie männliche Gesichter zu weibisch mahle, ist nicht ohne Grund; vielleicht nimmt sie hierdurch an unserm Geschlecht eine heimliche Rache. Man sagt: Weiber würden nie Meisterinnen im Portraitiren. -- Daß ich nicht wüßte; *_ra_** trifft zum Sprechen -- zum Hören --. Wär' es in der Regel der Fall, so würd' ich es mir aus dem Umstande erklären, daß sie immer Züge aus ihrer trefflichen Seele hineinzeichnen, so wie Mahler der _Venus_ Züge von ihren Weibern und Töchtern verehren. -- Mahlerinnen würden in dem Grade die Seelen der Männer in ihren Portraiten verschönern oder verklären, wie Mahler die Gesichter des andern Geschlechtes schminken -- Ist es, weil die Männer von der Natur entfremdeter sind, als die Weiber; oder hat die Natur wirklich zu dem andern Geschlechte mehr Vorliebe und Zutrauen; oder macht es die Seltenheit, daß die Männer, weil sie zu wenig in die Heiligthümer der Natur kommen, nicht recht wissen, wie sie mit ihr daran sind? -- ich weiß es nicht. Wer kann indeß unter den Männern, er sei Dichter oder Mahler, im Wonnegefühl der Natur, in der Fülle ihres Genusses, darstellen, was er empfindet? -- wer erliegt nicht unter der Gewalt alles Erhabenen und Schönen, das ihm zuströmt und ihn entweder in einen Schlummer einwiegt, oder ihn so angreift, daß er den zu großen Eindruck nicht umfassen und entwickeln kann. Der Schlummer ist ein Beweis der Schwäche; und auch aus zu großer Spannung wird man ohnmächtig. Diese Lagen (sowohl die Schlummer- als die Spannungslage) darzustellen, ist Manchem unter den Männern so vortreflich geglückt, daß, da alle geneigte Leser sich getroffen fanden, diese Darstellungen als Meisterstücke bewundert wurden. Man erstaunte, daß die Kraft der Kunst in dieser Schwachheit so mächtig war! Hat sich das Feuer des Eindrucks gelegt, ist man aus einem entzückenden Schlaf erwacht, so mahlen wir aus dem Spiegel der Zurückerinnerung, und die Natur hat nicht Ursache, diese Copien für viel weniger als Originale zu halten -- Es sieht wie aus der ersten Hand aus, ob es gleich eigentlich aus der zweiten ist. Weiber können im vollen Genusse der Natur diesen Genuß beschreiben; auf das innigste in sie verwebt, verlieren sie den Ausdruck nie; sie scheinen Ein Herz und Eine Seele mit der Natur zu seyn, und da sie weder zu hoch gespannt sind, noch in süßen Schlummer versinken, so gebricht es ihnen bloß an Dreistigkeit, um ihren Naturgenuß auch Andere durch Darstellung geniessen zu lassen. -- Sie können im ersten Feuer arbeiten, wenn wir uns zuvor abkühlen müssen. Gewiß hatten wir manche weibliche _Ossiane_, wenn wir es wollten; und was wäre unsere _Karschin_ geworden, wenn man ihr nicht die Flügel der Morgenröthe durch den Unterricht in der Mythologie beschnitten hätte! Die Originalität gedeihet nur im Schooße der Freiheit; und kann wohl die Natur durch Weiber vernehmbar seyn, ehe Männer aufhören, die Weiber (diese Gefäße zu Ehren) zu bevormündern, und ehe Geist, Herz und Zunge dem andern Geschlechte gelöset werden? -- Wozu dies Alles führen soll? Männer, wo nicht aus Pflicht, so doch aus Kunstneugierde zu reitzen, daß sie den Schooßkindern der Natur die Geistesfreiheit nicht länger vorenthalten, ihre Kräfte nicht weiter unterdrücken, und ihre Vernunft durch unzeitige Blödigkeit nicht vor wie nach zurückhalten. Die Dichter, die Helden, die Weisen der Vorzeit sahen keine andere Sonne, erblickten keine andere Natur, als wir: Jene göttlichen Natureingebungen, welche die Uralten hatten, können wir noch neutestamentlich aus Hand und Mund der Weiber mit Danksagung empfahen. --