Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber

Part 10

Chapter 103,111 wordsPublic domain

Rechnet man zu diesen Mängeln den Umstand, daß die Hälfte des menschlichen Geschlechtes entweder ohne alle Erziehung blieb, oder verzogen ward, und daß gerade dieser Hälfte der wichtigste Theil der Erziehung überlassen war; so ist es fast noch Wunder, daß wir Menschen sind. Ohne allen Zweifel bestimmte die Natur das andere Geschlecht zu diesem großen Erziehungsgeschäfte, und versah es mit den nöthigen Anlagen und Fähigkeiten, mit den empfänglichsten Sinnen, mit den feinsten Empfindungen, in der edelsten Sprache, selbst im Kleinen und Zufälligen das Wahre vom Falschen, das Ächte vom Scheinbaren zu unterscheiden -- um jene große Bestimmung zu erfüllen --. Die _Sokratik_, die _Sokrates_ von seiner Mutter, einer Weisemutter (_sage femme_), lernte, indem er auf Seelenentbindungen ausging und ein weiser Mann (_homme sage_) ward, ist wahrlich dem andern Geschlecht eigen, welches nie, auch beim Heißhunger, den Magen der Wißbegierde der Kinder mit Kentnissen überstopft, sondern jeden neuen Begriff ihnen einzeln zu denken giebt und ihn so viel wie möglich in Empfindung zu verwandeln sucht. Jedem geistigen Gedanken geben Weiber einen Körper, bekleiden ihn und verleihen ihm eine sinnliche Form. _Robinet_ meint, die Natur habe den Weibern einen Hang zur Geschwätzigkeit gegeben, damit sie die für die Kinder zu starke Wörterkost ihnen desto leichter vorkauen könnten -- Heißt das nicht, einer herrlichen Naturgabe einen bösen Leumund machen? _Rousseau_ sagte zu _Grétry_, der ihm seine Hand bot, um ihm über einen Haufen Steine zu helfen: _Laissez moi me servir de mes propres forces_; und wem ist jene Entwickelung der in den Kinder-Seelen liegenden Ideen natürlicher, als dem andern Geschlechte? -- Es spinnt sie heraus, knüpft das Sinnliche an geistige Begriffe durch Bilder und Gleichnisse -- Wir sind für heroische Methoden; folgt indeß nicht nach einer Bravurarie jederzeit eine Leere, da ein zu lebhafter Eindruck dem Effekte des Ganzen schadet? -- -- Es kommt nicht darauf an, eine gute Empfindung zu erregen, sondern die Summe der Empfindungen zu ziehen und auf sie zu wirken. Wie richtig sind hier _wenn_ und _wie_! Alle Wege des Wanderers zwecken ab, an einen Ort zu kommen; alle kleine Flüsse gehen zum großen Meere -- -- --

Wie ist es aber möglich, daß Weiber diesem Berufe genügen können, wenn jene Anlagen und Fähigkeiten so wenig entwickelt werden! Man vernachlässiget sie nicht bloß; man unterdrückt sie absichtlich. Das Kind ist geschlechtslos; warum sind wir der weiseren Natur zuvor geeilt? warum haben wir früher die Geschlechter abzusondern angefangen, als die Natur uns dazu einen Wink gab? Das Kind ist gesellig, nicht weil es durch einen besondern Trieb dazu gereitzt wird, sondern aus Bedürfniß und um thätig zu seyn. Nicht das moralische Gefühl, welches den Menschen an seines Gleichen kettet, um sich ihnen mitzutheilen, um durch den Umgang mit Andern das Eckige seines Charakters abzuschleifen und um sich durch Andere zu vervollständigen -- nicht dieses Gefühl macht das Kind gesellig. Was kennt es mehr als sein Bedürfniß? Es will genährt und vergnügt seyn: darum ist es gesellig; es ist gesellig zum Zeitvertreib -- Wo es diese Absicht erreicht, befindet es sich wohl; Geschlechtsunterschiede stehen, so wie moralische und geistige Eigenschaften, mit seiner Gesellschaft in gar keiner Beziehung --

Erst um das zwölfte Jahr fangen unter dem Europäischen Himmel die Geschlechtskeime an bei dem weiblichen Theile sich zu entwickeln und nie gewohnte Unruhe, eine vorher unbemerkte Ahndung und sanfte Sehnsucht zu erwecken. So lange sollte unter Kindern Alles bis auf die Kleidung gleich bleiben, weil die Natur es so will. Erziehung, Unterricht, Zeitvertreib können für beide Geschlechter einerlei seyn, weil in diesem Zeitraume die Bildung sich mit dem Menschen beschäftigen und für die Entwickelung jener Anlagen sorgen soll, ohne alle Rücksicht auf anderweitige Bestimmungen, als auf die erste ehrwürdigste: einen Menschen nach der urkundlichen Deutung der Natur darzustellen.

Auf diesen einzigen Endzweck müssen es alle pädagogische Bemühungen anlegen, und indem sie den jungen Kindern Hebammendienste leisten, den Spielraum für die ersten Versuche der erwachenden Kräfte erweitern, und nur nach und nach mit großer Vorsicht es wagen, den üppigen Auswuchs zurückzuhalten, und dergestalt mittelbar den Trieben der Natur die eigentliche Richtung zu geben. Der Unterricht bedarf in diesem Zeitraum eben so wenig besondere Rücksichten auf Geschlechtsunterschied, als auf künftige bürgerliche Verhältnisse. Hat das Kind von diesem Allen selbst nur Ahndungen? geschweige denn Begriffe! und bleibt nicht aller Unterricht in dieser Rücksicht für dasselbe todter Buchstabe, bis nach dem Laufe der Natur Empfänglichkeit für diese Lehre sich entwickelt? Aller Unterricht muß sich in diesem Zeitraum auf das einschränken, was der _Mensch_ glauben, wissen und thun soll.

Warum der Unterschied zwischen weiblichem und männlichem Unterricht, da Mann und Weib noch nicht geboren sind? Sind Spiele für Kinder das, was sie seyn könnten und sollten? Nur in unsern Tagen, als die Erziehungskunst einen neuen Schwung erhielt, fing man an, den großen Einfluß derselben zu bemerken; allein machte man nicht, wie gewöhnlich, einen schlechten Gebrauch davon, wenn man das Spiel zu einem allgemeinen Unterrichtsmittel erhob? Spiele müssen nie zur Methodik werden; wohl aber können sie Anlässe zur Bereicherung des Gedächtnisses und zur Übung des Verstandes seyn. Wenn sie den Unterricht erleichtern, so ist und bleibt ihr Werth bloß subjektiv. Bei Spielen der Kinder muß jederzeit die Absicht zum Grunde liegen, sie auf eine ihrer Fähigkeit und ihrem Alter angemessene Art zu beschäftigen. Nur dürfen die Kinder diese Absicht nicht errathen; sonst ist das Spiel verloren. Früh indeß müssen Kinder angewöhnt werden, Spiel und Geschäfte zu unterscheiden, um diese achten und lieb gewinnen, jene aber entbehren zu lernen, wenn sie anders nicht ewig Kinder bleiben sollen. Doch warum mehr Bemerkungen über einen Gegenstand, der jetzt das dritte Wort unserer Schriftsteller ist, und auf allen Dächern gepredigt wird! Ich kehre mit dem Vorschlage zurück, daß so lange bis das Kind zum Mädchen oder zum Knaben heranreift, beide unter den Händen und der Aufsicht des weiblichen Geschlechtes bleiben sollten. Der Staat und das weibliche Geschlecht würden dabei gewinnen. Alle Kinderschulen sollten Weiber zu Aufseherinnen und Lehrerinnen haben, weil die Natur das weibliche Geschlecht dazu mit ausgezeichneter Fähigkeit hinreichend ausgestattet hat. Reinlichkeit, ein zur Erhaltung der Kinder so nöthiges und wichtiges Erforderniß, Sanftmuth, Geduld, Ausdauer bei anscheinend kleinlichen Beschäftigungen, Mittheilung, Redefertigkeit, und andere zur Kindererziehung unentbehrliche Eigenschaften, scheinen dem weiblichen Geschlechte von Natur eigen, bei dem männlichen dagegen bloß Kunstfertigkeiten zu seyn. Wie sich Natur zur Kunst verhält; so würde sich auch eine Kindererziehung durch Weiber gegen die jetzige verhalten. Schon gegenwärtig ist ihr Antheil groß; was würden wir ohne ihren Beistand vermögen? O, was für eine Schule für Mütter mittleren Standes, wenn eine Hauscapelle weinender und heulender Kleinen ihre Geduld prüft, und die Kinderfragen heranwachsender neugieriger, verschämter Mädchen und dreister Buben sie in Verlegenheit setzen! Ich begreife nicht, wie manches treffliche Weib so heterogene Angelegenheiten zu bestreiten vermag -- Dort windet sie dem kleinen Feldmarschall _Jakob_ Gabel, Messer und Scheere aus der Hand; hier reißt sie dem vielfräßigen Domherrn _Peter_ schädliche Dinge aus dem Munde; bald verscheucht sie von der kleinen schlafenden _Jette_ die Fliegen; und wie schwer ist der Wildfang _Karl_ zu befriedigen, der von Einem Zeitvertreibe zum andern abspringt! Wie viele Vigilien und wie viele Tageslasten sind ihr Theil und Erbe bei den ihr obliegenden Familiensorgen! -- Ist nun gleich die Dame höheren Standes, die nach Landes-Sitte und Brauch das strenge Recht für sich hat, ihre Kleinen wie Findelkinder zu behandeln, bei weitem so beschäftiget nicht; ist sie es indeß nicht immer weit mehr, als ihr geschäftiger Müßiggänger von Gemahl, der, mit großen Kleinigkeiten und vornehmen Gebrechen beladen, außer der Spinnstube seines hohen Collegiums, noch so viel anderes anzuspinnen hat, was freilich fast immer darauf hinausläuft, schlichte Dinge zu verwickeln, und den leichtesten Sachen einen Anstrich von Bedeutung zu geben! Des großen Staatsspinners! -- *Doch wie? würden Weiber wegen ihrer Furchtsamkeit und aus Gefühl ihrer Schwäche die Kinder nicht noch mehr verzärteln, und das menschliche Geschlecht nicht noch weichlicher machen, als es gegenwärtig schon ist?* Ein Einwurf, der nicht ohne Grund zu seyn scheint; allein nichts mehr als ein Gespenst, welches unsere Einbildungskraft in Schrecken setzt, aber desto mehr verschwinden muß, je mehr die Weiber sich ihrem Ziele nähern. Zärtlichkeit oder eigentliche Schwächlichkeit des Körpers ist oft ein Erbtheil der Geburt, und ungleich seltener eine Folge der weichlichen Erziehung. Im letzten Falle kann die Geschicklichkeit des Erziehers im Knaben- und Jünglingsalter wieder herstellen, was übel verstandene Zärtlichkeit im Kindesalter verdarb; da aber, wo der Keim schon kränkelt, wird die pflegende Hand der Kunst, anstatt eines Baumes, immer nur ein Zwerggewächs erziehen. Völlig wird jene Furcht verschwinden, wenn die Ordnung der Natur, die wir umkehrten, wieder in den vorigen Stand gebracht wird, und wir fürs erste uns entschließen, das andere Geschlecht bei diesem Geschäfte zu leiten. Schon hat man zum Theil aufgehört, das Kind in eine Puppe zu verwandeln, es in Federn zu ersticken, und, wenn es sich des einzigen Mittels seiner Lunge bediente, um sich aus seiner peinlichen Lage zu befreien, es mit Theriak oder einer sanften Hirnerschütterung zu betäuben; und gewiß, man wird aufhören, Kinder der Luft und dem Wasser zu entziehen, so bald die Weiber sich selbst bei dem Einflusse dieser Elemente behaglicher fühlen werden. Schon hat man die bisherige Knabenkleidung verdächtig zu machen gesucht, und dem Kinderanzuge überhaupt den Zwang vorgerückt, wodurch der Einfluß der Luft auf den ganzen Körper verloren geht, die Ausdünstung gehemmt, die Brust verengt, das Herz unterdrückt, Saft und Kraft -- wenn gleich (was leider nur selten der Fall ist) Alles unverdorben auf die Welt gebracht seyn sollte -- frühzeitig erschlafft und die Maschine übereilt wird. Die tyrannische Mode! Selbst unsere Mahler und Bildhauer sind ihrethalben der traurigen Verlegenheit ausgesetzt, zu einem idealischen Costume ihre Zuflucht zu nehmen, da die Ungereimtheiten der Mode nicht bei dem Altare des Geschmackes bestehen -- Eine feine Rache, welche die Natur an ihren Verächtern nimmt --! Bei Gelegenheit der bürgerlichen Weiberverbesserung wäre nichts leichter, als eine Kleiderordnung in physischer und moralischer Rücksicht in Gang zu bringen, sie wohlfeil, natürlich und einfach zu stellen, und diese Sache gleich fern von Übertreibung und Montirungssucht in Erwägung zu nehmen. Nur aus unverzärtelten, festen, wackern _Kindern_ werden unverzärtelte, feste, wackere _Leute_! -- Lasset die Weiber erst sich selbst stark fühlen, und sie werden an Leib und Seele starke Kinder leiblich gebären und geistlich wiedergebären -- sie zur Welt bringen und erziehen. Warum soll denn die Haut mit der Sonne in Feindschaft leben? Fehlgeschlagene Hoffnungen, Unterdrückungen, Collisionen sind der Geschmeidigkeit des Charakters, den Grazien der Sitten ungünstiger, als jenes unbiegsame Äußere. Vom Gefühl einer edlen Freiheit, hangen Muth, Freimüthigkeit und jene umfassende Heiterkeit ab, die auch durch die finsterste Stirn bricht und auf der rauhesten Oberfläche durchschimmert -- Und was gilt euch mehr: jene zweideutigen Aussprüche zu Delphi, oder eine unbiegsame Aufrichtigkeit? Aufrichtigkeit bahnt den Weg zur moralischen Allmacht -- wogegen durch lebensartige Feinheit der Absicht ganz entgegengesetzte Wirkungen resultiren -- Je nachdem man auf diesen oder jenen Umstand Licht fallen läßt; je nachdem thut er Wirkung -- Hat die Furchtsamkeit ihren Grund nicht bloß in dem Gefühl des Mangels an körperlichen Kräften und in der Beschränktheit des Verstandes? Ein berühmter Englischer General bemerkte, daß seine Truppen nie mehr Muth hatten, als wenn ihr Magen mit Pudding und Roastbeef angefüllt war. Hunger macht feige, Mangel blöde, Unterdrückung verzagt. --

Die Weiber zu _Sparta_ kannten weder Weichlichkeit noch Furchtsamkeit. _Ich habe ihn für das Vaterland geboren_, war die heroische Antwort jener Spartanerin, als man ihr die Nachricht brachte, ihr einziger Sohn sei in der Schlacht gefallen.

Entwickelt sich der Unterschied der Geschlechter im Knaben und Mädchen, so muß der Bürger auf den Menschen gepfropft, der Stand des Bürgers an den der Natur geknüpft, und die Vorbereitung zu mannigfaltigen untergeordneten Bestimmungen eröffnet werden; und nun ist es Zeit zu einem sichtbaren Merkzeichen der Absonderung der Geschlechter.

Diese Geschlechts-Einkleidung wird alle besorgliche Folgen, welche die Natur-Uniform etwa bei den Schwachen, die doch immer unter uns sind, erregen möchte, unausbleiblich vertilgen, Knaben und Mädchen, die als Kinder vertraut waren, in Fremde (wenn gleich nicht in Wildfremde -- und weshalb auch das?) umschaffen, und Alles bis auf die Rückerinnerung ihrer ehemaligen Bekanntschaft vertilgen. Würde nicht diese Geschlechts-Einkleidung auf einmal den einzigen Unterschied, den die Natur beabsichtiget hat, zwischen beiden Geschlechtern festsetzen, ohne dadurch einen bürgerlichen Unterschied herauszubringen oder zu erzwingen, und ohne dadurch Sitten und Wohlstand im mindesten in Gefahr zu setzen? Dies wäre der Glockenschlag, welcher Erziehung und Unterricht der Geschlechter- und Bürgerbestimmung näher bringen würde. -- War nicht schon bei den Römern eine ähnliche Einrichtung in Hinsicht auf das männliche Geschlecht? und sagt nicht die Geschichte, daß der Jüngling Vaterlandsliebe und alle große Eigenschaften eines Römers mit der _toga virili_ (mit dem Mannskleide) anlegte? Es ist eine Schande, eine Stunde länger zu leben, als man hätte leben sollen; -- allein es bleibt eine eben so große Schande, eine Stunde früher zu leben anzufangen, als man dazu fähig ist -- und so wie das Ende das Werk krönt, und der letzte Tag der Richter aller seiner Vorgänger ist, so sollte man gewisse Tage aussondern, und sie zu Denkmählern machen. Jener Tag der Geschlechtsabsonderung, der bürgerlichen Einsegnung, würde zu diesen festlichen Tagen gehören. Ganz müßte das Erziehungsgeschäft in dieser neuen Epoche noch nicht den Händen der Weiber entzogen, noch weniger ein Unterschied in Erziehung und Unterricht zwischen beiden Geschlechtern veranstaltet werden, bis auf die Verpflichtungen, zu denen jedes von der Natur besonders berufen ward, welche, in so fern sie für diesen Zeitraum gehören, bei jedem Geschlechte durch Personen des seinigen gelehrt werden müßten; wogegen alles Übrige ohne Rücksicht auf diesen Unterschied, so wie die Umstände es forderten oder erlaubten, von Personen beiderlei Geschlechts gelehrt werden könnte. Da Mann und Weib eigentlich nur Ein Mensch sind; so kann auch selbst nach jener Geschlechtsabsonderung keine völlige Scheidung eintreten: Was Gott zusammen fügt, soll der Mensch nicht scheiden -- In der Epoche, welche bei Mädchen etwa bis zum 16ten, und bei Knaben bis zum 18ten Jahre dauern könnte, müßten beide Geschlechter zu den bürgerlichen Bestimmungen vorbereitet und in Allem, was darauf Beziehung hat, ohne daß man auf den Geschlechtsunterschied Rücksicht nähme, unterrichtet werden. Daß hierbei die völlige Entwickelung des Menschen nicht aufzugeben oder nur bei Seite zu setzen ist, versteht sich von selbst. Würden bei dieser soliden Einrichtung nicht mit dem mannbaren Alter beide Theile ohne Unterschied unbedenklich da hingestellt werden können, wo sie, dem Staate nützlich zu seyn, Anlage zeigten? Entwöhnt dem größten aller Übel, der langen Weile, die mehr als der Tod zu fürchten ist, müßten jetzt der Jüngling und das Mädchen Geschäfte angewiesen bekommen, wozu sie mit Neigung und Geschicklichkeit versehen sind. Ehre, Rechte und Belohnungen werden alsdann nicht ein Geschlechts-Prärogativ, sondern Folgen des persönlichen Verdienstes. Weiber, die bisher ein Etwas ohne Namen und Rechte waren, würden auf diese Weise Personen und Staatsbürger werden. -- _Plato_ wollte die Vertheilung des Privatvermögens den Gesetzen in die Hände spielen. So viel Gerechtigkeit auch in dieser Idee zu liegen scheint, zu so vielen Ungerechtigkeiten würde sie verleiten. -- Das Vermögen der Weiber indeß, wenn sie gleich ganz allein darüber zu verfügen glauben, _scheint_ bloß ihrer Gewalt unterworfen zu seyn; denn eigentlich sind Männer die Eigenthümer desselben, die mit diesem Kreuz, das sie wohlbedächtig in Händen behalten, sich zu segnen nicht ermangeln. Wie viele Kassen-Defraudationen hier vorfallen, liegt am Tage. -- Bloß der Entschluß der Weiber, sich dem Staate nicht entziehen zu wollen, setzt sie in das Eigenthum ihres Vermögens, und sie werden nur sich selbst nöthig haben, um zu denken und zu handeln. »Er beleidigte nicht mich, sondern den, für den er mich ansahe,« sagte König _Archelaus_, als man ihn auf der Straße mit Wasser begossen hatte; -- und so wird das andere Geschlecht sich oft erklären müssen, und sich gern erklären, ehe jene Grundsätze, es ehren zu wollen, weil ihm Ehre gebührt, zur Gewohnheit geworden sind.

Die Physiokraten halten in ihrem System die producirende Klasse der Staatsbürger für die nützlichste, und da für den Staat der Nutzen das Einzige ist, was die Rangordnung der Bürger bestimmt; da dieser Nutzen die Bürger klassificirt: wie wollen wir denn eine ganze Hälfte des menschlichen Geschlechtes, welche an der Hervorbringung und Fortpflanzung desselben den wesentlichsten Antheil hat, von der Bürgerehre ausschließen? und da wir sie schon ohne Urtheil und Recht willkührlich aus angestammter Machtvollkommenheit ausgeschlossen haben, ihnen die Wiedereinsetzung in den Paradiesstand verweigern? Werden sie nicht, gehörig dazu vorbereitet, mit Ehren rathen, helfen, fördern in allen Staatsnöthen? Bis jener hingeworfene Umriß einer neuen Ordnung der Dinge in seinem ganzen Umfange in der bürgerlichen Gesellschaft eingeführt werden kann, öffnet, Männer! der jetzigen weiblichen Jugend je eher je lieber unsere Educations- und Lehranstalten, und erlaubt ihr, an der Erziehung und dem Unterrichte, so wie er hier gelehrt und gelernt wird, Theil zu nehmen, ohne euch von der Furcht vor nachtheiligen Folgen abwendig machen zu lassen. Prüft jene hämischen Alltagszweifel: es wird Anstoß, Aufsehen, Ärgerniß geben, es wird nachtheilige Folgen haben; -- prüft, und ihr selbst werdet sie unentscheidend finden. Man kann sich vor der Furcht, und auch vor der Hülfe fürchten. Soll eine verwerfliche Einrichtung der Dinge, und wenn sie tausend mahl tausend Jahre gewährt hätte, auch bei dem unbehaglichen Gefühl des Nachtheiligen, bei der gewissen Aussicht einer besseren Zukunft, darum noch ungestört fortdauern, weil ihre Abänderung mit Schwierigkeiten, vielleicht mit anscheinend bedenklichen Folgen, verknüpft seyn _kann_? Wäre je in der Welt etwas Großes unternommen worden, wenn wir das Für und Wider so ängstlich abgewogen hätten? Wäre der Mensch da, wo er gegenwärtig ist, hätte er je so merkliche Fortschritte gethan, wenn er, nach der Weise des Elephanten, ehe er den Fuß weiter fortbewegt, ängstlich untersucht hätte, ob der Boden, den er betreten wolle, auch fest sey? -- Anstoß! Wie man dies Wort von weitläuftigem Bedeutungsbezirk nimmt. Unsere symbolischen Vorfahren hätten gewiß den schrecklichsten Anstoß genommen, wenn in einem Erziehungshause Kinder mit und ohne Vorhaut zusammen gekommen wären, um an allerlei Unterricht Theil zu nehmen. Welchen Nachtheil für das Christenthum würde man befürchtet haben, wenn ein Abkömmling des Stammes Juda mit dem Sohne eines General-Superintendenten aus dem blinden Heiden _Cicero_ Menschen- und Bürgerpflichten gelernt hätte! Und wer kennet nicht Staaten, wo dies ohne das leiseste Geräusch der Eiferer bewirkt wird, und ohne daß die Grundfesten des Christenthums auch nur die mindeste Erschütterung befürchten?

_Die Sittlichkeit würde Gefahr laufen!_

Wie denn das? Werden nicht schon jetzt Mädchen und Jünglinge von einem und demselben Geistlichen, zu einer und derselben Zeit, auf eine und dieselbe Art in der Religion unterrichtet? Die Anstalt ist schon da; sie darf nur ausgedehnt werden. Und was kann uns behindern, _die_, denen wir in der Kirche gleiche Rechte mit uns einräumen, in die Bürgergemeinschaft aufzunehmen? Werden Mädchen und Knaben durch gemeinschaftlichen Unterricht zu _Christen_ vorbereitet, warum sollen wir sie nicht gemeinschaftlich zu _Bürgern_ erziehen? Sollte denen, welchen die erforderliche Anlage zu Himmelsbürgern zugestanden wird, der Beruf zur Staatsbürgerschaft abgesprochen worden? Warum leiden in dieser Gemeinschule die Sitten nicht, obgleich der Religionsunterricht in Jahren ertheilt wird, wo der Geschlechtstrieb äußerst reitzbar ist? Sind die Schüler und Schülerinnen dort nicht eben so wie hier unter Aufsicht? wird ein kluger Lehrer und Erzieher den Veranlassungen zur Erweckung des Geschlechtstriebes nicht überall geschickt auszuweichen wissen, und jede Belehrung über die künftige Bestimmung seiner Zöglinge so einzulenken verstehen, daß die Folgen nicht schädlich, sondern segensreich ausfallen?

_Wird das andere Geschlecht unseren Erwartungen entsprechen? wird es unsere Bemühung lohnen?_