Part 8
Als vorher die Mädchen ins Schloß gekommen waren, war die Zeit für die Hochzeit angesetzt, aber sie waren damit nicht einverstanden und sagten: „Wir haben alle vierzig Tage Trauer.“ Deswegen war die Hochzeit verschoben. Als sie merkten, daß der Prinz wieder auf der Erde war, wurde wieder der Befehl zur Hochzeit gegeben, aber da die Mädchen noch nicht ganz sicher waren, ob der Prinz gekommen wäre, sagte die eine: „Ich verlange einen goldenen Stickrahmen und eine goldene Nadel, die von selber sticken kann.“ Die andere sagte: „Ich verlange eine goldene Platte, auf der ein goldenes Huhn und vierzig Küchlein goldene Gerste fressen und umherlaufen.“ Die dritte sagte: „Ich verlange eine goldene Platte, auf der ein goldener Jagdhund und ein goldener Hase ist, der erstere muß den anderen verfolgen.“
Der Padischah rief die Goldarbeiter und befahl ihnen dies anzufertigen. Die Goldarbeiter dachten nach und verlangten vierzig Tage Bedenkzeit. Der Padischah gab ihnen auf ihr Verlangen vierzig Tage Zeit und sagte: „Wenn ihr am einundvierzigsten Tage die Sachen nicht bringt, töte ich euch“ und entläßt sie in ihre Läden.
In ihren Läden angekommen, mögen sie nun einen Rat abhalten. Wir kommen jetzt zu dem grindigen Jungen. Er fragte: „Meister, warum denkst du nach und bist so besorgt?“ Der Meister sagte: „Ach, geh, grindiger Junge, wenn ich nicht nachdenken soll, wer soll denn nachdenken?“ Er bat: „Ach, Meister, lieber Meister, worüber denkst du nach, sage mir es doch.“ Der Meister antwortete: „Frage mich nicht mehr, unsere Sache steht bei Gott. Nämlich die Söhne des Padischahs haben drei Mädchen mitgebracht. Eine jede verlangt etwas. Wie wir das machen sollen, weiß ich nicht.“ Der grindige Junge fragte: „Ach, Meister, was ist es? Sage es doch mal.“ Da sagte er: „Ach was, die eine verlangt einen goldenen Stickrahmen und die andere einen goldenen Hasen und die dritte eine goldene Henne. Alle sollen lebendig sein. Wie ist das möglich?“ Darauf antwortete er: „Aber Meister, ich glaubte, es handele sich um etwas Unmögliches. Darum habe ich gefragt. Wegen solcher Sache sei doch nicht bekümmert. Gib mir einen Zentner Haselnüsse und einen Zentner Rosinen und vierzig Okka Lichte, dann werde ich dir in vierzig Tagen das, was du verlangst, machen.“ Sein Meister sagte sich: „Das Herz des Jungen verlangt Haselnüsse und Rosinen. Ich würde meinen Kopf und meine Augen für ihn hingeben.“ Dann kaufte er die Sachen und gibt sie ihm.
Der Junge geht in sein Zimmer, läßt keinen zu sich herein, bleibt dort vierzig Tage, ißt die Haselnüsse und Rosinen, verbrennt die Lichte und lebt vergnügt. In der Nacht auf den vierzigsten Tag reibt er wieder die Haare an einander. Ein Mohr kommt und sagt: „Befiehl, mein Prinz. Was wünschst du?“ Der Prinz sagte: „Ich verlange den in dem Laden befindlichen Stickrahmen, den goldenen Hasen und den goldenen Jagdhund und die goldene Henne.“ Auf diesen Befehl hin geht der Mohr, holt die Dinge und gibt sie dem Prinzen. Der Prinz nimmt die Sachen und verwahrt sie im Schranke. Am Morgen kommt sein Meister und sagt: „Was hast du gemacht, grindiger Junge?“ Der grindige Junge sagt: „Was fragst du mich, öffne den Schrank und sieh zu.“ Sogleich öffnet der Meister den Schrank und sieht, daß alles vorhanden ist. Da sagt er: „Ach, mein Sohn“ und fällt ihm um den Hals. Schließlich nimmt er alles und bringt es in das Schloß und liefert es ab. Als die Mädchen das sehen, glauben sie, daß der Prinz wieder auf die Erde gekommen ist, und danken Gott.
Wir wenden uns nun zu dem grindigen Jungen. Als sein Meister in den Laden kommt, sagt er: „Meister, gib mir Urlaub, ich möchte gehen.“ Obgleich der Meister damit nicht einverstanden war und obgleich er noch so sehr bat, so gab er ihm doch den Urlaub, da er keinen Ausweg fand. Der grindige Junge geht von dort zu einem Schneiderladen und sagt zu dem Schneider: „Meister, willst du mich als Lehrling annehmen?“ Der Schneidermeister sagt: „Ich brauche keinen Lehrling. Mach, daß du fortkommst.“ Da er ihn jedoch nicht forttreiben kann, nimmt er ihn, weil er sich nicht anders zu helfen weiß, als Lehrling an.
Wir wenden uns nun zu den Mädchen. Sie senden dem Padischah Nachricht: „Wir wünschen ein Kleid, das nicht mit der Schere geschnitten und nicht mit der Nadel genäht ist und in einer Haselnußschale sein soll.“ Der Padischah ruft die Schneider und sagt: „Ich verlange von euch ein Kleid, das nicht mit der Schere geschnitten und nicht mit der Nadel genäht ist und in einer Haselnußschale sein soll.“ Die Schneider überlegten und erbaten eine Frist von vierzig Tagen. Der Padischah sagte: „Ich gebe euch eine Frist von vierzig Tagen. Wenn es nicht am einundvierzigsten Tage kommt, schneide ich euch den Hals ab.“ Damit entläßt er sie. Sie gingen in ihre Läden und berieten sich. Da sagte der Junge: „Ach, Meister, lieber Meister, worüber denkst du nach?“ Der antwortete: „Grindiger Junge, mach, daß du fortkommst, belästige mich nicht.“ Das Reden nützte ihm aber nichts, der Junge bat, es ihm zu sagen. Da kein Ausweg war, sagte er: „Der Padischah hat uns ins Schloß gerufen und verlangt von uns ein Kleid, das mit keiner Schere geschnitten und mit keiner Nadel genäht werden soll und in eine Haselnußschale hineingehen soll. Wenn wir es nicht machen, wird er uns alle töten.“ Der grindige Junge sagte: „Ist das eine Sache, über die du nachdenkst? Gib mir vierzig Zentner Haselnüsse und vierzig Zentner Rosinen und vierzig Okka Lichte, so werde ich es dir am einundvierzigsten Tage machen und bringen.“ Der Meister sagte: „Das Herz des Jungen verlangt Haselnüsse und Rosinen. Ich würde mein Auge und meinen Kopf ihm geben.“ Dann kauft er sie und gibt sie ihm. Der Junge nahm sie, trat in das Zimmer, blieb dort und aß die Haselnüsse und Rosinen. In der Nacht auf den einundvierzigsten Tag rieb er die Haare an einander. Der Mohr kam und sagte: „Mein Prinz möge befehlen. Was wünschst du?“ Der Prinz sagte: „Ich verlange die Kleider in der Haselnußschale im Laden.“ Sofort holt der Mohr sie. Der Prinz nimmt sie und verbirgt sie im Schranke. Am Morgen kommt sein Meister und sagte: „Grindiger Junge, was hast du gemacht? Na, ich bin neugierig.“ Der grindige Junge sagte: „Was fragst du mich, sieh in den Schrank.“ Der Meister sieht in dem Schrank, was nicht seinesgleichen in der Welt hat. Sofort trägt er sie ins Schloß und gibt sie dem Padischah. Der Padischah nimmt sie und befiehlt die Hochzeit herzurichten.
Damals pflegten die Bräutigams, wenn eine Hochzeit hergerichtet wurde, auf einem offenen Platz mit dem Bogen zu schießen. Deswegen ging der älteste Prinz am ersten Tage auf den Platz und alles, was an Leuten vorhanden war, kam zum Zuschauen. Der Schneider sagte: „Vorwärts, mein Sohn, heute wollen wir uns zusammen das Polospiel vom ältesten Sohne des Padischah ansehen.“ Der grindige Junge sagt: „Ach, Meister, gehen Sie nur hin, mein Kopf ist grindig. Wenn meinem Kopf in dem Gedränge etwas passiert, was soll ich dann machen?“ Er bleibt im Laden. Nachdem der Meister weggegangen ist, reibt er die Haare an einander. Der Mohr erscheint und sagte: „Mein Prinz möge befehlen.“ Er sagt: „Ich verlange von dir einen Falben, einen Satz sauberer Pfeile und schwarze Kleider.“ Sofort bringt der Mohr ihm alles. Der Junge zieht die Kleider an, besteigt das Pferd und geht auf den Schießplatz. Er sieht, daß der Prinz Polo spielt. Der grindige Junge betritt den Platz, verfolgt den Prinzen und schlägt ihm bei Gelegenheit auf den Arm und verwundet ihn. Als der Prinz auf die Erde gefallen ist, verschwindet der Junge vom Platz, geht schnell in den Laden, gibt Pferd und Bogen dem Mohren und bleibt im Laden. Da kommt sein Meister und sagt: „Mein Sohn, es ist gut, daß du nicht mitgegangen bist.“ Er fragt: „Ach, was ist geschehen?“ Er antwortet: „Ein Jüngling auf einem Falben kam und schlug den Prinzen, aber er ist nicht gestorben.“ Der Junge sagt: „Meister, es ist gut, daß ich nicht hingegangen bin. Wenn meinem Kopfe etwas geschehen wäre, was hätte ich anfangen sollen?“
Am zweiten Tage steigt der mittlere Prinz auf das Pferd und geht auf den Platz. Der Meister geht wieder hin. Der Jüngling bleibt im Laden und reibt wieder die Haare an einander. Als der Mohr kommt, sagt er: „Ich verlange einen Pfeil und ein gelbes Pferd.“ Sofort bringt ihm der Mohr alles. Der Junge besteigt das Pferd und geht auf den Platz. Da sieht er, daß sein mittlerer Bruder Polo spielt. Bei Gelegenheit trifft er ihn mit dem Pfeil in den Schenkel, sodaß er vom Pferde fällt. Dann geht der Junge wieder in den Laden, gibt dem Mohren Pfeil und Pferd und bleibt ruhig an seinem Platze. Dann kommt sein Meister und sagt: „Es ist gut, daß du nicht mitgegangen bist.“ Er fragt: „Ach, Meister, was ist denn heute geschehen?“ Der Meister antwortet: „Ein Reiter auf einem gelben Pferde kam, hat den mittleren Sohn des Padischah am Schenkel getroffen und auf die Erde geworfen.“ Der grindige Junge dankte Gott dafür, daß er nicht hingegangen war. Am nächsten Tage zieht der Sohn des Vezirs auf den Platz, um zu spielen. Der Meister läßt wieder den grindigen Jungen im Laden und geht hin. Der grindige Junge reibt wieder die Haare an einander. Als der Mohr kommt, sagt er: „Ich verlange von dir einen Pfeil und einen Schimmel.“ Sofort bringt der Mohr alles. Der Junge nimmt den Pfeil, besteigt das Pferd und geht auf den Platz. Da sieht er, daß der Sohn des Vezirs Polo spielt. Er schießt bei Gelegenheit einen Pfeil ab, der ins Herz eindringt, aus dem Rücken wieder herauskommt und ihn tötet. Er selbst fängt an auf dem Platze herumzureiten. Sofort ergreift man den Jüngling und führt ihn vor den Padischah. Der Padischah befiehlt, ihn zu töten. Da sagt der Prinz: „Ach, mein mächtiger Padischah, meine Brüder haben mich im Brunnen gelassen, willst du mich auch töten?“ Darauf sagte der Padischah: „Ach, bist du es, mein Sohn?“, fiel ihm um den Hals, weinte und sagte: „Ach mein Sohn, was willst du, soll ich deine Brüder töten?“ Der Prinz antwortete: „Ich bin mit dem zufrieden, was Gott bestimmt hat, aber gib jedem einen Palast und dem ältesten Bruder das älteste Mädchen, dem mittleren das mittlere und die jüngste verheirate mit mir.“ Sofort wurden die zwei Brüder aus dem Schloß, jeder in einen besonderen Palast gebracht und das jüngste Mädchen mit dem Prinzen verheiratet. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerten die Hochzeitsfeierlichkeiten. Am einundvierzigten Tage in der Nacht auf den Freitag betrat er das Hochzeitsgemach. Sie erlangten und gewährten, was sie wünschten. Damit ist auch diese Geschichte aus und somit Schluß.
9. DIE GESCHICHTE VON DEM VATER SPINDELHÄNDLER
Die Geschichtenüberlieferer und Märchenerzähler berichten folgendes. In früheren Zeiten lebten in einem Hause drei Schwestern. Eines Tages geht unvermutet auf der Straße ein Spindelhändler mit seinem Korbe auf dem Rücken vor dem Hause der drei Schwestern vorbei und ruft: „Spindeln zum spinnen.“ Die Mädchen rufen: „Was verlangst du, Vater? Pack doch aus. Hast du gute Spindeln?“ Der Alte legt die Spindeln, die er in seinem Korbe hatte, auf die Erde. Die Mädchen sehen sich die Spindeln an, keine gefiel ihnen. Sie fragen: „Vater, hast du noch andere?“ Er sagte: „Fräulein, zu Hause habe ich welche. Komm mit mir und suche dir die schönsten aus.“ Sie sagten: „Sehr schön.“ Das älteste Mädchen steht auf und macht sich mit dem Alten auf den Weg. Nach einiger Zeit kommen sie auf die Höhe eines Berges. Nachdem sie noch etwas weiter gegangen sind, kommen sie in eine Höhle. Sie treten ein und das Mädchen blickt sich nach den beiden Seiten um und sieht, daß die zwei Wände mit Menschenleichnamen bedeckt sind, die in der Mitte aufgeschnitten und an die Wand gehängt sind.
Als das Mädchen diese sah, verlor es die Besinnung. Nach einiger Zeit geht sie mit dem Alten weiter. Sie treten in ein Zimmer. Als es Abend wird, sagt der Alte: „Mädchen, koche etwas von dem dort aufgehängten Fleisch, wir wollen essen.“ Das arme Mädchen steht auf, nimmt einen von den aufgehängten Leichnamen, kocht ihn, legt ihn dem Alten vor. Der fängt an zu essen und sagt zu dem Mädchen: „Warum ißt du nicht?“ Das Mädchen antwortet: „Ich liebe kein Fleisch.“
„Ja, was willst du denn essen? Willst du meinen Finger essen?“
Das Mädchen denkt, daß er sich nicht den Finger abschneiden wird, und sagte: „Ja, ich werde ihn essen.“
Sofort schnitt sich der Alte seinen Finger ab, wirft ihn dem Mädchen hin und sagte: „Da, iß!“
Das Mädchen, das sehr erstaunt war, fürchtete sich und warf bei Gelegenheit den Finger unter den Tisch.
Der Alte sagte: „Hast du den Finger gegessen?“
Das Mädchen sagt: „Ja.“
Der Alte: „Soll ich dich töten, wenn du ihn nicht gegessen hast?“
Das Mädchen denkt bei sich, wie sollte er es wissen, und sagt: „Ja, töte mich.“
Der Alte schreit: „Finger, wo bist du?“
Der Finger antwortet: „Ich bin unter dem Tisch.“
Da steht der Alte auf, schneidet das Mädchen vom Ohr bis nach unten in zwei Teile und hängt es an die Wand. Am nächsten Morgen geht der Alte zum Hause der zwei Schwestern. Die fragen: „Vater Spindelverkäufer, wo ist unsere Schwester?“
Der Alte antwortet: „Unterwegs hat sie ein Prinz gesehen und mit sich genommen. Die lebt jetzt bequem. Kommt mit, ich werde euch führen und euch einem reichen Mann geben.“
Die hielten das für Wahrheit, und die Mittlere stand auf und machte sich mit dem Alten auf den Weg, kam an die Höhle, trat ein und sieht auf beiden Seiten viele Menschen aufgehängt und ihre Schwester auch mitten durchgeschnitten dort hängen.
Als sie das sieht, seufzt sie und verliert die Besinnung. Ihr Herz blutet. Sie gehen weiter und betreten das Zimmer. Er läßt das Mädchen wie das erste Mal Fleisch kochen. Das Mädchen sagt auch: „Ich esse nicht.“
Er sagt: „Ich werde dir meinen Finger geben, ißt du den?“
Das Mädchen sagt: „Ich werde ihn essen.“
Der Alte schneidet seinen Finger ab und wirft ihn dem Mädchen zu.
Das Mädchen nimmt leise den Finger und wirft ihn in den Garten.
Er sagt: „Mädchen, hast du den Finger gegessen?“
Das Mädchen sagt: „Ich habe ihn gegessen.“
Der Alte fragt: „Finger, wo bist du?“ Der Finger schreit: „Ich bin im Garten auf dem Kehrichthaufen.“
Wie das erste Mal steht er auf, zerschneidet das Mädchen und hängt es an die Wand.
Am nächsten Tage steht er auf, geht wieder in das Haus. Das jüngste Mädchen schreit: „Wo sind meine Schwestern? Wohin hast du sie gebracht?“
Der Alte sagt: „Die eine habe ich einem Prinzen gegeben, die andere einem reichen Manne. Deine Schwestern sind gut untergebracht. Ich werde dich auch mitnehmen und einem schönen Jünglinge geben.“
Das Mädchen hatte im Hause eine gelbe Katze, die nahm sie unter dem Arm mit und ging mit dem Alten. Sie kommen an die Höhle und treten ein. Das Mädchen sieht nach beiden Seiten, — was siehst du? — ihre beiden Schwestern sind mitten durch gespalten und hängen an der Wand. Das Mädchen sagt: „Ach, meine Schwestern sind tot“ und aus ihren Augen fließt Blut anstatt Tränen. Sie sagt: „Du gottloser Kerl, ich werde dich bestrafen“ und geht weiter.
Wir wollen die Geschichte nicht in die Länge ziehen. Der Alte kommt in sein Zimmer und, wie das vorige Mal, sagt er zum Mädchen: „Ich hungere, koche deine Schwester, wir wollen essen.“ Das Mädchen steht auf, nimmt einen Leichnam, kocht die eine Hälfte im Herde, die andere nicht und setzt sie vor. Der Alte nötigt das Mädchen, das Mädchen sagt: „Ich esse kein Menschenfleisch.“
„Ja, was ißt du denn? Ißt du meinen Finger?“
Das Mädchen sagt: „Ich werde ihn essen.“
Sofort schneidet er seinen Finger ab und wirft ihn dem Mädchen vor. Das Mädchen gibt ihn leise der unter dem Tisch liegenden Katze. Die Katze verschluckt ihn. Wie das vorige Mal fragt er: „Mädchen, hast du den Finger gegessen? Wenn du ihn nicht gegessen hast, werde ich dich töten.“
Das Mädchen sagt: „Du kannst mich töten.“
Der Alte fragt: „Finger, wo bist du?“ Der Finger sagt: „Ich bin in einem warmen Magen.“
Der Alte sagt: „Bravo, mein Mädchen, jetzt bist du mein Mädchen.“
Schließlich gewöhnt das Mädchen dem Alten das Menschenfleisch ab, holt von draußen ein Lamm und sie essen es zusammen.
Eines Tages sagt der Alte: „Mädchen, damit du dich nicht langweilst, nimm diese vierzig Schlüssel, öffne die vierzig Zimmer und wandere ordentlich drin herum. Aber das einundvierzigste darfst du nicht öffnen.“ Nach diesen Ermahnungen geht er aus. Das Mädchen steht auf, öffnet die vierzig Zimmer und sieht, daß darin Diamanten, Juwelen, Rubinen und allerlei Dinge sind. Sie sieht sich diese an. Dann war sie aber neugierig auf das Zimmer, von dem er gesagt hatte: „Öffne es nicht“, und sagte: „Ich will auch das öffnen.“ Sie kommt an das Zimmer, öffnet es, tritt ein und sieht an der Decke einen Jüngling an den Haaren aufgehängt, schön wie der Mond am vierzehnten. Man konnte es nicht aushalten ihn anzusehen. Solch eine Schönheit hatte nicht ihresgleichen. Als das Mädchen ihn sieht, wird sie bewußtlos und fragt: „Bist du ein Geist oder etwas derartiges?“ Der Jüngling sagte: „Ich bin ein Mensch.“
„Wer hat dich hier aufgehängt?“
Der Jüngling: „Der Zauberer hier wollte mich töten, er besiegte mich und hängte mich, um es kurz zu sagen, hier an meinen Haaren auf.“ Das Mädchen erzählte auch genau ihre Abenteuer und sagte: „Mein Held, gibt es ein Mittel, ihn zu töten?“
Der Jüngling sagte: „Meine Prinzessin. Wenn jetzt der Zauberer kommt, geh und sage: ‚Komm, ich will dir den Kopf nachsehen‘, schneide ihm dann leise einige Kopfhaare ab. Dann fällt er in Schlaf. Das dauert vierzig Tage. Am einundvierzigsten steht er wieder auf. Das mußt du tun, dann lassen wir ihn hier und entfliehen zusammen. Dann sollst du mein und ich dein sein.“ So beschließen sie. Das Mädchen schließt leise ab und kehrt in das Zimmer des Zauberers zurück. Nach einiger Zeit kommt der Zauberer und sagt zum Mädchen: „Hast du die Zimmer angesehen?“ Das Mädchen sagt: „Ja, ich habe sie mir angesehen und mich daran erfreut.“ Dann sagte sie: „Komm, ich will dir den Kopf nachsehen.“ Der Zauberer legte seinen Kopf in den Schoß des Mädchens und sie schnitt ihm leise seine Haare ab und nahm sie mit. Der Zauberer schläft ein. Sofort legt das Mädchen seinen Kopf von seinem Schoße auf die Erde und geht zu dem Zimmer, wo der Jüngling ist, löst ihm die Haare, läßt ihn herunter und sagt: „Jetzt bist du mein und ich dein. Wir dürfen nun nicht verweilen. Wollen fliehen.“ Sie nehmen noch von dort alles, was leicht an Last und schwer an Wert ist, machen sich auf den Weg und nach einundvierzig Tagen kommen sie in die Stadt und gingen in das Haus des Mädchens. Dort pflegten sie der Liebe.
Diese wollen wir nun lassen und uns zum Zauberer wenden. Als für ihn der einundvierzigste Tag war, wachte er auf und sieht sich nach allen vier Seiten um. Als er das Mädchen nicht sieht, geht er nach oben in das Zimmer, wo der Jüngling aufgehängt war. Weder der Jüngling noch das Mädchen ist vorhanden. Er sagt: „Ach, du gottloser Bummler, hast das Mädchen mit dir genommen und bist entflohen!“
Er macht sich voller Wut auf den Weg. Nachdem er einen Weg von vierzig Tagen an einem Tage gemacht hat, kommt er in die Stadt, verkleidet sich als Armer und geht vor die Tür des Mädchens und sagt: „Ach, Mädchen, nimm mich um Gottes willen auf.“ Das Mädchen hielt ihn für einen Armen und nahm ihn auf. Der Jüngling war außerhalb eingeladen. Nach einer Stunde kommt er und merkt die Geschichte, als er diesen Armen sieht. Der Jüngling stellt sich, als ob er nichts merkte, und geht in sein Zimmer. Als es Abend wird, essen sie und geben dem Armen auch etwas. Kurz, wir wollen die Geschichte nicht in die Länge ziehen. In der Nacht schläft das Mädchen ein. Dem Jüngling kommt kein Schlaf in die Augen. Um vier oder fünf hat der Zauberer auf die in dem Viertel wohnenden Leute Totenerde gestreut und zog rings einen Kreis. Er ging zu dem Jüngling und stellte ihm zu Häupten eine große Flasche mit Totenerde. Der Jüngling fiel auch in Schlaf, so wie ein Toter. Dann ergriff der Zauberer das Mädchen und schlug sie so mit einem Stocke, daß ihr Schreien zum Himmel drang. Da sie keinen Platz zum Entfliehen fand, so drehte sie sich, wie das Himmelsgewölbe um den Jüngling. Der Zauberer lief ihr ohne Verweilen nach. Dem Mädchen blieb keine Kraft mehr. In diesem Spektakel spaltete sich die Wand und eine Stimme rief: „Mädchen, was säumst du? Zu Häupten des Jünglings steht eine Flasche, zerbrich sie, und der Jüngling steht auf.“ Als das Mädchen dies hörte, zerbrach sie die Flasche mit dem Fuße. Sofort wacht der Jüngling auf und sieht, daß das Mädchen von dem Schlagen ganz blau ist und zum Himmel schreit. Er sagte: „Bei Gott“, faßt den verfluchten Zauberer, hebt ihn hoch und wirft ihn auf die Erde. Dann stößt er ihm einen Pfahl durch den Nabel und verbrennt ihn ordentlich.
Danach verheiratet er sich mit dem Mädchen, und sie erreichten ihr Verlangen. Damit ist unsere Geschichte zu Ende und somit Schluß.
10. DIE GESCHICHTE VOM DIEBE UND VOM TASCHENDIEBE
Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten folgendes. In alten Zeiten hatte eine Frau zwei Männer, der eine war ein Dieb, der andere ein Taschendieb. Diese hatten einander noch nie gesehen.