Part 7
Da kommen die Kinder, hängen sich ihrem Vater an den Hals und die Prinzessin umarmt ihren Gatten, und sie freuen sich aus vollem Herzen. Der Jüngling sagt: „Prinz, ich bin ihr Sklave. Die Prinzessin hatte mich für Geld gekauft, und ich war ein Gefangener. Meine Mutter hatte mich so verflucht. Das war meine Lage. Wenn Sie mir gütigst die Erlaubnis geben, werde ich in meine Heimat gehen und meinen Vater und meine Mutter wieder sehen, da sie Sehnsucht nach mir haben.“ Er erhielt die Erlaubnis und ging weg. Die machten von neuem Hochzeit. Vierzig Tage und vierzig Nächte dauerten die Festlichkeiten. Sie erreichten, was ihr Wunsch war. Gott möge auch uns unsern Wunsch erreichen lassen. Amen, o Helfer.
8. DIE GESCHICHTE VOM SMARAGDENEN ANKAVOGEL [15]
Die Geschichtenüberlieferer und die Märchenerzähler berichten folgendes. In früheren Zeiten hatte ein Padischah in seinem Privatgarten einen Apfelbaum. Alljährlich brachte er drei Äpfel hervor. Wenn sie reif waren, kam um Mitternacht ein siebenköpfiger Dev, pflückte die Äpfel ab und ging weg. Der Padischah bekam nichts von ihnen zu essen. Der Padischah hatte auch drei Söhne. Eines Tages kommt der älteste, küßt den Boden und bleibt vor dem Vater stehen. Der Padischah fragt: „Was wünschst du mein Sohn?“ Er antwortet: „Wenn Euer Majestät erlauben, werde ich diese Nacht den Apfelbaum bewachen, den Dev töten und die Äpfel abpflücken.“ Der Padischah sagte: „Sehr schön, mein Sohn, aber wie willst du den Dev töten? Nachher stößt dir etwas zu. Wenn du ihn bestrafen kannst, töte ihn.“ Der Prinz nahm einen Pfeil in die Hand, ging in den Privatgarten und verbarg sich. Um Mitternacht entstand ein Geräusch und Getobe. Der Himmel war mit schwarzem Nebel bedeckt. Nach einiger Zeit kam aus dem Nebel ein siebenköpfiger Dev hervor und ging zum Baum. Als der Prinz ihn sah, verließ ihn die Besinnung. Er erhob ein Geschrei und lief ins Schloß. Der Dev pflückte die Äpfel und ging weg. Am nächsten Morgen rief der Padischah den Prinzen vor sich und fragte: „Mein Sohn, was hast du gemacht? Hast du den Dev getötet und die Äpfel pflücken und herbringen können?“ Der Prinz küßte den Boden und antwortete: „Mein Padischah, ich habe nur das Leben retten können. Das ist ein Dev, daß jeder, der ihn sieht, die Besinnung verliert.“ Im nächsten Jahre ging der mittlere Prinz zu seinem Vater und sagte: „Vater, mein älterer Bruder hat den Dev nicht töten können. Mit Ihrer Erlaubnis werde ich diesmal hingehen und den Dev töten.“ Der Padischah antwortete: „Dein älterer Bruder hat den Dev nicht töten können; wie willst du ihn töten?“ Da antwortete er: „Ich kenne das Mittel.“ Da er sehr bat, wollte ihn sein Vater nicht erzürnen und gab ihm die Erlaubnis. Der Prinz nahm einen Pfeil in die Hand, ging in den Garten und verbarg sich. Genau um Mitternacht entstand ein Geräusch und Getobe, rabenschwarzer Nebel bedeckte die Erde und den Himmel. Nach einiger Zeit kam aus dem Nebel ein großer Dev und ging zum Baum. Als der Prinz das Gesicht des Devs sah, fürchtete er sich; seine Hände und Füße begannen zu zittern und er flüchtete eiligst in das Schloß. Der Dev pflückte die Äpfel und ging weg. Auch in diesem Jahre gab es kein Mittel gegen den Dev. Als das dritte Jahr um war, ging diesmal der jüngste Prinz zu seinem Vater und sagte: „Vater, wenn Sie erlauben, werde ich diesmal hingehen.“ Der Padischah sagte: „Deine Brüder konnten ihn nicht töten. Wie willst du ihn töten?“ Da er sehr bat und flehte, erhielt er die Erlaubnis von seinem Vater, ging in sein Zimmer, nahm einen vergifteten Pfeil, steckte einen Koran in seinen Busen und ging aus seinem Zimmer in den Privatgarten. Nachdem er sich im Gartenhause hingesetzt hatte, öffnete er den Koran und fing an schön darin zu lesen. Genau um Mitternacht entstand ein Geräusch und Getobe und die Erde und der Himmel wurden mit schwarzem Nebel bedeckt. Nach einiger Zeit kam aus dem Nebel ein siebenköpfiger großer Dev. Als er auf den Baum zuging, spannte der Prinz den Bogen und schoß mit den Worten: „Mit Gottes Hilfe“ den Pfeil auf den Kopf des Drachen ab. Er drang an einem Kopfe ein, ging durch alle sieben Köpfe hindurch und kam wieder heraus. Der Drache erhob ein Gebrüll, daß die ganze Erde und der Himmel erdröhnte. Sein Blut floß und er machte, daß er davon kam. Der Prinz pflückte sofort die Äpfel, ging ins Schloß und sagte: „Mein Padischah, ich habe den Drachen getötet und die Äpfel mitgebracht.“ Da war der Padischah sehr erfreut und sagte: „Bravo, mein Sohn, du hast dich sehr tapfer gezeigt.“ Der Prinz küßte die Erde und sagte: „Mein Herr, wenn Sie erlauben, werde ich dahin gehen, wohin der Drache gegangen ist, und die Erde von ihm befreien.“ Der Padischah sagte: „Mein Sohn, gehe nicht hin, es möchte dir ein Leid vom Drachen geschehen.“ Aber es nutzte nichts. Am nächsten Morgen geht der Prinz mit den beiden anderen Brüdern der blutigen Spur des Drachens nach.
Nach einigen Tagen finden sie an der Öffnung eines Brunnens viel Blut. Die Öffnung des Brunnens war mit einem großen Stein verschlossen. Wie sehr sich auch die älteren Brüder bemühten, sie konnten ihn auch nicht das geringste aufheben. Der jüngste Prinz faßte ihn mit seinem kleinen Finger, hebt ihn auf und wirft ihn auf einen Berg. Als sie das sehen, wundern sie sich. Jetzt sagt der jüngste Prinz: „Ich werde in den Brunnen hinabsteigen und den Drachen töten.“ Der Älteste sagt: „Bruder, ich bin der Älteste, es kommt dir nicht zu, während ich hier bin.“ Sie waren damit einverstanden. Schließlich banden sie ihm einen Strick um die Hüfte und ließen ihn in den Brunnen hinab. Kaum ist der Prinz in den Brunnen gestiegen, da schreit er: „Ach, ich verbrenne, zieht mich nach oben!“ Sofort zogen sie ihn nach oben. Dann banden sie dem Mittleren den Strick um den Leib und ließen ihn hinab. Während er hinunter steigt, schreit er: „Ach, ich erfriere, zieht mich hinauf!“ Sogleich zogen sie ihn hinauf. Da sagte der jüngste Prinz: „Brüder, bleibt hier, ich werde in den Brunnen steigen. Auch wenn ich sage: ‚Ach, ich verbrenne‘, laßt den Strick nach, ebenso, wenn ich sage: ‚Ich erfriere.‘“ Die sagten: „Sehr wohl“, banden ihm den Strick um den Leib und ließen ihn in den Brunnen. Als der Prinz sagte: „Ach, ich brenne,“ ließen die den Strick nach, als er sagte: „Ach, ich erfriere,“ ließen sie nach. So kam der Prinz bis auf den Grund des Brunnens. Er löste den Strick von seinem Leibe, ging geradeaus, kam an ein Zimmer, trat ein und sah am Stickrahmen ein Mädchen, schön wie der Mond am vierzehnten. Von dort kommt er in ein anderes Zimmer, tritt ein und sieht, — was siehst du? — dies Mädchen ist noch schöner als das erste. Es saß gleichfalls am Stickrahmen. Darauf kommt er in ein anderes Zimmer und sieht — was siehst du? — ein Mädchen, das schönste Wesen der Welt und der Zeit. So schön war es. Seine Locken waren nach beiden Seiten gescheitelt. Es war, als ob die Sonne in dies Zimmer gefallen war und denjenigen, der es ansah, blendete. Man konnte es nicht aushalten hinzusehen. Als der Prinz dieses Mädchen sah, verlor er fast die Besinnung und verliebte sich von ganzem Herzen in dieses Mädchen. Er redete sie an: „Mädchen, bist du ein Geist oder was sonst?“ Das Mädchen antwortete: „Ich bin ein Mensch. Aber mein Held, wie bist du hierher gekommen? Denn hier in diesem Brunnen ist ein großer Dev. Wenn er dich merkt, gibt er keine Gnade und tötet dich.“ Da antwortete der Prinz: „Meine Prinzessin, ich bin gerade gekommen, um ihn zu töten. Zeige mir, welches Zimmer das des Devs ist.“ Das Mädchen zeigte ihm das Zimmer, in welchem der Dev war. Der Prinz tritt in das Zimmer ein und sieht — was siehst du? — einen häßlichen Dev, so groß wie ein Minaret. Jeder, der ihn sieht, verliert die Besinnung. Als der Dev den Prinzen sieht, nimmt er seine Wurfkeule von tausend Batman in die Hand, brüllt so, daß die Erde und der Himmel dröhnt, und wirft die Keule auf den Prinzen. Der Prinz deckte sich. Als der Dev fertig war, sagte der Prinz: „Mit Gott“, schlug mit dem Schwerte nach dem Kopfe des Verfluchten und schnitt ihm den Hals ab. Sogleich fiel der Verfluchte auf die Erde und schickte seine Seele in die Hölle.
Dann geht der Prinz in das Zimmer des Mädchens, nimmt die drei Mädchen und an Wert schwere, an Last geringe Diamanten, Juwelen, Rubinen, Hyazinthen und derartige andere viele wertvolle Sachen mit sich und geht mit ihnen an den Grund des Brunnens. Dort ruft der Prinz seinen obenstehenden Brüdern zu. Die lassen den Strick herunter. Der Prinz bindet den Strick dem ersten Mädchen um den Leib und sagte: „Mein ältester Bruder, dies ist dein Anteil.“ Die zogen auch das Mädchen nach oben. Dann lassen sie den Strick wieder hinunter. Der Prinz bindet das andere Mädchen an und sagte: „Da, mittlerer Bruder, das ist dein Anteil.“ Sie ziehen das Mädchen nach oben und lassen den Strick nach unten. Das Mädchen, das die Geliebte des Prinzen war, sagte zu ihm: „Mein Prinz, erst steige du nach oben, danach ich. Denn wenn deine Brüder mich oben sehen, werden sie neidisch werden, den Stick abschneiden und dich im Brunnen lassen.“ Der Prinz hörte aber nicht auf die Worte des Mädchens und sagte: „Nein, zuerst steigst du nach oben, dann ich.“ Das Mädchen antwortete: „Ich werde dir drei von meinen Haaren geben. Falls sie den Strick abschneiden, so reibst du sofort die Haare aneinander und auf dem Grunde des Brunnens erscheint ein weißes und ein schwarzes Schaf. Wenn du auf das weiße fällst, kommst du nach oben auf die Erde, wenn du auf das schwarze fällst, gehst du noch sieben mal so tief unter die Erde.“ Der Prinz nahm die drei Haare vom Mädchen, steckte sie in seinen Busen, band das Mädchen an den Strick und sagte: „Meine Brüder, das ist mein Anteil.“
Die ziehen das Mädchen nach oben, sehen, daß es wie der Mond am Vierzehnten ist, und sagen: „Aber uns hat er die schlechtesten gegeben und für sich das schönste genommen.“ Da werden sie neidisch auf ihn. Sie ziehen den Prinzen hoch. Als er an die Öffnung des Brunnens kommt, schneiden der ältere und mittlere Bruder den Strick mitten durch, sodaß der Prinz kopfüber, kopfunter nach unten rollt. Sofort reibt er die Haare, die ihm das Mädchen gegeben hat, aneinander und unten auf dem Brunnen erscheint ein weißes und ein schwarzes Schaf. Er fällt auf das schwarze und sinkt sieben mal so tief unter die Erde.
Da mag er nun bleiben. Wir wenden uns jetzt zu den anderen Brüdern. Die nehmen die drei Mädchen und gehen ins Schloß. Sie gehen zum Vater und sagen: „Vater, unseren jüngsten Bruder hat der Dev im Brunnen getötet. Wir haben dann diese Mädchen mitgenommen und sind hierher gekommen.“ Als der Vater das hörte, seufzte er, weinte blutige Tränen und trauerte um den Prinzen.
Die wollen wir nun verlassen und uns zum Prinzen wenden. Er war sieben Lagen tief unter der Erde. Da sieht er auf einmal eine Welt. Nachdem er etwas gegangen war, kam er in eine Stadt. Am Abend klopfte er an eine Haustür. Eine alte Frau kam. Er sagte: „Mutter, nimm mich als Gast auf.“ Sie antwortete: „Ach, mein Sohn, ich habe nicht einmal Platz zum Lager für mich. Wie soll ich dich da aufnehmen.“ Der Prinz nahm aus seiner Tasche drei Goldstücke und gab sie der Frau. Sie sagte: „Komm, mein Sohn, ich werde dir ein Lager suchen“ und nahm den Prinzen hinein. Sie stiegen nach oben, gingen in ein Zimmer und setzten sich. Da der Prinz sehr durstig war, bat er die Frau um Wasser. Die Frau ging an den Schrank. In einem Kruge war jahrealtes, mit fingerlangen Würmern angefülltes Wasser. Die Frau goß das Wasser in ein Glas und gab es dem Prinzen. Der Prinz nahm es und sah, — was siehst du? —, daß es Wasser war, das selbst die Tiere nicht trinken. Er empfindet Ekel, trinkt es nicht und sagt: „Mutter, was ist das für Wasser? Da sind ja fingerlange Würmer drin.“ Sie antwortete: „Ach, mein Sohn, wir trinken jeden Tag dieses Wasser. Denn in dieses Land kommt jedes Jahr einmal ein Drache und schneidet das Wasser ab. In jedem Jahre wird ihm ein Mädchen gegeben. Bis er das zerrissen und aufgefressen hat, kommt Wasser in die Quelle. Dann streiten wir uns alle, zerschlagen uns die Köpfe, und die ganze Bevölkerung holt sich Wasser. Danach wird das Wasser wieder abgeschnitten. Mit diesem Wasser müssen wir uns ein Jahr einrichten. Hier ist große Not an Wasser. Wir leiden sehr an dem Wassermangel. Dies Jahr ist nun auch zu Ende. Morgen wird man die Tochter des Padischah dem Drachen geben. Wenn man sie nicht gibt, werden wir alle sterben.“
Als der Prinz das hörte, dachte er etwas nach. Am Morgen ging er aus dem Hause zur Quelle und sieht eine große Menschenmenge. Ein jeder wartete mit einem Kruge in der Hand. Jetzt hatten sie die Tochter des Padischahs in rote Kleider gekleidet und geschmückt. Neben ihr waren einige Dienerinnen, die sie unter den Armen stützten. Sie brachten das Mädchen an den Mittelpunkt des Wassers und ließen das Mädchen dort stehen. Die Dienerinnen gingen wieder weg. Das Mädchen fängt an zu weinen. Als der Prinz das Mädchen so sieht, seufzte er und sein Herz blutete. Die Ankunft des Drachen stand nahe bevor. Der Prinz ging zu dem Mädchen und sagte: „Meine Prinzessin, umarme mich von hinten und halte dich fest, fürchte dich nicht.“ Der Prinz spannte seinen Bogen, stellte sich vor das Mädchen und hielt sich still bereit. Nach einiger Zeit kam von Westen ein siebenköpfiger Drache mit Brausen, wirbelte Staub und Nebel auf und sprühte Feuer aus Rachen und Nase. Als der Drache sie beide sieht, sagt er: „Ah, bis jetzt hatte ich nur einen Anteil, jetzt habe ich zwei Anteile.“ Atemlos von dem halbstündigen Wege fing er an, sie zu zerren. Der Prinz stand fest auf seinen Füßen. Der Drache zog so, daß er sie, selbst wenn sie ein Berg gewesen wären, in seinem Maule hätte davon tragen können. Aber wie sehr er auch zog, es glückte ihm nicht. Da kam der Drache näher und fing an, keuchend zu ziehen. Da setzte der Prinz seine Füße fest in den Boden, spähte nach dem Maule des Drachen und schoß seinen Pfeil mit den Worten: „Im Namen Gottes“ ab. Dieser Pfeil flog wie eine Flintenkugel, drang in das Maul des Drachen ein und kam aus dem Nacken wieder heraus. Der Drache schrie gräßlich, erhob sich dreimal und warf sich in die Luft. Die Erde an der Stelle, wo er fiel, ließ er wie auf der Tenne geworfelt in die Luft steigen. Aus dem Maule und der Nase des Drachen floß so viel Blut, daß die Eigenschaft des Wassers nicht zu erkennen war. Kurz, der Drache warf sich immer wieder auf die Erde und starb. Das Mädchen tauchte ihre fünf Finger in das Blut und drückte leise ihre Hand, als wollte sie ihn streicheln, auf den Rücken des Prinzen mit den Worten: „Bravo, mein Held!“ Dann trennte sie sich von ihm und ging ins Schloß.
Als der Padischah das Mädchen sah, tadelte er sie und sagte: „Meine Tochter, warum bist du weggelaufen? Wenn man es merkt, wird man kommen und mich töten“, und sagte seiner Tochter alle Worte, die ihm in den Mund kamen. Das Mädchen antwortete: „Mein Herr, Ihre Sklavin ist nicht weggelaufen. Dort war ein junger Mann, der tötete den Drachen und rettete mich. Dann kam ich wieder hierher. Wenn du es nicht glaubst, gehe auf den Berg und sieh dir den Leichnam des Drachen an.“
Sofort ging der Padischah an die Stelle, wo der Drache lag, und sah, — was siehst du? — daß es ein so häßlicher großer Drache ist, daß jeder, der ihn sieht, besinnungslos wird. Niemand ging nahe an ihn heran und alle schauten ihn aus der Ferne an. Da ging der Padischah wieder ins Schloß und sagte zum Mädchen: „Wenn du den Jüngling sähest, würdest du ihn wieder erkennen?“ Das Mädchen antwortete: „Er trägt mein Zeichen auf dem Rücken. Ich erkenne ihn sofort wieder, wenn ich ihn sehe.“ Da wurden Ausrufer ausgeschickt und dem ganzen Lande bekannt gegeben, daß alle Leute vom ersten bis zum siebenzigsten Lebensjahre, männlich und weiblich, Kind und Kegel vor dem Schloß vorbeiziehen sollten.
Wir kommen zum Prinzen. Als er den Drachen getötet hatte, ging er in das Haus der Frau von vorher und setzte sich hin. Da sagte die Frau: „Mein Sohn, heute hat der Padischah befohlen, daß vom ersten bis zum siebenzigsten Lebensjahre alles am Schlosse vorbeiziehen soll. Was sitzt du hier, zieh auch am Schlosse vorbei.“
Der Prinz verließ das Haus und machte sich auf den Weg, da sieht er, daß der Zug zu Ende ist. Während er jetzt vorüber geht, sieht ihn das Mädchen vom Fenster und wirft, als sie ihn erkennt, ein Tuch auf ihn. Die Posten sehen dies, fassen den Prinzen leise an und führen ihn in das Schloß zu dem Padischah.
Als der Padischah den Jüngling sieht, sagt er: „Mein Sohn, hast du den Drachen getötet?“ Da antwortete er: „Ja, mein Padischah, Ihr Sklave hat den Drachen getötet.“ Er sieht auch das Zeichen auf dem Rücken des jungen Mannes, sodaß kein Zweifel war. Da sagte er: „Mein Sohn, bitte von mir, was du willst.“ Der Prinz antwortete: „Ich bitte nur um Ihre Gesundheit.“ Als er ihn weiter drängte, sagte er wieder: „Ich bitte nur Ihre Gesundheit.“ Da sagte der Padischah: „Mein Sohn, was hast du für Nutzen von meiner Gesundheit. Bitte von mir, was du willst.“ Da sagte der Bursche: „Mein Padischah, gib mir drei Tage Bedenkzeit, dann will ich es mir überlegen und dir dann Antwort geben.“ Danach stand er auf und ging in das Haus der alten Frau.
Während er dort wohnte, langweilte er sich eines Tages, nahm seinen Pfeil und Bogen und ging auf den Berg. Da es Sommer war, wurde er sehr müde, legte sich in den Schatten eines Baumes und schlief ein. Auf dem Baume waren nun gerade die Jungen des Smaragd-Ankavogels. In jedem Jahre kam zu ihnen eine große Schlange, fraß sie auf und ging weg. Die Ankunft der Schlange fiel gerade auf diesen Tag. Als der Prinz schlief, kam eine große Schlange. Während sie den Baum hinaufklettert, erschrecken sich die Jungen, als sie sie sehen, und fangen an zu schreien. Der Prinz wacht auf und springt auf, als er das Schreien der Vögel hört. Da sieht er — was siehst du? — eine lange schwarze Schlange die Cypresse hinaufklettern. Als der Prinz die Schlange sieht, nimmt er den Pfeil von der Hüfte, sagt: „Mit Gottes Hilfe!“, schießt den Pfeil ab und nagelt die Schlange in ihrer Mitte an den Baum, so daß die beiden Enden der Schlange, der Kopf nach unten, herunter hängen. Der Prinz schläft wieder ein. Nach einiger Zeit entsteht ein Geräusch und vom Himmel her erscheint der Smaragd-Ankavogel. Als er den Prinzen sieht, denkt er: „Ach, der hat meine Jungen getötet.“ Während er aus der Luft mit einem Flügelschlag wie eine Flintenkugel auf ihn herabschießt, sagen die Jungen: „Mutter, Mutter, dieser schlafende Jüngling hat uns gerettet. Sieh dir einmal die Cypresse an.“ Als der Vogel das hört, steigt er leise herab und sieht eine große Schlange an den Baum festgenagelt. Als er das sieht, freut er sich, geht zum Prinzen, hat nicht das Herz ihn aufzuwecken, öffnet seinen einen Flügel und deckt ihn über den Prinzen, damit er nicht von der Sonne verbrannt wird. Nach einiger Zeit wacht der Prinz auf und sieht, daß über ihm ein Zeltdach ist. Als der Vogel sieht, daß er aufgewacht ist, zieht er leise seinen Flügel ein und sagt: „Mein Held, fordere von mir, was du willst.“ Als er ihn dreimal aufgefordert hatte, sagte der Prinz: „Ich bitte, daß du mich wieder auf die Erde zurückbringst.“ Der Vogel sagte: „Mein Held, das ist ein bißchen schwer. Aber du hast meine Jungen von ihrem Feinde gerettet. Dir zuliebe will ich mich opfern. Aber ich verlange von dir vierzig Schafe und vierzig Schläuche Wein. Die mußt du mir bringen, und wenn ich unterwegs ‚Gak‘ sage, mußt du mir das Fleisch, und wenn ich ‚Guk‘ sage, den Wein geben. So werde ich dich wieder auf die Erde bringen.“
Der Prinz geht zum Padischah und sagt: „Mein Herr, ich bitte von Ihnen vierzig Schafe und vierzig Schläuche Wein.“ Der Padischah befiehlt vierzig Schafe und vierzig Schläuche Wein zu bringen. Nachdem er an der Stelle, wo der Vogel ist, angekommen ist, legt er die vierzig Schafe auf den einen Flügel und die Weinschläuche auf den anderen. Er selbst setzt sich in die Mitte.
Als der Vogel dies auf sich genommen hat, fliegt er in die Luft. Nach Anordnung des Vogels gab er ihm, wenn er Gak sagte, Fleisch, und wenn er Guk sagte, Wein. Auf der Reise war eines Tages das Fleisch zu Ende und als der Vogel Gak sagte, war nichts mehr da. Als er wieder Gak sagte, war nichts da. Als er noch einmal Gak sagte, schneidet der Prinz seine Wade ab und gibt sie dem Vogel. Der Vogel sieht, daß es Menschenfleisch ist, frißt es nicht und behält es im Maule. Dann kommen sie an die Öffnung des Brunnens. Der Vogel sagt: „Da, mein Prinz, nun habe ich dich wieder auf die Erde gebracht. Nun geh du weiter, Gott möge dir Heil geben.“ Der Prinz sagte: „Geh du zuerst, dann werde ich gehen.“ Der Vogel nimmt das Fleisch, das er im Schnabel hatte, heraus, drückt es an die Wade und sie wird besser als vorher.
Nachdem der Prinz: „Gott befohlen“ gesagt hatte, macht er sich auf den Weg, kommt in sein Land und geht zu einem Schlächterladen. Er kauft sich eine Haut und zieht sie sich über den Kopf. [16] Unterwegs trifft er einen Hirten und sagt zu ihm: „Ach, Hirte, gib mir deine Kleider, ich werde dir meine geben.“ Der Hirte gibt seine und nimmt die des Prinzen. Der Prinz geht zum Privatgarten seines Vaters und sagt zum Obergärtner: „Ach, Obergärtner, willst du mich als Lehrling annehmen?“ Wie sehr der Gärtner auch sagt: „Es ist unmöglich“, nimmt er ihn schließlich wohl oder übel als Lehrling. Nach einigen Tagen pflückt der Obergärtner einen Strauß Rosen und sagt, als er weggehen will: „Mein Sohn, ich gehe jetzt aus. Passe ordentlich auf den Garten auf.“ Der Prinz reibt die Haare, die ihm das Mädchen gegeben hatte, aneinander und ein Mohr erscheint und sagt: „Befehle, mein Prinz“. Der Prinz sagt: „Ich verlange von dir einen Falben und rote Kleider und eine Waffenausrüstung.“ Er antwortet: „Mein Herr hat nur zu befehlen“, geht weg, bringt alle die Sachen, die der Prinz verlangt hatte und gibt sie dem Prinzen. Der Prinz steigt aufs Pferd und zerbricht dann alles, was an Bäumen und Blumen im Garten vorhanden ist. Darauf gibt er das Pferd und die Kleider dem Mohren wieder und bleibt ruhig an seiner Stelle. Darauf kommt sein Meister und sieht, — was soll er sehen? — im Garten ist nichts geblieben und der grindige Junge sitzt in einer Ecke und weint. Als sein Meister sich auf ihn stürzen will, rufen die Mädchen, die aus dem Fenster sehen, dem Obergärtner zu: „Schlage nicht den Jungen, denn von draußen ist ein Mann auf einem Falben gekommen und hat den Garten verwüstet. Es ist nicht die Schuld des Jungen.“ Da muß der Gärtner wohl oder übel den Garten in Ordnung bringen. Nach Verlauf einiger Tage, pflückt er wieder einen Rosenstrauß. Als er weggeht, ermahnt er den Jungen dringend, ordentlich auf den Garten acht zu geben und geht weg. Der grindige Junge verwüstet wieder wie das vorige Mal den ganzen Garten und setzt sich irgendwo still hin. Als die Prinzessinnen diesen Jungen sehen, wissen sie, daß der Prinz wieder auf der Erde ist, danken Gott und fassen sich in Geduld.
Als der Obergärtner kommt, sieht er, daß die Verwüstung noch größer als das vorige Mal ist. Während er sich auf den Jungen stürzen will, um ihn zu schlagen, rufen die Prinzessinnen ihm zu und ermahnen ihn, den Jungen nicht zu schlagen. Nach einigen Tagen nimmt der Obergärtner wieder einen Strauß Rosen und ermahnt den Jungen gehörig und geht weg. Der Junge verwüstet wieder wie das vorige Mal den ganzen Garten, sodaß kein Zweig im Garten bleibt. Der Obergärtner kommt wieder und sieht, daß im Garten nichts ist. Sofort ruft er den Jungen und jagt ihn aus dem Garten. Der Junge macht, daß er davon kommt, geht zu einem Goldarbeiterladen und sagt: „Ach, Meister, nimm mich als Lehrling an.“ Der Goldschmied sagt: „Mach, daß du davon kommst, grindiger Junge, was sollte ich mit dir anfangen.“ Der Junge sagt: „Ach, Meister, laß mich wenigstens Kohlen auf dein Kohlenbecken legen.“ Da er so fleht, nahm der Meister ihn als Lehrling an und ließ ihn dort wohnen.