Tom Sawyers Abenteuer und Streiche
Part 19
Huck teilte nun Tom im Vertrauen sein ganzes Abenteuer mit, von dem dieser nur ein Bruchstück durch den alten Walliser gehört hatte.
»Na,« schloß dann Huck, zur Hauptfrage zurückkommend, »und wer den Schnaps in Nummer Zwei ausgehoben hat, der hat auch das Geld, soviel ist sicher! Wir können uns den Mund wischen!«
»Huck, das Geld war gar nie in Nummer Zwei.«
»_Was?_« Huck starrte Tom in's Gesicht, »Tom, bist du am End' gar dem Schatz nochmals auf der Spur?«
»Huck, -- er ist in der Höhle!«
Hucks Augen glänzten.
»Sag's noch einmal, Tom.«
»Das Geld ist in der Höhle!«
»Tom, -- Herrgott im Himmel noch einmal, -- ist's Scherz oder Ernst?«
»Ernst, Huck, so ernst, wie nur was sein kann im Leben. Willst du mitkommen und 's heraus holen?«
»Na und ob! Das heißt -- wenn's wo liegt, wo wir's holen können und den Weg wieder heraus finden.«
»Dafür steh' ich dir!«
»Woher glaubst du aber, daß das Geld --«
»Wart' nur bis du dort bist. Finden wir es nicht, dann schenk' ich dir meine Trommel und alles, was ich sonst noch hab', so gewiß wie --«
»Ist 'n Wort. Wann also?«
»Gleich jetzt, wenn du willst. Bist du stark genug?«
»Ist's weit drin in der Höhle? Bin jetzt erst drei Tage wieder ein wenig auf meinen Spazierhölzern; ich glaub', weiter als 'ne Meile thun sie's noch nicht, Tom.«
»Auf dem gewöhnlichen Weg sind's freilich ungefähr fünf Meilen, aber man kann gewaltig abschneiden, auf einem Weg, den ich allein weiß. Ich bringe dich im Boot an die Stelle und du sollst keinen Finger dabei rühren.«
»Na, dann gleich los, Tom.«
»Schon recht, wir brauchen aber erst Brot und Fleisch und unsre Pfeifen, ein paar kleine Säcke und einen Knäuel Schnur, dann 'n paar von den neumodischen Dingern, die sie Zündhölzer nennen. Ich sag' dir, ich wäre gottfroh gewesen, wenn ich neulich einige gehabt hätte, als ich so in der Klemme saß.«
Kurz nach Mittag ›liehen‹ sich die Jungen ein kleines Boot von einem Manne, der gerade nicht daheim war, und machten sich alsbald auf den Weg. Als sie ein paar Meilen unterhalb der ›Höhlen-Bucht‹ waren, sagte Tom:
»Siehst du, Huck, die ganze steile Uferstrecke von der ›Höhlenbucht‹ an bis hierher, ist überall gleich -- kein Haus, kein Wald, nur Gestrüppe; aber sieh, dort oben der helle Fleck, wo ein Erdrutsch gewesen sein muß, das ist mein Merkzeichen. Jetzt landen wir.«
Und sie landeten.
»Wo wir jetzt stehen, Huck, könntest du mit 'ner Angelrute das Loch berühren, durch das wir herausgekrochen sind. Such' mal, ob du's finden kannst.«
Huck suchte überall herum, fand aber nichts. Stolz schritt Tom auf ein dichtes Gesträuch von Sumachbüschen zu und sagte:
»Hier ist's! Sieh' dir's an, Huck, 's ist das nettste Loch im ganzen Lande. Daß du aber den Mund hältst drüber. Lang schon hab' ich mal 'n Räuber sein wollen, hab' aber dazu so was gebraucht wie das Loch hier, nur wollt' sich's eben nicht finden lassen. Jetzt hab' ich's und wir sind fein still davon, sagen's nur dem Joe Harper und dem Ben Rogers, denn wir müssen doch 'ne ganze Bande haben, sonst hat das Ding keinen Schick. Tom Sawyers Bande, 's lautet famos, gelt Huck?«
»Das thut's, Tom, das thut's weiß Gott! Und wer wird beraubt?«
»Na, jeder. Wir lauern eben den Leuten auf, so macht man's.«
»Und töten sie?«
»Nee -- immer nicht! Sperren sie in die Höhle, bis sie sich ranzionieren.«
»Ranzion -- was? Was heißt denn das?«
»Na, Geld geben! Ihre Freunde müssen alles zusammenkratzen, was sie können, und wenn die Summe, die man verlangt, nach Jahresfrist nicht beisammen ist, dann bringt man die Gefangenen um. So wird's gewöhnlich gemacht. Nur die Weiber läßt man leben. Die sperrt man ein, aber man tötet sie nicht. Die sind immer schön und reich und entsetzlich furchtsam. Man nimmt ihnen die Uhren und ihre andern Sachen, zieht aber immer den Hut vor ihnen und ist höflich. Niemand ist so höflich, wie die Räuber, das kannst du in jedem Buch lesen. Na die Weiber, die lieben einen dann, und wenn sie erst mal zwei, drei Wochen in der Höhle gewesen sind, hören sie auf zu weinen und man kann sie schließlich nicht wieder los werden. Wenn man sie hinaustreiben wollte, würden sie flugs Kehrt machen und zurückkommen. So steht's in allen Büchern.«
»Na, das laß ich mir gefallen. 's ist noch besser als Seeräuber sein.«
»In einer Art ist's freilich besser, 's ist nicht so weit von Hause und näher beim Zirkus und all den Sachen.«
Jetzt war alles bereit und die Jungen schlüpften in das Loch, Tom voran. Sie krochen mühsam bis zum andern Ende des kleinen Stollens, befestigten dann ihre Leine und drangen weiter vor. Wenige Schritte brachten sie zu der Quelle, und Tom fühlte sich von einem kalten Schauder überrieselt. Er zeigte Huck das übriggebliebene Dochtrestchen, das mit einem Klümpchen Lehm an der Felswand befestigt war, und beschrieb, wie er und Becky verzweifelnd dem letzten Aufflackern und Erlöschen der Flamme zugesehen.
Die Jungen sprachen jetzt nur noch im Flüsterton, denn die Stille und Trostlosigkeit des Orts bedrückte ihre Stimmung. Sie schritten weiter und kamen an jenen andern Gang, der an dem vermeintlichen ›Abgrund‹ endete. Beim Kerzenschein stellte sich indessen heraus, daß hier kein unergründlicher Abgrund, sondern nur eine steile Lehmwand von zwanzig bis dreißig Fuß Tiefe war. Tom flüsterte:
»Jetzt will ich dir was zeigen, Huck.«
Er hob die Kerze hoch und sagte:
»Sieh' mal so weit um jene Ecke als du kannst. Siehst du was? Dort, an dem großen Felsblock drüben, -- mit Kerzenrauch geschwärzt?«
»Tom, 's ist ein _Kreuz_!«
»Nun, und wo ist die Nummer Zwei? _Unter dem Kreuz_, he? Grad' dort hab' ich den Indianer-Joe gesehen, wie er seine Kerze in die Höhe hob, Huck!«
Huck starrte eine Weile auf das geheimnisvolle Zeichen und hauchte dann mit zitternder Stimme:
»Tom, laß uns machen, daß wir fort kommen!«
»Was, und den Schatz im Stich lassen?«
»Ja, lieber. Dem Indianer-Joe sein Geist treibt sich gewiß hier herum.«
»Bewahre, Huck, hier nicht! Der spukt an der Stelle, wo der Kerl gestorben ist, am Ausgang drüben -- fünf Meilen von hier!«
»Nee, Tom, das glaub' ich nicht. Der spukt bei seinem Geld herum. Ich weiß, wie's Geister machen, und du weißt's auch!«
Tom begann zu überlegen, daß Huck am Ende recht haben könne. Böse Ahnungen stiegen in ihm auf. Plötzlich kam ihm ein erlösender Gedanke.
»Denk' doch nach, Huck, wir sind alle beide Narren! Wie kann denn ein Geist da herumspuken, wo ein Kreuz ist!«
Das war ins Schwarze getroffen.
»Tom, daran hab' ich gar nicht gedacht. Aber so ist's. Das Kreuz ist 'n Glück für uns. Wir wollen mal da hinab klettern und nach der Kiste schauen.«
Tom ging voraus, indem er während des Hinabsteigens rohe Stufen in die Lehmwand schnitt. Huck folgte. Vier Gänge führten aus der kleinen Höhle, in welcher der Felsblock stand. Drei davon untersuchten die Jungen ohne jeden Erfolg. Sie fanden einen kleinen Schlupfwinkel, in dem ein Bündel wollener Decken lag, dazu ein alter Hosenträger, ein Stück Schinkenschwarte und die rein abgenagten Knochen von zwei oder drei Hühnern. Die Goldkiste aber war nirgends zu erblicken. Die Jungen durchsuchten alles und durchsuchten 's noch einmal, umsonst! -- Tom sagte:
»Es hieß _unter_ dem Kreuz. Hier stehen wir am nächsten darunter. 's kann doch nicht unter dem Felsen selber sein, der sitzt fest auf dem Grunde auf, was nun?«
Wieder suchten sie überall herum und setzten sich dann entmutigt nieder. Huck wußte nichts weiter vorzuschlagen. Nach einer Weile sagte Tom:
»Sieh' mal her, Huck, da sind Fußspuren und Talgtropfen im Lehm auf dieser Seite des Felsens und zwar nur hier. Das hat was zu bedeuten, am Ende liegt das Geld doch _unter_ dem Felsen. Ich grab' mal hier im Lehm nach.«
»'s ist kein dummer Gedanke, Tom,« erwiderte Huck lebhaft.
Toms Messer war im Augenblick zur Hand und er hatte kaum vier Zoll tief gegraben, als er auf Holz stieß.
»Na, Huck! Hörst du das?«
Huck begann jetzt ebenfalls zu wühlen und zu kratzen. Bald waren ein paar Bretter bloßgelegt und weggenommen. Diese hatten eine natürliche Spalte verborgen, die unter den Felsen führte. Tom kroch hinein und hielt seine Kerze so weit hinunter, als er konnte, vermochte aber das Ende des Spaltes nicht zu sehen. Er schlug daher vor, weiter zu forschen, bückte sich und kroch vorwärts; der schmale Spalt führte allmählich nach unten. Tom folgte dem sich windenden Lauf erst nach rechts und dann nach links, Huck auf seinen Fersen. Als Tom wieder um eine scharfe Wendung bog, rief er plötzlich:
»Herr, du meine Güte, Huck sieh hier!«
Es war die Goldkiste, die da stand, gewiß und wahrhaftig, in einer schmucken, kleinen Höhle, zusamt einem leeren Pulverbeutel, ein paar Gewehren in Lederhülsen und einem alten Gürtel, alles durchnäßt von niedersickernden Wassertropfen.
»Gefunden, endlich gefunden!« jubelte Huck, indem er mit den Händen in den funkelnden Münzen wühlte. »Jetzt sind wir aber reich, Tom!«
»Ich hab' sicher drauf gezählt, Huck, und doch ist's fast zu schön, um wahr zu sein. Aber haben thun wir den Schatz, soviel ist sicher. Laß uns weiter keine Zeit verlieren jetzt, sondern die Geschichte flink in Sicherheit bringen. Zeig' mal her, ob ich die Kiste heben kann.«
Diese wog vielleicht fünfzig Pfund. Tom konnte sie nur mit Mühe heben, an ein Fortschaffen war nicht zu denken.
»Dacht' mir's wohl,« sagte er, »damals im Gespensterhaus trugen die Kerle ziemlich schwer dran, -- hab's gleich bemerkt. Gut, daß ich die kleinen Säcke mitgenommen habe.«
Das Geld war bald in die Säckchen verteilt und die Jungen trugen es hinauf nach dem Felsblock mit dem Kreuze.
»Jetzt wollen wir die Gewehre und das andre Zeug noch holen,« schlug Huck vor.
»Bewahre, die lassen wir schön dort. Das können wir alles wundervoll brauchen, wenn wir erst Räuber sind. In der Höhle feiern wir dann unsre Orgien, 's ist dort grad' wie gemacht für Orgien!«
»Was ist denn das -- Orgien?«
»Was weiß ich? Aber Räuber halten immer Orgien und das müssen wir natürlich auch thun. Vorwärts, Huck, wir müssen schnell machen, sind schon zu lange hier gewesen. 's wird wohl schon spät sein, hungrig bin ich auch; aber wir wollen doch erst essen und rauchen, wenn wir im Boot sind.«
Kurz danach traten sie aus den Sumachbüschen hervor, schauten vorsichtig nach allen Seiten aus, sahen, daß die Luft rein war und saßen bald kauend und rauchend im Boote. Als eben die Sonne im Begriff stand unterzugehen, stießen sie ab. Tom ruderte in der stetig zunehmenden Dämmerung längs des Ufers hin, und lustig plaudernd landeten sie kurz nach Einbruch der Nacht.
»Jetzt, Huck,« rief Tom, »verstecken wir das Geld im Holzschuppen der Witwe Douglas, und morgen früh komm' ich dann und wir zählen und teilen den Kram und suchen dann im Wald nach einem Platz, wo wir ihn sicher vergraben können. Du bleibst jetzt hier ruhig liegen und bewachst die Herrlichkeit, ich hol' indessen geschwind Meister Taylors Handkarren. Bin gleich wieder da!«
Er verschwand und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Karren zurück, in welchen er die beiden Geldsäcke legte, ein paar alte Lumpen drauf warf und sich dann mit seiner Last auf den Weg machte. Am Haus des alten Wallisers blieben die Jungen stehen, um einmal auszuruhen. Als sie eben weiter wollten, trat der Alte heraus und rief:
»Holla, wer ist da?«
»Huck und Tom Sawyer.«
»Schön, und nun schnell vorwärts, Jungens, alles wartet auf euch. Na, los, flink, lauft zu, ich will den Karren schon ziehen, her damit. Meiner Treu, der ist nicht so leicht, als er sein könnte. Backsteine drauf oder altes Eisen?«
»Altes Metall,« sagte Tom lakonisch.
»Dacht' mir's doch, dacht' mir's doch. Die hiesigen Jungens machen sich viel Arbeit und vertrödeln viel Zeit, um so altes Eisenzeug aufzutreiben, für das sie doch nur ein paar Pfennige bekommen in der Gießerei, viel mehr Zeit und Mühe, als sie brauchen würden, um ebensoviel mit ehrlicher Arbeit zu verdienen. Na, liegt mal so in der menschlichen Natur, läßt sich nicht ändern. Na nur flink, vorwärts, vorwärts!«
Die Jungen wollten wissen, weshalb solche Eile nötig sei.
»Fragt jetzt nicht lang, -- nur zu, werdet's schon sehen, wenn wir zur Witwe kommen.«
Huck fühlte böse Ahnungen in sich aufsteigen. Er war gewohnt, daß man ihn fälschlicherweise dummer Streiche bezichtigte.
»Herr Jones, ganz gewiß, wir haben nichts gethan,« beteuerte er zaghaft.
Der Alte lachte herzlich.
»Wer weiß, Huck, mein Junge, wer weiß? Bist du denn nicht gut Freund mit der Witwe?«
»O ja, jedenfalls ist sie freundlich mit mir gewesen!«
»Na -- also! Weshalb hast du dann Angst?«
Huck war sich über die Frage noch nicht ganz klar geworden, als er sich schon mit Tom in den Salon der Frau Douglas hineingeschoben fühlte. Jones ließ den Karren an der Thüre stehen und folgte ihnen.
Das Haus war strahlend hell erleuchtet, und jeder, der im Städtchen irgend etwas zu bedeuten hatte, war zugegen. Thatchers waren da und Harpers, Rogers, Tante Polly, Sid, Mary, der Pfarrer, der Redakteur und noch viele andere, und alle in festlichem Gewande. Frau Douglas empfing die Jungen so herzlich, wie man zwei _so_ aussehende Menschenkinder empfangen konnte. Sie waren mit Lehm und Talgtropfen förmlich überzogen. Tante Polly wurde feuerrot vor Verlegenheit, legte die Stirn in drohende Falten und schüttelte vorwurfsvoll und mißbilligend ihr graues Haupt gegen Tom. Niemand aber konnte verlegener, beschämter sein, als die Jungen selber. Herr Jones sagte:
»Tom war noch nicht zu Hause; ich hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, ihn herbei zu bringen, aber just vor meiner Hausthüre stolpere ich dann über die beiden, und da hab' ich sie eben mitgebracht, wie sie gingen und standen.«
»Und das war sehr recht,« bekräftigte die Witwe. »Kommt mit mir, Jungens!«
Sie nahm sie mit sich in ein Schlafzimmer und sagte:
»Jetzt wascht euch und zieht euch an. Hier sind zwei neue Anzüge, Hemden, Socken, alles vollständig. Die gehören dir, Huck, -- nein, keinen Dank weiter, -- Herr Jones hat den einen gekauft und ich den andern. Leihst Tom den einen heut' abend, werden ja wohl beiden passen. Flink also hinein. Wir warten so lange. Kommt schnell herunter, wenn ihr euch genug gestriegelt habt.«
Und sie ging.
Einunddreißigstes Kapitel.
Kaum war sie weg, so stürzte Huck zum Fenster, riß es auf und flüsterte drängend:
»Tom, wir können zum Fenster hinaus, wenn wir einen Strick finden, es geht nicht hoch hinunter.«
»Dummes Zeug! Weshalb sollten wir zum Fenster hinaus?«
»Ich -- ich kann so 'nen Haufen Menschen nicht vertragen, bin nicht dran gewöhnt. Ich geh' nicht wieder hinunter, Tom.«
»Dummheit! Ist auch 'was Rechtes. Mir ist's ganz einerlei. Wart', ich geb' acht auf dich und helf' dir!«
Sid erschien.
»Tom«, sagte er, »die Tante hat den ganzen Nachmittag auf dich gewartet. Mary hat deine Sonntagskleider zurecht gelegt und jeder hat sich deinethalben abgeängstigt. Sag' mal, ist das nicht Lehm und Talg auf deinen Kleidern?«
»Na, junger Mann, ich rat' dir, kümmre dich nur um deine Sachen. Weshalb ist denn der ganze Lärm?«
»Ei, 's ist 'ne Gesellschaft, wie sie die Witwe oft hat, und diesmal zu Ehren vom alten Jones und seinen Söhnen, weil sie ihr neulich nachts so aus der Patsche geholfen haben. Na und hör' mal, ich weiß noch 'was, wenn du's wissen willst.«
»Na und was?«
»Ei, der alte Jones will die Gesellschaft noch mit etwas überraschen, hab's gehört, wie er's heut' mittag der Tante erzählte, als 'n Geheimnis natürlich, ist aber kein großes Geheimnis mehr. Jeder weiß es, -- die Witwe auch, obgleich die sich stellt, als wisse sie nichts. Herrgott, hat sich der alte Jones abgesorgt, ob auch der Huck gewiß da sei, heut' abend, -- ohne den wär' ja sein großes Geheimnis keine Bohne wert gewesen, weißt du!«
»Geheimnis -- wieso, Sid?«
»Ei einfach, daß Huck damals hinter den Kerlen hergeschlichen ist bis zum Zaun hier, weiter gar nichts. Der Alte wollt' 'nen großen Hopphei draus machen heut' abend, 's wird aber wohl 'en bißchen schwach ausfallen.«
Und Sid lachte hämisch und selbstzufrieden in sich hinein.
»Sid, hast du's verraten?«
»Was liegt dran, wer's verraten hat? -- einer hat's gethan, soviel ist sicher.«
»Sid, ich weiß nur einen solchen Kerl im Städtchen, der elend genug ist, so was zu thun, und der bist du! Wenn du Huck gewesen wärst, du hättst dich heim in's warme Nest geschlichen und die Räuber Räuber sein lassen. Du kannst immer nur was Gemeines thun, und kannst's nicht hören, wenn andre gelobt werden, weil sie was Schönes und was Gutes gethan haben. So, da hast du was -- ›keinen Dank‹, wie Frau Douglas unten sagt.«
Dabei schlug Tom Sid eins hinter die Ohren und beförderte ihn mit einigen Fußtritten zur Thüre hinaus. »Lauf' doch hin und sag's der Tante, wenn du's Herz dazu hast, will dir's dann morgen gedenken.«
Einige Minuten später waren die Gäste um den Eßtisch der Witwe versammelt. Zur gegebenen Zeit hielt dann Herr Jones seine Rede, in welcher er der gütigen Wirtin dankte für die Ehre, die sie ihm und seinen Söhnen erwiesen, daß aber ein andrer, der auch anwesend sei, weit mehr Dank --
Und so weiter und so fort. Nun brachte er das große Geheimnis über Hucks Anteil an der Sache ans Licht und that's in der dramatischesten Weise, die ihm zu Gebote stand. Die Ueberraschung aber, die das Mitgeteilte hervorrief, war etwas künstlicher Natur und lange nicht so lebhaft und herzlich, wie sie unter glücklicheren Umständen hätte sein können. Die Witwe selber freilich verstand es sehr gut, das größte Erstaunen zur Schau zu tragen, und überhäufte Huck mit einem solchen Uebermaß von Dank und Lobsprüchen, daß dieser das _nahezu_ unerträgliche Mißbehagen, welches ihm die neuen Kleider bereiteten, über dem _völlig_ unerträglichen Mißbehagen, die Zielscheibe von jedermanns Blicken und jedermanns Beifallsbezeugungen zu sein, ganz vergaß.
Witwe Douglas erbot sich, Huck ein Heim in ihrem Hause zu bieten, ihn erziehen zu lassen und ihn später, soviel in ihren Kräften stehe, zu unterstützen. Jetzt blühte Toms Weizen, und er löste seine Zunge:
»Huck braucht das gar nicht, Huck ist reich genug!«
Nur der Zwang, den die gute Lebensart der Gesellschaft auferlegte, war im stande, einen Ausbruch des Gelächters über diesen vermeintlich guten Witz zurückzuhalten; das herrschende Schweigen war aber etwas unbehaglich. Tom brach es alsbald.
»Huck ist reich, sag' ich, er hat Geld. Ihr glaubt's vielleicht nicht, aber er hat Haufen von Geld. Braucht gar nicht zu lachen, werd's euch gleich beweisen. Wartet nur 'ne Minute!«
Er rannte zur Thür hinaus. Die Anwesenden blickten zuerst einander voll ungläubigen Staunens an und dann fragend auf Huck, der wortlos dasaß.
»Sid, was hat wohl der Tom?« fragte Tante Polly ängstlich -- »er -- na da werd' mal einer klug aus dem Bengel. Ich --«
Da trat Tom wieder ein, gebeugt unter der Last seiner Geldsäcke, und Tante Polly mußte den Satz unbeendet lassen. Tom leerte den Haufen blinkenden Goldes auf den Tisch und rief triumphierend:
»Da -- was hab' ich euch gesagt? Die Hälfte davon gehört Huck und die andere Hälfte mir!«
Der Anblick des Geldes benahm allen den Atem. Alles starrte auf die glänzenden Goldstücke und niemand fand Worte im ersten Augenblick. Dann erhob sich ein allgemeiner Ruf nach Aufklärung. Tom sagte, die könne er geben, und er that's. Die Geschichte war lang, aber unsagbar interessant, nur ab und zu kärglich eingestreute Bemerkungen der atemlos lauschenden Zuhörer unterbrachen den fesselnden Reiz derselben. Als Tom zu Ende war, meinte der alte Jones:
»Hab' _ich_ da vorhin der Gesellschaft 'ne kleine Ueberraschung bereiten wollen, -- 's ist aber rein nichts gegen das da. Tom, der Teufelskerl, hat mich schön übertrumpft, das muß ich sagen! Geb's aber gern zu, weiß Gott, geb's gern zu!«
Das Geld wurde nun gezählt. Die Summe belief sich auf etwas über zwölftausend Dollars. Es war mehr, als irgend einer der Anwesenden jemals beisammen gesehen, obgleich sich einige darunter befanden, die weit mehr als das an Grundbesitz ihr eigen nannten.
Zweiunddreißigstes Kapitel.
Wie man sich denken kann, machte dieser Fund der beiden Knaben in dem armen, kleinen Städtchen St. Petersburg das ungeheuerste Aufsehen. Solch' eine Riesensumme in barer Münze erschien den guten Leuten beinahe unglaublich. Man redete von nichts anderem, schielte gierig nach dem Schatze, pries die Finder glücklich, und die Vernunft manchen Bürgers drohte bei der ungesunden Erregung ins Wanken zu geraten. Jedes Haus, in dem es nur irgend spuken sollte, im Städtchen wie in der Umgegend, wurde sozusagen anatomisch zerlegt: Stein für Stein, Balken für Balken, die Grundmauern unterwühlt und nach verborgenen Schätzen durchforscht, und zwar nicht von Knaben, sondern von Männern, ernsten, verständigen, im gewöhnlichen Leben blutwenig romantisch angelegten Männern. Wo sich Tom und Huck nur blicken ließen, wurden sie gefeiert, bewundert und begafft. Die Jungen konnten sich nicht erinnern, daß ihre Worte je zuvor solches Gewicht besaßen, jetzt wurde der kleinste Ausspruch ihrerseits wie ein Ausfluß höchster Weisheit bewahrt und ehrfurchtsvoll wiederholt. Alles, was sie thaten, was sie redeten, erschien bemerkens- und bewundernswert, sie hatten augenscheinlich die Fähigkeit verloren, irgend etwas Alltägliches, Unbedeutendes zu sagen oder zu thun. Außerdem wurde ihre Vergangenheit durchforscht und man fand darin die unleugbaren Spuren hervorragendster Begabung. Die Zeitung des Städtchens brachte biographische Notizen über die beiden.
Die Witwe Douglas legte das Geld zu sechs Prozent an und der Herr Kreisrichter that auf Tante Pollys Bitte dasselbe mit Toms Anteil. Jeder der Jungen hatte nun ein geradezu ungeheures Einkommen -- einen Dollar für jeden Tag des Jahres! Das war ja gerade soviel, wie der Pastor bekam, das heißt, wie er bekommen sollte, denn meistens kam nicht so viel zusammen. Ein und ein viertel Dollar die Woche war genügend für Kost, Wohnung und Schulgeld eines Jungen in jener alten, einfachen, anspruchslosen Zeit, und man konnte ihn dafür noch kleiden und waschen obendrein.
Der Herr Kreisrichter hatte eine sehr hohe Meinung von Tom gefaßt. Er sagte, ein gewöhnlicher Junge würde nie imstande gewesen sein, seine Tochter aus der Höhle zu befreien. Als Becky ihrem Vater einmal im strengsten Vertrauen mitteilte, wie Tom ihre Prügel in der Schule damals auf sich genommen, war dieser sichtlich gerührt. Und als sie die Lüge zu entschuldigen suchte, vermittelst welcher es dem edlen Freunde gelungen war, die Züchtigung auf seine Schultern zu wälzen, meinte der Vater enthusiastisch, das sei eine edle, eine großmütige, eine hochherzige Lüge gewesen, eine Lüge, die wert sei, in der Geschichte dicht neben Washingtons vielgerühmter Wahrheitsliebe zu glänzen. Becky kam es vor, als habe sie ihren Vater noch nie so hoch aufgerichtet und so stolz gesehen, wie bei diesen Worten. Sie lief davon und berichtete Tom haarklein was vorgefallen.
Herr Thatcher hoffte, Tom einmal als berühmten Rechtsgelehrten oder auch als großen Kriegsmann zu sehen. Er wolle Sorge tragen, sagte er, daß Tom Einlaß fände in die große National-Militär-Akademie und danach in der besten Juristen-Schule des Landes ausgebildet werde, so daß er vollständig befähigt sei für die eine oder die andere Laufbahn, oder auch für beide.