Tom Sawyers Abenteuer und Streiche

Part 18

Chapter 183,760 wordsPublic domain

Zuletzt versagten Beckys zarte Glieder jeden weiteren Dienst, sie mußte sich setzen. Tom ließ sich neben ihr nieder und sie sprachen von zu Hause, von ihren Angehörigen, von ihren behaglichen Betten und vor allem vom lieben, goldnen Tageslicht! Becky weinte leise vor sich hin und Tom zerbrach sich den Kopf, wie er sie trösten könne; aber jedes Trostwort war schon längst verbraucht und klang beinahe wie Hohn und Spott. Bleierne Müdigkeit lastete auf Becky und drückte ihr zuletzt die Augen zu. Wie froh war Tom. Er saß und starrte in ihr gramverzogenes Gesichtchen, das nach und nach unter dem Einfluß heiterer Träume hell und heller wurde, bis sich allmählich ein verklärendes Lächeln darüber ergoß. Die friedvollen Züge warfen einen Strahl von Frieden und Ruhe in seine eigene Seele und seine Gedanken wanderten zurück zu vergangenen Tagen, träumerischer Erinnerung voll. Während er noch tief in Nachsinnen versunken war, erwachte Becky mit einem kurzen, fröhlichen Lachen, das ihr jedoch alsbald auf den Lippen erstarb und einem Stöhnen Platz machte.

»O, wie konnte ich nur schlafen! Wär' ich doch nie, nie mehr aufgewacht! Aber Tom, was hast du? -- Ich will's ja nie wieder sagen, nur sieh' mich nicht so an!«

»Ich bin froh, daß du geschlafen hast, Becky, nun bist du wieder munter und wir finden sicher den Weg hinaus.«

»Wir wollen's versuchen! Ach, ich hab' im Traum so 'n schönes, herrliches Land gesehen, -- ich glaub', wir kommen dorthin!«

»Noch nicht, Becky, vielleicht noch nicht. Mutig vorwärts, laß uns weiter suchen!«

Sie erhoben sich und wanderten weiter, Hand in Hand, hoffnungslos. Sie versuchten zu schätzen, wie lange sie schon in der Höhle herumirrten, es kam ihnen vor, als seien es Tage und Wochen, aber es konnte unmöglich sein, denn noch waren ihre Kerzen nicht ausgegangen.

Lange Zeit hernach, wie lange wußten sie nicht, sagte Tom, sie müßten nun leise gehen und lauschen, ob sie nicht das Rieseln von Wasser hörten, -- sie müßten eine Quelle finden. Bald darauf fanden sie wirklich eine, und Tom hielt es an der Zeit, wieder auszuruhen. Beide waren furchtbar müde, aber Becky meinte trotzdem, sie könne noch ein wenig weiter gehen. Zu ihrer Ueberraschung war Tom anderer Meinung; sie konnte nicht verstehen warum. So setzten sie sich denn nieder und Tom befestigte die Kerze mit etwas Lehm an der gegenüber liegenden Wand. Gedanken kamen und gingen, gesprochen wurde lange Zeit nichts. Endlich brach Becky das Schweigen:

»Tom, ich bin so hungrig.«

Tom zog etwas aus seiner Tasche.

»Kennst du das?«

Becky lächelte beinahe. Es war ein Stückchen Kuchen, das er ihr aus Scherz während des Picknicks abgejagt hatte, worüber sie damals sehr ungehalten schien. Nun war es zum letzten Hoffnungsanker in der Not geworden.

»Wollt' es wär' hundertmal so groß,« brummte Tom, »könnten's jetzt brauchen!«

»O, Tom, wo hätt' ich gedacht, daß dies unser letztes --«

Sie vollendete den Satz jedoch nicht. Tom brach das Stück entzwei und Becky aß ihr Teil mit gutem Appetit, während er an dem seinen nur so herum knapperte. Frisches, klares Wasser hatten sie im Ueberfluß, um ihr Mahl zu vollenden. Nach einiger Zeit schlug Becky vor, weiter zu gehen. Tom schwieg einen Moment, dann sagte er:

»Becky, kannst du's ertragen, wenn ich dir etwas sage?«

Becky erbleichte, bat ihn aber, tapfer zu reden.

»Nun denn, Becky, wir müssen hier bleiben, wo wir Wasser zum Trinken haben. Dies kleine Stümpfchen ist unser letzter Rest von Kerze.«

Becky brach in Weinen und Jammern aus. Tom that was er konnte, um sie zu trösten, aber mit wenig Erfolg. Zuletzt sagte sie:

»Tom!«

»Ja, Becky?«

»Man wird uns doch zu Hause vermissen und sie werden nach uns suchen!«

»Natürlich, natürlich thun sie das!«

»Vielleicht sucht man uns jetzt schon, Tom!«

»Na, vielleicht, -- hoffentlich.«

»Wann können sie uns wohl vermißt haben, Tom?«

»Vermutlich als sie im Boot waren.«

»Da war's vielleicht schon dunkel, -- 's wird wohl keiner bemerkt haben, daß wir fehlen.«

»Na, aber dann wird dich doch deine Mutter jedenfalls vermissen, wenn die anderen heimkommen.«

Ein erschrockener Blick in Beckys Augen belehrte Tom über seinen Irrtum. Becky hatte ja am Abend gar nicht nach Hause kommen sollen. Die Kinder wurden still und nachdenklich. Einen Moment später sah Tom aus einem erneuten Schmerzensausbruch Beckys, daß sie derselbe Gedanke bewege wie ihn, -- nämlich, daß noch der halbe Sonntagmorgen vergehen könne, bevor Beckys Mutter erfuhr, daß diese nicht bei Harpers über Nacht gewesen. Die Kinder hefteten ihre Augen wortlos auf das kleine Stückchen Kerze und beobachteten angsterfüllt, wie es langsam und unerbittlich dahinschmolz, sahen den halben Zoll Docht zuletzt noch allein dastehen, sahen das schwache Flämmchen steigen und fallen, fallen und steigen, jetzt die dünne Rauchsäule erklettern, einen Moment auf deren Spitze verweilen und dann -- herrschten die Schrecken schwärzester Finsternis.

Wie lange danach Becky zu dem dämmernden Bewußtsein kam, daß sie weinend in Toms Armen lag, hätte keines von beiden zu sagen vermocht. Sie wußten nur soviel, daß sie nach einer endlosen Zeit aus einer schlummerartigen Betäubung, zu dem erneuten, niederdrückenden Gefühl ihres Elends erwachten. Tom meinte, es könne Sonntag, vielleicht schon Montag sein. Er versuchte, Becky zum Reden zu bewegen, aber der Jammer lastete zu gewaltig auf ihr, alle Hoffnung war dahin. Tom behauptete, nun müsse man sie daheim längst vermißt haben und das Nachsuchen sei jedenfalls schon in vollem Gange. Er wolle schreien, sagte er, vielleicht höre man ihn doch und folge der Spur. Er versuchte es denn auch, aber in der tiefen Finsternis klangen die fernen Echos so schauerlich, daß er es bald entsetzt sein ließ.

Die Stunden schwanden dahin und der Hunger kam, um die armen kleinen Verlorenen auf's neue zu quälen. Ein Teil von Toms Hälfte des Kuchens war noch übrig, sie teilten den Rest und aßen. Danach schienen sie hungriger als zuvor. Dies arme bißchen Nahrung erweckte nur den Wunsch nach mehr.

Plötzlich rief Tom:

»Scht! Hörst du nicht was?«

Beide hielten den Atem an und lauschten. Ein Laut drang an ihr Ohr, der wie ein schwacher Ruf aus weitester Ferne klang. Augenblicklich antwortete Tom, und Becky an der Hand führend tastete er sich den Gang entlang, der Richtung des Tones nach. Dann lauschte er wieder atemlos. Wieder erklang der Ruf und diesmal zweifellos ein wenig näher.

»Sie sind's!« jubelte Tom, »sie kommen! Vorwärts, Becky -- nun ist alles gut!«

Die Freude, das Entzücken der Kinder war beinahe überwältigend. Sie kamen indes nur langsam voran, denn die Höhle war reich an Spalten im Boden, und diese mußten sie nun in der Dunkelheit doppelt meiden. Alsbald standen sie vor einer solchen und konnten nicht weiter. Die Spalte mochte nur drei Fuß, konnte aber auch hundert tief sein, wer konnte das wissen? -- jedenfalls war an kein Hinüberkommen zu denken. Tom legte sich nieder und versuchte so weit als möglich hinunter zu reichen, -- kein Grund zu fühlen. Sie mußten also bleiben und warten, bis die Retter erschienen. Sie lauschten -- die fernen Rufe klangen augenscheinlich ferner und ferner. Einen Moment oder zwei noch, und sie erstarben gänzlich. O, diese herzbrechende Verzweiflung! Tom schrie, tobte, brüllte, bis er vollständig heiser war, ohne jeden Erfolg. Hoffnungsvoll redete er Becky zu, aber eine Ewigkeit ängstlichen Harrens schwand dahin, kein Ton war zu vernehmen.

Die Kinder tasteten sich nach der Quelle zurück; lange, schwere Stunden schleppten sich dahin; die Verirrten schliefen ein und erwachten halb verhungert und voll Herzeleid. Tom meinte, nun müsse es wohl Dienstag sein.

Jetzt kam ihm ein Gedanke. Ganz in der Nähe befanden sich ein paar Seitengänge. Es war immerhin noch besser, diese zu untersuchen, als das lastende Gewicht der Zeit müßig zu tragen. Er nahm eine Leine aus der Tasche, an der er einstmals seinen Drachen hatte steigen lassen, befestigte dieselbe an einem Felsvorsprung und schritt dann, indem er die Leine abwickelte, vorwärts. Becky folgte ihm. Nach ungefähr zwanzig Schritten fiel der Gang plötzlich steil ab. Tom ließ sich auf die Kniee nieder, fühlte nach unten und dann so weit um die Ecke, als er bequem mit den Händen reichen konnte. Eben war er im Begriff, mit größter Anstrengung noch einmal weiter nach rechts zu tasten, als im selben Augenblick, keine zwanzig Meter entfernt, hinter einem Felsen hervor eine menschliche Hand erschien, die ein Licht hielt. Tom stieß einen laut hallenden Jubelschrei aus und alsbald folgte der Hand auch der Körper, zu dem sie gehörte, -- der Körper des Indianer-Joe. Tom war wie gelähmt, er konnte kein Glied rühren. Wie erlöst von einem Banne atmete er auf, als er sah, daß der ›Spanier‹ augenblicklich sich umwandte und schleunigst Fersengeld gab. Er konnte es kaum begreifen, daß Joe seine Stimme nicht erkannte und ihm für seine Aussage vor Gericht nicht den Garaus machte. Das Echo mußte sicherlich die Stimme unkenntlich gemacht haben, anders konnte er sich's nicht erklären. Die Furcht lähmte jede Muskel in Toms Körper. Er nahm sich bestimmt vor, zur Quelle zurückzukehren, wenn er noch Kraft genug dazu besitze, und dort zu bleiben; nichts in der Welt könne ihn bewegen, sich noch einmal der Gefahr auszusetzen, dem Indianer-Joe in die Hände zu laufen. So kroch er denn zurück und hütete sich wohl, Becky etwas von dem merken zu lassen, was er gesehen hatte. Den Schrei vorhin -- sagte er ihr -- habe er nur noch einmal auf's Geratewohl ausgestoßen.

Hunger und Elend aber trugen auf die Länge der Zeit den Sieg davon. Eine erneute, schreckliche Zeit des Harrens und Bangens, ein nochmaliger langer Schlaf änderten Toms Entschluß. Die Kinder erwachten von rasendem Hunger gepeinigt. Tom meinte, es müsse nun schon Mittwoch oder Donnerstag, vielleicht gar Freitag oder Samstag sein und die Suche nach ihnen sei wohl schon längst aufgegeben. Er schlug vor, einen andern Gang zu durchforschen. Er war nun entschlossen, es mit dem Indianer-Joe und allen sonstigen Schrecken aufzunehmen. Becky aber fühlte sich sehr schwach. Sie war in eine traurige Teilnahmlosigkeit versunken, aus der nichts sie aufrütteln konnte. Sie für ihr Teil wolle bleiben wo sie sei, hauchte sie matt, wolle hier sterben, es daure nun doch nicht mehr lange. Tom solle nur gehen und mit der Drachenleine weiter suchen: nur bat sie ihn flehentlich, doch ja von Zeit zu Zeit zurückzukommen und mit ihr zu reden. Sie ließ ihn feierlich versprechen, daß, wenn die letzte bange Stunde käme, er bei ihr bleiben und ihre Hand halten wolle, bis alles vorüber sei. Tom küßte sie mit einem erstickenden Gefühl in der Kehle und that, als sei er fest davon überzeugt, entweder die Suchenden oder einen Ausweg aus der Höhle zu finden. Dann nahm er seine Drachenleine zur Hand und kroch auf Händen und Knieen einen der Gänge hinunter, von Hunger gequält, von den trübsten Ahnungen des nahenden Schicksals gepeinigt.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Der Dienstag-Nachmittag kam und schwand, die Dämmerung setzte ein. Das Städtchen St. Petersburg trauerte noch tief. Die verlorenen Kinder waren immer noch nicht aufgefunden. In der Kirche war öffentlich für sie gebetet worden, und wieviele Gebete mochten im stillen Kämmerlein zum Himmel aufgestiegen sein! aber noch immer kam keine bessere Kunde aus der Höhle. Die Mehrzahl der Suchenden hatte die weitere Nachforschung aufgegeben und war zu ihren täglichen Beschäftigungen zurückgekehrt; sie meinten, die Kinder würden doch niemals wieder gefunden werden. Frau Thatcher war ernstlich erkrankt und lag meist in Fieberphantasieen. Die Leute sagten, es sei herzbrechend anzuhören, wie sie nach ihrem Kinde riefe, den Kopf hebe, um wohl eine Minute lang zu lauschen, und ihn dann ermattet und seufzend wieder niedersinken zu lassen. Tante Polly war in tiefste Schwermut verfallen, ihr graues Haar war beinahe schneeweiß geworden. Am Dienstag abend ging alles im Städtchen traurig und hoffnungslos zur Ruhe.

Etwa gegen Mitternacht brachen die Glocken in ein wildes Geläute aus und im nächsten Augenblick waren die Straßen voll von Gruppen halb angekleideter Gestalten, welche wie wahnsinnig: ›heraus, heraus, sie kommen, sie kommen!‹ in die Nacht hinein schrieen. Blechpfannen und Hörner halfen das Getöse noch vermehren. Die Bevölkerung drängte sich in Massen dem Flusse zu, den wiedergefundenen Kindern entgegen, welche in einem offenen Wagen daher kamen, der von jubelnden, jauchzenden Männern gezogen wurde. Im Nu war der Wagen dicht umringt und mit Jubel und Hurrahruf bewegte sich der Triumphzug die Hauptstraße hinauf.

Alle Häuser waren festlich beleuchtet, niemand fiel es ein, nochmals zu Bette zu gehen, es war der größte Moment, den das Städtchen je erlebt hatte. Während der ersten halben Stunde bewegte sich die Einwohnerschaft in langem Zug durch Richter Thatchers Haus. Die geretteten Kinder wurden mit Fragen und Küssen überschüttet, der armen Mutter Hand vor Mitgefühl fast ausgerenkt und dabei das ganze Haus mit Thränen förmlich überschwemmt.

Tante Pollys Seligkeit war vollkommen, und bei Frau Thatcher fehlte nicht viel dazu. Ihr Glück konnte jedoch erst vollständig sein, wenn der Bote, den man alsbald mit der großen Neuigkeit nach der Höhle gesandt, dem armen, trostlos weiter suchenden Vater die Freudenkunde überbracht haben würde.

Tom lag auf dem Sofa. Einer atemlos lauschenden Zuhörerschaft, die um ihn herum stand, erzählte er die Geschichte seiner wunderbaren Abenteuer, wobei er nicht verfehlte, aus freier Erfindung manch wirkungsvollen Zug zur weiteren Ausschmückung anzubringen. Zum Schlusse gab er eine besonders anschauliche Beschreibung davon, wie er Becky verlassen, um eine erneute Entdeckungsreise anzutreten, wie er mit der Drachenleine in der Hand durch zwei Gänge gekrochen, wie er eben im Begriff gewesen, dem dritten, den er der ganzen Länge der Schnur nach durchmessen, hoffnungslos und verzweifelnd den Rücken zu kehren, als er plötzlich in weitester Entfernung einen hellen Fleck gewahrte, der wie Tageslicht aussah. Da habe er die Leine fahren lassen, sei auf den Knieen dem verheißenden Fleck zugekrochen, habe Kopf und Schultern durch ein enges Loch gezwängt, habe frische, freie Gottesluft geatmet und den Mississippi seine breiten Wogen an sich vorüber wälzen sehen. Wäre es zufällig Nacht gewesen, so daß kein heller Fleck zu sehen war, dann würde er den Gang nicht weiter untersucht haben! Er erzählte, wie er dann zu Becky zurückkroch, um ihr die Freudenkunde zu bringen, wie sie ihn bat, sie mit solchem Unsinn zu verschonen, sie sei müde, wisse, daß sie sterben müsse und wolle sterben. Er beschrieb, welche Mühe es ihn gekostet, sie zu überzeugen und wie sie dann beinahe wirklich gestorben sei vor Glück, als sie sich nun mühsam dahingeschleppt, wo sie das Fleckchen wirkliches und wahrhaftiges Tageslicht sehen konnte. Wie er zuerst durch das Loch gekrochen und ihr sodann herausgeholfen, worauf sie beide sich niedergesetzt und vor Freude und Glück geweint hätten. Dann, sagte er, seien ein paar Männer in einem Boot den Fluß daher gekommen, er habe sie angerufen und von seiner und Beckys Lage und von ihrem halb verhungerten Zustande erzählt. Wie ihm die Leute zuerst nicht hatten glauben wollen, weil es ihnen wie ein tolles Märchen geklungen, »denn«, sagten sie, »ihr seid ja fünf Meilen unterhalb der Bucht, in der die Höhle ist,« sich aber dann doch eines anderen besonnen und sie an Bord genommen hätten. Dann seien sie nach einem Hause gerudert, hätten ihnen ein Abendessen gegeben, sie ein paar Stunden lang ausruhen lassen und sie dann endlich nach Hause gebracht.

Vor Tagesgrauen wurden denn auch der Kreisrichter und die Handvoll Leute, die ihm noch immer treulich suchen halfen, vermittels des Leitfadens, den sie hinter sich herlaufen ließen, aufgesucht und ihnen die freudige Botschaft überbracht. Alles war eitel Glück und Freude!

Drei Tage und drei Nächte der Trübsal und des Hungers lassen sich jedoch nicht mit einem Male abschütteln, das sollten auch Tom und Becky erfahren. Mittwoch und Donnerstag mußten sie das Bett hüten und schienen nur immer elender und müder zu werden. Tom freilich fing schon am Donnerstag an, ein wenig herum zu kriechen, zeigte sich Freitag auf der Straße und war Sonnabend fast wieder er selber. Becky aber konnte vor Sonntag das Zimmer nicht verlassen und dann sah sie aus, als ob sie eine lange, zehrende Krankheit durchgemacht hätte.

Tom hörte von Hucks Kranksein und ging am Freitag ihn zu besuchen, wurde aber nicht zu ihm gelassen, ebensowenig an den beiden folgenden Tagen. Nachher durfte er ihn täglich sehen, mußte aber versprechen, über sein Abenteuer in der Höhle zu schweigen und auch sonst nichts Aufregendes zu berühren. Frau Douglas, die treue Pflegerin, war immer zugegen und paßte auf. Zu Hause hörte Tom von dem nächtlichen Abenteuer hinter dem Douglasschen Besitztum, auch, daß man den Körper des einen Halunken im Fluß, nahe an dem Landungsplatze der Dampffähre gefunden habe; er war sicherlich bei dem Fluchtversuch ertrunken.

Etwa vierzehn Tage nach Toms Befreiung aus der Höhle machte dieser wieder einmal einen Besuch bei Huck, welcher mittlerweile genügend zu Kräften gekommen war, um ein aufregendes Gespräch ertragen zu können. An Stoff dazu fehlte es Tom nicht. Sein Weg führte ihn an des Kreisrichters Haus vorüber und er trat ein, um nach Becky zu sehen. Deren Vater und ein paar Freunde fingen ein Gespräch mit ihm an und man fragte ihn scherzweise, ob es ihn gelüste, noch einmal in die Höhle zu gehen. Tom meinte, warum nicht -- das würde ihm nichts ausmachen.

Da sagte der Kreisrichter:

»Tollköpfe wie du einer bist, giebt's noch mehr, Tom, daran zweifle ich keinen Augenblick. Aber wir haben der Sache ein Ende gemacht. In der Höhle soll von nun an keiner mehr verloren gehen.«

»Wieso?«

»Weil ich die große Eichenthüre mit Eisen habe beschlagen und dreifach verschließen lassen, und weil ich die Schlüssel dazu selber verwahre.«

Tom wurde weiß wie ein Leintuch.

»Herrgott, was giebt's, Junge? Schnell, bring' mal einer ein Glas Wasser!«

Das Wasser wurde gebracht und Tom damit bespritzt. »So, mein Junge, ist dir nun besser? Sag' doch nur mal um Himmels willen, was mit dir los ist, Tom?«

»Ach, Herr Kreisrichter, in -- _der Höhle war ja der -- der Indianer-Joe_!«

Dreißigstes Kapitel.

Innerhalb weniger Minuten hatte sich die Neuigkeit im Städtchen verbreitet und bald war ein Dutzend Boote voll Menschen unterwegs nach der Höhle, denen kurz nachher die vollgedrängte Dampffähre folgte. Tom Sawyer befand sich mit dem Kreisrichter in einem Boote. Als man die schwere Thüre der Höhle öffnete, bot sich in der düstern Dämmerung des Ortes ein trauriger Anblick dar. Da lag der Indianer-Joe zur Erde hingestreckt, tot, mit dem Antlitz dicht am Spalt der Thüre, als ob seine Augen bis zum letzten Moment sehnsüchtig auf das Licht und die Lust der schönen Gotteswelt da draußen geheftet gewesen wären. Tom war tief ergriffen, wußte er doch aus eigener Erfahrung, was der Schurke hatte leiden müssen. Aber obgleich sein Mitleid rege war, empfand er doch zugleich ein überquellendes Gefühl der Begeisterung und Erleichterung, welches ihm nun erst offenbarte, bis zu welchem Grade Furcht und Angst auf ihm lasteten und ihn bedrückten, seit jenem Tage, an welchem er vor Gericht seine Stimme gegen den blutgierigen Mörder erhoben hatte.

Das Dolchmesser des Indianer-Joe lag dicht bei ihm; die Klinge war entzwei gebrochen. Der große Grundbalken der Thüre war mit unsäglicher Mühe von dem Messer bearbeitet und schließlich durchschnitten worden; aber es war vergebliche Arbeit, denn der Felsen bildete von außen eine natürliche Schwelle, an der das schwache Messer zerschellen mußte. Selbst ohne dies steinerne Hindernis würde die Arbeit umsonst gewesen sein, denn er hätte seinen Körper doch nimmermehr unter der Thüre durchzwängen können, und das wußte der Indianer-Joe wohl. Trotzdem hatte er weiter geschnitzt und gebohrt, nur um etwas zu thun, nur um die gräßlich langsam hinschleichende Zeit hinzubringen, um seine gemarterten Lebensgeister zu irgend einer Thätigkeit zu zwingen. Gewöhnlich konnte man eine Anzahl Lichtstümpfchen, welche von den jeweiligen Besuchern zurückgelassen worden waren, in den Rissen und Spalten dieser Vorhalle stecken sehen. Heute war nichts davon zu erblicken. Der Eingesperrte hatte sie wohl alle zusammengesucht und gegessen. Einiger Fledermäuse mußte er sich zu demselben Zwecke bemächtigt haben, wie aus den herumliegenden Flügeln ersichtlich war. Der Unglückliche war buchstäblich Hungers gestorben. Nicht weit von ihm war im Lauf der Jahrhunderte ein Tropfsteingebilde vom Boden aufgewachsen, genährt von dem fallenden Tropfen eines oben niederhängenden Stalaktiten. Der Indianer-Joe hatte den Tropfstein abgebrochen und auf den Stumpf einen Stein gelegt, in den er eine kleine Vertiefung gehöhlt, um den kostbaren Tropfen aufzufangen, der einmal in zwanzig Minuten mit der Regelmäßigkeit eines Uhrpendels herabfiel -- im ganzen ein Theelöffel voll in vierundzwanzig Stunden. Jener Tropfen fiel schon, da die Pyramiden neu waren, er fiel, als Troja sank, als Rom gegründet wurde, als man Christum kreuzigte, als Wilhelm der Eroberer das britische Reich schuf, als Columbus segelte, als der Unabhängigkeitskrieg ausbrach. Jener Tropfen fällt noch jetzt und er wird weiter fallen, wenn alle diese Dinge durch das Tageslicht der Geschichte in die Dämmerung der Sage, in die tiefe Nacht der Vergessenheit gesunken sein werden. Ob alles hienieden seinen Zweck, seine Bestimmung hat? Mußte jener Tropfen so geduldig fallen, fünftausend Jahre hindurch, um zur betreffenden Stunde für das Bedürfnis jener vergänglichen, menschlichen Eintagsfliege bereit zu sein? Wird er in zehntausend Jahren irgend eine andere Mission zu erfüllen haben? Wer das wissen könnte! Doch, was liegt daran? -- Viele, viele Jahre sind verflossen, seit jener Unglückliche den Stein höhlte, um den kostbaren Tropfen aufzufangen, doch bis zum heutigen Tage betrachtet jeder Besucher der Höhle am längsten diesen Stein und den niederfallenden Tropfen. Der ›Becher des Indianer-Joe‹ nimmt unter den Wundern der Höhle die erste Stelle ein; selbst ›Aladdins Palast‹ kann nicht damit konkurrieren.

Dicht beim Ausgang der Höhle wurde der Indianer-Joe beerdigt. Zu dem Begräbnis strömten die Leute aus allen Himmelsgegenden, auf sieben Meilen in die Runde, zu Boot und zu Wagen herbei. Sie hatten ihre Kinder und allerlei Lebensmittel mitgenommen, und gingen schließlich so befriedigt von dannen, als ob Joe gehängt worden wäre.

Am darauffolgenden Morgen nahm Tom seinen Freund Huck an einen heimlichen Ort, um etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen. Huck hatte inzwischen Toms Abenteuer erfahren, dieser meinte aber, es sei noch etwas dabei, was er sicher nicht gehört hätte und darüber eben wolle er reden. Hucks Gesicht nahm eine betrübte Miene an; er sagte: »Weiß schon, was du willst, Tom! Bist in Nummer Zwei gewesen und hast nur Schnaps gefunden, gelt? Es hat mir's niemand gesagt, aber wie ich von der Schnapsgeschichte hörte, wußte ich gleich, daß du es gewesen bist. Geld hast du keins gefunden, das weiß ich, hättst's mich sonst wissen lassen. Na, Tom, ich hatte immer so eine Ahnung, daß wir am Ende mit leeren Händen ausgehen.«

»Aber, Huck, ich hab' kein Wort über den Gastwirt gesagt! In seiner Schenke war ja noch alles in Ordnung, als ich am Samstag zum Picknick ging. Weißt du's nicht mehr? Du hast ja die Nacht dort wachen sollen!«

»Weiß Gott, ja. Mir kommt's wie 'ne Ewigkeit vor. 's war in derselben Nacht, als ich dem Indianer-Joe da hinauf hinter den Gartenzaun der Frau Douglas nachgeschlichen bin.«

»Du bist ihm nachgeschlichen?«

»Ja, aber du hältst reinen Mund drüber, hörst du? Der Kerl könnte gute Freunde hinterlassen haben, und die möcht' ich nicht auf mich hetzen. Wenn ich nicht gewesen wär', wär' der Schuft jetzt in Texas oder Gott weiß wo.«