Todsünden

Chapter 9

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„Darüber bin ich nicht unterrichtet,“ entgegnete Höppner, langsam die Worte dehnend und in gewohnter Rücksicht ausweichend. „Es wird wohl auf beiden Seiten ein wenig Schuld sein, aber das ändert ja nicht die Notwendigkeit, daß wir uns der uns befreundeten Dame annehmen.“

„Sehr, sehr menschenfreundlich von Ihnen, Herr Pastor. Ganz Ihrem und Ihrer Frau Gemahlin vortrefflichem Charakter entsprechend,“ schob Tankred, glatt schmeichelnd, ein. „Wird Fräulein Helge länger bei Ihnen verweilen? Übrigens eine ausgezeichnete Dame, wie ich Ihnen beipflichten muß. Eine Dame, die ich hoch verehre, obschon wir uns einander wenig genähert haben.“ — Tankred wußte, daß der immer zum Friedenstiften geneigte, gutherzige Höppner jedes Wort seiner Rede den Frauen hinterbringen werde.

„Fräulein Helge hat Aussicht, — ja, sieh! das wird Sie ja gerade sehr interessieren, und da Sie sie so schätzen, auch freuen, Herr von Brecken, — Gesellschafterin bei Ihrer Frau Kousine zu werden. Die Verhandlungen, durch meine Frau eingeleitet, haben guten Fortgang. Bis die Sache entschieden, bleibt sie bei uns.“

Tankred glaubte, daß ihn der Schlag treffen solle bei diesen von dem Pastor so arglos und mit so befriedigter Miene hingeworfenen Worten.

Das fehlte gerade noch! Theonie, Frege und das Geschöpf mit dem unerträglich affektierten Vornamen künftig zusammen auf Falsterhof! Tankreds Stimmung war die denkbar schlechteste. Wie würden sie ihn alle beobachten, und wie würden sie Buch führen, um nach fünf Jahren zu erklären, daß er des Erbes nicht würdig sei! Und alle die Katzenbuckel, die er den Dreien in so langer Zeit würde machen müssen, während er sie am liebsten an dem Kragen genommen und sie irgendwo auf eine wüste Insel geschickt hätte. Und dieser Pastor! Er ging in der Welt umher wie ein Blinder! Ungewöhnlich beschränkt war doch dieser Geistliche!

So ging es in Tankreds Innerm auf und ab, aber mit kräftiger Selbstbeherrschung wußte er gleichwohl seine Enttäuschung zu verstecken, pflichtete vielmehr, hoch erfreut über solche Möglichkeit, dem Pastor bei und verabschiedete sich von ihm, ohne zu verraten, daß er den Weg nach Holzwerder nahm. Er gab vielmehr vor, eine Einladung auf eins der in größerer Entfernung liegenden Güter erhalten zu haben.

Als Tankred, nachdem er den Postwagen an einer Wegbiegung verlassen und einen Fußpfad eingeschlagen hatte, durch das Gutsthor trat, sah er, daß Herr von Tressen mit einer Anzahl von Angestellten auf dem Hofe beschäftigt war. Auch die Damen standen nicht weit ab und schauten zu, wie die einzelnen Teile einer Dampfmaschine von einem ausgespannten Wagen abgehoben wurden. Nach rascher, freundschaftlicher Begrüßung wandten sich alle wieder der Thätigkeit der von Hederich angeleiteten Knechte zu. Aber es wollte nicht gelingen, den schweren Gegenstand, der jetzt an der Reihe war, herabzuheben; tief Atem holend, hielten die Beschäftigten inne.

„Erlauben Sie mir!“ rief Tankred, welcher sah, daß die Damen den Vorgängen mit großer Spannung folgten, und schwang sich auf den offenen Lastwagen. Hier packte er mit wahrhaften Riesenkräften den unter den Dampfzylinder geschobenen Hebel, rief den Arbeitern zu, jenen nochmals anzufassen und abwärts zu drücken, und brachte nun gleichsam spielend zu wege, was allen Mühen bisher getrotzt hatte. Auch beim Niedersetzen der schweren Eisenmasse war er behülflich und stand, während die übrigen, nachdem das Werk gethan, sich pustend den Schweiß wischten, da, als ob es sich um eine Kinderei gehandelt hätte.

Auch am Nachmittag, nach Tisch, legte er Proben von der Stahlkraft seiner Arme ab, indem er auf Herrn von Tressens Veranlassung einen bisher nicht zu bändigen gewesenen Hengst bestieg und unter den Augen der Gutsinsassen und der Herrschaften um den Hof herum jagte. Es war, als sei die Legende vom wilden Reiter zur Wahrheit geworden!

Mehreremale machte das Tier, ein schwarzes Rassepferd, Sätze, daß die Umstehenden unwillkürlich aufschrieen und einen tödlichen Sturz schon vor Augen sahen, aber Tankred riß den Hengst herab, als ob in die schnaubenden Nüstern gebohrte unsichtbare Stahlstricke ihn niederzerrten, peitschte ihn zwischen die Ohren und über die Weichen und flog dann wieder in solcher Karriere über den Hof, daß die Funken aus dem Pflaster stoben.

Zuletzt stand das Tier auf einen einzigen Ruck schaumbedeckt, zitternd und bebend, der übermenschlichen Gewalt sich bedingungslos fügend, da.

„Herrlich! Wundervoll!“ riefen Frau von Tressen und Grete, als Tankred abgestiegen war und sich ihnen näherte.

Auch Hederich war ganz hin.

„Drum und dran, das ist ein Stück, wie ich es noch nicht gesehen habe. Alle Achtung, Herr von Brecken,“ stieß er heraus und bewegte in unbeschränkter Bewunderung den Kopf.

Tankred aber wandte das Auge zu Grete, und sie sah ihn mit einem Blicke an, der mehr sprach als alle Worte.

Dann aber trat an Tankred etwas anderes, weit schwereres heran. Herr von Tressen zog ihn vor dem Abendessen in sein Arbeitszimmer. Tankred wußte, daß nun das Schriftstück von Theonie zur Sprache kommen werde.

Noch war er nicht so verdorben, daß er der Vorlage des gefälschten Dokuments mit völliger Ruhe entgegen gesehen hätte; bisher hatte er gelogen und betrogen, auch sich Vorteile zu verschaffen gewußt, die seinen Brotherrn geschädigt hatten, aber doch nicht als direkter Diebstahl anzusehen waren. Aber vor Fälschungen war er bisher doch zurückgeschreckt! Nun beschritt er einen Weg, der ihn bei Entdeckung jeden Augenblick mit der Staatsgewalt in Berührung bringen konnte, und so peinigte ihn außer dem Rest von Ehrgefühl, das noch in ihm war, auch — die Furcht. Er sagte sich wie schon früher, daß er nicht dazu veranlagt sei, die Folgen eines Verbrechens auf sich zu nehmen, daß er nicht die mit der vollkommenen Verderbtheit verbundene und für sie erforderliche Seelenruhe besitze: und doch beschwichtigte er sich. Wenn das Schriftstück nicht in Tressens Händen blieb, wer konnte ihm dann etwas nachweisen? Er würde im Fall mit kühner Stirn leugnen und Tressen der falschen Verdächtigung zeihen. So zog er denn, sobald das Gespräch dazu Anlaß bot, das von ihm mitgenommene Papier hervor und überreichte es Gretes Vater mit voller Unbefangenheit.

Tankred beobachtete des Lesenden Züge. Ohne Zweifel; er hatte seine Sache gut gemacht! Tressen bewegte nach genommener Einsicht mit deutlicher Befriedigung den Kopf und legte, Tankreds geschickt abgefaßtem Kommentar ebenfalls mit größter Genugthuung zuhörend, das Papier neben sich auf den Tisch.

Er schien das Schriftstück einstweilen behalten zu wollen, aber Tankred ließ seinen Zweck nicht aus dem Auge. „Der letzte Passus“ — schob er in seine Rede ein, nahm die gefälschte Akte an sich und entfaltete sie, „bedarf auch nach anderer Richtung hin noch einer Erklärung. Gestatten Sie. Es heißt da — —“

Nun las er vor, und nachdem er zu Ende gelesen, ließ er das Papier, nachdem er es noch eine Weile in den Händen gehalten, gleichsam unwillkürlich in seine Brusttasche zurückgleiten.

„Würden Sie erlauben, daß ich auch meine Frau mit dem Inhalt des Schriftstückes bekanntmache?“ fiel Tressen ein und streckte mit höflicher Bewegung die Rechte aus. „Ich lege es dann morgen dankend in Ihre Hände zurück. Ich hoffe doch, daß Sie die Nacht noch bei uns bleiben, wenn Sie uns nicht gar einige Tage schenken können? Sie wissen, unsere Fremdenzimmer stehen allezeit für Sie bereit!“

Tankred schwankte. Was Tressen ihm über sein Bleiben vorgeschlagen, stimmte sehr mit seinen Wünschen überein, aber das Papier auch nur zeitweilig von sich zu geben, hieß alles aufs Spiel setzen! Sie konnten, ohne ihm etwas mitzuteilen, Abschrift davon nehmen, die Kopie Theonie vorlegen! Was er selbst gethan haben würde, mutete er anderen zu.

„Natürlich! Mit Vergnügen,“ bestätigte er trotzdem. Aber mit der Geistesgegenwart, die ihm eigen war, fügte er hinzu: „Verzeihen Sie die Frage, mein hochverehrter Herr von Tressen, ob es vielleicht möglich wäre, daß wir jetzt gleich im Beisein Ihrer Frau Gemahlin einmal die ernsten Dinge, die wir vorhaben, einer Besprechung unterziehen. Offen bekannt, habe ich keine Sekunde Ruhe mehr. Ich möchte etwas Gutes aus dem Munde Ihrer Frau Gemahlin hören; sie wird auch wissen, ob ich mir bei Ihrem Fräulein Tochter Hoffnung machen kann. Später, wenn Gäste eintreffen, ist die Gelegenheit zu einer vertraulichen Unterhaltung abgeschnitten. Eine Nacht der Ungewißheit raubt mir den Schlaf. Sie lächeln! Aber Sie werden sich der Zeit erinnern, wo Sie um Ihre Frau Gemahlin warben, das wird Sie für meine Bitte nachsichtig stimmen. Ich möchte für den Fall auch gern Ihre künftigen Angelegenheiten besprechen, Ihnen gleich meinen Standpunkt darlegen. Verzeihen Sie, daß ich das so ausspreche, so unbescheiden vorzugreifen wage, aber ich fühle mich — der Himmel möge verhüten, daß ich in meinen Hoffnungen betrogen werde — bereits als ein Teil der Familie, deren Vertrauen mich würdig zu zeigen ich stets aufs eifrigste bestrebt sein werde.“

Diesem Wortschwall erlag Herr von Tressen. Er neigte kavaliermäßig das Haupt, bat Tankred, einen Augenblick zu verziehen, und holte seine Frau herbei. —

* * * * *

Das Gespräch war lange beendet, und die Abendtafel abgedeckt. Herr von Tressen, Gretes Mutter und Hederich hatten am Whisttisch Platz genommen, während Tankred um die Erlaubnis gebeten hatte, sich mit Fräulein Grete unterhalten zu dürfen.

Man hatte ihn verstanden und ihm gern die Bitte gewährt. Während im Wohngemach die Karten klapperten, und die beim Anschreiben benutzte Bleifeder immer mit demselben harten Geräusch aus Tressens Hand auf den Spieltisch fiel, während Frau von Tressens lebhaftes Lachen erscholl, und Hederichs unvermeidliches „Drum und dran! das mußte Schlemm werden!“ ertönte, saßen nebenan Tankred und Grete in stillem Geflüster, und endlich die lang ersehnte Gelegenheit ergreifend, raunte er dem durch seine Worte und Gebärden immer mehr erregten Mädchen zu:

„Gestern auf Falsterhof wehrten Sie mir, Fräulein Grete, zu sprechen. Ich ging mit Gefühlen, die ich nicht zu beschreiben vermag, von Ihnen. Mir war, als ob Sie mir befohlen hätten, einen Tag und eine Nacht den Atem anzuhalten. Ich ringe seit gestern gleichsam nach Luft, und nur ein Gedanke beschäftigt mich: zu vollenden, was mir gestern auf der Lippe lag. Darf ich denn nun sprechen, — o bitte, nein, lassen Sie mir Ihre Hand, die ich es nicht mehr erwarten kann, zu fassen, — Ihnen sagen, was, was, — “ Er hielt inne und forschte in ihrem Angesicht.

Grete wagte nicht, empor zu sehen. Sie lag unter dem Bann seines Wesens, und gerade weil es sie drängte, das sie berauschende Wort zu hören, fand sie keine Sprache. In dieser sonst so kalten Brust brach eine heiß strömende Quelle auf, das Gefühl überflutete alles: Verstand, Vernunft und Überlegung. Sie liebte und wollte geliebt sein! Ihr Herz pochte, ihre Sinne waren in Aufruhr, und schon die Nähe des Mannes durchströmte sie mit einer fieberhaften Wonne. Als er noch einmal auf sie einsprach, drängend, schmeichelnd, zärtlich und feurig, war sie nicht mehr Herr ihrer selbst; sie litt es, daß er sie, ihr Schweigen, ihr Wesen richtig deutend, umfaßte, und plötzlich drängte sie selbst ihre Lippen zu den seinen und hielt ihn lange und fest umschlungen.

Auch durch Tankreds Inneres zog ein Gefühl von Sättigung und Wonne, und seine Seele triumphierte. So war es denn erreicht! Er, der vor Halbjahresfrist noch wie ein Bettler, wie ein Ausgestoßener auf Falsterhof erschienen war, saß im Schloß von Holzwerder, und die Erbin der reichen Herrschaft hing an seinem Halse und gestand ihm ihre Liebe. Ja, sie würde sich wie ein Raubtier aufgerichtet haben, wenn jemand ihn, Tankred von Brecken, von ihrer Brust hätte reißen wollen. —

* * * * *

Fast eine Woche war vergangen. Tankred war abermals auf dem Wege nach Falsterhof und zwar diesmal mit der Absicht, von Frege Bestimmtes über die Rückkehr seiner Kousine zu erfahren. Er hatte sich mit Grete von der Linden verlobt und war von ihr und ihren Eltern bestürmt worden, nunmehr seinen Aufenthalt wieder auf Falsterhof zu nehmen. Die Entfernung von Elsterhausen sei zu groß. Grete hatte den Wunsch, Tankred täglich zu sehen. „Weshalb willst Du meine Wünsche nicht erfüllen?“ hatte sie in einem starken Gefühlsdrange gefragt. „Ich kann ohne Dich nicht sein. Liebst Du mich weniger, als ich Dich?“

Der Grund, den Tankred früher für seine Entfernung von Falsterhof angegeben, fiel nun fort; von der wahren Ursache aber wünschte er nicht zu sprechen.

Er wollte heute von Frege hören, ob Theonie vielleicht die Absicht habe, den Winter über fortzubleiben, und ihr dann schreiben, daß sie ihm wegen der veränderten Verhältnisse erlauben möge, die Räume, die er in Falsterhof inne gehabt, wieder zu beziehen. Theonies Plan, Carin zu sich zu nehmen, widersprach zwar der Annahme, daß sie ihrem Besitz fern bleiben wolle, aber da Tankred hoffte, daß die Dinge sich nach seinen Wünschen gestalten möchten, legte er ihnen auch eine größere Wahrscheinlichkeit bei. In Breckendorf erfuhr er, als er von seinem Rappen abstieg und sich in der Schenkstube des Kruges niederließ, daß der Pastor erkrankt, und man in großer Sorge um ihn sei. Da der Pastor Tankred nicht im Wege stand, so regte sich in ihm ein Anflug von Bedauern; viel lieber hätte er gehört, daß sie, die Pastorin, hoffnungslos darnieder liege. Die „Person“ war ihm in der Seele zuwider. Nachdem er dann noch erfahren, daß Carin nach wie vor im Pfarrhause sei, machte er sich wieder auf den Weg.

Als er den Hof erreichte, — es war gegen vier Uhr nachmittags, und er wollte noch an demselben Tage, nach einem Besuche in Holzwerder, nach Elsterhausen zurückkehren, — sah er Frege gerade mit langsamen Schritten ins Haus treten. Die Erscheinung des Alten wirkte in dieser einsamen, finsteren und regungslosen Umgebung fast wie ein düster gemaltes Bild. Ringsum nichts Lebendiges. Die Bäume streckten regungslos ihre dürren, kahlen Zweige in die graue, lichtwehrende Luft, und Öde und ein gleichsam stumpfes Verzichten auf Leben und Sonnenschein lag über allem ausgebreitet.

Brecken überkam ein Gefühl von grenzenloser Leere, ja, von Grauen. Es legte sich ihm plötzlich auf die Brust, als ob er fliehen müsse, als ob seiner etwas Furchtbares hier warte. Dann aber ritt er auf den Stall zu, löste die Trense aus des Rappen Maul, holte, da Klaus nicht zugegen war, selbst Häcksel aus der Futterkiste herbei und warf ihn dem Rappen in die Krippe. Nun schritt er auf das Haus zu, wandte sich, ohne die Klingel zu ziehen, sogleich zu der von Frege bewohnten, nach dem Garten gelegenen Kammer, klopfte und trat, ein Herein nicht abwartend, näher.

Der Alte war nicht da; auf dem Tische aber lag ein Brief, in den Tankred ohne Besinnen guckte. Das an Theonie gerichtete Schreiben begann mit allerlei nebensächlichen Dingen. Nach Erwähnung dieser war ein Absatz gemacht, und das alsdann Niedergeschriebene lautete wie folgt:

‚Und nun die Hauptsache, gnädige Frau. Herr von Brecken hat sich mit Fräulein von der Linden verlobt. Die Herrschaften haben es zugegeben, nachdem er durch ein Schriftstück von der gnädigen Frau nachgewiesen hat, daß er Miterbe von Falsterhof ist und die Erbschaft nach fünf Jahren antreten kann. Ich glaube nicht, daß es das richtige Papier ist, und schicke der gnädigen Frau Abschrift davon.‘

Was war das? Tankred zitterten die Glieder, das Blatt mit Freges großen, steifen Buchstaben bebte in seiner Hand, und das Blut schoß ihm tobend ans Herz. Rasch! Weiter lesen, ehe er gestört ward —!

‚Die gnädige Frau werden sich wundern, wie ich zu der Einsicht des Schriftstücks gekommen bin. Der Zufall hat auch merkwürdig dabei gespielt. Am Tage nach der Verlobung war ich schon früh bei Herrn Hederich in Holzwerder, der, wie ich wußte, zur Stadt wollte und schon oft mein bischen Geld mit in die Sparkasse genommen hat. Da traf ich hinter dem großen Wirtschaftshaus, wo die Knechtsstube ist, Peter, den Diener der Herrschaften, der das Zeug rein machte. Auch Herrn von Bremens Sachen, der die Nacht bei Hederich geschlafen hatte, putzte er und legte grade ein Kuwert auf den Tisch, das aus der Tasche gefallen war.

Erbschaftsakte (Falsterhof) Tankred von Brecken, las ich. Grade wurde Peter abgerufen. Da nahm ich schnell mein Wirtschaftsanschreibebuch und meine Bleifeder und schrieb ab, was in dem Dokument stand. — ‘

Soweit war Tankred von Brecken gekommen, als er Schritte auf dem Flur hörte. Sicher! Es war Frege, und rasch legte er den Brief wieder auf den Platz und faßte die Thürklinke. Als er hinaustrat, streifte er den Alten, der mit einer Miene zurückprallte, als ob die Erscheinung eines Verstorbenen vor ihm aufgestiegen wäre.

„Ah, da sind Sie, Frege! Eben guckte ich in ihr Zimmer und fand Sie nicht. Einen Augenblick! Ich möchte etwas von meiner Kousine hören. Kommen Sie! Wir können nach vorn gehen!“

Der Alte, sichtlich aufs äußerste betroffen, aber sich beherrschend, nickte ehrerbietig und schritt voran, um die Thür zu den Gemächern des alten Herrn zu öffnen. Aber ehe sie eintraten, fragte Tankred: „Wo ist Klaus?“

„Er ist vor einer halben Stunde nach Marienhof gegangen. Er wollte seine Schwester besuchen —“

Tankred bewegte kurz den Kopf. Was er hörte, befriedigte ihn sehr.

Kaum waren sie in den fast schon dunklen, dumpfen Raum eingetreten, als Tankred die Thür schloß, auf den Alten losstürzte, ihn an der Gurgel packte und ihm zuraunte: „Wo ist die Abschrift des Schriftstücks, das Du Bandit Dir auf Holzwerder angeeignet hast? Heraus damit, oder ich töte Dich, so wahr ich Brecken heiße!“

„A — h —“ drang's aus der Kehle des Gemarterten. Er wollte reden, aber die furchtbare Faust Breckens schnürte ihm Atem und Sprache ab.

Brecken lockerte mit den funkelnden Augen eines Raubtiers seine Hand, stieß den Alten auf einen Stuhl und blieb neben ihm stehen.

„Nun?“ zischte er mit furchtbaren Gebärden.

„Ich sag's nicht, und ich bin kein Bandit,“ stieß Frege entschlossen heraus. „Ein Bandit ist der, welcher —“

Aber Brecken ließ ihn nicht ausreden. Er faßte ihn hinten am Rockkragen, schob den Widerstrebenden zur Thür, entriegelte sie und stieß sein Opfer bis in die Kammer. Hier ließ er ihn los und befahl ihm, den Brief an sich nehmend, nochmals, die Abschrift auszuliefern.

Aber der Alte hob sich stöhnend in die Höhe, blickte den Mann fest an und sagte: „Ich thue es freiwillig nicht, wenn Sie mich auch töten. Früher oder später wird's doch Mordgeruch geben. Fangen Sie nur mit mir an!“

Brecken fletschte die Zähne, und so furchtbar war seine Wut, daß er Frege mit einem einzigen Schlage zu Boden streckte. Und dann beugte er sich über ihn und schrie: „Gieb, oder Du bist eine Leiche!“ und als Frege dann mit letzter Kraftaufwendung abermals verneinend den Kopf schüttelte, griff er in dessen Tasche, fand zwei Schlüssel und begab sich selbst ans Suchen. Seine Bemühungen waren nicht umsonst; nach wenigen Minuten fand er in der Schublade der Kommode sowohl das Wirtschaftsbuch wie auch ein Blatt Konzeptpapier, auf das Frege den Wortlaut des Falsifikats niedergeschrieben hatte.

Nachdem er es an sich genommen, näherte er sich Frege, der sich inzwischen mühsam emporgerafft hatte und, die Hand an den blutenden Kopf pressend, mit noch immer gleich finsterer Entschlossenheit dastand, und sagte, ihm die Schlüssel hinwerfend: „Diesmal ging's noch an Dir vorbei, Du schleichender Schuft. Aber hüte Dich! Trittst Du mir noch einmal in den Weg, so weiß ich, was ich zu thun habe!“

Dann schritt er hinaus, band sein Pferd im Stall los und jagte im Galopp auf der Straße nach Holzwerder zu.

* * * * *

Und wieder einen Tag später in der Dämmerungsstunde saß die Pastorin an dem Bette ihres Mannes und hörte mit tiefbeschwertem Herzen, was aus seinem Munde drang.

„Kräfte, Kräfte — Lene, fehlen mir! Bitte, reiche mir einen Schluck Wasser.“

„Soll ich nicht etwas Wein hineinthun?“

Der Kranke schüttelte den Kopf. „Ich mag nicht. Nichts schmeckt, nur Durst habe ich, immer Durst nach Wasser. Ah,“ stieß er heraus und ließ erschöpft das Haupt in die Kissen fallen, nachdem die Pastorin ihm das Verlangte eingeflößt. Und dann schlossen sich seine Augen. Aber zugleich streckte er zärtlich die Hand nach ihr aus.

„Mein guter Mann!“ flüsterte die Frau liebevoll und ergriff die ihr dargebotene Rechte. Schwere Thränen tropften aus ihren Augen. Eine stumme Dankgebärde war es von seiner Seite gewesen, aber auch ein Drang, ihr seine Liebe an den Tag zu legen.

Und später öffnete sich die Thür, und die kleine Lene schob sich, leise auftretend, herein.

„Papa Gute Nacht sagen,“ ging's aus dem Munde des Kindes.

Aber die Frau wehrte der Kleinen mit sanfter Bewegung, zog sie zu sich empor und ging mit ihr in eine entferntere Ecke des Zimmers.

„Papa schläft, mein süßes Kind, wir dürfen ihn nicht wecken! Ich werde ihm erzählen, daß Du da warst.“

Lene nickte. „Papa immer krank! Papa soll mit mir spielen,“ klagte sie traurig. Aber einem stark entwickelten Ordnungssinn folgend, glitt sie von dem Schoß der Mutter herab und nahm das Blatt einer Blume auf, das am Boden lag. Sie legte es in ihrer Mutter Hand und fuhr fort:

„Wann steht Papa wieder auf, Mama, bald?“

Da überkam die Frau der Schmerz.

Am Mittag hatte ihr der Arzt gesagt, daß er kaum verstehe, daß der Kranke bei so schwachem Puls noch lebe. Ein rasendes Fieber, das Höppner nach einer Erkältung erfaßt, hatte alle seine Kräfte verzehrt und ihm jegliche Widerstandsfähigkeit geraubt.

„Weshalb weinst Du?“ forschte nun Lenchen mit weinerlicher Stimme und schmiegte sich ängstlich an die Brust der Bedrückten. Und unter leisem Schluchzen flüsterte die Pastorin:

„Ich bin traurig, weil unser Papa so krank ist, mein süßes Lenchen. Wir wollen heut abend beten, daß ihn der liebe Gott bald wieder gesund macht.“

Das Kind nickte eifrig. „Ja, ich will für Papa und für die weiße Henne beten. Sie hat noch immer ihr schlimmes Bein. Sie schrie, als Trine sie auf den Schoß nehmen wollte.“

Die Frau drückte in abermaliger, übermächtiger Rührung das Kind ans Herz und setzte es sanft auf die Erde hinab. „Komm, ganz leise, geh nun wieder nach vorn und bitte Fräulein Carin, daß sie Dir Deine Puppe anziehen hilft, und nachdem mußt Du ein wenig lernen, Lenchen, das Einmaleins!“

„Soll ich es Papa hersagen, wenn ich es kann?“

„Gewiß, Lenchen, dann wird er um so eher gesund!“

Das Kind horchte vergnügt auf und trippelte aus dem Gemach.

Nach einer Weile öffnete Fräulein Carin die Thür und fragte, ob Frau Höppner ihren Mann verlassen könne. Es seien mehrere Personen da, die sie zu sprechen wünschten.

Die Frau trat an das Bett des Kranken, vergewisserte sich, daß er noch schlief, und folgte dann dem an sie ergangenen Rufe.

Sie fand neben Frauen aus dem Dorfe, die nach des Pastors Befinden fragten, vornehmlich aber andere Anliegen hatten, und denen sie in ihrer entschiedenen, aber stets hülfbereiten Weise Rat erteilte, auch Frege von Falsterhof auf dem Flur. Da sie mit ihm länger zu sprechen wünschte, rief sie ihm freundlich grüßend zu: „Gehen Sie nur in meines Mannes Zimmer, Frege, ich komme gleich, und wir können dann in Ruhe reden.“ Aber er blieb wartend stehen und trat erst, nachdem die übrigen sich entfernt hatten, mit der Pastorin in das erwähnte Gemach.

„Nun, mein guter Frege? Was haben Sie?“ hub die Pastorin, nachdem beide sich gesetzt hatten, an und legte, wie meist beim Plaudern, die gefalteten Hände auf die Brust. „Sie wollen wohl etwas von Frau Cromwell hören? Oder haben Sie selbst Nachricht?“

„Nein, ich komme wegen etwas anderem. Ich kann nicht mehr auf Falsterhof bleiben. Es geht mir am Ende doch ans Leben. Wenn ich auch ihm, Herrn von Brecken, gegenüber so gethan habe, als ob mir Leben oder Sterben gleich wäre, man will doch nicht wie ein Hund totgeschlagen werden!“

„Na, was sind denn das wieder für Sachen,“ stieß die Pastorin erschrocken heraus. „Soll man denn nie vor dem schrecklichen Menschen zur Ruhe kommen? Erzählen Sie, was geschehen ist, Frege —“