Chapter 8
„Bei einer Verlobung unserer Tochter, sehr geehrter Herr von Brecken, treten besondere Verhältnisse ein, die der Erörterung unterliegen müssen. Wenn ich Ihren sehr ehrenden und mich äußerst erfreuenden Antrag — meiner Tochter Stellung zu demselben kenne ich vorläufig noch nicht, ich darf dies gleich betonen, zweifle aber nicht, daß sie Ihnen, wie Sie es voraussetzen, geneigt ist, — also wenn ich Ihren Antrag in Überlegung ziehen soll, ist eine vorherige Klarstellung zwischen uns nötig.
Meine Tochter ist alleinige Inhaberin von Holwerder. Mit ihrer Heirat hören unsere rechtlichen Ansprüche auf, und wir sind angewiesen auf ihre gütige Hand. An sich ist dies peinlich, aber noch peinlicher gestalten sich die Dinge, wenn ihr Gatte Mitbesitzer und Verwalter des Vermögens wird. Eine klare, bindende schriftliche Bestätigung unserer moralischen Ansprüche ist erforderlich, nachdem die Höhe der uns zu zahlenden jährlichen Rente festgesetzt ist. Je bereitwilliger uns der Mann, der Grete einmal heimführen wird, in dieser Hinsicht entgegenkommt, desto geneigter werden wir ihm selbstverständlich sein. Darin liegt keine verwerfliche Geldsucht, sondern es begründet sich in der Natur der Dinge. Von der Luft können wir nicht existieren, und ein anständiges Auskommen wird meine Tochter ihrer Mutter selbst wünschen.“
Tankred hatte während Herrn von Tressens Rede wiederholt, eifrig beipflichtend, den Kopf bewegt. Aber da er vorläufig noch nicht Gretes Bräutigam war, hemmte er den Strom bereitwilliger Rede und sagte, der Wirkung seiner Antwort gewiß:
„Ich würde, wenn mir das Glück werden könnte, Fräulein Grete heimführen, es als eine Ehrensache betrachten, die Existenz derjenigen möglichst ausgiebig materiell sicher zu stellen, denen ich mein Lebensglück in erster Linie verdanke. Das als Antwort auf eine Eventualität, die in eine Thatsache umzuwandeln, Sie, mein hochverehrter Herr von Tressen, so freundlich und gütig sein wollen, zu unterstützen.“ —
Als die beiden Ehegatten sich abends schlafen legten und Gelegenheit hatten, sich ohne Zeugen auszusprechen, berichtete Herr von Tressen in sehr gehobener Stimmung seiner Frau von dem Inhalt der stattgehabten Unterredung.
„Vortrefflich,“ sagte die Frau, nachdem er geendigt. „Aber nun wäre es doch wünschenswert, daß wir das Schriftstück, von dem Brecken spricht, einsähen, und daß Du auch an Frau Cromwell schriebest.“
„Meinst Du wirklich, daß letzteres notwendig ist? Ich denke, die Einsicht in das Abkommen genügt; hoffentlich wird Brecken es uns von selbst vorlegen. Ihn darum zu ersuchen, ist peinlich.“
„Nun, es wird sich ja finden! Vorläufig wollen wir Grete noch nichts mitteilen, aber ich will sie morgen sondieren, wie sie zu Brecken steht. Daß sie sich sehr für ihn interessiert, ist zweifellos. Übrigens, wie ist sie kühl! Von der Helge trennt sie sich mit einer Gleichgültigkeit, die mich fast erschreckt. Armes Mädchen! Sie war sehr weich und rührte mich sehr bei der Unterredung, die ich am Vormittag mit ihr hatte, während Ihr spazieren gingt. Aber an eine Aussöhnung denkt sie selbst nicht. Sie fühlt, daß Grete ihr Gehen will, Grete hat begierig die Gelegenheit zur Herbeiführung der Verstimmung ergriffen.“
Aber Herr von Tressen hörte schon kaum mehr zu, tiefe Atemzüge bewiesen, daß er bereits dem Schlaf erlegen war.
* * * * *
Tankred saß in seiner Wohnung in Elsterhausen und studierte immer von neuem ein Schriftstück. Es war das Schreiben, welches er vor Wochen von Theonie erhalten hatte, und es lautete wie folgt:
‚Nachdem mein Vetter Tankred von Brecken schriftlich erklärt hat, daß er keinerlei rechtliche Erbansprüche an den Nachlaß meines Vaters besitzt, insbesondere sich auch der Einrede begeben hat, diesbezügliche Zusicherungen von seiten meiner verstorbenen Mutter empfangen zu haben, bestätige ich hierdurch meine Zusage, ihm die Summe von fünfzigtausend Mark sofort auskehren zu wollen, und habe meinen Sachwalter, Justizrat Brix, mit den betreffenden Anweisungen versehen.
Weitere Zuwendungen, größere oder kleinere bis eventuell zur Hälfte des vorhandenen Gesamtbesitzes, sollen nicht ausgeschlossen sein, doch will ich mich darüber erst nach Verlauf eines Zeitraumes von fünf Jahren äußern und verpflichte mich, wie ich ausdrücklich hervorhebe, dazu in keiner Weise.‘
In dieser Fassung machte der Inhalt keinen sehr vorteilhaften Eindruck, und was noch schlimmer war, er bot durchaus keine sichere Bürgschaft, daß Tankred einmal Miterbe von Falsterhof würde.
Er konnte das Schriftstück Tressens vorlegen und einen Kommentar dazu geben, aber es blieb doch sehr zweifelhaft, ob Gretes Eltern sich damit begnügen würden. Was bedeuteten fünfzigtausend Mark? So viel wie nichts! Und während der nächsten fünf Jahre wenigstens war er nicht imstande, weiteres Kapital oder eine Rente mit in die Ehe zu bringen.
Es blieb also nur übrig, die Vorlegung zu umgehen oder selbst eine zweifellos günstige Erklärung abzufassen, mit anderen Worten, eine Fälschung vorzunehmen. Wenn er Grete erst mal geheiratet hatte, fand sich alles leicht. Aber in ihren Besitz mußte er erst gelangen, und dazu bedurfte es stärkerer Mittel, als ihm zu Gebote standen.
Tankred überlegte auch, wie viel Rente Gretes Eltern zuzuwenden sein würde. Unter zwanzigtausend Mark jährlich waren sie sicherlich nicht abzufinden, dann blieben noch dreißig- bis vierzigtausend Mark für seinen und Gretes Bedarf. Das war nicht übermäßig viel, aber doch sehr viel, wenn man nichts besaß. Auch waren noch die Vorteile hinzuzurechnen, die ihnen würden, wenn sie auf dem Gute blieben. Alles, was sie brauchten, erhielten sie dort. Nur das Stadtleben verschlang viel, die Reisen und sonstiger Luxus.
Und die Alten würden ja auch nicht ewig leben. Also es war doch ein sehr gutes Geschäft, Grete von der Linden zu heiraten. Sie war, da das Gut eine Rente von etwa sechzigtausend Mark abwarf, eine Millionärin.
Auch des Erfolges war Brecken gewiß, wenn nicht noch unberechenbare Zwischenfälle eintraten, wenn nicht eben dieses verflixte, von dem Justizrat mit sehr wenig Rücksicht auf seine Wünsche abgefaßte Schriftstück jede Hoffnung wieder zerstörte.
Hm! hm! — Tankred erhob sich und wanderte sinnend im Zimmer auf und ab. Dann aber ließ er sich wieder an dem Schreibtisch nieder und schrieb lange, änderte, fügte hinzu, überlegte, änderte nochmals und las schließlich, was vor ihm lag:
‚Nachdem mein lieber Vetter Tankred von Brecken erklärt hat, auf Ansprüche, wie sie ihm aus den Zusicherungen der verstorbenen Frau von Brecken erwachsen sein mögen, verzichten zu wollen, bestätige ich hierdurch meine Zusage:
I. ihm zunächst fünfzigtausend Mark auszukehren, ferner II. ihm die Hälfte des Besitzanteils an Falsterhof überweisen zu wollen, wenn mir nach fünf Jahren die Gewähr gegeben ist, daß er damit im Sinne meines verstorbenen Vaters verfahren, also es weise nützen und mehren wird. Eine solche Einschränkung zu machen, ist durch die Kautelen, welche das Testament für mich selbst enthält, geboten und entspricht demnach nur genau den mir selbst zustehenden Rechten.
Theonie Cromwell.‘
„Ja, ja, das ist vortrefflich, das macht einen guten Eindruck und atmet trotz der geschäftlichen Kürze und Form volles Wohlwollen,“ flüsterte Tankred. „Im Grunde ist's ja auch genau dem Sinne des Originals entsprechend, und daß sich Tressens den Wortlaut nicht abschreiben, dafür werde ich schon Sorge tragen. Sollten sie sich also sogar bei Theonie erkundigen, so wird es sich doch immer nur um den faktischen Thatbestand handeln: fünfzigtausend Mark bar und Aussicht auf die Hälfte des Besitzanteils von Falsterhof nach fünf Jahren.“
Und so überzeugt war Tankred von dem Gelingen seines Vorhabens, daß er sich sogleich daran begab und, die Handschrift des Schreibers des Originals täuschend nachahmend, den Entwurf ins Reine schrieb. Endlich blieb noch Theonies Unterschrift, und auch sie gelang ihm überraschend. Nun hatte er nur noch mit einer Person zu rechnen, mit der Pastorin Höppner, und sie zu veranlassen, daß sie ihm wenigstens keinen Widerstand entgegenstellte, mußte jetzt seine Aufgabe sein.
Zu diesem Zwecke wollte er sich noch an demselben Tage ins Dorf begeben, vorher aber einen Besuch in Falsterhof machen, teils um seine Neugierde zu befriedigen, teils um von Frege etwas über Theonie zu erfahren.
Es war gegen ein Uhr mittags, als Tankred auf einem Rappen, den er sich in Elsterhausen für seine Reitausflüge gemietet hatte, in die Allee von Falsterhof einbog. Obschon der Winter im Anzuge, war die Luft milde, und die schneebeladenen, im Sonnenschein funkelnden Bäume, insbesondere die kleinen Tannenwaldungen, die in dem Umkreise von Falsterhof vielfach auftauchten entzückten das Auge.
Tankred befand sich in einer außerordentlich gehobenen Stimmung; je mehr er über die Zukunft nachdachte, desto aussichtsvoller erschien sie ihm, und nur eins mischte sich noch beunruhigend in seine Gedanken: daß Grete von der Linden, die sehr genau wußte, was sie wollte, ihm am Ende doch noch einen Korb geben konnte. Er glaubte es nicht, er vertraute den Erfahrungen, die er an Frauen gemacht hatte, aber — eine Möglichkeit war doch vorhanden.
Während er so zerstreuten Sinnes den Rappen in die Allee lenkte, hörte er hinter sich das Geräusch eines dahineilenden Wagens, und als er den Blick wandte, sah er zu seiner großen Überraschung Grete, die selbst das Gefährt lenkte, vor sich.
„Sie, mein hochverehrtes Fräulein?“
„Sie, — Herr von Brecken?“ ging's zugleich aus Gretes Munde. „Wohin? Nach Falsterhof? Ist Ihre Frau Kousine zurück?“
„Nein,“ — erklärte Tankred und regierte sein unruhig schnaubendes Pferd durch einen so mächtigen Druck, daß es sich fast überschlug und nun bewegungslos verharrte. „Ich will nur einmal auf Wunsch meiner Verwandten, die mir heute einen sehr liebenswürdigen Brief geschrieben hat, nach dem Rechten sehen und will dann nach Elsterhausen zurückkehren. Darf ich fragen, wohin Sie wollen? Kennen Sie Falsterhof eigentlich? Möchten Sie nicht einmal einen Blick ins Haus werfen? Es wird Sie, glaube ich, interessieren, den mächtigen Bau mit den schönen, altertümlichen Möbeln in Augenschein zu nehmen.“
Einen Augenblick zögerte Grete noch, da sich ihr der Gedanke des Abweichenden oder gar Unpassenden einer Besichtigung des Hauses in Tankreds Gesellschaft aufdrängte. Aber sie überwand das Bedenken, nachdem Tankred ihr zugeredet und erklärt hatte, daß Frege sie herumführen, und er sie sogleich wieder zurückgeleiten werde.
Grete sah bezaubernd aus. Sie trug eine eng anschließende, mit Pelz besetzte Jacke, ein dichtes, schweres Winterkleid in sogenannter Lodenfarbe und auf dem Kopfe eine kleine, kecke Jagdmütze.
Ihre reizenden Formen kamen zum Ausdruck, und die Zähne in dem klugen, fein geschnittenen Munde blitzten verführerisch. —
Als sie unter lebhaftem Plaudern den Hof erreicht hatten, zeigte sich anfangs nichts, nur Max erhob ein wütendes Gebell. Dann aber kam Klaus aus dem Stalle gelaufen und nahm auf Tankreds Wink die Pferde in Empfang.
„Bitte, erlauben Sie!“ bat Tankred, der schnell von seinem Tier herabgesprungen war, und streckte die Arme aus.
„Nein, ich danke, ich danke, ich kann allein, Herr von Brecken,“ wehrte Grete ab. Aber sie gestattete es doch, daß er ihre beiden Hände ergriff, und ließ sich so von ihm beim Herabspringen helfen.
Nachdem er in dem Gegendruck ihrer Rechten einen stummen Dank empfangen, schritt er an Gretes Seite dem schloßartigen Gebäude zu, das wie immer unheimlich einsam und finster im Hintergrunde des großen Hofes emporstieg.
Max folgte ihnen, in kurzen Zwischenräumen bellend auf dem Pflaster erscholl das Geräusch der fortgeführten, und einmal übermütig hintenaus schlagenden Gäule. Und dann ertönte dumpf die schwere Flurglocke, und sie betraten das Herrenhaus von Falsterhof.
Zunächst drückte Tankred auf eine Klingel, um Frege herbeizurufen, aber da der nicht sogleich erschien, öffnete er selbst die Thür zur Linken und bat Grete, in die Wohngemächer einzutreten.
Ein überraschender Luxus trat ihnen entgegen; überall befanden sich kostbare Teppiche, alte Möbel und Kunstgegenstände; faltige Gardinen und Vorhänge, meist aus schweren Seidenstoffen, beschützten Thüren und Fenster, und alles Vorhandene verriet gediegenen Geschmack und den Reichtum der früheren Besitzer. Aber ein Hauch schwermütiger Verlassenheit durchwehte die Gemächer, und erst als sie die nach dem Parkgehölz zu liegenden Räume betraten, und hier die heller eindringende Sonne den kostbaren Gegenständen ein heiteres Gepräge verlieh, die eingelegten Schränke und Tische in ihrem Glanze blitzten, die Silbersachen funkelten, und die Bukets in den Fußteppichen in farbenreicher Schönheit aufleuchteten, verlor sich der Druck, der sich unwillkürlich auf Gretes Gemüt gelegt hatte, und ein Ruf der Überraschung ging aus ihrem Munde.
„So schön hätte ich mir Falsterhof nicht gedacht. War es Ihr Onkel, der einen so ausgeprägten Sinn für kostbare Dinge und einen so feinen Geschmack besaß?“ fragte sie.
„Er sowohl wie seine Frau hatten beide Verständnis dafür und Freude daran,“ entgegnete Tankred. „Wenn es sich um ein schönes, altes Möbel oder irgend eine Seltenheit handelte, hatte mein Onkel stets Geld. Er besaß eigentlich nur diese Passion und ging ihr bis in die letzten Lebensjahre nach. Sie müssen nun aber erst mal seine eigenen Gemächer sehen. Ich bitte, hier geht's hinaus, gleich über den Flur auf die andere Seite.“
Aber Grete zauderte noch, sie beugte sich zu einem in Elfenbein ausgelegten Kästchen herab und ließ ihr Auge darauf ruhen.
Wie so oft äußere Dinge die Vorstellungen der Menschen beeinflussen, so geschah's auch hier. Tankreds Wert und Ansehen stieg in ihren Augen durch all diese herrlichen Dinge, und ein gewisses eifersüchtiges Verlangen, der Mittelpunkt seines Lebens zu werden und Rechte auf all das zu erwerben, was sie umgab, regte sich in Grete.
Sie wünschte in diesem Augenblick, daß er ihr Komplimente sage, ihr den Hof mache, ja, sie wollte, wenn er's nicht von selbst that, herbeiführen, was ihre Gedanken und Sinne beschäftigte.
So war es denn durchaus nicht ohne Absicht, daß sie, als er ihr näher trat, den Kopf so zur Seite neigte, daß seine Wange ihr Haar streifte, und ihre Häupter sich sanft berührten. Sie zog das ihrige auch nicht zurück, und als er gar absichtlich oder unabsichtlich sich leise an sie drängte, ließ sie es geschehen und wich erst nach einer Weile, ihm einen sinnverwirrenden Blick zuwerfend, zurück.
„Beneidenswert, hier zu wohnen, das alles sein eigen zu nennen,“ stieß Grete, nun den Weg zur Thür nehmend, heraus und seufzte begehrend auf.
„Das sagen Sie?“ entgegnete Tankred, ohne ihr zu folgen, und sie durch seine Haltung am Weiterschreiten hindernd. „In Holzwerder strahlt doch alles in Schönheit, dort weht eine reizvolle Gemütlichkeit, während Falsterhof düster und einsam ist. Nur in diese beiden Gemächer dringt etwas Wärme und Licht.“
„Ja, aber es strotzt hier von Reichtum und solider Fülle, und das liebe ich. Ich gestehe, daß mich das Besitzen an sich reizt, und ich unterscheide mich dadurch von meiner Mutter und meinem Stiefvater, die viel für Überflüssiges, für gelegentliche Genüsse und für Dinge ausgeben, die ebenso rasch zerrinnen, wie sie erworben werden. Für Kunstsachen möchte ich auch ein wenig verschwenden, sie können durch die Zeit nur an Wert gewinnen. Was habe ich zum Beispiel von einem teuren Essen und teuren Weinen?“
„Dann stimmen wir also ganz in unseren Neigungen überein,“ erwiderte Tankred. Und mit brennendem Blick fügte er hinzu: „Ja, erwerben, besitzen, Gut und Geld sammeln, hat auch für mich einen unnennbaren Reiz. Früher war das nicht so. So lange ich nichts besaß, war ich leicht, legte keinen Wert auf Geld. Aber ich bin anders geworden. Ich glaube, daß wir auch sonst mancherlei Ähnlichkeiten haben. Wir hassen zum Beispiel die Sentimentalität, besitzen einen auf das Greifbare gerichteten Sinn und einen übereinstimmenden Geschmack in dem, was man bequem nennt.“
Grete nickte lebhaft, er wußte ihr Ich in das seinige einzuspinnen, er holte alles hervor, gleichviel ob es mit der Wahrheit übereinstimmte oder nicht, jegliches, von dem er glauben konnte oder wußte, daß es ihr gefallen werde. Er schmeichelte ihr in scheinbar unberechneter Rede mit der alten Kunst der Verstellung. Und zum Schluß wußte er noch einen besonderen Druck auf sie auszuüben, indem er berechnend hinwarf:
„Glücklich ist derjenige, der Ihnen im Leben näher treten darf, der von Ihrer Freundschaft berührt wird, glücklich, weil Sie sich ganz so geben, wie Sie sind, ehrlich und offen, ohne falsches Gefühl, und sicher fest halten, was Sie einmal ergriffen haben.“
„Sie spotten, Herr von Brecken. Was bin ich?“ gab Grete halb geschmeichelt, halb in ehrlicher Überzeugung zurück. „Wollen Sie wissen, daß ich oft sehr traurig bin, mich sehr unglücklich fühle? Ich denke dann, daß ich eigentlich gar keine guten Eigenschaften besitze. Ich bin oft eigenwillig, rechthaberisch, gar nicht gefügig und sehr egoistisch. Ich bin nicht gut, wie man sein müßte. Die Natur schuf mich so, — leider! Freilich beruhige ich mich dann wieder und sehe gerade in meiner Charakterveranlagung mein Glück. Es ist wirklich von Übel, wenn man eine so leichte Hand hat wie meine Eltern, so vertrauensselig und gutmütig ist. Was hätten sie nun in ihrem Alter, wenn ich nicht wäre? Natürlich werde ich sie nicht verlassen, aber so wie bisher werden sie doch nicht weiter leben können, wenn ich einmal —“
Grete stockte.
„Wenn Sie einmal?“ setzte Tankred leise an und trat Grete, plötzlich alles wagend, mit zärtlich werbenden Mienen und Blicken näher. Aber obgleich ihre Augen verrieten, daß sie bei ihm war, entwich sie ihm doch, als er zu weiteren Worten ansetzte. Auch hörten sie draußen Schritte, und, ihre Verwirrung bekämpfend, gingen sie auf den Flur, wo ihnen Frege mit ernster Ehrerbietung gegenübertrat.
Tankred verständigte den Diener seiner Kousine mit einigen laut gesprochenen Worten und ersuchte ihn dann, in den Stall zu gehen: Klaus möchte den Wagen und das Pferd vorführen, sie wollten gleich wieder fort, er wünschte dem Fräulein nur noch die Herrenzimmer zu zeigen.
Tankred wollte Frege verscheuchen, in den Gemächern des verstorbenen Onkels hoffte er zu erreichen, was ihm eben entgangen.
Aber Gretes Stimmung war bereits eine andere geworden. Entweder sie bereute, daß sie sich hatte fortreißen lassen, oder sie wünschte sich nicht der Möglichkeit auszusetzen, von Frege überrascht zu werden.
Sie besah die Räume, in die Tankred sie führte, flüchtiger und machte eine hastig unruhige Bewegung zur Rückkehr, als sie in einer alten Rokokouhr die Zeiger bereits auf zwei Uhr gerichtet fand.
„Schon zwei Uhr! Ich muß zurück, Herr von Brecken. Ein andermal den Park.“
„O nein! Ich bitte, bleiben Sie, Fräulein,“ wandte Tankred schmeichelnd ein. „Wann werden Sie wieder hierher kommen? Vielleicht niemals!“ — Und einen neckisch ernsten Ton annehmend, fügte er hinzu: „Hätten Sie, wie ich zu hoffen wagte, ein wenig Interesse für Falsterhof und seinen künftigen Besitzer — dann — dann —“
Aber schon während Tankred noch sprach, machte Grete eine nicht ungütige, aber entschieden abweisende Bewegung.
„Ich glaube, zu wissen, was Sie wollen, Herr von Brecken,“ stieß sie rasch, und als ob jede Minute Zaudern verderblich sei, heraus. „Aber, bitte, nicht hier, nicht jetzt, unter den mißtrauischen Augen des alten Dieners. Kommen Sie morgen zu uns zu Tisch nach Holzwerder. Wir sprechen uns dann, und — und —“
„O Grete, teures Mädchen —“ stieß Tankred, nicht Herr seiner durch den Widerstand verschärften Leidenschaft, heraus. Aber statt ihm nachzugeben, schüttelte sie das Haupt und verließ mit sanfter Entschiedenheit und eiligen Schrittes das Gemach.
Draußen angekommen, drückte Tankred den Dienern jedem ein Geldstück in die Hand, und kurz darauf hatten sie beide Falsterhof verlassen. —
„Hier,“ sagte Frege, als das Geräusch der Räder und Hufen verklungen war, und gab Klaus die empfangene Münze. „Ich will von ihm kein Geld. — “ Nach diesen Worten zog er sich langsam in das finstere Haus zurück.
* * * * *
Als Tankred durch das Kirchdorf trabte, sah er zu seiner höchsten Überraschung Fräulein Helge mit der Frau Pastorin zusammen vor sich auftauchen. Dies bestimmte ihn, einen anderen Weg einzuschlagen, um das Wirtshaus zu erreichen, in welchem er sein Pferd einstellen wollte. Dort angekommen, forschte er die Wirtin aus, ob Besuch im Pastorenhause sei.
„Ja, schon seit längerer Zeit. Das Fräulein, das früher auf Holzwerder gewesen, befindet sich dort.“
Tankred wollte weiter fragen, aber sagte sich, daß man ihm hier doch Näheres, seine Neugierde Befriedigendes nicht werde mitteilen können.
Jedenfalls hockten nun zwei ihm sehr feindliche Personen zusammen, und heute einen Besuch bei Höppners zu machen, war zwecklos. Aber auch etwas Gutes lag wieder darin. Sicher würden Pastors jetzt Tressens auf Holzwerder nicht besuchen. Es war vielmehr anzunehmen, daß durch die Aufnahme Fräulein Carins im Predigerhause ein etwas gespanntes Verhältnis zwischen den beiden Familien eintreten werde. Der Pastorin sah es freilich ganz ähnlich, keine ängstlichen Rücksichten zu nehmen, wenn sie von ihrer besseren Überzeugung geleitet ward. Ihr natürliches Selbstgefühl wurde durch den Umstand verstärkt, daß sie ihrem übrigens ziemlich viel älteren Manne ein nicht unbedeutendes Vermögen in die Ehe gebracht hatte. Sie konnten auch leben, ohne daß der Pastor sich in abhängiger Stellung mühte.
Während Tankred seinen Weg wieder zur Stadt nahm, machte er sich Gedanken über den Meinungsaustausch der beiden Frauen bezüglich seiner Person.
Die Pastorin würde wenigstens in der Hauptsache nicht mit ihren Eröffnungen zurückhalten, und die Helge würde triumphieren, daß sie ihn so richtig durchschaut hatte. Bei seinem feigen Sinne kamen ihm doch wieder recht schwere Bedenken. Wenn sich nun die Helge aufraffte und an Grete, ihre frühere Schülerin und Vertraute, eine Warnung ergehen ließ?
Sein Schuldbewußtsein drängte ihm plötzlich alle möglichen Vorstellungen auf, und er verlebte einen sehr unruhigen Tag. Einige Personen mußte er notwendigerweise beseitigen: die Helge, den alten Frege und die Pastorin. Daß damals Frege den Brief an ihn geschrieben, war ihm durch Vergleichung von Schriftstücken, die von dessen Hand herrührten, zweifellos geworden; auch lag es in der Natur der Sache, daß er zu Theonie hielt. Um so mehr drängte es Tankred, sich nun so rasch wie möglich Gretes zu versichern, und am nächsten Tage schon etwas ruhiger gestimmt, machte er sich denn auch um die Tischzeit auf den Weg nach Holzwerder, indem er diesmal den Postwagen benutzte.
Ein eigentümlicher Zufall führte es mit sich, daß auf der ersten Station zwischen Elsterhausen und dem Kirchhof Breckendorf der Pastor Höppner, welcher dort bei einer armen Familie einen Besuch gemacht hatte, einstieg. Er begrüßte Tankred mit gewohnter Höflichkeit und Unterordnung und gab sich auch in der Folge überaus beflissen und mit der ihn stets auszeichnenden liebenswürdigen Gutmütigkeit in seinem Wesen.
Tankred konnte sicherlich nichts erwünschter sein als diese Begegnung, da Höppner harmlos alles ausplauderte, was Brecken zu wissen wünschte.
„Wir kennen,“ hub er an, „Fräulein Helge ja schon so viele Jahre, und meine Frau hat sich stets sehr freundschaftlich zu ihr gestellt. Sie schätzt ihren Charakter außerordentlich und empfand gleich lebhaftes Mitleid, als sie erfuhr, daß gewisse Umstände die Entfernung der Dame von Holzwerder ohne eine sofortige Aussicht auf eine andere Stellung erforderlich gemacht hätten.“
„Was war denn wohl die Veranlassung?“ schob Tankred, sich unwissend stellend, ein.