Todsünden

Chapter 6

Chapter 63,651 wordsPublic domain

„Wohin ist meine Kousine gereist?“ fügte er erregt hinzu. „Es ist wichtig, daß Sie mir die Wahrheit sagen, da ich mich entschlossen habe, alles daran zu setzen, um unser Zerwürfnis zu beseitigen. Also, wohin hat Klaus die gnädige Frau kutschiert?“

Frege befand sich in größter Verlegenheit. Er wußte nicht, wie er am besten zu Gunsten seiner Herrin handeln würde.

„Ich weiß es nicht, Herr von Brecken. Zunächst wollte Frau Cromwell bei Pastors vorsprechen und später Nachricht geben.“

So wand sich Frege heraus.

Bei der Erwähnung der Pastorfamilie schoß Tankred ein Gedanke durch den Kopf. Wenn sie von den letzten Vorfällen durch Theonie unterrichtet wurden, würden Tressens auch bald wissen, was geschehen war. Jüngst hatte die Familie bereits geäußert, daß sie Pastors, die sie sehr schätzten, allernächstens mit Tankred zusammen einladen wollten.

Das verstärkte des Mannes Entschluß, unter allen Umständen Theonie nachzueilen. Er konnte sie noch erreichen, wenn er nicht säumte; sicher würde sie sich bei Höppners einige Stunden, vielleicht sogar den Tag über aufhalten. Sehr unbequem war ihm freilich die Pastorin, sie guckte durch die Wand, sie nahm kein Blatt vor den Mund. Wie der Teufel vor dem Zeichen des Kreuzes zurückwich, so fühlte er seine Gewalt und Kraft gehemmt durch die grade Ehrlichkeit ihres Wesens.

Kaum zehn Minuten später war Tankred unterwegs, er jagte dahin, daß der Staub der Landstraße hoch aufwirbelte, und der schnaubende und wild stürmende Fuchs die Aufmerksamkeit der die einsame Landstraße belebenden Fußgänger erregte. —

Inzwischen saß Theonie bei Höppners im Gartenzimmer und berichtete mit eben wieder zurückgewonnener Fassung von allem, was geschehen war.

Der Pastor richtete unter der silbernen Brille seine Augen mit dem Ausdruck größter Teilnahme auf Theonie, aber sein sich auf- und abschiebender Mund und seine leisen Kopfbewegungen verrieten, daß er zugleich nach einer Entlastung für Tankred suchte, daß er die Hoffnung nicht ausgab, die Herzen zu versöhnen.

Anders die Pastorin, die allem Gerechten eine warme Freundin, aber dem Schlechten eine eifrige und unerschrockene Gegnerin war.

„Ich sollte nur Ihrem Vetter gegenüberstehen, ich wollte ihm schon die Seele mürbe machen, liebste Theonie. Sie thun auch ganz unrecht, Furcht zu empfinden. Menschen, wie Ihr Vetter, sind nur mutig, wenn sie keinen Widerstand treffen; sehen sie, daß man ihnen die Zähne zeigt, ziehen sie wie die Hunde den Schwanz ein. Was soll Ihnen denn geschehen? — Er könnte Sie totschlagen, meinen Sie? Welcher Gedanke! Er will nur Vorteile aus Ihnen ziehen. Was gewinnt er, wenn er sich mit der Staatsgewalt in Konflikt bringt? Ihre Phantasie ist erregt; der alte Frege, dessen Mißtrauen sich erhöht, weil er schlecht hört, hat Sie ängstlich gemacht. Ich wette darauf, daß Ihr Vetter von selbst wieder ankommt und um gut Wetter bittet.“

So sprach die Frau, freilich mehr, um Theonie zu beruhigen, als ganz ihrer Überzeugung folgend. Auch sie stand unter dem Eindruck, daß Tankred zu dem Schlimmsten fähig sei.

Nachdem es ihr zu ihrer Freude gelungen war, Theonie etwas zu beruhigen, und nachdem auch noch der Pastor, seiner Veranlagung entsprechend, milde zum guten geredet, ja, den Vorschlag gemacht hatte, als Vermittler aufzutreten und Tankred zu bewegen, Falsterhof zu verlassen, wandten sie sich anderen naheliegenden Dingen zu, und die Pastorin rief:

„So, liebste Frau Theonie! Nun müssen Sie doch auch unsere Lene sehen, unser Herzenskind. Ich sandte sie mit Christine fort, weil ich wollte, daß wir uns erst ungestört aussprächen. Gleich will ich mal umschauen, wo sie ist. Sie werden wohl von der Pastorenwiese zurück sein.“

Nach diesen Worten machte sie eine Bewegung, um fortzueilen, unterbrach sich aber, da eben die Thür sich öffnete, und ein freundlich aussehendes, sauber gekleidetes Dienstmädchen mit bloßen Armen, in einem sogenannten Brabanterrock, mit einem kleinen, blonden Mädchen von fünf Jahren an der Hand, in die Thür trat.

„Bist Du da, mein Lenchen, mein kleines, süßes Lenchen?“ rief die Frau glückselig und hob das Kind mit den verlegenen, unschuldigen Augen empor, herzte es und zeigte es triumphierend dem Besuch.

Die folgende Stunde war dann allerlei Besichtigungen gewidmet. Frau Höppner besaß viele Vögel, die sie Theonie zeigte; sie führte sie auch in den trotz der Herbstzeit noch sorgfältig geharkten und sauber gehaltenen Garten.

Den Hühnerhof mit den gackernden Kratzhennen und dem gespreizt einherschreitenden Hahn mußte Theonie ebenfalls in Augenschein nehmen und eine neue Tapete im Kabinet neben dem Wohnzimmer bewundern. Als sie wieder über den Flur schritten, sah Theonie daß sich eben ein Bauer mit dem Pastor unterhielt. So menschenfreundlich schimmerte es in des Geistlichen Auge, so geduldig hörte er auch noch zu, als der Mann am Schluß wiederum anhub, und mit so sanft ermunternden Worten entließ er ihn!

Und überall, wohin das Auge schaute, war gleichsam Sonnenschein! Ordnung und Schönheitssinn in der kleinsten Kammer, und das Gesinde, durch Beispiel geleitet, bescheiden und rührig, selbst der Hund anschmiegend und gehorsam.

Im Gartenzimmer zeigte die Pastorin Theonie allerlei Handarbeiten, mit denen sie für Lenchen beschäftigt war. Auch des Kindes erstes Schreibbuch legte sie ihr vor und sagte glücklich, und ihr sonst jeder Überschätzung abgewandtes Wesen ein wenig verleugnend:

„Wirklich erstaunlich, was das kleine Geschöpf für eine sichere Hand hat, wie talentvoll sie überhaupt ist. Nicht wahr? Es ist doch sehr viel für ein Mädchen in den Jahren?“ Und Theonie pflichtete lächelnd bei, obschon sie das unbehülfliche Gekritzel noch nicht sehr kunstgerecht fand.

Durch die Seele der jungen Frau zog ein unnennbar sehnsüchtiges Gefühl. Ein solches Heim zu besitzen, ein Kind zu haben — glücklich zu sein — ja — glücklich zu sein!

Sie verwünschte fast das große Erbe, das, ihr kaum zugefallen, schon die Leidenschaft der sie umgebenden Menschen geweckt, ihr Angst, Unruhe und Qual verursacht und sie selbst verführt hatte, gegen ihre bessere Überzeugung sich fortreißen zu lassen.

Denn Theonie bereute die Form der Lossagung von ihrem Verwandten. Der Pastor hatte gesagt: „Wenn Sie, statt Ihrem Vetter zornige Worte zuzuschleudern, liebe gnädige Frau, sanft erklärend auf ihn eingesprochen hätten, würde er zur Einsicht gelangt sein. Sie haben ihn auch ein wenig gereizt!“

Freilich hatte die Pastorin ihn unterbrochen und noch einmal ihre Ansicht dargelegt. „Nein, ich hätte ebenso gehandelt wie Frau Theonie. Der saubere Herr mußte fühlen, daß ihm ein Wille gegenüberstand, denn nur so findet ein Mensch wie er die Grenzen wieder. Giebt man ihm nach, so wachsen seine Unverschämtheit und sein Übermut, und man hat das Spiel verloren! Theonie muß auf ihrem Standpunkt beharren. Jetzt keine Weichheit mehr, kein Nachgeben!“

Aber trotz dieser ihre Handlungsweise verteidigenden Worte fühlte Theonie doch, daß der Pastor auch ein Recht für seine Ansicht habe.

Hatte nicht sie ebenfalls ein Ziel vor Augen gehabt, war's ihr nicht entrückt worden durch den Ausbruch ihres wenn auch an sich gerechten Zornes? Auch dieser praktische Gedanke mischte sich in die sittliche Überlegung. Sie stand wehrlos und ohne Schutz da! Was halfen alle Urteile und Meinungen anderer, wenn sie Tankred nicht von Falsterhof entfernen konnte, nicht die Sicherheit hatte, sich seiner für immer zu entledigen, wenigstens nicht mehr mit ihm in Berührung zu kommen?

Als Erzieher bei einem Menschen wie Tankred aufzutreten, war zwecklos; aber zwischen sich und ihm ein erträgliches Verhältnis herzustellen und indirekt auf ihn einzuwirken durch ihr Geld, durch Verweigern oder Gewähren, das war weise, und es entsprach zudem dem Drang ihres Innern, den letzten, der den Namen Brecken trug, vor Selbstbeschimpfung seines Namens zu behüten.

So kämpfte in ihr auf der einen Seite der ursprüngliche Entschluß, Tankred keinerlei Konzessionen mehr zu machen, ihre Hand ganz von ihm zurückzuziehen und alle Folgen ihrer Überzeugung zu tragen, mit der ihr innewohnenden Einsicht, Herzensmilde und Klugheit, die doch zu einer Verständigung rieten.

Als man sich zum Abendessen im Pastorhause rüstete, die Frau vom Hause eben noch in der Küche eine Anzahl Eier zerschnitt und die flaumenweich gekochten, einen starken Phosphorgeruch verbreitenden, weiß und goldgelb schimmernden Hälften auf einen Teller legte, trat das Kindermädchen ihr näher und meldete, daß ein Herr im Flur stehe und nach Frau Cromwell frage.

„Wer denn?“ warf die Pastorin leicht hin, ging, das Messer noch in der Hand, an die Küchenthür und guckte um die Ecke. Aber sie prallte zurück, als sie Tankred von Brecken vor sich sah.

„Um es gleich zu sagen, sehr verehrte Frau Pastorin,“ hub er, ehe sie Worte gewinnen konnte, an und trat ihr mit einschmeichelnder Artigkeit entgegen, „ich komme, um mit meiner Kousine ein versöhnendes Wort zu sprechen, und möchte Ihre freundliche Vermittelung anrufen. Nicht wahr, Sie schlagen mir mein Ersuchen nicht ab? Ich rechne auf Ihre mir bisher stets bewiesene Güte.“

Aber die Antwort fiel doch nicht ganz so aus, wie Tankred, den Wirkungen seiner Geschmeidigkeit vertrauend, vorausgesetzt hatte.

„Zunächst, bitte, treten Sie gefälligst in das Zimmer meines Mannes!“ entgegnete sie höflich, aber durchaus kühl. „Ich werde Frau Cromwell fragen, ob sie Sie empfangen will. Offen gestanden, ich glaube es nicht, und jedenfalls werden Sie sich schon etwas gedulden müssen. — Hier —“ schloß sie ebenso kurz und entschieden und öffnete das Gemach ihres Gatten, aus dem Tankred der dumpfsäuerliche Geruch der vielen Pfeifen, die der Pastor den Tag über rauchte, entgegenschlug. Noch eine Sekunde, dann hatte sich hinter ihm die Thür geschlossen. Die Pastorin aber begab sich, nachdem sie vorher noch in völliger Ruhe die Küchenangelegenheiten erledigt, ins Gartenzimmer und verkündete ihrem dort mit dem Pastor weilenden Besuch, was sich ereignet hatte.

Theonie erbleichte, ja, sie zitterte am ganzen Körper, der Pastor aber, bei dem die Ehrfurcht vor allem, was den Namen Brecken trug, ebenso sehr wirkte wie die ihm angeborene rücksichtsvolle Höflichkeit, rief fast ängstlich tadelnd:

„Aber wo, wo ist er denn? Du hast ihn doch nicht draußen stehen lasten?“

Die resolute Pastorin schüttelte bloß den Kopf und sagte kurzhin: „I, wie sollt ich wohl; er ist natürlich in Deinem Zimmer.“

„Nun, da will ich —“

„Nein, bitte, bleibe,“ entschied die Frau in einem Ton, der keinen Widerspruch aufkommen ließ. „Erst müssen wir überlegen, gründlich überlegen. Wenn Sie meinem Rat folgen wollen, liebe Theonie, so erklären Sie, daß Sie Ihren Vetter erst morgen vormittag empfangen könnten. Einmal haben wir Zeit, zu beraten, und dann kühlt sich der Übermut des sauberen Herrn noch weiter ab.“

Der Pastor schüttelte bei diesem Vorschlag sogleich den Kopf. Theonie aber schwankte.

Was im allgemeinen richtig sein mochte, war doch vielleicht bei Tankred nicht angebracht. Sein Hochmut und seine Eitelkeit gaben fast immer den Ausschlag. Es war auch möglich, daß er, da er den ersten Schritt gethan, erklärte, sich nicht als ein Bettler behandeln lassen zu wollen. Er war wieder im Vorteil, wenn Theonie der Versöhnung aus dem Wege ging, und was besonders maßgebend war: sie wünschte so rasch wie möglich Klarheit zwischen sich und ihm zu schaffen; sie hoffte noch immer, daß er Falsterhof verlassen werde.

So entschied sie sich denn, Tankred nicht abzuweisen, und schlug vor, ihm sagen zu lassen, daß sie nach Beendigung des Abendessens, also nach Verlauf einer kleinen Stunde, bereit sei, ihn anzuhören.

„Ja — ja — aber — wir legen dadurch an den Tag, daß wir ihn nicht an unserm Tisch sehen wollen; das — geht doch wohl nicht —“ schob wieder der Pastor in seiner Gutmütigkeit ein. „Er hat unsere Gastfreundschaft angerufen, indem er unser Haus betrat.“

„Ach was!“ entschied die Pastorin. „Laß ihn nur fühlen, wie wir über sein Benehmen denken, das schadet gar nichts. Überhaupt ist Zartheit der Gesinnung bei diesem Menschen durchaus unangebracht. Den muß man behandeln als das, was er ist!“

So eilte denn der Pastor in sein Arbeitszimmer, schädigte Theonies Angelegenheit durch sein gewohntes höfliches Entgegenkommen und bat Tankred, unter dem Hinweis, daß sich seine Kousine gerade sehr angegriffen fühle, geneigtest in einer Stunde wiederkommen zu wollen.

„Sie sind wohl im Krug abgestiegen?“

Tankred nickte.

„Werden Sie die Nacht hier zubringen?“

Nein, er wolle nach Falsterhof zurückkehren, entgegnete Tankred und fügte, um wenigstens den Pastor zu gewinnen, eine Summe von Artigkeiten hinzu, die denn auch auf dessen arglos vertrauendes Gemüt die beabsichtigte Wirkung übten. Aber als ihr Mann ins Wohnzimmer zurückkehrte und über seine Unterhaltung mit Tankred berichtete, nahm die Pastorin das Wort und erging sich über ihn in scharfem Tadel.

„Solche Gutmütigkeit, wie Du sie an den Tag legst, Adalbert,“ hub sie an, „ist Schwäche. Wo bleibt der Vorteil für die Guten, wenn man den Miserablen alles nachsieht? Das entspricht auch gar nicht dem Willen des göttlichen Wesens, dem Du nacheifern möchtest. Wenn Du aber nicht dieser Ansicht bist, so predige von Deiner Kanzel auch nicht mehr von Himmel und Hölle, von Guten, die zur Rechten, und von Bösen, die zur Linken stehen sollen. Dann verheiße ihnen allen Verzeihung! Nein, das Gute für die Guten, das Schlechte für die Schlechten. Wenn Du nicht strenger unterscheidest, wird man Dich charakterlos, unmännlich schelten, und mit Recht! Gewiß, das Herz soll sprechen, die Erwägung, daß man für die eigenen Schwächen die Nachsicht der Mitmenschen in Anspruch nehmen möchte, soll ihre Stimme haben, aber erst heißt's, die Forderung stellen: Lege an den Tag, daß Du das Gute nicht nur willst, sondern übst! Dann giebt's Barmherzigkeit auch im Himmel!“

Und nun wandte sie sich an Theonie und fragte, was sie betreffs Tankreds beschlossen habe.

„Sprechen Sie erst Ihre Meinung aus, liebe Frau Pastorin,“ entgegnete Theonie. „Ich möchte gern hören, ob wir übereinstimmen!“

Die Pastorin warf einen freundlichen Blick auf die junge Frau. Es gefiel ihr, daß sie schon einen Entschluß gefaßt hatte, sie fand auch, daß Theonie richtig entschieden, als sie Tankred den ihm gewordenen Bescheid gegeben.

„Ich würde Ihrem Vetter Folgendes erklären,“ erwiderte sie deshalb, Theonies Wunsche willfahrend: „Vorbedingung sei, daß er Falsterhof sofort verlasse und bei Justizrat Brix schriftlich erkläre, daß er niemals ohne Aufforderung dahin zurückkehren werde, auch keine Rechte auf irgend einen Teil Ihres Vermögens habe. Nachdem dies geschehen, würden ihm die einmal zugesagten fünfzigtausend Mark ausgezahlt werden.“

„Nun und dann?“ fragte Theonie, als die Pastorin schwieg.

„Dann? Liebe Theonie! Sind Sie etwa gewillt, ihm noch sonst irgend etwas zuzubilligen? Ich rate ab, etwas anderes zu erwähnen. Sollte er auf ein weiteres zurückkommen, so würde ich ihm erwidern, daß ich mich jetzt in keiner Weise mehr binden wolle. Das habe er durch seine Begegnung verscherzt.“

„Aber deswegen ist er doch hergekommen!“ schob der Pastor, diesmal nicht nur seiner Gutmütigkeit, sondern einer richtigen Erwägung folgend, ein.

„Gewiß! Aber wer weiß, was geschieht!“ entgegnete die Pastorin. „Hoffentlich heiratet doch unsere Theonie noch einmal, und dann braucht sie ihr elterliches Vermögen selbst.“

„Ich weiß, ich werde ihn nicht los! Er geht nicht, wenn ich mich nicht entgegenkommender äußere,“ sagte Theonie, der Pastorin letzte Worte durch ein sanftes Kopfschütteln übergehend.

„Sie erklären ihm ja nur, daß Sie sich nicht binden wollen; darin liegt doch kein absolutes Nein.“

„Das ist sophistisch, Marie!“ schob der Pastor ein.

„Ach was! Wie kann man mit ungleichen Waffen siegen! Einer soll Kanonen haben, und der andere bloß einen Helm, da ist kein Verstand drin.“

Während sie noch sprachen, entstand draußen ein Geräusch, und Theonie, bereits Tankred vermutend, fuhr zitternd zusammen. Schon der bloße Gedanke, ihrem Vetter wieder gegenüber zu treten, erregte sie aufs höchste. Das gab der Pastorin den Entschluß ein, Theonie vorzuschlagen, sie wolle statt ihrer mit Tankred verhandeln.

„Ich werde es schon machen und sehr schnell mit ihm fertig werden. Ich erkläre ihm, wozu Sie sich verstehen wollen, und damit basta! Zu gleicher Zeit will ich aber auch dem Herrn seinen Standpunkt einmal klar machen.“ Und dabei blieb es trotz des Pastors Gegenrede.

Fünf Minuten später meldete die Magd den Herrn von Brecken.

„Bitte ihn, in des Herrn Zimmer zu treten. Zünde Licht an!“ entschied die Pastorin, und nach einer Weile begab sie sich in das Gemach. Tankred war nicht wenig enttäuscht, statt Theonie die Frau des Hauses zu sehen, aber er ließ sich nichts merken und begegnete ihr mit ausgesuchter, seine tiefe Verpflichtung ausdrückender Höflichkeit.

„Ihre Frau Kousine ist zu angegriffen, um mit Ihnen, wie es ihre Absicht war, zu sprechen,“ hub die Pastorin in gemessener Weise an und machte eine Bewegung gegen Tankred, Platz zu nehmen. „Sie hat mich, um gleich auf die Sache zu kommen, beauftragt, Ihnen folgendes zu sagen: Es ist Frau Cromwells Wunsch, daß Sie Falsterhof verlassen und ohne ihre Aufforderung nicht dahin zurückkehren. Sie verpflichten sich dazu schriftlich bei Justizrat Brix, ferner erklären Sie, keinerlei Rechte auf das Breckensche Vermögen, das flüssige oder liegende, zu besitzen, und nachdem das geschehen, ist Frau Cromwell nicht abgeneigt, ihr Anerbieten wieder aufzunehmen und Ihnen fünfzigtausend Mark auszuliefern. So, Herr von Brecken, das ist alles, was ich zu berichten habe.“

„Über die Zukunft hat meine Kousine mir nichts zu sagen?“ brachte Tankred, nur mühsam seine durch Enttäuschung hervorgerufene Erregung verbergend, hervor.

„Nein!“

„Kann ich meine Kousine vielleicht morgen sprechen?“

„Nein! Schon deshalb nicht, weil sie nicht mehr hier sein wird, und auch die Angelegenheit zwischen Ihnen und dem Justizrat innerhalb drei Tagen erledigt sein muß. Im anderen Fall will Frau Cromwell sich auf nichts einlassen und ersucht Sie, innerhalb dieser Zeit unbedingt Falsterhof zu verlassen.“

„Und wenn ich es nicht thue?“

„Nun, dann wird sie Sie zu zwingen wissen.“

„Haben Sie ihr diese Ratschläge erteilt, Frau Pastorin?“

„Gleichviel. — Ihre Kousine weicht von ihrem Entschluß nicht ab.“

„Und wenn ich nun beschwören kann — ich kann es beschwören und habe nur bisher nichts geäußert, weil ich den Schein einer Pression vermeiden wollte, — daß meine verstorbene Tante mir bei Lebzeiten die Hälfte von Falsterhof zugesagt hat?“

„So würden Sie einen falschen Eid schwören. So weit werden Sie es doch wohl nicht kommen lassen. Ich will Ihnen mal etwas sagen, Herr von Brecken. Was denken Sie eigentlich? Glauben Sie wirklich, daß Sie mit solchen Mitteln durchdringen, daß es bloß eines solchen für Sie bequemen Entschlusses bedarf, um mühelos ein reicher Mann zu werden? Welcherlei Ansprüche können Sie erheben? Sie haben bisher nicht an den Tag gelegt, daß Sie arbeiten und wie andere Menschen durch Pflichterfüllung und Fleiß sich Ihr Brot verdienen wollen, vielmehr alle Eigenschaften eines recht leichtfertigen und keineswegs gewissenhaften Menschen zur Schau getragen. Statt sich Ihrer Kousine für ihre Hochherzigkeit dankbar zu erweisen, die Gabe, die sie Ihnen bietet, als ein unverdientes Geschenk hinzunehmen, stellen Sie einfach die Forderung, den Besitz mit ihr zu teilen. Als sie Ihnen nicht gleich in einer Ihnen genehmen Form die Mittel zur Verfügung stellte, die Sie zu brauchen vorgeben, werden Sie ausfallend und stoßen Drohungen aus, wie man Sie wohl auf der Bühne von Bösewichtern, aber nicht von einem sittlichen Menschen zu hören gewohnt ist. Nun wollen Sie gar durch falsche Eide Ihre Forderungen erzwingen! Gehen Sie in sich, Herr von Brecken! Noch ist es Zeit. Das Ende wird sonst schrecklich sein. Eine Weile begünstigt das Schicksal wohl solcherlei Treiben, aber nur um den Übermut nachher um so schwerer zu strafen. Nehmen Sie, was Ihre Kousine Ihnen bietet, und erwerben Sie sich durch einen tadellosen Lebenswandel die Anwartschaft auf fernere Zuwendungen, dann sind Sie weise. Wenn Sie mir das versprechen, will ich verschweigen, was eben über Ihre Lippen gegangen ist, und es soll auch alles, was sonst geschehen, der Außenwelt vorenthalten bleiben. Im anderen Falle aber seien Sie überzeugt, daß wir mit allen Mitteln Ihrem ungesetzlichen, frivolen, ja, gefährlichen Treiben entgegentreten werden. Und noch eins: Wenn Sie glauben, daß Sie uns Furcht einflößen können, so irren Sie sich. Sie werden vielmehr erkennen, daß mit uns nicht gut Kirschen essen ist. — So, nichts für ungut. Die meisten Menschen haben eine Periode, wo sie der Teufel packt. Ich will denken, daß er auch nur zeitweise über Sie gekommen ist. Helfen Sie selbst, ihn auszutreiben!“

Tankred hatte der Rede der Frau, die ihn wie einen Schulbuben abzukanzeln sich erdreistete, mit einem unbeschreiblichen Ärger zugehört. Mehr als einmal hatte er in seiner maßlosen Erregung den Versuch gemacht, die Sprecherin zu unterbrechen, seine Hände ballten sich unwillkürlich, und die Zähne preßten sich zusammen.

Aber da sie sich durch seine Haltung durchaus nicht beirren ließ, da sie ruhig und fest fortfuhr, hatte er, um wenigstens in einer Weise seiner Stellung zu ihren Worten Ausdruck zu verleihen, sich abgewandt und voll Ungeduld mit den Fingern auf den Tisch getrommelt. Erst am Schluß ihrer Rede ward seine Hand ruhig, und nur ein finsterer Zug blieb in seinem Angesicht haften; offenbar trat die Überlegung bei ihm ein, ob es nicht doch richtiger sei, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

„Gut denn,“ stieß er, nachdem sie geendigt hatte, kurz entschlossen heraus. „Ich will Ihnen einen Gegenvorschlag machen, Frau Pastorin. Ich will die von Ihnen geforderte Erklärung geben, auch mich mit der angebotenen Summe begnügen, wenn meine Kousine mir einen Brief des Inhalts schreibt, daß sie einen moralischen Anspruch auf Falsterhof von meiner Seite anerkennt. Sie giebt mir damit nichts anderes, als was sie mir schon vor unserm Zerwürfnis zugebilligt hatte. Auch muß sie hinzufügen, daß sie diesen Anspruch in Geld verwandeln will, wenn sich nach Verlauf einer Anzahl Jahre herausgestellt hat, daß ich in ihren Augen dessen würdig bin. Was Sie da von falschen Eiden sprechen, die ich schwören würde, von meinen Charaktereigenschaften und von Eventualitäten, denen ich mich aussetzen werde, wenn ich meiner Überzeugung nachgehe, will ich unberührt lassen. Als kluge Frau wissen Sie am besten, daß bloße Behauptungen taube Nüsse sind, und daß wir die Natur die Sprache nicht verliehen hat, um gegebenen Falles die Rolle eines Taubstummen zu spielen! Ich gab meiner Kousine zu, daß manches an mir zu bessern sei, und um die Besserung um so sicherer herbeizuführen, bat ich sie um ihre Hand und um einen Teil ihres Überflusses. Was ist ein Mensch ohne Mittel, besonders einer, der durch verehrte Erziehung hervorgerufene Eigenschaften besitzt, wie ich? Sie sprechen vom Teufel, der mich gepackt haben soll, aber Sie alle wollen nicht helfen, ihn zu vertreiben.“

„Nein, man vertreibt ihn nur selbst durch festen Willen, durch Beherrschung seiner Leidenschaften, durch Bezwingung seiner Natur und durch Beschränkung seiner Bedürfnisse. Daß Ihre Kousine, die keine Liebe für Sie empfindet, Sie heiraten soll, um Sie zu bessern, ist in der That ein starkes Verlangen. Und daß jemand Glücksgüter fordert, um seine Fehler abzulegen, beweist, daß er noch nicht das ABC sittlicher Lebensanschauungen in sich aufnahm, wohl aber eine an Irrsinn grenzende Selbstüberhebung besitzt. Sehen Sie, das ist meine Ansicht. Um aber zum Schluß zu gelangen: Ich will Ihrer Kousine mitteilen, was Sie wünschen, sie mag dann selbst entscheiden.“

„Also auf Ihre Befürwortung habe ich nicht zu rechnen?“