Todsünden

Chapter 5

Chapter 53,690 wordsPublic domain

„Also doch!“ murmelte Tankred. Auf der einen Seite befriedigte ihn der Inhalt dieser Zeilen außerordentlich. Sie räumte das Feld, und er konnte nach seinem Belieben bleiben; auf der anderen Seite aber entzog sie ihm die Gelegenheit, auf sie einzuwirken. Daß er sie trotz der Entschiedenheit ihres Charakters allmählich würde einschüchtern können, schien ihm zweifellos; er wußte, daß sie Furcht vor ihm empfand, und ihr würde sie unterliegen. Durch eine einzige Unterredung aber konnte er nichts erreichen, besonders wenn sie am hellen Tage stattfand. Die Nacht, das Grauen mußte helfend einwirken. — Der Mann warf den Kopf zurück. Sie sollte nicht reisen, wenigstens eine Woche mußte sie noch bleiben. Alle seine Künste wollte er aufwenden. — Künste? Theonie gegenüber? Doch wohl ein vergebliches Beginnen! Sie durchschaute ihn so gänzlich, daß nichts verfing. Nein, nur ein Appell an ihren Gerechtigkeitssinn, unterstützt durch indirekte und gegebenenfalls direkte Drohungen, konnte zum Ziel führen. — Daß er sich auch von seiner Leidenschaft hatte hinreißen lassen, da er doch wußte, ein Werben, in welcher Form es immer geschehe, sei zwecklos! Es war, um sich selbst zu ohrfeigen! Wäre das nicht geschehen, so würde er jetzt eine Neigung zu Grete von der Linden als Vorwand benutzen. Er könnte erklären, es sei möglich, deren Hand zu erwerben, wenn er über ein Erbteil zu verfügen habe. —

Plötzlich schoß Tankred ein Gedanke durch den Kopf. Es hatte ihm einmal jemand erzählt, daß der Beamte eines großen Hauses in Amsterdam bei der Werbung um die Hand der Tochter des Chefs die abweisende Antwort erhalten habe: „Ja, wenn Sie einmal Compagnon von Watkin in London sind, dann kommen Sie wieder, dann läßt sich über die Sache sprechen!“ Der junge Mann war alsdann nach London gereist und hatte den Chef des Hauses Watkin gefragt, ob er ihn als Teilhaber aufnehmen wolle. Er sei der Schwiegersohn von van der Huyssen, dem sechzigfachen Millionär in Amsterdam. Auf diese Weise war er in den Besitz des Mädchens gelangt, das er liebte, und war zugleich Mitbesitzer vieler Millionen geworden.

Unter solchen Gedanken legte sich Tankred zu Bett. Noch einmal hörte er draußen ein Geräusch, als ob jemand langsam an seine Thür schleiche; auch Max knurrte mit rasch wieder ersterbendem Laut auf. — Dann aber war's still, und von Träumen umgaukelt, schlief Tankred von Brecken bis zum Morgen.

* * * * *

In ihrem Zimmer befand sich Theonie und ordnete an ihren Koffern. Eben hatte sich die Zofe entfernt, und Frege trat ins Gemach.

„Wann ist er nach Hause gekommen?“ fragte sie ohne Einleitung.

„Es war zwischen zwölf und ein Uhr. Er hat selbst den Fuchs abgesattelt. Dann hatte er noch Licht im Vorderzimmer und las wohl den Brief der gnädigen Frau. Als ich nach ein Uhr noch einmal über den Flur schlich und durch das Schlüsselloch sah, verlöschte gerade das Licht.“

Theonie nickte. „Also Du weißt: wenn wir beim Frühstück sitzen, bleib in der Nähe. Ich bin nicht sicher, daß er nicht abermals unverschämt gegen mich wird. Da will ich Dich erreichen können. — Und berichte mir also jeden Tag, Frege. Sobald er fort ist, telegraphierst Du mir, ich komme dann zurück — Ah,“ unterbrach sie sich, „er wird nicht freiwillig gehen! — Und es durch Zwang erreichen? Dann wird er sich auf jede Weise zu rächen suchen, und ich werde keinen ruhigen Augenblick mehr haben. Vor solchen Menschen schützt keinerlei Schloß und Gesetz, sie sind zu allem fähig.“

Frege widersprach seiner Herrin nicht. Er bewegte den alten, großen Kopf mit den scharfen Linien und starrte mit dem eigentümlichen Ausdruck vor sich hin, der den Schwerhörigen eigen ist.

„Ich wüßte eins, gnädige Frau,“ schob er dann, das Wort nehmend, ein. „Wenn er das Fräulein auf Holzwerder heiratet, dann werden Sie von ihm befreit für alle Zeiten. Das sollten Sie zu fördern suchen.“

„Wie kann ich das fördern, Frege? Und ob Du recht hast, ist noch sehr zweifelhaft. Dann bleibt er doch in unserer Nachbarschaft. Schon seine Nähe beunruhigt mich, flößt mir Furcht ein.“

Frege bewegte die Achseln. ‚Es mag zutreffen, aber in der Not nimmt man das, was man finden kann‘ stand in seinem Gesicht geschrieben.

Nun schlug die Uhr vom Gutsthor herüber, und Theonie entließ Frege und stieg die Treppe hinab. Ihr graute vor diesem Gang so sehr, daß ihr die Kniee zitterten.

Während dessen befand sich Tankred noch im Freien. Ein unruhiger Drang hatte ihn, gleich nachdem er sich aus dem Bett erhoben, hinausgetrieben. Die Natur lag da im strahlenden Glanz der Herbstsonne. Als sich Tankred dem großen Tannenhügel näherte, der zur Linken einen Teil des Parkes begrenzte, eröffnete sich ihm ein zauberhaft schönes Bild! Unzählige Lichter irrten zwischen den Stämmen, versteckte kleine Sonnen blitzten und durchleuchteten die dunkelgrünen Zweige der Fichten; breite Ströme ergossen sich den Hügel hinab, wo eine Lichtung geblieben war, und an anderer Stelle stieg ein einsamer Weg im schattigen Dunkel die Höhe hinan und weckte das Verlangen, sich dort niederzulassen und den würzigen Duft der Kiefernadeln einzuatmen.

Die Schönheit der Natur wirkte auf die Seele des Mannes ein, aber mehr noch ward das Verlangen nach Besitz in ihm geweckt.

Als er aus dem Park heraustrat, und sein Blick weithin die Koppeln, Wiesen, Felder und Waldungen umfaßte, die alle zu Falsterhof gehörten, die dalagen von der Sonne umflossen wie ein herrliches Eden, als sein Blick nach dem Pachthof hinüberschweifte, und die Kuh- und Schafherden vor ihm auftauchten, das Geräusch thätiger Menschenarbeit zu ihm herüberdrang, die Wirtschaftsgebäude unter dem farbigen Laub emporstiegen, und er im Geiste an sich vorüberziehen ließ, was alles sie bargen an Getier, Getreide und sonstigem Vorrat, welch ein Leben in der Meierei war, wie weit sich die Gemüsegärten ausstreckten, und wie endlos auch noch östlich von Falsterhof das Gutsland sich dehnte, da krallte sich der Teufel der Habsucht so tief in seine Seele ein, daß sein Herz klopfte, und seine Handflächen sich feuchteten.

Es war auch alles klar in ihm. Einen Vorschlag wollte er Theonie machen, ohne Umschweife. Da er doch einmal die Maske abgeworfen hatte, war's schon weise, nun ohne Schwanken und Zaudern zu sagen, was er wünschte. Sie konnte es sich ja überlegen, seinen Vorschlag auf der Reise wägen und ihm schreiben. — Ja, so sollte es sein.

Und dann standen sie sich gegenüber. Theonie goß eben Wasser auf den Thee, als Tankred ins Gemach trat. Sie wandte das Haupt, bewegte es unbefangen, obschon es in ihrem Innern pulsierte, und sagte:

„Bitte, nimm Platz. — Willst Du vielleicht etwas von dem Graubrot abschneiden? Ich sehe, Kathrine hat es vergessen. Und Eier, die Du so liebst, fehlen ja auch. Soll ich rasch welche bestellen?“

Tankred ward aufs angenehmste berührt. Theonie ließ ihn die Vorfälle des verflossenen Tages nicht entgelten, sie legte freundlich versöhnliche Gesinnungen an den Tag.

Auch er begegnete ihr mit ausgesuchter Aufmerksamkeit.

Als sie sich gegenüber saßen, sagte er:

„Ich danke Dir für Deine Zeilen, Theonie. Darf ich fragen, wo Du Dich hinbegiebst, und wie lange Du fortzubleiben gedenkst?“

„Ich reise zunächst nach Hamburg, wo ich einige Zeit verweilen will. Über die Länge meiner Abwesenheit habe ich noch nichts festgesetzt.“

„Jedenfalls sehen wir uns aber dann wohl nicht wieder?“

„Nein, schwerlich.“

Es trat eine Pause ein. Neben dem Tische dampfte der Theekessel und sang heimliche Lieder. Die Sonne warf durch die großen, tiefen Fenster ihre Strahlen, blieb zwar hockend auf den Fensterbrettern, aber erhellte doch das Gemach, als seien die Wände plötzlich in lichtdurchflutetes Glas verwandelt. Die alten, kostbaren Möbel glänzten, das weiße Leinen der Servietten und eine von Frege in die Mitte des Tisches gestellte rote Herbstrose hoben ihre Farben reizvoll von einander ab, und das Krystall und das Silber auf dem Frühstückstisch flimmerte und blitzte. Eine Platte mit süß duftenden, dampfenden Rindfleischschnitten und eine einen zarten Champignongeruch verbreitende Schale mit Sauce standen neben mehlig-hellen Kartoffeln.

Vor allem bediente Tankred sich, und nun schenkte Theonie ihm auch ein Glas goldfunkelnden Rheinweins ein.

Sie verstand es, die Dinge gemütlich zu machen; wenn sie etwas bereitete oder die Hand darüber hielt, war's stets tadellos, und auch heute schmeckte es dem Manne vortrefflich, und die Vorzüge sorglosen Wohllebens drangen wiederholt auf ihn ein. Es gab eigentlich nichts Herrlicheres, als auf Falsterhof zu leben. Alles stand wie durch Zauber auf dem Tisch, die Gemächer waren mit allen nur denkbaren Bequemlichkeiten versehen, die Dienerschaft war noch vom alten Schlage, voll Ehrerbietung und Aufmerksamkeit, und wenn sich Tankred in der Umgegend oder in Elsterhausen zeigte, begegnete man ihm mit jener Unterordnung, die Stand und Reichtum stets in der Welt hervorrufen.

„Höre mich, bitte, an, Theonie, bevor wir auseinandergehen,“ begann Tankred unter solchen Eindrücken in gehobener Stimmung. „Wirf Deinen hohen Gerechtigkeits- und Deinen Verwandtschaftssinn mit in die Wagschale, wenn Du mir antwortest. Ich sagte Dir gestern, ich wisse, daß ich in meinen Entschlüssen, ein arbeitsames, geregeltes Leben zu beginnen, gefördert werden würde, wenn ich heiraten könnte — Nein, nein, fürchte nicht, daß ich Dir wieder zu nahe trete. Du hast mir gestern an den Tag gelegt, daß Du meine Empfindungen nicht teilst, und nie werde ich Dich wieder belästigen. Ich wollte etwas anderes sagen: Wenn ich in guten, geordneten Verhältnissen wäre, könnte ich sicher auch eine brave Frau finden. Nun bin ich, und besitze ich aber nichts, und das, was Du mir gütigst zuwenden willst, giebt unter heutigen Verhältnissen einem Landmann keine Möglichkeit, sich eine Selbständigkeit zu verschaffen. Wir sind die letzten beiden Breckens auf der Welt, Theonie. War es nicht ein bischen ungerecht von Deinen Eltern, mich ganz leer ausgehen zu lassen? Wäre es den natürlichen Verhältnissen nicht entsprechender gewesen, wenn Dir ein Teil, und mir der andere geworden wäre, zumal Du Deinen Gatten verloren hast und nicht wieder heiraten willst? Ich weiß, daß Du mich nicht liebst. Ich fühle sogar, daß Du mich nicht achtest, obgleich ich Dir nie etwas zu leide that und mich nur des Vergehens schuldig machte, Dir meine Liebe in einer Form zu gestehen, die Du leicht nachgesehen haben würdest, wenn Du meine Neigung erwidertest. Aber wenn Du mich auch nicht liebst und meinem Charakter mißtraust, so hast Du doch als eine Brecken und vermöge Deiner ganzen Veranlagung gewiß den Wunsch, daß ich fortan einen soliden und rechtschaffenen Lebenswandel führe, daß ich dem Namen der Familie Ehre mache. Wenn dem aber so ist, so hilf mir, gieb mir eine Stellung in der Welt durch freiwillige Teilung des Besitzes und lasse mich in Zukunft Falsterhof verwalten. Hast Du kein Vertrauen zu meinen wirtschaftlichen Fähigkeiten, so kann ja auch alles bleiben, wie es jetzt ist, aber dann mache die Mittel zu einer Teilung zwischen uns flüssig, indem Du eine größere Summe auf Falsterhof aufnimmst oder mir die Hälfte der Rente überweisest. Ich sehe, Du zuckst zusammen, Du findest es über die maßen unbescheiden von mir, eine solche Forderung zu stellen, und ich gebe auch zu, daß mein Verlangen sehr ungewöhnlicher Art ist. Aber ich bin nüchtern veranlagt und setze anderseits ein großes Vertrauen in Deinen Gerechtigkeitssinn, auch weiß ich, daß Du geringen Wert auf Hab und Gut legst, und so fand ich denn den Mut, Dich mit meinem Wunsche bekannt zu machen. — Nun, Theonie?“ schloß er und griff wieder nach Messer und Gabel, die während seiner Rede geruht hatten. „Was meinst Du? Willst Du so freundlich sein, zu überlegen, was ich Dir vorzutragen mir erlaubte?“

Theonie hatte bei den letzten Sätzen sinnend vor sich hingeschaut. Ihre Gedanken beherrschten sie so, daß sie nur halb vernommen, was er am Schluß gesagt hatte. Aus diesem Gesichtspunkte hatte sie ihres Vetters Stellung zur Familie Brecken allerdings noch niemals ins Auge gefaßt. Die Berechtigung eines Anspruchs von seiten Tankreds war ihr auch nicht einmal in den Sinn gekommen; bei dem Gedanken, ihm eine Summe zuzuwenden, hatte lediglich ihr Gefühl, nicht aber ein Pflichtzwang sie geleitet.

Dennoch war jetzt alles klar in ihr, und ihm fest und ehrlich ins Auge schauend, erwiderte sie:

„Ich weise Deine Vorschläge durchaus nicht zurück. Aber vor der Hand kannst du in keiner anderen als der Dir bereits mitgeteilten Weise auf mich rechnen. Ich will einen Entschluß von solcher Tragweite — ich spreche, wie ich gleich betonen will, nur von einer Erbteilüberweisung; die Verwaltung des Gutes möchte ich dem Manne nicht entziehen, der meines Vaters ganzes Vertrauen besaß und es stets rechtfertigte — also, ich will einen Entschluß von solcher Tragweite nicht fassen, ohne Justizrat Brix zu rate zu ziehen, und ihn auch abhängig machen von gewissen Umständen, die erst nach einer Reihe von Jahren meiner Beurteilung unterliegen können.“

Theonie machte eine Pause, und Tankred setzte voraus, daß seine Kousine noch etwas für ihn Günstiges hinzufügen werde. Aber sie neigte nur in Bestätigung ihrer Worte den Kopf und machte dann eine Bewegung zum Aufstehen.

„Es ist wohl so weit, der Wagen wird vorgefahren sein,“ sagte sie, nach einer im Zimmer stehenden Uhr schauend. „Entschuldige mich, ich habe oben noch etwas zu thun.“

Aber Tankred hielt Theonie durch seine blicke zurück.

„Schon einmal machte ich Dir Andeutungen, daß ich ohne Mittel sei, Theonie. Wir wurden damals unterbrochen. Würdest Du wohl die Güte haben, mir einiges Geld zurückzulassen?“

Sie nickte bereitwillig und sagte, die Börse ziehend, mit einem Anflug von Verlegenheit: „Wie viel, bitte?“

„Ein paar hundert Thaler würden mir zunächst sehr gelegen kommen, da ich einige Verpflichtungen habe.“

„Ein paar hundert Thaler? Die habe ich nicht hier. Da müßte ich erst an Brix schreiben.“

„Gieb mir ein paar Zeilen an den Verwalter,“ wandte Tankred ein. „Er ist stets bei Kasse und wird mir auf Deine Anweisung gleich zahlen.“

„An den Verwalter?“ wiederholte Theonie zögernd und pedantisch überlegend. „Das würde ihm sehr auffallend erscheinen. Das ist nie geschehen, alles geht durch Brix.“

„Mache diesmal eine Ausnahme, Theonie. Ich werde es ihm schon erklären —“

Aber sie gab noch immer nicht nach. Ein starker Ordnungssinn, den sie von ihrem Vater geerbt, war ihr eigen.

„Nein, ich möchte es doch nicht. Aber hier, bitte — vorläufig,“ — entschied sie und reichte ihm ein paar Geldscheine, die sich in ihrer Börse befanden, „für weiteres werde ich sorgen.“

Tankred nahm mit gezwungener Miene das Geld; er mußte an sich halten, um ihr nicht schroff zu begegnen. Dieses in seinen Augen kleinliche Markten und Überlegen um ein paar hundert Thaler von einer Person, die, wenn sie ihr Eigentum flüssig machte, Millionärin war, brachte ihn schon an sich auf, verletzte aber auch seine Eitelkeit im höchsten Grade. Es mußte alles nach seinem Kopfe gehen. Wenn die Dinge sich nicht gestalteten, wie er sie sich in seinem Sinn zurechtgelegt hatte, wußte er, wenigstens für den ersten Augenblick, seinen Unmut niemals zu unterdrücken.

„Nun — lebe wohl,“ — sagte Theonie, vom Reisefieber erfaßt, mit deutlicher Unruhe. — „Möge es Dir gut gehen! Und bitte, besuche Justizrat Brix, er wird Dir das Nötige mitteilen.“

Plötzlich kam Tankred der Gedanke, daß dieser fortwährende Hinweis auf den Rechtsbeistand und Vermögensverwalter der Familie noch einen besonderen Grund habe. Theonie würde ihm am Ende noch Bedingungen durch Brix stellen. Das reizte und beunruhigte ihn so sehr, daß er sie abermals zurückhielt und die Worte hervorstieß:

„Du kannst es nicht erwarten, eine doch an sich gar nicht eilige Reise anzutreten, und wendest dabei große Umständlichkeiten an, während Du meine Angelegenheit behandelst wie eine lästige Nebensache. Weshalb soll ich denn durchaus den Umweg zu Brix machen? Gieb mir doch einfach eine Anweisung auf ihn, die ich verwerten kann. Ich habe nicht gern mit ihm zu thun. Er ist mir sehr unsympathisch.“

Diese Worte reizten nun auch Theonie, und sehr rauh und mit einem starken Anhauch von Bevormundung gab sie, zugleich durch ihre Mienen zeigend, daß sie sich durch seinen Einwand durchaus nicht beirren lasse, zurück:

„Es muß aber doch so bleiben! Einige kleine Unbequemlichkeiten mußt Du schon mit in den Kauf nehmen, wenn Du Geld empfangen willst.“

Aber sie bereute sogleich, was sie gesprochen. In dem Antlitz des Menschen, der ihr gegenüber stand, erschien ein furchtbarer Ausdruck. Wut, Rachsucht, Totschlag standen in seinem Gesicht geschrieben, und ein zähneknirschendes, von funkelnden Blicken begleitetes:

„Nein, ich muß nicht und will nicht!“ drang wie ein Gewitter aus seinem Munde. „Ich habe Dir alles freundlich und sachlich vorgestellt, ich habe an Deinen Gerechtigkeitssinn und Dein Verwandtschaftsgefühl, aber auch an Deine Klugheit appelliert, mich nicht wie einen lästigen Habenichts zu behandeln, sondern wie einen halbwegs Gleichberechtigten. Als Du dann die ablehnende Antwort auf meine Rede mit allerlei mystisch klingenden, aber sich wohl auf meinen zukünftigen Lebenswandel beziehenden Worten begleitetest, schwieg ich und fügte mich. Dann bat ich um etwas Geld, das Du mir nicht aus eigener Initiative gabst, obschon Du wußtest, daß ich schon seit der Krankheit Deiner Mutter nichts besaß, und machte, weil ich es gleich gebrauchte und —“ hier schob Tankred einen berechnenden Satz ein — „auch für meine Abreise desselben bedürftig war, den Vorschlag, es sofort herbeizuschaffen. Auch den wiesest Du zurück und stelltest Dich auf den pedantisch engherzigen und kleinlichen Standpunkt Deines filzigen Vaters, dem Gold und Silber alles war.“

Aber nun unterbrach Theonie, die anfänglich mit Angst und Herzklopfen zugehört hatte, und weil etwas Wahres in Tankreds Worten lag, sich getroffen fühlte, ihren Vetter mit einigen, alle Klugheit und Besonnenheit beiseite werfenden Worten. Dieser verkommene Mensch wagte es, das Andenken ihres Vaters zu beschimpfen in dem Augenblick, wo er bettelte, bettelte um Geld, das jener durch Ordnung und Sparsamkeit sich erworben?! Dasselbe ungestüm tobende Blut, das in Tankreds Adern rollte, pulsierte in den ihren, und besinnungslos vor Erregung rief sie ihm entgegen:

„Halt! Mit dieser Verunglimpfung meines verstorbenen teuren Vaters hast Du jeglichen Anspruch auf das kleinste Entgegenkommen von meiner Seite verwirkt. Das merke Dir! Und nun verlasse Falsterhof sogleich! Nicht ich gehe, Du gehst —! Das ist mein letztes Wort.“

In diesem Augenblick erschien die dürre Gestalt Freges in der Thür, und hinter ihm Klaus, der Kutscher, mit neugierig fragender, halb ängstlicher, halb entschlossener Miene.

„Ah!“ drang's aus dem Munde Tankreds, und er richtete seine Gestalt zur Abwehr auf. „So stehen die Dinge? Sind nicht auch noch Gensdarmen zur Hand? Ich aber sage euch, ich bleibe auf Falsterhof und weiche keiner Gewalt! Muß ich ihr aber dennoch weichen, so hütet Euch!“

Nach diesen mit furchtbarer Stimme und unter drohenden Gebärden ausgestoßenen Worten trat er durch das anstoßende Gemach auf den Flur, und die Zurückbleibenden hörten, wie er die Zimmer des Onkels aufschloß.

„O mein Gott! Weshalb willst Du mich denn so grausam strafen, indem Du mir diesen Menschen ins Haus sandtest! Was that ich, um so Schreckliches zu verdienen?!“ hauchte Theonie und sank wie vernichtet in ihren Stuhl. —

Tankred wanderte in seinem Zimmer mit Mienen auf und ab, als wäre er eingesperrt und sänne darüber nach, wie er sich befreien könne. Aber sein Ingrimm richtete sich diesmal nicht auf eine andere Person, sondern auf sich selbst. Er hatte sich wieder nicht in seiner Macht gehabt, abermals war er seinem Jähzorn unterlegen, und statt seine Sache zu verbessern, hatte er sie gänzlich verfahren.

Da seine Handlungsweise mit der eben erst wieder gegebenen schriftlichen Zusicherung im krassesten Widerspruch stand, hatte er Theonie schlagend bewiesen, daß sie recht hatte, wenn sie ihm aufs äußerste mißtraute. Nicht nur hatte er jede Ehrerbietung außer acht gelassen, sondern sich auch zum Richter ihrer Handlungsweise aufgeworfen und am Ende sogar Drohungen ausgestoßen, die nur zu gut verrieten, was sich in den tieferen Winkeln seiner Seele versteckte. Sie konnte sich nach diesem Vorgang ihm nicht wieder nähern, das Tuch zwischen ihnen war zerschnitten.

Unglaublich hatte er gehandelt!

War sie nicht auf seinen Antrag eingegangen, und war das nicht ein über alle Erwartungen günstiges Ergebnis gewesen?

Nach einer einzigen Unterredung, und trotz ihrer ausgesprochenen Abneigung gegen ihn, hatte er erreicht, was einem andern kaum zu denken in den Sinn gekommen wäre. Es würde ihn nicht überrascht haben, wenn Theonie ihm erwidert hätte: Ich weiß nicht, ob ich mehr über Deine unverschämte Forderung mein Erstaunen ausdrücken soll, oder über deinen Mut, sie mir vorzutragen.

Statt dessen hatte sie seine Gründe angehört und unbefangen gewürdigt und dem Sinne nach nur erwidert: Ich will das Erbteil meiner Vorfahren nicht gefährden, bewährst Du Dich aber, dann soll die Hälfte Dein Eigentum sein. Sie hatte gehandelt wie ein selbstloser, gerechter, aber auch wie ein weiser und besonnener Mensch, er aber wie ein zügelloser, von gemeinen Trieben geleiteter Rabulist.

Nun hatte er am Ende auch das Geld verscherzt, das sie ihm willig hatte auszahlen wollen. Sicher würde Theonie jetzt wieder zu ihrem Rechtsanwalt gehen, alles annullieren, was sie früher festgesetzt hatte, und zugleich die Mittel mit Brix beraten, ihn, Tankred, mit Gewalt von Falsterhof zu entfernen. Und die Geschehnisse würden an die Öffentlichkeit dringen, und er würde der Familie Treffen als das erscheinen, was er wirklich war.

Wie gut hatte er alles eingefädelt, und mit welcher Pfuscherarbeit geendigt! Wäre er fügsam gewesen, so hätte er Tressens erklären können, er habe, wenn auch erst nach einigen Jahren, Anspruch auf die Hälfte von Falsterhof. Theonie würde, unter geschickter Behandlung der Angelegenheit von seiner Seite, diese Begünstigung bestätigt, es würde sich alles ohne Schwierigkeiten und Künste geregelt haben, während nun schon eine Unsumme von Verstellung, Intrigue und Lüge aufgewendet werden mußte, um nur die üblen Eindrücke wieder zu verwischen.

Und dann war das Resultat auch noch zweifelhaft, die Wahrscheinlichkeit lag vor, daß alle Mühe umsonst gewesen.

Nein! er war doch noch ein großer Stümper! Er mußte sich's zugestehen. So sehr ergriff den Mann die Einsicht in seine Fehler, daß er sogar auf den Gedanken kam, ob es nicht doch am Ende vorteilhafter sei, tugendhaft zu werden, umzukehren und sich zu bemühen, ein ordentliches Leben zu führen. Ihm kamen plötzlich Zweifel, ob ihm nicht doch die Eigenschaften zur erfolgreichen Schurkerei fehlten, da er sie nicht durch Selbstbeherrschung zu unterstützen vermochte. Er hatte noch nicht warten gelernt. Warten können! Was lag nicht alles in den Worten! Und er besaß auch nicht hinreichenden Mut; seine Genußsucht und sein Bequemlichkeitsdrang schoben sich in seine Entschlüsse und machten ihn feige.

In seinem charakterlosen Hin und Her, aber auch zufolge seiner schrankenlosen Selbstsucht überlegte er, ob er nicht lieber Theonie nachreisen, abermals ihre Verzeihung erflehen und schwören solle, daß das Geschehene nichts mit seinem Herzen gemein habe. Nur der Zorn hätte aus ihm geredet. Er vertraute dabei seiner eminenten Verstellungskunst.

Der Gedanke, durch eine einzige Unterredung alles noch wieder ins richtige Geleis bringen zu können, beschäftigte ihn plötzlich solchergestalt, der Gegensatz zwischen dem, was augenblicklich war, und dem, was er vielleicht wieder erreichen konnte, drängte sich ihm so stürmisch auf, daß er das Haupt zurückwarf, die Klingel zog und dem stumm und finster hereintretenden Frege zurief, er möge sofort den Fuchs satteln.