Todsünden

Chapter 24

Chapter 243,714 wordsPublic domain

Es war geschehen! Bleich, mit schlotternden Knieen, erschien oben auf der Treppe Tankred von Brecken. Die Laterne zitterte in seiner Hand, er mußte trotz des ihn beherrschenden, alle Sinne gefangen nehmenden Gedankens der That sich an dem Geländer festhalten und stolperte schwankend die Stufen hinab. Und als er die letzte erreicht hatte, drang von drüben Hundegebell an sein Ohr, und unten im Hause oder oben — er vermochte nicht, es zu entscheiden — entstand ein Geräusch, und während er, von Furcht gepackt, zur Hinterthür fliehen wollte, erschien — ja, es war keine Vorstellung, sondern Wirklichkeit! — in Hemdsärmeln und mit in der Eile ungeknöpften, an den Beinkleidern herabhängenden Tragbändern der alte Frege, in der einen Hand ein Licht, in der andern eine Pistole. Und als er den Eindringling mit der schwarzen Maske sah, schrie er durchs Haus, daß die Wände bebten, stürzte vorwärts und sandte dem in wahnsinniger Angst Fliehenden, bevor er die Thür zu erreichen vermochte, eine Ladung aus der Pistole nach. Tosend, wie ein Donnerschlag, klang's durch das Haus. Aber wenn der Verbrecher auch vielleicht getroffen war, so erreichte er doch das Freie.

Als Frege hinter ihm die aufgerissene und mit krachendem Laut vom Winde zugeschlagene Thür zurückstieß, sah er Brecken — er glaubte ihn sicher zu erkennen an Größe, Haltung, Bewegungen — durch den Park fliehen. Einen Augenblick stand er ratlos da. Seine Lippen bebten, der Mund murmelte in der Erregung unzusammenhängende Worte. Aber dann ward er aufgerüttelt. Ein entsetzliches, markerschütterndes, nicht endenwollendes Geschrei drang durch das Haus — — Die Zofe flog, mit einem Licht in der Hand, die Treppe herab und rief dem wenige Minuten später schlotternd vor Angst und Schrecken aus allen Winkeln herbeistürmenden Gesinde die Worte zu:

„Die gnädige Frau! — Die gnädige — Frau — liegt tot im Bett — —“

Weiter vermochte sie nicht zu sprechen, und während eins der Mädchen sie in ihren Armen auffing, stürzten die anderen empor, um selbst zu sehen, was Gräßliches, Grausiges, Unerhörtes geschehen war. —

* * * * *

Und durch die Nacht jagte mit einem wahnsinnigen Schmerz an der rechten Schulter, da, wo ihn die Kugel aus Freges Pistole getroffen hatte, Tankred von Brecken. Der Schweiß rann ihm von der Stirn, die Glieder flogen, die Brust hämmerte. — Vorwärts! Vorwärts! Zunächst weit weg aus dem Gutsbereich, in eine andere Gegend, wo man ihn nicht kannte, zurück nach L. und von dort nach Hamburg. Und von Hamburg am folgenden Tage nach dem Süden!

Ja, wenn's ging! — Schon mußte er froh sein, wenn er sich mit der Wunde bis dahin schleppte. Im Körper brannten die Schmerzen, und brennend ging's auch durch sein Gehirn, denn während er dahin stürmte, erschien wieder vor seinem inneren Auge das unglückliche Geschöpf in dem hohen Himmelbett. Wie sie die Augen aufgeschlagen, als er sich ihr genähert hatte; wie ihre Mienen sich angstvoll verzerrt hatten; wie trotz der Schnelligkeit, mit der er sie gepackt, doch ein wimmernder Klageton, ein Ton, den er nicht vergessen würde, und sollte er tausend Jahre alt werden, aus ihrem Munde gedrungen war! Und wie er sie dann mit beiden Händen an die Gurgel gefaßt hatte, und wie im Sterben noch ihr halb flehender, halb entsetzter Blick auf ihn gerichtet gewesen war! — Es war grausig noch in der Erinnerung. In der Wirklichkeit aber war's so fürchterlich gewesen, daß sein Herz fast erweicht worden war. Er hatte Mitleid mit dem armen, hülflosen Geschöpf empfunden — er hätte ihr lieber vorher noch die Wahl gelassen zwischen freiwilliger Besitzabtretung oder Sterben. Aber schon war's zu spät gewesen. Die Augen waren verglast und aus den Höhlen getreten, die Brust hatte aufgehört zu atmen, der in Todeswahnsinn arbeitende, sich sträubende Körper hatte keine Kraft mehr gehabt. Und rasch hatte er ihr Gewand herabgerissen und an ihrem Herzen gehorcht. — Nein! Es schlug nicht mehr, und schlug sicher nicht mehr, als er noch einmal, zum letztenmal mit seinen Fäusten ihre Gurgel — — In diesem Augenblick stolperte Brecken; er stolperte unter der Wirkung gerade dieser legten Vorstellung, — denn dann hatten ihn Grausen, Entsetzen und Angst gepackt. Am liebsten hätte er gleich von oben aus das Freie gewonnen: eine unbeschreibliche, wahnsinnig beklemmende Furcht hatte sich seiner davor bemächtigt, den Weg unten durch das Haus nehmen zu müssen, über den Flur an der tickenden Uhr vorbei, in der sich bewußtes Leben zu verbergen, die ihm offene Augen zu haben schien, und die den Urheber all des Fürchterlichen verraten würde — —!

Und als er unten angelangt, war wirklich Frege vor ihm aufgetaucht, hatte ihn angestarrt mit entsetzten und doch entschlossenen Mienen — Und dann ein dumpfer Knall und ein Schmerz an der Schulter, der zunahm und immer unerträglicher wurde, jetzt so unerträglich, daß Tankred von Brecken den bisherigen, stürmenden Lauf hemmte, stille stand und in der gräßlichen Qual aufbrüllte.

Es drang unheimlich, ihn selbst erschreckend durch die Nacht! Und doch trat dieser Schmerz zurück vor einem sich jählings seiner bemächtigenden Gedanken, vor der sich zur Gewißheit steigernden Befürchtung, daß Frege ihn erkannt habe!

Ja, er mußte ihn erkannt, schon sein Instinkt mußte ihm die Wahrheit eingegeben haben! Und die alte Kanaille würde gegen ihn zeugen, würde es aller Welt verkünden, daß er, Tankred von Brecken, der Mörder sei — —!

Und man würde auf ihn fahnden, ihn suchen, bis man ihn fand. Freilich, wer, außer Frege, hatte ihn gesehen? Niemand! In dem Städtchen, wohin er eilte, war er unter einem anderen Namen bekannt, dort hatte er sich für einen in Dresden lebenden Hauptmann außer Dienst ausgegeben. Freilich, sicherer war's schon, nicht nach dort zurückzugehen und auch Hamburg zu vermeiden.

Aber was beginnen —?

Er konnte, selbst wenn er wollte, nicht weiter kommen. Die Kräfte fingen an, ihn zu verlassen!

Und seit kurzem war auch ein Umschwung in der Witterung eingetreten. Immer schwereres Unwetter kam auf, der Mond verschwand vom Himmel, die Wolken jagten sich, ein heftiger Sturm brach los, fuhr über die Felder, Wiesen, Äcker und brachte Finsternis und zuletzt frostige Kälte mit sich.

Und durch die Nacht und den Sturm floh mit den letzten ersterbenden Kräften der Mörder, jetzt nur von dem einen Gedanken beherrscht, erlöst zu werden von den furchtbaren, qualvollen Schmerzen, die ihn bis zur Raserei peinigten.

* * * * *

Der alte Frege saß in seinem Hinterzimmer, hatte die Arme auf die dürren Kniee gestützt und das greise Haupt auf die Brust herabsinken lassen und starrte mit einem unbeschreiblich müden und verlassenen Blick vor sich hin. Die mit der für die Beerdigung seiner Gebieterin notwendigen Maßnahmen verbundene Tätigkeit hatte ihn seit der Frühe aufrecht erhalten; jetzt war er, wie von aller Kraft verlassen, zusammengesunken, und die Gedanken kamen und lösten sich in seinem Kopfe ab, und wenn sie je zu einem Schluß gelangten, war's immer nur der: „Was sollst du noch auf der Welt, da nun die letzte von denen dahingegangen, welchen du dein Leben gewidmet hattest?“ Frege hatte während seiner langen Dienstzeit nie etwas anderes verlangt, als die Thätigkeit, in der er sich befand, und die Ausübung seiner Pflicht, die ihm Bedürfnis geworden war. Andere richteten ihren Sinn hinaus, sie glaubten draußen besseres zu finden, neben der Arbeit Zerstreuung, höheren Verdienst, und was sonst die Sinne der Menschen fesselt. Er aber wußte, es sei thöricht, zu glauben, das die Fremde besseres biete. Breckens waren gleichsam seine Familie geworden, nachdem er vor langen Jahren seine Eltern verloren hatte. Ihre Freude war die seinige, ihr Leid empfand er wie eigenes. In der nächsten Umgegend war er geboren; so hielten ihn denn auch die Heimat, die Landschaft, die Luft, die Menschen, ihre Sprache, ihr Wesen und ihre Gebärden. Schon Elsterhausen schien ihm eine andere, fremde Welt.

Einmal hatte er noch gehofft, und seine Seele hatte sich verjüngt, als Theonie zum zweitenmal ihr Herz einem Manne zu eigen gegeben. Da schien die Sonne ihm nicht nur am Himmel, sie flutete durchs ganze Haus, sie strahlte in seinem Herzen, und wenn er seiner Gebieterin leuchtendes Auge, ihre glückseligen Mienen sah, dann ward er selbst noch einmal jung, und seine Phantasie schuf ihm reizvolle Zukunftsbilder.

Jetzt war alles unwiederbringlich dahin! Sie war dem Manne ihrer Wahl in den Tod gefolgt, und das große Erbe kam in fremde Hände. Wo sollte er nun bleiben? Hederich hatte ihm gesagt, Tressens würden ihn auf Falsterhof lassen, alles würde beim Alten bleiben. Beim Alten!? Der Gram fraß an seinem Herzen; es war auch gleichgültig, wo er die letzten Jahre noch sein Haupt hinlegte. Er konnte leben ohne Dienst — Leben, ja! essen, trinken, schlafen. — Aber welch ein leeres Dasein! — Gab's noch irgend etwas, das ihm Hoffnung ins Herz träufeln konnte!? Nichts! Ja, doch! Ein Gedanke vermochte ihn noch aufzurütteln: den Verbrecher unter den Händen des Henkers zu sehen! —

Wenn sich der alte Mann vorstellte, der Mörder stände ihm jetzt gegenüber, dann verzerrten sich vor Haß und Wut seine Mienen. Er fiel über ihn her, stieß ihm ein Messer in den Körper, wo es gerade traf, und weidete sich an der Dual des Scheusals. — Und Gott würde ihm vergeben! Der Gott, der selbst ein zorniger und eifriger Gott war, würde begreifen, daß man Rache übte! Mitleid? Vergebung? Nachsicht? Hatte Gott nicht selbst eine Hölle geschaffen mit Zittern und Zähneklappern für die Bösen, und sollte sein Geschöpf, der Mensch, sich des natürlichen Triebes, des Hasses und der Vergeltung, entäußern?

Und bei diesem Gedanken kam dem Manne wieder die Erinnerung an die Frau, die er wie ein höheres Wesen verehrt und geliebt hatte, und er raffte sich auf, schritt mit nassen Augen langsam über den stillen, hallenden Flur, öffnete die Zimmer des alten Herrn, wo man die Leiche gebettet hatte, und näherte sich ihrem Totenlager.

Aber nein! Er konnte den Anblick nicht ertragen. Zu fürchterlich waren die nachwirkenden Spuren des Todes auf dem Gesicht der Erdrosselten. Die Augen hatten sich, vielleicht bei der Umbettung, wieder geöffnet, und diese Augen schauten ihn an mit einem so grausigen Ausdruck von flehendem Entsetzen!

Der alte Mann deckte rasch ein Leinenlaken über das Antlitz; er konnte ihr wenigstens jetzt nicht die Lider zudrücken, er vermochte es nicht. Er sank neben der Leiche nieder und weinte und stöhnte. — Noch tags vor ihrem Tode hatte seine Herrin, wieder ein wenig Lebensmut gewinnend, lange mit ihm gesprochen, Pläne gemacht, und ihm durch ihr Vertrauen gezeigt, welche guten Empfindungen auch sie für ihn besaß. Und da war der feige Einbrecher erschienen und hatte — hatte — O Gott, o Höchster über den Sternen! Es war nicht auszudenken, daß das wirklich alles geschehen war!

Der Hund hatte die ganze Nacht in Absätzen gebellt, durch ihn war Frege geweckt worden — aber zu spät — — zu spät — — Und daß das Tier sich gerade an diesem Abend vom Hofe entfernt hatte und, keinen Einlaß findend, in den Stall gekrochen war zu Klaus, das war ein so unglücklicher Zufall gewesen, das erschien als ein solches Bündnis des Teufels mit dem dämonischen Plan des Verbrechers, daß es fast aussah, als habe Gott aus für die Menschen unerfindbaren Gründen alles so geschehen lassen wollen! Seltsam! Das ganze Leben Theonie von Breckens war eine Kette von Strafen gleich erscheinenden Schicksalen gewesen! — War darin Sinn und Verstand? — Vielleicht doch! — Sie mußte fallen, damit jene auf Holzwerder wieder zu ihrem Recht gelangten, für schwere Enttäuschungen um so höher entschädigt würden. So ging's überall in der Welt zu; das waren geheime Gesetze. Der alte Mann, der viel gelesen und viel nachgedacht hatte, neigte stumpf ergeben das Haupt. Und nun war der kleine Tankred von Brecken Erbe von Falsterhof! Nun kam wieder in eine Hand, was einst Leichtsinn und Unverstand verschleudert hatten.

Wenn's nur nicht sein Sohn wäre! dachte der alte Mann. Nur nicht der Sohn dessen, der, ein Teufel in Menschengestalt, auf der Erde hauste!

Endlich erhob er sich, die Thürglocke ging, Klaus trat ins Haus. Es war Essenszeit. In der Gesindestube saßen schon die anderen Dienstboten zu Tische, und draußen bellte laut der Hund und haschte nach den pickenden, harmlosen Spatzen. Auch hier Verfolgung und Kampf des Stärkeren gegen den Schwachen. —

Am Nachmittag desselben Tages trafen Höppners, Tressens und Hederichs in Falsterhof ein, um Theonie noch einmal zu sehen, und um gemeinsam wegen der auf den folgenden Mittag angesetzten Bestattung zu beraten. Auch Justizrat Brix hatte sich eingefunden und erteilte den Anwesenden Bericht über die Schritte, die er auf Grund der von Frege gemachten Aussagen zur Ergreifung Tankred von Breckens bei der Staatsanwaltschaft unternommen hatte.

Die Ermordung Theonies hielt das ganze Land in Aufregung. Die Blätter hatten schon am Tage nach der That ausführliche Berichte gebracht und Mutmaßungen über den Thäter ausgesprochen. Die Aussage Freges, der mit vollkommener Sicherheit die Erklärung abgegeben, daß er Brecken erkannt habe, hatte sich blitzschnell verbreitet, und da er zugleich auf das bestimmteste behauptete, den Mörder verwundet zu haben, erschien die Überführung des Verbrechers, sobald man seiner habhaft geworden, als eine leichte.

Aber noch hatte man keine Spur von Brecken entdeckt. Es war konstatiert, daß er tags vorher in der Nähe gewesen und die Absicht geäußert hatte, sich nach dem Süden zu begeben. Aber da er keinen großen Vorsprung gewonnen haben konnte, auch die Staatsanwaltschaft einen Preis auf seine Ergreifung gesetzt hatte, mußte sich die Angelegenheit baldigst klären.

In einer namenlosen Spannung und Aufregung befanden sich Tressens. Die mit dem Ereignis verbundenen, bedeutsamen Folgen beschäftigten sie auf das lebhafteste. Wenn Justizrat Brix darin recht hatte, daß auf einem solchen vorsätzlichen Mord der Tod stand, so fiel ihrem Enkel Falsterhof zu, und er wurde zugleich für alle Zeiten Einflüssen entzogen, die, wie auch immer der Prozeß ausfallen mochte, verderblichster Natur gewesen sein würden.

Auf Nacht und Dunkel folgten Sonne und Licht; was die hoffnungsvollste Phantasie nicht auszudenken gewagt, wurde Thatsache.

Und wenn auch gegenüber der Toten, deren Anblick den Anwesenden einen unheimlichen, freie Gedanken nicht aufkommen lassenden Schmerz aufdrückte, Äußerungen der Freude über den wahrscheinlichen Ausgang der Dinge nicht laut wurden, so waren doch aller Herzen von glücklichen Vorstellungen erfüllt, und namentlich auch Hederich und Carin machten Pläne, die darauf hinzielten, nach Holzwerder zurückzukehren.

Hederich war einmal mit seinem ganzen Sinn und Wesen mit Holzwerder verwachsen. Er fühlte sich dort besonders heimisch und glücklich. Und bei einer Wiederaufnahme seiner Stellung verbesserten sich auch seine materiellen Verhältnisse wesentlich.

Hederichs hatten wohl ihr Auskommen, aber es war nur ein bescheidenes. Wenn er in die alte Thätigkeit wieder eintrat, so waren sie wohlsituiert, und der Verkehr mit Tressens, sowie der Umgang, den sie pflogen, bot der aufgeweckten, nach geistiger Anregung verlangenden jungen Frau weit mehr, als die jetzige Einsamkeit ihr zu geben vermochte.

Noch einmal traten die Freunde vor ihrem Fortgang an Theonies Sarg, drückten Blumen in die Hand der Entschlafenen und trafen dann Vorbereitungen zur Abfahrt.

Als sie bereits in der Thür standen und den letzten Händedruck austauschten, fragte Frau von Tressen die Pastorin nach Lene. Sie habe, wie sie gehört, ihr Kummer gemacht. Aber die Fragende begegnete zu ihrer Überraschung keiner bedrückten Miene, sondern die Pastorin neigte mit leuchtenden Augen den Kopf und sagte: „Ach, es ist ja ein herziges Ding! Sie hat so tief bereut, daß mir die Seele schmolz. Sie kam unaufgefordert zu mir, legte ihr Köpfchen an meine Schulter und bettelte, daß ich ihr verzeihen möchte.“

Sie hatte nach diesem Bericht über Lene auch keine Zeit mehr, die lebhafte Frau Pastorin. Sie drängte ihren Mann, zu dem Stall zu eilen und nach dem Wagen zu sehen, und er that mit seinem gutmütigen Gesicht, was sie wollte.

Durch das Gespräch über Lene ward auch Frau von Tressen an den kleinen Tankred erinnert, und Unruhe und Sehnsucht nach ihrem Enkel erfaßten sie.

Als beim Nachhausefahren zwischen dem Hederichschen Ehepaar die Rede auf die Liebe der Frauen zu den Kindern kam, nahm der Gatte sein blühend aussehendes junges Weib in die Arme und flüsterte zärtlich neckend: „Aber mein kleines Frauchen, — drum und dran — mag keine Kinder —!“ Da senkte die Frau mit unbeschreiblichem Blick ihre Augen, und er las in ihren Mienen die Glückseligkeit, die sie durchströmte über das, was auch ihr bevorstand. —

* * * * *

Es war Spätabend. Abermals ein furchtbares Gewitter — gleichsam ein Kampf der mächtig nach Verjüngung ringenden Natur — durchtobte den Himmel, und meilenweit leuchtende Blitze erhellten auch das Hotelzimmer, in dem der vor einigen Tagen krank nach L. zurückgekehrte, unter dem Namen ‚von Kaub‘ in das Fremdenbuch eingeschriebene Gast gebettet war.

Ärztliche Hülfe war von ihm zurückgewiesen. Er hatte einen Barbier angenommen, der ihm einen Verband auf seine durch einen Fall verletzte linke Schulter legen und nach Bedarf erneuern mußte. Es sei eine sehr böse Sache, eine schwere Knochenzersplitterung hatte der Barbier auf die Frage des Wirtes erklärt, und viele Wochen würde es dauern, ehe der Kranke das Zimmer wieder verlassen könne.

Unten im Hotel hatte eben der letzte Gast das links belegene Restaurant verlassen, auch sämtliche Fremde hatten sich bereits zur Ruhe begeben, und der Besitzer war gerade im Begriff, sich nun auch schlafen zu legen, als noch an die Hausthür geklopft ward, und der Barbier, an dem verschlafenen Hausdiener vorüberschreitend, in sichtlicher Erregung das Gastzimmer betrat.

„Nun?“ machte Helms, der Wirt, ein mittelgroßer Mann, der mit seinem zwischen englischen Bartkoteletts überaus glattrasierten Kinn und der übertrieben sorgfältig gehaltenen Kleidung den Eindruck hervorrief, als ob er sofort als Schauspieler in einer Bühnenrolle aufzutreten habe, verwundert und nicht eben angeheimelt.

„Wo kommen Sie denn noch so spät her, und in dem, Wetter, Bartsch?“

Statt zu antworten, machte Bartsch eine geheimnisvolle Miene und schaute sich um wie jemand, der sich durch Sprechen zu verraten fürchtet. Dann sagte er:

„Ist noch heiß Wasser da? Ich möchte einen halben Grog, — und — dann — dann — muß ich Ihnen etwas mitteilen, etwas sehr wichtiges, das keinen Aufschub duldet!“

In Helms Gesicht drückte sich allerlei Mißbehagen aus, aber er ging doch hinter das Buffet, drehte selbst das Gas noch einmal in die Höhe, ließ den Theekessel singen und schickte den Kellner ins Bett.

„Hier! Lesen Sie mal, Herr Helms,“ begann Bartsch, ein Mann, in seiner Erscheinung mehr einem Küster als einem Barbier gleichend, mit ernstem, zuverlässigem Ausdruck und zog, nachdem der Wirt sich zu ihm gesetzt, eine Nummer der Hamburger Nachrichten hervor.

Helms setzte ein Glas aufs Auge, und während er ein Steckbriefsignalement studierte, beobachtete Bartsch mit größter Spannung seine Mienen.

„Na? Und?“ setzte Helms arglos an und schnitt mit großer Umständlichkeit die Spitze einer Zigarre ab. „Haben Sie Aussicht, die tausend Mark zu verdienen —?“

„Wir!“, betonte Bartsch mit ruhiger Sicherheit und zeigte mit der Hand nach oben.

Helms zuckte die Achseln. Er verstand nicht.

„Der von Kaub ist der Herr von Brecken, der in dem Steckbrief gesucht wird,“ hub Bartsch an. „Alles stimmt. Merken Sie auf!“ Und nun las er einzeln das Signalement vor, und bei jedem Satz schob er ein „Trifft doch genau zu!“ ein.

„Donnerwetter!“ sagte Helms, den jetzt auch die bisherige Ruhe verließ.

Und er kam auch gleich zu einem festen Entschluß. Einen solchen Menschen im Hause zu haben, war unheimlich, ja, so unheimlich, daß er sogleich mit Bartsch überlegte, ob sie nicht noch in dieser Nacht polizeiliche Anzeige erstatten und veranlassen sollten, daß eine Wache vor die Stubenthür und vors Haus gestellt werde. Ja, ja! Es war zweifellos, ganz zweifellos! Verletzung in der Schulter oder im Rückgrat, scharfknochiges, bartloses Gesicht, unruhige, aber kalte Augen, sehr weiße Zähne, große, nervige, geschmeidige Gestalt und zudem der Anzug! Jedes Stück stimmte bis auf den zweireihigen, graugelben Überzieher. Und ganz in der Frühe war er angekommen, verstört, totenbleich, mit Fieber und Schmerzen, und hatte eine unwahrscheinliche Geschichte erzählt, daß er gefallen sei und sich an den Treppenstufen verletzt habe.

Wo war er die Nacht gewesen, woher kam er? Und zu Fuß —! Während die beiden noch zusammen überlegten, ertönte plötzlich ein Donnerschlag von solcher Vehemenz, daß die Erde zu beben schien, und sie unwillkürlich zusammenfuhren; aber auch fast unmittelbar darauf ward eine Klingel oben im Hause in Bewegung gesetzt, und der rasch herbeigerufene Hausknecht erklärte, es komme von Nr. 7, aus dem Zimmer des Herrn von Kaub.

Die beiden Männer sahen sich an. Wer sollte hinaufgehen? Ein Anflug von Grauen erfaßte sie. Von dem Mord hatten sie schon tags vorher gelesen, und nun war's so gut wie erwiesen, daß der Thäter oben im Hotel lag. — Entsetzlich! — Endlich gingen sie beide. — —

Als sie das Zimmer öffneten, bot sich ihnen ein fürchterlicher Anblick dar. Der Kranke saß aufrecht im Bett und brüllte, man möge gleich den Donner abstellen, gleich, oder er werde anders auftreten! Er könne das nicht aushalten, auch das Blitzen nicht. Und dunkel solle es gemacht werden, aber Licht wolle er am Bett haben. Und die Mäuse und Ratten sollten nicht an den Wänden kriechen und — und —

Der Schaum stand ihm vor dem Munde. Mit der Rechten kratzte er sich wie ein Verzweifelter und schrie und tobte, er könne es vor Kitzeln nicht aushalten! Und dazwischen kreischte er, daß die Frau, die Frau Theonie mit dem grausigen Gesicht und den toten Augen fortgeschafft werde. —

Fürchterlich! Wahnsinn, Fieber, Delirium, Körper- und Seelenschmerzen wirkten zusammen in dem Unglücklichen!

Und was die Anwesenden sagten, hörte er nicht, er wußte schon nicht mehr, daß sie da waren. In den kurzen Augenblicken, wo das Deliriumfieber aussetzte, sah er sie an, als ob sich ihm Henker genähert hätten, und dann brüllte er wieder so markerschütternd auf, daß sie, wie von Furien verfolgt, davoneilten und sich kaum Zeit ließen, die Thür von außen zu verschließen. —

Nun war's ihnen, als ob der Kranke aufgestanden sei, als ob er im Zimmer auf und ab tobe, und einen Moment schwankten sie wieder. Pflicht, Furcht, Schrecken und Machtlosigkeit kämpften in ihnen. Aber dann gab's einen schnellen Entschluß, und Helms eilte nebenan zum Physikus, und Bartsch auf die Polizei, trotz Donner, Blitz und Unwetter, das, statt abzunehmen, sich noch verstärkt hatte, als ob alle Himmel droben gegeneinander in Aufruhr geraten seien — —

* * * * *

Man geht, um den Kirchhof in Elsterhausen zu erreichen, rechts von der Hauptstraße ab eine Anhöhe hinauf. Eine alte, schmucke Kirche erhebt sich fast in der Mitte des Hügels, und rings umher befinden sich die vielfach von Bäumen beschatteten und meist sorgsam gehaltenen Gräber, herabreichend bis an die Gärten der die Straße flankierenden Häuser. Ein stiller Ort, an dem die Vögel heimlich singen, an dem selbst der Wind sanfter zu rauschen scheint, wenn er seine Flügel erhebt.

Es ist morgens um die zehnte Stunde; die gesamte Natur liegt da in einem durch die Frühsonne verklärten Frieden. Überall junges Grün, wohin das Auge blickt, Grün und Gold, und die Erde haucht jenen gleichsam aus der Tiefe quellenden Atem aus, der, sich mit dem Duft der Blumen vermählend, unsere Sinne halb anregt, halb in eine sanfte Erschlaffung versetzt.

Den Sarg, welchen der Leichenwagen heranfährt, begleiten nur drei Personen. Sie gehen wortlos hinter dem Gefährt her, und jeden leitet auf diesem Gange ein nicht auf den Verstorbenen gerichteter Beweggrund und Gedanke.