Chapter 23
Entbehren? — Nun, soweit kam's überhaupt doch wohl nicht. Etwas würde man ihm doch zubilligen. — Und plötzlich fiel der Mann wieder in einen der roten Plüschsessel zurück und starrte vor sich hin, weil — weil — das doch eben nur schöne Wahnbilder gewesen waren. Die Wirklichkeit bestand wie vorher, und der Gegensatz zwischen gehobener Vorstellung und Wirklichkeit ernüchterte und entmutigte ihn nur noch mehr. — Endlich sprang er auf, und ein: „Ja, so soll es sein!“ ging aus seinem Munde. Erst wollte er sich mit Tressens aussöhnen, zu erreichen suchen, was zu erreichen war, und dann später endlich die Geschichte in Falsterhof abmachen, nachdem er vorher — daß ihm dieser gute Gedanke doch jetzt erst kam! — die Bestie, den Hund, beseitigt hatte. Ja, so war's gut, und so sollte es bleiben. Unter solcher Stimmung packte er seinen Koffer und reiste, nachdem er vorher noch an Brix telegraphiert hatte, daß er ihn am kommenden Vormittag in Geschäften besuchen werde, nach Elsterhausen ab. —
Es war zwei Tage darauf in der Vormittagsstunde, als ein Reiter langsamen Schrittes die beschneite Landstraße von Elsterhausen nach Breckendorf durchmaß. Der Reiter war Tankred von Brecken, und ihm war sehr bedrückt zu mute. Seine ungünstigsten Vorstellungen hatten sich bestätigt. Von Brix war ihm erklärt worden, daß gerade an diesem Tage auf seinen speziellen Antrag die Bestätigung einer vorläufigen Kuratel über Gretes Vermögen eingetroffen sei, und daß Tressens jetzt zu irgend welchem Vergleiche um so weniger geneigt seien. Er vermöge in der Sache nicht nur nichts zu thun, sondern müsse auch eine Vermittlung ablehnen. Zugleich erfuhr Brecken, daß die Akten zur Prüfung an den Staatsanwalt gegangen seien, und die Möglichkeit vorliege, daß die Anklage wegen Fälschung gegen ihn erhoben werde. Mit dieser konnte, wie der Anwalt ihm nicht verhehlte, der Antrag auf Freiheitsentziehung verbunden sein, dem freilich, wie Brecken hoffte, durch eine Kautionsstellung vorgebeugt werden könne. Endlich war auch Tankreds Unterredung mit den Besitzern des Bankhauses resultatlos verlaufen; sie waren soeben angewiesen worden, keinerlei Zahlungen ohne Befehl des Gerichts, respektive vor der definitiven Entscheidung des obersten Gerichtshofes mehr zu leisten.
Nun wollte Brecken den schon einmal mit so gutem Erfolg betretenen Weg einschlagen und der Pastorin Höppner Hülfe in Anspruch nehmen.
Er fürchtete das Ergebnis der Fälschungsklage, in dieser Annahme unterstützt von seinem Rechtsanwalt, nicht eben sehr; es fehlten ja doch die Beweise! Aber die ganze übrige, seine Existenz und seine Bequemlichkeit gefährdende Situation war ihm unerträglich. Ein Vergleich hob die Streitigkeiten und den Prozeß wenigstens nach der einen Seite hin auf; darum war's ihm zunächst zu thun. Die Diäten, welche ihm das Gericht auf Antrag seines Anwaltes aus dem beschlagnahmten Vermögen zur Verfügung stellen würde, retteten ihn wohl vor Lebensnot, aber die in ihm zehrende Herrschsucht und Ungeduld ließen ihm, da die Dinge sich nun einmal so ungünstig gewendet hatten, keine Ruhe. Er wollte unter allen Umständen, und wenn er sich selbst nach Holzwerder begeben und dort gute Worte geben sollte, aus der Ungewißheit heraus. Das Spiel — er hatte es sich klar gemacht — war völlig verloren, und damit wollte er rechnen.
Bei den Blitzen der Selbsterkenntnis, die in ihm aufleuchteten, fand er sich gegenwärtig selbst so charakterlos, feige und schwankend, daß die Reue ihn mit ganzer Gewalt packte. Er wünschte, einen Kompromiß mit sich und dem in der Not immer doch wieder von ihm angerufenen Gott zu schließen, er wollte friedfertig und ehrbar werden, wenn nur diesmal noch der Himmel ihm beistehen wollte! Nur dies eine mal! — Und wenn der Vergleich mit Tressens durch Frau Höppners Hülfe gelang, dann würde auch Brix Rat wissen, das übrige zu beseitigen; dann war alles gut. —
Die Pastorin befand sich, als Brecken das Haus betrat, bei ihrem ‚guten Mann‘ im Zimmer. Sie saß mit umgebundener Küchenschürze auf der Lehne des Sofas, er aber hatte, die Arbeit an der Predigt unterbrechend, dem Pulte den Rücken zugewandt und stand, die lange Pfeife im Munde und die Stirn in dem freundlich-arglosen Gesicht nach der Art der Beschränkten hoch emporziehend, aufmerksam zuhörend vor ihr.
Und die Pastorin weinte, indem sie einen Bericht über Lene, deren Angelegenheiten sie zu so ungewohnter Zeit in das Studierzimmer ihres Mannes getrieben hatten, mit den Worten schloß:
„Es ist das erste mal, daß ich das Kind bei einer Lüge ertappe! Aber eben — sie versteht doch schon zu lügen und sich zu verstellen, und das macht mich so unendlich traurig.“
Und als der Pastor beruhigend auf sie einsprach, fuhr sie fort:
„Ach nein, nein, es ist leider so, und Du mußt mit ihr reden und ihr vorstellen, wie unrecht sie gehandelt hat. Wir dürfen die Sache nicht leicht nehmen. Es ist sicher, sie neigt zu diesem furchtbaren Laster. Ich muß immer denken, was aus einem Menschen werden kann, wenn er schlecht erzogen wird, wenn nicht gleich die Fehler in ihm ausgerottet werden. Sieh nur Tankred von Brecken an! Welch ein Scheusal ist dieser Mensch —“
„Herr von Brecken bittet, den Herrschaften aufwarten zu dürfen!“ ließ sich in diesem Augenblick die Stimme der die Thür öffnenden Magd vernehmen, und fast gleichzeitig und höchst ungelegen erschien Tankred unter tiefer, überhöflicher Verbeugung.
Aber während der Pastor wie gewöhnlich dem Gutsherrn mit großer Zuvorkommenheit begegnete, verhehlte die Pastorin ihre schlechte Stimmung gegen ihn durchaus nicht und bewillkommnete den Gast mit zurückgeworfenem Haupt und äußerst steifer Miene. Auch machte sie absichtlich, als ob sie annehme, Brecken sei in Geschäften zu ihrem Mann gekommen, sogleich eine Wendung zur Thür.
„Ich bitte einen Augenblick, sehr verehrte Frau Pastorin!“ schmeichelte nun Brecken unterwürfig. „Ich möchte gerade Sie gern sprechen und Ihren freundlichen Rat erbitten. Würden Sie mir nicht einen Augenblick schenken? Ich wäre sehr dankbar dafür —“
Die Pastorin sagte nichts; schon sein Anblick war ihr so widerwärtig, daß sie sich zu einem entgegenkommenden Worte nicht zu zwingen vermochte; sie bewegte nur mit kaltem Ausdruck den Kopf und nahm wieder Platz.
Um die unhöfliche Begegnung seiner Frau auszugleichen, bot nun der Pastor mit der Entschuldigung, daß das Kraut zwar von sehr geringer Güte sei und Breckens verwöhntem Gaumen kaum behagen dürfe, dem Gast eine Zigarre an. Und nachdem Brecken sie unter der Erwiderung, daß er durchaus nicht verwöhnt sei, und daß ihm des Pastors Zigarren — obschon er sie höchst miserabel fand — stets vortrefflich schmeckten, entzündet hatte, begann er sogleich mit seinem Anliegen und wendete sich dabei fast ausschließlich an die Frau.
Er sprach in längerer Rede mit tiefem Bedauern von den Zerwürfnissen zwischen ihm und Tressens und wagte an die nie versiegende Güte der Frau Pastorin zu appellieren, noch einmal die Rolle der Vermittlerin übernehmen zu wollen.
Aber die Antwort fiel keineswegs nach seiner Erwartung aus, ja, die Pastorin nahm gleich für ihren Mann mit das Wort und entgegnete mit demselben ausdruckslos kalten Gesicht, mit dem sie Tankreds Auseinandersetzungen zugehört hatte:
„Wir müssen bedauern, Herr von Brecken! In dieser Sache auf Ihre Anregung hin einzugreifen, hieße an den Tag legen, daß bei uns doch noch ein Rest von Sympathie für Sie vorhanden wäre. Gerade das Gegenteil aber ist der Fall. Wir empfinden nur tiefsten Abscheu vor dem, was Sie gethan, und ich für meinen Teil bin ein- für allemal mit Ihnen fertig. Das mag Ihnen nicht angenehm klingen, aber ich kann mir nicht helfen, und somit ist denn auch meine fernere Anwesenheit hier überflüssig geworden. Empfehle mich!“
Brecken warf einen von der Pastorin nicht gesehenen, bittenden Blick auf den Pastor, seine Frau zurückzuhalten. Und so geschah es auch. Aber nicht zum Vorteil Tankreds.
Als er nochmals auf die Pastorin einsprach und dabei die alten Verstellungskünste anwandte, während doch seine Augen verrieten, daß er am liebsten der Frau, die ihm so zu begegnen gewagt, den Garaus gemacht hätte, erhob sich in der ohnehin durch Lenes Lüge äußerst verstimmten Pastorin ein solcher Tumult von Ärger und Widerstand, und ihr sittliches Gefühl bäumte sich so gewaltsam auf, daß sie mit funkelnden Augen hervorstieß:
„Wissen Sie was, Herr von Brecken? Am besten thäten Sie, wenn Sie so rasch wie möglich das Land ein- für allemal verließen! Hier nimmt kein Hund ein Stück Brod mehr von Ihnen! Ihrem Charakter mißtraut man aufs äußerste, man hält Sie für fähig, das Schlechteste zu thun, wenn es sich um Vorteile für Sie handelt, und ich kann mich nicht erinnern, daß jemals ein Mensch allen, mit denen er in Berührung gekommen ist, einen solchen Abscheu eingeflößt hat, wie Sie. Man nennt Sie einen Heuchler und Komödianten, und ich füge hinzu, Sie sind nicht das allein, sondern ein grundschlechter Mensch, den der gerechte Gott nur deshalb noch nicht gestraft hat, weil er ihn später um so empfindlicher züchtigen will. Nichts, gar nichts thun wir in der Sache. Wir wünschen vielmehr, daß unsere so hochgeachteten und lieben Tressens alles vollauf erreichen, was sie erstreben! — So, und das war nun das letztemal, daß ich Ihnen im Leben gegenübergestanden habe. Ich will nichts, gar nichts, unter keiner Bedingung mehr mit Ihnen zu schaffen haben!“
Nach diesen Worten verließ die unerschrockene Frau das Gemach, und bleich, zitternd und verzehrt von Wut stand der Gemaßregelte da.
Noch einmal aber nahm der Pastor das Wort und hub an:
„Lieber Herr von Brecken, es giebt für jeden, der fehlte, bei unserm Herrn Jesus Christus —“
Aber weiter kam er nicht.
„Ach was! Schweigen Sie doch mit Ihrem — Ihrem —“ setzte Brecken, der vor Zorn jede Besinnung verloren hatte, an und fuhr gegen Höppner auf.
Er sah in des Pastors Worten einen neuen Angriff in anderer Form und wollte und konnte all das Geschwätz und all die ‚Salbaderei‘ nicht mehr ertragen. Er ergriff deshalb seinen Hut und sagte mit wuterstickter Stimme:
„Sie begreifen wohl, daß ich nach einer solchen maßlosen Invektive es nicht erwarten kann, das Haus zu verlassen, das sich ein christliches und versöhnendes nennt, aber nichts anderes ist, als ein nichtiger Bau scheinheiliger Überhebung! — Nein, nein, ich höre nichts mehr, und nie werden Sie mich wieder unter Ihrem Dache sehen!“
Nach diesen trotz seiner maßlosen Leidenschaft berechnenden, den Pastor sicher gerade im tiefsten Herzen verwundenden Worten stürmte Tankred auf den Flur und aus dem Hause.
Brecken nahm nicht gleich den Weg ins Wirtshaus zurück, in das er seinen Rappen eingestellt hatte, sondern beschritt, um der wühlenden Gedanken in seinem Innern besser Herr zu werden, zunächst einen einsamen Nebenpfad. Er mußte allein sein; jetzt konnte er keinen Menschen sehen; er bedurfte der Sammlung, um zu einem vernünftigen Entschluß zu gelangen.
Einmal schoß es ihm durch den Sinn, sich direkt nach Holzwerder zu begeben, vor seine Schwiegereltern hinzutreten und seine Sache selbst zu führen. Aber das Zwecklose dieses Schrittes leuchtete ihm eben so sehr ein, wie die Nichtigkeit eines nochmaligen Versuchs, Theonies Verzeihung zu erringen. Nein, einmal hatte alles in der Welt ein Ende, und es war nun auch für ihn gekommen, aber weit schlimmer, als er es sich je vorgestellt hatte. Noch eine Woche weiter, und er besaß keine Mittel mehr zum Leben. Er mußte dann schon Anspruch auf Diäten erheben, aber da er ohne Wohnung war, würden sie kaum zu seinem Unterhalt ausreichen. Wieder ergriff den Mann eine an Raserei grenzende Wut. Und zu der Wut gesellte sich die Rachsucht und in erhöhtem Maße die Gier nach Besitz und Geld.
Welch ein Augenblick, wenn er Eigentümer von Falsterhof sein würde, wenn er mit stolzer, von Machtfülle getragener Geringschätzung herabblicken könnte auf das ‚Gesindel‘, das ihn hatte vernichten wollen. Er weidete sich in Gedanken an ihrem Ärger und ihrer grenzenlosen Enttäuschung, daß es ihnen nun doch nicht gelungen war, ihn in den Staub zu drücken. Im Gegenteil! Ihnen allen zum Trotz blieb er dann doch in ihrer nächsten Nähe, und von genügenden Mitteln unterstützt, konnte er einen vorläufig verlorenen Prozeß noch einmal wieder aufnehmen.
Und fest entschlossen war er nun, dem Zaudern ein Ende zu machen. Die Verhältnisse trieben ihn dazu. Er wollte Theonie beseitigen. Während er dahinschritt, bald rasch, bald langsam, je nach den Regungen seines Innern, waren seine Gedanken ausschließlich mit diesem Plan beschäftigt. Abermals wollte er ausstreuen, daß er sich nach dem Süden begebe, bei seinem Anwalt wollte er, um später sein Alibi nachweisen zu können, seine Adresse an der Riviera niederlegen.
Und dann galt's noch einmal denselben Gang zu unternehmen wie damals, aber fest und ohne Schwanken. Und nach geschehener That wollte er dann direkt nach Italien reisen und sich von dort zurückrufen lassen — als Erbe von Falsterhof.
Nach solcher Auseinandersetzung mit sich selbst und Klarstellung dessen, was er wollte, schlug Brecken wieder die Richtung nach dem Breckendorfer Wirtshaus ein und erreichte es nach einer halben Stunde.
In der Gaststube fand er den Besitzer allein hinter dem Schenktisch; das paßte ihm eben; er bestellte ein Glas heißen Grog und knüpfte ein Gespräch an. Im Verlauf dessen fragte er den Wirt, seine lange Abwesenheit vorschützend, über Falsterhof aus; wie es seiner Kousine, die er, so warf er hin, diesmal nicht aufsuchen könne, gehe, und ob der Wirt etwas von ihr gehört habe.
„Ja, die gnädige Frau will in diesen Tagen, so erzählte der alte Frege, eine Zeit lang verreisen. Nach Dresden und Berlin. Ich glaube morgen früh gehen sie schon ab. — Nicht wahr, Anna?“ rief der Mann seiner eben eintretenden Frau zu, als Brecken, seine Erregung über die Mitteilung geschickt unterdrückend, Zweifel hinwarf. „Sagte Frege nicht, daß die Herrschaft von Falsterhof morgen früh abreisen wollte?“
„Nein, übermorgen mittag,“ berichtigte die Wirtin, Brecken ehrerbietig begrüßend. „So sagte der Pächter Harms gestern abend.“
Brecken fiel ein Stein vom Herzen. Wenn keine Spanne Zeit zwischen seinem Hiersein und seiner Abreise lag, so fiel leicht der Verdacht des Mordes auf ihn. Ohnehin war die Zeit schon kurz bemessen.
Mit schlecht verhehlter Hast ließ er sich sein Pferd wieder vorführen, bezahlte die Zeche und warf hin, daß er noch heut seine Reise nach Italien antreten wolle. Als er schon in der Thür stand, wagte der Wirt nach dem Stande der Prozeßangelegenheit zu fragen, er gab sich den Anschein, als leite ihn nicht Neugierde, sondern Interesse für Brecken.
„Erst hatte ich die Oberhand,“ antwortete Tankred anscheinend gelassen, „nun haben die sie zeitweilig. Das Gericht wird entscheiden! Ich warte die Sache mit Ruhe ab, da der Ausgang mir nicht zweifelhaft ist. Zunächst will ich noch mal etwas für meine Gesundheit thun. Adieu, lieber Krüger! Adieu, Frau Krüger! Auf Wiedersehen!“
Damit trabte er davon, und der Wirt, getäuscht durch seine sorglose Miene, sagte, langsam neben seiner Frau ins Haus zurücktretend und sich an den warmen Ofen stellend:
„He schien ja ganz vergnögt to sin. Am Enn steiht doch de Sak för de Herrschaften up Holtwerder nich so günstig, as de glöwen. — Schall mi Wunner nehm'n, woans dat aflöst! Na, ick mug nich mit em in Striet kamm'n. He hett wat int Oog, dat man dat Gruseln krieg'n kann.“
* * * * *
Am Vormittag desselben Tages traf Hederich in Holzwerder ein. Er hatte die Tasche voll Neuigkeiten und konnte es nicht erwarten, sie auszukramen. Schon an seinen leuchtenden Augen erkannten Tressens, daß er Günstiges zu melden habe, und er platzte denn auch gleich damit heraus.
Er wußte, daß Brecken bei Brix gewesen, und daß dieser jede Intervention eben so entschieden abgelehnt hatte wie Frau Höppner. Jedes Wort, das letztere Tankred entgegengeschleudert, hatte er in der Erinnerung und gab es — ein Labsal für sich selbst — wieder. Endlich wußte er auch, daß Brecken später noch im Krug gewesen war und dort geäußert hatte, daß er sich gleich wieder nach dem Süden begeben wolle.
„Was soll er denn auch hier thun?“ schloß Hederich eben so überzeugt wie vergnügt und rieb sich die Hände. „Drum und dran — es war ein großartiger Gedanke von Ihnen, gnädige Frau, den Spieß umzukehren und hier einzuziehen. Wir sehen es ja jetzt. Er ist völlig entwaffnet und bittet um gut Wetter. Aber nicht wahr, Sie lassen sich auf nichts, auf gar nichts ein? Jetzt nur nicht noch einmal weich werden, gnädige Frau!“
„Sie kennen mich nicht, lieber Hederich, wenn Sie glauben, ich könnte gutwillig diesem Menschen jemals wieder die Hand bieten. Übrigens möchte ich Theonie gleich benachrichtigen. Sie will reisen, vorzugsweise um ihrem Vetter unter allen Umständen aus dem Wege zu gehen. Vielleicht ändert sie nun ihren Entschluß. Wie wär's, lieber Hederich, wenn Sie auf der Rücktour einen Augenblick bei ihr vorsprächen und ihr Mitteilung machten? Die Neuigkeiten würden sie auch um unseretwillen angenehm berühren, ich weiß es!“
Diesem Ersuchen stimmte Hederich bereitwillig zu; nach eingenommenem Frühstück nahm er von den Herrschaften Abschied und ritt nach Falsterhof.
Wie immer öffnete stumm, ernst und gelassen der alte Frege die Thür, wie immer bellte in dem dumpfhallenden Flur der bald sich wieder freundlich anschmiegende Hund, und wie immer erschien Theonie mit ihren ruhigen Bewegungen und ihrem ernsten Antlitz und reichte Hederich die Hand. Es drängte sich dem Besucher unwillkürlich die Frage auf, wie die Menschen es in ihrer abgeschlossenen Einsamkeit aushielten, womit sie den Tag ausfüllten, wie sie Herz und Sinne nährten. Alles war so freudeleer, so eintönig, düster und bedrückend. —
Hederichs Bericht nahm Theonie mit großer Spannung und sichtlicher Befriedigung entgegen. Sie hatte sich um Tressens sehr gesorgt, starke Konflikte, gar Gewaltakte erwartet, und nun war alles weit über die günstigste Voraussetzung verlaufen. Sie wurde auch wirklich schwankend, ob sie reisen solle, und äußerte sich in diesem Sinne gegen Hederich.
„Sie begreifen nicht, daß ich es in der Einsamkeit aushalte, Hederich!“ sagte sie. „Aber hier werde ich durch die Umgebung auch an das Gute erinnert, das mir der Himmel während meines Lebens schenkte. Meine Eltern, und was ich später liebte —“
Theonies Augen feuchteten sich, und für Augenblicke vermochte sie nicht weiter zu sprechen. Sie brach auch von dem Thema ab, fragte nach Carin und bat, von einem raschen Entschluß beeinflußt, ob Hederichs nicht am kommenden Tage mit Tressens und Höppners, die sie auch bitten wolle, zu Tisch und Abendbrod kommen möchten.
„Also wirklich, Sie geben die Reise auf?“ warf Hederich nach ausgesprochener Zusage hin.
„Ja, Hederich! Ich war mit meinem Herzen durchaus nicht dabei. Nachdem ich nun den schrecklichen Menschen fern weiß, atme ich wieder auf und will mich meiner Ruhe von neuem freuen. — Hier, nehmen Sie das Ihrer lieben Frau mit!“ schloß sie, als Hederich aufstand und sich zum Abschied rüstete. „Es ist eine Brosche, die aus der Erbschaft stammt, und die ich für sie neu habe fassen lassen. — Nein, nein, keinen Dank, ich liebe ja Ihre Frau wie eine Schwester und wollte ihr vor der Abreise den Schmuck doch zusenden!“
Nun kam auch Frege und meldete, daß Klaus den Schimmel vorgeführt habe, und Hederich, der heute besonders gut gelaunt war und dem Alten einen Thaler in die Hand schob, nahm in schnellerem Tempo als sonst den Weg zurück nach seinem kleinen Gütchen.
* * * * *
Es war ein Uhr nachts. Die ersten Vorboten des Frühlings regten sich. Die Kälte war gewichen, die Luft war lind selbst in dieser späten Stunde, und solche windstille Ruhe herrschte, daß die Schritte eines sich Falsterhof nähernden Wanderers unheimlich laut das Schweigen der Natur unterbrachen. Und das störte den Spätling. Er wünschte Sturm und Finsternis statt dieses sanften Träumens der Natur, und als nun eben der Mond durch die Wolken brach, und zu der Ruhe sich die Helle gesellte, auch vom Gehöft her das laute Gebell eines Hundes an sein Ohr drang, ging ein wilder Fluch über seine Lippen.
„Ah, die Bestie! Immer diese Bestie!“ murmelte er zähneknirschend.
Doch ließ Tankred von Brecken sich nicht abschrecken. Wie das letztemal nahm er den Weg über das Feld durch das Gehölz und hielt erst inne, als er die Rückseite des Hauses erreicht hatte.
Nun schlug abermals der Hund an, das Gebell kam indes nicht aus dem Hause, sondern aus dem Stall, und doch war's derselbe Ton, den Brecken vordem gehört hatte. Das Tier befand sich also offenbar — vielleicht durch einen Zufall — nicht im Hause; und die schwerste und zunächst wichtigste Arbeit, es zu beseitigen, fiel dadurch fort. Brecken hoffte, daß dem so sein werde, und sein Mut wuchs. Der Himmel kam ihm entgegen, und nun schwankte er auch nicht länger. Im Nu drehte er den Schlüssel im Schlosse um, horchte gespannt, ob das Geräusch jemanden geweckt habe, und entzündete, als alles still blieb, die Blendlaterne.
Und dann, nach einer Sekunde, stand er in dem Flur des alten Falsterhofhauses, leuchtete atemlos rings umher, umfaßte mit seinem Blick die hochschmalen, steifgerahmten Gemälde an den weißen Wänden, horchte noch einmal gespannt auf und vernahm zu seiner Erleichterung nichts, als das regelmäßige, laut durch den eingeschlossenen Raum dringende Ticken der großen, alten, aufrechtstehenden Wanduhr. Für Augenblicke weckte der in dem Flur herrschende dumpfe Geruch in Brecken Erinnerungen, ja, mehr noch, Bilder stiegen greifbar deutlich vor ihm auf. Er sah die alte Tante, wie sie in ihren guten Zeiten sich vom Wohnzimmer aus in die Gemächer ihres Mannes begeben, dort nach dem Rechten gesehen und mit vorgebeugtem Kopfe aus dem geöffneten Vorzimmer nach den Dienstboten gerufen hatte. Und vor seinem Auge erschien ihr gütiges Antlitz, die hohe Gestalt seines Vaters, die unerbittlich strenge Miene seiner Mutter und zuletzt — seltsam, — der alte Frege. Brecken war's, während er zum Dämpfen seiner Schritte ein paar Filzsohlen unter die Stiefel knüpfte, als ob er ihn hinten aus seinem Zimmer treten höre, und jetzt, als ob er dastehe und all sein Thun beobachte. Thorheit! Vorwärts! Und wirklich klomm Tankred katzenschnell empor, legte, bevor er Theonies Zimmer betrat, eine Maske vor das Gesicht und schlich bis an die Thür.
Ein Druck — sie gab nach — jetzt war sie angelehnt. — Er horchte — sein Herz pochte — Nichts. — Langsam und vorsichtig erweiterte er die Öffnung — nun war er im teppichbedeckten Vorzimmer.
Er leuchtete vor sich hin. Er sah im Nebengemach das Himmelbett, in dem Theonie schlief, er hörte ihren regelmäßigen Atemzug. Noch einmal flog's ihm durchs Gehirn, bevor er zur That schritt, wie er's begönne. Er wollte über sie hinstürzen, ihr mit der Linken den Mund verschließen und sie mit der Rechten würgen — so lange würgen — bis — —
Aber was war das? — Theonie regte sich — Tankred wich unhörbar zur Seite. — Blitzschnell verschwand die Laterne unter seinem Rock. — Wohl zwei Minuten stand er regungslos da. — — Ohne zu sehen, war's ihm, als ob Theonie sich emporgerichtet habe und mit angstvoll entsetzten Blicken durch das Dunkel spähe. — Endlich — endlich — war sie wieder eingeschlafen — ihr ruhiger, tiefer Atem ging durchs Gemach. — —
So, und nun vorwärts! —
* * * * *