Todsünden

Chapter 22

Chapter 223,621 wordsPublic domain

Und wenn er sich dies ausmalte, ergriff ihn eine so wahnsinnige Gier, daß die Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, ihm wie ein Nichts erschienen, und die That und deren Folgen ihm nicht anders dünkten, als alles, was die Tageswelle sonst an den Strand wirft. Aber wenn dann wieder zu anderer Zeit das Wort Totschlag in seinem Innern austönte, und seine Phantasie sich zu regen begann, dann nahmen statt solcher gefälligen Vorstellungen Angst, Furcht und Grauen von ihm Besitz, und die Feigheit — nicht seine bessere Natur, weil sie überhaupt keine Stimme in ihm besaß — riß ihn zurück und stürzte alle Pläne über den Haufen. Und wiederum, wenn am Morgen Feigheit und Nüchternheit geredet und das Wort behalten hatten, fand um mittag die Habgier sich schon wieder ein und flüsterte, und ihre Stimme wuchs, und sie sprach so lange, bis der Mann sich abermals da fand, wo er nicht sein wollte, bei ihr in Falsterhof! Hundertmal war er in Gedanken schon in das Haus eingedrungen, hatte mit raschem Griff den in der Schlinge gefangenen Hund erwürgt, war leise hinaufgeschlichen in Theonies Gemach und hatte auch sie mit seinen Händen erdrosselt. Und dann war er eben so leise wieder hinausgeschlichen, — noch immer besaß er von seinem damaligen Aufenthalt den Schlüssel zur Hinterthür — und die Blätter hatten zwar im Park geraschelt, aber der Mond hatte geschienen wie sonst, und die Felder hatten tot und empfindungslos dagelegen wie immer, und er war schon wieder weit, weit fort, als die Hähne krähten, als im Hause alles wach wurde, die Zofe oben über den Korridor schritt, um die gnädige Frau zu wecken, das Frühstück unten aufgetragen ward, und doch keine gnädige Frau erschien, und der blanke Theekessel umsonst den Dampf aus seinem Halse stieß. — Morgens, mittags und abends, bei den Spaziergängen und Zerstreuungen, beim Essen, im Theater und in Konzerten, zuletzt auch im Traume verfolgte Brecken immer nur der eine Gedanke: wie fängst Du es an, die aus der Welt zu schaffen, durch deren Tod Du Besitzer von Falsterhof wirst? Besitzer von Falsterhof und Holzwerder! — Es lag ein Klang in diesen Worten, dem kein anderer vergleichbar war, keine Harfenmusik, kein Orgelbrausen!

Das Gehirn des Mannes arbeitete unermüdlich wie der Kolben einer Dampfmaschine. Vorbereitung zur That, Ausführung und Flucht waren bis ins kleinste überlegt; jeder Zufälligkeit war Rechnung getragen, für jedes gab es eine Auskunft, eine Antwort, einen Unterschlupf.

Und doch! Schon einmal war er dagewesen und hatte seine Sache so schlecht gemacht, daß er um eines Haares Breite erwischt wäre. An dem Hund, an der teuflischen Bestie, hatte es gelegen. Ja, wenn der überhaupt nicht da wäre, dann würde es ein Kinderspiel sein, Theonie Cromwell ein für allemal des Atems zu berauben. —

Endlich nach viertelstündigem Hin- und Herwandern war Brecken zu einem festen Entschluß gelangt. Ja, er wollte! Abermals auf halbem Wege stehen bleiben, hieß mit den quälerischen Gedanken von neuem beginnen, die Kosten, die durch seinen Fortgang von Holzwerder hervorgerufen waren, wegwerfen und die Hauptsache vergessen, daß nämlich Theonie weiterlebte, und er nichts anderes blieb als der Verwalter des Vermögens seines Sohnes.

Fast überhastig durchschritt er die Kastanienallee, nahm, bis zur Mitte angelangt, den bekannten Weg über das Feld in den Park und hielt erst inne, nachdem er vor dem Hinterhause angelangt war. Zunächst lauschte er aufmerksam, ob sich irgend etwas rühre.

Das letztemal hatte der Hund sich erst bemerkbar gemacht, als er den Flur betreten, aber sich dann so wütend gebärdet, daß er ihm nicht hatte beikommen können; sehr bald darauf waren auch die Hausbewohner wach geworden. Jetzt hatte Tankred von Brecken eine Schlinge zur Hand; er hatte sich geübt; mit einem Wurf konnte er das Tier unschädlich wachen. Der alte Frege hörte bei seiner Schwerhörigkeit sicher nichts; ein Knecht, den Theonie ins Haus genommen, schlief unten im Keller; das Mädchen und die Zofe fürchtete er nicht.

So trat Tankred denn an die Thür, steckte vorsichtig den Schlüssel ins Loch und drehte um. Nichts rührte sich! — Rasch entzündete er eine Blendlaterne — aber ein scharfer Stoßwind löschte sie wieder aus; auch ging's ihm plötzlich eisig über den Nacken, über den Rücken, durch alle Glieder, und er fühlte ein schier wahnsinniges Kitzeln unter der Haut. — Was war das? Sicher ein Nervenreiz, hervorgerufen durch die Kälte, durch die Aufregung; es werde eben so rasch wieder vorübergehen, wie es gekommen war. Doch nein! Zu dem Kitzeln gesellte sich eine furchtbare innere Angst, eine solche Angst, daß der Mann zunächst an nichts anderes dachte, als sich vor sich selbst zu retten. Er griff nach dem Schlüssel und rüttelte rücksichtslos an dem Schloß, als es sich nicht gleich lösen wollte. Und da knurrte es drinnen; der Hund schlug an wie damals; laut, schreckhaft, unheimlich klang's. Und das verschärfte die entsetzliche Bangigkeit und Unruhe, die Brecken ergriffen, und als ob Furien hinter ihm losgelassen seien, floh er durch den Park und aus dem Park über das Feld und erreichte stöhnend, keuchend, atemlos den Ort, an dem er vor kurzer Frist gestanden und sich schlüssig gemacht hatte.

Aber dies alles ließ nur blitzartig verschwindende Eindrücke zurück. Bis zur Verrücktheit jedoch quälte ihn das Kitzeln unter der Haut. — Ein Arzt! Wo fand er einen Arzt?! Der nächste wohnte in Elsterhausen. Aber jetzt bei nacht konnte er ihn doch nicht aufsuchen! — Und alle Welt nahm an, daß er sich im Süden aufhalte, und nun war er plötzlich da! — Weshalb? — Nein, das ging nicht. Er mußte zurück nach dem kleinen, westlich liegenden Ort L. und von dort nach Hamburg, wo er sich die letzten Tage aufgehalten hatte.

Zunächst aber war es nötig, die Nacht durchzumarschieren, um wieder dort einzutreffen. — So war denn abermals alles umsonst gewesen. — Alles umsonst!

Und immer entsetzlicher ward das Prickeln, und je mehr er kratzte, desto fürchterlicher ward es.

„Herr Gott im Himmel! Hilf! Was soll daraus werden?“

Wie? Er rief den Gott an, an den er nicht glaubte, den er bisher behandelt hatte wie ein Spielzeug?

Am Ende gab's doch ein höheres Wesen, das belohnte und strafte — am Ende gab's doch eine Vergeltung? War er bisher mit Blindheit geschlagen gewesen? Siegte doch das Gute, und ging das Böse unter — —?

Plötzlich, in der namenlosen Qual, erhob sich eine Stimme in ihm, die er zuletzt gehört hatte in seiner Knabenzeit, als er noch gut sein wollte, Fehler und Vergehen bereute, als noch ein ehrliches Streben ihn durchdrang, er an sich, an seine Umgebung, an die Menschen glaubte.

Ach, sie hatten ihm schon in seiner ersten Jugend die Illusionen genommen, mit seinem frühreifen Verstande hatte er durchschaut, wie gleichgültig er seinem Vater sei, wie wenig seine Mutter ihn liebte, wie berechnend, wie heuchlerisch die Menschen waren.

Und das Beispiel hatte auf ihn eingewirkt. Er hatte auch eine weiche Seele und ein für Eindrücke empfängliches Herz besessen, aber allmählich waren sie erstarrt. Es blieb nur Raum in ihm für Regungen, die auf sein sich immer widerwärtiger ausbildendes Ich Bezug hatten. Unterstützt durch eine robuste Gesundheit und durch das ihn begleitende Glück war er einhergegangen, als könne nie ein Wechsel eintreten; nicht einmal der Gedanke an die Möglichkeit einer Änderung war ihm gekommen. Er sah, was in der Welt um ihn her vorging, aber was Schlimmes geschah, das stieß eben anderen zu, und nicht ihm. — Nun aber fühlte er sich plötzlich betroffen. Wie wohl die Heilung eines solchen Leidens vor sich ging? Nie hatte er von ihm gehört. — War's schon die Strafe des Himmels für seine Schlechtigkeiten? Aber bis jetzt hatte er sich doch nur mit Absichten getragen, noch war sein Inneres nicht mit einem Mord belastet. — Mord? Wie das klang! Entsetzliches Wort! — Wie? Hatte er wirklich Theonie töten wollen? — Plötzlich griff der Mann sich an die Brust, als ob ein anderes Wesen in ihn eingezogen sei. — Und dann begann wieder das rasende Kitzeln, und er hätte sich am liebsten nackt im Schnee gewälzt, um die Feuerpein los zu werden. Einmal brüllte er auf durch die Nacht, er warf den Blick empor zu den Sternen. Ob's auch droben so arme, gepeinigte Kreaturen gab? Wie's dort wohl aussah —?

Sterben, sterben, nicht mehr leben! Was nützten nun Holzwerder und Geld und Besitz, was Falsterhof und Erbschaft?! Befreit zu werden von dieser Krankheit, dafür wollte der Mann alles hingeben!

So klein, so demütig ward er im Verlauf der Stunden, in denen er wie ein Rasender dahin jagte, daß er begann, allen alles abzubitten, seinen Schwiegereltern, Grete, Carin, Hederich, und wie sie alle heißen mochten. Er wollte mit ihnen in Frieden leben, er wollte sich bescheiden, gut werden! Aus den Wirkungen des Schmerzes, der Furcht und der Feigheit schälte sich zum erstenmal etwas heraus, das seinem besseren Gefühle entsproß. Das kalte Herz erhielt allmählich wieder Leben.

Ob's wohl anhielt? Ob's nicht wieder verdorrte, wenn die Schmerzen gewichen waren? Er dachte selbst darüber nach. Nein! Die Mahnung war nicht umsonst gewesen; sie kam ihm vom Himmel! Er glaubte jetzt an Gott, er hätte niederstürzen können auf die schneebedeckte Flur und den Schöpfer anbeten.

Und nun allmählich wich auch ein wenig das entsetzliche Kitzeln; der Schweiß, in den er geraten war durch das Laufen und die Seelenangst, öffnete die Poren und besänftigte den Reiz.

Wie der Mann aufatmete, aber wie auch wieder die Gedanken sich veränderten! Welcher Schwächling er doch war, gleich zu verzagen! Es war sicher nichts von Bedeutung. Vielleicht war's völlig vorüber, wenn er L. erreichte. Und was dann? Ja, was dann —?

Er warf den Blick über die Gegend; schon begann's heller zu werden, der Morgen regte sich. Er hielt inne und atmete auf — und dann — dann — plötzlich begann von neuem das Jucken, ein solches kitzelndes Jucken, daß dem Manne der Schaum vor den Mund trat, und er wieder wie ein mit Stacheln gepeitschtes Tier weiter seinem Ziele zuraste. — —

* * * * *

In ihrem einstigen Wohngemach im Parterre des Schlosses Holzwerder stand Frau von Tressen und hörte, was ihr Hederich, der eben ins Zimmer getreten war, berichtete.

Der Inspektor sei zu allem bereit, ebenso das Mädchen; die Haushälterin und der Diener aber wollten erst hören, welche Sicherheit die gnädige Frau ihnen böte, daß sie nicht wegen ihrer Fahnenflucht zur Verantwortung gezogen würden.

„Also Pflichtgefühl oder Anhänglichkeit an meinen Schwiegersohn leitet sie nicht?“

„Nein, gnädige Frau! Beide sind Kreaturen, die nur ihren Vorteil im Auge haben. Übrigens — drum und dran — wo wäre der Durchschnitt anders? Frau von Tressen kennen doch die Welt so gut wie ich.“

Die Frau bewegte zustimmend den Kopf; dann sagte sie:

„Ich bin dann dafür, beide abzulohnen. So gut wie sie Tankred verleugnen, können sie auch Untreue gegen mich üben. Ich aber brauche zuverlässige Menschen. Mit welcher Summe glauben Sie, daß wir sie abfinden können?“

Hederich zuckte die Achseln.

„Sie werden, wenn Sie sie nicht in Dienst nehmen, erklären, daß die Kündigung nur von dem ausgehen kann, der sie verpflichtet hat.“

„Ja, ja, ganz richtig!“ bestätigte Frau von Tressen. Und dann fuhr sie kurz entschlossen fort:

„Ich bitte, lassen Sie sie herunterkommen. Ich werde mit ihnen sprechen.“

Als die Dienstboten, von Hederich geleitet, in das Zimmer traten, sagte Frau von Tressen:

„Mein Schwiegersohn hat Sie in Dienst genommen. Für ihn trete ich jetzt ein und kündige Ihnen Ihre Stellung sofort. Aber ich wünsche, daß Sie zufrieden von hier gehen, und will Ihnen deshalb ein volles Jahresgehalt auszahlen. Sind Sie damit einverstanden?“

„Ja, ich bin's,“ sagte der Diener nach kurzem Besinnen, „wenn die gnädige Frau mir schriftlich erklären, daß das so richtig ist, und Sie für alles aufkommen.“

„Ja, ich will schriftlich betätigen, daß Ihr durch die Besitznahme des Gutes meinerseits überflüssig geworden seid, und daß ich Euch auf Grund meiner Rechte entlassen habe.“

„Dann bin auch ich damit zufrieden!“ erklärte die Haushälterin. „Wann sollen wir abgehen?“

„Gleich! Ihr könnt noch heute den Lohn empfangen und Holzwerder verlassen.“

Die beiden nickten, verbeugten sich und verließen das Gemach.

„So, das wäre ja gut und rasch erledigt!“ rief Frau von Tressen, Hederich vergnügt anblickend. „Jetzt will ich mit Peter Wille das weitere bereden, namentlich auch den Fall ins Auge fassen, daß mein Schwiegersohn zurückkehrt. Ich bitte, lieber Hederich, rufen Sie nun auch ihn, und dann wollen wir uns gleich weiter an die Einrichtung machen.“ —

Nachdem Frau von Tressen in solcher Weise die Einleitung zu ihren mit so kühner Entschlossenheit gefaßten Plänen getroffen, griff sie in gleich entschiedener Weise auch in die übrigen Verhältnisse ein und brachte es nach wenigen Wochen dahin, daß der Umzug bewirkt war, und sie und ihr Mann sich in alter Weise in Holzwerder eingewohnt hatten.

Mehrere von Tankred entlassene, aber Tressens aus früherer Zeit ergebene Leute wurden wieder angestellt, und namentlich ward auch am Hofthor ein Wächter postiert, der alles, was aufs Gut kam, einer genauen Kontrolle unterwerfen mußte. Hof, Garten und Gebäude wurden, so weit die Witterung es erlaubte, und es gegenwärtig bereits von Wert war, in einen würdigen Zustand zurück versetzt, und endlich griff auch Frau von Tressen in dem zwischen Brix und ihr verabredeten Sinne in die Gutsgeschäfte ein.

Durch diese alles umgestaltende und neue Verhältnisse anstrebende Thätigkeit stellte sich bei Frau von Tressen die alte Lebensfreudigkeit und Zuversicht wieder ein, ja, sie schien sich auch auf ihre Umgebung zu übertragen, denn der Kleine erholte sich zusehends, und Herr von Tressen befand sich infolge der ihm durch das Landleben aufgezwungenen einfachen Lebensweise wohler und kräftiger als seit vielen Jahren.

Als Tressens zum erstenmale Hederichs, Höppners und Theonie wieder bei sich in Holzwerder sahen, feierten sie den Tag wie einen Festtag, und die Gedanken an Brecken, der seit Wochen nichts von sich hatte hören lassen, traten allmählich ganz zurück. Was konnte er machen? Klagen? Arrest beantragen? Wohl! Sie warteten das Ergebnis ab.

Würde der Richter einem die Gesundheit und das Eigentum seines Kindes vernachlässigenden Manne, einem Menschen, der sich durch Fälschung in Besitz von Rechten gesetzt hatte, solche von neuem bestätigen? Schwerlich! Die Zeugnisse waren niederdrückender Natur, zum Teil unanfechtbar. Von ihnen unterstützt, hatte Brix inzwischen die Eingabe an das Gericht abgehen lassen.

Ganz mit Herzen und Gedanken bei ihren Freunden waren während dieser Zeit Höppners, Hederich und Carin. Sie legten eine Teilnahme an den Tag, als sei ihnen selbst ein großes Glück zugefallen; Hederich fühlte sich auch schon wieder als Verwalter auf Holzwerder, und Frau von Tressen that nichts die Gutsangelegenheiten betreffendes, ohne seinen Rat einzuholen. Mit Bewunderung sah er, wie sie alles angriff, wie die Energie, die sie durch den furchtbaren Schmerz über Gretes Tod verloren hatte, zurückgekehrt war.

Mit tiefem Kummer aber erfüllte die Freunde das Aussehen und Wesen Theonies. Ihr Inneres, man sah es, war schwer krank, in ihren Mienen lag ein so herzzerreißender Ausdruck von Verzicht auf Glück und Lebensfreude, daß Carin, die mit ganzer Seele an Theonie hing, sich über die bei der letzten Begegnung empfangenen Eindrücke gar nicht zu beruhigen vermochte. —

Es war gegen Ende der Woche in der Frühe, als der Inspektor in sehr aufgeregter Stimmung bei Tressens anklopfte und den Herrschaften einen von Tankred eingetroffenen Brief überreichte.

In diesem gab der Schreiber seinem Befremden darüber Ausdruck, daß ihm keine Berichte mehr zugegangen seien, weder von dem Inspektor, noch von der Haushälterin. Er verlangte solche umgehend und fügte hinzu, daß er ehestens nach Holzwerder zurückzukehren gedenke. Durch Krankheit sei er gezwungen worden, den Süden zu verlassen und sich nach Hamburg zu begeben. Es folgten dann noch einzelne Fragen, und am Schlusse hieß es:

‚Melden Sie mir auch etwas von Frau Cromwell auf Falsterhof und von Tressens, und lassen Sie Frau Born sogleich telegraphieren, — das Wort war, weil der Schreiber vielleicht die größeren Kosten scheute, nachträglich ausgestrichen, und statt dessen ‚schreiben‘ gesetzt, — wie es dem Kleinen geht.‘

Der Inspektor bat um Verhaltungsmaßregeln; er wußte nicht, was er thun sollte, und fühlte sich erleichtert, als Frau von Tressen ihm erklärte, sie werde selbst die Zeilen beantworten und auch alle Maßnahmen treffen.

Und so geschah es; die energische Frau schrieb sogleich mit fester Hand an ihren Schwiegersohn:

‚Die Zeilen, welche Sie an Herrn Peter Wille gerichtet haben, sind von demselben meinem Manne, der sich, wie ich selbst, auf Holzwerder befindet, übergeben worden. Da wir erst dadurch in den Besitz Ihrer jetzigen Adresse gelangt sind, unterblieb bisher die Mitteilung, daß wir unser kleines, durch schlechte Pflege äußerst vernachlässigtes, fast an seinem Leben bedrohtes Enkelkind zu uns genommen und auch die Verwaltung von Holzwerder, an welchem wir Ihnen alle Rechte abstreiten, angetreten haben. Ferner zur Nachricht, daß unser bisheriges Bankhaus in Elsterhausen von uns beauftragt worden ist, einlaufende Gelder zwar wie früher in Empfang zu nehmen, aber lediglich zur Verfügung des Gerichts zu halten und fortan Zahlungen an niemanden, auch an Sie nicht mehr zu leisten.

Ergebenst

A. von Tressen.‘

„So!“ rief Frau von Tressen, nachdem sie diese Zeilen mit Bewilligung ihres Mannes einem Diener zur Besorgung übergeben hatte. „Nun werden wir mit Ruhe abwarten, was geschieht. Morgen hat er bereits den Brief. Von übermorgen ab können wir uns auf seinen Besuch gefaßt machen. Aber alle Leute sind genau instruiert; auf den Hof wird man ihn, kommt er durch das Thor, nicht lassen, und tritt er durch den Park ins Haus, so werden ihm unsere Dienstboten die erforderlichen Erklärungen geben. Aber passe auf, er wird nichts gegen uns unternehmen.“

„Wer weiß!“ fiel Herr von Tressen ein. „Daß er sich nicht in gleicher Weise fügen wird, wie seinerzeit wir es gethan, ist sicher. Ich glaube doch, daß er irgend etwas Gewaltthätiges inszenieren wird.“

„Gewaltthätiges? Nein! Dazu ist er zu feige. Daß ihm vielleicht solche Gedanken kommen, bezweifle ich nicht, aber Dinge, bei denen es sich um mehr handelt, als um schiefe Gesichter, faßt er nicht an. Wohl aber halte ich es für möglich, daß er sich einmal wieder an Theonie heranmacht, klagt und lamentiert und ohne Rücksicht auf alles Vorgefallene eine seiner Komödien in Szene setzt. Da fällt mir ein: ich will Theonie lieber in Kenntnis setzen, daß er aus Italien zurück ist. Ich weiß, sie trifft dann Maßregeln, daß er sich ihr nicht zu nähern vermag.“

Frau von Tressen ward unterbrochen, weil eben aus dem Nebenzimmer die klagende Stimme des Kleinen drang. Als sie aber das Gemach betrat, streckte der Knabe die Arme aus und rief jauchzend ein unbehülflich klingendes „Omama!“

Da nahm die Frau das Kind in die Arme und küßte es in dem Überquellen ihrer glückseligen Empfindungen lang und zärtlich.

* * * * *

In einem Parterrezimmer des Streitschen Hotels am Jungfernstieg in Hamburg ging der Baron Tankred von Brecken in höchster Aufregung auf und ab.

Ein Brief, den er vor einer Stunde empfangen, versetzte ihn in einen völlig fassungslosen Zustand, raubte ihm jedes Interesse für die Außendinge und schuf ein Heer von widerstreitenden Gedanken und Empfindungen in seinem Inneren. Aus dem Briefe ergaben sich unumstößlich zwei Thatsachen: vorläufig war er von Holzwerder ausgestoßen, und wenn das Bankhaus in Elsterhausen die Weisung des Gerichts abwartete und alle Zahlungen an ihn sistierte, so war er auch geradezu in seinem Lebensunterhalt bedroht. Breckens erste Idee war gewesen, sogleich mit seinem Rechtsanwalt Rücksprache zu nehmen und die Firma in Elsterhausen telegraphisch anzuweisen, ihm den gesamten Kassenbestand nach Hamburg zu senden. Aber was konnte ihm sein Anwalt anderes sagen, als was sich ihm selbst an Schlußfolgerungen aufdrängte? Und das Telegraphieren war ja überhaupt zwecklos. Nur durch persönliches, mündliches Eingreifen vermochte er vielleicht, etwas zu erreichen!

Eben von der furchtbaren Krankheit genesen und aus der Privatklinik des ihn behandelnden Arztes entlassen, traf ihn nun dieser neue Schlag völlig unerwartet. Eine solche Möglichkeit war ihm überhaupt nicht in den Sinn gekommen. Das waren Dinge, wie sie sich höchstens in mittelalterlichen Zeiten vollzogen hatten. Damals ward wohl eine Burg in der Abwesenheit des Besitzers belagert, die Mannschaft entwaffnet oder bestochen, und die Fahne des Feindes flatterte statt der des Eigentümers vom Turme, aber jetzt? — —

Und Gegenmaßregeln? Eine Zwangsvollstreckung? Sie zu beantragen, war sicher zwecklos.

Tankred wußte, daß das alles nicht ohne Brix' Einwilligung geschehen war, und ohne die näheren Umstände zu kennen, war es für ihn zweifellos, daß ein solches Vorgehen sich auf besonders schwerwiegende Argumente stützte. Von der bisherigen, weil durch keinen Widerstand streitig gemachten Höhe war er mit einem jähen Schlage herabgestürzt. Das Bild hatte sich völlig verändert. Er stand tief unten und mußte bittend die Hände ausstrecken, mußte gute Worte geben. Und das war nicht nur zeitweilig. Brecken sah, daß er durch diesen unerwarteten Zwischenfall entweder das Spiel ganz verloren habe oder schon jetzt den von ihm für später geplanten Vergleich zur Ausführung bringen müsse. Ja, das war jetzt das einzige, was ihm übrig blieb, nur mit dem Unterschiede, daß, da nicht Tressens mürbe gemacht waren, sondern er, sie ihm nun ihre Bedingungen vorschreiben würden.

Verdammt! Verflucht! Er stampfte wie rasend mit dem Fuß und biß die unheimlich weißen Raubtierzähne in seinem Verbrechergesicht zusammen. Und dann — dann blitzte wieder in seinem Gehirn auf, was er endlich ein- für allemal begraben glaubte, schon deshalb, weil er bereits vor der That so furchtbar hatte büßen müssen: Theonie gewaltsam aus dem Wege zu räumen —! Nein, nein, fort mit dem gräßlichen Gedanken! Ihm war's, als stelle sich das entsetzliche Kitteln wieder ein, als fühle er die Wiederkehr der Krankheit. Nein, alles, nur das nicht! — — Und doch, im Grunde war's ja Thorheit. Der Arzt hatte ihm gesagt, daß solche Hautreize, als welche er die Krankheit bezeichnet hatte, nur aus einer gestörten Blutzirkulation herrührten, und daß das heilbar war, hatte sich ja nun herausstellt.

Also Dinge in Verbindung setzen, die gar keinen Zusammenhang hatten, war mehr als Unsinn, deshalb konnte er — Ja, was? Nun war er doch abermals bei Theonie!

Wie so oft stand er wieder im Gedanken vor der Hinterthür in Falsterhof, drang ins Haus ein, erwürgte mit rascher Energie den Köter, schlich hinauf zu ihr, packte und erdrosselte sie mit seinen Fäusten, ehe sie überhaupt einen Ton von sich zu geben vermochte, versicherte sich noch einmal, daß sie nicht mehr lebe, und entwich darauf eben so leise, wie er gekommen war. — — Und dann und dann — Brecken reckte sich in die Höhe, trat vor den Spiegel, maß seine Gestalt und betrachtete sein knochiges Antlitz — dann war er Erbe von Falsterhof und konnte zur Not Holzwerder entbehren.