Chapter 21
Nicht einmal bei Gelegenheit seiner Reise hatte er seine persönlichen Empfindungen zurückgedrängt und sich der Großmutter als Pflegerin des Kindes während seiner Abwesenheit erinnert. Das kleine Wesen stand doch dem Streit und Unfrieden fern; es war mehr als grausam, das Kind um dessen willen schädlichen Zufälligkeiten auszusetzen. Aber er wollte es nicht; er hatte sogar den strengen Befehl hinterlassen, Frau von Tressen den Eintritt ins Schloß zu verweigern, ihr unter keinen Umständen eine Berührung mit ihrem Enkelkinde zu gestatten.
Die Wärterin war ein braves, mitleidiges Geschöpf, aber die Haushälterin, die jetzt allein in Holzwerder waltete, und ein Knecht, durch den deren bisherige weibliche Stütze abgelöst war, und der zum Schutze der Frauen und des Kindes im Herrenhause schlafen mußte, befanden sich, da Brecken ihnen Belohnungen zugesagt hatte, wenn sich während seiner Abwesenheit alles nach seinen Voraussetzungen vollziehen werde, zu ihm in völliger Abhängigkeit.
Dennoch beschloß Frau von Tressen — es war acht Tage vor Weihnachten — einen Versuch zu machen. Sie konnte sich dabei der Hülfe der früheren Haushälterin Hederichs bedienen, die in einer kleinen, von ihr erworbenen Kate nahe bei Holzwerder wohnte und sich durch allerlei Hülfsleistungen auf dem Gute und durch Handarbeit ihre dürftige Lage als Kätnerin verbesserte.
Durch Hederich, der den Vermittler gemacht hatte, war verabredet worden, daß die alte Hanne Nachricht geben solle, sobald sich die Haushälterin vom Schloß entfernen würde. Es war wahrscheinlich, daß sie kurz vor dem Fest nach Elsterhausen fuhr. Dann wollte Hanne das Kindermädchen veranlassen, sie mit dem kleinen Tankred in ihrer Kate zu besuchen und so Frau von Tressen Gelegenheit zu geben, ihr Enkelkind zu sehen.
Es vollzog sich auch alles nach Abrede. Frau von Tressen erhielt früh morgens einen Brief von der Alten, in dem diese meldete, daß ‚die vom Schloß‘ am Nachmittag nicht anwesend sei, und daß das Mädchen zugesagt habe, den ‚kleinen Herrn‘ zu ihr zu bringen.
Während Frau von Tressen, in ihren Mantel gehüllt, dahinfuhr, kamen ihr beim Anblick der Landschaft, bei dem Wiedersehen der vielen, ihr seit der Jugend vertrauten Einzelheiten so wehmütige Gedanken, auch die Erinnerung an Grete ward so lebendig in ihr wach, daß ihre Augen sich wiederholt mit Thränen füllten.
Wo war das Glück von Holzwerder geblieben? Es gab keine Grete mehr; sie, die Mutter, mußte sich versteckt ihrem früheren Eigentum nähern und, statt im eigenen Fuhrwerk dahin zu fahren, ein fremdes Gefährt benutzen, das zu bezahlen ihr in ihrer gegenwärtigen Lage schon ein Opfer auferlegte. Mit Beginn des Jahres stand sie mit ihrem Manne thatsächlich dem Nichts gegenüber, und so sehr sich ihr Inneres dagegen auflehnte, sie mußte jetzt Hülfe bei Freunden suchen. Es lag auch in ihrer Absicht, nachdem sie den kleinen Tankred wiedergesehen, Theonie auf Falsterhof aufzusuchen und sich ihr rückhaltlos anzuvertrauen.
Eine Summe für den Unterhalt des nächsten halben Jahres wollte sie von ihr erbitten. Dann endlich würde doch der Prozeß, und, wie sie annahm, zu ihren Gunsten entschieden sein.
Als sie an Falsterhof vorüberkam, forschte sie gespannt hinüber. In der breiten Kastanienallee lag so tiefer Schnee, als sei seit Monaten kein Wagen dort gefahren, und kein Fußgänger gegangen. Einsam und abgestorben stieg das Herrenhaus aus der weißen Schneefläche über den kahlen Bäumen empor. Nirgends ein menschliches Wesen, und selbst aus den dicht umschneiten Schornsteinen drängte sich nicht einmal ein Leben verratendes Rauchwölkchen. Es war richtig — die Betrachtung kam der Frau — daß nicht Geld und Besitz das Glück bedingte. Theonie war die reichste Frau der Umgegend, jede Laune vermochte sie zu befriedigen; sie konnte Feste geben, die Fürsten beschämten, und ihr Haus zu einem Sammelplatz auserlesener Geister machen.
Aber alles das hatte keinen Reiz für sie. Ihr Herz trug zu viel blutende Wunden. Wenn sie den Mann ihrer Wahl hätte auferwecken können aus seinem Grabe, sie würde alles dafür hingegeben haben.
Und wie häufig Vergleiche Lichter in sich schließen, aus denen sich eine leuchtende Hoffnungssonne entwickelt, so war's auch in diesem Falle. Plötzlich kam's über die Frau mit Sicherheit, daß sie doch noch einmal wieder auf Holzwerder herrschen, daß sie neben ihrem Enkel stehen und sich nochmals das Glück des Lebens zurückerobern werde.
Aber freilich, vorläufig fuhr sie im verdeckten Wagen, bekannten Gesichtern vorsichtig ausweichend, wie ein Dieb ihrer einstigen Besitzung zu und mußte schon froh sein, wenn sie von ihrem Enkelkinde einen kurzen Blick erhaschen, es einmal zärtlich in ihre Arme schließen durfte.
Als Frau von Tressen in die Nähe der Wohnung der alten Hanne gelangt war, ließ sie den Wagen seitab vom Wege halten und begab sich zu Fuß in die Kate. Es war ihr sehr auffallend, daß ihr auf ihr Klopfen nicht gleich aufgethan wurde, und ihre Unruhe verstärkte sich, als sie beim Betreten des Wohngemaches niemanden anwesend fand.
Während sie noch unschlüssig dastand, kam die alte Hanne, eine kleine korpulente Person mit watschelnden Bewegungen, atemlos angelaufen. Schon aus der Ferne winkte sie mit Verzeihung erbittenden Gesten, und als sie, näher gekommen, Worte fand, erklärte sie, daß der schon seit einiger Zeit kränkelnde Kleine in der Nacht sehr unwohl geworden sei, daß die Magd nicht wage, ihn in der Kälte nach der Kate zu bringen, und nichts anderes übrig bleibe, als daß sich die gnädige Frau ins Schloß bemühe. Freilich sei das — sie müsse selbst ihr Bedenken äußern — sehr gefährlich. Man werde die gnädige Frau sehen, ihre Anwesenheit werde sicher Herrn von Brecken hinterbracht werden, und allen beteiligten Böses daraus erwachsen. Der Herr kenne ja keine Rücksicht, sobald man sich ihm nicht bedingungslos füge. Aber trotzdem solle die gnädige Frau selbst entscheiden.
Frau von Tressen geriet in eine gewaltige Erregung; neben der Enttäuschung drang die Sorge um den Kleinen auf sie ein. Sie fragte, was ihm fehle, und als Hanne keine Antwort zu geben imstande war oder absichtlich auswich, stiegen noch ihre Angst und Besorgnis.
Aber jählings entwickelte sich in ihr ein verzweifelter Entschluß. Sie wollte das Kind, wenn sein Zustand die Fahrt erlaubte, mit sich nehmen, es mochte daraus entstehen, was wollte!
So gab sie sich denn äußerlich ein ruhiges Ansehen und befahl Hanne, daß sie, um jeglichem Gerede auszuweichen, ihr nicht folgen solle; sie wolle sich vielmehr allein aufs Schloß begeben, um ihr Enkelkind zu sehen.
„Sie haben der Magd doch nicht gesagt, daß ich kommen würde? Sie weiß nichts von meinem Hiersein?“ schloß sie fragend; und nachdem Hanne dies verneint hatte, nahm sie Abschied und richtete ihre Schritte über den Hof nach dem Herrenhause.
Tief herabstimmend waren die Eindrücke, die sie dabei empfing. Was Brix ihr gemeldet hatte, blieb noch weit hinter der Beschreibung zurück. Eine völlige Verwahrlosung trat ihr entgegen, wohin sie das Auge wandte, und insbesondere bei dem Anblick des vernachlässigten Herrenhauses traten Frau von Tressen unwillkürlich die Thränen in die Augen.
Als sie den Flur beschritt, zeigte sich niemand; Kälte, Öde und Kargheit wehten sie an, das Haus war wie ausgestorben; auch fand sie die Thür zur Linken geschlossen. Erst als sie dann zur Rechten pochte, erschien die Kindesmagd mit dem kranken, mageren, abgezehrten Knaben auf dem Arm und machte sehr erstaunte Augen, plötzlich eine elegant gekleidete Dame vor sich zu sehen.
Frau von Tressen aber sah weder ihre fragenden Mienen, noch hörte sie auf ihre Worte; sie flog auf den Kleinen zu, blickte ihn voll zehrenden Mitleids an, streichelte und herzte ihn, von tiefer Rührung ergriffen, immer von neuem und nahm ihn zulegt aus den Händen des Mädchens und drückte ihn weinend an die Brust.
„Mein Kind — mein süßes, liebes Kind —“ schluchzte die Frau.
Ihr war bei dem Anblick, als sei Grete noch einmal geboren, als habe sie, wie einst, ihr eigenes Kind in den Armen. Und lassen konnte sie es nicht wieder. Es war undenkbar!
Sie sprach auf die Magd ein, sie erklärte ihr, wer sie sei, welche Anrechte sie an den Kleinen habe, welche Qual sie erduldet, und welche Verantwortung auf ihr laste, da sie nun ihres Kindes Kind so blaß, mager und krank vor sich sehe.
Sie solle mit ihr gehen, in ihren Dienst treten; keine Nachteile, nur Vorteile folgten ihr daraus erwachsen, und jetzt gleich wolle sie sie belohnen. Ihr Schwiegersohn werde unter solchen Umständen ihr Verhalten gutheißen!
Für die Wirtschafterin werde sie einen Brief zurücklassen und ihr darin alles erklären. Sie werde sagen, daß sie sie gezwungen habe, ihr zu folgen.
Zu Frau von Tressens freudiger Überraschung machte die Magd keine erheblichen Einwendungen. Entweder fühlte sie Mitleid mit der Frau und dem Kinde, oder sie wünschte selbst, Holzwerder zu verlassen. Die Langeweile drückte sie, und da ‚die Gnädige‘ die Verantwortung übernehmen wollte, so sah sie keinen Grund, der Großmutter Weisung einen Widerstand entgegenzusetzen.
In kaum einer halben Stunde hatte sie auch bereits alle ihre Habseligkeiten und alles für das Kind Notwendige zusammengepackt und lief dann nach Frau von Tressens Anweisung fort, um den Wagen zu holen. Er sollte hinten am Hause halten. Dort wollten sie einsteigen und auf einem Seitenwege des Parks die Landstraße gewinnen.
Sobald das Mädchen sich entfernt hatte, schloß Frau von Tressen Tankreds Arbeitszimmer auf, fand hier Papier und einen Rest Tinte und setzte einige Worte an die Haushälterin auf. Sie erklärte ihr Vorgehen durch den körperlichen Zustand des Kleinen.
Als sie eben den Brief vollendet hatte, hörte sie draußen Schritte. Ihr Herz pochte; wahrscheinlich war's der im Hause wohnende Knecht; ihn hatte sie ganz vergessen.
Aber nur kurze Zeit kämpfte sie mit Unentschlossenheit, dann erhob sie sich, öffnete die Thür und sah hinaus.
Ein wie ein Jägerbursche gekleideter Mensch mit einem sehr wenig sympathischen Gesicht stand vor ihr; eben kam er aus dem Kinderzimmer, wo er offenbar die Magd gesucht hatte.
Nun galt's! Gewalt, Widerstand konnten zu keinem Resultat verhelfen, nur List vermochte etwas.
„Ah! Da ist jemand!“ begann Frau von Tressen, des Knechtes Frage zuvorkommend. „Wollen Sie, guter Freund, ein paar Thaler verdienen? Ich suchte Herrn von Brecken, ich wollte ihm einen Besuch machen. Da ich ihn nicht finde, möchte ich ein Billet nach Falsterhof gebracht wissen. Einen Augenblick —“
Und während der Angeredete noch in Überraschung dastand und durch die Sicherheit des Auftretens der Fremden eingeschüchtert verharrte, steckte sie einen leeren Briefbogen in ein Kouvert, überschrieb es an Theonie und überreichte dem Manne das Schreiben zugleich mit zwei Thalern.
„Sie müssen aber sofort hinübereilen! Nehmen Sie den Weg über den Hof. Ich habe die Magd fortgesandt, da mein Wagen, den ich erwartete, nicht kam. Sorgen Sie sich nicht um mich. Er muß jeden Augenblick eintreffen, und inzwischen sehe ich nach dem Kleinen. Der Brief ist nur abzugeben, ohne Antwort.“
„Zu Befehl! Zu Befehl, gnädige Frau! Soll alles bestens besorgt werden!“ bestätigte der Mann ebenso arglos wie unterthänig, dienerte und machte sich rasch davon.
Mit einem tiefen Atemzug ließ sich Frau von Tressen in einen Sessel sinken. Nach der ungeheuren Erregung kam die Abspannung über sie; aber sie raffte sich wieder auf und flog zu dem weinenden, offenbar eben von Schmerzen gepeinigten Kinde, nahm es voll Zärtlichkeit an sich und suchte es zu beruhigen.
Und dann folgten noch zwanzig Minuten schrecklicher Angst und Unruhe, Minuten, die der Frau wie Stunden vorkamen. Immer von neuem schaute sie aus dem Balkongemach auf den Park, ob der Wagen noch nicht erscheine, und als er endlich an der Ecke sichtbar ward, rang sich ein Erlösungsschrei aus ihrer Brust.
Aber seltsam! Während ihre Gedanken sich so mit aller Anspannung auf das Gegenwärtige richteten, wurden andere Vorstellungen plötzlich in ihr lebendig, und das Widersinnige der Situation und der Gegensatz zwischen einst und jetzt drangen überwältigend auf sie ein.
Wie wäre es, wenn sie sich in den Besitz des Gutes, nicht nur in den Besitz des Kindes setzte; wenn sie Brecken bei seiner Wiederkehr mit Gewalt von Holzwerder entfernte; wenn sie seine Klage wegen Besitzstörung trotzig abwartete und dem Richter erklärte, sie habe gehandelt als natürlicher Anwalt ihres Enkelkindes? Da der Vater seine heiligsten Pflichten gegen das Kind außer acht gelassen, da er zudem ein Fälscher sei, der sich als solcher in den Besitz des Gutes gesetzt habe, so beantrage sie die Aberkennung aller Rechte, die er sich angemaßt habe?!
Ja, das konnte gehen! Wie ein flammend aufhellender Blitz zog's durch das Gehirn der Frau. — Wen hatte sie zu gewinnen, um ihr Vorhaben ins Werk zu setzen? Die Menschen im Hause und einen als Inspektor fungierenden Großknecht, der schon in früheren Zeiten auf Holzwerder beschäftigt gewesen. Und das konnte nicht fehlen! Wenigstens wollte sie den Versuch machen! Hederich sollte ihr helfen!
Unter solchen Gedanken bestieg sie, nachdem mit Hülfe des Kutschers alles aufgepackt war, den Wagen und fuhr, den Hauptweg zunächst vermeidend, mit dem Kinde in raschem Trabe Klementinenhof zu.
* * * * *
Es war am kommenden Tage bald nach der Tischzeit, als sich Frau von Tressen zu dem verschobenen Besuch bei Theonie auf den Weg machte.
Der Kleine war inzwischen in Klementinenhof untergebracht, und Herr von Tressen von allem unterrichtet, ja, sogar schon mit dem Gedanken einer Besitzergreifung Holzwerders vertraut gemacht. Aber gerade um letztere zur Ausführung zu bringen, bedurfte es um so mehr der Unterstützung von Freunden. Ob und wie Frau von Tressen den Justizrat zu Rate ziehen solle, darüber war sie noch nicht ganz mit sich einig. Wie konnte er mehr sagen, als was eigener Menschenverstand ihr klar machte? Er würde das Vorhaben doch vielleicht widerraten, weil's eben eine Gewaltmaßregel war, und Frau von Tressen wollte keine abmahnende Stimme hören!
Von dem Warten auf eine günstige Entwicklung des Prozesses hatte sie nachgerade genug. Nur in einem Punkte mußte sie doch Brix in Anspruch nehmen: sie war selbst nicht imstande, eine Eingabe an das zuständige Gericht aufzusetzen, sie wollte aber auf Grund der Thatsachen sofort mit Anträgen vorgehen, nicht etwa abwarten, daß Tankred ihr zuvor kam.
Sie hatte die Absicht, zu erklären, daß ihr Schwiegersohn das Leben ihres Enkelkindes in Gefahr gebracht habe, und zur Erhärtung ihrer Behauptung wollte sie ein ärztliches Gutachten beibringen; ferner auf Grund der Fälschung ein beschleunigtes Verfahren in dem Sinne beantragen, daß die Gütergemeinschaft zwischen dem Breckenschen Ehepaar sofort für null und nichtig erklärt, und dementsprechend auch Tankred jegliches materielle Verfügungsrecht über das Vermögen entzogen werde.
Ihre Rückkehr nach Holzwerder endlich wollte sie lediglich als eine veränderte Entschließung hinstellen, zu der sie auf Grund früherer Abmachung berechtigt sei.
Hederich war zufolge ihrer Bitte schon am Morgen nach Klementinenhof gekommen, und er hatte, nachdem sie ihm ihre Absicht kund gethan, erklärt, daß er mit den maßgebenden Personen auf Holzwerder sofort sprechen wolle. Also auch das war schon eingeleitet.
Frau von Tressen befand sich in einer thatkräftigen und gehobenen Stimmung, die durch die Aussicht, ihr Enkelkind fortan bei sich zu behalten, noch verstärkt ward.
Als sie vor der Thür des Herrenhauses in Falsterhof hielt, trat Frege, der den Wagen hatte ankommen sehen, sogleich heraus und war ihr beim Aussteigen behülflich. Wie eben alles auf Falsterhof einen düster melancholischen Eindruck machte, so auch wieder seine Erscheinung. Ernst und stumm öffnete der in tiefe Trauer gekleidete Mann die Thür zum Wohnzimmer und erklärte, daß Frau Cromwell alsbald erscheinen werde. Frau von Tressen überlief ein inneres Frösteln, als sie sich allein befand. So unheimlich still und lichtlos war's in dem Raum, alles starrte sie so stumm und doch zugleich so furchterregend an. Das einzige, die lautlose Ruhe unterbrechende Geräusch, das Ticken einer Uhr, klang ihr wie das Pochen eines Totenwurms.
Auch als Theonie kam und sie mit schmerzerregter, wenn auch gütiger Miene begrüßte, ward ihr Gemüt nicht entlastet, umsoweniger, da die bleich und abgehärmt aussehende Frau berichtete, daß sie mit ihren Hausbewohnern eine furchtbare Nacht verlebt habe. Es sei jemand, sicherlich ein Dieb oder Einbrecher, im Hause gewesen; wenigstens habe der Hund fortwährend wütend, wie zum Angriff vorgehend, gebellt, und die Dienerschaft sei aufgeschreckt aus den Betten gestoben, ohne indes etwas entdeckt zu haben.
Natürlich wirke der Eindruck dieses nächtlichen Vorfalles nach und habe ihre ohnehin erregten Nerven noch mehr in Aufruhr versetzt.
Nach dieser Frau von Tressen sehr beunruhigenden Erzählung kam Theonie dann auf deren Angelegenheit, erkundigte sich voll Teilnahme nach Herrn von Tressens Befinden und lenkte zuletzt das Gespräch auf Holzwerder.
Wohl eine Stunde währte die Unterredung. Frau von Tressen erzählte von den gestrigen Vorfällen, gedachte ihrer in der Not abgelassenen, Theonie bisher rätselhaft gebliebenen Botschaft und gelangte zuletzt auf die durch Brecken hervorgerufene, schwere und allmählich unhaltbar gewordene Lage.
Theonie erklärte sich ohne Besinnen zur Hülfe bereit, und wenn sie auch, ihrer Eigenart entsprechend, bei der dann erfolgenden Erörterung der Zahlungsmodalitäten eine etwas pedantische Umständlichkeit an den Tag legte, so behandelte sie doch die ganze Angelegenheit mit so viel Zartgefühl, daß Frau von Tressen jeder Peinlichkeit enthoben ward.
Als sie nach wiederholten warmen Dankesworten zum Fortgehen auf den Flur getreten war, kam ihr Theonie noch einmal nachgegangen und stellte eine gleichgültige Frage. Aber es war ihr offenbar nicht um deren Beantwortung zu thun; etwas anderes bewegte Theonie, das sie auszusprechen sichtlich Scheu empfand.
Frau von Tressen sah auf die blasse, dunkle Frau mit den unruhig ängstlichen Augen und ward zum Sprechen gedrängt.
„Es ist irgend etwas, das Sie beschwert, das Sie mir mitteilen möchten, liebe, verehrte Frau Theonie. Bitte, vertrauen Sie sich mir an. Könnte ich Ihnen in irgend etwas dienen?“
Und da drängte sich Theonie dicht an die Sprechende heran und flüsterte, des letzten Satzes Inhalt abwehrend:
„Nein, nein, ich bedarf nichts. Ich danke Ihnen für Ihre Güte. Es ist etwas anderes, Sie Betreffendes. Ich weiß es nicht, ich habe keinen greifbaren Anhalt, aber eine Ahnung sagt mir, daß Tankred sich gar nicht im Süden befindet, sondern sich in der Nähe aufhält, Unheil für uns brütet und —“
Aber Theonie kam nicht weiter. In demselben Augenblick fiel mit furchtbarem Getöse ein schwerer Gegenstand oben im Hause zu Boden, und beide Frauen fuhren entsetzt zusammen.
„Unsagbar, wie ich mich erschrocken habe,“ stieß Theonie, zuerst wieder Worte gewinnend, heraus. „Sie sehen, wie sehr mich alles alteriert! Und so wird auch bei Tankred nur meine Phantasie im Spiele sein. Meine Ahnung ist thöricht. Aber es trieb mich, Sie zu warnen, da doch eine Möglichkeit vorliegt. In diesem Sinne — ich bitte — fassen Sie meine Worte auf, liebe Frau von Tressen!“
Es sei oben ein Bild herabgestürzt, hörte noch Frau von Tressen eins der hinaufgeeilten Mädchen berichten, dann nahm sie Abschied, und wie von einem unheimlichen Druck befreit, atmete sie auf, als sie einige Minuten später das düstere und einsame Falsterhof im Rücken hatte. —
Am kommenden Tage stattete Hederich Bericht über den ihm gewordenen Auftrag ab. Es habe sich, wie er meldete, der Insassen des Schlosses wegen der Entfernung des Kindes eine ungeheuere Aufregung bemächtigt, und eben sei die Haushälterin im Begriff gewesen, darüber an Tankred zu berichten. Dies sei vorläufig unterblieben, aber Neigung, sich Frau von Tressen unterzuordnen, sei aus Angst nicht vorhanden. Die Leute befänden sich einem so außerordentlichen Vorfall gegenüber so gut wie ratlos, und nur der als Inspektor fungierende Peter Wille habe erklärt, er sei durchaus bereit, wieder in den Dienst seiner früheren Herrschaft zurück zu treten.
Die letzten Nachrichten kräftigten Frau von Tressens Entschluß so sehr, daß sie, auch durch ihren Mann ermuntert, noch an demselben Mittag mit Hederich nach Elsterhausen fuhr, um mit Justizrat Brix zu reden. Der Justizrat besaß ein altes, am Markt belegenes Patrizierhaus, das er allein bewohnte, und war eben im Begriff, seinen Nachmittagsspaziergang anzutreten, als sich die energische Frau bei ihm melden ließ. Ohne lange Einleitung berichtete sie von allem, was geschehen, und schloß mit der Erklärung, daß sie die Absicht habe, schon am folgenden Tage von Holzwerder Besitz zu ergreifen. Mit erstaunlicher Schärfe entwickelte sie ihm ihren Standpunkt und schloß mit den Worten:
„Was kann uns geschehen, wenn wir dort erst festen Fuß gefaßt haben? Mit Gewalt kann man uns schon deshalb nicht vertreiben, weil uns nach dem Abkommen mit unserer Tochter ausdrücklich die freie Wahl gestellt ist, dort oder anderswo unseren Wohnsitz zu nehmen. Die Gutseinnahmen deponieren wir zu Händen des Gerichts, bis die Sache entschieden ist; wir entgehen dadurch der Klage auf ungesetzmäßiges Eingreifen in fremdes Eigentum, erklären uns aber zu unserem Vorgehen befugt, indem wir Brecken irgend welche Besitzrechte an Gretes Vermögen abstreiten.“
Frau von Tressen ließ sich auch durch Einwendungen des Justizrats nicht mehr irre machen; es war, als sei ein völlig anderer Mensch in sie eingezogen. Durch die Wiedervereinigung mit ihrem Enkelkinde war nicht nur das Pflichtbewußtsein bei ihr zum Durchbruch gekommen, sondern auch Mut und Entschlossenheit hatten sich ihm zugesellt.
„Ich hatte mich schon in die Rolle des Ambos gefunden,“ erklärte sie Brix, „aber jetzt will ich wieder der Hammer sein und will es bleiben für meinen Enkelsohn. Das Glück streckt die Hände nach mir aus, ich will sie ergreifen. Nur deshalb stehen wir so oft frierend am Wege, weil wir die Winke des Schicksals nicht richtig zu deuten verstehen. Indem es die schlummernden Kräfte in mir von neuem anregt, zeigt es, daß es Gutes mit mir vor hat. Und da ich nun auch Mittel und Wege dazu besitze, trotze ich um so mehr einem Schurken, dessen Stärke nur darin besteht, daß man ihm bisher niemals energischen Widerstand entgegen gesetzt hat. Ich werde eine Schutzwache auf Holzwerder aufstellen, niemand betritt das Gut ohne meine Erlaubnis, und wer den Eintritt erzwingen will, den entferne ich mit Gewalt!“
* * * * *
Es war an einem dunklen und stürmischen Wintertage im Anfang Januar, als ein einzelner Fußgänger sich um die Nachtzeit Falsterhof näherte, am Eingange der Gutsallee angekommen, stille stand und sichtlich unschlüssig, ob er sie betreten oder weiter schreiten solle, ruhelos um sich blickte. Der Fußgänger war Tankred von Brecken, und was ihn heute furchtbares beschäftigte, hatte seine Gedanken schon seit vielen, vielen Wochen ausschließlich in Anspruch genommen. Er hatte Holzwerder verlassen, weil er endlich die Stimme des Teufels in seinem Inneren zum Schweigen bringen wollte, die ihm immer von neuem zuflüsterte: Thu's, und Du wirst Besitzer von Falsterhof! Thu's, und Du wirst Eigentümer einer halben Million!