Todsünden

Chapter 20

Chapter 203,659 wordsPublic domain

Er erzählte, daß er schon am Vormittag bei Tressens gewesen sei und den Eindruck bekommen habe, daß ihre gemeinsamen Freunde sich geradezu in Not befänden.

„Sehen Sie, Fräulein Carin, ich komme eigentlich — drum und dran — mit einer Bitte,“ erklärte Hederich und erhob das glattrasierte Gesicht mit den treuherzigen Augen zu seiner mit ernster Miene neben ihm herschreitenden Begleiterin. Doch stockte er, als sie bei seinen Worten nicht gleich zu ihm aufblickte.

„Ja, bitte, Herr Hederich!“ ermunterte Carin ihn nun weich und freundlich.

„Ich meine nämlich so, Fräulein Carin: Ich bringe es nicht über die Lippen, Frau von Tressen zu bitten, daß sie ein Darlehn von mir annimmt, nein — drum und dran — ich kann es nicht. Und Schreiben ist auch nicht das Richtige. Wenn Sie vielleicht die Freundlichkeit haben wollten — ich meine — ich meine — mit Frau von Tressen zu sprechen, daß ich — ich — Sie verstehen, Fräulein Carin.“

„Ja, ich verstehe, lieber Herr Hederich!“ entgegnete das junge Mädchen, bewegt durch diese mit so großer Zartheit gepaarte Herzensgüte, und schaute Hederich voll ins Antlitz. „Ich will auch gern Ihren Wunsch erfüllen, gleich morgen, wenn Sie wollen. Aber wäre es nicht richtiger, wenn Sie den Justizrat damit betrauten? Ich gestehe, die rechte Form, das vorzubringen, ist schwer zu finden, und gerade ich in meiner Stellung habe weniger das Recht, in einer so delikaten Sache das Wort zu nehmen, als ein anderer, der den Herrschaften mehr gleichsteht oder bereits von ihnen ins Vertrauen gezogen ist.“

„Na ja, das ist wohl richtig — obgleich — obgleich, Fräulein Carin —“ erwiderte Hederich und fuhr, einem neuen Gedanken folgend, fort: „Glauben Sie, daß auch Frau Theonie etwas thun würde, wenn's nötig wäre?“

„Ich weiß es nicht. Sie spricht über gewisse Dinge nie mit mir. Über ihren Vetter hat sie sich selbst nach der letzten Auseinandersetzung nicht anders als mit den Worten geäußert, sie habe jede Verbindung mit ihm abgebrochen. Daß sie sich für Tressens interessiert, ist indes zweifellos.“

„Sagen Sie, Fräulein Carin, es ist — drum und dran — hier jetzt wohl recht öde und einsam für Sie?“ fuhr Hederich, abermals das Gesprächsthema willkürlich ändernd, fort. „Oft wundere ich mich, wie Sie es aushalten.“

„Ja, es ist auch schwer, Herr Hederich. Seit dem Tode des Herrn von Streckwitz ist Frau Cromwell so melancholisch, daß sie oft Tage lang nicht spricht, und wir sehen fast niemanden mehr bei uns.“

„Da sehnen Sie sich denn wohl fort von hier, Fräulein Carin?“

Das Mädchen antwortete nicht gleich, dann aber sagte sie mit tiefem Ernst:

„Mich hält das Pflichtgefühl und — die Notwendigkeit. Wo sollte ich wohl hin, Herr Hederich?“

Hierauf fand Hederich keine Worte. Sie waren eben auf die Anhöhe im Park gelangt, und vor ihnen lag die mit Wiesen, Äckern, Waldungen, kleinen glitzernden Flüssen und Ortschaften bedeckte, weite Ebene. Während sie gedankenvoll ins herrliche Land schauten, sagte er:

„Da unten links, wo gerade der Rauch aufsteigt, ist ein kleines Gut zu kaufen. Elmenried heißt es, Fräulein Carin. Ich hätte es mir schon zugelegt, wenn — drum und dran —“

„Nun?“ machte Carin verwundert.

„Ach, Fräulein Carin, es geht mir wie Ihnen, ich bin auch einsam, ganz einsam, und möchte — drum und dran — einen festen Halt haben. Das ist es! Das hält mich ab!“

„Sie müßten sich eine Frau nehmen, Herr Hederich!“

„Wer will mich? Und wenn ein Mädchen mich wirklich wollte, so möchte ich sie wohl nicht. Eine, ja eine — die — die —“

Er senkte das Haupt und stöhnte.

Durch das Innere der Verlassenen zog plötzlich ein nie gekanntes Gefühl; diesem braven Manne anzugehören, ein eigenes Haus und Heim zu besitzen, nicht mehr abhängig zu sein, ein Ziel, ein rechtes Dasein zu haben! Welch eine wunderbare Aussicht — welch ein Glück!

Und ergriffen von diesem Gedanken, auch ihm innerlich zugewendet mit einem warmen, zärtlichen Gefühl, erhob sie das Auge und sagte leise:

„Eine, Hederich? — Also doch eine? Darf man ihren Namen wissen?“

Nun wendete auch er das Antlitz zu ihr, und als ihr liebes, gutes Auge so freundlich auf ihm ruhte, brach endlich die Scheu, und er stieß heraus:

„Ja — ich will ihn nennen — drum und dran — denn einmal muß es doch heraus, und wenn es dann auch nichts damit ist. Ich kann es nicht länger bei mir behalten, weil es mir das Herz abdrückt. Sie sind es, Fräulein Carin! Bitte, bitte, nehmen Sie es blos nicht übel — bitte, Fräulein Carin —“

„Übel nehmen? Kann sich ein Mädchen nicht nur geehrt fühlen, wenn ein rechtschaffener Mann ihr seine Hand reichen will, und besonders, wenn auch sie ihm — gut ist — wenn auch sie ihn lieb —“

„Ach — ah — Fräulein Carin!“ ging's stürmisch aus des Mannes Brust. „Ist's wahr? Ist's möglich? Sie könnten? — Sie wollten wirklich —?“

Und als sie nickte und das Antlitz senkte, da griff er nach ihren Händen, küßte sie und weinte und schluchzte und streichelte sie, dankbar wie ein Kind.

Sie aber schüttelte den Kopf und sagte, ihm ehrlich die Hand reichend:

„Nein, nicht so, Hederich. Ich habe zu danken, daß Sie das arme Mädchen ohne Heimat und Familie bei sich aufnehmen wollen, und seien Sie versichert, Sie sollen eine treue, gute Frau an mir finden!“

Die Sonne legte sich eben voll und glänzend über die Landschaft, aber selbst ihr heller Strahl schien dunkel gegen die Lichter, die über des Mannes Antlitz zogen.

„Fräulein Carin — Fräulein Carin!“ rief er selig, nahm sie in seine Arme und legte kindlich seinen runden, großen Kopf an ihre Brust. Sie aber ergriff mit beiden Händen des ehrlichen Menschen Haupt, zog es an sich und küßte ihn sanft auf den Mund. —

* * * * *

In Tankred von Brecken waren nach der Unterredung mit dem Justizrat Brix keinerlei Besorgnisse oder Zweifel aufgestiegen, sondern die Auseinandersetzung hatte sogar seine Zuversicht verstärkt. Er sagte sich einerseits, daß man ihm keine guten Worte geben würde, wenn man sich sicher fühlte und sein Entgegenkommen nicht brauchte, und anderseits schätzte er den Wert der gewonnenen Zeit. Einen Prozeß konnte er mit einiger Geschicklichkeit mindestens ein Jahr hinziehen, und während dessen würden seine Schwiegereltern, ohne jegliche Mittel zum Leben, weich und fügsam werden. Ihre sich immer mehr steigernden Verlegenheiten konnte er benutzen, um ihre Ansprüche möglichst herabzudrücken. Natürlich, am liebsten würde er sich seiner Verpflichtung ganz entzogen haben, aber da er selbst keineswegs überzeugt war, daß die richterliche Entscheidung zu seinen Gunsten ausfallen werde, so war ihm auch schon jede Herabminderung der monatlichen Rente willkommen.

Während seine Gedanken in solcher Weise hin- und hergingen, überfiel ihn der drängende Reiz, sich vor Augen zu führen, wie viel er überhaupt besitze, und nicht zum erstenmal öffnete er — immer mit derselben brennenden Gier — seinen Schreibtisch, zog Bücher und Schriftstücke hervor, rechnete und zählte und weidete seine Augen an den im Geldschrank niedergelegten Wertpapieren. Dann griff er nach einem Bogen Papier, ging jeden einzelnen Posten in den vor ihm liegenden Inventarverzeichnissen und Bilanzen durch und sann, wie er die Ausgaben noch mehr ermäßigen und die Einnahmen erhöhen könne.

Und dann plötzlich fiel es ihm auf die Seele, daß eine Zeit kommen werde, in der das alles nicht mehr sein Eigentum sein werde, in der er in eine ähnliche Lage geraten könne, wie jetzt seine Schwiegereltern. Und das regte ihn solchergestalt auf, daß er emporsprang und überdachte, ob er darin nicht doch eine Änderung herbei zu führen vermöge. Nein, es gab keine in dem gewöhnlichen Sinne. — Nur, wenn Gretes Kind stürbe, dann — dann — den Mann schauderte; es ergriff ihn, wie schon oft, ein Grausen vor sich selbst. Nicht die Vorstellung, daß Theonie und sein Sohn eines Tages sterben könnten, erregte sein Inneres, aber daß diesen beiden Leben ein gewaltsames Ende gemacht werden könne, das trieb ihm das Blut ans Herz. Daß doch immer solche Gedanken sich seiner wieder bemächtigten! Er floh auch heute vor ihnen; er schloß hastig seinen Schreibtisch, drehte den Schlüssel an dem Geldschrank ab und eilte, in der Sicherheit, daß draußen andere Eindrücke die ihn peinigend verfolgenden Gedanken verwischen würden, ins Freie.

Tief sog Tankred von Brecken die Luft ein, aber als er eben den Hof betreten hatte, wandte er doch noch einmal die Schritte ins Haus zurück, betrat das Gemach, in dem sein Kind schlief, lüftete den Vorhang von der Wiege und versicherte sich, daß der Knabe atmete — daß er lebte. — — Lange stand er vor seinem Kinde und schaute in dessen Züge. Es sah Grete ähnlich; es hatte denselben scharf geschnittenen, kalten Mund; es werde auch ihren Charakter haben und das Geld lieben, dachte er. Aber auch ihm werde es gleichen. — — War's ein Glück für das Kind, zu leben? Nein! Tankred verachtete das unvollkommene Dasein. Und da er das Leben auf eine Zufallslaune der Natur schob, da er eines Menschen Existenz nicht höher achtete, als das einer Fliege, — und ob sie da war in der Schöpfung oder nicht, welchen Wert hatte das? — wünschte er auch diesem jungen Wesen den Tod.

Ein Glück für den Knaben, wenn die Erde ihn wieder zurückzog in ihren Schoß! Ja, die Erde — — aber kein gewaltsames Abschneiden des Lebensfadens! —

Wie wohl einem solchen Wiegenkinde am leichtesten der Garaus zu machen wäre? Brecken überlegte. — Am unauffälligsten geschah's jedenfalls durch Ersticken; — Spuren einer gewaltthätigen Hand waren dann nicht sichtbar.

Man mußte es am Morgen finden, die in der Nacht verschobenen Decken über sich. Ein Erstickungsanfall, befördert durch Husten! Ja, ja, dergleichen kam vor! — Oder eine starke Dosis Opium — aber das war schon gefährlicher. — Der Mann schrak entsetzt zusammen. Nun war er schon wieder bei so furchtbaren Gedanken, während er doch zurückgeeilt war, um sich zu vergewissern, daß das Kind lebte. — —

Ein heißes Gefühl kam über ihn! Es war, als sei die einzige Ader, in der Gefühl für dieses junge Leben vorhanden war, in ihm aufgesprungen. Und unter dem starken Drange seines rasch pulsierenden Herzens beugte sich Tankred von Brecken herab und küßte zum erstenmal seinen Knaben auf die Stirn. Aber der den Säuglingen dumpfe Geruch stieß ihn ab, und die durch dieses Unbehagen hervorgerufene Reizung der Geruchsnerven, oder weil das Gefühl überhaupt nur die kurze Kraft eines raschen Blitzes gehabt hatte, erlosch die zärtliche Empfindung des Mannes im Nu wieder.

Mit dem alten, gleichgültigen Blick sah Brecken den Knaben an und verließ unter dem Gedanken, daß er es dem Schicksal anheim geben müsse, ob es seine Pläne fördern wolle, das Gemach.

Nachdem er kurze Umschau auf dem Hofe gehalten, trat er in den Pferdestall, wo in einem gesonderten Raum ein bereits seit längerer Zeit erkranktes Wagenpferd vom Tierarzt behandelt wurde, und das Befinden der grauen Stute Liese beschäftigte Tankred in der nächsten Stunde mehr als irgend eines sonstigen lebendigen Wesens Sein oder Nichtsein. — —

Bald nach dem Mittagsschlaf meldete ihm die Haushälterin, — die männliche Dienerschaft hatte Brecken entlassen und außer dieser Frau nur noch die Kindeswärterin und ein Mädchen behalten, — daß Herr Pastor Höppner auf dem Flur warte und den Herrn zu sprechen wünsche.

„Pastor Höppner?“ wiederholte Brecken, wenig angeheimelt, schritt aber hinaus und nötigte den unerwarteten Besuch in sein Arbeitszimmer.

„Welche besonderen Umstände verschaffen mir das Vergnügen, Sie einmal wieder auf Holzwerder zu sehen, sehr geehrter Herr Pastor?“ begann er mit schmeichlerischer Freundlichkeit, rückte einen Stuhl heran und griff nach einer Kiste Zigarren, von denen er dem vielfach dienernden und seinen Dank ausdrückenden Pastor anbot.

Da Höppner schon glücklich war, wenn er überhaupt nur rauchen konnte, von der Güte einer Zigarre aber nichts verstand, so hatte ihm Brecken aus der sogenannten ‚Leutekiste‘ angeboten; sich selbst aber hatte er eine andere und bessere angezündet, nachdem er den Gast vorher mit Feuer bedient.

Höppner begann mit der Erklärung, daß er in der Nähe zu thun gehabt und die Gelegenheit ergriffen habe, Herrn von Brecken einmal Guten Tag zu sagen. Er fügte hinzu, daß auch seine Frau ihn ermuntert habe, in Holzwerder vorzugucken, und Brecken war nach dieser beiläufig eingestreuten Bemerkung sicher überzeugt, daß die Frau den Mann abgesandt habe, um ihm wegen Tressens ins Gewissen zu reden. Höppner ging aber doch nicht gleich aufs Ziel los, sondern leitete das Gespräch durch die Frage ein, ob Herr von Brecken bereits das Neueste vom Neuen gehört habe.

Nein, er sei durch sein zurückgezogenes Leben mit dem, was sich draußen ereigne, wenig bekannt, erwiderte Brecken, gab aber seinem unverhohlenen Erstaunen Ausdruck, als nun Höppner ihm die Verlobung Hederichs mit Carin mitteilte.

Dann freilich erging er sich in spöttischen Bemerkungen und äußerte, ohne auf Höppners Zartgefühl irgend welche Rücksicht zu nehmen, diese Verlobung komme ihm vor, als verbände sich ein Kameel mit einer Bachstelze.

„O, o — o —“ machte Höppner abwehrend und strich mit dem Mittelfinger durch den ihm unter dem Kinn sitzenden Bart, fand aber dann den Übergang zu der Angelegenheit, die ihn hergeführt hatte. Er sagte:

„Da wir nun einmal zusammensitzen und plaudern, Herr von Brecken, möchte ich Sie bitten, mich einmal einen Augenblick wegen Ihrer verehrten Schwiegereltern anzuhören. Wie ich zu meinem großen Leidwesen gehört habe, sind schwere Differenzen zwischen Ihnen ausgebrochen. Die Schrift mahnt uns Menschen —“

Aber weder von dem, was in der Schrift stand, noch von anderem begehrte Tankred von Brecken zu hören; er unterbrach Pastor Höppner jäh und sagte, seine starkknochige Hand auf dessen Rechte legend:

„Es hilft da kein Intervenieren, verehrter Herr Pastor. Schon war Justizrat Brix bei mir, um einen Vergleich anzubahnen, aber da meine Schwiegereltern einen solchen dahin auffassen, daß sie nach wie vor auf der ganzen Rente bestehen, so ist eben nichts zu machen. Natürlich werden da wieder die ungeheuerlichsten Gerüchte ausgesprengt; aber das Zutreffende ist allein, daß ich einfach nicht so viel zahlen kann, weil die übrigen Lasten, die auf dem Gute liegen, zu groß sind.“

„So, so? In der That? — Das wäre ja etwas ganz anderes, als was uns berichtet ist. Frau von Tressen hat meiner Frau —“

„Ja, das ist eben das Unglück, verehrter Herr Pastor, daß meine Schwiegermutter eine so ausgiebige Phantasie besitzt. Wie es ihr paßt, so stellt sie es dar. Sie weiß sehr wohl, um was es sich handelt, aber —“

„Nein, ich versichere Sie, sie weiß es nicht,“ schob Höppner, arglos den Worten des Mannes nachgehend, ein. „Sie hat doch ein Schreiben von Ihnen erhalten, dem zufolge Sie die Rentenzahlungen einstellen und Ihre Schwiegereltern auf die Gerichte verweisen —“

„Ach, das sind ja blos Formsachen! Aber, wie gesagt, stehen Sie von einem Interventionsversuch ab, er kann doch nichts nützen, denn mit dem, was ich bieten könnte, würden sie ja doch“ — Brecken betonte seine wie beiläufig hingeworfenen Worte — „nicht zufrieden sein.“

„Man könnte doch hören!“ fiel Höppner eifrig ein. „Offen gesagt, Herr von Brecken, ich kam eigentlich nur, um Sie recht herzlich zu bitten, sich mit Ihren Schwiegereltern auszusöhnen. — Also, wie viel könnten Sie zahlen?“

Brecken zauderte jetzt doch, zu sprechen, obgleich er nicht mehr zweifelte, daß der Pastor von Tressens abgesandt sei. Brix hatte er anfänglich von der Hälfte, dann von einem Drittel geredet; jetzt wollte er ein Viertel bieten. Das schien ihm selbst zwar ungeheuerlich, aber er überwand sein Zaudern rasch und sagte:

„Mit fünf- bis sechshundert Mark werden sie nicht zufrieden sein, und das wäre schon das Äußerste.“

„Das ist ja nur der vierte Teil der abgemachten Summe, Herr von Brecken!“ stieß Höppner erschrocken heraus und schüttelte in größter Enttäuschung den Kopf.

Sodann legte er sich aufs Bitten und Zureden und suchte, als ob Rechts- und Vernunftgründe oder gar solche, bei denen das Herz mitsprach, bei Brecken hätten verfangen können, auch sonst alles, was etwa günstig auf ihn hätte wirken können, hervor und schloß mit den Worten:

„Der ewige Gott wird es Ihnen lohnen, Herr von Brecken, wenn Sie die Hand zum Frieden und zu einer annehmbaren Verständigung bieten!“

„Der ewige Gott hat etwas anderes zu thun, als sich mit solchen Dingen zu befassen,“ entgegnete Brecken, brutal sprechend. „Nein, er mag seine Belohnungen behalten, und ich behalte mein Geld. Es ist mir schon lieber so! —“

„Herr von Brecken! Herr von Brecken!“ stieß Höppner, zum erstenmal die Devotion in Ton und Miene außer acht lassend, heraus und schüttelte den Kopf. „Sie werden es noch tief bereuen, so jeder Versöhnung aus dem Wege gegangen zu sein. Ja, tief bereuen; das sagt mir eine innere Stimme. Aber da Sie auf Ihrer Absicht beharren, so müssen Sie das mit sich selbst abmachen und mit dem, der über uns allen thront als ein Richter unserer Handlungen. Ich weiß, Sie glauben nicht an ein höheres Wesen; der Gottesbegriff ist für Sie nur eine menschliche Vorstellung. Sie stehen auf dem Standpunkt, der Zufall regiere das Schicksal der Gesamtheit der Menschen und jedes einzelnen. Aber das Leben mit allen seinen Erscheinungen lehrt das Gegenteil. Es giebt eine Vergeltung! Nicht umsonst hat die Natur ein Gewissen in unsere Brust gelegt. Nichts für ungut, aber ich möchte sowohl Ihnen wie unseren Freunden in Klementinenhof dienen; ich möchte Sie bewahren vor Reue und Seelenunruhe.“

„Ja, ja, ganz gut, bester Herr Pastor; ich erkenne Ihren guten Willen an, aber Sie vergessen, — ich sehe von Ihren religiösen Mahnungen ab, — daß in Geldsachen nicht der Wille spricht, sondern das Können. Und dann, welche Stellung nehmen meine Schwiegereltern gegen mich ein! Verunglimpfen, verdächtigen Sie mich nicht bei jeder Gelegenheit? Sie streuen die infamsten Gerüchte über mich aus, reden von Fälschungen, und was weiß ich; und ich soll das wie ein Lamm über mich ergehen lassen? Zuletzt schwillt doch jedem der Kamm!“

Die legten Sätze hatte Brecken gesprochen einerseits, um zu sondieren, ob seine Schwiegereltern bereits entschlossen seien, gerichtlich gegen ihn vorzugehen, andererseits, um einen Vorwand für seine Handlungsweise heranzuziehen.

Aus Höppners Antwort und Verteidigung Tressens sah er, daß sein Mißtrauen ungerechtfertigt gewesen; auch entging ihm nicht, wie erstaunt der Pastor über die Motivierung seines Vorgehens war. Aber seinen Sinn änderte das natürlich nicht, und er hielt auch den ‚langweiligen Salbaderer‘ nicht zurück, als er endlich aufbrach und sich, äußerst bedrückt über das Mißlingen seines Versuches, empfahl.

Nachdem er aber gegangen, erinnerte sich Brecken, daß ja nun Carin demnächst Falsterhof verlassen werde, daß dort dann zwei Augen weniger seien, und daß nun doch vielleicht — Ja! was denn? Brecken griff in die Zigarrenkiste und entzündete sich eine neue Havanna, um den ihn wie eine Krankheit verfolgenden Gedanken zu bannen. Abermals hatte er sich bei der entsetzlichen Überlegung ertappt, wie er dem Schicksal bei einer Verkürzung der Lebensdauer Theonies zu Hülfe kommen könne — —

* * * * *

Eine geraume Zeit war verflossen, und mit ihr wiederum der Winter ins Land gezogen.

Das von Höppner begründete Armenhaus hatte seine Pforten geöffnet, in seinen Räumen befanden sich Kranke und Bedürftige, und wöchentlich wenigstens einmal begab sich Frau Höppner, meist mit Lene an der Hand, in das Asyl, um nach dem Rechten zu sehen.

Das Kind kannte alle Insassen und nahm wie ihre Mutter Stellung zu ihnen; sein Herz regte sich in Mitgefühl, wenn sie leidende Menschen sah, und ohne es zu wissen, nahm es die Grundsätze in sich auf, die ihre Pflegemutter den Nebenmenschen gegenüber leiteten.

Hederich hatte seine Carin geheiratet und wohnte auf dem von ihm vorläufig nur gepachteten kleinen Gütchen Elmenried. Die beiden Leute genossen das Behagen des Lebens; die junge Frau, endlich befreit von einem Zwange, der ihrer Natur so sehr widerstand, dem sie sich aber bereits seit jungen Jahren hatte unterwerfen müssen, atmete beseligt auf, und die täglichen Beweise von Liebe und Herzensgüte, die sie von ihrem Manne empfing, gab sie aus innerem Drange zurück, denn sie liebte ihn mit jener warmen Liebe, die dem Gemüt entspringt und auf Achtung beruht.

Die vierundzwanzig Stunden des Tages, die durch Thätigkeit ausgefüllt waren und durch frohen Lebensdrang einen erhöhten Wert empfingen, flogen für Carin dahin; Haus, Hof, Küche und Keller waren ihrer Aufmerksamkeit gewidmet, aber sie gab auch, in allen ihren Vorbildern Frau Höppner und Theonie folgend, ihrem Leben noch einen volleren Inhalt, indem sie sich ihrer Mitmenschen sorgend annahm und ihren Geist durch Lektüre und Musik weiter zu bilden suchte. Zwischen den beiden Familien Höppner und Hederich fand ein sehr lebhafter und inniger Verkehr statt; der Pastor und Carins Mann fanden sich als Gemütsmenschen zusammen, und die beiden Frauen begegneten sich durch die Gemeinsamkeit ihrer Lebensanschauung. Sie waren dem Guten ehrliche Freunde und dem Schlechten energische Gegner.

Aber während sich bei ihnen durch günstige materielle Verhältnisse, durch weise Beschränkung im Lebensgenuß und durch Sparsamkeit das Glück eine feste Stätte bereitete, sah es bei Tressens allmählich immer trauriger aus.

Die Hülfe Hederichs, die ihnen durch Brix und später auch durch Carin angeboten worden war, hatten sie ebenso abgewiesen, wie der Pastorin selbstlose Dienstwilligkeit. So viel Güte und Freundschaft rühre sie, aber sie würden sich auch so einzurichten wissen, hatten sie erklärt. Frau von Tressen hatte ihren Schmuck bereits verkauft. Sie wollte, durch das Leben bezwungen, lieber Überflüssiges entbehren, als den Druck von Verpflichtungen auf sich laden. Und in ihren Stolz mischte sich auch die Hoffnung! Der Prozeß war sogleich angestrengt worden, er mußte sich in einem halben Jahre entscheiden.

Aber bei dieser Voraussetzung hatten Tressens außer acht gelassen, mit wem sie zu thun hatten. Einmal beantragte Brecken durch seinen Anwalt Aussetzen des Verfahrens, weil von seiner Seite noch Material herbeizuschaffen sei, dann wieder wußte er die Termine hinauszuschieben, indem er Krankheit vorschützte. Einen Formfehler in dem ersten Klageantrag des Justizrats Brix benutzte er zu einem Protest, und die Folge von alledem war, daß die Sache nach einem halben Jahre, zumal die Gerichtsferien dazwischen gekommen, fast noch auf demselben Fleck stand.

Jetzt eben, kurz vor Weihnachten, hatte er eine Reise nach dem Süden angetreten, und es hieß, daß er nicht vor dem ersten März zurückkehren werde. —

Eng und enger hatten sich Tressens inzwischen an Theonie angeschlossen. Mit wärmster Teilnahme hatte letztere sich ihren Verwandten genähert und gleich bei der ersten Berührung geäußert:

„Wenn ich Ihnen irgend wie nützen kann, verfügen Sie über mich. Es giebt keine Grenzen meiner Bereitwilligkeit und keinen Freundschaftsdienst, den ich Ihnen nicht leisten würde.“

Gegenwärtig aber beschäftigte Frau von Tressen noch etwas anderes als nur die materielle Sorge. Seit dem Abschied von Holzwerder hatte sie ihr Enkelkind nicht wieder gesehen, und da sie nun erfuhr, ihr Schwiegersohn sei auf Monate verreist, gab's nur einen Gedanken für sie: Gretes Kind einmal an ihr Herz zu drücken. Der furchtbare Schmerz um die Verstorbene suchte nach einer Ablösung, nach einem Ausgleich. Aber die Frau war auch von Sorge erfüllt, daß dem Knaben, der fremden Händen anvertraut war, etwas zustoßen könne. Dem Vater schien ein solcher Gedanke nicht gekommen zu sein, oder völlige Gleichgültigkeit hatte seine Handlungen bestimmt.