Chapter 17
„Nun, wie Du willst,“ entgegnete Brecken, der, sich beherrschend, diesen Worten zugehört hatte, und in dem trotz aller höchst unliebsamen Erfahrungen abermals Hochmut, verletzte Eitelkeit und Zorn jegliche Klugheit und Besonnenheit überwogen. „Ihr werdet es aber noch bereuen, und ein für allemal bemerkt, liebe Mama, an den guten Lehren, die Du fortwährend an Grete und mich austeilst, finden wir sehr wenig Geschmack. Sie eignen sich mehr für Schulkinder als für uns.“
Nach diesen Worten verließ er mit einer impertinenten Miene das Zimmer.
„Nein, es ist nichts!“ rief er, als er zurückkehrte, und Grete fragend und in sichtbar großer Erregung das Haupt erhob. „Und Du hast recht, es ist überhaupt aus mit ihnen. Sie wollen fort, unbedingt fort, und dann lasse sie auch nur! Mir ist absolut nichts daran gelegen, im Gegenteil! Gott sei Dank, daß die Quälerei ein Ende hat. Nicht wahr, wir sind uns selbst genug, meine Grete?“ schloß er schmeichelnd und werbend und umarmte, ehe sie es hindern konnte, die zitternd aufhorchende Frau. Sie aber entzog sich rasch, ungeduldig, und wie von einem Schmerz betroffen, seinen Zärtlichkeiten, stieß ein rauhes: „Nein, nein, laß, ich mag jetzt nicht!“ heraus und verließ das Gemach.
Tankred wollte aufbrausen und ihr nacheilen, aber er unterließ es doch. Er würde mit ihr schon alles wieder ins Gleichgewicht bringen. Das hing mit ihrem gegenwärtigen Befinden zusammen; es waren auch Hederichs Einflüsse, dem er aber jetzt kündigen wollte, und die Lamentationen von denen oben wirkten ebenfalls mit. Das kannte er schon. Vielleicht beeinflußte überdies die Enttäuschung Grete, aber die würde bald wieder einem anderen Gefühl weichen. Er siegte doch noch! Tankred von Brecken war wieder voll bester Hoffnungen.
* * * * *
Bald nachdem Tankred sich entfernt hatte, begab sich Grete zu Hederich. Sie nahm einen versteckten der sie hinten ans Haus führte, fragte Hederichs Wirtschafterin, ob der Herr Verwalter anwesend sei, und trat, deren eifrige Bereitwilligkeit, Hederich zu benachrichtigen, kurz abwehrend, ohne Meldung in dessen Arbeitsgemach.
Hederich stand, den Rücken der Thür zugewendet, über eine Kiste gebückt, in die er Papiere packte, und sagte, offenbar seine Wirtschafterin vermutend, und ohne sich umzuwenden.
„Was ist — was ist? — Drum und dran — jetzt habe ich keine Zeit. — Wie? Was? — Ah, ah — Sie, liebe Frau von Brecken? — Verzeihen Sie! Bitte, nehmen Sie Platz. — Nein, es ist gar nichts. Es war nur — drum und dran — Hier, hier sitzen Sie bequemer. — Ja, ich will gleich sagen, daß ich nicht zu Hause bin, daß wir ganz ungestört bleiben.“
Nach diesen Worten lief er fort, kam eilfertig zurück und nahm neben Grete, die mit trüber Miene und blassen Wangen sich niedergehockt hatte, Platz.
„Nun, was ist geschehen? Hoffentlich nichts Böses?“ begann Hederich, sich zu der jungen Frau neigend und sie mit seinen ehrlichen Augen voll Teilnahme anblickend.
Aber statt zu antworten, legte Grete plötzlich die Hände vor das Angesicht, und ein leises Schluchzen drang aus ihrer Brust.
„Es ist aus, alles aus, Hederich,“ stieß sie, nachdem er zärtlich, wie man einem Kinde begegnet, auf sie eingeredet hatte, heraus. „Ich bin traurig zum sterben. Niemand hat mich lieb, niemand mag mich — Mama und Papa wollen unabänderlich fort. Und noch anderes: Ich fühle — o Hederich! — es ist schrecklich — entsetzlich —, allmählich eine nicht zu erklärende Abneigung gegen Brecken. — Und doch vielleicht sehr erklärbar,“ fuhr sie nach kurzer Pause in bitterem Tone fort. „Er ist nicht gut, ich seh's, — er ist schlecht! Er ist es noch nicht gegen mich gewesen, wenn er auch schon gelegentlich sehr roh und rücksichtslos war, aber es wird kommen. Es bereitet sich etwas vor; mir ahnt es. Wissen Sie, Hederich, ich möchte wieder von ihm. Ich möchte meine Freiheit zurück haben. Nachdem mir Mama wiederholt ihre Ansicht über ihn ausgesprochen, und ich jetzt sehe und höre, wie sie alle über ihn denken, finde ich, durch meine eigene Sinnesänderung bestärkt, alles betätigt. Ich fühle, daß sein Einfluß auf mich nicht gut war, daß er meine Fehler, meine Engherzigkeit förderte, daß er es gewesen, der mich den Gedanken, die Eltern sollten Holzwerder verlassen, schon als etwas ganz Selbstverständliches ansehen ließ. Er bringt uns überhaupt mit aller Welt in Uneinigkeit. Die Menschen ziehen sich von uns zurück — ich merke es wohl —, sie wollen nichts mit ihm, mit uns zu thun haben. Wir erhalten Absagen, wenn wir einladen. Man giebt Gesellschaften und umgeht uns. Noch sind kaum zwei Jahre verflossen, und schon ist das Leben jeglichen Reizes entkleidet, ja, die Hoffnung auf Gut und Geld ist nun auch geschwunden. Er hat sich mit Theonie überworfen!“
„Wie? Mit Frau Cromwell auch?“ stieß Hederich, dem alles andere von Grete Vorgebrachte nicht neu war, der auch die Sinneswendung in ihr früher oder später hatte kommen sehen, auf den das Zerwürfnis mit Theonie aber wie ein Blitzschlag wirkte, erschrocken heraus.
Und nun sagte sie ihm alles, was sie wußte, und wie sie trotz Tankreds Darstellung die Dinge beurteilte. Sie gab ihm allein schuld, sie schloß: „Er hat's natürlich verdorben. Als sie nicht gleich wollte, wie er wünschte, ist er brutal und ausfallend geworden. Sie wissen, im Zorn spricht er unglaubliche Dinge und deckt sein Inneres auf. Ach — ach — Hederich — ich weiß nicht, was werden soll. Hat mich Mama so beeinflußt? Ich verstehe mich selbst nicht. Ich bin mir nur darüber klar, daß ich nicht glücklich bin und mit Brecken nicht leben kann.
Nein! Nein. Es ist nicht das, was Sie denken, leider, leider denken, Hederich. Die Erbschaftsangelegenheit beeinflußt mich durchaus nicht. Ich schwöre es Ihnen. Ich kann ja einmal nicht gegen meine Natur, ich bin sparsam und habe das Geld lieb, aber jetzt bewegt mich nur der eine Gedanke, die Achtung vor mir selbst zurückzugewinnen, mir die Achtung anderer zurückzuerwerben, mich mit Mama auszusöhnen und meine Seelenruhe wieder zu erlangen. O, ich möchte Theonie sprechen. Nicht, um etwas von ihr zu erbetteln wie er, nein, um klar zu sehen, mich vor ihr zu rechtfertigen, und wenn ich Schuld trug, sie ihr abzubitten. Und nun helfen Sie mir, Hederich. Was soll ich thun? Wie komme ich von ihm ab? Ich muß wieder frei sein!“
Der Mann, der Grete durch besänftigende Einschaltungen und Trostworte wiederholt unterbrochen hatte, erhob bei den letzten Worten das Haupt und sagte:
„Ja, meine liebe Frau von Brecken, liebe Frau Grete, das ist eine schwere, sehr schwere Sache, und das müssen Sie selbst wissen. Wie wollen Sie das, drum und dran, anfangen? Er läßt Sie nicht gutwillig, und wenn er Sie wirklich läßt — passen Sie auf — dann verlangt er womöglich alles, was Sie besitzen, und wirft Ihnen und Ihren Eltern kaum einen Bettel hin. Ich sag's — drum und dran — offen, wie ich's mein. Und erlauben Sie die Frage: Haben Sie Gütergemeinschaft mit ihm geschlossen?“
„Ja — a —, ich that's, weil er seinerseits die Erbschaft von Falsterhof als sicher in Aussicht stellte. — Bitte vergessen Sie doch nicht, Hederich,“ schob Grete eilfertig ein, als sie des Freundes bedauerndes Kopfschütteln begegnete, „welches Air er sich gab! Wir konnten doch nur die beste Meinung von ihm fassen! Er wußte sich so einzuschmeicheln, daß wir die abfälligen Urteile anderer bloß als Neid und Mißgunst ansahen, als das Ergebnis seines häufig schroffen Wesens und seiner gelegentlich hervorbrechenden jähzornigen Natur. Gewiß, ich weiß, Sie warnten mich. Aber er hatte damals meine Sinne bereits gefangen. Ich bin jung, ich bin ein Weib und habe Fleisch und Blut —“
Die Frau brach plötzlich ab und starrte vor sich hin, und dann sagte sie als Resultat ihrer raschen Überlegungen, aber auch so, als habe ein Vorgespräch darüber stattgefunden: „Ja, das wäre eine Möglichkeit, daß wir, ohne geschieden zu werden, getrennt weiter lebten, jeder für sich. Nun ja denn — ich will's versuchen, so lange es geht,“ schloß sie, dumpf resigniert. „Dann können die Eltern bleiben, und gerade sie sollen bleiben, ‚er‘ mag sich von uns separieren.“
Da die Gedanken der Frau solche Wendung genommen, sprach Hederich noch eindringlicher auf sie ein, bat, daß sie sich beruhigen möge, und gab auch, um zum guten zu reden, seiner Verwunderung Ausdruck, daß sie so plötzlich zu einer solchen Stellung Tankred gegenüber gelangt sei.
„Nicht plötzlich, Hederich. Ich habe mich nur rasch zu einem Entschluß aufgerafft,“ entgegnete sie mit einer eigentümlichen Weichheit im Ton. „Und wissen Sie nicht, daß mir schon während meiner Verlobung bisweilen Zweifel kamen, daß ich fühlte, es sei doch vielleicht nicht das Rechte, daß ich äußerte, ich brauche einen Mann, der mein bischen Herz fördere, statt die guten Regungen in mir zu ersticken!? Gewiß, ich hatte zeitweilig alle Sehkraft verloren, während unserer langen Reise fast ganz, aber die letzten Gespräche mit Mama, zusammen mit allen Vorgängen, brachten mich zum Nachdenken und zur Besinnung, und mir schauderte vor dem Bild, das sie mir von mir selbst und von ihm rückhaltlos entrollte. Das Gefühl für Recht und Wahrheit begann sich in mir zu regen; ich konnte meinen Mann plötzlich nicht sehen; über alles, was er that und sagte, stieg Ärger und Unmut, oft Ekel in wir auf, weil ich alles berechnend, unwahr, falsch fand; mir graute, wenn er mich berührte, und meine Gelassenheit und Ruhe waren schon längst künstlich oder ein Ergebnis der letzten noch vorhandenen Regungen für ihn.“
Während Grete diese Worte sprach, erschien die Wirtschafterin und überbrachte ein Schreiben. Es sei im Schloß abgegeben; Peter habe es herübergebracht; der Bote von Falsterhof wisse nicht, ob er Antwort haben solle.
„Von Falsterhof? Von Theonie?“ Grete erbrach den Brief mit fieberhafter Hast, las ihn, erbleichte, griff dann nach einer Einlage und schaute sie mit großen, erschrockenen Augen an. Und nachdem sie auch diese gelesen, ließ sie die Schriftstücke aus der Hand fallen und sank stöhnend und wie vernichtet in den Sessel zurück.
* * * * *
Als Tankred, während dies bei Hederich geschah, auf den in Klementinenhof zwischen Tannenreihen sich ausbreitenden Vorhof trabte, zog ein eben dem Stall sich nähernder Diener den Hut und fragte, ob er das Vergnügen habe, mit Herrn von Brecken zu sprechen. Er sei von seinem in der Nacht erkrankten Herrn beauftragt worden, nach Holzwerder zu reiten, um Herrn von Brecken zu bitten, geneigtest einen anderen Tag für seinen Besuch zu wählen. Nicht wenig überrascht, aber auch von Mißtrauen erfaßt, forschte Tankred in des Boten Mienen. Aber in ihnen spiegelte sich ein so ehrlicher Ausdruck wieder, und der Bericht des Dieners über die Krankheit klang so überzeugend, daß Tankred von der Annahme, Streckwitz habe sich nur eines Vorwandes bedient, um eine Begegnung mit zu ihm vermeiden, sogleich zurück kam. Aber die Ungeduld, doch irgend etwas seinen Plänen Förderliches zu unternehmen, beherrschte ihn so sehr, daß er beschloß, Höppners aufzusuchen und dort je nach Gelegenheit direkt oder indirekt für sich zu wirken.
Frau Höppner empfing ihn, als er nach scharfem Ritt und Einstellung des Rappen im Krug das Pastorenhaus betrat, auf dem Flur und erzählte ihm sogleich sehr besorgt, daß ihr Mann wieder einmal das Bett hüten müsse. Sie erwarte den Arzt und sehe schon mit Ungeduld nach ihm aus. Während sie ihr Gespräch in etwas gezwungener Weise im Wohnzimmer fortsetzten, schon deshalb, weil Tankred sah, daß die Gelegenheit, über seine Sache zu reden, durchaus keine günstige war, meldete die Magd den Doktor, der sogleich ins Zimmer trat und berichtete, daß er bereits bei dem nachts vorher erkrankten Herrn von Streckwitz gewesen sei.
Tankred stellte sich völlig unwissend und bat den Arzt, Näheres mitzuteilen.
Es könne eine sehr langwierige Sache werden, äußerte der Doktor Ernst, ein etwas kurz und bündig sprechender, auch wegen seiner Formlosigkeit vielfach angegriffener, aber ungewöhnlich zuverlässiger Mann. Es seien leider die Anzeichen einer Kopfrose vorhanden; Herr von Streckwitz habe in der Nacht bereits starkes Fieber gehabt.
Die Pastorin hörte voll Teilnahme zu, auch regte sich ein tiefes Mitleid für Theonie.
Wenn das Befinden ihres Mannes sie nicht abhalte, werde sie gleich am Nachmittag nach Falsterhof fahren, erklärte sie.
Der Doktor war schon im Begriff, das Zimmer zu verlassen, wandte sich bei diesen Worten aber noch einmal zurück und sagte: „Es wäre allerdings sehr wünschenswert, daß Frau Cromwell zuverlässige Mitteilung in schonender Weise erhielte. Herr von Streckwitz hat ihr vorläufig nur sagen lassen, daß er heute verhindert sei, sie zu besuchen.“
„So, so!“ stieß die Pastorin lebhaft heraus. „Ja, dann muß ich doch wohl sehen, ob ich nicht — Aber halt! Würden Sie es nicht vielleicht übernehmen, Ihre Kousine vorzubereiten, Herr von Brecken?“
Hier fand sich ein Ausweg! Brecken war in den Augen der Anwesenden als einziger Verwandter grade die richtige Persönlichkeit. Der Doktor stimmte auch zu und sah, bereits in der Thür gehend, Tankred ermunternd an.
„Ja natürlich — gewiß — ich werde alles besorgen!“ gab Tankred, dem plötzlich ein Gedanke durch den Kopf schoß, bereitwillig zurück. „Und was meinen Sie, Herr Doktor, wäre es wünschenswert, daß meine Kousine etwa zur Pflege hinüberkäme?“
„Nein — ich denke — wir wollen das noch abwarten. Ihre Frau Kousine würde, abgesehen von naheliegenden Bedenken, wohl dadurch grade beunruhigt werden. Nein! Ich bitte, nur zu sagen, daß etwas Erkältung und Fieber vorhanden sei. Sie werde täglich Nachricht erhalten.“ —
Wenige Minuten später hatten sich die Sprechenden getrennt, und Tankred war schon wieder auf dem zum Wirtshaus.
Wenn doch der Himmel Einsicht nehmen und Streckwitz aus der Welt schaffen wollte! dachte er, während er dahinschritt. Dann, dann konnte alles noch gut werden! In ihrem Schmerz würde Theonie wieder weicher, nachgiebiger werden, noch weniger Wert auf Hab und Gut legen, als jetzt. Und die ihm aufgetragene Botschaft wollte er bestens zu seinem Vorteil nützen!
Im Krug angekommen, ließ er sich Papier und Tinte geben und schrieb:
‚Liebe Theonie! Mir wurde, da ich zufällig bei Höppners war und dort den Doktor traf, der Auftrag, Dich zu benachrichtigen, daß Dein Verlobter von einem Unwohlsein befallen ist. Ich freue mich, Dir sagen zu können, daß Ernst keinerlei Besorgnisse hegt; nur besuchen kann Dich Dein Bräutigam in den nächsten Tagen nicht. Ich wähle diese Form der Mitteilung, da ich persönlich ja nicht vor Dir erscheinen darf. Ist es denn wirklich wahr, daß jedes Band zwischen uns zerrissen ist? Kannst Du wirklich nicht verzeihen Deinem seine leidenschaftliche Natur stets nachher tief bereuenden
T. v. Brecken?‘
So! Dies Billet konnte jedenfalls nicht schaden! Tankred nahm es an sich, bestieg sein Pferd und ließ es, als er nach einem Stündchen das Verwalterhaus von Falsterhof berührte, von dort aus Theonie hintragen.
Nach einigen Umwegen über den eigenen Besitz kehrte er gegen mittag wieder nach Hause zurück und berichtete seiner ihm abermals mit einem eigentümlich stillen und verschlossenen Wesen gegenübertretenden Frau, weshalb er unverrichteter Sache zurückkehre.
„Die Zeit muß es klären, und wenn nicht, nun dann war's abermals eine Hoffnung weniger!“ stieß sie in einem teilnahmlosen Ton heraus und bückte sich über ihre Handarbeit.
„Was sagst Du? Du bist so sonderbar!“ forschte Tankred mit einem Anflug von Ungeduld. Ihn ärgerte ihr Wesen. „War Mama unten?“
„Nein!“
„Sprachst Du niemanden?“
„Ich verstehe Dich nicht —“
Tankred fühlte, daß seine Frau auswich. Man hatte wieder auf sie eingewirkt, und er wollte, sie sollte sprechen. In seiner reizbaren Stimmung kehrte sich sein Zorn gegen sie.
„Hederich war hier! Er sagte es mir doch —“ setzte er, seine Voraussetzung als Thatsache hinstellend, an.
Die Frau erhob das Haupt und sah ihren Mann finster an.
„Er sagte es Dir? Du sprichst die Unwahrheit, Tankred! Oft thust Du das.“
„Oft thue ich das? Was soll das heißen? Was hast Du überhaupt? Du bist so vorwurfsvoll-sentimental. Wer hat Dich beeinflußt? Sprich!“
„Ach Tankred —“ ging's aus dem Munde der Frau. Es klang wie eine tiefe, schmerzliche Klage. Wieder einmal schien sich ihr Herz zu regen, das Herz, das so selten sein Dasein verriet. Und Klugheit und ein mit einer plötzlichen, unerklärlichen Unruhe vermischter Gefühlsdrang mahnte den Mann, sein Weib in die Arme zu nehmen und zärtlich und versöhnend auf sie einzusprechen. Aber er vermochte einmal nicht, seine Heftigkeit zu zügeln. So stampfte er denn statt dessen mit dem Fuß und wiederholte ungeduldig, drohend und gebieterisch:
„Ach was! Antworte, wenn ich Dich frage! Wer hat Dich gegen mich aufgehetzt? War es der alte Schleicher? Hat er wieder mit denen oben intriguiert? — Nun? Wirst Du antworten?“
Aber unwillkürlich trat Tankred zurück. Statt sich zu fügen, richtete Grete plötzlich ihre Gestalt empor, und mit einem stolzen Blick seine Gestalt musternd, rief sie:
„Wie kommst Du dazu, in einem solchen Tone mit mir zu reden? Ich lasse nur von niemandem außer Gott Befehle erteilen. Das merke Dir, und merke es Dir gut, denn ich dulde es nicht noch einmal. — A — h —“ stieß die Frau langgezogen heraus und fiel in einen Sessel „Wie grenzenlos traurig starrt mich das Leben an!“
Aus Tankred von Breckens Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen, so unerwartet trafen ihn diese, ihr geheimstes Inneres aufdeckenden Worte, so tief erschüttert schien seit gestern ihr ganzes Wesen, daß ihn gegenwärtig nicht mehr Zorn und Auflehnung beherrschten, sondern grenzenlose Überraschung, und zu ihr gesellten sich, da es nun offenbar war, daß sich inzwischen etwas Außerordentliches zugetragen, Angst, Feigheit und der brennende Drang nach Aufklärung. Und da griff er zur Erreichung seiner Zwecke nach dem alten, oft angewendeten Rezept und ergab sich einer lamentierenden Weichmütigkeit. Er begann, von sich zu sprechen, was er alles durchzufechten habe, wie bedrückt er sei, da doch die Dinge mit denen oben und mit Theonie wahrlich nicht spurlos an ihm vorübergingen, wie entschuldbar es sei, daß er erregt und reizbar wäre, und daß, wenn nicht einmal sie ihn verstehe und Nachsicht übe, das Leben nicht mehr lebenswert für ihn sei. Und reden könne sie doch wenigstens, das sei doch wahrlich nicht zu viel verlangt.
Aber sein Mittel verfing nicht. Sie erhob sich nicht, wie es sonst bei Zerwürfnissen geschehen, und lehnte sich an ihn, sondern sie saß da wie eine Abwesende und starrte mit todestraurigen Blicken vor sich hin.
Dann stieß sie in ihrer eigentümlichen, eine ganze Gedankenreihe zusammenfassenden Weise heraus:
„Ja, ja! Jeder sucht sich den Rücken zu decken. Aber nur die That überzeugt, und bei Dir ist die That Gegenzeuge. Worte sind Worte!“
Und mit schmerzlicher Verzweiflung im Ausdruck für sich sprechend, fügte sie hinzu:
„Was handelte ich ein für das, was ich hingab? Was ist mir dafür geworden? Meine Mutter verlor ich, niemand mag mich, mein Herz weint mehr, als daß es lacht — es lacht fast nie. Sie wollen alle nichts von uns wissen! Wir stehen ganz allein, und auch die Hoffnung auf die Zukunft haben wir zu begraben. Nie wird Theonie ihren Sinn ändern. Und wer verschuldet das alles?“
„Nun? Wer, wenn's wahr wäre? Bin ich's?“
Tankred sprach's mit wilder Gebärde und sah seine Frau drohend an. Er war wie rasend. Die Zornadern schwollen ihm, und in dem geöffneten Munde erschienen seine Zähne wie die eines Raubtieres. Aber er flößte ihr keine Furcht ein.
„Gleichviel — es ist so — und ich muß es tragen,“ — stieß sie mit finsterm Trotz heraus und stützte den Kopf mit dem schönen, kalten Antlitz auf die Hand.
Aber grade ihre Ruhe machte den Mann fast besinnungslos.
„Ja, ja, Du mußt es tragen!“ betonte er roh und höhnisch. „Und das Bündnis mit mir bereust Du jetzt natürlich, seitdem die Aussichten auf Geld und Gut geschwunden sind. Nun kenne ich den Grund Deiner Kälte. Jetzt bin ich Dir nichts mehr! — Natürlich, natürlich, Du kalte, berechnende Natur!“
„O Du —!“ stieß die Frau heraus, erhob das gesenkte Haupt und sah den Mann mit einem Ausdruck maßloser, mit Ekel und Weh vermischter Verachtung an. Durch diese seine Sprache war das letzte vernichtet, was sie noch in ihrem Herzen für ihn fühlte. Und er wußte auch jetzt durch ihren Blick, daß er sie verloren, daß sie ihn erkannt hatte als das, was er war. Gut, so mochte es denn sein! Er war zum Kampf bereit, aber die Personen, die Mißtrauen und Widerstand in ihrem Innern angeblasen zu solcher Flamme, sollten büßen. Zunächst jedoch noch einem anderen Gedanken folgend, sagte er und drängte seinen Blick in ihre Augen:
„Übrigens noch eins, bevor Fragen solcher Art als völlig nebensächlich zwischen uns erscheinen! Du gabst bisher vor, mich zu lieben. Hast Du mich denn je geliebt?“
„Wozu — das —?“
„Gleichviel — sage auch ich. Ich bitte ja nur, zu antworten! Ich befehle ja nicht!“
„Ich glaubte Dich zu lieben, ja! —“
„Und nun liebst Du mich nicht mehr?“
„Nein!“
Sie sprach's mit grausamer Kälte.
„Nein?“
Es drang tobend und stöhnend, fast wie ein Gebrüll aus des Mannes Brust. Was sein Gefühl ihm gesagt, nun ward's deutlich und nüchtern bestätigt. Aber was war denn geschehen, daß im Lauf weniger Tage sich dieses Weibes ganzes Inneres von ihm abgewendet hatte? Zorn, Enttäuschung, Rachsucht, Qual und ein Gefühl grenzenloser Unbefriedigung wirbelten in Tankreds Innerem zusammen.
„Nein?“ wiederholte er. „Und da es nicht die Enttäuschung ist, die Dir Theonie bereitete, wie Du mich eben durch Deinen Blick zu belehren trachtetest, was ist's denn? Bist Du zu feige, mir Rede zu stehen? Nun, was ist's wodurch ich Deine Liebe verlor?“