Todsünden

Chapter 15

Chapter 153,715 wordsPublic domain

„Immer wieder wundere ich mich,“ wandte Theonie ein, „daß Sie bei Ihren vielen Interessen das Land der Stadt vorziehen. Was bietet sich Ihnen hier in der Einsamkeit?“

„Lieben Sie nicht auch das Land, gnädige Frau? Schätzen Sie nicht auch die reine Luft, die einfachen, natürlichen Verhältnisse, den unmittelbaren Verkehr mit der Natur, die Ruhe und die Behaglichkeit? Anregung findet ein Mensch, der sich nicht nur mit seinem Ich beschäftigt, überall. Ich liebe, wie ich schon oft hervorhob, die Menschen in dieser Gegend, die hiesige Geselligkeit mutet mich an, und die Beschäftigung mit Stall, Acker und Vieh hat für mich etwas außerordentlich Anziehendes. Ich beneide die Städter nicht, ich bemitleide sie. Ihr Gehirn ist in einer fortwährenden Bewegung, sie müssen mitlaufen, wenn sie nicht am Wege liegen bleiben wollen, und zu einem rechten, ruhigen Lebensgenuß vermögen sie nicht zu gelangen. Wandern die Wohlhabenden unter ihnen nicht alle jährlich in die Berge, ans Meer und in kleine, abgelegene Ortschaften? Und dann giebt's ja auch heut zu tage keine Entfernungen mehr. Ich kann ja, wenn mich die Lust und Laune packt, in wenigen Stunden in Hamburg und Berlin sein.“

„Sie haben wohl noch keine Aussicht, etwas hier in der Gegend zu erwerben?“ knüpfte Theonie, die durch stumme Gebärden Streckwitz beigepflichtet hatte, an. „Hederich sprach jüngst von Wankendorf. Aber es liegt sehr nördlich, und der Preis soll hoch sein.“

Streckwitz schüttelte den Kopf. „Ich möchte am liebsten etwas hier in der nächsten Umgebung finden. Ich möchte auch Ihnen“ — Streckwitz legte einen nicht mißzuverstehenden Inhalt in den Ton seiner Worte — „nahe bleiben, gnädige Frau.“

Theonie errötete leicht und hielt das Auge gesenkt. Ihr mädchenhaftes Wesen kannte nicht das Mienenspiel, das Frauen anwenden, um Männer zu ermuntern.

Sie zeigte rasch auf zwei Zeisige, die in einem Bauer hin- und herflatterten, und suchte so dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. Aber Streckwitz war heute gekommen, um sich über Theonies Gefühle für ihn Klarheit zu verschaffen.

Nachdem er einen Blick umher geworfen, um sich besser zu versichern, daß er nicht gestört werde, sagte er:

„Vorher sprachen Sie Ihre Verwunderung darüber aus, daß ich mich hier, wie Sie sich ausdrückten, in der Einsamkeit vergrabe. Ein gleiches habe ich von Ihnen schon mehrfach gedacht, gnädige Frau. Durch Ihre Hand ist zwar Falsterhof gelichtet und hat den früheren düstern Eindruck verloren, aber grade für eine junge Frau — da für Ihr Geschlecht so enge Grenzen gezogen sind, weil Sie sich nicht, wie wir, frei bewegen können, — scheint es mir hier recht einförmig. Haben Sie denn kein Verlangen nach der Stadt?“

„Nein, keins! Ich könnte nirgend anderswo leben, und als ich mich nach dem Tode meiner Mutter von hier entfernen mußte, war ich sehr unglücklich.“

„Sie mußten?“

„Ja — oder ich wollte, gleichviel. Als der Tag meiner Rückkehr festgesetzt war, vermochte ich erst wieder die Schwermut, die mich erfaßt hatte, abzustreifen.“

„Sie hatten damals die Gesellschaft Ihres Herrn Vetters, wenn ich mich recht erinnere? Er ist wohl ein sehr anregender Mann? Ich war jüngst auf Holzwerder und habe höchst angenehme Stunden dort verlebt. Sehr gefallen wir auch die Schwiegereltern. Charmante Leute.“

Theonie betätigte letzteres durch eine Bewegung, über Tankred aber äußerte sie sich nicht.

Diese stete, taktvolle Zurückhaltung war's aber eben gerade, die Streckwitz, der das wenig günstige Urteil der Menge über Tankred kannte, zu Theonie so hinzog. Alles, was er bisher von ihr gesehen hatte, war tadellos. Sie war ernst, aber nicht sentimental, klug ohne das Bestreben, sich geltend zu machen, und besaß neben einem edlen Selbstgefühl eine vollendete Weiblichkeit in ihrer Erscheinung und ihrem Wesen. Da das Gespräch sich wieder ein wenig von dem ihm am Herzen liegenden Gegenstand abgewandt hatte, suchte der Mann nach einer direkten Anknüpfung, und plötzlich kam ihm ein Gedanke.

„Noch eins wollte ich Ihnen heute bei meinem Besuch vortragen, gnädige Frau,“ hub er nach geschicktem Übergang an. „Ich habe die Absicht, allernächstens ein kleines Diner zu geben. Würden Sie und Fräulein Carin wohl so liebenswürdig sein, auch daran teil zu nehmen? Ich weiß, daß ich etwas erbitte, das ein wenig ungewöhnlich erscheint. Aber ich hoffe doch auf Ihre gütige Zusage, ja, ich darf sagen, daß ich das kleine Fest vorzugsweise veranstalte, um bald wieder die Freude zu haben, mit Ihnen zu plaudern. Es verlangt mich jeden Tag danach, und wenn ich von Ihnen fern bin, fehlt nur etwas, das durch nichts zu ersetzen ist.“

Die legten Worte hatte Streckwitz in einem weichen, eindrucksvollen Ton gesprochen, und diesmal wich auch Theonie seinen ehrlichen Augen nicht aus. Aber sein Blick verwirrte sie doch so sehr, daß sie nicht gleich Worte fand, vielmehr die Schultern bewegte und in der Erregung den ausdrucksvoll geschnittenen Mund zusammenpreßte.

„Ich bitte, sprechen Sie — sagen Sie etwas —“ drängte Streckwitz, durch die Ungewißheit, wie er ihr Wesen deuten sollte, nicht mehr Herr seiner Gefühle, „oder darf ich noch etwas hinzufügen, etwas von dem vielen, was mich bewegt, seitdem ich Sie kennen lernte? Nun? Darf ich, Theonie, liebste Frau Theonie? —“ wiederholte Streckwitz, indem er sich erhob und Theonie näher trat.

Mit zagendem Ausdruck suchte er ihr abgewendetes Antlitz, er zitterte innerlich, und sein Atem ging rasch.

Aber es war nur für Sekunden. Dann wandte sie sich zu ihm, sah im mit einem Ausdruck unbeschreiblicher Hingebung ins Auge, lächelte sanft und neigte ihre feine Gestalt zu ihm.

„O komm, Du Liebe!“ flüsterte der Mann stürmisch und breitete seine Arme aus.

Durch ihren Körper ging ein Beben; sie liebte ihn leidenschaftlich, und er hörte es aus ihrem Munde, als er nun glückberauscht sie fest und fester an sich zog.

* * * * *

Die Verlobung des Herrn von Streckwitz mit Theonie Cromwell bildete in der Umgegend das Tagesgespräch.

Je nach ihrer freundlichen oder durch vermeintliche Zurücksetzung, Neid und Mißgunst hervorgerufenen feindlichen Stimmung nahmen die Menschen für oder gegen das Brautpaar Partei. Einmal hieß es, sie paßten vortrefflich zusammen, und beide seien liebens- und achtenswerte Menschen, ein andermal dagegen, es könne nur ein Unglück daraus entstehen, wenn zwei so selbstbewußte und absprechende Menschen sich vereinigten. Und einmal paßte den Leuten Theonies Nase nicht, ein andermal hielten sie sich über Streckwitz's schleppenden Gang auf, bald war's nur Berechnung von seiner Seite, und bald hatte sie ihn durch Koketterie und zwar durch ihr gemacht sanftes Wesen und ihr langsames Augenaufschlagen gefangen. Aber jedenfalls — darin stimmten alle überein — kam Geld zu Geld; für beide Teile war die Partie eine gute, und mit so reichen Leuten zu halten, wenn man sie auch nicht mochte, war nicht mehr als selbstverständlich. Ohne Nebengedanken stimmten eigentlich nur Tressens und Höppners dieser Verbindung zu. Selbst in Carins und Hederichs Freude mischte sich ein Spürchen Unbehaglichkeit.

Hederich fürchtete, das Mädchen, das er nun einmal liebte, zu verlieren. Sie würde sich eine andere Stellung suchen müssen, und er sie nicht mehr sehen; und Carin beschäftigte nicht minder der Gedanke, daß nun wohl ihre Tage auf Falsterhof gezählt seien.

Die Pastorin hatte in ihrer Freude keine Ruhe und mußte gleich etwas thun. An Streckwitz schrieb sie einen Brief, in dem sie ihm gratulierte, und zu Theonie machte sie sich schon wenige Tage nach Empfang der Verlobungsanzeige auf den Weg.

„Sie müssen meinen guten Mann entschuldigen, er hatte dringende Amtsgeschäfte, sonst wäre er mitgekommen!“ erklärte sie nach ihrem aus dem Herzen kommenden und von einer Umarmung begleiteten Glückwunsch. „Und gleich heute möchte ich von Ihnen hören, liebste Theonie, wann Sie und Herr von Streckwitz uns beehren können. Wir möchten Ihnen ein recht lustiges Verlobungsfest geben und dazu nette Menschen einladen. Waren Tressens schon bei Ihnen? Haben Sie etwas gehört, wie die Dinge stehen? Man erzählt sich, daß zwischen den Alten und Jungen schwere Differenzen ausgebrochen sind. Es war leider zu erwarten! Übrigens, Ihr Vetter wird nicht sehr von Ihrer Verlobung erbaut sein, Theonie.“

So sprach die lebhafte Pastorin in raschem Redefluß und ward erst unterbrochen, als Theonie ihr nun mit einem unbefangenen:

„Sie meinen, liebe Pastorin?“ ins Wort fiel.

„Nun, er wird natürlich fürchten, daß Sie jetzt an eine Vermögensabtretung nicht mehr denken, daß er auf Falsterhof in Zukunft keinerlei Aussicht hat.“

„Er irrt sich aber!“ entgegnete Theonie mit größter Ruhe. „Wenn er während der Frist nichts thut, was ehrenrührig ist, und wenn er nicht verschwendet, sondern solide wirtschaftet, halte ich an meiner einmal gegebenen Zusage fest. In diesem Sinne gab ich sie. Daß mein Vetter seinen Charakter nicht ändert, weiß ich, aber diese Forderung habe ich auch nie an ihn gestellt.“

Die Pastorin sah mit Bewunderung auf die Sprechende. Ein solcher Sinn für Gerechtigkeit und ein solches Festhalten an einem gegebenen Wort waren ihr bisher nicht vorgekommen. Aber da sie Brecken immer mehr verabscheute, ja, nach der Unterredung betreffs ihres Siechenhauses sogar einen untilgbaren Widerwillen gegen ihn gefaßt hatte, knüpfte sie noch einmal an und sagte:

„Ihre im übrigen sehr vorsichtig gefaßte und durchaus nicht bindende Zusage gaben Sie doch damals aus Zwang. Auch die Furcht leitete Sie. Um Gewalttaten aus dem Wege zu gehen, gingen Sie auf seinen Vorschlag ein, Theonie. Wie stehen nun heute die Dinge? Das Hauptmotiv Ihrer Handlungsweise, daß Ihr Vetter mittellos war, ist inzwischen fortgefallen. Er sitzt jetzt unter warmen Decken. Ferner, damals dachten Sie nicht an Heiraten. Jetzt aber steht Ihnen Ihr Mann doch näher, als Ihr Vetter, und wenn Sie Nachkommen haben, wird er sich gewiß weigern, die Hälfte von Falsterhof für nichts herzugeben. Und ist Ihr Vetter denn wirklich würdig, so von Ihnen bevorzugt zu werden?“

„Es sieht Ihnen gar nicht ähnlich, daß Sie an einmal gegebenen Zusagen rütteln, liebe Pastorin. Was hat Ihnen mein Vetter gethan?“

„Das will ich Ihnen sagen, oder vielmehr ich will Ihnen den Grund darlegen, weshalb ich diesem Menschen nicht noch einen Vermögenszuwachs gönne.“

Und nun erzählte die Pastorin von ihrem Besuch, wie Brecken und Grete sich dabei benommen, und daß er erklärt habe, höchstens hundert Thaler zeichnen zu wollen.

„Sehen Sie, das ist es!“ schloß sie. „Wenn Ihr Geld gute Früchte tragen würde, auch andere Vorteil daraus ziehen könnten, wenn's nicht nur der Gier dieses Geizhalses diente, dann würde ich gewiß keine Einsprache erheben. Aber indem Sie sich das Kapital entziehen, verringern Sie für sich selbst die Möglichkeit, Ihren Nebenmenschen davon mitzuteilen, wie bisher Glück und Segen dadurch zu verbreiten. — Ja, ja, ich weiß sehr wohl, wie viel Sie thun, liebste Theonie! Wo immer es sich um ein Liebeswerk handelt, sind Sie da, und in Breckendorf und Elsterhausen sind die Namen derer nicht zu zählen, denen Sie Wohlthaten erzeigen. Das ist das Richtige. Wer sein Geld so anwendet, der hat auch ein Recht, viel zu haben. — Blos Geld erwerben, um es zu besitzen? Welch ein gemeiner Standpunkt! Immer ist's ein Beweis kleinlicher Seelen. Und nicht einmal den Einwand, es sei nicht das Geld sondern die Freude am Erwerben, der Sparsamkeitsdrang, — lasse ich gelten! Geld soll nur ein Mittel zum Zweck sein, glücklich zu werden und andere glücklich zu machen. Darin besteht jedes Vernünftigen Lebensaufgabe. — Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich Ihrem Vetter erklären, ich habe damals verhüten wollen, mein Geld einem Verschwender zu geben. Das sei er nicht, wie Sie jetzt sähen, aber, was weit schlimmer, ein Geizhals, und Geiz sei einer der gemeinsten menschlichen Triebe. Übrigens“ — brach die Pastorin ab, da sie sah, daß ihre Rede auf Theonie Eindruck gemacht hatte, und jetzt weitere Worte vielleicht schaden könnten, statt nützen — „wie wird's nun mit unserer trefflichen Carin? Bleibt sie bei Ihnen?“

„Ich werde ihr nicht kündigen,“ erwiderte Theonie. „Wohin soll das arme, verlassene Ding? Sollte sie aber selbst den Wunsch ansprechen, zu gehen, so ist es etwas anderes.“

„Auch das sieht Ihnen wieder ganz ähnlich, Sie herrliches Menschenkind. Immer stellen Sie sich auf den Standpunkt Ihres Nebenmenschen, nicht nur auf Ihren,“ schloß die Pastorin lebhaft und drückte der Freundin in einem überströmenden Gefühl die Hand. —

Während in solcher Weise die Pastorin Höppner, ihrem Unmut nachgebend, in die Breckenschen Angelegenheiten eingriff, gestalteten sich in Tankred ganz andere und keineswegs hoffnungslose Gedanken. Schon wiederholt hatte er gefunden, daß es nicht nur weise sei, das Ungünstige zu nützen, um Günstiges daraus zu ziehen, sondern daß dies bei geschickter Handhabung auch meist mit Erfolg gekrönt wurde.

Versteckte Pfade zum Glück lagen überall, aber man mußte Augen zum Sehen haben. —

In einer Unterredung, die zwischen Tankred und seiner Frau über Theonies Verlobung stattfand, warf Grete ähnliche Zweifel hin, wie die Pastorin sie geäußert hatte.

„Nun wird's wohl mit dem Erben nichts!“ begann sie und schnitt aus einem großen Haufen weißer und bunter Leinwandstücke, die vor ihr lagen, eine Anzahl Vierecke, aus denen sie Wischtücher machen wollte. „Herr von Streckwitz sieht wir gar nicht danach aus, als werde er Dich freiwillig zum Miterben von Falsterhof einsetzen. Zu Erörterungen oder gar zum Prozeß wird's jedenfalls kommen, aber es ist richtig: weshalb sich schon jetzt den Kopf verdrehen! Nur eins, Tankred, wir wollen ihnen keine Veranlagung geben, berechtigte Anklagen gegen uns zu erheben. Um unserer selbst willen schon wollen wir es vermeiden.“

Grete hatte die Worte in dem ihr eigenen Gemisch von Ehrlichkeit und Berechnung gesprochen und sah, ein eben gesäumtes Tuch glättend und in genauer Anpassung auf ein Häufchen bereits fertig gewordener legend, zu ihrem Manne empor.

Er aber sagte, aus einem tiefen Nachdenken sich erhebend:

„Was meinst Du, Grete, wenn wir die Sache ganz anders anfingen, jetzt, wo noch der Gedanke in Theonie kräftig ist, wo noch ihr Rechtsgefühl nicht durch Einwirkung von seiten anderer gelitten hat? Ich stimme Dir nämlich bei: Wenn die paar Jahre verflogen sind, wird von der Sache gar nicht mehr die Rede sein. Sie werden Kinder haben, und an freiwillige Hergabe ist nicht zu denken. Ich meine so: Ich trete jetzt vor Theonie hin und sage: Gieb mir einen größeren Teil, etwa zwei Drittel von dem Zugesagten, dann will ich auf meine weiteren Ansprüche verzichten. Thue es, bevor Du an den Altar trittst, damit Du reinen Tisch hast, wenn Du in die Ehe gehst. Ich glaube, ich würde reüssieren! Vielleicht könnten wir Theonie durch Hederich sondieren. Was meinst Du?“

„Wie viel wird denn das ausmachen — ich meine an Kapital — ungefähr?“ warf Grete forschend hin.

„Nun, ich rechne den Wert von Falsterhof auf vierhunderttausend Thaler. Davon die Hälfte sind sechshunderttausend Mark, und davon zwei Drittel vierhunderttausend.“

„Ah —!“ machte Grete. „Aber,“ setzte sie gleich hinzu, „das ist doch ein Unterschied von zweihunderttausend Mark.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Schlag's jedenfalls in runder Summe vor! Laß Dich nicht auf Teilzahlungen ein, Tankred. Der Gedanke an sich ist ja sonst sehr gut! Sage ihr, sie solle fünfhunderttausend Mark zahlen, dann spart sie doch noch hunderttausend.“

Tankred machte eine etwas ungeduldige Bewegung.

„Wir verfügen über eine Beute, die wir noch gar nicht haben. Nein, das geht nicht. Wenn sie nun überhaupt nicht will? Zwingen kann ich sie doch nicht. Ja, später klagen, prozessieren, aber was kommt dabei heraus?“

Tankred wollte von Prozessen schon deshalb nichts wissen, weil seine Fälschung dabei an den Tag kommen konnte.

Und dann, während er noch nachdachte, kam's jäh wie ein Blitz über ihn, daß es schon am besten wäre, wenn's keinen Streckwitz auf der Welt gäbe, wenn, wenn — auch Theonie nicht mehr auf Erden sei! Dann war er Erbe des Ganzen!

Die Furie Habsucht packte ihn mit solcher Gewalt, so unvermittelt und heftig war ihr Angriff auf seine Seele, daß ihm die Kniee bebten, und in dem Drange nach Ablösung von dem furchtbaren Gedanken sich unwillkürlich ein schwerer Seufzer aus seiner Brust wand, und seine Augen sich schlossen.

Grete erhob überrascht das Haupt.

„Was hast Du? Ist Dir nicht wohl?“ fragte sie betroffen.

„Doch — doch. — Mich fröstelte nur ein wenig.“ Und dann: „Sag, Grete, wie wär's, wenn Du mit Hederich sprächest, daß er Theonie sondierte? Dir schlägt er nichts ab, im Gegenteil —“

Die Frau aber schüttelte den Kopf. Sie wollte in dieser Sache Hederich nicht ins Vertrauen ziehen, ihr Inneres sträubte sich dagegen, grade ihm die Blößen ihrer Seele aufzudecken. Sie war eifrig bedacht, sich die gute Meinung, die er noch von ihr hatte, zu erhalten.

So sagte sie denn, auch ihrer besseren Einsicht folgend und sie vorschiebend:

„Nein, das ist nichts. Wo man selbst reden kann, soll man sich keines Vermittlers bedienen. Und in delikaten Dingen sind zwei Ohren mehr immer zu viel. Wenn Hederich von unseren Absichten unterrichtet wird, weiß auch Carin sie, und Carin bespricht alles mit der Pastorin, die ihren Mund nie halten kann. Du mußt mit Theonie ohne Zeugen reden; sie ist — das muß man ihr rühmend nachsagen — die personifizierte Diskretion.“

Tankred stimmte eifrig bei. Ja, seine Frau hatte, wie immer, recht; er beschloß auch, gleich zu handeln und alle Künste aufzuwenden, um seinen Zweck zu erreichen. Noch hatte sicher Streckwitz keinen Einfluß auf Theonie gewonnen. Je länger er aber zögerte, um so ungünstiger wurden seine Ansichten.

Gleich nach Tisch ließ er sein Reitpferd satteln, hörte noch einmal alles, was Grete ihm sagte, an und machte sich dann nach Falsterhof auf den Weg.

Es war ein nebliger, aber ungewöhnlich milder Wintertag. Bald nach Tankreds Fortreiten begann es vom düsteren Himmel herunter zu flocken, und die warme Luft verwandelte die Schneegebilde bereits vor dem Herabfallen in flüssiges Naß. Der Gaul leckte und dampfte. Die Hufe drangen tief in die schlüpfrigen Wege ein, und beim schnellen Trab spritzte das erdigschmutzige Wasser Tankred in das ohnehin feuchte Gesicht. Aber er achtete weder darauf, noch auf die Nässe, die seinen ganzen Körper bedeckte; er sah nicht die im feuchten Nebel ausgestreckte Landschaft, die Bäume, Felder und Wiesen, er war nur beschäftigt mit seinen Plänen, mit Theonie und seinen Schwiegereltern. Wenn er letztere nur erst aus dem Hause gebracht hätte! Es stand fest in ihm, sobald Grete ihrer Mutter Hülfe am Krankenbett entbehren konnte, wollte er ein Ende machen. Aber während er sich ausmalte, daß sie wirklich von Holzwerder Abschied nähmen, — er sah seinen Schwiegervater in den Wagen steigen und das schmerzentstellte Gesicht seiner Schwiegermutter vor sich —, stolperte der Gaul, von Tankred loser im Zügel gehalten, so unglücklich, daß der Reiter fast aus dem Sattel gehoben ward.

Das Tier aber mußte für seines Herrn Nachlässigkeit büßen; Tankred zog dem Rappen mit der Reitgerte einige starke Schläge über den Rücken. Und während der abergläubische Mann dahinsauste, überkam ihn die Vorstellung, daß das Schicksal ihn durch diesen Vorfall habe mahnen wollen. Na ja, Gedanken waren noch keine That! — So schloß er rasch einen Kompromiß mit der leicht zu beschwichtigenden Stimme in seiner Brust.

Endlich gewann er eine kurz vor Falsterhof aufsteigende Höhe, und zu seinen Füßen lag halbverschwommen das Gut ausgebreitet. Aus dem Schornstein des Herrenhauses schob sich langsam qualmend der Rauch. Wie eine schwarze Wolke erschien er dem Auge, da ein noch dichterer Nebel inzwischen die Landschaft eingehüllt hatte.

Tankred ward dadurch an die bald eintretende Dunkelheit gemahnt, und so setzte er, die Ebene gewinnend, das Tier so lange in Galopp, bis er den Hof erreicht hatte.

„Die gnädige Frau zu Hause? Herr von Streckwitz auch da?“ warf Tankred hin, während Klaus das Tier abführte.

Ein Ja und ein Nein erfolgte. Theonie war also allein, Gott sei Dank!

Als Tankred ins Haus trat, war Frege nicht anwesend; ein Mädchen, welches eine auf dem Flur stehende, mit messingenen Zierraten versehene hochschlanke Uhr putzte, stieg eilig von einem für ihre Arbeit herangerückten Stuhl herab und eilte fort, um Tankred zu melden.

Seltsamer Gegensatz! Hier das peinliche Behüten eines Hausgegenstandes, und dagegen er, der kam, um zu sagen: gieb nur freiwillig die Hälfte Deines Vermögens! Tankreds gehobene Vorstellungen wurden durch diesen Vergleich sehr herabgestimmt, aber nun erschien die Magd wieder, und er trat in das von der Abenddämmerung umhüllte Wohngemach.

„Ich komme trotz Schnee und Regen, Theonie, um Dir gleich meinen Glückwunsch zu sagen,“ begann Tankred bei Theonies Eintritt. „Grete schließt sich mir von Herzen an und bittet, Du mögest verzeihen, daß sie nicht schon heute mitgekommen. Eine Erkältung, die sie sich zugezogen, und das schreckliche Wetter —“

Theonie machte eine liebenswürdige Bewegung, bat Tankred, Platz zu nehmen, und sagte nach einigen warmen Dankesworten, sich besinnend:

„Ich denke, ich lasse lieber schon Licht bringen?“

Sie war aufgestanden, aber hielt inne, als Tankred sie unterbrach:

„So? meinst Du? Nun, mir ist's recht. Ich schwatze sonst gern im Halbdunkel.“

Tankred von Brecken wollte kein Licht. Er konnte besser sprechen, wenn's dunkel um ihn her war, und er ergriff auch nach kurzem Redeaustausch über Herrn von Streckwitz, seine Schwiegereltern und Hederich das Wort in seiner Angelegenheit:

„Höre Theonie! Da wir nun einmal ungestört beisammen sitzen, möchte ich Dir etwas sagen, etwas die Zukunft Betreffendes. Ich weiß, daß Du mich nicht mißverstehen wirst, und was ich sagen will, ist auch von Vorteil für Dich! Durch Deine Verlobung und demnächst stattfindende Heirat verschieben sich sicher Deine Dispositionen bezüglich Deines Vermögens. Ich begreife das — begreife das vollkommen. Als Du mir damals die schriftliche Zusage machtest, lag alles anders. Aber da Du sie mir doch einmal gegeben und, wie ich Dich kenne, nicht ausgestellt hast, um mich nur durch Redensarten zu vertrösten, möchte ich Dir einen Vorschlag unterbreiten, damit Du mit völlig klaren Verhältnissen in die Ehe gehst: Entschließe Dich jetzt, mir einen geringen Anteil auszuzahlen, finde Dich jetzt mit mir ab!“

Tankred durchdrang mit Luchsaugen die Dämmerung, um den Eindruck seiner Worte auf Theonies Antlitz zu lesen. So viel hing von diesem Augenblick ab!

Zu seiner Überraschung nahm Theonie seine Rede sehr ruhig, aber zu seiner höchsten Enttäuschung auch sein Ansuchen äußerst kühl auf.

Sie sagte fast ausdruckslos in Miene und Ton:

„Zu meinem Bedauern muß ich Deinen Antrag ablehnen, Tankred. Die fünf Jahre müssen voll verstreichen, und dann werden nicht, wie Du meinst, die veränderten Verhältnisse meinen Entschluß beeinflussen, sondern die Umstände für mich maßgebend sein. Wenn ich, wie ich hoffe, in die Lage komme, Dir etwas abzutreten oder auszuzahlen, so soll Dir nichts gekürzt werden —“

„Bitte, sage mir Theonie,“ fiel Tankred, durch die letzten Worte aus all seinen Himmeln gerissen, mit künstlicher Ruhe ein, „was soll ich denn eigentlich erfüllen? Was kann dann anders sein als heute? Entschuldige! Aber ich sehe keinen Unterschied. Liegt es nicht wirklich in Deinem Interesse, daß Du Dich vor Deiner Heirat mit mir abfindest? Ich bin überzeugt, Dein Bräutigam wird anders über die Sache denken, als Du. Willst Du nicht wenigstens den Vorschlag in Überlegung ziehen, mit ihm reden? Sprechen wir einmal in Zahlen. Der Wert von Falsterhof repräsentiert wohl fast ein und eine halbe Million. Wenn ich nun sagte, zahle mir jetzt —“

Aber statt ihn ausreden zu lassen, erhob sich Theonie mit einem „Entschuldige, bitte“ und hörte, was der nun doch mit einer brennenden Lampe ins Zimmer tretende Frege „gehorsamst“ zu melden hatte.

„Der Verwalter von Falsterhof läßt fragen, ob er morgen Vormittag zum Vortrage kommen dürfe.“