Chapter 10
In diesem Augenblick erfolgte eine Störung. Die Magd erschien und meldete, daß Herr von Brecken da sei. Er wolle sich nach des Herrn Pastors Befinden erkundigen und bitte auch in anderer Angelegenheit die Frau Pastorin sprechen zu dürfen.
Die Frau schwankte, was sie thun solle. Frege um Breckens willen ungehört abfertigen, konnte ihr nicht beifallen. Ihre gerade Natur machte niemals Standesunterschiede, auch regte sich in ihr eine natürliche Neugierde, Näheres von Frege zu erfahren. So entschied sie sich denn rasch, hinauszugehen, um Tankred mit kurzen Worten abzufertigen.
Während sie jedoch der ihr voranschreitenden und die Thür offenlassenden Magd folgte, erblickte der auf dem Flur harrende Besucher gerade denjenigen Mann in dem Gemach des Pastors, um dessen willen er vornehmlich heute seinen Gang angetreten hatte. Aber Tankreds Mienen verrieten nichts; mit unbefangenster Artigkeit trat er auf die Pastorin zu und richtete, schon während sie ihm in die Wohnstube voranschritt, äußerst teilnehmende, ihren Mann betreffende Fragen an sie. Nachdem dies geschehen, nahm die Pastorin das Wort und sagte, nicht ahnend, daß Tankred wisse, wer bei ihr sei:
„Ich habe Besuch, den ich nicht fortsenden kann, aber ich wollte Sie doch für einige Minuten wenigstens empfangen. Zunächst eine Frage: Bestätigt es sich, daß Sie sich mit Fräulein von der Linden verlobt haben? Man sagt so!“
Tankred nickte. „Ja, Frau Pastorin; es war neben dem Wunsche, mich nach des Herrn Pastors Befinden zu erkundigen, der Zweck meines Erscheinens, Ihnen persönlich das für mich so glückliche Ereignis mitzuteilen. Haben Sie Nachricht von meiner Kousine? Wissen Sie, wann sie nach Falsterhof zurückkehrt? Ich war gestern dort, aber kam über einen ärgerlichen Zwischenfall gar nicht dazu, Frege zu fragen. Denken Sie — und auch das wollte ich zur Vermeidung thörichter Aussprengungen Ihnen sagen, — der Mensch lehnte sich in so ungebührlicher Weise gegen mich auf, daß ich ihn züchtigen mußte. Ich erhielt durch einen Zufall Kenntnis von allerlei Schleichereien seinerseits und einem ganz unerhörten Eingreifen in meine persönlichen Angelegenheiten. Er hat neulich bei seiner Anwesenheit auf Holzwerder das mir von Theonie ausgefüllte Schriftstück — Sie wissen, die Abtretungsakte, die ich Herrn von Tressen vorlegen wollte, — an sich genommen und kopiert und weigerte sich, mir die Abschrift herauszugeben. Es wird wahrlich nicht in dem Willen meiner Kousine liegen, besonders nicht, nachdem wir dauernd Frieden geschlossen, daß ihr Diener auf eigene Faust Spionage treibt und sich dabei den Anschein giebt, als ob es für das Wohl und Wehe seiner Herrin nötig sei. Es scheint, der Mensch will mir imputieren, ich habe ein Schriftstück überhaupt gar nicht von seiner Herrin empfangen! Weshalb sollte er sich sonst erdreistet haben, davon Abschrift zu nehmen?“
Nachdem er auf diese Weise Freges Darstellung abgewehrt hatte, unterbrach sich Tankred und bat, als ob er durch seine Rede fortgerissen sei, um Entschuldigung, die Pastorin so lange in Anspruch genommen zu haben. „Verzeihen Sie, daß ich bei Ihrer kurz bemessenen Zeit auch über diese Angelegenheit mich noch äußerte. Aber da Sie, verehrte Frau Pastorin, doch gerade die gütige Vermittlerin zwischen meiner Kousine und mir gewesen sind, wollte ich an Sie auch die freundliche Bitte richten, Ihre mir gelobte Verschwiegenheit zu brechen und jedem, der fragt, mitzuteilen, wie die Dinge wirklich liegen. Mich gegen unsinnige Beschuldigungen eines Dienstboten zu verteidigen, könnte mir wahrlich sonst nicht beifallen, aber hier ist es in der That geboten, die Dinge klarzustellen.“
In dieser Rede war jeder Satz berechnet. Daß es sich bei Freges Vorgehen um etwas ganz anderes gehandelt, daß er eben bei seinem tief eingewurzelten Mißtrauen gegen Tankred ein Falsifikat vermutet hatte, erwähnte Tankred natürlich nicht. Er wollte sich den Anschein geben, als ob die Möglichkeit einer solchen Unterstellung ihm überhaupt gar nicht in den Sinn gekommen wäre.
Zu seiner Befriedigung bemerkte er denn auch, daß die Pastorin, unbekannt mit Freges Schlußfolgerungen, Partei für ihn zu nehmen schien und, ihrem Gerechtigkeitssinn folgend, erklärte, sie werde gern Gelegenheit nehmen, falsche Gerüchte, wenn sie ihr begegneten, richtig zu stellen.
Mit den Worten: „Im übrigen will ja Ihre Kousine in vierzehn Tagen zurückkehren. Sie können dann selbst die Dinge mit ihr bereden,“ verabschiedete sie sich von Tankred und eilte, da eben auch ihr Mann, bei dem Carin statt ihrer den Dienst versehen, nach ihr verlangte, in das Krankenzimmer. Infolgedessen streifte Tankred Carin auf dem Flur: „Ah, mein hochverehrtes Fräulein. Sehr erfreut, sie einmal wieder zu sehen,“ hub er unter vielen Komplimenten an. „Zu meiner großen Freude höre ich, daß Sie in Zukunft meiner Kousine Gesellschaft leisten werden. Ich kann meiner Verwandten dazu nur ebenso sehr Glück wünschen, wie ich bedauert habe, daß Sie sich von meiner Braut trennen mußten. — Meine Braut! Allerdings. Das Gerücht bestätigt sich! — Ich danke sehr für Ihre guten Wünsche,“ schloß Tankred, als Carin, der es war, als habe eine giftige Natter sie angezischt, die aber doch einige höfliche Worte nicht umgehen konnte, ihre Gratulation aussprach.
Wenige Sekunden später hatte Tankred, sehr befriedigt über den Erfolg seines Besuchs, das Pastorenhaus verlassen. —
Als er in seine Wohnung in Elsterhausen zurückgekehrt war, ließ er sich sogleich nieder und schrieb die nachstehenden Zeilen an Theonie:
‚Liebe Theonie!
Zunächst melde ich Dir heute, daß ich mich mit Grete von der Linden verlobt habe. Wenn ich in die Dir seinerzeit gegebenen Erklärungen einflocht, daß mich neben deiner Zuneigung für Dich besonders der Wunsch leite, durch eine Heirat ein festes Fundament zu gewinnen und meine ehrlichen Vorsätze zu unterstützen, so kann ich Dir dies auch jetzt als den wesentlichen Beweggrund für meinen Entschluß anführen.
Nachdem ich auf den höchsten Wunsch meines Lebens, Dich zu besitzen, habe verzichten müssen, haben der Schmerz und das Verlangen, sobald wie möglich aus dem unthätigen Zustande herauszukommen, mich bestimmt, um die Erbin von Holzwerder anzuhalten. Da die künftigen Lebensverhältnisse, meine und die der Familie Tressen, bei dieser Gelegenheit zur Sprache gelangten, habe ich das mir von Dir übergebene Schriftstück vorgelegt, und da es meine Pläne wesentlich gefördert hat, so will ich auch die Gelegenheit ergreifen, um Dir nochmals von ganzem Herzen zu danken. Dieser Dank erfüllt mich umsomehr, als ich mir bewußt bin, nicht immer so gegen Dich gehandelt zu haben, wie Du es erwarten konntest. Jähzorn ist das Erbteil der Breckens. Er riß mich hin, mein Inneres hatte keinen Teil daran, und ich habe das Geschehene ehrlich bereut. Beiläufig bemerke ich, daß Frege sich sehr ungebührlich benommen hat, indem er das mir von Dir eingehändigte Schriftstück, das er zufällig in meiner Rocktasche fand, kopierte. Als ich die Herausgabe meines Eigentums, das ich nicht als für fremde Augen geschrieben ansehe, forderte, verweigerte er sie und erging sich zugleich in so unerhörten Ausdrücken, daß er eine ihm gewordene Züchtigung durchaus verdiente. Ich erzähle Dir dies einmal, um den wirklichen Thatbestand zu Deiner Kenntnis zu bringen, anderseits, um Dich freundlich zu ersuchen, ihm seine unwürdige Spionage zu verbieten. Daß Du nicht damit einverstanden bist, weiß ich.
Und nun habe ich noch eine Bitte. Meine Braut möchte mich natürlich gern täglich sehen. Auf Holzwerder zu wohnen, widerspricht der Schicklichkeit. Würdest Du wohl gestatten, daß ich bis zu meiner Heirat, die schon in sechs Wochen stattfinden soll, wieder nach Falsterhof übersiedele? Ich weiß nicht, was ich Tressens und Grete als Grund meines längeren Wohnens in Elsterhausen angeben soll. Du wirst gewiß auch nicht wollen, daß ich den wahren Sachverhalt aufdecke, und verstehen, daß ich nicht erklären möchte, Du habest mir den Aufenthalt in Falsterhof untersagt. Frege werde ich sein Benehmen nicht entgelten lassen, wenn er trotz der geschilderten Vorgänge ferner in Deinem Dienste bleiben soll. Daß ich nicht gern mit ihm zusammen bin, wirst Du begreifen, wenn Du Dich nur einen Augenblick in meine durch sein Vorgehen geschaffene Lage hineinversetzest. Bitte, antworte bald und Gutes Deinem Dich herzlich grüßenden und Dir allzeit aufrichtig und dankbar verpflichteten
Tankred von Brecken.‘
Nachdem Tankred das Geschriebene noch einmal durchgelesen, bewegte er sehr befriedigt das Haupt. Er stand unter dem Eindruck, daß er dem höchst ärgerlichen Zwischenfalle mit Frege die Spitze abgebrochen oder sogar dessen Stellung erschüttert habe. Auch die Pastorin war gegenwärtig viel zu sehr mit ihrem Manne beschäftigt, um ihm Ungelegenheiten zu bereiten. Wenn der einfältige Pastor starb, ward sie erst recht davon abgelenkt, sich in anderer Leute Angelegenheiten zu mischen. So hatte er denn von dieser Seite schwerlich etwas zu befürchten, und es blieb nur die Helge, die der Himmel hoffentlich auch noch unschädlich für ihn machen würde.
Aber Tankreds Gedanken gingen an diesem Tage auch zu seinen zukünftigen Schwiegereltern. Frau von Tressen war doch eine sehr dezidierte Dame; mit ihr war nicht so leicht fertig zu werden. Ihm ahnte, daß er mit dieser Frau in seinem zukünftigen Lebenslaufe noch manchen Kampf werde ausfechten müssen; ihren Vorteil würde sie nicht aus dem Auge verlieren. Und gerade das paßte ihm gar nicht. Seine anfängliche Bereitwilligkeit, Tressens eine Rente in dem geplanten Umfange zu überweisen, hatte sich nun, nachdem er festen Fuß gefaßt, schon sehr gemindert. Er fand, daß eine Rente von fünfzehntausend Mark weitaus genug sei, und außerdem mußte es sein Ziel sein, keine schriftlichen Zusagen zu geben. Wenn er Grete erst heimgeführt hatte, war es ihm sehr gleichgültig, was aus Tressens ward, und ob sie ihn haßten oder liebten.
Aber Vorsicht! Die Frau guckte durch die Wand. Er beschloß, vorläufig alles ängstlich zu vermeiden, was den guten Eindruck, den er bisher hervorgerufen, irgendwie abschwächen könnte. —
Nach einigen Tagen traf die Antwort von Theonie ein. Sie schrieb:
‚Deinen Brief, den ich gestern erhielt, beantworte ich in aller Kürze. Zunächst meine Gratulation. Möge Dir in Zukunft werden, was Du erwartest, und insbesondere auch das, was Du bezüglich Deiner selbst voraussetzest. Niemand kann es aufrichtiger wünschen als ich. In den Abmachungen möchte ich keine Änderungen eintreten lassen; ich ersuche Dich, davon abzustehen, nach Falsterhof überzusiedeln. Ich habe die Absicht, allernächstens zurückzukehren, und hoffe dann auch Deine Braut zu begrüßen, der ich mich, sowie der Familie Tressen, bestens zu empfehlen bitte.
Theonie.‘
Diese dem Kernpunkt seiner Anfrage kühl ausweichende und sogar die Fregesche Angelegenheit gänzlich umgehende Antwort enttäuschte und ärgerte Tankred aufs äußerste. In seiner gewohnten Heftigkeit warf er den „Wisch“ in die Ecke und murmelte böse Worte zwischen den Lippen. Eine infam hochmütige Art hatte diese Theonie, eine Art, für die er sie am liebsten gleich gezüchtigt haben würde!
Und was sollte er nun auf Holzwerder erklären? Bisher hatte er noch immer triftig klingende Auswege zu finden gewußt und in der Sicherheit, daß Theonie ihm zu Willen sein werde, zuletzt erklärt, daß er in den nächsten Tagen nach Falsterhof übersiedeln wolle. Daß seine Verwandte die Absicht ihrer Rückkehr bestätigte, paßte ihm auch nicht. Überhaupt fand er es sehr überflüssig, daß sie wiederkam, weil es seine Pläne durchkreuzte. Er fürchtete, daß Frau von Tressen ein offenes Wort mit Theonie sprechen könne, bevor er Grete geheiratet habe.
Es ging auch aus den Zeilen hervor, daß Theonie gar keine Furcht mehr vor ihm empfand. Natürlich! Sie hatte ihn ja durch das Schriftstück in Händen. Wenn er irgend etwas that, was ihr Mißfallen erregte, schädigte er seine Zukunft.
Tankred kam zum erstenmal der Gedanke, ob es nicht am besten sein werde, das Feld zu räumen, sich mit seiner künftigen Frau ganz aus diesem Umkreis zu entfernen! Dann war er mit einem Schlage aller Kontrolle entrückt und brachte sich aus dem Verkehr und der Nähe der ihm lästigen Personen. Er wollte es überlegen und mit Grete darüber sprechen.
* * * * *
An einem der dem Vorerzählten folgenden Tage begab sich in der Vormittagsstunde Frau von Tressen zu ihrer Tochter Grete ins Zimmer. Grete bewohnte zwei sehr hübsche, in einem erkerartigen Anbau gelegene Gemächer im Parterre. Von hier aus hatte man einen ungehinderten Blick ins freie Land und eine Aussicht auf einen weitläufigen, sich bis an die Seite des Schlosses hin ausdehnenden Garten.
Eine große Ordnung zeichnete die Räume neben ihrer reichen Einrichtung aus, zugleich aber fiel die Anhäufung von zahlreichen Gegenständen auf. Hier konnte sich die Behauptung, daß aus der Umgebung eines Menschen sich sein Charakter ableiten lasse, bewahrheiten; ein geschärftes Auge erkannte sowohl das Bestreben der Inhaberin der Räume, sich mit Bequemlichkeiten zu umgeben, als auch ein peinliches Behüten von Besitz.
Auch fehlte ihr der Schönheitssinn nicht. Blumen standen in den Fenstern und füllten namentlich den Erker. Die vorhandenen Gegenstände bekundeten sämtlich einen geläuterten Geschmack.
Letzterer war ein Erbteil Gretes von ihrer Mutter; sie glich ihr darin völlig, während ihre sonstigen Eigenschaften sie durchaus von ihr unterschieden.
Heute hatte Frau von Tressen die Absicht, endlich einmal mit ihrer Tochter die materielle Frage der Zukunft zu besprechen. Ihr Mann hatte ihr mitgeteilt, daß er bei Brecken ein uneingeschränktes Entgegenkommen gefunden habe, aber das blieb doch gegenstandslos, wenn nicht auch Grete sich einverstanden erklärte; auch mußte die Höhe der Rente einer Besprechung unterzogen werden.
Grete befand sich eben beim Putzen ihrer vielen Nippessachen und erhob etwas überrascht den Kopf, als ihre Mutter zu so ungewohnter Stunde bei ihr eintrat.
„Hast Du einen Augenblick Zeit? Ich möchte etwas mit Dir besprechen. Grete —“
„Bitte, liebe Mama. Nur einen Augenblick —“ Und fortfahrend in ihrer Beschäftigung: „Sieh, wie Minna grenzenlos ungeschickt ist! Da hat sie nun wieder etwas abgestoßen. Gerade an dem alten Krug! Man müßte die Dinge einschließen, und dazu sind sie doch nicht da. — So, bitte, Mama! Willst Du nicht hier sitzen? Noch eins: Habt Ihr heute jemanden eingeladen? Tankred kommt zu Tisch. Du weißt doch!“
Frau von Treffen nickte. „Gerade über ihn und Dich, aber auch über mich und meinen Mann wollte ich mit Dir sprechen, Grete. Höre mich also einmal ruhig an.
Als Dein Vater starb, lagen die Verhältnis sehr einfach, weil überaus günstig! Ich hatte selbst ein Vermögen, und Dein Vater überließ Dir den sonst vorhandenen, von ihm in die Ehe mitgebrachten Besitz. Leider hatten wir — ich meine Dein Stiefvater und ich — viel Unglück. Papiere, in denen mein Vermögen angelegt war, fielen oder wurden ganz wertlos; und einmal angebröckelt, zerrann im Laufe der Zeit alles, was ich besessen hatte.
Stillschweigend haben wir nun von den Renten, die Dir zufielen, mit gelebt und sind darauf auch für die Zukunft angewiesen, da dein Stiefvater sowohl seines Alters als seiner Kränklichkeit wegen nicht imstande ist, noch selbst etwas zu erwerben. Papa hat nun schon mit Tankred gesprochen und ihm die Notwendigkeit vor Augen gestellt, daß eine Vereinbarung zwischen Euch und uns stattfindet. In erster Linie aber hast Du Dein Einvernehmen zu erklären, liebe Grete, und ich möchte Dir einmal sagen, wie wir uns die Dinge gedacht haben.“
„Ja, liebe Mama,“ ging's in ruhig kühlen Ton aus Gretes Munde.
„Holzwerder warf in den legten Jahren unter Hederichs Verwaltung durchschnittlich sechzigtausend Mark ab. Davon ist stets ein Teil für Verbesserungen aufgewendet, der Rest ist für unsern gemeinsamen Unterhalt, Deine Erziehung und die Abwechslungen, die wir uns verschafft haben, verbraucht worden. Tankred hat — natürlich unter Vorbehalt — mit Papa von zwanzigtausend Mark gesprochen, die er Dich bitten würde, uns zu überlassen. Ihr würdet also mehr als das Doppelte behalten, wenn Ihr auf Holzwerder bleibt, da Wohnung und Lebensmittel Euch hier nichts kosten. Wenn es auch natürlich erscheint, daß diese Dinge zwischen Eltern und Kindern besprochen werden, so bleibt es doch peinlich, und ich würde Dir dankbar sein, liebe Grete, wenn du nach Rücksprache mit Tankred das Resultat Eurer Überlegungen ohne abermalige Erörterungen in einem von unserem Advokaten beglaubigten Dokument Deinem Vater übergeben wolltest. — Nun, was meinst Du?“ schloß die Frau, als Grete bei der Pause, die sie machte, nicht gleich ins Wort fiel.
„Ich verstehe ja gar nichts von Geldsachen, liebe Mama. Ich habe keine Ahnung, wie viel wir für unsern Unterhalt brauchen. Ich meine aber, daß es ganz selbstverständlich ist, daß Ihr eine auskömmliche Rente bezieht, zumal Euch die Vorteile des Aufenthalts auf Holzwerder entzogen werden.“
Da diese Antwort auf der einen Seite sehr ausweichend war, der Schluß aber auf etwas hinzudeuten schien, was Frau von Treffen noch gar nicht in den Sinn gekommen war, schwieg sie für Sekunden höchst betroffen und ihre Enttäuschung malte sich deutlich in ihren Zügen. Dann aber nahm sie mit einem Anflug von anlehnender Abwehr das Wort und sagte:
„Ich verstehe nicht, Kind, was willst Du mit dem letzten Satze sagen?“
„Na ja, ich meine,“ entgegnete Grete, nicht ohne Verlegenheit, „daß Ihr doch — wohl in Zukunft —“ und nun lenkte sie durch den Ton in einer Weise ein, als ob das Folgende eben doch nur den Wünschen ihrer Mutter entspräche, — „in der Stadt leben wollt!“
„Nein!“ gab die Frau kurz und entschieden und wiederum so zurück, als ob sie die Hoffnung, die sich in den Worten ihrer Tochter ausgesprochen hatte, gar nicht herausgefühlt habe. „Wir behalten unsern Wohnsitz hier. Ich denke, wir richten uns oben ein — auch darüber wollte ich mit Dir reden — und Ihr herrscht unten. Natürlich bleibt Euch das Reich, und wir bescheiden uns mit den kleineren Räumen.“
„So, so,“ meinte Grete, sich zwangsweise fügend. „Gewiß, ja, das läßt sich ja auch machen! — Ich weiß nicht, wie Tankred darüber denkt. — Und was die andere Sache betrifft, so will ich auch gleich heute mit ihm sprechen. Sei überzeugt, liebe Mama,“ schloß sie, noch mehr einlenkend, da sie dem sehr ernsten Blicke ihrer Mutter begegnete, „daß die Dinge sich so vollziehen werden, wie sie einer gerechten Behandlung in solchen Fällen entsprechen.“
„Es wird also doch nötig sein, daß wir noch einmal reden!? Das möchte ich nicht. Es wäre mir —“ hier nahm Frau von Treffen schon deshalb einen entschiedenen Anlauf, weil ihr ahnte, daß sie vielleicht alles verscherzen werde, falls sie die augenblickliche Gelegenheit nicht wahrnahm, — „doch lieb, wenn wir beide noch ein Wort über die Höhe der Rente sprächen, wenn Du, mein liebes Kind, mich dadurch, daß Du Dich jetzt äußerst, der Peinlichkeit einer abermaligen Erörterung überhöbest.“
„Nun ja, Mama,“ entgegnete Grete, die nicht minder selbstsüchtig war als Tankred, aber die Tugend der Offenheit besaß: „Ich finde es, ehrlich gesagt, etwas viel, was Ihr verlangt. Zwanzigtausend Mark entsprechen bei vier Prozent einem Kapital von fünfhunderttausend Mark. Es können ja, so viel ich davon verstehe, in der Landwirtschaft Konjunkturen eintreten, die unsere Einnahme auf wohl zwei Drittel zu reduzieren vermögen, — ja, gewiß, Hederich hat mir das früher einmal gesagt, — und dann ist das Verhältnis doch zu ungünstig. Wir müssen rechnen, was uns im ungünstigsten Falle bleibt; davon Euch ein Drittel zu überweisen, scheint mir gerecht und billig. Bitte, laß mich mit Tankred, der ja über landwirtschaftliche Verhältnisse unterrichtet ist, sprechen, auch noch einmal mit Hederich Rücksprache nehmen. Ich sage Dir dieser Tage genau, was wir können und wollen!“
Die verwöhnte Frau, die bisher allein geherrscht und über die vorhandenen Mittel mit unbeschränkter Hand verfügt hatte, biß die Lippen aufeinander. Gegen das, was Grete gesagt hatte, ließ sich nichts einwenden, es verriet zugleich aber einen so festen Willen und einen so klaren Blick in die Verhältnisse, daß die Frau von der unangenehmen Überraschung, daß sie so benachteiligt werden sollte, ganz überwältigt ward.
Und doch bezwang sie sich. Gerade ihre zarte Sinnesart ließ sie schweigen neben der Erwägung, daß sie ja ohnehin machtlos war, wenn Grete erklärte, sie wolle sich an ein festes und schriftliches Abkommen überhaupt nicht binden. Nach dem Umfang ihrer Einnahme und ihres eigenen Verbrauchs wolle sie geben.
Aber unter dem schmerzlichen Gefühl über den unnatürlich berechnenden Sinn ihres Kindes griff sie nach dessen Hand und sagte:
„Wir waren bisher so glücklich mit einander, Grete. Laß unser gutes Einvernehmen nicht erschüttert werden durch Geldfragen, die leider in den meisten Fällen Zerwürfnisse hervorrufen. Ich bitte Dich, mein Kind, behalte mich lieb, wie ich Dich liebe, und erinnere Dich stets, daß Du einst ein hülfloses Geschöpf warst, das nirgends eine bessere Zuflucht fand als am Herzen seiner Mutter! — Nicht wahr, Grete, Du versprichst mir, daß Du zu mir und Deinem Vater halten wirst. Ach, oft sah ich schon mit Sorge in die Zukunft, und mein Sinn ward trübe. Er ist es jetzt wieder!“
Bei den legten Worten drängten sich schwere Thränen aus den Augen der Frau, und in Grete von der Linden regte sich etwas von Rührung und guten Entschlüssen zugleich.
„Ich bitte Dich, Mama, weine nicht. Gab ich Dir denn Anlaß, so traurig zu sein, habe ich nicht als selbstverständlich betont, daß Euch ein sorgenfreies Alter gesichert wird? Wenn ich meiner nur einmal innewohnenden Natur folge, die weniger sorglos und leicht ist als die Deine, — verzeih die Erwähnung, — und sorgfältig vorher prüfe, so liegt doch zugleich eine größere Gewähr für Dich darin, daß ich es ernst meine und gewillt bin, was ich zusage, auch nach Kräften zu halten.“
Grete von der Lindens Worte waren ehrlich gemeint. Sie fühlte, was sie sprach, wenn sie auch selbst in diesem Augenblicke sich nicht fortreißen ließ, sondern über den Anspruch, den ihre Mutter erhob, ihre eigene Meinung festhielt. Sie nahm sich aber vor, allzeit gerecht und billig zu handeln.
Freilich vergaß sie, daß in Zukunft noch jemand mitzusprechen haben werde, vergaß, daß Rost an der Seele unaufhaltsam weiter frißt, und daß kein Mensch vorher sagen kann, welchen Einfluß ein anderer auf seine Denk- und Handlungsweise gewinnen wird.
* * * * *
Als an diesem Tage Tankred und Grete nach Tisch sich zurückzogen und das Recht ausübten, das man den nach Alleinsein drängenden Verlobten einräumt, entwand sich Grete ziemlich rasch seinen Armen und sagte:
„Bitte, laß, lieber Tankred! Ich möchte heute einmal mit Dir über die Zukunftsangelegenheiten meiner Eltern sprechen!“
Tankred horchte auf. Was Grete sagte, regte ihn sehr an, und da es sich um diese Angelegenheit handelte, überwand er den Verdruß, daß sie sich den Zärtlichkeiten entzog, nach denen sein leidenschaftlicher Sinn verlangte.
Grete berichtete sodann über das zwischen ihr und ihrer Mutter gepflogene Gespräch und schloß, nachdem sie in ihrer überlegenen Weise die Dinge dargestellt hatte, mit den Worten: „Was meinst Du? Findest Du nicht, daß ich recht habe, wenn ich die Ansprüche der Eltern etwas einzuschränken wünsche?“
Tankred nickte lebhaft. Daß Grete hervorgehoben hatte, bei schlechteren Konjunkturen könnten ihm und ihr nicht dieselben Lasten auferlegt werden wie in guten Zeiten, gefiel ihm ganz außerordentlich.
Hier fand sich der Punkt, an dem er für seine geheimen Absichten anknüpfen konnte.
Nachdem er seine Braut mit vielen offenen und versteckten Komplimenten überschüttet hatte, erwiderte er: