Tiervater Brehm

Part 6

Chapter 63,258 wordsPublic domain

Manch feinen Zug konnte Brehm dabei dem Leben der Alken ablauschen. Ihre geselligen Tugenden erreichen während der Brutzeit eine unvergleichliche Höhe. Während sonst in der Vogelwelt ein Mißverhältnis der Geschlechter zu ununterbrochenem Streite führt, wird bei den Lummen der Friede nicht gestört. Die beklagenswerten Hagestolze, die kein Weibchen zu ergattern vermochten, wandern trotzdem in Verein mit den glücklichen, unterwegs kosenden und tändelnden Paaren dem Brutberge zu. Hat das Weibchen sein einziges, aber sehr großes, kreiselförmiges und buntgetüpfeltes Ei gelegt und hat dessen Bebrütung begonnen, dann wollen auch die armen Junggesellen wenigstens ihren guten Willen bekunden und drängen sich den einzelnen Paaren als Hausfreunde auf. Wachehaltend stehen sie vor den Bruthöhlen, aus denen das Männchen sich entfernt hat. Wenn aber beide Eltern gleichzeitig zum Meere hinabgeflogen sind, dann rutschen sie ohne Zögern ins Innere der Höhle und wärmen inzwischen das verlassene Ei. Nur brüten, ein ganz klein wenig brüten wollen sie: gewiß ein bescheidenes Verlangen für einen Junggesellen! Diese selbstlose Hingabe hat eine Folge, um die wir Menschen die Alken beneiden könnten: auf den Vogelbergen gibt’s kein Waisenkind! Sollte der Gatte eines Paares verunglücken, so bietet sich der Witwe augenblicklich Ersatz, und sollten gar beide Eltern gleichzeitig umkommen, flugs sind die gutmütigen Junggesellen zur Hand, um das Ei vollends auszubrüten und das Junge sorgfältig aufzuziehen.

Mit dem Herzog von Koburg in Abessinien

„Melde gehorsamst, Königliche Hoheit, daß ich eine starke Elefantenherde aufgespürt habe und daß also die Herrschaften voraussichtlich in den nächsten Tagen auf Elefanten zum Schuß kommen werden.“ Mit diesen Worten trat Brehm, von einem Tagesausfluge zurückkehrend, schweiß- und staubbedeckt in das bei dem abessinischen Gebirgsdorfe Mensa aufgeschlagene Zelt des Herzogs Ernst II. von Sachsen-Koburg-Gotha, des bekannten „Schützen-Herzogs“, der mit zahlreichen Teilnehmern eine wissenschaftliche Jagdreise nach diesem afrikanischen Hochlande veranstaltet und die Oberleitung dem berühmten Tierforscher anvertraut hatte.

Der Herzog strich sich schmunzelnd den schwarzen Knebelbart, und die neben ihm stehenden Prinzen von Hohenlohe und von Leiningen lachten sogar aus vollem Halse. „Aber Brehm, wollen Sie uns mit so todernster Miene einen mächtigen Bären aufbinden? Nee, auf einen so plumpen Witz fallen wir nicht herein. So viel verstehen wir doch auch von der Natur des Elefanten, daß er kein Steinbock oder keine Gemse und auch kein Klettertier ist. Wie sollte denn der plumpe Koloß diese furchtbaren Steilhänge hinauf oder herunter kommen? Alles will ich Ihnen glauben, mein lieber Brehm, aber an Ihre Elefantengeschichte glaube ich nicht.“

„Und doch, Königliche Hoheit, ist es genau so, wie ich sagte,“ erwiderte Brehm, „ich habe die Spuren der Elefanten deutlich gesehen und eine große Strecke weit verfolgt. Sie sind doch nicht mit denen eines anderen Tieres zu verwechseln.“ „Was für Spuren eigentlich?“ „Ja, richtige Fährten sah ich freilich nicht oder doch nicht deutlich genug; sie drücken sich auf dem harten Felsboden der Berge zu wenig ab oder verwischen sich im Geröll. Aber ich sah einen Kaktus, auf den ein Elefant mit seiner schweren Fußsäule getreten war, denn alle seine Blätter waren bis zur Wurzel herab zerquetscht. Einzig und allein der Elefant tritt auf diese Weise den Kaktus nieder. Alle anderen Tiere, vielleicht noch mit Ausnahme des Nashorns, umgehen ihn. Dann fand ich auch die ganz unverkennbare Losung der Riesentiere.“ „Wie sieht sie denn eigentlich aus?“ frug der Prinz von Leiningen interessiert dazwischen. „Das kommt ganz darauf an, welche Nahrung die Elefanten aufgenommen haben. Ästen sie vorzugsweise Gras, Kräuter und Baumblätter, so erinnert die Losung nach Gefüge und Farbe stark an die bekannten Pferdeäpfel, nur daß sie natürlich sehr viel umfangreicher ist. Haben die Elefanten dagegen hauptsächlich Zweige gefressen, so sind die Klumpen noch ungeheuerlicher, dunkler gefärbt und enthalten Aststücke von ziemlicher Länge und bedeutender Stärke. Die aufgefundene Losung war sicher noch ganz frisch, denn sie wurde stark von Mistkäfern beflogen, die nur an frischen Mist gehen. Ein weiteres gutes Kennzeichen war es, daß an den Bäumen viele Äste abgebrochen und Zweige abgerissen waren und das in einer Höhe, die außer dem Elefanten höchstens noch die Giraffe erreichen könnte. Aber abgesehen von den ganz verschiedenen Aufenthaltsorten schält die Giraffe nicht die Äste ab, wie dies der Elefant immer tut. Ich habe sogar die Überzeugung gewonnen, daß die Elefanten zu gewissen Jahreszeiten ganz regelmäßig hier vorkommen, denn es sind regelrecht ausgetretene Straßen vorhanden, wie ich sie ja schon von Innerafrika her kenne. Sie führen im Zickzack die Hänge hinauf und hinab und sind mit geradezu bewundernswerter Berechnung und mit dem Geschick erfahrener Baumeister angelegt. Eine sehr nette Feststellung konnte ich dabei machen. An einer Stelle des Pfades hatte nämlich ein großer Stein gelegen, halb über dem Gehänge, halb auf dem Wege. Dieser Stein war ausgebrochen und in die Tiefe hinabgerollt. Er allein aber konnte unmöglich in dem dichten Grase und Gebüsch, das den Hang nach unten hin bedeckte, die greuliche Verwüstung angerichtet haben, die ich bemerkte. Es war, als ob eine große Walze da hinabgerollt wäre und alles niedergequetscht hätte, was ihr im Wege lag. Die Folgerung daraus führte notwendigerweise zu einem sehr ergötzlichen Ergebnis: einer der Elefanten hatte in der Dunkelheit den Stein -- und zwar auf seiner überhängenden Seite -- betreten, vielleicht gedrängt von anderen Mitgliedern der Herde. Der Stein war ausgebrochen, der Elefant hatte das Gleichgewicht verloren und einen großartigen Purzelbaum nach unten geschossen. Von der Tiefe herauf führte auch wirklich ein einziger Pfad nach dem oberen Wege zurück. Der schwere Sturz hat also offenbar dem Riesentiere nichts geschadet.“

Der Herzog war nun doch nachdenklich geworden: „Auf Ihre Verantwortung hin, Herr Doktor, können wir ja in den nächsten Tagen mal einen Versuch in jener Gegend wagen. Aber wehe Ihnen, wenn überhaupt keine Elefanten da sind. Sie wären heillos blamiert, Herr Doktor!“ -- „Darauf will ich es ruhig ankommen lassen,“ meinte Brehm lächelnd. -- „Und ich bin schon ganz begeistert von der Geschichte,“ rief der bekannte Weltreisende und Schriftsteller Gerstäcker, der gleichfalls mit von der Partie war. „Ich möchte das, was Freund Brehm gesagt hat, Wort für Wort beschwören. Weiß ich doch aus eigener Erfahrung, wie wunderbar groß die Anpassungsfähigkeit der Tiere ist. Warum sollte sich da ein so kluges Tier wie der Elefant nicht auch an das Gebirgsleben gewöhnen können und darin mit seinem zwerghaften Vetter, dem Klippschliefer wetteifern? Also heisa! Es gibt eine Elefantenjagd!“ Sie fand wirklich einige Tage später statt und gab Brehms Behauptungen glänzend recht. Es war ein überwältigend großartiger Anblick, wie die aufgeregte Elefantenherde laut trompetend mit erhobenen Rüsseln und weit abgespreizten Riesenohren den steilen Berghang herunterstürmte, daß die Steine nur so stoben.

Brehm hatte auf dieser abessinischen Reise kaum eine ruhige Minute. Von früh bis spät war er unausgesetzt und angestrengt tätig. Er war Reisemarschall, Expeditionsführer und Jagdleiter in einer Person, es lastete also allzuviel auf ihm. Es war nicht leicht, die verwöhnte und vielköpfige Jagdgesellschaft unter einen Hut zu bringen und zufriedenzustellen, zu der auch die jagdkundige Herzogin und der begabte Tiermaler Robert Kretschmer gehörten, der später das „Tierleben“ so ausgezeichnet illustriert hat. Zu allen anderen Hemmnissen kam nach kurzer Zeit noch Brehms alter Feind, das klimatische Wechselfieber, das ihn namentlich während des zweiten Teils der Reise zeitweise völlig schachmatt setzte. Überdies dauerte der Aufenthalt in Afrika nur wenige Wochen, und so verbot schon die Kürze der Zeit eine eingehende wissenschaftliche Tätigkeit in einem Lande, das bereits durch Gelehrte vom Range eines Rüppell und eines Ehrenberg ziemlich gut erforscht war. Brehm war der großen Reisegesellschaft im März 1862 über Kairo, Aden und Massaua nach Habesch vorausgeeilt, um geeignete Lagerplätze auszusuchen und wildreiche Jagdgründe festzustellen. Diese 14 Tage, die er für sich allein in freier, tierreicher Wildnis weilte, ließen eigentlich die einzige Muße für seine wissenschaftlichen Beobachtungen. Und trotz alledem brachte gerade diese unter einem so unguten Stern stehende Reise nach den Bogosländern reiche Ernte. Es ist jedenfalls erstaunlich, welch überraschende Fülle von Neuartigem und Wissenswertem Brehm hier in der kurzen Zeit zusammengetragen hat und wie großartig er diese Beobachtungen später für sein „Tierleben“ zu verwenden wußte. Vielleicht ist seine geniale Begabung für die Tierforschung und Tierbeobachtung niemals so glänzend zutage getreten wie gerade hier unter so widerwärtigen Verhältnissen. Namentlich mit dem merkwürdigen Klippschliefer und verschiedenen größeren Affenarten wurde er hier näher bekannt. Vor allem fesselten ihn die ebenso kraft- und mutvollen wie klugen und überlegenden Mantelpaviane.

Einmal begegnete die langauseinandergezogene Karawane einer großen Herde dieser stattlichen Tiere, die auf einem Felsgesims saß, etwas höher als Büchsenschußweite. Zuerst ließen die Paviane nur ihre gewöhnlichen bellenden Laute vernehmen. Als sie aber die vielen, ungewohnt weißen Menschen erblickten, kamen sie in Erregung und Bewegung, und nun hörte man von ihnen auch ganz andere Stimmen. Die alten Männchen brummten und grunzten wie Raubtiere oder Schweine, die jungen quiekten und kreischten wie Ferkel. Einige besonders eifrige Jäger stiegen die Felswand hinan und eröffneten das Feuer. Nach den ersten Schüssen erhob sich ein Stimmengewirr, das jeder Beschreibung spottete. Die allerverschiedensten Töne wurden laut: alles quiekte, kreischte, schrie, grunzte, brüllte und brummte wirr durcheinander. Alles flüchtete nach der entgegengesetzten Seite des Berges zu. Bei Schüssen aus größerer Nähe hielten sämtliche Affen an, schrien entsetzlich auf und faßten die Felsen, als wollten sie sich versichern, daß sie nicht heruntergeworfen würden. Weibchen und Junge verließen augenblicklich alle den Geschossen zugängliche Felsplatten, die Männchen aber rückten abwechselnd bis an den Rand der Gesimse vor und schauten wutfunkelnden Auges in die Tiefe, ihren Ingrimm durch heftiges Schlagen mit der Hand auf den Felsen bezeugend. Sie gingen sogar zum Angriff über, wenn auch nicht mit Händen und Zähnen, so doch dadurch, daß sie große Steine herausrissen und auf die menschlichen Störenfriede herabrollten. Man hatte genug zu tun, um diesen gefährlichen Geschossen auszuweichen. Mehrere Minuten war der Steinhagel so arg, daß er das schmale Alpental vollständig versperrte und die ganze Karawane zum Halten zwang. Es war eine richtige Affenschlacht! Ein besonders starkes Affenmännchen erstieg sogar mit einem großen Stein im Arme mühsam einen Baum und schleuderte dann von dessen Wipfel aus sein Geschoß mit um so kräftigerem Nachdruck und mit größerer Sicherheit. Ein Leopard gedachte bei diesem Kampfe im Trüben zu fischen und stürzte sich auf einen schwer angeschossenen Pavian. Aber die aufmerksamen Affen hatten den Mordanfall eher gesehen als die blindlings ihrer Jagdlust frönenden Menschen. Ungeachtet ihrer Angst vor den fortgesetzt fallenden Schüssen rückten sie sofort auf der Platte vor, und einige alte Männchen machten sich fertig, nach unten hinab zu klettern, um dem Angefallenen zu Hilfe zu kommen. Ihre Aufregung war furchtbar, ihre Wut überstieg alles, was Brehm je bei Affen beobachtet hatte.

Die Herde ging schließlich weiter unterhalb auf die andere Talseite hinüber und stieß dabei abermals mit der Karawane zusammen. Die mitgeführten Hunde, mutige Tiere, gewohnt, jeder Hyäne entgegenzutreten, stutzten einen Augenblick und stürzten sich dann mit freudigem Gebell auf die Paviane. Im Nu waren sie mitten unter der Affenherde, aber ebenso rasch auch von den stärksten Männchen der Paviane umringt und förmlich gestellt. Brüllend und wutschnaubend zeigten die Affen ihre fürchterlichen Gebisse den Hunden in so bedrohlicher Nähe, daß diese es vorzogen, vom Kampf abzustehen und beim Menschen Zuflucht zu suchen. Während sie von neuem ermuntert und angehetzt wurden, hatten die Affen ihren Weg fortgesetzt und bis auf wenige Nachzügler das Tal überschritten. Unter diesen Nachzüglern befand sich ein kleiner, etwa halbjähriger Bursche, der etwas entfernt von den andern seines Weges ging. Auf ihn hetzte man jetzt die Hunde. Sie gingen an und hatten bald den Affen, der auf einen Felsblock geflüchtet war, regelrecht gestellt. So schnell als möglich eilten die Menschen den Hunden zu Hilfe, sich schon mit der Hoffnung schmeichelnd, den jungen Pavian lebendig fangen zu können. Allein diese Hoffnung wurde gänzlich vereitelt. Auf das jammervolle Zetergeschrei des geängstigten Jungen hin kehrte nämlich vom andern Ufer her ein gewaltiges Männchen zurück, um ihm beizustehen. Ernst und würdevoll durchschritt er das Tal; ohne sich um die Hunde auch nur im geringsten zu kümmern, ging er schnurstracks auf sein Ziel los, mitten durch seine verblüfften Feinde hindurch, sprang auf den Felsen zu dem Jungtier, ermunterte es durch allerlei Zeichen und Gebärden, mit ihm zu gehen, und geleitete es dann ruhig und furchtlos nach dem andern Ufer, in dessen Dickicht beide alsbald verschwanden. Die Hunde setzte er durch wütendes Grunzen derart in Furcht, daß keiner es wagte, ihn oder seinen Schützling anzugreifen.

In Westsibirien

Die tote Steppe Westsibiriens, einen Tagemarsch von Semipalatinsk, sonst nur der Tummelplatz von Steppenkiebitzen, Rotfußfalken und kohlschwarzen Mohrenlerchen, hatte sich über Nacht plötzlich mit lärmendem und buntscheckigem Leben erfüllt. Bei einem tropfenweise rinnenden Wässerchen standen eine Reihe besonders großer und schöner Jurten (Filzzelte), außen zierlich geschmückt mit kunstvoller Näherei und aufgeheftetem bunten Zierat aus stilvoll verschnörkelten Tuchflittern, innen mit kostbaren Teppichen und seidenen Decken, die rings an den Wänden hingen und den Boden bedeckten. Diese heimeligsten und vollkommensten aller Zelte beherbergten augenblicklich den weitgebietenden Statthalter des russischen Zaren, den General Poltaratzky nebst Familie und Gefolge, und bei ihm befanden sich als hochgeehrte Gäste drei Deutsche, unser Brehm, sein Berufsgenosse Dr. Otto Finsch aus Bremen und ein württembergischer Offizier, Graf Waldburg-Zeil-Trauchburg, die im März 1876 gemeinsam eine Forschungsreise nach Westsibirien angetreten hatten. Der General hatte sie mit echt russischer Gastfreundschaft zu einer Treibjagd auf Archare, die riesigen Wildschafe dieses Landes, eingeladen und dazu als ortskundige Gehilfen auch die in der Umgegend ansässigen Kirgisen aufgeboten. Und sie waren alle erschienen: Sultane, Gemeindevorsteher und andere Vornehme des Volkes der Steppe mit Schützen und Treibern und Stegreifdichtern, Jagd- und Rennpferden, mit gezähmten, auf Fuchs und Wolf, Murmeltier und Antilope abgetragenen Steinadlern, langhaarigen Windhunden, Kamelen und Saumtieren und was noch sonst erforderlich ist nach des Landes Brauch und Sitte. Das war so recht etwas für Brehm, der so gerne fremde Völker beobachtete und ihre Sitten ergründete.

Es herrschte eine etwas gedrückte Stimmung, denn der soeben beendigte erste Jagdtag war durchaus nicht nach Wunsch verlaufen. Ein Wolf war gefehlt worden, und das einzige Wildschaf im Triebe hatten die nächststehenden Schützen gar nicht bemerkt. Man hatte sich dann an reichbesetzter Tafel niedergelassen, aber da hatte plötzlich lauter Zuruf die Schmausenden aufgeschreckt. Aufspringend sah man fünf stattliche Archarböcke über das Gefels dahineilen, die sich dem Trieb in einem Seitental entzogen gehabt hatten. Eiligst griff alles nach den Büchsen, warf sich auf die Pferde und jagte dem edlen Wilde nach. Zu spät! Obwohl die Schafe nur trabten, war doch in dem unwegsamen Gelände kein Pferd imstande, sie einzuholen. Ruhig, stolz und bedachtsam waren sie weitergezogen und bald im zerklüfteten Gefels verschwunden. Man unterhielt sich jetzt über dieses unerhörte Mißgeschick. „Für mich war es überhaupt keines,“ sagte Brehm, „denn ich hatte doch das Glück, die gewaltigen Tiere hier in ihrer Heimat frei und in voller Bewegung zu sehen. Und dann war doch das ganze Bild dieser Gebirgsjagd mit berittenen Treibern so eigenartig und fesselnd, wie eine Jagd überhaupt nur sein kann.“ -- „Sehr richtig,“ stimmte Finsch bei, „und morgen ist ja auch noch ein Tag.“ -- „An dem uns die launische Diana hoffentlich etwas huldvoller gesinnt sein wird als heute,“ seufzte der schießlustige Graf.

Der nächste Morgen war bitter kalt. Wohl achtzig Reiter zogen diesmal in buntem Getümmel hinaus zum Felsengebirge. Hinter ihnen drein stelzten Kamele, mit einer Jurte, Küchengerät und Lebensmitteln befrachtet. Der Trieb begann. Reitend erkletterten die Treiber den steilen Höhenzug. Hier und da erschien einer von ihnen auf der Spitze der Felsen, die er erklommen, verschwand aber bald darauf wieder im Gestein. Kein einziger von ihnen wich trotz der Schwierigkeit des Geländes von der ihm angewiesenen Richtung ab. Wie Ziegen kletterten die belasteten Pferde in den Felsen umher, denn wo noch eine Ziege ihren Pfad findet, da kommt auch der kirgisische Reiter noch durch. Einem geübten Bergsteiger boten die Granitwände und Kegel allerdings nirgends unüberwindliche Schwierigkeiten, aber Reiter hatte Brehm doch niemals in derart zerklüftetem Gelände den Weg suchen und finden sehen. Stundenlang währte der Trieb, das bewegungslose Ausharren auf den angewiesenen Ständen wurde bei dem eisigen Schlackwetter zur Qual. Ein Wildschaf mit zwei Lämmern zog in mehr als doppelter Schußweite an Brehm vorüber. Von den Böcken keine Spur. Schon näherte sich der Trieb seinem Ende. Da endlich rieselten Steine hoch oben über Brehm, und wenige Minuten später stieg ein starker Archarbock, meist durch Felsen gedeckt und nur für Augenblicke sichtbar werdend, in Büchsenschußweite neben Brehms Stand in die Tiefe. Endlich zeigte er sich frei, und dröhnend hallte Brehms Schuß durch die Felsenwildnis. Sichtlich krank zog der Bock, von Zeit zu Zeit stehen bleibend, langsamer dem gegenüberliegenden Gebirgszuge zu. Ein zweiter Schuß, schon aus zu großer Entfernung abgegeben, blieb wirkungslos. Schnell entschlossen verließ Brehm seinen Stand, durcheilte das Tal und kletterte dann an der jenseitigen Bergwand empor, so rasch es das Gefels und die Lunge nur irgend gestatten wollten, um sich in einem Querschnitt des Kammes erneut anzusetzen. Der erfahrene Tierkenner hatte richtig berechnet. Noch keuchte die Brust und zitterten die Glieder von der gewaltigen Anstrengung, als dasselbe Wildschaf hoch über ihm auf die äußerste Kante des Felsens trat, um zu sichern. Aber noch ehe es den Jäger erspähen konnte, hatte ihm dessen sichere Kugel das Herz durchbohrt, und wie ein schwerer Felsblock stürzte es leblos herab. Staunender Jubelruf aus zwanzig Kirgisenkehlen hallte im Gebirge wider. Von allen Seiten sprengten und kletterten Reiter herbei. Vier kräftige Männer schleppten mühsam die schwere Beute zur Tiefe. Allseitig beglückwünscht, ritt man heim zu den Jurten. Die Kirgisen rühmten Brehms Jägergeschick und Treffsicherheit, die Gefährten sein Jagdglück.

Vor den Jurten wogte es in buntem Durcheinander. Unter lebhaftestem Gebärdenspiel gaben diejenigen Steppenleute, die dem Schluß der Jagd beigewohnt hatten, ihren Gefährten Bericht. Brehm war zum Helden des Tages geworden und hatte selbst den Sänger des Stammes begeistert, denn der ließ in langem Vorspiel seine einfache Laute erklingen und hob dann einen Gesang an, in dem er den General und seine Gemahlin und die übrigen Europäer mit seiner „roten Zunge“ begrüßte und dann des deutschen Forschers jagdlichen Erfolg verherrlichte. Der Tag wurde zum Feste. Die Jagdfertigkeit der Kirgisen hatte man zur Genüge kennen gelernt, ihre Steinadler und Windhunde mit gebührender Teilnahme betrachtet, den Worten ihres Sängers bewundernd gelauscht. Nunmehr mußten Ringer und Rennpferde ihre Kräfte üben. Reckenhaft gebaute Männer stellten sich einander zum Wettkampf; hochedle, wenn auch nach unseren Begriffen nicht vollendet schöne Pferde, geritten von sechs- bis achtjährigen Knaben, stürmten in die Steppe hinaus, um im Wettlauf vierzig Kilometer auf pfadlosem Gelände zurückzulegen. Beide, Ringkämpfer wie Rennpferde, entzückten durch ihre Leistungen Kirgisen wie Europäer. Es war wohl einer der stolzesten und schönsten Tage in Brehms reichem Forscher- und Jägerleben.

Obwohl die deutsche wissenschaftliche Expedition nach Westsibirien in ihrem ganzen Verlauf von der russischen Regierung auf das großzügigste unterstützt und gefördert wurde, hat sie durch eine Verkettung widriger Umstände ihr eigentliches Endziel doch nicht erreicht. Man war von Tomsk aus fast 400 geographische Meilen weit den majestätischen Ob hinuntergefahren, der ein größeres Stromgebiet umfaßt als alle Ströme Westeuropas zusammengenommen. In einem Tale, dessen Breite zwischen 10 und 30 Kilometer wechselt, strömt er dahin, mit unzähligen Armen zahllose Inseln umschließend, oft zu unabsehbarer seeartiger Fläche sich breitend. Weidenwaldungen in allen nur erdenklichen Wachstumszuständen decken die ewig durch die umgestaltenden Fluten bewegten, bald ihnen verfallenen, bald wieder neu von ihnen aufgebauten Ufer und Inseln. Arm und ärmer wird das Land, dürftiger und lichter werden die Wälder, unansehnlicher und armseliger die wenigen Siedlungen, je weiter man stromabwärts kommt. An die Stelle des Bauern tritt der Fischer und Jäger, an die Stelle des Viehzüchters der Renntierhirt. An der Schtschutschja wurde die letzte russische Niederlassung erreicht. Von hier aus sollte es mit Hilfe von Ostjaken, die in kegelförmigen Hütten aus Birkenrinde (sog. „Tschum“) hausen, auf Renntierschlitten durch die unendlich vor den Reisenden sich ausbreitende Tundra weitergehen. Alles hatte Brehm auf Grund seiner Erfahrungen für diese schwierige Reise aufs beste und bis in die geringsten Kleinigkeiten hinein vorbereitet, und doch erlag er einem ebenso unerwarteten wie furchtbaren Gegner, dem er erliegen mußte, weil er ihn nicht kannte, sich also auch nicht gegen ihn wappnen konnte.