Tiervater Brehm

Part 5

Chapter 53,446 wordsPublic domain

Hier erwarteten ihn wohl Nachrichten aus dem Elternhause, aber von Baron Müller waren weder Briefe noch Wechsel noch sonst ein Lebenszeichen eingetroffen. Es kam auch künftig nichts mehr. Damit begann die alte Geldverlegenheit mit all ihrem aufreibenden Elend von neuem. Brehm mußte sich aufs äußerste einschränken, aber er arbeitete unverdrossen weiter an der Vervollständigung seiner Sammlungen, weil nur durch Arbeit seine entsetzliche Lage erträglicher wurde, weil nur die Natur Genüsse bot, die ihn das Elend seiner häuslichen Umstände vergessen ließen. Schließlich erfuhr er durch den österreichischen Konsul von Kairo auf Anfrage, daß Baron Müller bankerott sei. Damit war der letzte Hoffnungsstrahl geschwunden! Verlassen und verraten im Innern Afrikas! Ohne Mittel zur Heimkehr! Nur wer selbst gleich dem Schreiber dieser Zeilen eine ähnliche Lage durchgemacht hat, wird ermessen können, was sie bedeutet. Dazu stellte sich das „Geschenk des Teufels“, die Malaria, wieder ein und steigerte sich zu immer heftigeren und in immer kürzeren Zwischenräumen wiederkehrenden Anfällen. Aber die wissenschaftliche Ausbeute durfte trotzdem nicht notleiden, alles Entbehrliche wurde für sie verwendet. Brehm vertauschte seine silberne Uhr gegen acht Pfund Schießpulver, er verkaufte Kleider, Waffen, Bücher, Kisten, Wäsche, den wenigen Schmuck, den er besaß, kurz alles, was sich irgend verkaufen ließ. Er bat in seiner Not den Pascha um etwas Schießpulver. „Gebt dem Herrn 6000 Stück Militärpatronen zum Einkaufspreise der Regierung!“ lautete die an den Aufseher des Pulvermagazins zu überbringende Antwort. Das Pulver war freilich schlecht, aber das Pfund kostete auf diese Weise auch nur fünf Piaster, und die Bleikugeln waren umsonst. Brehm goß Schrote aus ihnen. Natürlich konnte er dem Pascha auch die entliehenen 5000 Piaster vorläufig nicht zurückzahlen und bat deshalb brieflich um Verlängerung der Frist. „Zwischen dir und mir gibt es keine beschwerlichen Dinge“, schrieb der Türke einfach zurück.

Ich kannte früher ein rührendes Gedicht Brehms aus dieser Leidenszeit, betitelt „Meine letzten drei Freunde“[4], unter denen er seine vielerprobte Büchse, seinen treuen Diener Ali und seine zahme Löwin Bachida verstand. Und wurde unserem Freunde das Herz einmal gar zu kummerschwer, und war der Dämon des Fiebers einmal auf Stunden von ihm gewichen, dann schulterte er sein Gewehr und zog hinaus in die freie Natur, sich neu zu kräftigen und zu stärken. Wer in der Natur Trost zu finden weiß, der kann ja niemals ganz unglücklich werden!

[4] Alle meine Bemühungen, es wieder aufzutreiben, sind leider vergeblich gewesen

Um diese kritische Zeit kam ein deutscher Großkaufmann aus Petersburg, namens Bauerhorst, nach Chartum, um dort Handelsbeziehungen anzuknüpfen. Er war ein anständiger Mensch, befreundete sich bald mit Brehm und erbot sich, ihn nach Abwicklung seiner Geschäfte bis nach Kairo mitzunehmen. Ein Ausweg? Es fragte sich, ob der Pascha als Brehms Hauptgläubiger die Erlaubnis zu dessen Abreise vor Bezahlung der Schuld geben würde. Beide gingen deshalb zu ihm, Bauerhorst, um Abschied zu nehmen, Brehm, um zu bitten, seine Schuld von Kairo aus zahlen zu dürfen.

Der Pascha war schlechter Laune und anfangs sehr kalt. Brehm übersetzte zuerst Bauerhorsts Abschiedsworte und kam dann zu seiner Bitte: „Herrlichkeit, ich muß zugrunde gehen, wenn ich noch länger hier verweile. Nach Aussage der Ärzte ist mein geschwächter Körper nicht mehr fähig, neuen Fieberanfällen Widerstand zu leisten. Ich muß eilen, ein gesundes Klima zu erreichen; auch möchte ich gerne die Lieben im Vaterlande wiedersehen, von denen ich so lange getrennt gewesen bin.“

„Aber wer hält dich denn hier zurück, Chalil Effendi? So ziehe doch in Frieden deiner Heimat zu!“

„Herrlichkeit, mich hält einzig und allein mein gegebenes Wort zurück. Ich bin dein Schuldner und freue mich, es zu sein, weil ich dadurch deine Großmut erkennen lernte. Es ist mir aber unmöglich, mein Wort hier zu lösen, wie ich es versprochen habe. Ich kann es nur in Kairo. Willst du mir erlauben, daß ich dahin abreisen darf, so wirst du das Maß deiner gegen den Fremdling reichlich bewiesenen Güte übervoll machen.“

„Zum Teufel! Was denkst du von mir, Chalil Effendi? Bezahle zwei Monate nach deiner Ankunft an deinen Konsul in Kairo; ich werde das Geld dort erheben lassen. Aber wie willst du nach Kairo gelangen? Das ist ein Weg von mehreren hundert Meilen. Wo willst du die Reisekosten hernehmen?“

„Mein Freund Bauerhorst hat versprochen, sie bis nach Kairo auszulegen.“

„Ganz gut, Chalil Effendi, aber ich will dir noch eine Lehre geben. Du bist noch jung und kannst noch nicht die Menschenkenntnis besitzen, die ich mir durch lange Erfahrung im Geschäftsleben erworben habe. Glaube mir, der beste Freund verwandelt sich allgemach in einen Feind, wenn man ihn fortwährend um Geld anzusprechen gezwungen ist. Ich kann verhüten, daß auch du diese Erfahrung machst, und ich will es. Ich werde verfügen, daß man dir noch 5000 Piaster aus der Schatzkammer ausbezahlt. Du bist dann 10000 Piaster schuldig. Zahle sie an deinen Konsul in Kairo zurück!“

Brehm, für den diese Worte eine glänzende Erlösung aus seinem Elend und die endliche Rückkehr in die Heimat bedeuteten, fand anfangs kaum Worte, seinen Dank auszudrücken. Endlich stammelte er: „Herrlichkeit, deine Gnade drückt mich zu Boden. Ich werde deinen Edelmut nie vergessen.“ In dem feuchten Blick des beglückten Deutschen mochte der Pascha wohl lesen, daß er seine Großmut an keinen Unwürdigen verschwendet habe. Freundlich entließ er ihn[5].

[5] Brehm hat mit Hilfe seiner Verwandten die Schuld pünktlich zurückgezahlt. Der Pascha schrieb später dem alten Brehm noch einen sehr netten Brief, worin er ihn zu diesem Sohn beglückwünscht

Nun ging es also wirklich an die Zurüstungen zu der langwierigen Heimfahrt, die bei der Menge der angesammelten wissenschaftlichen Ausbeute und der großen Anzahl Tiere, die lebendig mitgeführt werden mußten, recht umständlich waren. In Kairo traf Brehm zufällig mit seinem berühmten Landsmann Theodor von Heuglin zusammen, und beide machten gemeinsam noch einen Abstecher nach dem Sinai. Es ist bezeichnend für Brehm, daß er, obwohl es ihn begreiflicherweise mit allen Fasern seines Herzens nach der trauten Heimat zog, doch diese Gelegenheit nicht versäumen wollte, nun auch noch die zwar spärliche, aber sehr eigenartige Tierwelt des Sinai kennenzulernen, um sie mit der ägyptischen vergleichen zu können. Am 16. Juli 1852 drückte Alfred Brehm nach mehr als fünfjähriger Abwesenheit seine treuen Eltern wieder ans Herz. Ein unreifer Jüngling war nach Afrika hinausgezogen, ein weit über seine Jahre gereifter, ernster, ganzer Mann kehrte zurück.

In Spanien

In einer wonnigen Frühlingsnacht saß Brehm am Fuße der Alhambra und lauschte in verträumtem Sinnen den Nachtigallen. Vollmondschein versilberte das steingewordene Spitzengewebe des arabischen Wunderbaus. Brehm dachte darüber nach, wie recht doch Alexander Dumas wenigstens in tiergeographischer Hinsicht hat, wenn er sagt: „Afrika beginnt hinter den Pyrenäen“. Und der Deutsche begriff, daß er nunmehr hier in Andalusien im afrikanischsten Teile Spaniens angekommen sei. Er vergegenwärtigte sich den Weg über die vielbesungene Sierra Morena, diesen Smaragd am Herzen Spaniens, auf daß nun auch die dritte, schönste und letzte der scharf abgegrenzten Zonen Spaniens ihm ihre Pforten öffne. Palmen und Kaktusfeigen, die riesenhafte Agave und der Johannisbrotbaum traten nunmehr als Charakterpflanzen auf. Hier herrscht der Himmel Nordafrikas mit seiner Milde und seiner Glut. Hier klingt und singt es wieder, denn der Winter muß zum Frühling werden. Singend reden die Menschen, wenn sie sprechen, tanzend bewegen sie sich, wenn sie gehen.

Und die Vögel? Nun auch sie teilen die allgemeine Lust. Sie sind es, die dem ernsten Gebirge, das sich ohne den Schmuck frischgrüner Wälder zum Himmel hebt, seinen Ernst zu nehmen sich erdreisten, die es wenigstens zu beleben versuchen. Hier in dieser Zone ist der Süden zur alleinigen Herrschaft gelangt, aber er hat den Norden gebeten, ihm einige seiner Sänger zu leihen, denn er will nicht bloß in Farben leben und blühen und glühen, sondern auch in Klängen und Liedern. Deshalb durften in Andalusien die Sänger nicht fehlen.

Ein Abendbummel innerhalb der Ringmauern des Feenschlosses Alhambra muß nicht nur einem Brehm, sondern im Frühling auch jedem anderen Menschenkinde, und wäre es das prosaischste auf der weiten Erde, einen gewissen poetischen Schwung in die Seele tragen. Diese Stimmung bringt die Königin der Hecken und Gebüsche, die Nachtigall. Einige Provinzen Spaniens sind reichbegabt mit diesem herrlichsten aller Sänger. Nicht hier und dort, ein ganzes Stück vom nächsten entfernt, singt und jubelt einer wie bei uns zu Lande: nein, Hunderte hört man zu gleicher Zeit. In jedem Gebüsch schlägt eine Nachtigall, in jeder Hecke wohnt ein Pärchen. Die ganze große, grüne Sierra Morena gleicht einem einzigen Nachtigallengarten. Um die großartigen Felsterrassen, Galerien, Kegel und Wälle der Gralsburg Monserrat in Katalonien klingt in wunderbarer Harmonie das von hundert und tausend gesungene +eine+ Lied, und selbst im Innern Spaniens sind alle zusammenhängenden Gebüsche voll von dem +einen+ Schlag. Eine Wanderung durch Feld und Wald im begrünten Gebirge ist ein fortdauernder Genuß, denn ein nimmer endendes Konzert erquickt das innerste Herz. Im klang- und poesiereichen Andalusien, im freundlich ernsten Katalonien, im frischgrünen Schweizerland in Galizien oder Asturien, überall jauchzt dem Wanderer die Nachtigall entgegen. Die beiden Brehm waren bei ihrem Eintreffen in Spanien bezaubert, hingerissen von diesem Nachtigallenkonzert, zumal man die einzelnen Sänger gar nicht mehr unterscheiden konnte: es waren ihrer zu viele! Man mochte sich wenden, wohin man wollte, überall begegnete man der Nachtigall als dem häufigsten Singvogel. In jedem Orangengarten lebten zwei, vier, sechs, acht oder zehn Paare oder noch mehr. Die Bäume prangten im Schmuck ihrer duftigen Blüten und goldenen Früchte und vereinigten sich mit den Nachtigallen, denen sie in ihrem dunklen Gelaub Herberge boten, um Auge und Ohr des Forschers mit nie gekannten Genüssen zu erfüllen. Die Hallen des alten Königsschlosses Alhambra sind verödet, ihr prunkvolles Leben erstarb, aber die gefiederten Minnesänger aus alter Zeit sind treu geblieben und werden es bleiben, solange das auf die Höhe geleitete Wasser noch rauscht und murmelt und flüsternd erzählt von entschwundener Herrlichkeit.

Brehm ist zweimal in Spanien gewesen, hat aber leider gerade über diese beiden Reisen fast nichts veröffentlicht; das erstemal kam er gleich nach seiner Studentenzeit zusammen mit seinem älteren Bruder Reinhold, der dabei als Arzt in Madrid hängen geblieben ist und den jüngeren Alfred um viele Jahre überlebt hat. Durch den Verkehr mit Schmugglern, Räubern, Zigeunern und halbwilden Hirten soll gerade diese Reise, über die Brehm nicht gern redete, überreich gewesen sein an Abenteuern und romantischen Erlebnissen aller Art. Bald sprach Brehm fließend Spanisch und konnte sich nach seiner Art auch in das Studium der Bevölkerung vertiefen, die er dabei herzlich lieb gewann. Ihre vornehme Haltung, ihr stolzes, ritterliches Wesen entsprach ja so ganz seiner eigenen Wesens- und Denkart. Zur Deckung der Reisekosten hatten die Brüder „Aktien“ herausgegeben, deren Inhaber das Recht besaßen, für einen entsprechenden Betrag unter der Ausbeute das ihnen Zusagende sich auszuwählen. Deshalb konnte leider ein Großteil dieser wertvollen Ausbeute, soweit sie nicht in die Sammlung des Vaters überging, nicht als Ganzes wissenschaftlich bearbeitet werden, sondern wurde gleich nach Beendigung der Reise in alle Welt zersplittert. Das ist tief zu beklagen, denn Spanien ist auch heute noch das ornithologisch unerforschteste Land Europas. Die zweite spanische Reise machte Brehm 1879 zusammen mit seinem Freunde, dem Kronprinzen Rudolf von Österreich. Es war wohl mehr eine Art höfischer Jagdreise, die hauptsächlich den Steinböcken, Adlern und Bartgeiern galt und die Brehm mancherlei Orden und Auszeichnungen eintrug, woraus er sich aber nie viel gemacht hat. Als er starb, stand ein Prachtexemplar der zweiten Auflage des „Tierlebens“ in Renthendorf versandfertig für den König von Spanien bereit. Mit Veröffentlichungen über diese doch gewiß auch sehr interessante Reise wollte Brehm wahrscheinlich dem Kronprinzen, der ja selbst schriftstellerte, nicht vorgreifen, und so sind sie leider ganz unterblieben.

Nordlandfahrt

Erik Svensen, der alte verwitterte norwegische Trapper, der Brehms unzertrennlicher Jagdgefährte in Lappland geworden war, kniete nieder, prüfte aufmerksam den Boden und sagte: „Hier hat heute ein Renntier geäst. Schau, diese Pflanzen sind frisch abgebissen, und hier liegt ein Stengel daneben, noch saftig und unverwelkt.“ Nicht weit davon fand denn auch Brehm an einer feuchten Stelle die scharf und frisch abgedrückte Fährte des begehrten Wildes. Kein Zweifel also: wilde Renntiere, an deren genauer Beobachtung Brehm so viel lag, waren wirklich in der Nähe. Es kostete aber noch manchen vergeblichen Pirschgang und manchen Schweißtropfen, bis man zum Ziele gelangte. Es bedurfte oft meilenweiter Märsche auf völlig ungewohntem und überaus schwierigem Gelände. An Gefahr war dabei allerdings kaum zu denken, aber Beschwerden gab es genug. Die Halden bestanden nur aus wirr durcheinander und übereinander gewürfelten Schieferplatten, die entweder beim Darüberschreiten in rutschende Bewegung gerieten oder aber so scharfkantige Ecken, Spitzen und Kanten hervorstreckten, daß jeder Schritt durch die Stiefelsohlen hindurch schmerzlich fühlbar wurde. Die außerordentliche Glätte der Platten, über die das Wasser herabrieselt, vermehrte noch die Schwierigkeiten des Weges, und das beständige Durchwaten der glatt gescheuerten Rinnsale erforderte ängstliche Vorsicht, wenn man blutige Abschürfungen an Armen und Beinen sowie ein unfreiwilliges Bad im eiskalten Gebirgswasser vermeiden wollte. Man kam deshalb auf Pirschgängen nicht gerade rasch vorwärts. Die Renntiere selbst standen oben auf den kahlen Hochflächen, die nur noch mit Zwergbirken, Beerengestrüpp, Moosen und Flechten spärlich bekleidet waren.

Endlich erspähte Brehm von einem Hügel aus in einer Talmulde ein Rudel von 18 Renntieren. Er und Svensen entledigten sich rasch alles überflüssigen Gepäcks, prüften die Windrichtung und krochen dann Schritt für Schritt mit aller erdenklichen Vorsicht das scheue und scharfsinnige Wild an, bis sie hinter einigen großen Steinen Deckung fanden und Atem schöpfen konnten. Brehms Wunsch war erfüllt: Es war ein prachtvolles Schauspiel, das das Rudel ihm bot. Er brachte das Fernrohr gar nicht mehr vom Auge, um nur ja keine Bewegung der edlen Tiere sich entgehen zu lassen. Einige ästen, andere hatten sich niedergetan, wieder andere liefen spielerisch hin und her oder neckten sich mit ihren vielzackigen Geweihen. Plötzlich aber kam Leben und Bewegung, Schrecken und Furcht über alle. Sie stoben davon und jagten trottend durch Sumpf und Moor, gerade auf die Jäger zu, blieben dann aber wieder sichernd stehen, noch immer außer Schußweite. Brehms scharfes Auge erspähte auch bald die Ursache der ärgerlichen Störung in einem dunklen Klumpen, den er zunächst für einen Bären hielt. Als das Tier sich aber bewegte, erkannte er sofort, daß er es mit einem ungewöhnlich großen Vielfraß zu tun habe, und nun überwog bei ihm natürlich der Forscher den Jäger, denn der sagenumwobene Vielfraß gehört ja zu denjenigen Tieren, deren ein Zoologe nur ganz selten einmal in freier Natur ansichtig wird. Brehm bemerkte, wie der Vielfraß mit sehr stark bogenförmigen Sätzen lief, einem Marder entfernt ähnlich, aber mit weit mehr gebogenem Rücken und viel größeren Wölbungen, beinahe lauter Purzelbäume schlagend. Dieser Gang, die stattliche Größe und die dicke, buschige Lunte machen den Vielfraß sofort kenntlich. Der Räuber schien aber Verdacht geschöpft zu haben. Plötzlich verließ er seinen Ausguck, trabte, trottelte und kugelte dem Gebirge zu, fing unterwegs flugs noch einen Lemming, verspeiste ihn im Weiterlaufen, sah sich noch einmal mißgünstig nach dem menschlichen Störenfried und betrübt nach den Renntieren um und verschwand dann im Geklüft des Bergrückens.

Da das Gelände nirgends Deckung zum Anschleichen bot, blieb den Jägern nichts übrig, als sich an zwei halbwegs günstigen Stellen niederzulegen und ein Näherkommen des Wildes abzuwarten. Drei volle Stunden lang wurde ihre Geduld auf eine harte Probe gestellt. Sie durften sich ja nicht rühren, alle Glieder wurden steif, und in dem quatschnassen Moos lag es sich auch nicht gerade behaglich. Endlich äste sich das Rudel ganz langsam näher heran. Schon hob Brehm zögernd die Büchse, da krachte drüben der Schuß des Norwegers. Das Rudel schreckte, zog ängstlich hin und her, sicherte und wurde schließlich flüchtig. Ein Stück lahmte, trennte sich von den anderen und nahm die Richtung auf Brehm zu. Der schoß und sah zu seiner unaussprechlichen Freude das edle Wild im Feuer zusammenstürzen.

* * * * *

Donnernd hallte ein Kanonenschuß über die bewegten Fluten des Eismeeres und brach sich an den jähen Felsenwänden des Nordkaps und des Vogelberges Svärtholm. Der norwegische Schiffskapitän hatte sein Geschütz abfeuern lassen, um Brehm das Schauspiel der aufgescheuchten Brutkolonie von Dreizehenmöwen zu ermöglichen. Wie wenn ein tosender Wintersturm durch die Luft zieht und schneeschwangere Wolken aneinander schlägt, bis sie, in Flocken zerteilt, sich herniedersenken: so schneite es jetzt von oben lebendige Vögel herunter. Man sah weder den Berg noch den Himmel, sondern nur ein Wirrsal ohnegleichen. Eine dichte Wolke erfüllte den ganzen Gesichtskreis, und erfüllt war Fabers Wort: „Sie verbergen die Sonne, wenn sie fliegen.“ Heftig blies der Nordwind, und wütend brandete das Eismeer am Fuß der Klippen, aber lauter noch erklangen die kreischenden Schreie der Möwen, damit auch das Wort sich bewahrheitete: „Sie übertäuben das Tosen der Brandung, wenn sie schreien.“ Die Wolke senkte sich endlich auf das Meer hernieder, die bisher von ihr umnebelten Umrisse von Svärtholm traten wieder hervor, und ein neues Schauspiel fesselte die Blicke. Auf den Felsbändern schienen noch ebensoviele Möwen zu sitzen wie vorher, und Tausende flogen noch ab und zu, auf dem Meere aber, soweit es sich überschauen ließ, lagen, leichten Schaumballen vergleichbar, die weißen Vögel und schaukelten mit den Wogen auf und nieder. „Wie soll ich diesen herrlichen Anblick beschreiben? Soll ich sagen, daß das Meer Millionen und aber Millionen lichte Perlen in sein dunkles Wellenkleid geflochten habe? Oder soll ich die Möwen mit Sternen und das Meer mit dem Himmelsgewölbe vergleichen? Ich weiß es nicht, aber ich weiß, daß ich auf dem Meere noch niemals Schöneres erschaut habe. Und als wäre es noch nicht genug des Zaubers, goß plötzlich die auf kurze Zeit verhüllt gewesene Mitternachtssonne ihr rosiges Licht über Vorgebirge und Meer und Vögel, beleuchtete alle Wellenkämme, als ob ein goldenes, weitmaschiges Netz über die See geworfen wäre, und ließ die ebenfalls rosig überstrahlten, blendenden Möwen nur um so leuchtender erscheinen. Da standen wir sprachlos im Schauen!“

Es gibt aber auch noch Vogelberge anderer, nicht minder großartiger Art im Norden, die auf ihren Rücken mit torfiger Erde bedeckt sind und die hauptsächlich von Alken, Lummen und Lunden bevölkert werden, zwischen die nur vereinzelt Kormorane und Möwen sich eindrängen. Brehm hat auf seiner durch die Unterstützung der „Gartenlaube“ ermöglichten Nordlandreise auch die größte dieser Siedlungen besucht. Die Torfrinde des Berges war nach Art von Kaninchenhöhlen dicht von Bruthöhlen durchlöchert. Unter Brehms Tritten, der in Schraubenlinien zum Gipfel des Berges emporstieg, zitterte das unterwühlte Erdreich. Und hervor aus allen Höhlen lugten, krochen, rutschten, flogen mehr als taubengroße, oberseits schieferfarbene, auf Brust und Bauch glänzend weiße Vögel mit phantastischen Schnäbeln und Gesichtern, kurzen, schmalen, spitzigen Flügeln und stummelhaften Schwänzen. Aus allen Löchern erschienen sie, aus Ritzen und Spalten des Gesteins nicht minder. Wohin man blickte, boten sich nur Vögel dem Auge, und ihre leise knarrenden Stimmen vereinigten sich zu einem sonderbaren Gedröhn. Jeder Schritt weiter entlockte neue Scharen dem Bauche der Erde. Von dem Berge herab nach dem Meere begann es zu fliegen, von dem Meere nach dem Berge hinauf schwärmten bereits unzählbare Massen. Aus Hunderten waren Tausende, aus Tausenden Zehntausende geworden, und Hunderttausende entwuchsen fortwährend dem braungrünen Boden. Eine Vogelwolke umhüllte den Forscher, umhüllte den ganzen Berg, so daß dieser, zauberhaft wohl, aber den Sinnen noch begreiflich, zu einem riesenhaften Bienenstocke sich wandelte, um den nicht minder riesenhafte Bienen schwirrend und summend schwebten und gaukelten. Je weiter Brehm kam, um so großartiger gestaltete sich das Schauspiel. Der ganze Berg wurde lebendig. Hunderttausende von Vogelaugen lugten auf den Eindringling herab.

„Aus allen Ecken und Enden, von allen Winkeln und Vorsprüngen her, aus allen Ritzen, Höhlen und Löchern wälzte es sich heraus, zur Rechten wie zur Linken, ober- und unterhalb, in der Luft wie auf dem Boden wimmelte es von Vögeln. Von den Wänden wie vom Gipfel des Berges herab ins Meer stürzten sich ununterbrochen Tausende in so dichtem Gedränge, daß sie dem Auge ein festes Dach vorzutäuschen vermochten. Tausende kamen, Tausende gingen, Tausende saßen, Tausende tänzelten unter Zuhilfenahme der Schwingen in wundersamer Weise dahin, Hunderttausende flogen, Hunderttausende schwammen und tauchten, und neue Hunderttausende harrten des auch sie aufscheuchenden Fußtritts.“

Es wimmelte, schwirrte, rauschte, tanzte, flog und kroch um Brehm herum, daß ihm fast die Sinne vergingen; das sonst so scharfe Auge versagte den Dienst, das Gewehr zitterte in der sonst so zielsicheren Hand. Halb betäubt kam er endlich auf dem Gipfel an und blieb 18 Stunden auf ihm liegen, um das Leben der Alken recht genau kennen zu lernen. Sie hatten bald alle Scheu vor ihm verloren; tänzelnden Ganges näherten sie sich ihm so weit, daß er mit der Hand nach ihnen zu greifen versuchte. Die Schönheit und der Reiz des Lebens zeigten sich in jeder Bewegung der wunderlichen Vögel. Mit Erstaunen erkannte Brehm, wie steif und kalt auch die besten Abbildungen dieser absonderlichen Geschöpfe sind, denn er bemerkte eine Regsamkeit und eine Lebhaftigkeit in den wundersamen Gestalten, wie er sie ihnen nie zugetraut hätte. Nicht einen Augenblick saßen sie ruhig, bewegten mindestens Kopf und Hals fort und fort nach allen Seiten hin, und ihre Umrisse gewannen dabei wahrhaft künstlerische Linien. Es war, als ob die Harmlosigkeit, mit der sich Brehm ganz der Beobachtung hingab, durch unbeschränktes Vertrauen von ihrer Seite vergolten werden sollte. Er verkehrte mit den Tausenden, als ob sie Haustiere wären, die Millionen schienen ihn geradezu als einen der ihrigen zu betrachten.