The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2)
Part 52
WOl dem der weit von grossen Stätten 10 ein dienstbefreites Leben führt; Er wird sich von viel Sünden retten, und geben Gott was Gott gebührt: Er wird sein Leben bringen zu, in Fried und überwehrter[997] Ruh.’ Er kan sich in den Wald gesellen, zu vieler Baumen Schatten-Raum, dass sie ihm zu betrachten stellen, dass auch er grune wie der Baum, und dass er sonder gute Frucht, 20 wird zu der Höllen Brand verflucht. Er siht die hochbelaubten Eichen, begipfelt gleichsam Wolcken-an; So soll sein Sinn an Himmel reichen, der seine Wurzel nehren kan, dort ist sein rechtes Erdenland das ihn hält mit verborgnem Band. Der Unterscheid ist bei den Baumen und bey dem Menschen, dass der Lentz kan die beschneeten äste raumen, und ihnen flechten grüne Kräntz: Hingegen is der Mensch veralt, so bleibt er todt und ungestalt. 10 Die Baumen zu dem Leben dienen, zum fahren, brennen und zum bau, sie blühen, fruchten, grauen, grünen, benasset von dem Himmels-tau; ermahnen uns der Christen Pflicht, die uns des Nechsten Dienst bericht[998]. Nun gute Nacht ihr hohen Forren[999] ihr Fichten und du Erlenstamm, grunt lange zeiten ohn verdorren gesichert vor des Feuers-flamm. 20 Ich wünsch euch alle reiffe Frucht, und dickbelaubte Schatten Zucht.
2.
ABBILDUNG DES ZWEISPITZIGEN PARNASSUS.
Hohe +welcher+[1000] +nehret+ unser +eure Spitzen+ morgens mahlen Phöbus und die Pierinnen welcher Lustbereichte[1001] Frucht 30 für die Ceres und dem Pan Schaut die neubegrünten Hügel, bald wir auf der Pfeiffen klingen[1002],
Berge, +Weide+ Hirtenfreude, Sonnenstralen +und erhitzen:+ wohnen auf so grossen Zinnen, unser Pegnitz Hirt Montan 30 zu besingen hat gesucht. wünschen pfeilgeschwinde Flügel. und der Heerd zu Tische[1003] singen.
_JOHANNES RIST._
[_Scherer D._ 323 (366), _E._ 324.]
Geboren 1607 zu Ottensen bei Altona, gestorben 1667. Prediger und äusserst fruchtbarer, aber sehr flacher Dichter. Er war Opitzianer und stiftete 1656 den Elbschwanenorden. J. R. ‘Das friedewünschende Teutschland’ und ‘Das friedejauchzende Teutschland’ herausgegeben von Schletterer (Augsburg 1864).
1.
SCHRECKEN DER EWIGKEIT.
O Ewigkeit, du Donnerwort! O Schwerdt, das durch die Seele bohrt! O Anfang sonder Ende! O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit, Ich weiss für grosser Traurigkeit Nicht, wo ich mich hinwende; Mein ganz erschrocknes Herz erbebt, Dass mir die Zung’ am Gaumen klebt: 10 O Ewigkeit du machst mir bang. O Ewig, ewig ist zu lang, Hie gilt fürwahr kein Scherzen. Drum, wenn ich diese lange Nacht Zusammt der grossen Pein betracht’, Erschreck’ ich recht von Herzen; Nichts ist zu finden weit und breit So schrecklich als die Ewigkeit. Was acht’ ich Wasser, Feu’r und Schwerdt? Dies alles ist kaum nennenswerth, 20 Es kann nicht lange dauren. Was wär’ es, wenn gleich ein Tyrann, Der fünfzig Jahr’ kaum leben kann, Mich endlich liess vermauren? Gefängniss, Marter, Angst und Pein Die können so nicht ewig sein. Wenn der Verdammten grosse Qual So manches Jahr, als an der Zahl Hie Menschen sich ernähren, Als manchen Stern der Himmel hegt, Als manches Laub die Erde trägt, Noch endlich sollte währen: So wäre doch der Pein zuletzt Ihr recht bestimmtes Ziel gesetzt. Nun aber, wenn du die Gefahr, Viel hundert tausend, tausend Jahr’ Hast kläglich ausgestanden Und von den Teufeln solche Frist 10 Ganz grausamlich gemartert bist, Ist doch kein Schluss vorhanden; Die Zeit, die niemand zählen kann Die fänget stets von neuem an. Ach Gott, wie bist du so gerecht! Wie strafst du deinen bösen Knecht So hart im Pfuhl der Schmerzen, Auf kurze Stunden dieser Welt Hast du so lange Pein bestellt! Ach, nimm dies wohl zu Herzen. 20 Betracht es oft, o Menschenkind: Kurz ist die Zeit, der Tod geschwind! Ach, fliehe doch des Teufels Strick; Die Wollust kann ein’n Augenblick Und länger nicht ergetzen. Dafür willt du dein arme Seel’ Hernachmals in des Teufels Höll’, O Mensch, zum Pfande setzen? Ja schöner Tausch! Ja wohl gewagt, Das bei den Teufeln wird beklagt! 30 So lang ein Gott im Himmel lebt Und über alle Wolken schwebt, Wird solche Marter leben. Es wird sie plagen Kält’ und Hitz’, Angst, Hunger, Schrecken, Feu’r und Blitz Und sie doch nie verzehren; Dann wird sich enden diese Pein, Wenn Gott nicht mehr wird ewig sein. Wach’ auf! o Mensch vom Sündenschlaf; Ermuntere dich, verlornes Schaf; Und bess’re bald dein Leben! Wach’ auf, es ist doch hohe Zeit; Es kommt heran die Ewigkeit, Dir deinen Lohn zu geben. Vielleicht ist heut’ der letzte Tag; Wer weiss noch, wie man sterben mag? O Ewigkeit, du Donnerwort! 10 O Schwerdt das durch die Seele bohrt! O Anfang sonder Ende! O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit! Ich weiss für grosser Traurigkeit Nicht, wo ich mich hinwende. Nimm du mich, wenn es dir gefällt, Herr Jesu, in dein Freudenzelt.
2.
DAPHNIS BEKÜMMERTE LIEBES-GEDANCKEN. ALS ER BEY SEINER GALATHEEN NICHT SEYN KONTE.
Daphnis gieng für wenig Tagen 20 Über die begrühnten Heid’, Heimlich fieng er an zu klagen Bey sich selbst sein schweres Leid, Sang aus hochbetrübten Hertzen Von den bittern Liebes-Schmertzen: Ach dass ich dich nicht mehr seh’ Allerschönste Galathe!
Ist mir recht, das sind die Spitzen Die ich an den Bäumen schaw’, Hinter welchen pflegt zu sitzen 30 Galathee bey der Auw’ Als sie zwinget meine Sinnen. O du Preyss der Schäfferinnen, Weh mir dass ich dich nicht seh’ Allerschönste Galathe.
Könt’ ich in den Lüfften fliegen Wie ein schnelles Vögelein, Ach wie wolt’ ich dich betriegen, Bald, bald wolt’ ich bey dir seyn Und dir Tausend Schmätzlein geben, Das wehr mein erwündschtes Leben, Nun ist mir von Hertzen weh’ Allerschönste Galathe.
Möcht’ ich bey der Sonnen stehen, Bey dem güldnen Himmels-Licht, 10 O wie fleissig wolt’ ich sehen Auff dein freundlichs Angesicht. Tausend Strahlen wolt’ ich schiessen Deiner äuglein zu geniessen, Nun ist mier von Hertzen weh’ Allerschönste Galathe!
Kan ich denn nicht zu dier kommen Der ich dier so nah’ itzt binn, Ist mier schon der Weg benommen, Ey so nim die Seufftzer hinn, 20 Die ich dier von Hertzen sende Biss das Glück sich wiedrumb wende Und ich dich mit Freuden seh’ Allerschönste Galathe.
Drumb ihr Winde solt ihr bringen Meine Klag’ und Seufftzen zu, Selber kan ich nicht mehr singen Denn mein Hertz’ ist sonder Ruh’, Ach ich Armer hab’ ersehen Ihr Gezelt von ferne stehen. 30 Nun ist mir von Hertzen weh’ Allerschönste Galathe!
O ihr Vöglein die ihr wendet Euren Flug an ihren Ort, Sagt, ich hab’ euch hergesendet Dass ihr mit euch nehmet fort Die getrewen Liebes-Thränen, Die sich stündlich nach ihr sehnen, Biss ich dich mit Freuden seh’ Allerschönste Galathe!
Galathee du mein Leben Nim die Wind und Vöglein auff, Die sich dir zu Dienst’ ergeben Mit so schnellem Flug’ und Lauff’ Und weil ich dich nicht kan schauen, Wollest du dem Boten trauen, 10 Biss ich selbst dich wieder seh’ Allerschönste Galathe!
_ANDREAS GRYPHIUS._
[_Scherer D._ 324, _E._ 325.]
Geboren 1616, im Todesjahre Shakespeares, zu Glogau. Seine Jugend war trübe, sein späteres Leben durch die Ereignisse des Krieges sehr bewegt. Er verschaffte sich weitgreifende Kenntniss namentlich in der ältern und neuern Literatur und gewann sich seinen Unterhalt als Hauslehrer, bis er durch ein Vermächtniss seines Gönners, des kaiserlichen Pfalzgrafen Georg von Schönborn, in den Stand gesetzt wurde nach Holland zu gehen, wo er 1638 zu Leiden immatriculiert ward. 1643 kehrte er nach Glogau zurück und reiste 1646 nach Italien und Frankreich. Er verheiratete sich 1649 und wurde 1650 Syndicus der Stände des Fürstenthums Glogau. Er starb plötzlich 1663, ungefähr hundert Jahre nach Shakespeares Geburt. Er dichtete Trauerspiele, Lustspiele, Singspiele, Oden, Sonette, Epigramme, übersetzte ein lateinisches geistliches Drama und Comödien aus dem Italienischen und Französischen. Die Lustspiele und Trauerspiele herausgegeben von Palm (Tübingen 1878 und 1882); dramatische Dichtungen von Tittmann (Leipzig 1880); ‘Horribilicribrifax’ und ‘Peter Squenz’ von Braune (Halle 1876 und 1877); Sonn-und Feiertags-Sonette von Welti (Halle 1883).
1.
THRÄNEN DES VATERLANDES, ANNO 1636.
WIr sind doch nunmehr gantz, ja mehr denn gantz verheeret Der frechen Völcker Schaar, die rasende Posaun, Das vom Blut fette Schwerdt, die donnernde Carthaun, Hat aller Schweiss, und Fleiss, und Vorrath auffgezehret. Die Thürme stehn in Glut, die Kirch ist umgekehret. Das Rathhauss liegt im Grauss, die Starcken sind zerhaun, Die Jungfern sind geschänd’t, und wo wir hin nur schaun Ist Feuer, Pest, und Tod, der Hertz und Geist durchfähret. Hier durch die Schantz und Stadt, rinnt allzeit frisches Blut. Dreymal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut, Von Leichen fast verstopfft, sich langsam fort gedrungen; Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod, Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnoth, Dass auch der Seelen-Schatz, so vielen abgezwungen. 10
2.
DOMINUS DE ME COGITAT.
IN meiner ersten Blüt’, Im Frühling zarter Tage, Hat mich der grimme Tod verweiset, und die Nacht Der Traurigkeit umhüllt, mich hat die herbe Macht Der Seuchen ausgezehrt. Ich schmacht in steter Plage. Ich theilte meine Zeit, in Seuffzer, Noth und Klage, Die Mittel, die ich offt für feste Pfeiler acht, Die haben (leider!) all’ erzittert und gekracht, Ich trage nur allein den Jammer, den ich trage. Doch nein! der treue GOtt beut mir noch Aug und Hand, 20 Sein Hertz ist gegen mir mit Vater Treu entbrand, Er ists, der iederzeit vor mich, sein Kind muss sorgen. Wenn man kein Mittel find, sieht man sein Wunderwerck, Wenn unsre Krafft vergeht beweisst er seine Stärck, Man schau’t ihn, wenn man meint, er habe sich verborgen.
3.
ES IST ALLES EITEL.
DU sihst, wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden. Was diser heute baut, reist jener morgen ein: Wo itzund Städte stehn, wird eine Wisen seyn, Auff der ein Schäfers-Kind wird spilen mit den Herden: 30 Was itzund prächtig blüht, sol bald zutretten werden. Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein, Nichts ist, das ewig sey, kein Ertz, kein Marmorstein. Itzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden. Der hohen Thaten Ruhm muss wie ein Traum vergehn. Soll denn das Spil der Zeit, der leichte Mensch bestehn? Ach! was ist alles diss, was wir vor köstlich achten, Als schlechte Nichtikeit, als Schatten, Staub und Wind; Als eine Wisen-Blum, die man nicht wider find’t. Noch wil was Ewig ist kein einig Mensch betrachten!
4.
{10} MORGEN-SONNET.
DIe ewig-helle Schaar wil nun ihr Licht verschlissen, _Diane_ steht erblasst; die Morgenrötte lacht Den grauen Himmel an, der sanffte Wind erwacht, Vnd reitzt das Federvolck, den neuen Tag zu grüssen. Das Leben diser Welt, eilt schon die Welt zu küssen, Vnd steckt sein Haupt empor, man siht der Stralen Pracht Nun blinckern auff der See: O dreymal höchste Macht Erleuchte den, der sich itzt beugt vor deinen Füssen! Vertreib die dicke Nacht, die meine Seel umbgibt, Die Schmertzen Finsternüss, die Hertz und Geist betrübt, 20 Erquicke mein Gemütt, und stärcke mein Vertrauen. Gib, dass ich disen Tag, in deinem Dinst allein Zubring: und wenn mein End’ und jener Tag bricht ein Dass ich dich, meine Sonn, mein Licht mög ewig schauen.
5.
AUS DEM TRAUERSPIEL ‘CARDENIO UND CELINDE’.
Der hohe Geist der in der Sterblichkeit, Vnsterblich herrscht, Der seines Fleisches Kleid Als eine Last, (so bald die Stunde schlägt Die scheiden heist) gantz unerschreckt ablegt;
Der hohe Geist würd’ alles was die Welt, 30 Was Lufft und See in ihren Schrancken hält, Was künfftig noch, und was vorlängst geschehn; Mit lachen nur und Miss-Preiss übersehn.
Dem Vogel Trotz! der in die Lufft sich schwingt Ob schon der Schall der harten Donner klingt, Vnd ob der Sonn’ auff die er einig harrt, Mit steiffem Aug sich wundert und erstarrt.
Der hohe Geist würd über alles gehn, Vnd bey dem Thron der höchsten Weissheit stehn; Wenn beyde Flügel ihm nicht fest gehemmt, Vnd Füss und Leib mit schwerer Last beklemmt.
Alsbald er auff den Kreiss der Dinge trat; Erschrack der Fürst der zu gebitten[1004] hat 10 Der Untern-Welt, der wenn er umb sich blickt, List, Hass und Grimm in unser Licht ausschickt.
Er schüttelte dreymal sein Schlangen-Har. Die Höll erbeb’t; was umb und umb ihn war Versanck in Furcht, die Glutt schloss einen Ring, Als er entsteckt[1005] von heissen Neid anfing;
Auff! Götter auff! die mit mir von dem Thron Hiher gebannt: Es steht nach jener Kron Die ich besass, ein hoch-glückselig Bild Das leider mehr bey seinem Schöpffer gilt! 20
Man ging zu Rath: Es ward ein Schluss erkist Zu dämpfen was in Menschen Himmlisch ist, Mit Macht und Trug! bald drungen aus der Nacht Geitz, Hochmutt, Angst, Einbildung, Wahn und Pracht.
Doch allen flog erhitzte Brunst zuvor Die voll von List den Namen ihr erkor Von steter Lib’ und unter ihrem Schein Die Hertzen nam mit Gifft und Gallen ein.
Ihr bot alsbald die Rach-Lust treue Hand Die, leider! jetzt der allgemeine Tand[1006] 30 Auff dem Altar der tapffern Ehren ehrt, Indem die Burg der Ehren wird zustört.
Die Rasereyen pochen was man schätzt, Vnd heilges Recht auff festen Grund gesetzt; Sie stecken Reich und Land mit Flammen an Die auch kein Blutt der Völcker dämpffen kan.
Sie färben See und Wellen Purpur-roth, Sie stürtzen Stül und Kronen in den Koth, Vnd treten was auff Erden sterbens-frey Vnd ewig, mit entweyhtem Fuss entzwey.
Sie reissen (ach!) des Menschen reine Seel Von ihrem Zweck in des Verderbens Höl 10 Vnd zihn, die den Gott gab den Himmel ein Aus stiller Ruh, in immer-strenge Pein.
6.
VANITAS! VANITATUM VANITAS!
Die Herrlichkeit der Erden Muss Rauch und Aschen werden! Kein Fels, kein Erz kann stehn. Dies, was uns kann ergötzen, Was wir für ewig schätzen, Wird als ein leichter Traum vergehn.
Was sind doch alle Sachen, 20 Die uns ein Herze machen, Als schlechte Nichtigkeit? Was ist des Menschen Leben, Der immer um muss schweben, Als eine Phantasie der Zeit?
Der Ruhm, nach dem wir trachten, Den wir unsterblich achten, Ist nur ein falscher Wahn. Sobald der Geist gewichen Und dieser Mund erblichen, 30 Fragt keiner, was man hier gethan.
Es hilft kein weises Wissen. Wir werden hingerissen Ohn’ einen Unterscheid. Was nützt der Schlösser Menge? Dem hie die Welt zu enge, Dem wird ein enges Grab zu weit.
Dies alles wird zerrinnen, Was Müh’ und Fleiss gewinnen Und saurer Schweiss erwirbt. Was Menschen hier besitzen, 10 Kann für den Tod nicht nützen; Dies alles stirbt uns, wenn man stirbt.
Ist eine Lust, ein Scherzen, Das nicht ein heimlich Schmerzen Mit Herzensangst vergällt? Was ist’s, womit wir prangen? Wo wirst du Ehr’ erlangen, Die nicht in Hohn und Schmach verfällt?
Was pocht man auf die Throne? Da keine Macht, noch Krone 20 Kann unvergänglich sein, Es mag vom Todtenreihen Kein Scepter dich befreien, Kein Purpur, Gold, noch edler Stein.
Wie eine Rose blühet, Wenn man die Sonne siehet Begrüssen diese Welt, Die, eh’ der Tag sich neiget, Eh’ sich der Abend zeiget, Verwelkt und unversehn’s abfällt: 30
So wachsen wir auf Erden, Und hoffen, gross zu werden Und schmerz- und sorgenfrei. Doch, eh’ wir zugenommen Und recht zur Blüte kommen, Bricht uns des Todes Sturm entzwei.
Wir rechnen Jahr auf Jahre; Indessen wird die Bahre Uns vor die Thür gebracht. Drauf müssen wir von hinnen Und, eh’ wir uns besinnen, Der Erde sagen gute Nacht.
Weil uns die Lust ergötzet, Und Stärke freie schätzet, Und Jugend sicher macht, Hat uns der Tod bestricket, 10 Die Wollust fortgeschicket Und Jugend, Stärk’ und Muth verlacht.
Wie viel’ sind jetzt vergangen! Wie viel’ liebreicher Wangen Sind diesen Tag erblasst, Die lange Raitung machten Und nicht einmal bedachten, Dass ihn’n ihr Recht so kurz verfasst.
Auf, Herz! wach und bedenke, Dass dieser Zeit Geschenke 20 Den Augenblick nur dein. Was du zuvor genossen, Ist als ein Strom verschossen; Was künftig, wessen wird es sein?
Verlache Welt und Ehre, Furcht, Hoffen, Gunst und Lehre, Und fleuch den Herren an, Der immer König bleibet, Den keine Zeit vertreibet, Der einig ewig machen kann. 30
Wohl dem, der auf ihn trauet! Er hat recht fest gebauet; Und ob er hier gleich fällt, Wird er doch dort bestehen Und nimmermehr vergehen, Weil ihn die Stärke selbst erhält.
7.
AUS DEM TRAUERSPIELE ‘CAROLUS STUARDUS.’
_Der König. Juxton. Thomlisson. Hacker. Die Hencker. Die Jungfrauen an den Fenstern._
_1. Jungf._ O schrecklich Schau-Gerüst! _2. Jungf._ Soll Karl den Platz betreten?
_3. Jungf._ Sol er, wo vor sein Volck ihn schier pflag anzubeten, In höchster Schmach vergehn? _4. Jungf._ Fällt er in seinem Land? Für seiner eignen Burg durch eines Henckers Hand?
_1. Jungf._ Ach hätte, wehrter Printz! das Schwerdt dich hingenommen, Da wo auf blankem Feld Heer gegen Heer ankommen! Ach! hätte dich bey Wicht die tolle See bedeckt, So würde nicht dein Tod mit so viel Schmach befleckt! 10
_7. Jungf._ Der Tod hat keine Schmach; die Schmach liegt auf den Richtern. Sein Unschuld lässt sich schaun vor tausend Angesichtern. Man wird an seiner Stirn, an den Geberden sehn Den unbefleckten Geist, die Tugend, die wir schmehn, Die wir, wenn Gottes Rach wird Himmel ab erscheinen, Noch werden mit viel Reu in heisser Angst beweinen.
_1. Jungf._ Herr! scheub disz Urtheil auf, bis mein Gesicht erblasst! Wo nicht, so nimm nur bald der Glieder schwere Last 20 Von dem gepressten Geist! _5. Jungf._ O Schwestern! O sie kommen!
_2. Jungf._ Die Majestät hat gantz sein Antlitz eingenommen Und streicht, indem sie nicht in Purpur fünckeln kan, Mit unerschöpfftem Glantz die schönen Glieder an.
_4. Jungf._ Itzt sieht er nach dem Klotz auf dem er soll verschwinden.
_Carol._ Ob denn kein höher Block in Britten mehr zu finden?
_1. Jungf._ Der vor drey Königreich mit höchster Macht besasz, Hat kein bequemer Holtz zu seinem Tod, als das.