The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2)

Part 49

Chapter 493,263 wordsPublic domain

Mein Tochter sey zu frieden eben Deine Sünde seind dir vergeben Wann ich bin barmhertzig vnd gütig 20 Genedig, Trew vnd gar langmütig Ein Vater der trostlosen armen Ich wirt mich vber euch erbarmen So ich euch send in meinem namen Des verheissenen weibes samen Der wirt von übel euch erlösen Zertretten die hellischen bösen Schlangen doch mitler zeit vnd fort Solt jhr euch halten an mein wort Mit eim festen vnd starcken glaubn 30 Vnd last euch des niemand beraubn Das sol die weil ewer trost sein.

_Adam spricht._

O himelischer vater mein Des sey dir lob, danck, preiss vnd ehr Jetzund ewig vnd jmmer mehr Nun jhr kinder euch hieher macht Mit reuerentz den Herrn entpfacht Sich, Sich, wie sich der Kain stelt Mit seiner rott so vngschickt helt Vnd wend vnserm herr gott den rück Wend euch und habt euch als[962] vnglück Empfacht jn nach einander rumb.

_Kain entpfecht den Herrn mit der lincken hand vnd spricht._

Herr nun biss mir wilkumb. 10

_Eua spricht._

Ey reicht jr denn an diesem end Vnserm hergott die lincken hend Ziecht auch ewre hütlein nit ab Wie ich euch vor geleret hab Ir groben filtz[963] an zucht vnd ehr Mein Abel kum zum Herren her Sambt den ghorsamen brüdern dein Entpfahet Gott den herrn fein.

{20} _Abel beut dem Herrn sein hand sampt den frommen kindern vnnd spricht._

O Herr Got du himlischer vater Ich danck dir du höchster Wolthater Der du dich vnser so gnedigklich Annembst wer kan vol loben dich.

_Der Herr spricht._

Abel vnd diese fünffe sind Gehorsam wolgezogne kind Kumpt thüt neher zu mir her trettn 30 Saget mir her wie künd jhr bettn.

_NICODEMUS FRISCHLIN._

[_Scherer D._ 310, _E._ 309.]

Geboren 1547 zu Balingen in Würtemberg, schon 1568 Professor der freien Künste zu Tübingen, 1575 vom Kaiser Maximilian zum Dichter gekrönt und später zum Comes Palatinus ernannt. Wurde dann viel besonders von Seiten des Adels angefeindet und verfolgt, führte daher ein unstätes Leben, ward schliesslich eingekerkert und verunglückte bei einem Fluchtversuch 1590. Er dichtete meist in lateinischer Sprache sechs Comödien und zwei Tragödien; ‘Priscianus vapulans’ 1571; ‘Rebecca’ 1576; ‘Susanna’ 1578; ‘Hildecardis magna’ 1579; ‘Julius redivivus’; ‘Helvetiogermani’ 1589; ‘Phasma’ 1592.--‘Dido’ 1581; ‘Venus’ 1584. Unter seinen sonstigen Gedichten sind seine ‘Elegien’ und die ‘Hebrais’ die bedeutendsten. Die deutschen Dichtungen gab Strauss heraus (Stuttgart 1857).

AUS DER COMMEDIA JULIUS REDIVIVUS, DEUTSCH BEARBEITET VON JACOB AYRER (herausg. von v. Keller, Stuttgart, 1865).

Hermannus sagt:

Wer seidt jhr dann? so zeigt mirs an! Ich hets vorhin lengst gern gewüst.

Cicero sagt:

Dises Julius Cesar ist, Der aller erst Keiser zu Rom, Vnd Cicero heiss ich mit Nahm, Ein Meister aller redner Kunst. 10

Hermannus sagt:

Ey schweigt! eur reden ist vmbsunst. Dise beid, die jhr habt genendt, Vor Sechzehenhundert Jahrn todt sendt Vnd in die Erd gescharret sein. Wo wolt jhr kommen da herein? Ihr seidt loss vnd verlogen Leut. Darumb führt sie hin allebeidt! Ihrer lügen ich schon gnug hab.

Cicero sagt:

Mercurius vns das lebn gab Vnd hat vns auch drey Monat gebn, Darinn wir möchten wider lebn, Zu sehen, wie es stündt im Landt.

Hermannus sagt:

So löset ihn auff jhre Pandt, Das ich mich bass mit jhn beredt! Vnd jhr solt mir sagen allbeed, Wie es steh drunden in der Helln. 10

Julius Cesar sagt:

So viel wir euch vermelten wölln, Das in der Helle seind zugleich Beide Jung vnd Alt, Arm vnd Reich, Auch Edl vnd vnedel drinn fahrn. Doch dörff wir euch nit offenbarn, Was bey den thaten heimblich ist.

Hermannus sagt:

So saget mir allein nur dist: Warumb seidt jhr auff Erden kommen? 20

Julius Cesar sagt:

Das wir so gern haben vernommen, Wie sich das Teutschlandt hab verkerdt, Wie es sich bessert vnd gemehrt, Das es könn Griechisch vnd Latein.

Hermannus sagt:

Keine sprach auff der Erden sein, Die man nicht auch im Teutschlandt kan.

Julius Cesar sagt:

Was seidt jhr für ein grosse Person, 30 In Eissern Kleidung wol gerüst, Darinn sich böss zu wehren ist: Der keine ist gwest bey mein zeitn. Wie wolt jhr mit den Feinden streitn Mit disen schweren Instrument?

Hermannus sagt:

Die besten Wehrn diss derzeit sendt. Meine Feind kan ich Würgen mit Dardurch wol auff Dreyhundert schrit, Also das er stracks auffm platz bleibt.

Julius Cesar sagt:

Zu grossem Wunder mich das treibt. Zu meiner zeit da braucht man Schleiter, Kondt doch damit werffen nit weiter, Als etwan ein Zwaintzig schrit weit. 10 Nit wissen wir zu dieser zeit, Wie dise Waffen gbrauchet wern.

Hermannus sagt:

Ich wil euchs lassen sehen gern.

Er reist die Büchssen rab, spandt sie, schüet Pulffer auff vnnd zeucht den Hannen herrüber vnnd trucket loss. Julius fellt auff die Knie, hebt die Händ auff vnd sagt:

O erschröcklich Gott, sey mir gnädig! Ob ich mich ghalten vnflätig, Verzeuch mirs! ich wills nit mehr than. 20 O Cicero, beth den Gott auch an, Der mit seim schröcklichn Donnerkeil Vns beidt vmbbringt über ein weil! Wir haben vns an jhm versündt.

Cicero fellt nider vnd sagt:

Ja wir seind ein weng gwest zu gschwindt, Das wir nit glauben, was er redt. Dein Donder mich erschrecken thet, Das ich nit west, wie mir war gschehen. Ach das wir etwas köndten sehen, 30 Das wir geben zum Opffer dir!

Hermannus sagt:

Steht auff! ich bin ein Mensch wie jhr, Heiss Hermannus vnd bin ein Fürst.

_WOLFHART SPANGENBERG._

[_Scherer D._ 297, _E._ 264.]

Magister in Strassburg, war ein gelehrter Theolog und besass vielseitige Bildung. Er war ungefähr zwischen 1601-1611 literarisch thätig. Er verfasste moralisierende Stücke für die Gesellschaft der Meistersinger, übersetzte antike und moderne Tragödien und Comödien; mit seinem berühmten ‘Ganskönig’ und seinem unvollendeten ‘Eselkönig’ setzte er Fischarts Thierdichtung fort. Auch in kleineren Gattungen der Poesie versuchte er sich.

AUS DEM STRASSBURGER ‘SAUL.’

_Michal._

Deiner Tochter erbarme dich, Die jetzund thut den Fussfall dir. Ach, er geht gar weg. O weh mir! O welch ein hartes Vatter Hertz. Wer hilfft mir nun in meinem Schmertz? Wer wird sich mein erbarmen fein, Weil mich verstosst der Vatter mein? 10 Ach, du mein Hertz, mein Frewd, mein Leben, Wohmit soll Jch dir helffen eben? Solt Jch dich sehn doch nur ein mahl, Vnd dich gesegnen in dem Fall: Vnd dir erzeygen in dem Schmertzen Ein zeugniss meiner lieb im Hertzen. Ach, was solt mir nun Frewde geben, Wann du nicht mehr bist in dem leben. Ach, solt Jch jetzt sterben mit dir. O Jhr Trabanten hört, die jhr 20 Den David vmbbringt grimmiglich: Tödet mit jhm zugleich auch mich. Jch will mit Frewden sterben nuhn. Was solt jch mehr bei Menschen thun? Solt Jch mich auch hinfort erzeygen Bey den Jungfrawen an dem Reygen? Niemand wird mich mehr hören singen Jch werd auch heim kein Hoffnung bringen Dass Er mein Breutgam werd bewegt. Ja mein zung mir am Gaumen klebt: Vnd alle die Gelieder mein Seind erhartet gleich wie eyn Stein. Die Erd mich eh verschlingen solt, Eh jch dich nit mehr lieben wolt. Inn ein Einöd will jch mich eben In diesem meim Elend begeben 10 Damit jch wasch, so offt jch wein, Mit den Thränen die Backen mein. Wenn mein Zung red nach Menschen brauch So folg eyn klag der andern auch. Gleich wie eyn Vöglein sitzt allein Auff eim Dannbaum vnd klaget fein. Oder auff einer Eichen Breit: Also will jch klagen mein leyd Mit Seufftzen, die auss meinem Hertzen Heuffig werden tringen mit Schmertzen. 20 Seuffzend will Jch meine Brust schlagen: Vnd den langsamen Tod anklagen. Ja für Trawren werd Jch verschmachten. Eim blümlein wird man mich gleich achten, Das früh emporhebt sein Häuptlein Wann herfür bricht der Sonnenschein Welchs die scharff Senss abhawt behend, Vnd wird durch strenge Hitz verbrennt: Das es abends verdorret balt, Ligt im Feld vnd hat kein gestalt. 30 Also hett Jch mir eingebild Des morgens früh eyn hochzeit mild: Vnd werde gleich mit schwerer plag Dahin gericht den ersten Tag Vnd leid mit Seufftzen vnd mit Schmertzen So grosse Angst, in meinem Hertzen: Dass jch balt gegen abend, gleich Sein werde, einer Toden Leich. Aber was ist das? was seh Jch? Wen schlept Jhr da jhr Bösewich! Wen schleifft Jhr da? last jhn balt gehen, Ach liebes Hertz, thu Jch dich sehen? Seh Jch nicht, den begehrt mein Hertz?

_DIE ENGLISCHEN COMÖDIANTEN._

[_Scherer D._ 314, _E._ 313]

Eine Schauspielertruppe, die 1585 aus England herüberkam, ganz Deutschland durchzog und hier Shakespearesche und andere englische Stücke in prosaischer Übersetzung zur Aufführung brachte. Eine erste Sammlung dieser Prosadramen ‘Engelische Comedien vnd Tragoedien--Sampt dem Pickelhering’ erschien 1620. Vgl. A. Cohn, ‘Shakespeare in Germany’ (London und Berlin 1865); Tittmann ‘Die Schauspiele der englischen Komödianten in Deutschland’ (Leipzig 1880).

AUS DER TRAGÖDIA VON TITO ANDRONICO.

_Nun ist die Morgenstunde heran gekommen, vnnd man jaget; die Jägerhörne vnd Tumpeten werden geblasen._

{10} _Titus Andronicus (kömpt herausz)._

O wie lieblich vnnd freundlich singen jetzt die Vogel in den Lüfften; ein jeglich suchet jetzt seine Nahrung, vnd die Jaget ist auch schon angefangen in Frewde vnnd Herrligkeit. Aber mein Hertz ist mir dennoch beängstiget vnd beschweret, denn ich diese vergangen Nacht solch ein schrecklichen Traum gehabt, vnd nicht weisz was er bedeuten wirdt. Nun musz ich wiederumb zum Keyser reiten, der Persönlich bey der Jagt vorhanden.

_Gehet weg etc._

_Jetzt kömpt herausz Andronica, hat jhr Gemahl bey der Handt; {20} die Kayserin kömpt jhm entgegen, die Jäger blasen._

_Andronica._

Hertzliebes Gemahl, schöner vnnd lustiger Jaget habe ich mein Tage nicht gesehen.

_Gemahl._

Ich auch, mein schöne Gemählin, kan mit Warheit sagen, das ich auff vielen Jagten gewest, aber nimmermehr lustiger vnnd frewdiger gesehen. Was aber sehe ich jetzt für ein Wunder: die Kayserin die da gar alleine eilend zu vns spatziret?

_Kayserin (kömpt zu jhnen)._

Sich welch ein grosz Wunder nimpt mir doch diese Andronica. Wie gehestu mit deinem Gemahl gar allein. Hastu nicht ein tausent Reuter vnnd Fuszvolck hinter dich, die da auff euch {10} warten?

_Andronica._

Schöne Kayserin, ich frage euch wieder, wie kömpts, dasz jhr alleine gehet vnnd auch nicht ein Hauffen Diener auff euch bestellet haben? Aber ewrn Spott den jhr jetzt an vns treibet, thu ich doch weniger denn nichtes achten vnd jhne auch leichtlich vertragen. Verhoffe auch wann es würde von nöhten seyn, wolte ich eben so wol ein tausent Reuter vnd Fuszvolck können auffbringen dann jhr.

_Kayserin._

{20} Andronica, das du jetzt so frech vnd mit spitzsinnigen Worten wiederumb fragest, warumb ich auch alleine gehe, soltu wissen, dasz es mir also gefelt. Aber ich frage, wie kömpts doch, dasz du mir so frech vnd trotziglich darffest antworten. Bin ich nicht deine Keyserin, vnd solst nicht wissen, wie hoch du mich ehren soltest; gedenck nun aber nicht, dasz ichs also dabey wil bleiben lassen.

_Andronica._

Ja Keyserin, wie mann ins Holtz ruffet, also krieget man ein Widerschall, denn wie jhr mich ausz hoffertigen Gemüth fraget, so antworte ich euch. Ob ihr aber wol Keyserin seyd, wil ich euch {30} drumb nicht vnter den Füssen liegen, denn bedencket dieses: waret jhr nit erstlich meines Herren Vater gefangen, vnd nun weil jhr Keyserin worden seyd, wisset nicht wie jhr euch für Hoffart lassen wollet. Derhalben könnet jhr wol immer hinfahren in ewer Hoffart vnd mich bleiben lassen wer ich bin. Ich frage: was hat diese Stadt Rom für Nutz von euch vnd den ewren gehabt? was hat sie aber für Nutz von den meinigen, vnd mein Herr Vater? ja warlich wenn der es nicht gethan, vnd mit seinen Ritterlichen Händen erhalten, das Kayserthumb vnnd gantz Rom würde vorlangst zu Boden gangen seyn, thut aber so viele böses an mir, was jhr nicht lassen könnet.

_Keyserin._

O mein Hertz wil mir im Leibe zerspringen; gehe mir ausz meinen Augen, du verfluchte Creatur, maszen ich dann dein Hochmuth nicht straffen könte, so wolte ich mich selbest tödten. Sich {10} ich thu schweren bey allen Göttern, dasz ich zuvor nicht essen oder trincken, auch nunmehr mein Häupt sanffte legen wil, bisz ich mein Muth sats vnd genugsam an dich gekület, vnnd mit Frewden vber dir triumphiret.

_Gehet ein Schritt sex fort; da kommen jhre zween Söhne zu jhr; die Andronica redet vnter dessen in geheim mit jhrem Gemahl._

_Helicates._

Gnädige Fraw Mutter, es nimpt vns grosz Wunder, dasz jhr so gar allein vnd von allen spatzieren gangen. Aber vielmehr thun wir vns verwunderen, warumb jhr so sehre betrübet, vnnd in {20} schwermütigen Gedancken gehet.

_Mutter._

O mein liebe Söhne, öffenet ewre Ohren vnd observiret meine Wörter wol: jhr sollet wissen, dasz ich nit weit von hie einem Orte spatzierete, da die Andronica sampt jhrem Gemahl ist, welche mich also erfasset vnd mit spöttischen vnnd hönischen Worten wer vber mich bald toll vnd vnsinnig wordn, derhalben kömpft nur vnd rechnet euch mächtigklich wieder an sie; vnd gehet erbärmlich mit jr vmb; vnnd erstecht jhr alszbald ihren Gemahl an der Seiten, darvon jhr mich lieb habet. So jhrs aber nicht thut, so wil ich {30} euch verfluchen vnd nicht für meine Söhne halten.

_Söhne._

Gnädige Fraw Mutter, wir seynd willich euch zu gehorsamen. Kömpt nu mit vnd zeiget vns an welchen Orte sie seyn, so wil ich jhm alszbald sein Leben nehmen.

_Mutter._

Nun so folget mir vnd habt keine Erbarmnisse nit.

_Gehen zu ihm. Helicates ziehet sein Schwerdt._

_Helicates._

Sich, finden wir euch hie! Du hast nun gar zu lange gelebet.

_Ersticht jhn._

O mordio, mordio!

_Andronica._

Ach wehe, ach wehe! ist dar denn kein wehr vnd zeter dieser {10} mordtliche Todt.

_Gehet für den todten Cörper auff die Erde sitzen._

_Kayserin._

Sich nun du hoffertiges Weib: Wie gefelt dir disz? was düncket dir? hab ich den Eydt nicht gehalten, welchen ich geschworen? Ja dieser sol noch gar nichts seyn, sondern so wil ich dich zämen, dasz du mir vnter meinen Fuszsolen solt liegen, vnd ich vber deinem Leichnam trete; dein gantz Geschlechte sampt deinem Vateren vnnd Brüder wil ich gar auszrotten vnd bey meinem Gnädigsten Herrn Kayser mit List vnd Practicken zu wege {20} bringen, dasz sie alle eines jämmerlichen Todes sterben sollen. aber ich bin dir hoffertige Mensche so spinne feindt, denn mir vnmüglich ist lenger lebendig fur meine Augen zu sehen. Derohalben mein lieber Sohn; thue mir jetzt dein Schwerdt; damit wil ich jhr selbst jämmerlich jhr Leben nehmen.

_JOHANN VALENTIN ANDREÄ._

[_Scherer D._ 315, _E._ 314.]

Geboren 1586 zu Herrenberg in Würtemberg. Er war der Sohn eines Predigers, studierte in Tübingen Theologie, reiste dann in Deutschland, Frankreich und Italien und erhielt nach seiner Rückkehr verschiedene Anstellungen als protestantischer Geistlicher. Er starb als Abt von Adelberg 1654. Er schrieb satirische Dialoge und Parabeln und Comödien in lateinischer Sprache. Unter seinen deutschen Werken sind zu nennen: ‘Christenburg’ 1615 (herausgegeben von Grüneisen); ‘Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreuz’ (1616); ‘Geistliche Kurzweil’ 1619.

1.

AN DEN GRÜBLER.

OHn kunst, ohn müh, ohn fleiss ich dicht, Drumb nit nach deinem kopf mich richt, Biss du witzt[964], schwitzst, Spitzst, Schnitzst im Sinn, Hab ich angsetzt, vnd fahr dahin. Biss du guckst, buckst, schmuckst[965], truckst im Kopff, Ist mir schon aussgelehrt der Topff: Biss du flickst, spickst, zwickst, strickst im Hirn, Ist mir schon abgehaspt[966] die Zwirn. Gfelts dir nu nit, wie ich im thu, 10 Machs besser, nimb ein Jahr darzu.

2.

EIN GESPRÄCH CHRISTI MIT EINER WELTLIEBENDEN SEELEN.

_Christus._

CHristus zu einer Seelen spricht, Ach lass mich bey dir ein: Eh dann dir kompt das schwer Gericht Das nichts bringt dann nur pein: Dann dein vnrhüwigs[967] Hertz, Sucht hie vnd da sein schertz, 10 Vnd findt doch nichts dann schmertz.

_Seel._

HErr Christ, antwort die Seel alsbald, Du bist mir gar nicht frembdt. Mein Hertz gegen dir ist gar nit Kalt, Mein Mund dich stehts bekendt: Ich hab im Leben mein Mich geben dir allein, Mein Heyland soltu sein.

_Christus._

Reichlich redet dein Munde mir, Ich find es aber nit, So offt ich kam für deine Thür, 20 So wiltu noch nit mit, Die Eytelkeit der Welt, Darzu das schnöde gelt Dir noch zuwol gefellt.

_Seel._

In dieser Welt ich leben muss, Allda ist wunders vil, Solt ich mir legen auff mehr buss, Wer wer dem dis gefiel, Dann solt nicht auch sein frewd, Vnder so vielem leid, Wer blib zu diser zeit.

_Christus._

Sich Seel was mir versprochen hast, Als ich dich gnommen an, In diser welt wöllst han kein Rast, All tag zu Kampffe stahn, Nun hastu dich gelendt[968], 10 Zu meinen Feinden gwendt, Dein Frewd zur Höllen rendt[969].

_Seel._

Tracht ich dann nicht nach deiner Ehr, So hast zu klagen wol, All Ketzerey von mir ist ferr, Mein Mund dir betten[970] soll, Doch bitt ich mir verzeich, Dass ich den Leuten gleich, Vnd doch von dir nit weich. 20

_Christus._

Ich eyffer zsehr, vnd nit vertrag, Dass du liebst Andre mehr, Alda ich auch nit bleiben mag, Wa herrscht ein andrer Herr, Ist mirs nit grösser Spott, Dass du ehrst für dein Gott, Ehr, Gelt, vnd die bös Rott.

_Seel._

Ach nit, das wer ein böse Sach, Fürthin mich massen[971] will, Mein armes Fleisch, das ist so schwach, Dass ich diss lieb zu vil, Drumb mein Hertz öffne ich, Zeuch ein Herr gnädiglich, Treib auss, was wider dich. 10

_Christus._

Nit denck dass Ich dir kan[972] mit Pracht, Mein schmuck ist Creutz vnd schmach, Bey mir wirstu nur sein veracht, Dass jedermann dein lach, Jedoch biss wol gemut, Sey still in meiner hut, Ich bring dirs höchste gut.

_Seel._

Adi O Welt vnd Fleisches Rhu, 20 Ich hab das gut erwehlt, Nun zeuch ich all mein Thürlin zu, Forthin mirs nimmer fehlt, Dir Christ ich nun allein, Einraum das Hertze mein, Dein vnd mein Will sey Ein.

_JOHANN ARNDT._

[_Scherer D._ 315, _E._ 315.]

Geboren 1555 zu Ballenstädt im Anhaltischen. Sein Vater war Prediger. Arndt studierte zuerst Medicin, dann Theologie. 1583 erhielt er eine Pfarrei zu Badeborn im Anhaltischen, wurde aber von den Calvinisten vertrieben und nahm 1590 eine Stelle als Prediger zu Quedlinburg an. 1599 wurde er nach Braunschweig, 1608 nach Eisleben berufen. Er starb 1621 zu Celle als Generalsuperintendent. Er suchte in seinen Schriften fûr die Idee des wahren Christenthums zu wirken. Am verbreitetsten waren sein ‘Wahres Christenthum’ und das ‘Paradisgärtlein voll christlicher Tugenden.’

1.

DANKLIED.

JEsu, meine Liebe, die ich offt betrübe, hier in dieser Welt, dir danckt mein Gemüthe, wegen deiner Güte, die mich noch erhält, die mir offt gar unverhofft hat geholffen in den Klagen, 10 Noth, Leid, Angst und Zagen. Nun ich wil dran dencken, wenn ich werd in Kräncken und in Ängsten seyn, wo ich werde stehen, wo ich werde gehen, wil ich dencken dein, ich wil dir, Heyl, für und für Danckbar seyn in meinem Hertzen, dencken dieser Schmertzen. 20 Ich bat dich mit Thränen, mit Leid, Angst und Sehnen, mein Aug und Gesicht hub ich auff und schriee, neigte meine Kniee, stund auch auffgericht, ich gieng hin und her, mein Sinn war bekümmert und voll Sorgen durch die Nacht an Morgen. Ich, als ich nicht sahe, dass du mir so nahe, 10 sprach zu dir im Sinn: Ich kan nicht mehr beten, komm, mein Heyl, getreten, sonst sinck ich dahin ja ich sinck! Ey, sprach dein Winck: Halt, meynst du, dass ich nicht lebe, noch fort ümb dich schwebe? Ich war noch im Glauben, den mir doch zu rauben 20 Satan war bemüht, der die armen Seelen in der Leibes-Höhlen vielmahls nach sich zieht. Ich sprach doch: Ich gläube noch: Gläubt ich nicht, nicht wolt ich beten, noch für dich hintreten. HErr, wer zu dir schreyet, seine Sünd anspeyet, rufft dich hertzlich an, aus getreuem Hertzen, dessen grosse Schmertzen 10 wirst du, HErr, alsdann, wann er fest gläubt, dich nicht lässt, als die deine selbst empfinden, tilgen seine Sünden. Drum, O meine Liebe, die ich oft betrübe hier in dieser Welt, dir danckt mein Gemüthe, wegen deiner Güte, die mich noch erhält, die mir offt gar unverhofft 10 hat geholffen in dem Klagen, Noth, Leid, Angst und Zagen.

2.

VON DER KRAFFT UND NOTHWENDIGKEIT DES GEBETS, IN DIESEN GÖTTLICHEN BETRACHTUNGEN.