The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2)

Part 33

Chapter 333,362 wordsPublic domain

_Was ich von Trinken gesehen habe, das war alles Kinderspiel; einen Säufer jedoch hab ich kennen gelernt: 10 dem will ich die Meisterschaft zuerkennen. Dem galten Becher für nichts, er wollte von Näpfen noch Schalen etwas wissen: er trank aus grossen Kannen. Er ist vor allen Menschen ein Vorläufer aller Zecher. Von Auerochsen und Elenthieren wurden solche Schlucke nie gemacht. Jeder Zeit musste vor ihm stehn eine grosse Kanne voll Wein. Er sprach: ‘Wein, ich kenne dich wohl; ich weiss wohl, dass du gut bist. So lange von dir noch etwas im Fasse ist, weich’ ich nicht von dieser Bank.’ Da setzte er an und trank einen Trunk von zwanzig Schlucken. Er sprach: ‘Nun will ich künden, was du alles vermagst, viel lieber Wein. 10 Wie könnt es etwas volkommneres geben? du besitzest Schönheit und grosse Güte, du verleihst uns frohen Muth, du machst den Zaghaften kühn. Wer Deine Rüstung tragen will, der wird weise und sparsam, der wird schnell und stark, er fürchtet Niemandes Dreun. Du machst die Traurigen froh, du giebst den Alten Jugendmuth, 20 du bereicherst den Armen ohne Gut, du machst die Leute wohl aussehn. Du bist auch selber gar schön: du bist lauter und blinkend.’ Da setzte er an und trank einen Trunk, der die andern übertraf, er sprach: ‘Warum oder wie sollt’ ich von dem Weine lassen? Ich mag ihn recht wohl leiden, da er allen meinen Willen thut. Er dünkt mich besser als gut; ich bekomme ihn nimmer satt. Ich will ihn immerdar mehr loben als Buhurdieren und als Tanz. Nicht Krone, Kopfschmuck noch Kranz, 10 Seide, Sammet und Scharlachzeug, nicht allem Putz, den diese Welt hat, Gäb ich je den Vorzug vor dem Wein. Ihn hat in meinem Herzen die Liebe also einquartiert, versiegelt und eingeschlossen, dass wir uns nicht trennen können. Wer mir ihn verleiden will, den verfolge stäts mein Hass. Er kürzt mir die Zeit besser 20 als Sagen, Singen und Saitenklang.’ Da hub er die Kanne empor und trank einen noch viel grösseren Trunk als vorher. Er sprach: ‘Gras, Blumen und Klee und aller Kräuter Heilgewalt, die Gewürze und aller Steine Kräfte, der Wald und alle Vöglein, die vermöchten dich nicht, mein lieber Wein, bei den Leuten in Vergessenheit zu bringen; sie könnten dich nicht ersetzen mit alle dem, was sie vermögen. Ich will dir gerne gönnen, dass du mir kürzest die Zeit. Die Freude, die mir die Welt verleiht, 10 die kommt durchaus von deiner Tugend. Dein Lob hat ewige Jugend; dein Werth wird nimmermehr krank.’ Da hub er die Kanne und trank einen so gewaltigen Trunk: ja hätte er eine halbe Mark Belohnung damit verdient, er hätt es nicht besser machen können. ‘Wir beiden, ich und der Wein, Wir müssen immer beisammen sein! 20 Ich bin mit ihm ganz einig. Er hat mich dazu gezwungen, dass ich das stäts that, was er geboten. Der Wein ist gut in mancher Noth. Und vermöchte er auch nicht nur Freude zu geben, die Welt sollte doch immer zu ihm streben. Seine Freude steht über allen Dingen. Ich will nach Freuden ringen, da mir der Wein Freude giebt. Jetzt ringe ich bis auf die Zeit, dass er mir so viel Freuden giebt, dass ich immerdar in Freude lebe. Wie kann ich dann verderben? Um Freude will ich werben. Mein Leib empfange dafür Dank.’ 10 Da hub er die Kanne auf und trank so gewaltig, dass man solches nie mehr erlebte. Er sprach: ‘Der Herzog Itam der war von Weisheit ganz verlassen, dass er einem Wisent nachritt, er und sein Jäger Nordian. Hätten sie auf den Wein Jagd gemacht: dann wären sie so weise, wie ich bin. Mir geht’s viel leichter von der Hand als ihnen: ich kann ihn jagen und fangen; 20 mich ermüdet nicht mein Hasten. Ich jage den viel lieben Wein; des Jäger will ich immer sein: er hat mir stäts so wohl gethan. Was ich seither getrunken habe, und was ich dessen mein Lebtag auch noch schlingen kann in meinen Bauch, das ist ja nur ein Anfang.’ Erst recht nun hub er auf und trank gar manchen ungefügen Schluck. ‘Wein, mir ist dein Wesen kund. Ich kenne wohl deine Kraft, deine Kunst und deine Meisterschaft. Du bemeisterst die Sinne; du reizest zur Minne; 10 du bestätigst manchen Kauf, du machst manchen Wettlauf, du treibst mancherlei Spiel, mit Freuden unterhältst du viel. Die Welt wird durch dich ganz erhaben, du kannst die Durstigen laben, du lässt die Siechen gesunden. Seit deine Freundschaft ich gefunden, so war ich bei dir immerdar, wie gross auch deiner Diener Schar, 20 dass mich doch keiner bracht zu Wank.’ Da hub er die Kanne empor und trank, dass die Schlucke laut erklangen und stossend durcheinander drangen. Da ward von der Schlucke Schwall ein Sturm, dass dem Wogenprall der Schlund ward zu enge, dass in der Wellen Gedränge die Fluth sich durch einander schlang, ein wildes Rauschen erklang, als führ die Windsbraut übers Meer._

* * * * *

_Da hub er auf und trank einen schweren Trunk. Wie gross die Kanne auch war, sie war für den Trunk nicht gross genug, 10 mit Mühe brachte man etwas hinein. Da hiess er tüchtig hinein giessen und liess das in sich fliessen, dass so etwas noch nie geschehen. Darauf setzte er sich nieder und sprach: ‘Der Wein ist ein wahrer Edelstein. Ich höre eine süsse Stimme in meinem Haupte singen; die höre ich gerne klingen. Es gehört sich, dass ich ihn kröne. 20 Er singt mehr süsse Töne als aller Art Wohlklang und aller Vögel Gesang. Nie ward mir so etwas bekannt. Er singt so schön, dass Horant nicht den dritten Theil so schön gesungen hat.’ Da hub er auf und trank, dass die Bank zu krachen begann. Er sprach: ‘Darüber muss ich lachen. Darüber ist gut lachen. Das Krachen macht mir Vergnügen. Das thut des Weines Güte. Ich habe meine Seele ganz in Freuden getränkt. Da hinein hob ich mich versenkt. Ich sank stäts von der Stunde an, 10 wo ich zuerst trinken konnte, und mir der Wein so wohl gefiel. Ich weiss wohl, dass kein Schiff je in das Meer so tief gesunken.’ Da hub er die Kanne auf und trank einen vierschrötigen Trunk. Er sprach: ‘Ich bin jung geworden an Leib und an Seele. Wohl mir,’ so sprach der Gute, ‘dass ich solch ein Meister bin 20 im Trinken. Seht, das nenn ich mir Verstand. Ich weiss wohl dort in Paris, in Padua und Treviso, in Rom und in Toscana findet man keinen Menschen, dessen Meister ich nicht wäre, der sich auch nur ein Linschen mit mir vergleichen könnte. In allen deutschen Landen ist mir nie einer begegnet, 30 der früh und spät sich in Trinken so auszeichnete. Mit dem Weine will ich heute und immerdar gute Nachbarschaft halten. Meine Seele muss mit ihm gesunden, ihm ist sie immerdar hold. Wenn er schön wie Gold von dem Zapfen schiesst, hei wie wenig mich das ärgert, mag man noch so viel in mich giessen. 10 Meinem Leibe bekommt das sehr wohl. Man redet viel von Turnieren: tüchtig schlucken unter Vieren kann ich wohl; das ist mein Fall.’ Da hub er die Kanne empor und trank einen Schluck, der sehr gross war. Er sprach: ‘Was man erzählt von denen, die der Liebe pflagen und von der Liebe todt gelegen, die waren nicht so weise wie ich. 20 Wie starb der König Paris, der um Helenas willen erschlagen ward? Dessen Thorheit sollte man ewig beklagen. Hätte er lieber den Wein geminnet, so hätt’ ihm niemand etwas gethan. Frau Dido fand durch die Liebe ihren Tod. Graland wurde erschlagen und gesotten und drauf seiner Herrin zu essen gegeben, weil sie ihn nicht vergessen wollte. Piramus und Thisbe, denen geschah von der Liebe so viel Weh, dass sie sich in ein Schwert stürzten. Meine Liebe ist besseren Lohn werth, als ihrer aller Liebe: Meine Liebe ist freudebringend. 10 Ich wohne an der Liebe Strasse, doch ist mir wohler als Curas, der vor Liebe in der See ertrank.’ Da hub er die Kanne empor und trank einen Trunk in grosser Eile, den dehnte er so lange aus, bis ihm der Gürtel zersprang. Er sagte: ‘Das Band ist nicht von Bast, womit ich jeder Zeit mit dem Weine verbunden bin. 20 Das ist mein Glück und mein Heil; und zwar sind es drei starke Seile. Das eine ist des Weines Güte, das andere mein starker Geist, das dritte die Gewohnheit. Niemals wird er mir leid, ich muss ihn immer lieben. Ich kann ihm nicht entrinnen. Wie vermöcht ich einen so starken Strang zu zerreissen?’ Da hub er die Kanne auf und trank so gewaltig, dass alle sagten, die sein Trinken richtig sahen, was er bis dahin getrunken hätte, das sollte man ganz vergessen: dieser Trunk verdiente den Preis vor allen. 10 Er sagte: ‘Die Welt ist unklug, dass sie nicht zu Weine geht, wenn sie irgend ein Gebresten hat, und dass sie nicht gegen alles Leid trinkt, gegen Angst und Mühsal, gegen Alter und gegen den Tod, gegen Siechthum und alle Noth, gegen Schaden und der Schande Schlag, und gegen alle Widerwärtigkeiten der Welt gegen Nebel und schlimmen Gestank.’ 20 Da hub er empor und trank so kräftig, dass sich die Kanne bog. ‘Was da fliesset und flieget, soll mich billig anerkennen. Die Leute sollten sich alle meinem Gebote neigen. Die Welt ist ganz mein Eigen. Ich habe so viel Gewalt, dass ich thue, was ich will. Was ich will, das ist gethan, so dass ich allen meinen Willen habe. Davon heisse ich Ungenoss. Meine Kräfte sind so gross, wär der Welt so viel mehr, dass das Meer und jeglicher See so gut wäre wie das beste Land, 10 das müsste unter meiner Botmässigkeit stehn und müsste mir ohne Wanken dienen.’ Da hub er die Kanne empor und trank so lange und so gewaltig, so viel und immer noch mehr, so tüchtig und so heftig, dass sein Hemd zerplatzte. Er sprach: ‘Dem wird schon abgeholfen: ich weiss wohl, was Allem widersteht; ich kann mich wohl waffnen.’ 20 Er zog ein Koller von Hirschleder an, da liess er sich fest hinein schnüren; dazu von trefflichem Eisen einen engen festen Panzer. Drauf sagte er: ‘Des Weines Drängen lässt mich nun ungezerrt. Ich habe mich so versperrt: er kann mich nicht mehr aufschliessen. Das soll mir gut bekommen, dass ich meinen Leib zum Vergnügen mir eingezwängt habe, dass Mann noch Weib sich nie so fest verschnürt haben.’ Und immer noch hub er die Kanne empor und trank._

_HUGO VON TRIMBERG._

[_Scherer D._ 228, _E._ 220.]

Ein gelehrter Dichter, wirkte als Schulmeister einer Vorstadt von Bamberg. Sein bedeutendstes Werk ist ein Lehr- und Strafgedicht, ‘der Renner’ 1300-1313 verfasst, herausgegeben vom historischen Vereine in Bamberg (Bamberg, 1833).

DER RENNER.

Ein wolf, ein fuhs und ouch ein nôz gein Rôme wolten: ir riuw was grôz. und dô si nâhten gein der stat, 10 dô sprach der wolf ‘sît got uns hât mit sînen gnâden her brâht, eins dinges hân ich mich bedâht: alsô daz ouch süllen wir vor bîhten, daz gevellet mir, ê wir den bâbest ane sehen.’ dô sprach der fuhs ‘daz sol geschehen: wan der bâbst hât vil ze schaffen beide mit leien und mit pfaffen: des hât er selten muoze. bîhte wir, und setzen buoze, und bittenn daz er si bestete durch got und durch unser bete.’ dô sprach der wolf ‘nu sît gemein, und bîhte ie einr den andern zwein 10 daz grœste daz er habe getân. sô hebich ze dem êrsten an. ich tet ein sünde, ze der ich hân grôze vorhte. ez het ein man ein zuhtmuoter bî dem Rîn. diu het zwelf kleiniu verchelîn ligen in einer stîgen. diu hôrtich vaste schrîgen des morgens nâch ir ammen, wan si mit voller wammen 20 gie am velde, unde ir jungen mit grôzem hunger rungen. daz jâmerte mich, wan ichz sach. an der ammen ich mich rach eins tages dô sir niht enpflac: ich beiz si, daz si tôt gelac, und fulte mit ir mînen magen. nu lât iu grœzer sünde sagen. dar nâch, dô ich mich es versan daz ich vil übele hæt getân, erbarmten mich diu verchelîn ellende unde ir hungers pîn, und half in gar ûz aller nôt: si lâgen elliu von mir tôt; von rehter herzeleide 10 beslôz ichs in mîn gweide: weinende ich iu daz künde. setzet buoz umb mîne sünde.’ ‘alsô ich iuch vernomen hân, so enhât ir niht missetân’ sprach der fuhs: ‘ir tâtz durch guot, als manec ander man noch tuot, den dicke muoz erbarmen ellender und hûsarmen. ir sult knien für unser klôster 20 unde sprechen ein paternôster: daz ist umb die sünd ze vil. ein sünde ich ouch bîhten wil’ sprach der fuhs, ‘diu mich vil sêre twinget unde mir manc siufzen bringet. bî einem dorf saz ein gebûr: der het ein hanen. der was sô sûr, daz er all die hanen beiz die zuo im giengen in den kreiz, und het dâ bî vil grôzen braht mit zwelf hennen tac und naht, daz dick von im betoubet wart siecher liute houbet. daz tet mir wê von herzen. eins tages sach ich in scherzen 10 mit sînen gspunsen ime garten. ich nam in bî der swarten, und truog in durch die barre vür baz in ein ander pfarre, dâ ich den lîp im an gewan: in sîner pfarr vorhtich den ban. dar umbe schriuwen sîniu wîp al tage über mînen lîp: daz betoubte mir den sin, und rach ich mich ouch an in, 20 daz ich eine nâch der ander az: wie sold ich mich gerechen baz? wan si truogen nâch mir haz. herr, nu sprechet mir antlâz umb die grôze missetât.’ dô sprach der wolf ‘sîn wirt guot rât, daz daz schrîen und der braht ist zeinem guoten ende brâht. du enhâst niht sêre missetân, als ich mich nu versinnen kan. iedoch faste an drîn frîtagen, ob du fleischs enmüges bejagen. ich geloube dir: als tuost du mir. wol, her esel, nu bîhtet ir.’ ‘ich enweiz waz ich bîhten sol: ir wizzet beide selben wol daz ich bin martelær genôz: 10 wan mîniu arbeit ist sô grôz, daz ich von leid mac immer sagen. ir seht mich ûf und abe tragen wazzer, holz, korn unde mist, und swaz teglîch ze tuonne ist ûf einer hôhen bürge, daz ich ân danc mich würge mit maneger herten arbeit. ich tet ein sünde: diust mir leit, und hât mich vil gerûwen sît. 20 ein kneht der mîn pflac zaller zît gienc zeimâl für mich durch den snê. dô tet mir frost und hunger wê, und wart gewar daz im ein strô ragete ûz beiden schuohen dô. des zuctich im her ûz ein teil: daz was sîn schade, und mîn unheil: an der sêle bin ichs schuldic. nu sît gein mir geduldic und setzt mir buoze gnædiclîch.’ si sprâchen ‘wê dir êwiclîch! morder, waz hâstu getân! du hâst verderbet einen man, 10 dem sîne füeze sint erfrorn: der mort hât dir die sêle vlorn. so ensol der ouch niht genesen, der diep und morder ist gewesen.’ sus nâmens beide im sîn leben. sô gtân buoze künnen noch geben in klôstern übel platten: swem si niht sint gerâten, wirt hin und her gediuset biz er sêle und lîp verliuset 20 als der esel umb kleine schulde: der fuhs behielt des wolves hulde.

_Ein Wolf, ein Fuchs und auch ein Esel wollten nach Rom: ihre Reue war gross. Und da sie der Stadt nahe kamen, 10 da sprach der Wolf: ‘Da Gott uns hat mit seiner Gnade hergebracht, hab’ ich mich eines Dings bedacht: also dass wir auch sollen vorher beichten, das gefällt mir, ehe wir den Pabst ansehn.’ Da sprach der Fuchs: ‘Das soll geschehn: denn der Pabst hat viel zu schaffen sowohl mit Laien als Pfaffen: deshalb hat er selten Musse. Beichten wir und bestimmen die Busse, und bitten ihn, dass er sie bestätige um Gott und unsres Gebets willen.’ Da sprach der Wolf: ‘Nun seid einig und beichte je einer den andern zwein 10 das Grösste, was er gethan hat. So heb’ ich zuerst an. Ich that eine Sünde, vor der ich habe grosse Furcht. Es hatte ein Mann am Rhein eine Zuchtsau. Die hatte zwölf kleine Ferkel in einem Stalle liegen. Die hört ich sehr schreien des Morgens nach ihrer Amme, während sie mit vollem Bauche 20 im Felde umhergieng, und ihre Jungen mit grossem Hunger rangen. Das jammerte mich, als ichs sah. An der Amme rächte ich mich eines Tags, da sie sie nicht pflegte: ich biss sie, dass sie todt dalag, und füllte meinen Magen mit ihr. Nun lasst euch grössere Sünde sagen. Danach, da ich mich besann, dass ich sehr übel gethan hätte, erbarmten mich die Ferkel, die elenden, und ihres Hungers Pein, und half ich ihnen ganz aus aller Noth: sie lagen alle von mir todt; aus rechtem Herzeleid 10 schloss ich sie in mein Eingeweide: weinend künd’ ich euch das. Bestimmt die Busse für meine Sünde.’ ‘So wie ich euch vernommen habe, so habt ihr nicht gesündigt,’ sprach der Fuchs, ‘ihr thatet es aus Güte, wie mancher andre Mann noch thut, den oft erbarmen muss der Elenden und Hausarmen. Ihr sollt vor unsrem Kloster knien 20 und ein Paternoster sprechen: das ist für die Sünde zu viel. Ich will auch eine Sünde beichten,’ sprach der Fuchs, ‘die mich recht sehr drückt und mir manch Seufzen bringt. Bei einem Dorfe wohnte ein Bauer, der hatte einen Hahn; der war so böse, dass er all’ die Hähne biss, die zu ihm in den Kreis kamen, und machte dabei sehr grosses Geschrei mit zwölf Hennen Tag und Nacht, dass oft von ihm betäubt ward der Kopf kranker Leute. Das that mir von Herzen weh. Eines Tags sah ich ihn spielen 10 mit seinen Gemahlinnen im Garten. Ich nahm ihn bei der Schwarte und trug ihn durch den Zaun fürbass in eine andre Pfarre, wo ich ihm das Leben nahm: in seiner Pfarre fürchtete ich den Bann. Darum schrien seine Weiber alle Tage über mich: das betäubte mir den Sinn, und rächte ich mich auch an ihnen, 20 dass ich eine nach der andern ass: wie konnte ich mich besser rächen? Denn sie trugen mir Hass. Herr, nun sagt mir Ablass für die grosse Missethat.’ Da sprach der Wolf: ‘Dessen wird guter Rath, dass das Schreien und das Krähen zu einem guten Ende gebracht ist. Du hast nicht sehr gesündigt, wie ich mich nun besinnen kann. Jedoch faste an drei Freitagen, wenn du kein Fleisch erjagen kannst. Ich erlaube es dir, wie du mir es thust. Wohl, Herr Esel, nun beichtet ihr.’ ‘Ich weiss nicht, was ich beichten soll: ihr wisst beide selber wohl, dass ich ein Märtyrer-Genosse bin: 10 denn meine Arbeit ist so gross, dass ich immer von Leid zu sagen habe. Ihr seht mich auf und nieder tragen Wasser, Holz, Korn und Mist, und was täglich zu thun ist auf einer hohen Burg, dass ich ohne Dank mich plage mit mancher harten Arbeit. Ich that eine Sünde: die ist mir leid, und hat mich seither viel gereuet. 20 Ein Knecht, der meiner zu aller Zeit pflegte, gieng einmal vor mir durch den Schnee. Da thaten mir Frost und Hunger weh, und ich ward gewahr, dass ihm Stroh aus beiden Schuhen da heraus ragte. Da riss ich ihm etwas heraus, das war sein Schade und mein Unheil: an der Seele bin ichs schuldig. Nun seid gegen mich geduldig und bestimmt mir Busse gnädiglich.’ Sie sprachen: ‘Weh dir, ewiglich! Mörder, was hast du gethan? Du hast einen Mann zu Grunde gerichtet, 10 dem seine Füsse erfroren sind: der Mord hat deine Seele vernichtet. So soll der (Leib) auch nicht gerettet werden, der Dieb und Mörder gewesen ist.’ So nahmen sie beide ihm sein Leben. Solche Busse können noch austheilen in den Klöstern die bösen Plattköpfe: wem sie nicht günstig sind, wird hin und her gezaust, bis er Seele und Leib verliert, 20 wie der Esel wegen einer kleinen Schuld: der Fuchs behielt des Wolfes Huld._

_ULRICH BONER._

[_Scherer D._ 230, _E._ 221.]

Ein Predigermönch aus Bern. Er lebte bis nach 1349. Sein ‘Edelstein’ ist eine Sammlung von hundert Beispielen aus lateinischen und deutschen Quellen. Herausgegeben von Benecke (Berlin 1816) und von F. Pfeiffer (Leipzig 1844). Älteste Ausgabe Bamberg 1461, das erste deutsche Buch, welches im Druck erschienen.