Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie

Part 9

Chapter 93,409 wordsPublic domain

Die Fourieristen sind während der ganzen Zeit der Februar-Revolution nicht ein einziges Mal auf die Gasse herabgestiegen, sie sind in der Redaktion ihres Journals geblieben, wo sie ihre Zeit schon mehr als 20 Jahre mit Träumen von der zukünftigen Schönheit der Phalanstère zubringen. Allein dieses System ist zweifellos schädlich, erstens schon darum allein, weil es ein System ist; zweitens, wie schön es auch sei, bleibt es immer eine wesenlose Utopie, aber der Schaden, den diese Utopie anrichtet, ist, wenn man mir erlaubt, mich so auszudrücken, eher komisch als schreckenerregend. Es gibt kein sociales System, das in einem so hohen Grade unpopulär, das so belacht und ausgepfiffen worden wäre, wie das System Fouriers im Westen. Es ist schon lange tot, und seine Führer bemerken selbst nicht, dass sie nichts mehr sind als lebendig Tote. Im Westen, in Frankreich, ist in diesem Augenblicke jedes System, jede Theorie der Gesellschaft schädlich, denn die hungrigen Proletarier ergreifen in der Verzweiflung jedes Mittel, und aus jedem Mittel sind sie imstande, sich ein Panier zu machen. Man ist in diesem Augenblick dort beim Äussersten angelangt; dort treibt der Hunger die Leute auf die Gasse, den Fourierismus aber hat man aus Geringschätzung vergessen. Und sogar der Cabetismus, der das Unsinnigste auf der Welt ist, erweckt bedeutend mehr Sympathien. Was aber uns anbelangt, Russland, Petersburg, so braucht man nur zwanzig Schritte auf der Strasse zu machen, um sich zu überzeugen, dass der Fourierismus auf unserem Boden nur bestehen könnte: entweder in den unaufgeschnittenen Blättern eines Buches, oder in einer weichen, sanftmütigen, träumerischen Seele, aber nicht anders als in der Form einer Idylle, oder wie etwa ein Poem in vierundzwanzig Gesängen. Der Fourierismus kann keinen ernstlichen Schaden bringen. Erstens, wenn er auch ein ernstlicher Schaden wäre, so wäre seine Ausbreitung allein schon eine Utopie, denn sie würde sich bis zur Unglaublichkeit langsam vollziehen. Um das System Fouriers vollkommen zu begreifen, muss man es studieren; das aber ist eine ganze Wissenschaft: man muss etwa ein Dutzend Bände durchlesen. Kann denn ein solches System populär werden? Vom Katheder herunter durch die Lehrer? Das aber ist physisch unmöglich, schon wegen des Umfanges der Fourierschen Lehre. Aber ich wiederhole, ein ernstlicher Schaden kann nach meiner Meinung durch das System Fouriers nicht entstehen, und wenn ein Fourierist Schaden bringt, so thut er es höchstens sich selbst, in der öffentlichen Meinung, bei denen, welche gesunden Menschenverstand besitzen; denn für mich ist die höchste Komik -- eine niemandem nützliche Thätigkeit. Der Fourierismus aber und mit ihm jedes System des Westens sind für unseren Boden so unbrauchbar, unseren Umständen so entgegen, dem Charakter unserer Nation so fremd, andererseits aber so sehr eine Geburt des Westens, so sehr ein Produkt des dortigen abendländischen Standes der Dinge, in welchem die proletarische Frage um jeden Preis entschieden wird, dass der Fourierismus mit seiner eindringlichen Unvermeidlichkeit jetzt bei uns, wo es kein Proletariat gibt, höchst lächerlich, seine Thätigkeit die allerunnützeste, in ihren Folgen die allerkomischeste wäre. Dies ist es, warum ich nach meiner Mutmassung Petraschewsky für gescheiter halte und ihm niemals ernstlich zugetraut hätte, weiter als bis zu einer theoretischen Schätzung des Fourierschen Systems gegangen zu sein. Alles übrige war ich thatsächlich bereit, für einen Scherz zu halten. Der Fourierist ist ein unglücklicher, kein strafbarer Mensch -- das ist meine Meinung. Endlich hat meiner Ansicht nach auch nicht ein Paradoxon, so viele ihrer auch gewesen seien, sich von selbst, aus eigenen Kräften halten können; so lehrt uns die Geschichte. Ein Beweis davon ist, dass in Frankreich im Verlaufe eines Jahres fast alle Systeme fielen, und zwar durch sich selbst fielen, sowie die Sache nur an die geringste Bekräftigung herankam. Alles dieses zusammenfassend, muss ich sagen, dass ich, wenn ich auch wüsste (was ich nicht weiss, ich wiederhole es noch einmal), dass Petraschewsky, vor keinerlei Spott zurückschreckend, sich noch immer um die Verbreitung des Fourierschen Systems bemühe, mich dennoch davon zurückhalten würde, ihn für schädlich, der Gesellschaft Schrecken bringend, zu bezeichnen. Erstens, in welcher Weise könnte Petraschewsky als Verbreiter des Fourierismus schädlich sein? Das geht über meine Begriffe; lächerlich, aber nicht schädlich. Dies ist meine Meinung. Und dies ist, was ich nach meinem Gewissen auf die mir gestellte Frage antworten kann. Endlich ist in mir noch eine Erwägung aufgetaucht, die ich nicht verschweigen kann, eine Erwägung rein menschlicher Natur, wie sie das Leben mit sich bringt. Ich habe lange die Überzeugung in mir getragen, dass Petraschewsky von einer gewissen Art von Eigenliebe ergriffen sei. Es war Eigenliebe, die ihn veranlasste, die Freitagsabende einzurichten, es war auch Eigenliebe, dass ihm die Freitage nicht überdrüssig wurden. Aus Eigenliebe schaffte er viele Bücher an und gefiel es ihm offenbar, dass man wisse, er besitze seltene Bücher. Übrigens ist das nicht mehr als eine persönliche Beobachtung von mir, eine Mutmassung, denn, ich wiederhole es, alles, was ich über Petraschewsky weiss, weiss ich unvollständig, nicht vollkommen, sondern nur nach Vermutungen über das, was ich gesehen und gehört habe.

Dieses meine Antwort, ich habe die Wahrheit gesprochen.

Theodor Dostojewsky.

Als endlich das Todesurteil, welches am 19. Dezember vom Kaiser unterschrieben worden war, verlesen wurde, war keiner unter ihnen, der Reue empfunden hätte. Sein persönliches Verhalten in dieser »längst vergangenen Geschichte«, sagt er in seinem »Tagebuche«, änderte sich erst viel später.

Die Zeit im Gefängnisse während der achtmonatlichen Untersuchungshaft verlief verhältnismässig günstig, was die äusseren Umstände betrifft. Er war im Alexejschen Ravelin der Festung eingeschlossen, durfte täglich auf eine Viertelstunde im kleinen Hofe allein, aber unter Bedeckung, spazieren gehen, in den letzten Monaten schreiben und lesen. Seine Gesundheit wurde merkwürdigerweise gerade in dieser Zeit fester. Sein ganzes Wesen war durch das Ereignis so erschüttert und nach innen gekehrt, dass er, der in der vorhergegangenen Zeit eine fast bis zum Wahnsinn gehende Ängstlichkeit und Hypochondrie bekundete, -- derart, dass nach den Aussagen seines Bruders Andreas fast jede Nacht auf seinem Tischchen ein Zettel lag, worauf geschrieben stand: »heute kann ich in lethargischen Schlaf verfallen; nicht vor so und so viel Tagen begraben!« -- jede Angst und Sorge um sein Leben und seine Gesundheit verlor und schon dadurch widerstandsfähiger wurde. Seine innere Stimmung war zwar wechselnd, doch siegte über alles sein aus der unerschöpflichen Arbeitskraft quellender Lebensmut. So schreibt er an den Bruder am 18. Juli: »Ich bin durchaus nicht herabgestimmt .... manchmal fühlst du sogar, als seist du an dieses Leben schon gewöhnt und es sei alles eins ... aber ... ein anderes Mal stürmt das frühere Leben mit allen seinen Eindrücken förmlich in die Seele ein ... jetzt sind helle Tage, und es ist etwas freundlicher geworden ... auch habe ich Beschäftigung. Ich habe die Zeit nicht vergeudet, habe drei Erzählungen und zwei Romane ausgedacht; an einem derselben schreibe ich jetzt.«

Dieser »Roman« war nach Dostojewskys späteren Aufzeichnungen die Erzählung »Ein kleiner Held«, welche in den »Vaterländischen Annalen« anonym erschien, und zwar erst im Jahre 1857, also zu einer Zeit, da der Dichter noch nicht aus Sibirien zurückgekehrt war. Bruder Michael hatte das Manuskript eingereicht. Theodor Michailowitsch fügt seinen Aufzeichnungen die Notiz bei: (dort konnte man nur das Unschuldigste schreiben). Der Biograph O. Miller fügt hier hinzu, dass der Dichter bei aller Unschuld dieser Erzählung doch eine ihm sehr antipathische Figur aus dem Petraschewskyschen Kreise hineingeflochten habe, und führt eine sehr charakteristische Stelle aus dieser Personalbeschreibung an. Sie lautet: »Auf alles hat er eine fertige Phrase in Bereitschaft ... ganz besonders versehen sich diese Leute mit Phrasen, um ihre tiefe Sympathie für die Menschheit darzulegen ... endlich, um unumstösslich die Romantik zu geisseln, d. h. zum öfteren alles Schöne und Wahre, von welchem jedes Atom kostbarer ist, als ihre schleimige Polypen-Natur.«

Von der Untersuchungskommission ging die Angelegenheit in die Hände einer eigenen, im Namen des Kaisers amtierenden Gerichtskommission unter dem Vorsitz des Generals Perowsky, welcher beschliessen wollte, alle Angeklagten aus Mangel an Beweisen freizusprechen. Die Sache ging jedoch an das General-Auditoriat über, wo sie kriegsrechtlich behandelt wurde. Sie wurde also kraft der kriegsrechtlichen Gesetze in der Weise beendet, dass alle Angeklagten, mit Ausnahme eines einzigen, Palm, ohne Unterscheidung ihrer Schuld, ob sie nun die Aufhebung der Leibeigenschaft auf gesetzlichem Wege oder mit revolutionären Mitteln angestrebt hatten, ob sie überhaupt einen Umsturz der Staatsverfassung angestrebt, oder, wie Dostojewsky, einen Brief »voll frecher Ausdrücke gegen Kirche und Staat« vorgelesen hatten -- zum Tode durch Füsilieren verurteilt wurden.

Keiner der Angeklagten hatte indes Kenntnis davon, wann das Urteil verlesen werden würde. Am frühen Morgen des 22. Dezember -- so erzählt O. Miller -- bemerkten sie eine lebhaftere Bewegung am Korridor und ahnten, dass irgend etwas Ungewöhnliches vorgehe. Einer der Gefangenen, Speschnew, erzählte mit Genauigkeit, dass dies um 6 Uhr war, und um 7 Uhr setzte man sie auf die Wagen und führte sie fort. Nach den Worten Dostojewskys hatte man sie vorher dazu verhalten, ihre eigenen Gewänder anzuziehen, wozu sie unter Begleitung eines Aufsehers geschickt wurden. Speschnew, welcher nicht begreifen konnte, wohin man sie führe, vermutete, man wolle ihnen den Urteilsspruch vorlesen, da man sie aber kriegsrechtlich aburteilte, setzte er voraus, dies werde im Ordonnanzhause geschehen.

Indessen war die Fahrt eine sehr langwierige. Speschnew fragte unterwegs den Soldaten: »wohin führt man uns?« Dieser antwortete: »Es ist nicht befohlen zu sagen«. Es war starker Frost und so konnte man durch die beeisten Fenster der Wagen nicht gut unterscheiden, auf welcher Strasse man fahre .... Um sich davon zu überzeugen, wohin er geführt werde, versuchte Speschnew mit dem Finger das Fensterglas durchsichtig zu machen, allein der Soldat sagte: »Thun Sie das nicht, sonst schlägt man mich«. Da verzichtete Speschnew darauf, seine so begreifliche Neugierde zu befriedigen. Es wurde schon oben gesagt, dass der Gedanke an die Todesstrafe ihnen gar nicht in den Sinn gekommen war. Sie dachten auch daran nicht, dass der Urteilsspruch, welcher gefällt und durch den Kaiser abgeändert worden war, ihnen nichtsdestoweniger vorgelesen werden würde, zum Zwecke, ihnen einen tiefen Eindruck, einen Schrecken zu verursachen. Aber da, nach einer ihnen endlos scheinenden Fahrt, brachte man sie auf den Semenowskyschen Platz und führte sie in einer gewissen Ordnung hinaus. Darauf führte man sie auf das Schaffot, und wie Theodor Michailowitsch erzählt, stellte man neun von ihnen auf eine und elf auf die andere Seite.

Ich ziehe es vor, hier Stellen aus dem Briefe einzufügen, den Dostojewsky selbst sofort nach der Urteilsverkündigung an den Bruder schreibt. Es giebt nichts Charakteristischeres als diese knappe Darlegung des erschütterndsten Augenblicks in seinem Leben. Sie lautet:

»Heute, den 22. Dezember, hat man uns auf den Semenowsky-Platz hinausgeführt, dort hat man uns allen das Todesurteil vorgelesen und das Kreuz zu umfassen gestattet, hat über unseren Häuptern die Degen zerbrochen und uns mit der Sterbetoilette (dem weissen Hemde) bekleidet. Darauf hat man drei von uns zur Vollstreckung des Todesurteils an den Pfahl gestellt. Ich stand als sechster in der Reihe; man rief je drei und drei heraus, folglich sollte ich in der zweiten Abteilung daran kommen, und es blieb mir nicht mehr als eine Minute zum Leben. Ich dachte an dich, Bruder, an alle die Deinen. Im letzten Augenblicke warst du, du allein in meinem Geiste gegenwärtig; da erst erkannte ich, -- wie sehr ich dich liebe, teurer Bruder! Ich konnte auch noch Speschnew, Durow, die neben mir standen, umarmen und mich mit ihnen verabschieden. Endlich blies man Retraite, die an den Pfahl Gebundenen führte man zurück und las uns vor, dass Seine kaiserliche Majestät uns das Leben schenkt. Dann folgten die eigentlichen Verurteilungen. Der einzige Palm ist begnadigt und behält seinen Rang in der Armee.«

In wie künstlerischer Weise der Dichter diese Scene nach Jahren verwertet hat, können wir in der Erzählung des Idioten, im Roman dieses Namens ersehen.

Die Abänderung des Todesurteils in grössere und geringere Kerkerstrafen war schon früher eigenhändig vom Kaiser bei jedem einzelnen Urteile an den Rand des Blattes geschrieben worden. Umso grausamer muss uns diese Komödie erscheinen. Die für Dostojewsky vorgeschlagene Strafumwendung in achtjährige Zwangsarbeit wurde in eine vierjährige Frist mit nachträglicher Einreihung in den Liniendienst umgewandelt.

Wir lassen hier die betreffenden Dokumente folgen.

No. 522.

24. Dezember 1849.

An den Herrn General-Adjutanten Graf Orloff.

Rapport.

Die in der Festung St. Petersburg inhaftiert gewesenen Verbrecher wurden: laut der von Seiner Majestät beschlossenen Urteilsbestätigung nach Auslöschung ihrer Namen auf der Arrestantenliste heutigen Datums, abends, abgefertigt: Durow, Dostojewsky und Jastrzembski in Ketten geschmiedet nach Tobolsk[5] in Begleitung des Lieutenants Prokofjew vom Feldjäger-Corps und dreier Gendarmen, Pleschtschjew nach Orenburg in Begleitung des Fähnrichs im Feldjäger-Corps Leiter, und Achscharumow nach Cherson in Begleitung des Fähnrichs im Feldjäger-Corps Wierander mit je einem Gendarm, wovon ich die Ehre habe Euer Durchlaucht Mitteilung zu machen.

Der Festungs-Kommandant, General-Adjutant Nabokow, der Kollegien-Sekretär Wassiljitsch.

[Fußnote 5: Sie wurden jedoch weiter nach Omsk gebracht, wo sie auch ihre ganze Strafzeit abbüssten.]

Das Dokument, welches dem Moskauer Adel die Verurteilung Dostojewskys und den Verlust aller bürgerlichen Rechte mitteilt, befindet sich in den Moskauer Adelsarchiven und lautet:

Archiv des Moskauer Adels. Journal der Deputaten-Versammlung 1850, No. 92, b, Z II (September 1850).

Verordnung des Herrn Ministers des Innern, folgenden Inhalts: Der dirigierende Senat ordnet, nach Entgegennahme des Rapports des Herrn Kriegsministers vom 23. Dezember des vorigen Jahres -- enthaltend den von Seiner kaiserlichen Majestät bestätigten Bericht über die, durch das Kriegsgericht als Kriminal-Feldkriegsrat wegen verbrecherischer Absichten gegen die Obrigkeit laut Ukas vom 30. Dezember desselben Jahres verurteilten Verbrecher -- hiermit an: dass, unbeschadet der erflossenen Bestimmung über den Abdruck des obenerwähnten Allerhöchsten Befehls in den Senatsberichten (w Senatskich wjedomostjach), die Adelsmarschälle (natschalnik gubernii) jener Gubernien davon in Kenntnis zu setzen sind, welchen die genannten Verbrecher zugehörten. Aus der Zahl dieser Personen wurden verurteilt: der nicht gedient habende Edelmann (dworjanin) Alexei Pleschtschjew und der verabschiedete Ingenieur-Lieutenant Theodor Dostojewsky, welche durch das General-Auditoriat zum Tode durch Füsilieren verurteilt worden waren. Jedoch hat der Kaiser (Gossudar Imperator) am 19. Dezember 1849 den allerhöchsten Befehl zu erteilen geruht, dass anstatt der Todesstrafe Pleschtschjew nach Verlust aller seiner Standesrechte als Gemeiner in das Orenburgsche Linien-Infanterie-Bataillon eingereiht, Dostojewsky aber, nach Verlust seiner Standesrechte, auf vier Jahre Zwangsarbeit auf die Festung geschickt und danach als Gemeiner in den Felddienst eingereiht werde.

Echt Dostojewskysch ist jene Stelle in seinem »Tagebuche eines Schriftstellers« aus dem Jahre 1873, wo er, auf diesen Tag zurückkommend, sagt: »Wir Petraschewzen standen auf dem Schaffot und hörten unser Todesurteil an, ohne die geringste Reue. Ich kann natürlich nicht für alle Zeugnis ablegen, allein ich denke mich nicht darin zu irren, dass damals, in jener Minute, wenn nicht alle, so doch mindestens die grosse Mehrzahl der Unseren es als eine Ehrlosigkeit betrachtet hätte, seine Überzeugung zu verleugnen .... Das Urteil, das uns zum Tode durch Füsilieren verurteilte, wurde uns durchaus nicht zum Scherz vorgelesen. Fast alle Verurteilten waren fest überzeugt, dass es vollstreckt werden würde, und verlebten mindestens zehn furchtbare Minuten der Todeserwartung. In diesen letzten Minuten stiegen manche von uns instinktiv in die Tiefe ihrer Seele hinab (ich weiss das bestimmt), und indem sie ihr noch so junges Leben in einem Augenblicke prüften, mochten sie wohl manch ein schweres Vergehen bereuen (von jenen, welche bei jedem Menschen sein ganzes Leben hindurch in den Tiefen des Gewissens ruhen); aber die Sache, um derentwillen wir verurteilt wurden, die Gedanken, die Anschauungen, welche in unserem Geiste walteten -- sie stellten sich uns nicht nur als keine Reue herausfordernd dar, sondern sogar als etwas Reinigendes, als ein Märtyrertum, um dessentwillen uns vieles verziehen würde.« Uns scheint diese klare Bezugnahme auf die »längstvergangene Geschichte« ein sehr wichtiger Beleg für die Freiheit und Reinheit seiner »Umkehr«; denn hätte ihn Feigheit, Opportunität oder irgend eine Schwäche zu dieser sogenannten Umsattelung, die ihm die ehemaligen Parteigenossen und jüngeren Propagandisten vorwarfen, veranlasst, so würde er nicht nach 24 Jahren so kühn und frei seines überzeugten Handelns gedenken können. Ebenso frei spricht er sich direkt und später in allen seinen Werken in unzweideutiger Weise über seine Umkehr aus, am prägnantesten, wo er sagt: »Es ist uns recht geschehen mit dieser Verurteilung, sonst hätte uns das Volk verurteilt.«

Dieser Ausspruch bedürfte eines Kommentars, um von europäischen Lesern richtig aufgefasst zu werden, eines längeren und eingehenderen Kommentars, als unser Versuch einer Lebens-Erzählung rechtfertigen könnte, ja als er ihn leisten dürfte. Man muss als Ausländer mit Russland so vertraut sein, wie etwa Anatole Leroy-Beaulieu, um jene Beobachtungen historisch und psychologisch zu erhärten, welche auch dem »Gast auf eine Weile« nicht entgehen und geeignet sind, dies Wort Dostojewskys zu erklären. Indessen müssen wir hier doch mit einigen Worten andeuten, welches Missverständnis die Anschauungen des Westens in die Beurteilung des russischen Volkes, in seine Wünsche für dasselbe hineintragen. Das Volk »mit dem ungeheuren Willen, mit dem ein Denker der Zukunft wird zu rechnen haben«, dieses Volk im Namen unserer verbrauchten Ideen, unserer Speisehaus-Ideale revolutionieren zu wollen, ist wirklich mehr als ein Verbrechen, es ist lächerlich. Ja, auch Reformen, einschneidende, im europäischen Sinne wahrhaft befreiende, Reformen von jener Stelle aus, die dem russischen Volke die heiligste ist, vom Kaiserthrone aus, würde es nicht verstehen, und einem Kaiser Josef auf dem Throne würde es einen passiven Widerstand leisten, der dräuender und gefährlicher wäre, als jede Revolution. Einmal, in Jahrhunderten vielleicht, wenn die breiten, schweren Massen zum Bewusstsein dieser »Kraft zu wollen« kommen werden, nach einem Kulturwege, der ausser unserer Berechnung liegt (denn es ist höchst intelligent und beharrlich, ja hartnäckig daneben), da wird es seine eigene Revolution machen, seine Revolution innerhalb des Glaubens, und dem staunenden Europa etwas neues, erdfrisches als Frucht seiner Kultur in den Schoss werfen. Das Volk, von dem ein grosser Teil, bei aller kindlichen Liebe für sein Väterchen, den Zar für den Antichrist hält, und die vom Staate anerkannte Kirche für zu neu ansieht[6], ein solches Volk wurzelt in anderem Boden, als in dem verwitternden missverstandener Historien, und es bedarf heute und für alle Zeiten (das bedingt seine Lage) anderer Lebensquellen, als es deren, vom Wissen abgesehen, je bei uns finden könnte, Quellen, die es sich in seiner reichen Erde wird selbst auffinden müssen. Dann wird es wohl in ganz selbstverständlicher Weise in das Staatsleben eintreten und ein Wort mitsprechen bei der Entscheidung seines eigenen Geschickes.

Am besten beleuchten Thatsachen. Dass das russische Volk heute revolutionäre Bestrebungen auch wirklich richtet, beleuchtet unter anderem auch die Geschichte jenes Aufruhrs in Moskau im Jahre 1877, als man eine Partie Staatsgefangener von Kiew dahin brachte, um sie von da weiter an ihre Bestimmungsorte zu bringen. Die Moskauer Studenten vereinigten sich zu einer grossen Demonstration zu Gunsten der Gefangenen. Sie holten diese auf dem Bahnhofe ein und gaben ihnen das Geleite durch die Stadt. Als sie auf den grossen Marktplatz, den Ochotnyi rjad (alte Jägerzeile) kamen, da rottete sich das Marktvolk zusammen und fiel über die Studenten her. Es entstand ein blutiger Kampf, ein Gemetzel, das zwei Stunden währte, sich bis an den Abfahrts-Bahnhof hinzog und nur durch das Einschreiten der Polizei niedergeschlagen werden konnte. Die Moskauer Studenten, welche Dostojewskys »Tagebuch eines Schriftstellers« kannten, wohl wussten, dass der Herausgeber dieses Blattes ein ehemaliger Student und »abgestrafter Staatsverbrecher« sei, und volles Vertrauen in sein Urteil setzten, wandten sich mit der Bitte an ihn, er möge ihnen seine Anschauung über diese Sache in einem offenen Briefe mitteilen.

[Fußnote 6: Vergl. Leroy-Beaulieu: L'empire des tsars et les Russes Bd. III.]

Was Dostojewsky den jungen Leuten in seinem Briefe aus Petersburg antwortet, ist zu charakteristisch, um nicht hier seine Stelle zu finden. Der Brief lautet:

»Petersburg, am 18. April 1878.

Sehr geehrte Herren Studenten.

Verzeihen Sie mir, dass ich Ihnen so lange nicht antwortete; ausser meinem thatsächlichen Unwohlsein haben auch andere Umstände meine Antwort verzögert. Ich wollte Ihnen durch einen offenen Brief in den Tagesblättern antworten; allein es zeigte sich plötzlich, dass das aus Gründen, welche nicht von mir abhängen, unmöglich sei, wenigstens dass es unmöglich sei, ihn gebührend ausführlich zu beantworten. Zweitens dachte ich: wenn ich Euch nur schriftlich antworte, was kann ich Euch da beantworten? Eure Fragen umfassen alles -- unbedingt das ganze interne Leben Russlands. Also ein ganzes Buch schreiben? -- eine profession de foi?

Ich habe mich endlich entschieden, Euch dieses kleine Briefchen zu schreiben, auf die Gefahr hin, Euch im höchsten Grade unverständlich zu sein. Das aber wäre mir sehr unangenehm.

Ihr schreibt mir: Am allernötigsten ist es für uns, die Frage zu lösen, inwieweit wir selbst, die Studenten, schuldig sind, was für Schlüsse sowohl die Gesellschaft, als auch wir selbst aus diesem Geschehnis ziehen sollen?

Des weiteren habt Ihr die wesentlichsten Züge in den Beziehungen der heutigen russischen Presse zur Jugend sehr richtig und genau gekennzeichnet. In unserer Presse herrscht ersichtlich ein Ton »_vorbeugender_ herablassender Entschuldigung« (Euch gegenüber, heisst das). Das ist sehr richtig; ein namentlich vorbeugender, für alle Fälle nach einer gewissen Schablone vorher zurecht gelegter, schon sehr abgegriffener Occasionston.

Und weiter schreibt Ihr: Es ist klar, wir haben von diesen Leuten nichts zu erwarten, welche von uns nichts erwarten, sondern sich abwenden, um ihr unwiderrufliches Urteil den »wilden Völkern« zu künden (dikim narotam).